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Über zwei Drittel der Deutschen hatten schon eine Lebenskrise

Aus einer repräsentativen Befragung der GfK-Marktforschung in Nürnberg mit 2000 Menschen ergab sich, dass für 36% der Tod eines Verwandten oder eines Freundes eine besonders schwierig zu bewältigende Krise gewesen sei. 18% nannten die Trennung vom Partner, 15% eine schwere Krankheit oder der Unfall eines nahe stehenden Menschen. Für 10% waren finanzielle Probleme, Jobverlust oder das Ende einer guten Freundschaft belastend. Ähnlich viele empfanden Streit mit nahen Verwandten als starke Last. Nur 8% erklärten, sie hätten noch keine Belastungssituation solcher Art erlebt.

Anmerkung aus der KrisenPraxis: Wir glauben, dass die Befragten aus ihrem subjektiven Empfinden sicher fraglos die erlebten Situationen als persönliche Erschütterungen empfunden haben, jedoch die Situationen als solche bei objektivierter Betrachtung eher als komplizierte Problemstellungen oder Konflikte zu bezeichnen sind als als Krisen.

In unseren eigenen Forschungsprojekten haben wir festgestellt, dass es kaum möglich ist, interindividuelle Regelhaftigkeiten bezüglich Auslösern, Intensitäten, Bewältigungsformen oder Auswirkungen von Individualkrisen zu formulieren. Eine theoretisch und empirisch begründete
Begriffsbestimmung, die ihrerseits zu einem eindeutigen Vorgehen bei einem gegebenen Krisengeschehen aufruft, ist gegenwärtig nicht verfügbar. ‚Krise’ erhält somit den Status eines subjektiven Ereignisses im Lebensvollzug einer Person mit je individueller Biografie. Einfach ausgesagt: Eine Krise hat, wer sagt, dass er eine hat.

Genauer genommen – und das lässt sich kaum in einer Spontanbefragung von Menschen herausdestillieren – ist danach zu schauen, ob, wie und wann nach einem nichtselbstverständlichen
Lebensereignis die intensiven negativen Emotionen auf ein erträgliches Maß herunterreguliert und wann eine anfängliche Orientierungsunsicherheit einer Erweiterung des Handlungsspielraums gewichen ist. Erst bei einer Chronifizierung der Belastungsreaktionen, bei dysfunktional-verzerrten Einschätzungen der Welt und der eigenen Person, bei der Flucht in kontraproduktive Formen der Lebensbewältigung [Stichwort: Sucht], muss davon ausgegangen werden, dass die Grenze der individuellen Bewältigungsfähigkeit erreicht ist, dass die Person in einer Krise steckt.

Wir sind daher skeptisch, ob die Aussage, dass 2/3 der Deutschen bereits eine Lebenskrise durchlaufen haben, zutrifft. Jedoch – es gibt gesellschaftliche Signale dafür, dass das, was wir auf der Basis der Krisenpsychologieforschung des Augsburger Professors Dieter Ulich  [Psychologie der Krisenbewältigung, 1985] in Berücksichtigung der aktuellen sozialen Entwicklung unter Krise verstehen – künftig weit öfter wahrzunehmen sein wird:

Krise als kompliziert-komplex-dynamische Umbruchsituation ist ein belastender, temporärer, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offener Veränderungsprozess der Person. Dieser ist gekennzeichnet durch eine Unterbrechung der Kontinuität des Erlebens und Handelns, durch eine partielle Desintegration der Handlungs- organisation und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels und durch ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern.

 

Ist die Krise in der Krise?

Die verschiedenen Perspektiven der Krisentheoretiker eint, dass sie den Menschen potenziell stets von Lebenserschütterungen konfrontiert sehen, denen er mit seinen bislang erlernten Bewältigungsstrategien eher erfolglos begegnet. Die ‚Wege zur Krise’ sind dabei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Je nachdem, ob und wie stark die Person ein ‚Gap’ zwischen der subjektiven Bedeutung des Problems und den persönlichen Bewältigungsressourcen ausmacht, reicht die Interpretation der Situation von
– ‚Ach, das wird schon’, über
– ‚‚Ich sehe die Lage als Möglichkeit zur Reifung meiner Persönlichkeit an’ bis hin zu
– ‚Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, dann scheitere ich’ oder
– ‚Das macht mich fertig’.

Diese Bandbreite wirft Fragen auf wie:

  • Wann beginnt eine Situation zu einer Krise zu werden?
  • Ist jedwede formulierte Lebensschwierigkeit bereits ein potenzielles Thema für eine Intervention durch Dritte?
  • Wie vermag ein Mensch seine erforderlichen Ressourcen zu erkennen, um aus dieser Kenntnis wohlüberlegt eine Unterstützung in Anspruch zu nehmen?
  • Führen voreilige Schlüsse, einer erschütternden Situation nicht gewachsen zu sein, à la longue nicht zu einer ‚Psychiatrisierung’ von Vorgängen, die Menschen zwar gerne vermeiden oder zumindest nicht erneut erleben wollen, deren inhärente Aufgabenstellung jedoch zu den tiefsten Aspekten des Menschseins zählt?
  • Welches Menschenbild ist angemessen, um einen Menschen in einer von ihm als Krise interpretierten Situation weder zu über- noch zu unterfordern?
  • Wie geht man damit um, wenn ein Mensch eine Unterstützung sucht, die den vorhandenen Potenzialen und der eigenen Verantwortlichkeit des Klienten zuwiderläuft?

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Kritische Lebensereignisse

Als übliche Auslöser für Krisen gelten ‚kritische, erwartete oder unerwartete Lebensereignisse’, die als Zäsur, Einschnitte oder Übergang im Leben wahrgenommen werden und Anpassungsleistungen erfordern, die über das des Menschen bekannte Maß weit hinausreichen. Lebens- oder existenz-bedrohliche Ereignisse, Gewaltverbrechen, drohende oder eingetretene Verluste von Angehörigen, psychosoziale Bedrohungen, Bedrohungen des Selbstwertgefühls u.a. sind die wesentlichen Ursachen und treffen bei ihrem Erscheinen auf ein unzureichendes Bewältigungspotenzial. Der betroffene Mensch zeigt psychische Labilität, Beeinflussbarkeit, körperliche Reaktionen oder auch psychopathologischen Symptome wie Angst, wahnhafte Projektionen, Rückzug, Schlaflosigkeit, Aggressivität o.a.
Ein Krisenereignis stellt den Selbstwert des Betroffenen in Frage oder dessen zentralen Überzeugungen oder Ziele oder aktiviert bereits früher im Leben erlebte, nicht bewältigte Ereignisse.