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Werte in Ordnung?= Werteordnung

Für manche Menschen gibt es nur eine Sache auf der Welt. Mal ist es die Familie, mal die Leistung im Job, mal ein Sport, mal der Schutz der Natur – was auch immer: Wer eine solche pyramidale Werteorientierung hat, lebt ein Leben mit besonderer Mission. Für dieses Thema oder diese Aufgabe steht die Person ein, mit allem was sie hat. Andere Wertmöglichkeiten sind weniger wichtig, und darin liegt nun ein nicht unbeträchtliches Risiko. Bricht nämlich die Spitze der Pyramide weg, zum Beispiel durch Wegfall der beruflichen Herausforderung, durch Krankheit oder Tod einer Person, due mangelnde finanzielle Ressourcen o.ä., dann kann dies zu einer existenziellen Verlustsituation führen, zur Verlustkrise.

Andere Menschen wiederum führen eine Art Werte-Mischpult vor sich her. Sie leben in einer  parallelen Wert-Orientierung und haben mehrere und unterschiedliche Inhalte in ihrem Leben, die für sie viel bedeuten und die sich wertschätzen. Kommt es nun zu einem Wegfall der Möglichkeit, in einem Lebensbereich Werte zu verwirklichen, dann kann dies durch die Hinwendung zu anderen Lebensinhalten kompensiert und psychisch robust verarbeitet werden.

Wenn aber in unserer Gesellschaft, die noch weithin nach dem Strickmuster einer schnellen und möglichst umfassenden Befriedigung individueller Bedürf­nisse funktioniert, die sinnvolle Verwirklichung von Werten erschwert oder verunmöglicht wird, dann neigt die menschliche Psyche dazu, das offenkundige Sinndefizit ausgleichen zu wollen durch Wachstumsphantasien aller Art. Der Philosoph Odo Marquardt schrieb dazu: „Das Sinnlose [wird] zum Superleben transformiert. An die Stelle des Sinns treten die Zerstreuung, das Geld, der Erfolg, das Prestige, das Wachstum, die Korpulenz in physischer, technischer und ökonomischer Form: die moderne Anspruchsgesell­schaft ist der Kummerspeck des Sinndefizits. […] Weil das Leben, das man lebt, leer ist, braucht man es – und alles in ihm – mindestens zwei­mal: den Zweitfernseher, das Zweitauto, das Zweithaus, das Zweitstudium, die Zweit­frau oder den Zweitmann, das Zweitleben etwa als Urlaub […] Es gibt den Zweitberuf, die Zweitarbeit als Schattenwirtschaft und als Expansion der Nebentätigkeit.“ Und weiter: „Somit steigen die Lebensansprüche mit der Vertiefung des Sinndefizits. Kurz gesagt: Es geht um „Wachstum statt Sinn.“

Viktor Frankl hatte eine solche Haltung, in dessen Folge eine Person in ein existenzielles Vakuum rutscht, eine ‚provisorische Daseinshaltung‘ genannt. Sie zeigt sich in extremo in einer ‚Scheiß-egal-Haltung‘ mit Abgabe jeglicher Verantwortung und Selbstverpflichtung, einem Hinauszögern möglicher Entscheidungen und einem Nörgeln hinsichtlich vermeintlicher Aussichts- und Zukunftslosigkeit. Wer ein solches Leben lebt, der lebt ohne Werteordnung und die einzige Aufgabe kann nur darin zu bestehen, die eigenen Werte in Ordnung zu bringen.