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Suizid – Wissen für den Alltag

Nach wie vor geistert der Mythos herum, dass Menschen, die vom Suizid sprechen, ihn nicht begehen. Der Wirklichkeit kommt eher nahe, dass gut 3/4 aller Suizidanten diesen zuvor, zuweilen auf subtile Weise ankündigen und damit der Umwelt die Chance geben, ihnen zu helfen. Sätze wie: „Es wäre wirklich das Beste, ich wäre nicht mehr da.“ oder „Ich werdet Euch noch umschauen, wenn Ihr Euer Projekt eines Tages einmal alleine fertigstellen müsst.“ …. – aber auch konkrete Handlungen wie auf ungewohnte und unangekündigte Weise damit zu beginnen, alle möglichen Sachen im Haushalt zu ordnen oder eine Tournee zu allen möglichen Freunden zu unternehmen, können Hinweise auf eine suizidale Stimmung sein.

Ein anderer Mythos meint, dass der, der sich wirklich umbringen will, nicht aufzuhalten sei. Das ist so auch nicht richtig, denn die meisten Suizide werden im Rahmen von akuten Krisen durchgeführt. Würde angemessen unterstützt, die Krise zu überwinden, dann könnte damit auch eine Lebensrettung verbunden sein. Jedoch, nicht immer werden die Krisen anderer, auch naher Menschen, wahrgenommen, passend gedeutet und thematisiert.

In der Krisenberatung stellen wir uns diese Fragen:

  • Gehört die betroffene Person einer Risikogruppe [Mensch in Beziehungskrise, Situation nach schwerem Verlust, Belastung durch Kränkungen und Beschämung, Überforderungen in der Familie, Schule, Arbeit] an?
  • Worin genau besteht die aktuelle Belastungssituation?
  • In welcher Phase steht die Person: Erwägung des Suizids – Abwägung und Ambivalenz – Entschluss [dieser zeichnet sich aus durch eine abrupte Beruhigung der Situation, indirekte Ankündigungen und Vorbereitungshandlungen wie zum Beispiel Testament schreiben, Medikamente sammeln]?
  • Gibt es in der Familie eine Suizidhäufung?
  • Inwieweit ist die suizidale Entwicklung fortgeschritten?
  • Werden konkrete Suizidgedanken geäußert?
  • Inwieweit erscheint die Person im Gespräch gedanklich eingeengt?
  • Entsteht das Gefühl, die betroffene Person emotional nicht mehr zu erreichen?

Dem Umfeld empfehlen wir:

  • Sprechen Sie Ihre Wahrnehmungen an und benennen Sie Ihre Gefühle der Person gegenüber.
  • Vergeuden Sie keine Zeit, sondern konfrontieren Sie die Person mit einer Unterstützungsleistung, die dem Menschen Hoffnung machen kann.
  • Holen Sie sich eigene Unterstützung durch einen Psychologen in Ihrer Nähe.
  • Vermeiden Sie vorschnelles Trösten, Appelle, Belehrung, argumentierendes Diskutieren, Herunterspielen der Situation.
  • Nehmen Sie Provokationen nicht persönlich, lassen Sie sich nicht durch Bagatellisierungsversuche einlullen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, mit der Person die aktuelle Situation genau zu beleuchten. Suchen Sie nicht nach Veränderungsmöglichkeiten [Sie können davon ausgehen, dass das die Person längst alles hinter sich hat].

Ein wenig Rat aus der KrisenPraxis

Heute war ein junge Frau in unserer Praxis, deren Freund vor einiger Zeit eine Selbsttötung vorgenommen hat. In der Akutphase berichtete sie, habe sie ihre Gefühle und Gedanken einzig ihrer Familie und Freunden anvertraut. Jetzt seien ihr und ihrem Umfeld aber Veränderungen in ihrer Persönlichkeit aufgefallen, und darum suche sie jetzt nach einer Begleitung, „um wieder ins Lot zu kommen“.

In unserer Krisenpraxis arbeiten wir dabei zuerst heraus, ob und in welchem Grad die Klientin in einer Krise steckt. Ist sie in psychischer Not? In welcher Weise besteht Handlungsbedarf? Womit plagt sich die Klienten am meisten? Ihren Freund können wir nicht zurückholen, aber wir können am Leid, am Empfinden von Schuld oder Scham, an Ängsten und an Trauer arbeiten. Je nach dem, wie sich die Klientin im Verlauf stabilisiert, erweitern wir das Spektrum der Handlungen, die sie umsetzen kann, um von ihren Blockaden wegzukommen. Denn – so sachlich dies auch klingen mag – am Ende aller Prozessarbeit steht für uns eine Handlung, die auf der Haltung aufbaut, ein Recht auf ein gelingendes Leben zu haben und dafür frei und verantwortlich einstehen zu können.

Die Klienten sprach über ‚lähmende Angst‘ und die ‚Ablehnung gemeinsamer Mahlzeiten im Familien- oder Freundeskreis‘. Sie würde sich verkriechen und ihren negativen Gedanken freien Raum lassen. Ob denn das normal sei?

Dass Menschen in solchen Situationen erstarren und in tiefe Löcher fallen können, sind völlig ’normale‘ Reaktionen auf ‚unnormale‘ Situationen. Um sich ihnen nicht schutzlos auszusetzen, braucht es Gegenstrategien. Der Klientin war einsichtig, dass die Situation wie in einem Sportstudio auf sie wirkt – sie liegt auf der Matte und über ihr die Hantelstange mit – in ihren Gedanken – viel zu schweren Gewichten. Um diese Last zu stemmen, braucht es eine deutliche Gegenkraft. Diese muss der Klient fühlend wahrnehmen und dazu haben sich extreme scharfe Gewürze ebenso bewährt, wie laute Musik, eiskaltes Wasser oder auch schnelles Treppenlaufen. Auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich, aber bewährte Methoden, um einen Menschen wieder in sein Selbstgespür zu führen. Erlebt sich der Mensch wieder selbstwirksam und handelnd, findet er zu seiner Kontrolle zurück. Mit der Klientin wird wohl in diese Richtung gearbeitet werden.

Gut ist, dass die Klientin ein sie wärmendes Umfeld hat, das auf sie achtet. Hat man in seinem Umfeld einen Menschen, der offenbar eine schwere Belastungssituation erlebt, so sollte man immer versuchen, diese dadurch zu lockern, indem man keine Scheu hat, den Menschen interessiert und durchaus auch neugierig nach dem zu fragen, was ihn umtreibt. Trost, Heiterkeit oder allzu gut gemeinte Empathie sind weniger passende Angebote, vielmehr sollte alles getan werden, um herauszufinden, was der Betroffene zu tun gedenkt, wer im Tagesverlauf bei ihm ist, was er in den kommenden Tagen erledigen muss. Immer wieder ein Zeichen zu setzen, dass das Leben weitergeht, ist eine hilfreiche Unterstützung. Also so pragmatisch wie möglich sein, nicht zuviel über das Warum und Wieso nachfragen, sondern zum passenden Moment die Empfehlung geben, sich von therapeutischer Seite unterstützen zu lassen: Nicht mehr kann aber auch nicht weniger sollte getan werden, um dem betroffenen Menschen Halt zu geben.