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Die Werte-Säge schärfen

Immer mehr Menschen wollen in ihrem Leben mehr Zeit und innere Ruhe finden und doch reißt sie der temporeiche Strom der täglichen Anforderungen einer rastlosen Gesellschaft immer wieder mit. Auf das Wesentliche zu schauen und nicht nur auf das Wichtige, rückt immer wieder in den Hintergrund. Und die Folge ist: Das Leben ist schwer, aber es entspricht einem nicht. Das Empfinden lautet dann: Sinnkrise.

In der Therapie fragen sich dann die Menschen: Was habe ich verfehlt, was übersehen?

Um diese Fragen zu beantworten, braucht es Entstressung. Durch eine ruhige und substanzielle Klärungsarbeit hinsichtlich der eigenen Werte. Wir haben dazu für unsere logotherapeutische Begleitung ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Wertesystem herausdestillieren lässt, das weitgehend unabhängig von Sozialisationsprozessen durch Eltern und Umwelt ist. Dieses Verfahren braucht keine große Vorbereitung, kein üppiges Budget oder ewige Therapiestunden. Aber es braucht die Bereitschaft, dem Gedankengut Viktor Frankls zu folgen, in dem der Mensch anders als in anderen psychotherapeutichen Schulen nicht reduziert wird – weder auf Triebe, Minderwertigkeitskomplexe noch auf die Einflussnahme des Unbewussten.

Und es braucht etwas, was für viele Menschen an sich heute das Schwierigste ist. Stille. Die Hektik der Zeit, das Überbrücken jeder kleinsten Pause, die Dauerzerstreuung erschweren die Werteklärung immens. Wer es nicht schafft, das Beeinflussungspotenzial moderner Medien hinreichend zu dämpfen, wird nicht die innere Stimmen hören können, die es braucht, um sich seiner Werte bewusst zu werden. Wie der Einzelne dies schaffen kann, steht daher für uns am Anfang der Prozessarbeit – ohne eine solche Vereinbarung ist der Prozesserfolg gefährdet, und das wollen wir nicht.

Ist das Wertesystem geklärt, dann ist die individuelle ‚Säge‘ wieder scharf. Ohne diese Klärung stumpft sie ab, Entscheidungen, Handlungen und Verhaltensiweisen werden immer diffuser und der Mensch versteht sich selbst nicht mehr.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Werteklärung? Jetzt! Aber allemal bestmöglich nicht erst dann, wenn eingetreten ist, was die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in ihren Stressreports seit Jahren beständig veröffentlicht: mehr als 50% der befragten Berufstätigen arbeiten unter starkem Termin- und Leistungsdruck, ebenso viele haben Rückenschmerzen, jeder
Dritte regelmäßig Kopfschmerzen, jeder Vierte Schlafstörungen, jeder Fünfte deutliche Anzeichen massiver Erschöpfung. Wer seine Werte erst dann klärt, wenn sein ‚Profil‘ abgefahren ist, braucht mehr Aufwand, um sich für diese Arbeit zu stabilisieren und in die Stille zu kommen.

Blockaden im Sinnerleben

Leben Menschen in Bedingungen, die in ihnen Hilflosigkeitsempfindungen, Abhängigkeiten, Ohnmachtsgefühle, Selbstwertzweifel o.a. Phänomene bewirken, die jedoch nicht mit einer grundsätzlichen Frage nach dem Sinn im Leben stehen, dann sprechen wir von einer Sinnleere, sondern einer Richtungslosigkeit der eigenen Motive. Ein Mensch kann also den gegenwärtigen Sinn seinem Leben sehr wohl ausgemacht haben [z.B. eine berufliche Lehre zu beginnen, um als Gärtner
Menschen, die empfänglich sind für florale Ästhetik, in deren Wohnumfeld zu erfreuen], doch erlebt er die damit verbundenen bürokratischen oder zwischenmenschlichen Prozesse als derart hindernd, dass er in eine Demotivationsspirale gerät, die ihm den Blick auf das Sinnvolle erschwert und nach und nach in das Empfinden von Sinnverlust führen kann.

Es ist oft in Therapie und Coaching zu beobachten, dass Menschen ihre Absichten, etwas als sinnhaft Geklärtes, nur deshalb nicht in die Handlung führen, weil sie Einschränkungen anderer Art zulassen, die das Sinnhafte quasi diskreditieren. „Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich ja, aber …“ Sinnbremsen dieser Art können darin liegen, dass man glaubt, über ein zu geringes Maß an Kompetenzen zu verfügen oder dass man meint, mit einem erfreuenden Einstieg ins Berufsleben andere Familienmitglieder, die einen solche Bezug zum Arbeitsleben nicht aufgebaut haben, vor den Kopf zu stoßen … oder

– dass man meint, gegen bestimmte Obrigkeiten, Mächte, Strukturen usw. das als Sinnvoll erachtete deshalb nicht durchsetzen zu können, weil sich einzubringen oder sich mit einer Sache mit ganzem Herzen einzusetzen, als unerwünscht empfunden wird;

– dass man meint, das als Sinnvolles erkannte könnte womöglich doch nicht sinnvoll sein, weil man ja bislang ’nichts besonderes zu Wege gebracht hat‘, ‚andere sicher nicht auf einen warten, wenn man mit diesem Gedanken kommt‘, ‚weil man nicht intelligent genug sei und der erkannte Sinn wohl doch eher eine Fata Morgana sei“

– dass man meint, durch bei anderen wahrgenommenes Desinteresse, Ignoranz, Lethargie etc. einen Hinweis dafür zu erhalten, ‚doch besser die Finger von der Sache zu lassen‘. Auch die abwertend formulierte Zuschreibung, wohl ein ‚Gutmensch‘ zu sein, kann zu einer Demotivation des durchaus als sinnvoll erkannten führen;

– dass man meint, das als sinnvoll Angesehene könnte nicht zu sinnvollen Zielen und sinnvollen Maßnahmen heruntergebrochen werden, weil man ja bislang von ‚keinem Mensch nach diesem Sinnhaften gefragt wurde‘

Hindernisse wie diese hören wir immer wieder in Therapie- und Coachinggesprächen und könnten dazu verleiten, das sinnzentrierte Arbeiten zu verlassen und mit dem Menschen stärker vergangenheitsorientiert [warum sehen Sie sich so, wie hat Ihre Familie Sie geprägt, ….] zu arbeiten. In meiner Praxis habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, Patienten und Klienten darauf aufmerksam zu machen, dass in einem logotherapeutischen Arbeitsprozess die Vergangenheitsreflexion ’so viel wie nötig und so wenig wie möglich‘ erfolgt und ich in meiner Rolle meinen Gesprächspartner nicht ‚zum Sinn zwinge‘, ich in meiner Prozessverantwortung jedoch darauf achte, dass er ’sich selbst nicht um den von ihm erspürten Sinn in seinem Leben bringt‘, indem er seinen Blockaden mehr Bedeutung beimisst als seinen Möglichkeiten. Ich mache dabei transparent, dass dabei für mich das gute alte Pareto-Prinzip gilt, das in diesem Kontext besagt, dass mit 20% der verhaltenstherapeutischen Zeit bereits 80% der mit Vergangenheitsaspekten verbundenen Erkenntnisse gewonnen werden können. 80% der Zeit verbleiben so im Sinne der sinnzentrierten, nach vorne auf ein gelingendes Leben gerichteten Arbeit,

 

„Vertigo! Hilflos in der Welt der Macht.“ Dokumentation eines ManagerCoachings bei einer Sinnkrise

Eberhard Exner steht für Exekutive und Exekution. Nicht ohne Grund steht er nun auf dem Gipfel seiner Karriere und in der Organisation ganz oben. An sich wäre dieser Erfolg nun eine Möglichkeit zur Freude, doch es kommt ganz anders. Seine Frau fühlt sich bereits seit längerer Zeit nur noch als fünftes Rad am Wagen und das lässt sie ihn nun spüren. Konsequent exekutiert sie ihren Ausstieg aus dem Familiensystem, zieht mit den drei Kindern aus und in ihre norddeutsche Heimatstadt, um fortan das zu tun, was man wohl Rosenkrieg nennen würde. Herrn Exner trifft das alles sehr. Einige Monate versucht er zu retten, was zu retten ist, doch seine Frau bleibt hart. Und als wäre das nicht genug, stirbt in dieser Zeit zuerst sein bester Freund, mit dem er sich stets gut auszutauschen pflegte, an einer schweren Infektionskrankheit. Und dann stirbt seine Vorstellung einer beruflich ambitionierten Zukunft. Der Vorstand seines Mutterkonzerns wechselt und der neue Besen kehrt sehr gut und ihn aus der erst so jungen Gesamtverantwortung. Im Zustand einer tiefen Verunsicherung raten ihm Freunde, sich helfen zu lassen. Sich selbst, der sich bisher als unerschütterlich interpretierte, unterstützen zu lassen, wirkt für ihn wie ein GAU in seinem Leben. Etwas widerwillig stimmt er zu – für einen Coachingprozess mit Sinn und Verstand. Weiter mit Fallbeschreibung