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‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 4

Dieses Gefühl von Selbstbewusstsein, Klarheit der eigenen Maßstäbe und Freude am möglichen Erleben einer guten Umsetzung eines komplexen Projektes stabilisiert – der Klient setzt sich auf der Bühne genau auf den Stuhl, an dem jemand die Säge angesetzt hat und beginnt laut zu erzählen, welche nächsten Schritte unter seiner Führung zu erwarten sind. Die Kakophonie der anderen Akteure verstummt als sie ihn ‚durch-tönen [per-sonare] hören. Der Vorhang fällt und man hört, wie die Bühne für den nächsten Akt umgebaut wird, während unser Klient sich auf der nächsten Bühne hinter den Kulissen eine Flasche Wein ergattert und beschwingt an die Kabinentür klopft, um der Frau, seiner Frau, der er spontan diesen Kurzurlaub im Mittelmeer schenkte zu berichten, dass nun vieles wieder dabei sei, in bessere Bahnen zu kommen und seine Aufmerksamkeit jetzt nur ihr gälte – was im Sinne der Diskretion mit dem Schließen des Vorhangs seinen Abschluss findet. ‚Bravo‘ hört er eine Stimme aus dem Theaterdunkel.

Auf welche Frage seines Lebens war der Klient in diesem Mehrteiler wohl die Antwort? Vielleicht auf die, ob er bereit ist, einen Beitrag dafür zu leisten, das, was aus dem Lot geraten scheint, wieder in eine gute Richtung zu lenken? Die geistige Dimension ermöglicht es dem Klienten, den Sinn in der belasteten, brisanten, erschütternden Situation zu finden und einen guten Weg zu wählen. Gleichsam steht der Klient auch in der Verantwortung, dem ‚Sinnanruf‘ zu folgen.
Erkenntnisgewinne, die durch Werteklarheit zwar entstehen, dann jedoch nicht zur Besserung der Selbstregulation genutzt werden, entsprechen zwar der grundsätzlichen Freiheit des Menschen, sich ‚widersinnig‘ auf Situationen einzustellen oder sich in ihnen zu verhalten. Nicht jedoch der Verantwortlichkeit, die sich aus dieser Freiheit ergibt. Ein neues Verständnis der Freiheit kann nur gewonnen werden, wenn Freiheit nicht nur Bedingung für Verantwortlichkeit, sondern als konkrete
immer auch Resultat von Verantwortlichkeit ist.

Der Mensch ist frei zum Verantwortlichsein, er ist frei zum Wozu. Er ist frei zum Sinn, und zum Unsinn. Er ist frei, sich zu verfehlen, etwas zu verschulden, Wichtiges zu versäumen … Und er ist verantwortlich, dies zu erkennen. Er ist frei, sich zu versöhnen, etwas zu verteidigen, zu vertrauen … Er ist frei, sich zu verantworten, um frei zu sein. Es wundert in diesem Zusammenhang nicht, dass sich Viktor Frankl erstaunt darüber zeigte, dass eine Freiheitsstatue die Ostküste der USA ziert, sie im Westen jedoch keine Verantwortungsstatue balanciert.

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 3

In diesem Moment kommt die Regieanweisung: „Spielen Sie auf dieser Bühne nun so mit, so dass der, der in Ihrem Sessel sitzt, erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür
Applaus spendet.“

Ich habe wahrgenommen, Daniel, dass es Dir nicht so gut geht wie ich es Dir wünsche, und so dachte ich, besuche ich Dich. Vielleicht möchtest Du über etwas sprechen. Dankbar greift Daniel das Angebot auf und erzählt von seinen Sorgen um Geld und den Erhalt von Familie und Status. Die Liste der Kümmernisse ist lang, und Daniel wirkt recht zerknirscht als durch den Klienten gefragt wird: „Einmal angenommen, das alles, was Du Dir da ausmalst, trifft wirklich ein – was in Deinem Leben würde davon nicht berührt und unbeschadet fortbestehen?“

Daniel vermag eine Reihe menschlicher Qualitäten zu benennen, die er als unabhängig vom Verlauf der beruflichen Problemlage ansieht. „Was wäre nun,“ – Daniel erwartet die nächste Frage – „wenn es genau umgekehrt wäre: Die berufliche Situation wäre bestens und all das, was Du eben als unbeschadet ansahst, wäre nun so belastet wie Du es eben im Beruflichen beschrieben hast?“

Daniel spürt, wie ihm dieses Szenario nahe geht. „Ich habe verstanden, was Du mir sagen willst, guter Freund.“ Unser Klient verabschiedet sich von dieser Bühne ohne zu sehen, wie der Stuhl im Publikum vor lauter Zustimmung wackelt.

Schon ist er in seinem ‚eigentlichen‘ Drama, die Fetzen fliegen, es wird intrigiert, es fallen unschöne Worte, eine Säge wird an einem Stuhlbein angesetzt. Und wieder meldet sich die Regie: „Spielen Sie auch auf dieser Bühne so mit, so dass der, der in Ihrem Sessel sitzt, erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür Beifall schenkt.“

Nicht so einfach, denkt sich der Klient. Ich habe ein neues Qualitätssicherungssystem eingeführt als ich die Leitungsrolle in dieser Abteilung übernahm. Erfahrungen habe ich damit reichlich aus früheren Kontexten und das System bringt nachhaltige, gute Ergebnisse. Dass einige meiner Mitarbeitenden das Neue als Angriff auf ihre Bequemzone ansehen würden, war vorauszusehen. Dass sie jedoch solche Geschütze auffahren, das System als verstecktes Beurteilungsmittel beim Betriebsrat anprangern und mich im Management-Feedback so stark verurteilen, so dass meine beiden Matrixvorgesetzten an meiner Führungsrolle zweifeln und mir zudem mit immer neuen, bohrenden Fragen nach den Inhalten des Systems anzeigen, dass ihre Loyalität zu mir schwindet – das nagt schon gewaltig an mir. Ich stehe unter Erwartungsdruck der Geschäftsleitung, habe eine fundierte Primärkompetenz in Bezug auf das Thema Qualitätsmanagement, zudem wurde ich für dieses Thema eingestellt und das übergeordnete Projektmanagement zwingt mich zu zeitnahen Entscheidungen.

So erlebe ich die aktuelle Situation als extrem belastend und ich fühle mich den menschlichen Reaktionen hilflos ausgesetzt. Ich weiß nicht mehr, wem ich vertrauen kann und vermute mittlerweile eine stabile Lobby gegen mich. Auf dieser Bühne fühle ich mich schon recht seltsam, das Harlekin-Kostüm passt nicht so recht in die Landschaft, ich hatte keine Zeit, es auszutauschen. Dann der Druck von so vielen Seiten und die Aggressivität – da geht vieles nicht zusammen. Andererseits, so wie ich hier stehe, wirke ich sicher als Reizfigur, als bunter Vogel, dem viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde und wird. Ich stehe im Mittelpunkt des Geschehens, bin sichtbar – das könnte ich auch nutzen und denen, die bisher weniger Aufmerksamkeit erhielten, weil ihre Ideen nicht so ankamen wie meine Erfahrungen, etwas Rampenlicht spenden.

Es kann gut sein, dass durch Würdigung dessen, was vor mir da war, die Situation bereits leicht entspannt. Und wenn mehr Licht auf den Kreis der Mitarbeitenden fällt, werde ich es auch leichter haben, mein Wissen über das neue System zu teilen als wenn ich im Dunklen tappe und nicht erkennen kann, wer sich wie zum Neuen einstellt. Gleichwohl empfinde ich, dass die Position, die ich einnehme auch von mir verlangt, sie auszufüllen und Widerständen zu trotzen. Bei allen Giftpfeilen, die bisher geschossen wurden, ist eines ja nicht geschehen – ich bin mir nicht aus meinem Rahmen gefallen.

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 2

Der Klient hängt sein Sakko als Platzhalter über die Sessellehne, klettert in sein erstes buntes, lautes Bühnenbild und erhält nun aus der Regie eine Anweisung: „Spielen Sie auf dieser Bühne so
mit, so dass der im Sessel erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür Applaus zollt.“ Und so sondiert der Klient seine erste Szene. Was weiß er von dieser Bühne? Was kann er hier tun? Was wäre schön, würde es geschehen? Wer ist er hier?

Der Klient erkennt, er sitzt in diesem Raum und das Laute, Bunte und Fröhliche zieht an den Fensterscheiben vorbei – es ist ein Umzug mit lauter Harlekinen. Er erinnert sich, dass er früher gerne an solchen besonderen Festen teilgenommen hat, da gehörte er sogar einem Traditionsverein an. Ob im Schrank wohl noch das alte Kostüm liegt? Tatsächlich, sogar mit Bügelfalte. Schnell ist er angezogen, wie schräg er ausschaut, schreiend komisch. Aus dem dunklen Publikumsraum dringen wohlgesinnte Klatschgeräusche an sein Ohr, als er sich entscheidet, für den Moment seinen Bereichsleiter-Hut abzulegen und sich dieser Stimmung hinzugeben.

In dieser Heiterkeit kommt der Umzug auch an einem Haus vorbei, das der Klient seit langem kennt. Da wohnt sein Freund Daniel. Wie es ihm wohl geht? In den letzten Anrufen klang er arg niedergedrückt. Das Zulieferunternehmen, in dem Daniel seit 14 Jahren arbeitet, hat durch die Finanzkrise stark gelitten und nun stehen er und viele andere Mitarbeitenden in der Kurzarbeit. Ob die Insolvenz zu vermeiden ist, steht in den Sternen. Seine Familie ist über diese Situation noch gar nicht in Gänze informiert – Daniel möchte nicht, dass sie sich zu viele Sorgen macht. Das war der letzte Stand der Dinge. Nun steht der Harlekin-Klient vor der Tür und fragt sich, ob er klingeln soll. Er schwankt – womöglich wird Daniel die vor ihm stehende Heiterkeit als Affront gegen sein eigenes Leid interpretieren? Er will ihn nicht zusätzlich belasten, aber vielleicht tut es Daniel ja auch ganz gut, wenn sich ein neues Gefühl zu der bekannten Beklommenheit hinzugesellt. Was soll‘s, sagt sich der Klient, und klingelt – und befindet sich damit mitten auf seiner nächsten Bühne. Daniel öffnet, sein Gesicht liegt in Falten, und erst im zweiten Moment erkennt er seinen Freund, der da in buntem
Glöckchen-Kostüm vor ihm steht.

‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 1

In einem schmucken Sessel, der um die komplette Achse drehen kann, blickt der Klient nach und nach auf ganz verschiedene Bühnen in seinem Leben. Auf der ersten geht es recht munter zu, da
ist es bunt, laut und fröhlich, und der Klient fühlt sich in seinem Sessel wohl und zum Applaus veranlasst. Das Stück gefällt.

Nebenan hingegen wird ein trauriges Spiel geboten. Da sitzt ein Freund alleine in einem düsteren Raum, vor ihm nur ein Telefon und viele Zeitungen auf dem Tisch, der Blick getrübt. Der Freund hat Probleme im Beruf, das ist bekannt. Man sollte ihm zu Hilfe kommen – …

… aber, daraus wird nichts, denn auf der nächsten Bühne spielt sich gerade ein wahrhaftiges Drama ab. Dort ist das ‚eigentliche‘ Problem. Der Klient im Sessel wird nervös. Er hört Personen über ‚low performance‘ sprechen, eine Mitarbeitergruppe füllt Beurteilungsbögen mit dicken Rotstiften aus, an der Wand ein Bild mit dem Konterfei des Klienten – umgerüstet zur Dartscheibe, auf die verschiedene Akteure immer wieder treffsicher ihre Pfeile abwerfen. Eine Musik, die an die Filmmusik der untergehenden Titanic erinnert, rundet die Inszenierung ab. Der Klient seufzt, sein Blick verrät: Wann kommt hier endlich der Vorhang? Aber warum nicht einfach nach nebenan schauen? Da richtet sich gerade eine Frau, die dem Klienten irgendwie bekannt vorkommt, in einer Schiffskabine ein. Fröhlich pfeifend leert sie einige Koffer und vermittelt den erwartungsvollen Eindruck, dass es da sicher gleich an der Türe klopfen wird. Und tatsächlich, jemand, der nur als Kontur im grellen Gegenlicht wahrzunehmen ist, erscheint mit Handy am linken Ohr und einer Flasche Rotwein mit zwei Gläsern in der rechten Hand. Er wirkt aufgewühlt und verärgert.

Der Klient beschreibt seinen Erlebniszustand als belastet, verkrampft – das Schauspiel auf seinen Bühnen habe ihn recht erschüttert. Er suche nach etwas, was mehr Freude vermittle, nicht nach einer wie auf der ersten, vielmehr nach einer tiefen Lebensfreude. Aber das hätten diese Bühnen nicht zu bieten. Er fragt sich, warum er ein Ticket für solche Aufführungen gekauft hat? Am liebsten hätte er sein Geld zurück oder aber, es müsste sich wirklich etwas an dieser Szenerie ändern. Ob er dazu einen Beitrag leisten wolle? Gerne, soweit es in seinen Möglichkeiten läge! Und so wird der Klient eingeladen, ein Symbol für sich an seinem schmucken Sessel zu belassen und nun ‚selbst‘ auf die erste Bühne zu steigen.