Schlagwort-Archiv: Sinnfrage

Kann man Sinn machen? – III

Wenn Sinn also nicht gemacht werden kann, sondern gefunden wird, dann stellt sich die Frage, wo – in welchem Kontext – und wie – mit welchen Regeln und Methoden – er gefunden wird?

Wie das Beispiel des kleinen Tijn zeigt, über das wir gestern geschrieben haben, findet sich Sinn in einem Kontext, der der Person zum einen meist nicht völlig neu ist, der jedoch vom Fundament der eigenen Werte aus betrachtet anders wahrgenommen und rekonstruiert wird als aus der Perspektive von Zielen, Motiven oder Wünschen. Man kann sagen, dass Menschen, die ihre Umwelt mit einer ‚Ziel-Brille‘ scannen, eher kalkuliert und ego-orientiert handeln als Menschen, die mit ihrer ‚Werte-Brille‘ schauen. Durch diese Brille wird die Umwelt danach angeschaut, was sie braucht, um zu ‚gedeihen‘ – und dies erhält Vorrang gegenüber den Themen oder Dingen, die einzig darauf zielen, dass es ‚einem selbst‘ dient. Beide Brillen haben ihre Berechtigung und keine sollte verlorengehen. Doch das, was durch die Brillen gesehen wird, ist von unterschiedlicher Dimension. Die eine sieht den Mikrokosmos der eigenen Bedürfnisse, mit der anderen kann man sehen, wie man eingebettet ist von größeren Zusammenhängen. Erfährt der Mikrokosmos etwas übles, zum Beispiel eine Krise, dann ermöglicht der Blick ins ‚Makro‘, die Bedeutung der eigenen Situation ins rechte Gesamtlicht zu rücken. Im Kontext der Sinntheorie Frankls nennen wir dies ‚De-Reflexion‘, wenn wir also den Blick weglenken von uns und hinlenken auf das, was uns ‚trotz allem‘ braucht. „Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.“ [Tagore]

Und wie und nach welchen Regeln wird Sinn gefunden?

Auch hier zeigt sich immer wieder, dass der Sinn, wenn er – wie Aristoteles meint – durch die Tür kommt, auch hindurch passt. Der Sinn im Leben fällt auf den individuellen, fruchtbaren Boden, der begrenzt wird durch beweglichen, jedoch nicht beliebigen ‚Zaun‘ der eigenen Werte. Die Begrenztheit, aber nicht Starre des eigenen Wertesystems ermöglicht es jedem Menschen, seinen Sinn im Leben finden zu können. Sinn gefunden zu haben, bedeutet also nie, vor der Aufgabe zu stehen, ‚die Welt retten zu müssen‘ oder – wie Bundeskanzlerin Merkel erkannte – : „Kein Mensch allein kann die Dinge zum Guten wenden“.
Wird Sinn gefunden, findet sich der Dünger dafür, ihn zu verwirklichen, bereits im eigenen Boden. Und der Boden sind die Werte. Ist der Boden bestellt und die Werte sind klar, dann trotzt diese Klarheit dem Finsteren einer Krise. Sind sie nicht klar und geht die Suche nach ihnen in der Finsternis erst los, …. – wir folgern: Werteklarheit = Krisenprävention

Ein zweite Regel der Sinnfindung besteht darin, dass er irgendwann durch Sprache repräsentiert wird. Es lässt sich daher durchaus an der Sprache wahrnehmen, ob ein Mensch Sinn gefunden hat. Ist sie eine ‚ich-mein-mir‘-fokussierende Sprache, dann habe ich [aus logotherapeutischer Perspektive] Zweifel. Ist sie eine Sprache, die beschreibt, dass Prozesse der Sinnfindung anderer Menschen vom Sprecher verletzt werden, dann mutet dies eher als Unsinn an. Bringt der Mensch in seiner Sprache hingegen noch den Selbstzweifel vorrangig zum Ausdruck, dann hinterfrage ich die so von mir noch als Abwesenheit von Sinn, als Sinnlosigkeit, angesehene Beschreibung. Bejaht die Person meine Skepsis und teilt sie das Empfinden von weiterhin abwesenden Sinns, dann ist im gleichen Moment auch klar, dass es ihn gibt und er noch zu finden ist.

Kann man Sinn machen? – II

Der Begriff ‚Sinn‘ kennt verschiedene Verwendungsweisen. Eine meint soviel wie ‚Richtung‘  des Wortes Sinn unterschieden. Das Wort Sinn wird in der Bedeutung von Richtung verwendet und stellt den Menschen damit vor die Frage, wohin er sich aufmacht? Wofür ist es gut, sich hiermit und nicht damit zu befassen? Wozu braucht mich die Welt hier und nicht da? Diese Richtungsfrage ist – aus unserer Perspektive der sinnzentrierten Psychotherapie – bedeutender als die Frage nach dem ‚woher komme ich‘? Denn selbst wenn ich es mir wünschte, ich kann das ‚woher‘ nicht mehr ändern, sehr wohl aber das ‚wohin‘ [siehe auch Stichwort Orient].

Eine andere Bedeutung von Sinn hat mit der Fähigkeit des Menschen zu tun, dass er werten kann. Ich kann das Leben mit einem Kind in einer Rangfolge höher werten als das Leben in Ungebundenheit. Ich kann praktischem Denken einen höheren Wert beimessen als dem Denken n Ideen oder Konzepten. Ich kann Fernsehen mehr Wert zuschreiben als der FAZ. Menschen werten permanent und wenn etwas mehr Wert hat, dann könnten Menschen daraus schließen, dass es auch sinnvoll ist, es anzustreben, es zu besitzen. In einem solchen Sinnverständnis ist alles ein Gut. Und ein Gut ist, was wertvoll ist.

Die meisten der Sinnverständnisse führen den Menschen dazu, anzunehmen, er könne sich Sinn machen. Wenn ich also mein Leben mit einem Kind führen will, dann gestalte ich mein Lebensmodell so, dass das möglich wird. Dann macht es für mich Sinn, mein Leben so und nicht anders zu leben. Nur: In einer solchen Denkrichtung stellt der Mensch sich ins Zentrum und befragt sein Leben: „Liebes Leben, wie stelle ich es an, dass ich dich mit einem Kind an meiner Seite lebe?“ Und der Mensch wartet auf Antwort und bekommt sie meistens in Form einer selbst gemachten. Handelt er nun seiner eigenen Antwort entsprechend und führt dieses Handeln nicht zum Erfolg, dann empfindet der Mensch sein Leben schlechtenfalls als ’sinnlos‘. Erleben wir einen Menschen in einer solchen Verfassung, dann regen wir zum Perspektivenwechsel an. Zum Beispiel damit: Auf welche Ihrer Fragen hat Ihnen Ihr Leben genau so geantwortet wie Sie es erwarteten?

Antworten auf diese Frage sind spannend. Die antwortende Person gibt zu verstehen, dass sie Sinnproduzent war. Und wir fragen dann weiter nach dem Rezept, den Zutaten, den Bedingungen – und ernten nicht selten ein Staunen im Gesicht, wenn klar wird, von wie viel anderem als von der Person selbst es abhängt, dass etwas geschieht. Wenn klar wird, dass ‚Sinn‘ kein ‚Etwas‘ ist, das hergestellt wird. Sondern ein Vorhandenes, das gefunden wird.

Kann man Sinn machen? – I

Als mir 1987 im Rahmen meiner Vorbereitungen auf meine Diplomarbeit zum Thema Unternehmensethik das Werk von Viktor Frankl zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn nachweislich gelesen. Verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Mir erschienen Begriffe wie das Geistige, die Transzendenz oder der noopsychische Antagonismus recht knorrig. Auch, dass der Sinn nicht menschengemacht sei, sondern stets außerhalb des Menschen darauf wartet, gefunden zu werden, erschien mir schon als recht psycho.

Auf die Idee, dass gerade dieses Gedankengut einmal meine eigene wissenschaftliche Basis darstellen würde, dass ich über Frankl, den Sinn, die Sinntheorie insbesondere im Krisenkontext meine Promotion ablegen würde, bin ich damals nicht gekommen. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse daran, in die einst empfundene Ordnung im Leben mit unbequemen Fragen Unordnung zu schaffen. Als Coach und Therapeut tat ich dies ohnehin schon – nur waren die Empfänger meine Klienten. Nun aber war es eine Frage, die auf mich selbst zielte. Eine der typischen Frankl-Fragen, deren Gewicht dann deutlich wird, wenn das Staunen über sie etwas abgeklungen ist:
„Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort?“

Fragen wie diese hatten schon immer ihren Reiz für mich. Aber so konkret auf die eigene Person zielend haben sie doch etwas Riskantes. Wieso sollte mein Leben mich fragen? Welchen Platz nimmt es ein, um überhaupt fragen zu können? Wieso sollte ich eigentlich antworten sollen? Und wenn ja, was ist, wenn ich die Antwort nicht finde? Und wieso Frage und nicht Fragen? Und wieso Antwort und nicht Antworten? Welche Verantwortung übernehme ich dafür, diese eine Frage als die meines Lebens anzusehen? Woran merke ich, dass diese Frage für mich stimmt?

Fragen über Fragen und doch mit anderem Sog als zum Beispiel die Frage, warum sich Niklas Luhmann nach epischer Abhandlung seines reduktionistischen Sinnverständnisses irgendwann doch dazu hinreißen läßt, den Momenten sogenannter Emphase die Funktion zuzusprechen, Erstaunlichkeiten herzustellen. Diese Erstaunlichkeiten seien die Verstörer der Sinnlosigkeit. Nun, das aber wusste auch schon Aristoteles als er mit weniger Worten darauf hinwies, dass der ‚Sinn zur Türe herein kommt‘. Zu beweisen, dass der alte Wein in einem systemtheoretisch neuen Schlauch daherkommt, ist fraglos wichtig. Wesentlich ist es nicht.

Zurück zum Wesentlichen. Wenn sich meine Klienten in ihrer Ordnung eingerichtet haben, dann schaffen wesentliche Fragen angemessene Unordnung. Und wenn die Unordnung einen Menschen schier in Zweifel zieht, dann bringen wesentliche Antworten eine neue Ordnung, Zwischen Ordnung und Unordnung findet sich das Nachdenken über das, was erstaunt hat und woran man noch zweifelt.

Und wenn man als Philosoph nicht nur philosophiert, sondern auch therapiert, dann entdeckt man schnell, dass es Menschen gibt, bei denen zwischen Ordnung und Unordnung kein Türspalt frei ist, damit über das, was sich dort findet, gestaunt werden kann. Ohne Türspalt aber keine Frage, keine Sinnfrage. Ohne Spalt ist die Ordnung in Unordnung und die Unordnung ist in Ordnung. Die Freiheit, die darin liegt, diesen Kreislauf zu unterbrechen, erscheint unerreichbar. Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, erscheint sinnlos. Es gibt doch nichts mehr zu staunen. Oder doch? Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

 

[wird fortgesetzt]

Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

Mit dieser Frage kommt er irgendwann auf eine inhaltliche Zuspitzung: der Gesprächsprozess in Logotherapie oder sinnzentriertem Coaching.

Mit diesem Perspektivenwechsel begleite ich meine Klienten und Patienten hin zu einer für sie lebenswesentlichen Aussage: ‚Welchen Beitrag leiste ich dadurch, dass ich auf eine Frage meines Lebens die Antwort bin?‘

Nun beginnt das Denken und Grübeln und immer wieder verheddern sich die Gedanken in einem ‚was mache ich‘ oder einem ‚warum mache ich was‘. Diese Fragen jedoch führen zu Antworten des Lebenszwecks, zu etwas im Leben Wichtigen. Und so landet man dann oft bei Positionsbeschreibungen, Aufgaben, Rollenbezeichnungen oder Erwartungen anderer. Manchmal auch zu besonderen Fähigkeiten oder Kompetenzen, die man zeigt oder erworben hat. Nur: Ohne ein ‚Wofür‘ ist jede Kompetenz nicht mehr als ein biografisches Lebenssteinchen. Ohne ein ‚Wozu ist es gut, dass ich diese Kompetenz einsetze‘, bleibt sie nur ein Teil des Egos.

Welche Frage stellt Ihnen Ihr Leben gerade jetzt [wieder]?
Und sind [nicht haben] Sie die Antwort auf diese Frage?

Am Sinn kommt man nicht vorbei – erst recht nicht in Krisen

Jeder Mensch muss sich selbst ‚be-sinn-en‘, andere Menschen können diesen Prozess zwar positiv beeinflussen, die Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch selbst finden und geben. Das ist auch gut so, denn wäre es anders, dann könnten moralische Appelle ‚wie jemand zu sein habe‘ als Sinnangebote verpackt werden und letztlich einen Menschen komplett fremdbestimmen. Dass wir solche Angebote kennen, sei es durch Botschaften aus der Werbung, der Mode, von Sekten oder sektiererischen Gruppierungen, aber auch in Unternehmen, in denen mit materiellen Verlockungen Pseudo-Sinn ‚gestiftet‘ wird, ändert nichts am Faktum: So wie Durst der ‚Beweis‘ für die Existenz von so etwas wie Wasser ist [einem Bild des Österreichern Franz Werfel], so ist Sinnlosigkeitsgefühl ein Beweis für den stets gegebenen Sinn.

Die Ortung des Sinns übernimmt der menschliche Sinnkompass, das Gewissen. Es ist nicht gleichzusetzen mit einem anerzogenen oder kulturell beeinflussten ethischen Bewusstsein. Vielmehr steht das Gewissen vor reflektierter Moral, es ist gleichsam ‚prä-logisch‘, also als Geistiges bereits da, bevor der Mensch seinen Verstand einschaltet. Jedoch – und dies erleben wir im Coaching und in Therapie immer wieder – versperrt der Verstand zuweilen vehement den Zugang zum Sinnvollen. Dann blockieren bestimmte eingebrannte Denksätze, vermeintliches Erfahrungswissen oder eben die schon genannten Pseudo-Sinnangebote die Tür zum Sinn. Krisen – so zeigt die Erfahrung – sind oftmals durch diese Blockaden gekennzeichnet. Der Denksatz: ‚Es wird schon irgendwie gut gehen‘, kann ein solcher Satz sein, der Sicherheit vorgaukelt und dem Menschen ein nicht zu haltendes Versprechen gibt.

Verliert ein Mensch in einer Krise dann ‚Sinn‘, dann bedeutet dies nicht, dass es keinen mehr gibt, sondern lediglich, dass die Möglichkeiten der Sinnverwirklichung unter dem Einfluss der Krise nicht mehr erkannt werden. Beginnt nun die Sinnsuche – oder, ist dieser Prozess im Rahmen einer Krisenprävention bereits ‚durchlebt‘ worden – dann startet die ‚Entdeckung einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit‘ [Frankl]. Dass Menschen sich in Krisen aufmachen, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu verleihen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es ihn gibt, jederzeit und eben auch in Krisen.

Rein ins Leben – hin zum Sinn

Wird ein Mensch ins Leben geboren, dann wird er früher oder später auf die Idee kommen, sich danach zu fragen, was es mit dem Leben, der Welt, den Menschen und Dingen so auf sich hat. Irgendwann wird ihm wichtig werden zu wissen, welche übergeordnete  Qualität dem eigenen Leben zugeschrieben werden soll. Lautet die Antwort, dass das eigene Leben so spaßhaft, lustvoll oder amüsant wie nur möglich gestaltet werden soll? Frei nach dem Motto: ‚liebe deine Triebe‘? Oder lautet sie vielleicht, dass das Leben durchzuboxen ist, dass es nur Sieger und Verlierer geben kann und es darauf ankommt, Vorteile wo immer geht abzuschöpfen? Frei nach dem Motto: ‚am Ende zähl nur ich‘?  Worauf soll es ankommen? Auf Lust, auf Macht – oder doch eher auf Sinn?

Sein Leben ‚psychisch‘ zu führen, bedeutet letztlich, einen egozentrierten Standpunkt einzunehmen. An diesem Standpunkt zählen Lust und Macht. Sie sind auf den ersten Blick reizvoll und allemal meistens auch legitim. Bleiben sie jedoch die einzigen Perspektiven im Leben, dann bedeutet dies, eine ständige Suche nach dem Neuen, dem noch Lustvolleren, dem noch Mächtigeren, dem Höher-Schneller-Weiter-Geiler-Bunter-Lauter-… zu betreiben. Ohne das alles, bleibt der Standpunkt leer.

Strebt der Mensch nach Erfüllung seines Lebenssinns, dann geht er auf die Suche nach einem Platz, der mehr ist als er selbst. Dieser Platz gibt dem Dasein seinen Wert und stellt sicher, dass der Mensch sein Recht auf ein gelingendes Leben bewahrt. Jeder Mensch hat einen solchen Platz – auch, wenn er daran kaum [mehr] glauben kann. Diesen Platz zu finden, steht in der Verantwortung des einzelnen Menschen. Niemand anderes kann diese Verantwortung abnehmen. Einmal gefunden, trägt er dazu bei, dass der Mensch nicht mehr nur ‚auf der Oberfläche‘ sein Leben lebt. Auf diesem Platz verwirklicht der Mensch seine zutiefst individuelle ’seelische DNA‘, seine Werte.

Das schöne dabei ist: Es ist nie zu spät, den Platz des Lebenssinns zu suchen.
Aber noch schöner ist: Es ist auch nie zu früh.

Sie brauchen noch mehr Motivation zur Sinnsuche? Die Forschung der Psychoneuroimmunologie zeigt, dass Sinnerfüllung eindeutig positiv auf die individuelle Gefühlslage, und darüber auf die Immunlage des Menschen wirkt. Wer um seinen Sinn im Leben weiß, fühlt sich mit sich im Einklang. Und das ist von jeher der wirksamste Schutz gegen die Kräfte, die täglich auf einen Menschen einwirken. Sinnorientierung gilt somit als das stärkste Element in der Prävention von Krisen. ist ein fundamentales Element seelischer wie körperlicher Gesundheit, besonders in Krisensituationen.