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Das Diskurs-Dilemma zwischen Philosophie und Sinntheorie

Klar, als Logotherapeut werde ich oft gefragt, wie man sein Leben wieder sinnvoll gestalten kann, woran man überhaupt merkt, dass das eigene Leben ein Sinnvolles ist und – natürlich – wie man Sinn findet, wenn er nach eigenem Empfinden als verloren gilt? Diese Fragen zeichnen den Menschen als Menschen aus, sie sind ‚exklusiv human‘. Im Gedankengut der Sinntheorie und seiner praktischen Umsetzung in der Logotherapie von Viktor E. Frankl finden sich Antworten auf diese Fragen. Wer sich für umfassend beschriebene Arbeitsbeispiele aus diesem Kontext interessiert, mag einen längeren Blick in meine Bücher werfen. 

Schaut man über diesen konkreten Bezug der Logotherapie oder des sinnzentrierten Coachings hinaus auf den dahinter liegenden philosophischen Rahmen, so werden immer wieder Stimmen laut, die darauf verweisen, dass zwischen Vertretern traditionsreicher philosophischer Strömungen und Vertretern der Sinnlehre Frankls gewissermaßen Funkstille herrscht. Dieses Phänomen zu erklären ist schwierig und facettenreich. Einige Aspekte, die mir dazu einfallen, sind:

  • Die Führung des Viktor Frankl Instituts in Wien – der Institution, die quasi das rechtmäßige konzeptionelle Erbe des Begründers der Logotherapie vertritt – folgt in meiner Wahrnehmung einer Grundhaltung Frankls, der sich zu keiner Zeit als Verfechter einer ‚besseren‘ Psychotherapie verstand, sondern sich stets auf die Berechtigung aller Therapiekonzepte seit Freud, Adler, Jung u.a. sowie der mit diesen verbundenen Menschenbilder und Weltanschauungen berief. Frankl stellte jedoch ebenso klar einen wesentlichen Unterschied zu den Konzepten seiner Kolleginnen und Kollegen heraus: Den Non-Reduktionismus. Die Idee, ein Mensch sei ’nichts anderes als [seine Triebe, Lerngeschichte, Minderwertigkeiten …]‘, hat Frankl jederzeit verworfen und daraus könnte abgeleitet werden, dass er auch Philosophien kritisch gegenüber stand, die ihrerseits einem Reduktionismus folg[t]en. Denkt man dies weiter, so muss jeder in welcher Weise auch immer reduktionistisch denkende Philosoph an Frankl Anstoß nehmen. Einige wenige formulieren eine solche Kritik, viele andere sind hier nicht ‚auffällig‘ – vielleicht, weil es aus ihrer Sicht müßig ist, mit einem ‚Nonreduktionisten‘ in einen Dialog zu treten, ohne ihn quasi von vornherein als Fremdkörper innerhalb des wissenschaftlichen Feldes zu geißeln. Aus meiner eigenen Sicht sind solche Diskurse ‚elfenbeinturmwürdig‘. Im Gegenteil dazu habe ich nach Philosophien Ausschau gehalten, die einerseits anschlussfähig sind an das sinntheoretische Gebäude Frankls und die andererseits in der Lage sind, dieses Gebäude um hilfreiche Etagen zu ergänzen. Als Adresse einer solchen Philosophie erscheint mir hier das Konzept der Integralen Theorie von Ken Wilber derzeit am besten geeignet.
  • Frankl-Kritiker aus der Welt der Philosophie sollten sich in Erinnerung rufen, dass Frankl von Beruf Arzt und Psychiater war. Wesentliche philosophische Einflüsse in seinem Werk sind bekannt und mit Namen wie Scheler, Jaspers, Heidegger und anderen verbunden. Hieraus kann jedoch nicht der Anspruch abgeleitet werden, Frankl als ‚Berufsphilosophen‘ zu verstehen, dessen Argumentationsstränge in einer Weise zu erfolgen hätten wie wir dies zum Beispiel aus den Meditationen Descartes, im Empirismus von Locke oder Hume oder aus den Büchern Kants kennen. Wer dies kritisieren will, hat dazu jede Möglichkeit. Von Vertretern der Frankl’schen Lehre zu erwarten, sich entlang heute üblicher Methoden philosophischen Denkens abzuarbeiten, erscheint sportlich, darf doch eben nicht vergessen werden, dass die Lehre Frankls vorrangig dem Menschen und nicht der philosophischen Wissenschaft diente.
  • Wenn sich philosophische Autoren an die Arbeit machen, ihre Theorien und Denktraditionen an Frankls Sinnkonzeption zu reiben, dann ist dies wissenschaftlich erfreulich. Es mag jedoch verständlich sein, wenn dies die heutigen Vertreter Frankls ihrerseits quasi auf der Gegenseite nicht ebenso tun, besteht ihre inhaltliche ‚Reibefläche‘ doch eher im Feld der Psychologie und Psychotherapie. In concreto meint dies auch: Die Anzahl derer, die – wie es Frankl offenkundig tat – in ihrer täglichen Arbeit die Brücke zwischen Psychologie und Philosophie beidseitig beschreiten, ist äußerst gering. Somit ist klar, dass die Linie der Kritiker aus dem Feld der Berufsphilosophen ungleich stärker ist als umgekehrt und damit einhergehend auch die Kritikinhalte, die sich manchmal an der Bedeutung der Intuition in Frankls Lehre, manchmal an seinen Wertekategorien, manchmal an dessen Überlegungen zum Kontext von Sinn und Leid stoßen. Dieses Ungleichgewicht mag man bedauern, solange es aber an Universitäten keine ‚offiziellen‘ Viktor Frankl Lehrstühle gibt, die von Personen besetzt werden könnten, die sich dem Forschungsauftrag widmen, Frankls Sinntheorie stärker für einen philosophischen Diskurs verfügbar zu machen, solange wird es wohl bei einseitiger Kritik aus der Philosophie bleiben. Das aber (Vorsicht: Bonmot) sind Bedingungen, denen sich sinntheoretisch arbeitende Logotherapeuten so oder so zu stellen haben. Offenkundig haben sich bisher die meisten für eines dieser ’so‘ entschieden: für Arbeit für den Menschen und nicht für eine Arbeit in der Philosophiewissenschaft.

Besuch bei Sokrates

Sokrates bekommt Besuch.
„Höre Sokrates, das muss ich Dir erzählen!“

„Halte ein!“ – unterbricht ihn der Philosoph.
„Hast Du das, was Du mir sagen willst, schon durch die drei Siebe gesiebt?“

„Welche drei Siebe?“, fragt der Besucher.

„Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast Du alles, was Du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“

„Nein, ich hörte andere es erzählen und…“

„So, so! Aber sicher hast Du es im zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte.
Ist das, was Du mir erzählen willst, gut?“

Zögernd sagt der Gast: „Nein, im Gegenteil…“

„Nun…“, unterbricht ihn Sokrates, „so lass mich fragen:
Ist es notwendig, dass Du mir das erzählst?“

„Notwendig? Nun, das gerade nicht…“

Sokrates: „Wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so begrabe es und belaste Dich und mich nicht damit.“