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Sterben als Kopie

Haben Sie schon einmal überlegt, wer sie geblieben wären, hätten Sie nicht die Segnungen der Erziehung und Sozialisation empfangen? Warum sollte ich das denken, werden viele sagen, denn ‚ich bin ganz zufrieden mit dem, was aus mir wurde und wie ich darin von Eltern und Gesellschaft unterstützt wurde‘. Anderen geht es genau andersherum – einmal nicht das Leben anderer leben, einmal nicht wissen, dass man als Original geboren wurde und als Kopie anderer sterben wird.

Erst einmal im Erwachsenenalter angekommen, erweist sich die Frage nach dem ‚wer bin ich wirklich und wie kann ich mich an diesen Kern, zumindest etwas, wieder zurückbinden?‘ zuweilen als existenziell. Schließlich geht es um nicht weniger als die Identität. Und so kann es sein, dass man sich seiner Selbst nicht mehr so sicher ist und dieser Mangel an Selbstsicherheit auf eine gesellschaftliche Ordnung trifft, in der Macht, Regeln und Leistung ’normal‘ sind, während Bedürfnisse nach Zuwendung, Gemeinschaftswohl oder auch intellektueller Vernetzung kaum befriedigt werden können. Wer sich hier in einer Identitätsfalle fühlt, kann dies anderen Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, kaum kommunikativ nachvollziehbar vermitteln. In der Folge passt sich die Person immer weiter den Gegebenheiten an und merkt doch sehr wohl, dass da im Leben etwas einfach nicht stimmt.

Mit dem Kindheits-Enneagramm, das wir vor gut zehn Jahren entwickelt haben, kann in einem logotherapeutischen Gespräch ein Beitrag dafür geleistet werden, dass ein Mensch die Grundzüge des eigenen Originals wieder erkennt. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in ein der Identität entsprechendes Verhalten ist dann im Anschluss die eigentliche Arbeit. Sie ist schwierig, da sich das System um die Person herum – wenn überhaupt – nur langsam ändert. Ergo steht die Person in der Selbstverantwortung, das zu tun, was ihr entspricht – verbunden mit der Überwindung manchmal zahlreicher Begrenzungen, die sich über die Zeit hinweg um die Person gelegt haben. Nach und nach sich von Klammerungen aller Art zu distanzieren, wirkt anfangs befreiend und bedrohend zugleich – und nicht jeder Mensch schafft es, diesen Prozess in für ihn passender Geschwindigkeit und Konsequenz zu gestalten. Klammern sind stark und haben durchaus auch ihre Qualitäten. Sich von einigen zu lösen, fällt leichter, wenn die Person den Sinn in ihrem Leben erfühlt. Die ‚Zutaten‘ für diesen Wahrnehmungsprozess sind ‚Weltoffenheit‘, ‚Selbstempathie‘, ‚Geduld‘ und ein Bewusstmachen innerer Zensoren. Der stärkste eigene, innere Gegner der Sinnfindung ist das Selbstmitleid. Verfällt ein Mensch in diesen Zustand, begibt er sich an sich in den Hass auf sein Umfeld, seine Lebensgeschichte, manchmal sogar auf sich selbst. Dieser Zustand ist fraglos negativ und er bringt auch nichts, außer noch mehr Hass oder Schicksalsergebenheit.

Ein Original hasst nicht – gerade deshalb, weil es keinen Grund dafür hat. Hass kommt hingegen auf, wenn ein Original gezwungen wird, seine Authentizität aufzugeben und zur Kopie anderer zu werden. Und Selbsthass keimt, wenn – wie es Marcel Proust einmal beschrieb – ein Mensch das Bedürfnis entwickelt, seine Leiden gerade von denen mildern zu lassen, die ihn zum Leiden brachten.

Arbeit hin zum Original – eine der originären Arbeiten in der Logotherapie.

Ein Beispiel eines individuellen Wegs aus einer Identitätskrise

„NS macht dich auf Dauer kaputt, das ist psychisch, das ist seelisch, das ist körperlich. Dass das es wert ist, für ein Weltbild zu kämpfen, wo man immer noch nach sechzig Jahren sagt ‚morgen kommt die Wende‘, sei dahingestellt. Es ist halt eben so, dass ich jetzt über die zwölf Monate jetzt, wo ich schon von außen sehe, was er mit mir gemacht hat, dass ich lange Depressionen hatte, Essstörungen, dass auch andere Kameraden sehr unglücklich waren oder das nach außen nicht gezeigt haben oder es als selbstverständlich gegeben haben, sich für den NS zu opfern – scheißegal, was es für die Familie, für das Umfeld bedeutet – und das hat natürlich Spuren hinterlassen. … Denen [den Chefs der NS Bewegung] ist wichtig, dass die Bewegung vorangeht, denen ist nicht wichtig, wie es den Einzelnen geht. … Die verheizen sich selber, sie merken gar nicht, wie sie ihr eigenes Leben versauen. Ich bin der Meinung, dass ich es schaffen werde, da auszusteigen und bin auf dem besten Wege dazu. … Es ist schwer, darüber zu reden, …, ich rede ja und reflektiere mich selbst und denke selbst und hab die Jahre in mir drinne und es ist halt ein komisches Gefühl, noch nicht wirklich angenehm, um ehrlich zu sein. Es ist ja auch ein Stück weit peinlich, also, ich schäme mich auch für vieles, was ich gemacht habe.

Chris – Aussteiger aus dem Neuen Nationalsozialismus [NS]
im sehenswerten Dokumentarfilm ‚Die Arier‚ von Mo Asumang

„Wird es mir gelingen, mich von alten Wunden zu heilen, die Rassisten mir zugefügt haben? Eins weiß ich sicher: Wenn man etwas dazu beitragen möchte, das Problem mit dem Rassismus zu lösen, muss man bereit sein, etwas von der eigenen Kraft abzugeben.“
Mo Asumang