Schlagwort-Archiv: Sinnanruf

Erinnerung an den Sinn im Leben

Ein Mann klopft um 7.30 Uhr an die Zimmertür seines Sohnes und ruft: „Helmut, wach auf!“ Helmut ruft zurück: „Ich mag nicht aufstehen, Papa.“ Worauf der Vater noch lauter: „Steh auf Helmut, du musst in die Schule.“ „Aber ich will nicht zur Schule gehen“, brüllt Helmut zurück. „Warum denn nicht?“, fragt der Vater. „Aus drei Gründen“, sagt Helmut. „Erstens ist es so langweilig, zweitens ärgern mich die Kinder, und drittens kann ich die Schule nicht ausstehen.“ Der Vater erwidert: „So, dann sag’ ich dir drei Gründe, wieso du in die Schule musst: Erstens ist es deine Pflicht; zweitens bist du 45 Jahre alt, und drittens bist du der Klassenlehrer“.

nach: Anthony de Mello.
Der springende Punkt.

Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 4

Viktor E. Frankl, Begründer der sinnzentrierten Psychotherapie, setzt in seinem Menschenbild neben der psychischen [kognitiven und affektiven] und der physisch‐körperlichen Dimension die geistige Dimension als bei jedem Menschen gegeben voraus. Mit dieser, auch nur dem Menschen vorbehaltenen Dimension, vermag dieser die Sinn‐‚Anrufe‘ entgegenzunehmen, die ihm ‚zurufen‘, sich trotz aller ‚Einwände‘ seiner Psyche zu mobilisieren und über sich hinaus zu gehen.

Anders als bei der Form von Motivation, die durch Belohnungsanreize psychisch entfaltet wird, ist der Wille zum Sinn, der durch das Geistige gebahnt wird, durch ein momentanes Geschehen gekennzeichnet. Das spontane ‚Vetorecht des Geistes‘ wird nicht dadurch freigesetzt, dass durch die mit ihm verbundene neue Einstellung, Haltung oder Handlung ein kalkulierter Lohn erwartet wird. Vielmehr ist die ‚Trotzmacht des Geistes‘ ein Ausdruck gewissenhaften Vorgehens, das sich allen psychischen Hinderungsversuchen entgegenstellt. Sie bedingt einen Moment, in dem dem Menschen jedes ‚ich‘ weniger bedeutend wird als das, um dessen willen er sich selbst vergisst.

Frankls ‚Trotzmacht‘ adressiert – anders als die in den ersten drei Teilen vorgestellten Konzepte – die geistige Dimension des Menschen. Sie ist nur in der unwahrscheinlichen Konstellation messbar, dass ein Mensch im Moment des ‚Sinn‐Anrufs‘ in der Veränderung seiner Haltungen, Einstellungen oder Handlungen von Dritten beobachtet wird und diese die Veränderung als solche auch zu beschreiben in der Lage sind. Die Entwicklung eines seriösen empirischen Messinstruments ist nicht zu erwarten, die ‚Trotzmacht des Geistes‘ entzieht sich jeder Statistik, bleibt jedoch phänomenologisch betrachtet ein menschliches Faktum.