Schlagwort-Archiv: Praxisbeitrag

Aus der Krisencoaching-Praxis V

Seit jener Situation, meint Helmut B. sich etwas zurückgenommen und die Probleme anderer nicht immer zu seinen gemacht zu haben. Er fände, sein Engagement im Job müsse reichen, um in seiner Funktion angesehen zu bleiben. Seinen Beruf sähe er weiterhin als Berufung, und die Aufgaben, die er erfülle, seien für viele Menschen wichtig. Zudem habe er sich so viel Wissen angeeignet, dass man ihm kaum mehr etwas Neues beibringen könne, vielmehr sei es oft an ihm, anderen aufzuzeigen, wo die Qualität noch nicht stimmt. „Das beschert einem aber auch nicht nur Freunde.“ „Und wenn ich genau hinschaue, dann läuft der gleiche Film ja auch zu Hause ab. Wenn ich sage, dass ich schon der Ansicht bin, dass unsere Familie öfter gemeinsam etwas unternehmen solle und ich mich freuen würde, wenn es dazu von allen Anregungen gäbe – ich dann aber nur zu hören bekomme, dass mir mein Job doch vor allem anderen gehe und ich weiß, dass dies doch nicht so ist, dann fühlt sich das für mich sehr einsam an und mich überkommt eine Angst, wenn ich an die Zukunft denke. Ich glaube, wenn das so weitergeht, dann ist mir das alles scheißegal und ich mach nur noch das, was ich selbst will.“

Meine Frage, ob er es für günstig halte, einmal auf die Kommunikationsbedürfnisse seiner Frau und Kinder zu schauen, um über diesen Weg mögliche Wege zu einer aktiven und bewussten Veränderung im Beziehungsmanagement zu kommen, bejaht er. Seine Aufgabe besteht in den folgenden Wochen darin, die Gespräche mit und zwischen seinen Familienangehörigen aufmerksam zu studieren und aus seinen Wahrnehmungen eine begründete Zusammenstellung der Kommunikationsbedürfnisse der Familie abzuleiten.

In unserem nächsten Treffen bringt Helmut B. die von ihm reflektierte Übersicht mit.

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Ehefrau, 41 Jahre                                  Sohn, 12 Jahre

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Tochter, 17 Jahre                                   Tochter 15 Jahre

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Sohn, 19 Jahre

Helmut B. erzählt, wie es ihm bei seinen Beobachtungen ergangen ist. Seine Frau erlebt er als meinungsstark und konsequent. Zuweilen würde er sie dafür sogar beneiden. Er habe ihr von seinem PCM-Ergebnis berichtet, worauf sie schmunzelnd gemeint hätte, dass es ihr auch gut täte, wüsste sie einen Mann an ihrer Seite, der nicht so oft sich selbst zum Thema machen würde, sondern mehr seinen Kindern die Orientierung geben würde, die diese in ihrem Alter dringend brauchen. „So hatte ich das bisher nicht gesehen, ich dachte, meine Kinder wären bereits derart klar, dass sie mich nur als Hindernis ansehen.“ Daraufhin habe er mit seinem Ältesten gesprochen, der ihm erzählt habe, dass er doch einige Male versucht habe, ihn von seinem Missmut wegzuführen, „aber die Art, wie er das versucht habe, hätte ihn mehr verletzt als wachgerüttelt.“  Es sei ein gutes Gespräch ‚unter Männern‘ geworden und sein Sohn habe ihm signalisiert, dass es kein Problem sei, das Familiengefühl neu zu beleben – es müsse nur „mehr Spaß machen, Familie zu sein“. Daraufhin hätten sie überlegt, wie man das anstellen könnte und es wäre die Idee geboren worden, bald eine Familien- und Freundesfeier zu organisieren, an der die ganze Familie beteiligt sei und jeder die Möglichkeit hätte, die Freunde zu benennen, die eingeladen werden sollten. „Mein Sohn hat darüber dann mit allen anderen gesprochen und alle fanden diese Idee klasse.“

Helmut B. führte nach und nach weitere Gespräche mit seiner Familie und erlebte sich dabei in seinen Rollen auf eher kritische Weise interpretiert, durch seine Initiative aber auch wertgeschätzt, denn – so die jüngste Tochter – „machst Du endlich mal den Mund so auf, dass wir wissen, wie es Dir wirklich geht.“

Diese Coachingsequenz hat dem Klienten einen gangbaren Weg eröffnet, aktiv zur Verbesserung seines privaten Umfeldes beizutragen. Auf diesem Fundament konnten wir unsere Arbeit in Richtung ‚Auflösung hinderlicher Glaubenssätze‘ und ‚Reflexion des individuellen Wertesystems‘ fortsetzen.

Aus der Krisencoaching-Praxis IV

Die Auswertung der Daten von Helmut B. bestätigt meine Hypothese. Sein Basiskommunikationsbedürfnis ist das eines ‚Empathikers‘, gefolgt vom ‚Beharrer‘. Das Empathiker-Erdgeschoss hat Helmut B. verlassen, hier hat er offenkundig über einen längeren Zeitraum keine gelingende Kommunikation mit für ihn relevanten Personen gestalten können. Der damit verbundene Stress könnte an sich nun auf dem nächsthöheren Stockwerk reduziert werden, Helmut B. ‚läutet‘ dazu die Phase des Beharrers ein. Aber es scheint, als würde auch dies noch nicht zum erwünschten Erfolg führen ….
Bild 1Helmut B. reflektiert seine lebensgeschichtliche Entwicklung und beschreibt sich bereits als Kind als einfühlsam und sensibel. Er erinnert zum Beispiel, sich als Fünfjähriger um einen Freund gekümmert zu haben, der aufgrund einer Krankheit lange Zeit tagsüber zu Hause bleiben musste. Hilfsbereitschaft wäre ihm schon immer wichtig gewesen, ob er zu ihr durch die Eltern angehalten wurde, könne er nicht sagen, vermute jedoch, dass er diese Haltung aus eigener Anschauung entwickelt habe. Von jeher tue es ihm gut, wenn er nach seinen Gefühlen gefragt würde und sich jemand darüber freut, mit ihm auch jenseits von Zielen und Maßnahmenplanungen zu sprechen. Leider sei aber nicht jeder an persönlichen und menschlichen Beziehungen interessiert. Früher hätte er gedacht, dass es an ihm läge, wenn die Leute so kurz und knapp waren. Dann war er besonders bemüht, ihnen Gutes zu tun – merkte dann aber auf unangenehme Weise, dass er eine solche Unterstützung nicht erhielt, als einer seiner Vorgesetzten ihn zur Realisierung von Projektaufgaben heranzog, ohne seine damals prekäre private Situation zu berücksichtigen. „Das hat mir dann schon wehgetan als ich ausgesaugt wurde wie von einem Vampir. Es war zudem anstrengend, diesen Anforderungen gerecht zu werden und als dann auch noch gemeckert wurde, hab ich mir schon meinem Herz auf höchster Stelle Luft verschafft.“

[wird fortgesetzt]

Aus der Krisencoaching-Praxis III

Um diese Hypothese zu untermauern, empfehle ich Herrn B., eine Analyse seiner Kommunikationsbedürfnisse vorzunehmen. Er stimmt zu und ich stelle ihm das von Taibi Kahler, einem Schüler des Transaktionsanalytikers Eric Berne, entwickelte ‚Prozesskommunikationsmodell [PCM]‘ vor. Kahler beobachtete Kommunikationsprozesse und hierbei insbesondere Abläufe wie Menschen positiv, aber auch negativ in Gesprächen miteinander umgehen. Hierbei fiel ihm auf, dass die Probanden ein individuell einzigartiges Set bestimmter Sprachmuster und Verhaltensweisen zeigten und diese wiederum dann besonders ausgeprägt, wenn die Kommunikation misslang und die Akteure in ihren Gesprächen deutlich in belastenden Stress gerieten. Kahler erkannte, dass man an der Art wie Menschen sprechen erkennen kann, wie sie sich wohl unter Stress kommunikativ verhalten werden.

Aus seinen Studien leitete er in der Folge sechs verschiedene Kommunikationsbedürfnisstile ab und nannte sie: Logiker, Beharrer, Träumer, Empathiker, Rebell und Macher. Während es dem Logiker im Gespräch darauf ankommt, Gedanken auszutauschen, ist es dem Beharrer daran gelegen, seine Meinungen mitzuteilen. Für den Träumer ist Kommunikation dann gelingend, wenn sie zur Ruhe führt und ihm Impulse zur inneren Bearbeitung geben. Empathiker schätzen Gespräche, in denen über Gefühle gesprochen wird, während Rebell eher nach Spaß und Kontakt ihre Kommunikation formen. Macher schließlich möchten, dass durch Kommunikation Handlung erwächst. Jeder Mensch hat Anteile aller sechs Bedürfnisse, eines jedoch stellt als sogenanntes Basisbedürfnis das Kommunikationsfundament dar. Der Mensch ist bestrebt, durch Kommunikation dieses für ihn zentrale Bedürfnis befriedigt zu bekommen – jedoch: trifft er auf Menschen, die eben dieses Bedürfnis nur sehr schwach ausgeprägt haben, so kann sich hieraus eine Stressbelastung ergeben, weil die Gesprächspartner ihm nicht das geben [können], was er für ein positives Empfinden benötigt. Hält dieser Dystress-Zustand über längere Zeit an, können innerpsychische Prozesse dazu beitragen, dass dieses Bedürfnis zugunsten eines anderen zurückgestellt wird.

In einer bildlichen Darstellung lässt sich dies so darstellen: Das Fundament ist vergleichbar mit einem Erdgeschoss eines Hauses – hier wird in der Sprache des Basisbedürfnisses gesprochen. Sprechen andere Menschen ebenfalls diese Sprache, so fühlt sich der Mensch sicher und wohl. Die fünf Stockwerke über dem Erdgeschoss  repräsentieren die weiteren Kommunikationsbedürfnisse der Person, in einer individuellen Reihenfolge und Ausprägung. Spricht ein Kommunikationspartner nun eine Sprache der oberen Etagen, so fühlt sich der Mensch zunehmend unsicher und kann in einen potenziellen Stressmodus geraten.

[wird fortgesetzt]

Aus der Krisencoaching-Praxis II

Fortsetzung vom 11.7.:

Ich entscheide, in der ersten Coachingsequenz den Klienten zu stabilisieren, indem ich ihm zuerst einmal ermögliche, unseren Arbeitsraum derart zu gestalten, dass er ihn als seine ‚temporäre Coachingheimat‘ akzeptiert. Aus unserem Therapieraum, der mit seinem Mobiliar anders ‚wirkt‘, sucht sich der Klient einen Wohlfühl-Sessel und eine Lampe aus. Wir integrieren beide im Coachingraum und entfernen dort einige technische Geräte, die ich sonst für Trainings oder Ausbildungen nutze. Ich verspreche Helmut B., dass er diesen Raum auch in künftigen Sitzungen in dieser Weise vorfinden wird und merke, dass ihm diese ‚Zuwendung‘ gut tut.

Inhaltlich folge ich der Hypothese, dass Helmut B. sein Bedürfnis nach persönlicher Wertschätzung unzureichend gestillt bekam, sich hierdurch ein dauerhaftes Stressempfinden ergab [das ihn bis heute immer wieder quält] und dem er dadurch Herr zu werden versuchte, indem er alle möglichen Anstrengungen unternahm, die Harmonie zu den Menschen um ihn herum nicht zu gefährden. Als diese ‚Strategie‘ nicht aufgeht, ändert er den ‚modus vivendi‘ im Umgang mit seinem Umfeld und beginnt, gemäß seiner Überzeugungen nach Aufgabenerfüllung, Arbeitseifer und Leistungsqualität sich stark auf seine beruflichen Themen zu konzentrieren.

Die dank seiner hohen Performanz resultierenden Beförderungen führen zu mehreren Umzügen innerhalb Europas, einer beständig wachsenden Verantwortung und einer sehr guten materiellen Ausstattung. Anstatt nun aber eine Anerkennung seines Pflichtgefühls zu erhalten, spürt Helmut B., dass ihm auch der Dank auf dieser Ebene eher mehr als weniger versagt bleibt. Während er dies im beruflichen Umfeld noch zu verstehen meint, da „im Business ohnehin bloß das Ergebnis zählt“, berührt ihn die aus seiner Sicht negative Entwicklung im Familien- und Freundeskreis sehr. Er beginnt zu klagen und sein Privatsystem mit Abwertungen unterschiedlicher Stärke zu attackieren.

[wird fortgesetzt]

Aus der Krisencoaching-Praxis I

Helmut B. ist 43 Jahre, verheiratet. Er hat vier Kinder, und er stammt seinerseits auch aus einer kinderreichen Familie. Durch mehrere Umzüge in seinem Berufsleben hat er aus seiner Sicht seine Familie recht gefordert und führt seine gegenwärtigen Leistungs- und Beziehungsprobleme auf diese langdauernde Belastung zurück. Seine Frau hat seit einigen Jahren begonnen, ein ‚Eigenleben‘ zu führen, in dem er immer seltener ‚auftaucht‘. Die Kinder haben altersgemäß ihre eigenen Interessen geformt und gehen diesen auch konsequent nach, mit dem Jüngsten käme er dabei noch am besten klar. Die persönlichen Sozialkontakte von B. reduzieren sich auf wenige Freunde und überhaupt erscheint ihm das Leben zunehmend leblos. Früher ‚mit links‘ erledigte Aufgaben bleiben liegen oder brauchen endlos bis zu ihrer Bearbeitung, das Zuhause spendet ihm nicht mehr positive Gefühle, da er seinen Pflichten und auch seinem Empfinden für Ästhetik nicht mehr in der gewohnten Weise nachkommt. Dies wiederum bereitet ihm die Sorge, dass seine Familie sich auch aus diesem Grund mehr ihren eigenen Themen widmet. Eine Melange aus dem Gefühl umfassenden Kontrollverlusts, Einbruch der Leistungs- und Liebesfähigkeit sowie Selbstvorwürfen breitet sich aus.

Der Klient fühlt sich stark entkoppelt von seinen sozialen Systemen, er emotionalisiert stark, wenn Familienmitglieder, Freunde und Menschen im beruflichen Umfeld seinen Wunsch nach „Herzenswärme“ unzureichend annehmen oder gar  versuchen, sein Empfinden „ich habe den Eindruck, dass ich nur noch funktionieren soll“ kleinreden. Im Coaching erkennt Helmut B. Muster aus seiner Entwicklungsgeschichte: „Ich wurde immer dann gemocht, wenn ich die mir aufgetragenen Pflichten erfüllte. Wollte ich einen eigenen Weg gehen, fühlte ich mich schlecht, da ich Angst vor Zurückweisung hatte. Dann habe ich mich mehr um die Sorgen und Belange anderer gekümmert, aber meine Hilfe wurde dann immer wieder als ‚selbstverständlich‘ abgetan und die Wahrnehmung meiner eigenen Themen blieb meist aus. Meine innere Waage war schon damals unausgeglichen.“

[wird fortgesetzt – Auszug aus drei Coachingsitzungen einer insgesamt aus sechs Sequenzen bestehenden Zusammenarbeit]