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Berufliche Seelsorge

Eine berufliche Seelsorge soll zu einer Veränderung im seelischen Zustand eines Menschen führen. Dabei hilft in einem ersten Schritt, dass mitgeteilte Belastung geteilte Belastung ist. Im zweiten Schritt jedoch wird die Verantwortung deutlich, die der Mensch dafür hat, seine Not zu wenden. Hierzu braucht es Überwindung und Selbstüberwindung. Gute Kräfte, um sich zu überwinden, sind Hoffnung und Glaube. Mit diesen Selbstbejahungsressourcen fällt es leichter, das ein oder andere Hindernis zu meistern.

An dieser Stelle ist sprachliche Klarheit hilfreich. Die weithin synonym verwendeten Begriffe Psyché und Seele trennen wir voneinander. Die mit dem Tod vergängliche Psyche umfasst die Grundemotionen Wut, Neid, Trauer, Ekel, Angst, Scham und Überraschung sowie damit verbundene Regungen und Verhaltensweisen wie Eifersucht, Ehrgeiz, Aggression, Oppositionssucht, Hass, Fanatismus und andere. Vielerorts wird dieser Aspekt menschlichen Lebens auch Triebseele genannt. Die Psychotherapie leistet für die Psyche Entlastungsarbeit.

Mit Seele hingegen adressieren wir den unvergänglichen Sinn im Menschen, das, was ihn überstrahlt – das, was weit mehr ist als seine einzelnen Handlungen, Erfolge, Probleme oder Mißgriffe. Dieser Aspekt des Lebens wird auch als Geistseele beschrieben. Im Moment des Verlustes, der Verfehlung oder der Trennung dominiert die Psyché und verleitet zu allerlei ‚Spielchen‘, Verdrängungen oder weiteren unguten Eskalationen. Die Begriffe ‚Rosenkrieg‘, ‚Mobbing‘, ‚deformation professionelle‘, Leugnung sind nur ein kleiner Ausschnitt der Palette. Was übrig bleibt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Da, wo die Seele spürt, dass etwas nicht mehr zu vereinbaren ist, dass sich etwas zusammen zieht und verkrampft, da ist Seelsorge ein sinnvoller Weg. In der beruflichen Seelsorge ist unser Bestreben, dass der erkennende Geist unseres Gesprächspartners die Wahrheit der Situation erfasst. Ist er erfasst, dann ist für weiterer Zweifel kein Raum.

Zweifel, der aus der Seele kommt, braucht Überwindung. 
Überwundener Zweifel befreit die Seele und weitet sie.

„Jeder wahre Lehrer, jeder Arzt, jeder Therapeut,
aber auch jeder Seelsorger kennt den eigentümlichen
Sprung, der sich in seiner Beziehung zu dem ihm
aufgegebenen Menschen vollzieht in dem Augenblick,
in dem er nicht anders kann, als sich dem anderen
gegenüber selbst zu öffnen und nun durch sein
Amtskleid hindurch als der ganze Mensch hervortritt
und so dem anderen als er selbst begegnet.
Bei allen Gefahren, die damit verbunden sind – er
weiß und spürt es: Erst jetzt erreicht er den anderen
wirklich von Person zu Person.“

Karlfried Graf Dürckheim
Vom doppelten Ursprung des Menschen

Berufsseelsorge für Führungskräfte

Analog zu Viktor Franks ‚tragischer Trias‘ [Tod, Schuld, Leid] verstehen wir unter der ‚tragischen Berufstrias‘ die Belastungsthemen: ‚Verlust‘, ‚Verfehlung‘, ‚Trennung‘. Ein Verlust kann zum Beispiel darin bestehen, dass eine Managementfunktion oder eine geschätzte Person verloren wurde. Aber auch Gesichtsverlust, Ehrverlust oder das Empfinden, die Hoffnung verloren zu haben, sind Gesprächsthemen in unserer beruflich sinnzentrierten Seelsorge. Eine Verfehlung kann beispielsweise darin bestehen, einen anderen Menschen vor einem bestimmten Umstand nicht rechtzeitig gewarnt zu haben, eine eigene Verfehlung begangen zu haben, ein Versprechen nicht gehalten zu haben oder auch das Gefühl, an wichtiger Stelle nicht mutig genug gewesen zu sein. Eine Trennung schließlich kann zu einem Thema der Managerseelsorge werden, wenn man sich von Menschen getrennt hat, ohne deren persönliche Situation ausreichend berücksichtigt zu haben oder wenn im privaten Umfeld eine Trennung vollzogen wurde, die man nun bereut.

„Ich weiß nicht, wohin mit meinen Sorgen. Durch mein egoistisches Verhalten ist menschlicher Schaden entstanden. Das tut mir leid, aber das hilft niemandem. Ich habe keinen Menschen, mit dem ich mich auf neutrale Weise darüber austauschen kann, und von kirchlicher Seite erwarte ich keine passende Unterstützung.“

Sehr oft äußern Führungskräfte in den Gesprächen mit uns den Wunsch, man möge die Dinge ungeschehen machen oder es wäre schön, könnte man die Zeit zurückstellen, um dann in anderer Weise entscheiden oder handeln zu können. Meist werden in diesem Zusammenhang erhebliche Gewissensnöte erwähnt und ein gedankliches Kreisen um das belastende Thema. Häufig dauern diese Belastungen bereits lange an, und zuweilen haben unsere Gesprächspartner bereits das Umfeld, in dem die Situation eintrat, bereits verlassen – sei es altersbedingt oder durch einen Wechsel in ein anderes Unternehmen.

Seele – Seelsorge – Sinnsorge

Wenn die Begriffe Seele und Seelsorge fallen, dann wird mit ihnen zumeist die Berufsgruppe der Theologen in Verbindung gebracht. Dieser Rahmen ist jedoch zu eng gesteckt, denn die Seelsorgearbeit erstreckt sich bis in den ärztlichen, den therapeutischen und den familiären Bereich. Darüber hinaus sind in vielen „Klärungsberufen“, wie Berater, Trainer, Coachs, Mentoren oder Mediatoren deutliche Spuren der Seelsorgearbeit zu finden.

Unser eigener Hintergrund in unserer Therapiepraxis stammt aus dem klärenden und therapeutischen Kontext der sinnzentrierten Psychotherapie. Wir arbeiten ideologiefrei, überkonfessionell und humanistisch. Der Sinn unserer Arbeit besteht darin, dass Menschen ihren Sinn finden. Diese „Sinn“-Sorge wird für uns zu praktizierter und nachhaltiger „Seel“-Sorge.

Wenn wir über die Seele sprechen, dann nehmen wir dazu eine phänomenologische Haltung ein. Wir betrachten, was Menschen finden, wenn sie ihrer oder einer Seele begegnen. Hierbei ergänzen wir das, was dem Verstand zugänglich ist um die Qualität der Intuition – des Gespürs. So kam es jüngst in einem Gespräch zu einer Aussage eines Managers, der berichtete, dass aus seinem Kollegium eine Person plötzlich und völlig unerwartet verstarb, die Aufgaben dieser Person ebenso plötzlich ihm durch die Geschäftsleitung übertragen wurden und er diese Übertragung akzeptiert habe. Als er jedoch in der Folge wahrnahm, wie „sachlich“ die Geschäftsleitung mit dem Tod des Kollegen umging, bekam unser Gesprächspartner erhebliche Selbstzweifel: War es gerechtfertigt, das Werk des Verstorbenen „einfach so“ zu übernehmen? War es ihm gegenüber nicht unwürdig, so vorzugehen? Schamgefühle und ein Zweifel an der eigenen Glaubwürdigkeit waren seither seine Begleiter – die Seele war verkrampft und verschlossen.

Das Öffnen und das Schließen der Seele läßt sich rein gedanklich kaum genau rekonstruieren, auch dann nicht, wenn wir uns der Erfahrungen der Neurophysiologie annehmen, die beweist, dass im Körper Orte lokalisiert werden können, in denen Neurotransmitter derart wirken, dass wir Öffnendes zum Beispiel mit Entkrampfung und freier Atmung verbinden können, Verschließendes hingegen mit Verkrampfung und Atemproblemen. Die Konsequenzen dieser im Körper stattfindenden chemischen Prozesse können heute zwar gut diagnostiziert werden, nicht jedoch die „Chemie“ selbst, die beim Spüren des Öffnenden „stimmt“ oder beim Spüren des Verschließenden etwas im Menschen „verstimmt“. Die Manager und Führungskräfte, die ihre Seelenverstimmung uns gegenüber äußern, zeigen oft an, dass man sie in ihrem Umfeld nicht mit der Seele wahrnimmt, sondern sie auf „funktionierend, wissend, professionell und fit“ reduziert. Die Folge ist, dass der so „seelisch verletzt“ Lebende sich selbst zu schützen beginnt. Negative Formen dieses Schutzes sind das „Entlernen des Subtilen und das Lernen des Rigiden das Verkümmern der „atmosphärischen Intelligenz“ und der Aufbau einer „Überlebenstaktik“. Der sich so auf dem Weg zu einem noch tieferen Seelenverschluss wahrnehmende und sich selbst erschreckende Mensch, nimmt sich sehr eingeschränkt und in dieser Einschränkung erneut verletzbar und dadurch vorsichtig wahr. Kommt es auf dieser Basis zu einem Seelsorge-Gespräch mit uns, dann wird erst durch eine achtsame und vertrauensvolle Haltung eine seelische Öffnung langsam wieder ermöglicht.

Martin Buber sagte einmal, in jedermann sei etwas Kostbares, das in keinem anderen sei und er meint jenes innere Land, in dem sich Immanenz und Transzendenz berühren. Dieses innere Land – für uns die menschliche Seele – ein wenig erkunden zu helfen – das bedeutet für uns Sinn und Lebensfreude. Und dabei wollen wir gerne bescheiden bleiben, denn

„Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden,
auch wenn du gehst und jede Strasse abwanderst –
so tief ist ihr Sinn“.Heraklit