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Gesellschaft und Narzissmus

Narzisstische Züge hat jeder Mensch. Müssen wir uns nicht selbst lieben, um ein starkes Selbstwertgefühl zu entwickeln? Narzissmus begegnet uns in den Medien, in der Politik oder in Beziehungen. Und gerade in unserer westlichen Kultur, so scheint es, lässt sich die Lust an der Selbstbespiegelung besonders gut ausleben. Aber wo sind die Grenzen? Wann kippt die Eigenliebe und wird zu einer pathologischen Lebensform? Dieser Beitrag hellt das Phänomen auf.

Narzissten und ihre Krisen

Menschen mit narzisstischen Anlagen streben – bei entsprechender Qualifizierung – schneller nach Führungsverantwortung, und sie erhalten sie auch. Eine psychologische Erklärung findet sich darin, dass Narzissten oftmals Demütigungserlebnisse als Kind oder Jugendliche zu verarbeiten hatten. Hieraus entwickelten sie das  ‚Überlebensmuster‘ ‚Macht wollen‘. Hat er Macht, kann ihn niemand mehr ‚aufs Knie legen‘, ‚ihn vor anderen bloßstellen‘, ‚ihn für dumm halten‘ usw. So gesehen haben Narzissten eine anstrengende Zeit erlebt und gemeistert. Wer will ihnen verübeln, dass sie nach Ausgleich trachten?

Ein gesundes Maß an Narzissmus ist für eine Führungsrolle wohl ebenso in Ordnung wie ein gesundes Maß an Angst für einen Fahrlehrer. Repräsentative Aufgaben in der Führung verlangen nach einem starken Stück Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein. Schwierig wird es nur – vor allem für sein Umfeld – wenn der Narzisst  in Grandiosität oder Selbstherrlichkeit verfällt. Dann verfällt er in einen Modus, der andere Menschen davon abhält, es mit ihm aufnehmen zu wollen oder ihm wichtige, wenn auch unangenehme Informationen vorenthält, meist aus Angst, von ihm abgebügelt zu werden. Narzissten dieser Couleur zeigen sich lebensgierig, arrogant und streben nach Aufmerksamkeit. Die Krise naht, wenn eine Krankheit sie ausknockt oder sich zum Beispiel Freunde von ihm abwenden, Neue zu finden ist ohnehin schwierig für sie und wenn sie eines Tages merken, dass ihre Selbstverliebtheit sie hat einsam werden lassen. In zunehmenden Lebensalter und der langsam wachsenden Erkenntnis, dass manches ohne stabiles Sozialsystem nur schwerlich zu gestalten ist, fällt ihr ihr einstiges Verhalten vor die Füße.

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