Schlagwort-Archiv: Selbstwert

‚Originäre Kontrolle‘ als Fundament der Überwindung von Krisen

Der Mensch ist mit Geburt Person, er hat ab Geburt Charakter und setzt er sich mit dem Charakter, den er hat, auseinander, wird er Persönlichkeit. Die Entwicklung von Persönlichkeit verläuft lebenslang. 

Dieses Element des Menschenbildes der sinnzentrierten Psychotherapie wirft die Frage auf, wie stabil eigentlich entwickelte Persönlichkeitsmerkmale sind? Der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf hat dies umfassend erforscht und kommt – unter vielen anderen interessanten Ergebnissen – zum Schluss, dass die Stärke des Selbstkonzepts und des Selbstwertgefühls den wesentlichen Beitrag dafür leistet, dass ein Mensch die Kritik anderer zum Anlass nimmt, Veränderungen im Verhalten einzuleiten oder ‚zu bleiben, der er ist‘. Hieraus können wir unmittelbar schließen, dass ein Mensch, der sich seiner Werte selbst bewusst ist, diese einsetzt, um seine Einstellungen und über diese auch sein Verhalten entsprechend zu fundieren. Wir nennen dies ‚originäre Kontrolle‘ Oder andersherum: Wer seine Werte sich nicht bewusst gemacht hat, wird leichter zum Spielball der Verhaltenserwartungen anderer und verliert die Kontrolle seines ‚Originals‘.

Seine eigene Persönlichkeit zu stabilisieren, kann als der Versuch angesehen werden, sein Leben so auszurichten, dass das Konzept, das man von sich selbst hat, in dem Umfeld, in dem man lebt, ohne große Erschütterungen beibehalten werden kann. Die Wahl der häuslichen Umgebung, des Freundeskreises oder der Interessefelder sind dabei wichtige Bausteine, mit denen ein Mensch die Kontrolle über sein Selbstkonzept zu erhalten versucht. Solange dieses Vorgehen der Mensch selbstgesteuert zeigt, können wir in Anlehnung an Heckhausen und Schulz von ‚primärer Kontrolle‘ sprechen. Treten Gründe ein, die die primäre Kontrolle nicht gewährleisten [z.B. Krisen], dann kann mit ‚Optimismus‘ – der sekundären Kontrolle – ein Ausgleich angestrebt werden. Dies jedoch wird kaum nachhaltig gelingen, wenn die ‚originäre Kontrolle‘, also die Klarheit der eigenen Werte nicht gegeben ist. Fällt die Möglichkeit der primären Kontrolle im hohen Alter womöglich weitgehend oder vollständig weg, dann übernimmt die ’sekundäre Kontrolle‘ – idealerweise mit der originären Kontrolle – die Stabilisierung.

Wir können zusammenfassen: Bewusst vollzogene Klärung der eigenen Werte stellt den Rahmen für die Entwicklung eines stabilen Selbstkonzepts dar. Diese Klärung kann jederzeit vorgenommen werden, und sie kann auch nur von jedem Menschen selbst geleistet werden. Mit dieser Klärung geht ein Mensch einen aktiven präventiven Schritt, um in Krisen die Selbstkontrolle nicht zu verlieren.

Der Wert des Selbstwertes

Zwei schwierige Begriffe: ‚Selbstwert‘ und ‚Selbstwertgefühl‘. Zwei Begriffe, die einige Fragen aufwerfen. Zum Beispiel: Was ist mein ‚Selbst‘? Welchen Wert habe ich, was bin ich mir wert? Wie fühlt sich mein ‚wertiges‘ Selbst an? Die Psychologie und die Philosophie bietet für diese Fragen eine Fülle unterschiedlicher Antworten an. Wir greifen einmal die heraus, die unserer Arbeit in der KrisenPraxis zugrunde liegt.

Wir unterscheiden das ‚denkende Ich‘ von ‚fühlenden Selbst‘. Das denkende Ich setzt sich Ziele, formuliert Absichten, plant. Das fühlende Selbst greift zurück auf alle bisher emotional erlebte Erfahrungen. Das denkende Ich ist das Zentrum des individuellen Bewusstseins. Das fühlende Selbst ist das unbewusste Reich dessen, was unverlierbar aufgehoben ist in der persönlichen und stetig zunehmenden Vergangenheit. Die Entwicklung des individuellen Wertesystems findet ihr Abbild in der Biografie.

Werden in der Lebensgeschichte die Situationen erinnert, in denen man ’selbst‘ seinen Werten entsprechend sich für jemanden oder für etwas entschieden oder gehandelt hat, oder in denen man sich wider seine eigenen Werte verhalten hat, oder in denen eigene Werte verletzt oder erschüttert wurden, dann fühlt der Mensch sein ‚Selbst‘ im Kontext seiner ‚Werte‘. Selbstwerte werden aus dieser Perspektive also nicht abgeleitet aus Begabungen, Intellekt, Status u.a., die vielleicht eher als ‚individuelle immaterielle Vermögenswerte‘ angesehen werden können.

Mit seinem Selbstwert verweist ein Mensch vielmehr auf seine Freiheit, selbst sein zu dürfen. Um diese Freiheit einzulösen, benötigt der Mensch seine ‚Selbst-Verantwortung‘, die sich darin zeigt, dass er einen fühlenden Zugang zu dem hat, was sein individuelles Wesen auszeichnet, was ihn gegen anderes abgrenzt, wofür er ‚ja‘ sagt, und wofür ’nein‘. Der Selbstwert aktualisiert sich über das Selbstwertgefühl im ‚Ich‘, das über sich selbst ’nach‘-denkt. Das Selbst liegt daher zeitlich vor dem Ich. Bestenfalls weiß das Ich über sein Selbst Bescheid. Steht das Ich im Einklang mit dem Selbst, dann fühlt sich dies für den Menschen ‚echt‘ an und er wirkt im Außen ‚authentisch‘. Erhält der Mensch für diese seine Authentizität aus seinem Umfeld Anerkennung, dann in der Form, dass das Umfeld seine im ‚Ich-Verhalten‘ gelebten Selbst-Werte ’schätzt‘.