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Ohne Werte wird aus ‚handeln‘ nur ein ‚machen‘

„Die Charakteranlage ist auf keinen Fall das jeweils Entscheidende; letztlich entscheidend ist vielmehr immer die Stellungnahme der Person. In ‚letzter Instanz‘ entscheidet die [geistige] Person über den [seelischen] Charakter, und in diesem Sinne läßt sich sagen: zuletzt entscheidet der Mensch über sich selbst. Daß er dies nicht immer faktisch tut, wohl aber fakultativ, ändert nichts an der prinzipiellen Gültigkeit dieser Aussage. Der Mensch hat also nicht nur Freiheit gegenüber Einflüssen aus seiner Umwelt, sondern auch gegenüber seinem eigenen Charakter.“ [Viktor Frankl]

Die von Frankl genannte ‚letzte Instanz‘ ruht in der Kenntnis, dass jeder Mensch ein [ihm womöglich nicht klares und selbst-bewusstes] Wertesystem hat, aus dem heraus über Prozesse der Bedeutungsgebung und Bewertung am Ende der Wirkungskette ein bestimmtes Handeln steht. Studien kommen immer wieder zum Ergebnis, dass Werte der eigentliche Auslöser des Handelns sind (Bamberg 1996, Adlwarth/Wimmer 1986, Iser/Schmidt 2005 u.a.]

Für Frankl sind Werte ‚Sinnuniversalien‘ – das individuelle Wertesystem vermag es daher bestenfalls, einem Menschen ein ‚Universum‘ möglicher Sinnangebote zu eröffnen. Kennt ein Mensch jedoch sein Wertesystem nicht oder hat er ein ausgesprochen enges Wertespektrum [zum Beispiel überwiegend Werte aus dem Kontext ‚Leistung'[, dann reduziert dies den Zugang zum ‚Universum‘ der per se gegebenen Sinnmöglichkeiten. Kommt nun ein derart ‚fokussierter‘ Mensch in eine Krise, weil genau das, was er fokussiert, angegriffen wird [Leistungswerte => Krise durch Arbeitslosigkeit oder Unfall usw.] dann steht er im Risiko, nicht mehr wertebasiert handeln zu können, sondern nur noch irgendetwas zu machen. Dies zu verändern, ist krisenpräventiv leistbar, in einer manifesten Krise jedoch deutlich erschwert.

Verstehen wir Werte als relativ konstante persönliche Überzeugungen, die darüber entscheiden, welche Handlung vollzogen wird, dann wird klar, warum individuelle Krisen im Kern immer Wertekrisen sind. Dazu erinnern wir an die Definition von Krise, in der das entscheidende Kriterium, um überhaupt von einer Krise sprechen zu können, der Selbstzweifel ist. Zweifelt ein Mensch an seinem Selbst, dann zweifelt er daran, auf der Basis seiner Werte handeln zu können. Würde man zum Beispiel ’nur‘ an seiner Kompetenz zweifeln, dann wäre es recht einfach, eine Krise zu überwinden. Man müsste sich dann nur Personen annehmen, die in diesem Krisenkontext kompetent sind. Ein ‚Selbst-Zweifel‘ hingegen ist nicht zu delegieren, seine Auflösung bedarf der Werteklärung und -entwicklung. Wer diese Schritte geht, ermöglicht es seinen Werten, aktiv eine Form anzunehmen, so wie es einmal Werteforscher Schwartz beschrieb: Desirable transsituational goals, varying in importance, that serve as guiding principles in the life of a person”.

Jüngst wurde ich von einem Patienten gefragt …

Kann ein Mensch wissen, ohne zu glauben?
Wie ist das bei Ihnen, meinem Therapeuten?

Zugegeben, an eine weise Gestalt mit weißem Bart konnte ich schon als Kind nicht glauben. Das Gerede vom Himmel nahm ich nicht ernst, die Hölle tauchte in meiner protestantischen Erziehung glücklicherweise gar nicht erst auf, erst recht nicht das ‚jüngste Gericht‘ oder ein Gott als strafende Instanz.

An sich fühlte ich mich frei, nicht im Sinne Nietsches, sondern eher in einer konstruktiven Naivität, die ein unbeschwertes Leben gut ermöglicht. Nun, der Zahn der Zeit ist auch an mir nicht vorbei gegangen. Mit Mitte 50 nehme ich andere Rollen ein, habe ich auch andere als erhoffte Lebenserfahrungen gemacht und nicht alle waren so, dass in ihnen konstruktive Naivität gefragt gewesen wäre.

All das, von dem ich meine, dass es mein besonderes Leben war, habe ich bislang gemeistert. Ich bekam, was ich wollte – zumeist jedenfalls. Mein Verdrängungskonto ist nicht besonders angefüllt – meine ich jedenfalls. Ich habe Menschen willentlich nicht enttäuscht oder verletzt – hoffe ich jedenfalls. Mit einem Streben nach dem Guten etwas zu tun, habe ich getan – denke ich jedenfalls. Vieles meines Lebens erinnere ich, vieles weiß ich. Aber was glaube ich?

Ich finde, dass ein Mensch ernsthaft sein Leben nur im Vertrauen auf seine eigenen Kräfte leben kann. Dieses Selbstvertrauen umfaßt für mich auch das Vertrauen in die Welt, Vertrauen in den guten Lauf der Dinge. Ob das die konstruktive Naivität ist, die ich meine zu leben? Wer kann mir schon garantieren, dass es gut wird? Trends, Vorhersagen und Zukunftsprognosen sicher nicht.

Im Kern kommt das Leben für mich stets von vorn, in aller Wucht und für mich mit einem fröhlichen Blick. Ich bin voller Zuversicht, etwas zu bewirken, etwas zu erreichen, einen Beitrag leisten zu können. Der Sinn in meinem Leben ist mir klar – ich weiß gerade jetzt um meinen Sinn. Das tut gut. Der gute Gott liegt für mich im guten Tun. Am Anfang ist das Wort – und Gott ist in der Tat – in der Tat, da ist Gott. Eine liebende Instanz, die Instanz des Sinns. Kommt der Sinn, geht die Suche, geht die Frustration, geht die Leere. Kommt der Sinn, kommt Vertrauen, kommt das uneingeschränkte Ja, der uneingeschränkte gute Wille. Dann ist Gott da. Das weiß ich, also kann ich auch glauben.

Sinn-Wegweiser

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will. [Rousseau]

Nicht jeder kann tun, was er will. Es gibt Grenzen. Geschriebene, ungeschriebene, vom Gewissen gesetzte. Jeder Mensch lebt in solchen Bedingungen. Und jeder Mensch schafft Bedingungen.

Für Sie sind diese von mir verfassten Texte gerade eine ‚Bedingung‘. Und dadurch, dass Sie gerade
lesen, schaffen Sie sich und Ihrem Umfeld Ihrerseits ‚Bedingungen‘.
Selten reflektiert und dennoch Fakt: Wir leben in Bedingungen und sind doch immer frei, uns zu ihnen zu stellen. Das ist einer der Leitsätze von Viktor Frankl..

Der Mensch muss nicht tun, was er nicht will. Sie müssen diese Texte nicht lesen, wenn Sie nicht wollen. Ist das nicht herrlich frei? Sie können wählen zu lesen, sie können wählen nicht zu lesen, Sie
können wählen anderes zu lesen – nur Sie können eines nicht, nämlich Beides.
Sie können nur einem der Wegweiser folgen. Oder Sie können stehen bleiben. Versuchen Sie beides, werden Sie scheitern. So erklärt sich der Satz von Frankl: Der Mensch hat seinem Leben zu antworten. Zu jeder Zeit. Der Mensch hat zu verantworten. Es ist nur ihm zueigen, dass er verantworten kann. Auch das macht ihn erst zu einem Wesen, das Sinnvolles von Sinnlosem unterscheiden kann.

Der Sinn, der sich in Handlungen formt, begründet den individuellen Ethos. Der Sinn ist unser
wesentlicher Wegweiser. Wozu ist es gut, dass ein Mensch einem Wegweiser folgt, und wann ist es für ihn gut, innezuhalten? Wie muss ein Wegweiser gestaltet sein, so dass ein Mitarbeitender in einem Unternehmen ihm folgt? Was muss ein Wegweiser tun, um zu scheitern? Auf welchen
– wie es der Philosoph Peter Strasser nennt – ethischen Horizont weist der Weg? Was brauchen Führungskräfte, um Wegweiser zu sein?

  • Wegweiser müssen erkennen, welche anderen Wegweiser ihnen ihren eigenen Weg gewiesen haben. Und sie sollten sich bewusst sein, dass dies Bedingungen waren, zu denen sie sich jetzt und immer wieder „so oder so“ stellen können.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass sie auf ein Ziel weisen. Und sie sollten sicher sein, dass sie selbst um das Ziel wissen.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass sie zu Veränderungen führen. Sie stellen für andere Menschen Bedingungen dar. Um ihnen entsprechend zu handeln, müssen die Veränderungen
    sinnvoll sein.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass es einen guten Grund braucht, dass ihnen gefolgt wird. Dazu dient zuerst die Klarheit darüber, den guten Grund zu wissen, warum man selbst
    Wegweiser wurde.
  • Wegweiser können nicht nicht Wege weisen. Sie verlieren nie diese Verantwortung. Wegweiser
    sollten daher genau beachten, welche Folgen es hat, wenn man ihnen folgt. Ein Wegweiser muss gerade stehen, und er muss für sich „gerade stehen“.

Blaise Pascal meinte einst, „wenn der geworfene Stein Bewusstsein hätte, so würde er sagen, ich fliege, weil ich will.“ Folgt dieser Stein jedoch einem solchen Wegweiser, so wird er sagen, „ich fliege, weil ich genau so will.“