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Bewusstheit und Memetik – 1

Als das Buch ‚Spiral Dynamics’ – mit dem ihm zugrunde liegenden Konzept der evolutionären Werteentwicklung von Clare W. Graves – erschien, konnte wohl noch niemand absehen, wie schnell dieses Modell Einzug halten würde in Management- und Politikberatung, in Therapie und Coaching.

Bild SpiralDyn Bild SpiralGraves

‚Spiral Dynamics‘ bietet einen Einblick in die Entwicklung zunehmender Komplexität, die mit ihr verbundenen Probleme und in die menschlichen Bewältigungsdenkweisen.

Eine zentrale Annahme des Modells besteht darin, dass Wertesysteme durch die Psyche gebildet werden, um Anforderungen der Umwelt angemessen gerecht zu werden, ergo bei sich ändernden Bedingungen das Wertesystem ebenfalls einen Entwicklungsprozess durchläuft.

Ein Wertesystem gilt dann als angemessen, wenn es ein stimmiges Verhalten bei Problemen bewirkt. Komplexere Denkweisen werden weniger komplexen übergeordnet, wobei die weniger komplexen nicht verschwinden, sondern in die komplexeren integriert werden und damit weiterhin zur Verfügung stehen, sollte eine Situation die weniger komplexen benötigen.

Der Einsatz komplexerer Denkweisen für weniger komplexe Problemstellungen erweist sich bei dieser Betrachtung als Vergeudung, der Einsatz weniger komplexer Denkweisen in komplexen Problemen als Naivität oder Unreife.

Jedes Wertesystem wird durch angemessene und potenziell unangemessene Denk- und Verhaltensweisen repräsentiert, wobei sich die unangemessenen vor allem dadurch ‚auszeichnen’, dass sie die Denkstrukturen von Menschen mit anderen Wertesystemen abwerten.

Das ‚Graves Value System’ – im Krisenkontext betrachtet – führt zu einem Bild von einem Menschen mit einer biografisch individuell begründeten Denkweise, der mit dem Krisenereignis auf ein ‚Thema’ [theme] trifft, bei der das von ihm eingesetzte Verarbeitungs-‚Schema’ [scheme] jedoch unpassend zur Lösung dieser Situation ist. Hätte der Mensch eine andere Bewusstheit, ein anderes Meme-Bündel verfügbar [theme + scheme = meme], so geriet er nicht in eine Krise, sondern hätte ‚nur’ ein mehr oder minder kompliziertes Problem.

 

Bewusstheit – die Basiszutat für Krisenprävention

Die gesamte Klaviatur des Denkens und Handelns auch auf Situationen hin anzuwenden, deren Eintreffen sich zwar kein Mensch wünscht, die sich jedoch nicht vollends auszuschließen lassen, zeigt die Fähigkeit zur Krisenprävention an.

Das Graves-Value-System ist ein zur Entwicklung von Krisenpräventionskompetenz hilfreiches Modell. Es erklärt die derzeitige Bewusstheit eines Menschen und hilft damit zu beschreiben, in welcher Bewusstheit ein Mensch eine Krise wahrnehmen würde und sie zu überwinden versuchte, würde sie aktuell eintreten. Die Crux bei diesem Gedanken ist nur: Würde diese Bewusstheit passend zur Bewältigung der Situation sein, dann hätte die Person gar keine Krise, sondern ‚lediglich‘ ein Problem. Mit anderen Worten, in einer Krise ist ein Bewusstheitszustand erforderlich, der vom Betroffenen üblicherweise nicht eingenommen wird. Um so wichtiger ist es, andere Bewusstheitszustände im Rahmen der individuellen Krisenprävention kennenzulernen.

Doch zuerst zum Modell. Professor Clare W. Graves fuhr ein klappriges Auto, das so alt war, dass er, amerikanischer Entwicklungspsychologe, von vielen in seinem Umfeld als schrullig und old fashioned angesehen wurde. Aber es dürfte sicher anders sein, denn: Graves begann vor fast 50 Jahren damit, die Entstehung menschlicher ‚Existenzebenen’ zu erforschen. Sein Zugang dazu war die Frage, was einen psychisch gesunden Menschen ‚ausmacht’. Welch ein Forschungsanspruch!

Er erkannte, dass Menschen sich nicht nur – wie von Maslow angenommen – über die Befriedigung von Bedürfnissen definieren, sondern dass jeder Stufe existenzieller Entwicklung ein in sich geschlossenes Wertesystem zugrunde liegt.

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