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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 1

Max Scheler wurde 1874 in München geboren, studierte dort Philosophie, Psychologie und Medizin. Ab 1918 Professur für Philosophie und Soziologie an der Universität Köln. 1928 starb Scheler in Frankfurt. Seine Hauptwerke: ‚Der Formalismus in der Ethik und die materiale Werteethik‘ [1923/1916] und ‚Die Stellung des Menschen im Kosmos‘ [1928] wurden während der NS-Zeit unterdrückt. Scheler ist Begründer der Philosophischen Anthropologie und mit seinen Gedanken der zentrale Impulsgeber für Viktor Frankl und dessen Sinntheorie.

Scheler sah die großen Veränderungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die allesamt die traditionelle Sicht auf den Menschen problematisch werden ließen, als Ausgangspunkt seiner eigenen Arbeit an. Den massiven Veränderungen lagen in Darwins Thesen vom Menschen als Produkt der Evolution, in Freuds These vom Mensch als Triebwesen, in Nietzsches Kritik an der tradierten Vernunftauffassung, in empirischen Forschungen, die neue Einblicke in die Fähigkeiten von Tieren vermittelten und auch im ersten Weltkrieg als politisch-soziale Zäsur.

Mit Bezug auf das Wort Mensch gibt es „drei unter sich ganz unvereinbare Ideenkreise“ (die jüdisch-christliche Tradition, den griechisch-antiken Gedankenkreis, der Gedankenkreis der modernen Naturwissenschaft). Diesen drei Ideenkreisen fehlt jede Einheit untereinander. So besitzen wir denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine theologische Anthropologie, die sich untereinander nicht kümmern – eine einheitliche Idee vom Menschen aber besitzen wir nicht. Die immer wachsende Vielheit der Spezialwissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verdeckt weit mehr das Wesen des Menschen, als dass sie es erleuchtet. Ich habe es daher unternommen, auf breitester Grundlage einen neuen Versuch einer Philosophischen Anthropologie zu geben.“ [Scheler]

„Die Sonderstellung des Menschen kann uns erst deutlich werden, wenn wir den gesamten Aufbau der biopsychischen Welt in Augenschein nehmen.“ Dabei unterscheidet er „drei Wesensstufen des Daseins“, die der Mensch in sich zusammenfasst, nämlich die anorganischen Körper, das Lebendige und den Geist.

[wird fortgesetzt]

Ohne Werte geht es nicht

Sinn findet sich durch Verwirklichung von Werten. Werte sind Sinn-Universalien – so die ‚Formel‘ des Sinntheoretikers Viktor Frankl. Diesem Gedanken liegt zu weiten Teilen die Wertlehre Max Schelers zugrunde.

Je nach philosophischer Auffassung werden Werte entweder als mit dem Sein untrennbar verbun­den [Wertrealismus] angesehen oder – als Formen des Werteidealismus –

  • als von ihm getrennt verstanden im Sinne einer überweltlichen Idee des Guten oder
  • als von ihm getrennt im Sinne eines formalen Sollens oder
  • als von ihm getrennt im Sinne ‚idealer‘ inhaltlich-materialer geistiger und
    überdauernder
    Qualitä­ten.

In der letzten Auffassung spiegelt sich insbesondere die materiale Wertethik Schelers wider, die von Frankl mit der Formel ‚Werte sind Sinn-Universalien‘ adaptiert wurde

Die Idee der Objektivität von Werten führt bei deren Übertragung in ein ‚Hier und Jetzt‘ dazu, ein wertendes Bewusstsein voraus­zusetzen, das im Moment seiner Inkraftsetzung einen Wertsubjektivismus begründet und die Objek­tivität der Werte transformiert in eine situative Gültigkeit.

Anerkennt man ferner, dass der Wertende eingebunden ist in seinen individuellen Kulturhintergrund, so mündet dies in die Perspektive des empirischen Wertrelativismus und letztlich in eine Vielzahl von funktionalen Facettierungen oder in nach Lebensbereichen und Trägern differenzierte  Werteklassen [z.B. ökonomische, politi­sche, ethische, soziale Lebensbereiche oder Sach-, Güter- oder Personwerte].

Schelers Wertphänomenologie, in der die Personwerte eine überragende Stellung einnehmen, ist durch eine Stufenstruktur charakterisiert, in der auf der untersten Stufe die Werte des Angenehmen und Unangenehmen wie Lust oder Schmerz, körperliche Wärme, Wohlgeschmack, sexuelle Befriedi­gung stehen, gefolgt von den Werten des Edlen und Gemeinen, zu denen das körperliche Befinden, Kraft, oder Mut gerechnet werden. Die Werte des geistigen Fühlens, zu denen das Schöne oder Häss­liche, Kunst oder auch Rechtsordnungen zählen, bilden die dritte Stufe. Und die vierte repräsentiert Werte des Geistigen, für Scheler sind dies zum Beispiel Liebe und Hass, Glaube oder Unglaube und die Akte liebender Hinwendung zu Personen.

Frankl, dessen Verständnis von Werten dem Wertidealismus entspricht, sieht in den jederzeit gegebenen Sinnmöglichkeiten einen Wert an als ‚noch nicht verwirklichten Sinn‘, der sich durch die Erfüllung konkreter Aufgaben erfahren lässt und je nach Kontext die Verwirklichung schöpferischer Werte, Erlebniswerte oder Einstellungswerte meint. Mit diesen drei Kategorien adres­siert Frankl die ‚Sinn-Universalien‘, in denen der Mensch entweder etwas erschafft, die Welt gestaltet, ein Werk ‚schöpft‘ und als ‚homo faber‘ wirkt oder indem er sich der Schönheit der Natur, der Kunst, des Genusses, des beglückenden Gesprächs usw. als ‚homo amans‘ ‚erlebend‘ hingibt oder indem er in unabänderlicher Lage oder Krise die Verantwortung über sich nicht preisgibt, zu verzichten lernt und als ‚homo patiens‘ sein Leidempfinden ummünzt in Leidensfähigkeit.

Anders als der konkrete, auf eine einmalige Situation und einzigartige Person bezogene Sinn sind Werte abstrakt und gelten für sich wiederholende Situationen. Ihnen kommt in der Sinntheorie Frankls eine große Bedeutung zu, wenn er ihre Verwirklichung als den einzig möglichen Weg zur Sinnfindung auszeichnet. Wenn Frankl in diesem Kontext auch auf die Verantwortlichkeit zu sprechen kommt, dann meint er damit die individuelle Verantwortung für das Verwirklichen der eigenen Werte, der „’Gründe‘, die den Menschen zu seinem jeweiligen Verhalten und Handeln ‚bewegen‘. In anderen Worten: So wie man dem Leben eines Menschen von außen keinen Sinn geben kann, so kann man ihm auch Werte nicht ‚bei-bringen‘. „Werte können wir nicht lehren, Werte müssen wir leben.“ [Frankl]

 

Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Scheler und das Wertfühlen

Frankl sah sich in Schelers Werteperspektive in seiner eigenen Haltung bestätigt, den Menschen nicht als psychophysischen Automaten zu definieren, sondern die geistige Person in ihm herauszustellen, die zu allem, was er erlebt, Position beziehen kann. Dies, indem sich die Person von Werten angezogen fühlt und sodann absichtsvoll ausgerichtete [wertebasierte]  Entscheidungen trifft.

Immer wieder macht Frankl in diesem Zusammenhang deutlich, dass alle Werte als Qualitäten dem Menschen bereits verfügbar sind. Der Werteraum ist da, er muss nicht erst geschaffen werden. Jeder Mensch steht in der Verantwortung, sich diesen Werteraum zu ergründen – und nie kann es dem Menschen angemessen sein, ihm Werte ‚anzubieten‘ oder aufzudrängen. Stets sei dem Menschen die Verantwortung zum Wertfühlen und Wertnehmen zu belassen.

Hatte sich die Psychoanalyse Freuds noch das Ziel gesetzt, den Menschen an die Wirklichkeit anzupassen und hatte die Individualpsychologie von Alfred Adler das Ziel der Gestaltung dieser Wirklichkeit, so war für Frankl „der wesentliche Schritt über Anpassung und Gestaltung hinaus das Übernehmen von Verantwortung: Ich sein heißt, verantwortlich sein.“

Empfindet der Mensch Sinn in seinen Handlungen, dann weil er Werte verwirklicht. Vermisst er diesen Sinngrund, dann steht im Prozess der Sinnfindung das Auffinden jener Werte an, die der einzelne in seinem konkreten Lebensschicksal verwirklichen kann. In diesem Zusammenhang hat sich der Mensch entscheiden, vor wem er sich verantwortlich fühlt [sei es vor Gott, sei es vor seinem Gewissen …] und wofür er sich verantwortlich fühlt, also welchen Sinn er in seinem Leben findet.

Mit ‚Verantwortung‘ finden wir somit einen zentralen Wert im Menschenbild von Viktor Frankl. Verantwortung umfasst die Ganzheit des Menschen, mit ihr kann sich der Mensch über seinen Bereich des Psychischen be­wusst hinwegsetzen. Dass diese Perspektive in der Arbeit mit Menschen in Krisensituationen von fundamentaler Bedeutung ist, wird schnell deutlich – die Praxisfälle, die im Laufe der Zeit in der KrisenPraxis zu lesen sein werden, greifen diesen Aspekt auf.

Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Frankl und Scheler

Der Mensch hat im Vergleich zum Tier eine eigene ‚sinnhafte Binnen­struktur‘, in denen er Taten mit einer autonomen Gesetzlichkeit [mit einem freien Willen] vollziehen kann. Ein Tier vermag er  nicht, einen Wert einem anderen Wert gegenüber zu präferieren – ein Mensch sehr wohl, er kann sogar die Erhaltung und Verwirklichung eines Wertes wie dem der Würde dem höchsten Lebenswert, der Erhaltung des eigenen Daseins, vorziehen [die aktuelle Debatte um die aktive Sterbehilfe ist hierzu ein beredtes Beispiel].

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