Schlagwort-Archiv: Krisenbegriff

Zum Lobe der Krisen läßt sich nun vor allem sagen: die Leidenschaft ist die
Mutter großer Dinge, d.h. die wirkliche Leidenschaft, die etwas Neues und nicht nur
das Umstürzen des Alten will. Ungeahnte Kräfte werden in den einzelnen und in den
Massen wach, und auch der Himmel hat einen andern Ton. Was etwas ist, kann sich
geltend machen, weil die Schranken zu Boden gerannt sind oder eben werden.

Jacob Christoph Burkhardt
Schweizer Humanist

Mythos ‚Krise und Chance‘

Victor H. Hair, Professor für Chinesische Sprache und Literatur an der Universität Pennsylvania, verweist auf den sich hartnäckigen Irrtum, das chinesische Schriftzeichen für Krise sei gleichermaßen zu interpretieren als Risiko/Gefahr und Chance/Gelegenheit.

Finally, to those who would persist in disseminating the potentially perilous, fundamentally fallacious theory that “crisis” = “danger” + “opportunity,” please don’t blame it on Chinese!

Quelle

 

Krise oder: das ‚Problem mit der Problemlösung‘

Anders als im deutschen Sprachraum wird Krise im Englischen nicht nur als bereits eingetretene Situation verstanden, sondern ebenso gelten bereits absehbare, die individuelle Stabilität gefährdende Ereignisse als Krise.

„Any event that is, or expected to lead to, an unstable and dangerous situation“ … „situation of a complex system, when the system functions poorly, an immediate decision is necessary, but the causes of the dysfunction are not known“

Bedenkt man weiterhin die völlig unterschiedliche Nutzung des Krisenbegriffes in der Medizin, der Wirtschaft, der Psychologie und anderen Disziplinen, dann empfiehlt sich als Klammer um alle Beschreibungen herum, eine Krise als individuelle Hypothese eines Beobachters über den Zustand eines Systems anzusehen, dessen relevante Funktionen zusammenzubrechen drohen, ohne dass gewusst wird, wie dieser Zusammenbruch zu verhindern ist.

Könnte ein solcher Zusammenbruch verhindert werden, könnten also Interventionen genutzt werden, deren Wirkweise bereits als gut bekannt sind, dann wäre die Situation nur ein ‚Problem mit einem mehr oder minder hohem Schwierigkeitsgrad‘ und die Intervention eine leistbare Aufgabe, die sich ergibt aus der Ist-Soll-Differenz im beobachteten System.

Eine Krise hingegen konstituiert sich, wenn der Beobachter seine Hypothese zu einem Problem macht und in dessen Folge ein ‚Problem mit der Problemlösung‘ erfährt – wir sprechen hierbei von einem Problem zweiter Ordnung. In unserer Krisenpraxis erleben wir zum Beispiel Patienten, die aus Angst, an einer Krankheit zu erkranken, die es vermehrt in der eigenen Familie gab, dass diese Patienten alle erdenklichen Kontrolluntersuchungen in Gang setzen. Führen diese Kontrollen zu keinem Ergebnis [der Patient hat nun ein Problem zweiter Ordnung], bleibt der Bedrohungszustand aus Sicht des Beobachters erhalten und wird nun als Krise empfunden [’selbst die Ärzte sind unfähig und finden meine Krankheit nicht]. Ein ‚weiter so‘ oder ein ’noch mehr davon‘ ist spätestens in dieser Situation unzweckmäßig. Die Situation erzwingt förmlich die ‚Musterbrechung‘ [was landläufig und aus unserer Sicht völlig unpassend als ‚Chance‘ tituliert wird] – ergo ein Umgang mit der Situation, der bei genauerer Analyse der individuellen Bewertungs- und Bedeutungsgebungsprozesse bereits meist viel früher hätte neu konzipiert werden können.

Unsere Krisenpräventions-These lautet daher: Nicht Krisen schaffen Entscheidungsspielräume, sondern die Klärung individueller Werte und der auf ihnen basierenden individuellen BeWERTungen ermöglicht rechtzeitige verantwortungsvolle Korrekturentscheidungen. Und diese Korrekturen schließlich mindern die fatalen Wirkungen einer Krise und erhalten die Handlungsfähigkeit im Umgang mit der Belastungssituation.

Problem oder Krise

‚Ich krieg die Krise‘ – dieser Satz verharmlost einen psychischen Zustand auf naive Weise, macht deutlich, dass zwar Unerhofftes oder Unerwünschtes geschehen ist, dass aber keineswegs ein Zustand der Hilf- oder Orientierungslosigkeit entstanden ist. Meist hat sich etwas ereignet, was ein Problem darstellt oder sich als eine Zusatzaufgabe entpuppt, deren Bewältigung womöglich etwas mehr Aufwand und Einsatz fordert, allemal aber zu bewältigen ist. Probleme erfordern Lösungskompetenz, Toleranz für Hindernisse, die Bereitschaft zur Akzeptanz und die Fähigkeit zur intellektuellen Durchdringung der Sachlage sowie der Entwicklung von Handlungsstrategien. All das ist in einer ‚echten‘ Krise massiv eingeschränkt oder nicht vorhanden. Der in meiner Wahrnehmung inflationären Nutzung des Begriffes Krise sollte daher mit Bedacht entgegengewirkt werden – in Therapie oder Coaching kläre ich daher sehr genau ab, in welchem Zustand sich mein Gesprächspartner wirklich befindet. Die Klärung des Grades der Dramatisierung der Situation hat letztlich unmittelbar Einfluss auf die einzuleitenden Maßnahmen.

Ist eine individuelle Krise eingetreten und die Arbeit an einer Stabilisierung des Klienten fortgeschritten, erlaube ich mir zuweilen, ihm die Interpretation anzubieten, dass der krisenhafte Zustand bei allem Schmerz oder Leid auch als ’systemisches Feedback‘ verstanden werden kann. Aus dieser Perspektive wird ein Typ von Krise als ein einst durchaus möglicher Weg eines jedoch dann versäumten Lernprozesses angesehen. Es wurde etwas Wesentliches nicht gelernt, dann wurden die sich in der Folge abzeichnenden Störungen nicht angemessen bearbeitet, verdrängt oder ignoriert. Und letztlich wird die Krise als ‚Schicksal‘ angesehen [von dem Carl Gustav Jung schon vor vielen Jahrzehnten sagte, dass solche SItuationen jedoch an sich als selbst zu verantwortende Machsale anzusehen seien].

Was bleibt, ist ein beklagenswerter Zustand. Der Klient erkennt das Maß seiner unzureichend übernommenen Eigenverantwortung und den hohen Preis, den er nun dadurch zu bezahlen hat, dass er für die eingetretene Situation nicht über stimmige Verarbeitungsstrategien verfügt und sich eher im Modus „rette, was zu retten ist“ befindet.
Hilfe wird dabei gerne in Anspruch genommen – jedoch, das Risiko ist hoch, dass die erarbeitete Erleichterung zwar entsteht, die Lehren aus der Situation aber nicht gezogen werden.

Krise und ‚lessons learned‘ – diese Kombination findet sich selten, zu froh ist der Mensch darüber, wieder Boden unter seinen Füßen zu spüren, wieder besser in seine Handlungsfähigkeit zurückzukehren. Wird die Bewältigung einer Krise lediglich als Beseitigung einer bedrohlichen Situation angesehen und nicht darin investiert, die persönliche Werteordnung und das eigene Lebensmodell sinnvoll zu justieren, Einstellungen, Haltungen und Ziele zu überdenken und schließlich auch das individuelle Set an Verhaltensweisen auf ihre Korrekturnotwendigkeit hin zu überprüfen, dann ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch erneut in sein Krisenmuster verfällt. In der Beratung von Menschen in Krisen kann also festgehalten werden: Das Ende aller Krisenintervention ist der Anfang der Krisenprävention.