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Vorsicht Arzt

In den USA starben 2013 mehr als 250.000 Menschen an den Folgen von Ärztefehlern. Dabei wurden nur Krankenhausärzte berücksichtigt. Mehr Tote gab es nur durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

„Menschen sterben wegen Kommunikationsproblemen, einer zersplitterten Gesundheitsversorgung, Diagnosefehlern, Überdosierungen oder vermeidbaren Komplikationen“, meint Martin Makary, der die Studie der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore anleitete. Und er eht davon aus, dass sich dieses Verhältnis auch auf andere Industrienationen übertragen lässt.

„Einem Menschen, der sich ein unverbildetes Gemüt und einen gesunden Menschenverstand bewahrt hat, will es nicht einleuchten, dass mit dem Tod eines Geliebten alles aus sein soll. Es will uns nicht eingehen, dass der Mensch ein Wesen sein soll, das von einem Tag zum anderen ‚da ist‘, und dann siebzig oder achtzig Jahre später, ebenso von einem Tag zum anderen nur ein Kadaver, ein Leichnam ist.“

„In der echten Liebe liebt immer die eine geistige Person die andere geistige Person. Nicht mein Organismus liebt einen anderen psychophysischen Organismus, sondern durch den Organismus hindurch, liebt da ein ‚Ich‘ ein ‚Du‘. In der echten Liebe ist der Liebende über die Leiblichkeit des Geliebten hinaus und somit ist er auch über dessen Sterblichkeit hinaus. In der Trauer aber lebt die Liebe weiter.“

Viktor Frankl

Umgang der Kinder mit Tod – 5

Dem Gespräch mit einem Kind oder Jugendlichen über den Tod, sollte nicht ausgewichen werden. Dabei stehen einer fürsorglichen Aufklärung, die das Alter, die Ich-Stärke, den gesundheitlichen Status und die Reife berücksichtigen, die Gedanken und Bilder des Kindes oder Jugendlichen gegenüber. Für die Entwicklung dienlich ist es, das eigene Bild von Sterben und Tod offen zu halten für die Einwände des jungen Menschen. Allemal passend ist es, bei einem konkreten Todesfall über die Todesursache des Verstorbenen zu sprechen, so dass gerade Kinder in jungen Lebensjahren den Tod nicht mit ihrem eigenen Verhalten in Verbindung bringen.

Als praktikabler Wegweiser für die Frage, wann auf eine externe, psychologische Unterstützung eines Kindes oder eines Jugendlichen zurückgegriffen werden sollte, kann diese Übersicht dienen. Hier gilt, dass eine solche Hilfe insbesondere dann genutzt werden sollte, wenn zwei oder mehr Kriterien zutreffen:

– Lebensalter unter 6 Jahren, wenn Eltern oder ein Elternteil stirbt
– Wechsel der Schule des Kindes
– Wechsel des Wohnortes nach einem Todesfall
– Pathologische Trauer bei der oder den Bezugspersonen des Kindes
– Auffällige Hochstimmung des Kindes beim Tod eines Elternteils
– Starke körperliche Bindung zum lebenden Elternteil
– Plötzlicher und unerwarteter Tod oder Unfalltod
– Tod der Bezugsperson nach über sechsmonatiger Krankheit
– Tod der Bezugsperson in einem Einsatz bei der Bundeswehr
– Zwei oder mehr Todesfälle in kurzen Abständen
– Zeitlich nahe Todesfälle im Freundeskreis des Kindes oder Jugendlichen
– Finanzielle Notlage nach einem Todesfall mit Auswirkungen auf das Kind
– Vor dem Todesfall bereits bestehende psychische Belastung des Kindes
– Mädchen, deren Mutter bei der Geburt eines Kindes, durch Gebärmutter- oder Brustkrebs starb
– Junge, dessen Vater in der Zeit seiner Pubertät starb

 

Umgang der Kinder mit Tod – 4

Um elf Jahre herum nimmt der Bezug zum Tod stark ab, um dann mit der Pubertät wieder deutlicher zu Tage zu treten. Die Vorstellungen über Tod und den vorangegangenen Sterbeprozess sind konkret mit Wissen unterlegt und je nach sozialem Umfeld und Milieu werden als Ursache für den Tod natürlich oder auch unnatürliche Gründe reflektiert.

Mit der Pubertät erkennen Kinder und Jugendliche die Zusammenhänge des Todes und haben ihn in das Verhältnis zu ihrem eigenen Leben gestellt. Treten in dieser Phase Todesfälle im sozialen System auf, dann kann ein Rückfall in kindliche Interpretationen beobachtet werden.
Die Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod nehmen entwicklungsbedingt im Verlauf der Pubertät zu, meist einhergehend mit ihrer Einbindung in andere Kontexte wie Liebe, Sexualität, Hoffnung, Zukunft, Angst und das Verhältnis zu den eigenen Bezugspersonen. Bleibt der Jugendliche in dieser Zeit ohne Raum für das Gespräch über seine Gedanken und Empfindungen, sucht er sich oftmals andere Antwortquellen. Bleiben diese unreflektiert stehen und gewinnen sie Einfluss auf die Identitätsentwicklung des Jugendlichen, können sie letztlich zu Verhaltensmusters führen, deren Fortbestand sich in einem destruktiven Selbst- und Zukunftsbild zeigen.

Auch aus diesen Gründen darf angenommen werden, dass sich das auf die jeweilige Entwicklungsstufe des Kindes bezogene Gespräch und ein über alle Gespräche hinweg konsequent für das Kind und den Jugendlichen wahrnehmbarer, aber nicht ideologisch gefärbter ‚roter Gesprächsfaden‘ als günstig erweist. Das Thema ‚Tod‘ ist folglich nicht mit ‚einem Mal erledigt‘. Dazu jedoch ist die Selbstaufklärung von Eltern und Erziehern, ihr eigenes Bild vom Sterben und vom Tod und die Reflexion ihrer eigenen Ängste und Glaubenssätze erforderlich.

Umgang der Kinder mit Tod – 3

Ab dem sechsten Lebensjahr beginnt nun etwas Neues – die Verbindung der Situationen, die Tod erzeugen, mit ihren Emotionen. Es entsteht Mitgefühl – zum Beispiel, wenn ein Schulkamerad über den Tod eines ihm nahen Menschen spricht. Das Bild des Finalen wird dem Kind in diesem Alter immer klarer, auch, wenn sie dies weiterhin nur auf andere projizieren.
Zuweilen findet sich in den kindlichen Gedanken die Zuschreibung des Todes auf eine wesenhafte Gestalt, sei es, dass der Tod in Form eines Skeletts oder eines Engels angesehen wird, die die Aufgabe haben, das Böse oder Freche zu holen. Dagegen jedoch kann sich das Kind in seiner Vorstellung schützen, es muss dann entweder brav oder schlauer sein.

Mit dem Schuleintrittsalter gewinnt das Kind mehr Interesse daran, was nach dem Tod geschieht und sie erfahren, dass es viele Ursachen für ihn gibt. Die Möglichkeit des Todes von Vater und Mutter wird konkret, auch können sich in diesem Alter erstmals Todeswünsche gegen Mitglieder der Familie zeigen oder Kinder deuten an, dass sie bei dieser oder jener Person sein wollten, wäre Papa oder Mama tot. Mit dem siebten Lebensjahr gewinnt das Kind ein Zeitbewusstsein, es erinnert Todesfälle und die mit dem Tod verbundene Symbolik rückt ins Interesse. Weiterhin wird das vielleicht aufkeimende Gespür, dass man selbst auch tot sein wird, ausgeblendet. Ab acht oder neun Lebensjahren wissen Kinder, dass jeder Mensch einen Tod erfährt, auch man selbst. Damit gewinnen Bilder an Bedeutung, die das Kind sich über den eigenen Tod macht. Es zeigt Interesse an dem, wie der Tod eintritt und was nach dem Tod passiert, wenngleich die – in diesem Alter auch bereits grob bekannten – Vorgänge, die der Körper nach dem Tod vollzieht, meist noch nicht verarbeitet werden können.

Umgang der Kinder mit Tod – 2

Kinder im Vorschulalter interpretieren meist den Tod als etwas Vorläufiges. Oft vergleichen sie ihn dabei mit dem Schlaf oder dem Weggehen und Wiederkommen. Eltern, die in dieser Phase zum Beispiel das Futter für ein verstorbenes Tier nicht bereitstellen, können dafür von ihren Kindern kritisiert werden, denn ‚der Hase ist ja nur für kurze Zeit im Himmel und bald wieder da‘.

Tod als endgültige Trennung verstehen zu sollen, führt Eltern meist dazu, diese schmerzhafte emotionale Erfahrung von Entbehrung ihrem Kind ersparen zu wollen. Dafür gibt es plausible Gründe, denn oft machen sie früher oder später die Erfahrung der Verlustangst, die Kinder entwickeln, wenn sie meinen, dass sie von ihren Eltern verlassen werden könnten. Meist endet diese Angst bis zum achten Lebensjahr und wird in dieser Zeit besonders durch Todesfälle im Umfeld des Kindes geschürt. Die Herausforderung für Eltern besteht fraglos in dieser Zeit darin, einem Kind den Unterschied zwischen Zeitweiligem und Endgültigen zu vermitteln.

Der Versuch, das Endgültige zum Beispiel mit dem ‚Himmel‘ zu mildern, führt bei Kindern im Vorschulalter nicht automatisch zur erhofften Entlastung, denn ‚wenn Oma im Himmel ist, dann kann sie ja auch wiederkehren. Und tut sie es nicht, bin ich als Kind vielleicht Schuld daran, dass sie wegbleibt ….“  Zusätzlich erschwert wird diese ‚Aufklärung‘, wenn das Kind medial erlebt, dass soeben in Stücke Gefetztes im nächsten Moment wieder auf dem Bildschirm erscheint. Tod bekommt damit den Status eines ‚Vorübergehenden‘ und eines ‚Zufalls‘ – lebendig bleibt aus dieser Sicht, wer aufpasst. Da Kinder erleben, dass man auf sie aufpasst, ist der Gedanke naheliegend, dass ‚auf Oma nicht genügend aufgepasst wurde, denn sonst wäre sie ja nicht im Himmel. Und wenn sie zurückkommt, dann muss man auf sie besser achten‘.

Ein weiteres Phänomen in diesem Alter besteht darin, dass Kinder ihren eigenen Tod nicht thematisieren. Er ist nur bei anderen möglich. Diese Sicht wird auch dadurch bestärkt, wenn das Kind durch das Töten von Insekten ebendiese Erfahrung macht.

Umgang der Kinder mit Tod – 1

Aus gut gemeintem Schutz des Kindes vor Lebensthemen, von denen Eltern oder Erziehende meinen, dass diese ‚zuviel‘ für das Kind seien, scheuen sie sich, über den Tod zu sprechen – insbesondere dann, wenn er bei einer nahe stehenden Person eingetreten ist. Jedoch ist eine pauschale Zurückhaltung bei diesem Thema nicht anzuraten, denn Kinder haben je nach Alter durch bereits ein für sie reales Verständnis von Leben und Tod.

Kindliche Bilder und Vorstellungen von Tod sind als dynamischer Prozess zu verstehen, und auch bei Kindern im Vorschulalter sind Gedanken an den Tod durchaus gängig und für die Entwicklung wichtig. Die ersten Impulse des Kindes kommen durch ‚Sterbeprozesse‘ in der Natur, bei Pflanzen und Tieren, und in der Folge durch Verlust- und Trennungserfahrungen. Das Kind erlebt, dass eine Person nicht verfügbar ist, dass ein Gegenstand nicht mehr da ist, dass bestimmte Formen der Nahrungsaufnahme [Brust, Flasche] nicht mehr gegeben wird. Auch der Umgang, insbesondere seiner Eltern mit dem nicht mehr Lebendigen, prägt das Kind.

Das Interesse an der Auseinandersetzung mit Lebendigem und Unbelebten schwankt. Von Jean Piaget und seinen Forschung der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass Kinder ab etwa dem dritten Lebensjahr beginnen, als ‚lebendig‘ zu verstehen, was aus seiner Sicht nützlich und aktiv ist. Dabei beobachtet es natürlich die Menschen um es herum und deren Verwendung der Dinge oder den Umgang mit anderen.  Ab sechs Jahre gilt vornehmlich das als ‚lebendig‘, was in Bewegung ist. Sich bewegende Blätter am Baum müssen aus diesem Verständnis ‚belebt‘ sein, bewegen sie sich nicht, können Kinder ein Blatt als ‚unbelebt‘ ansehen. Mit acht Jahren wandelt sich diese Interpretation insofern als das Kind den Unterschied zwischen eigener und von außen zugefügter Bewegung machen kann. Eigenbewegung eines Objektes ist nun Zeichen der Lebendigkeit. Ab 11 Jahre wird Lebendigkeit dann nur noch Lebewesen zugeschrieben.

Sinnfrage und Sterbehilfe

Nach dem Sinn im Leben, nach seiner Existenz und nach dem Sinn seiner Existenz fragen zu können, ist eine spezifisch menschliche Fähigkeit. Derzeit befindet sich unsere Gesellschaft in einer intensiven Debatte rund um das Thema Sterbehilfe. Die Perspektiven spiegeln personale Ethik wider, berühren Fragen der Verantwortungsübertragung, nehmen rechtliche Aspekte ins Visier und zeigen das jeweils individuelle Menschenbild des jeweiligen Autors und Redners auf.
Was der Gesetzgeber zu klären und regeln versucht, wird eines Tages zu einem neuen Verständnis der Möglichkeiten führen, seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu machen.

Davon aber ganz unberührt bleibt die Frage nach dem Sinn im Leben im Einfluss von Leid, Schmerz oder Alter. Diese Frage kommt vor der Frage, wie das Leben zu beenden sei. Wird der Sinn in Frage gestellt, wird die Tür zum Lebensende weit geöffnet. Gerade in diesen existenziell kritischen Situationen kann der Mensch weiterhin Sinn finden, wenn er offen bleibt für die Aufgaben, die das Leben ihm stellt und deren Erfüllung nicht ihm selbst zugute kommen.

Das ist nicht leicht, wenn zum Beispiel eine schwere Pflegebedürftigkeit dazu führt, dass ein Mensch plötzlich und unvorbereitet in ein Heim übersiedeln muss. Fremde Hilfe zuzulassen, eine vertraute Umgebung aufzugeben, womöglich das alles im Zustand des Alleinseins – dieser Wandel mit damit einhergehenden Erwartungen an das Verhalten der Person, kann ein extremes Krisenempfinden bewirken. Der Grund liegt dabei in der Regel in einem Wertesystem, dessen Passung auf die neuen Bedingungen nicht gegeben ist und dessen An-Passung präventiv nicht vollzogen wurde. Gerade Menschen mit Werten aus den Kontexten Freiheit und Autonomie, Vorsicht und Distanz u.a. tun sich bei einem solchen Wechsel schwer. Kommen nun ein Nicht-mehr-gebraucht-werden, fremde Menschen, eigene Schmerzen usw. dazu, liegt nahe, sich die Frage zu stellen, wie das Leben zu beenden sei. Es ist heute anzunehmen, dass weit mehr Menschen sich die Frage heute vorlegen, als dass sie diese konkret mit ihrem Umfeld thematisieren. Die Angst, andere zu belasten, als schwach oder einer Therapie oder Fremdbetreuung bedürftig angesehen zu werden oder schlicht das Unwissen, mit wem eine derartig existenzielle Sorge auf Augenhöhe überhaupt besprochen werden kann, führen nicht selten zum Schweigen.

Aus sinnzentrierter Sicht strebt der Mensch solange er lebt, ob bewusst oder unbewusst, nach Sinn.
Um diesen Satz im Kontext eines Menschen, der krankheitsbedingt nicht mehr zu Erinnerungen, Regungen oder Äußerungen imstande ist, zu konkretisieren: Für die Logotherapie können Körper sowie Fühl- und Denkfunktionen erkranken. Die geistige Dimension des Menschen jedoch ist per se gesund. Im Menschenbild der Logotherapie verliert der Mensch nie seinen Sinn im Leben – wird einem erkrankten Menschen von Angehörigen abgesprochen, dass ’sein Leben angesichts der Aussichtslosigkeit der Situation nun doch sinnlos sei‘, wird dann ein Deutungsfehler begangen, wenn diese Bewertung der Angehörigen entweder auf der Basis ihres eigenen Wertesystems oder ihres Mitleids vorgenommen wird oder wenn sie das Leben des Betroffenen aus ihren eigenen Erlebnissen mit ihr heraus interpretieren, ohne dass es über die Werte des Betroffenen jemals ein tiefgängiges Gespräch gegeben hat. Ohne die Wertehaltung des Betroffenen konkret vor Augen zu haben, ist die Beurteilung, der Mensch habe keinen Sinn mehr im Leben, eher ‚leicht-sinnig‘. Auch der vorgetragene Wunsch eines Menschen, angesichts von Leid oder Schmerz sterben zu wollen, bleibt solange ‚frag-würdig‘, bis der Mensch hat deutlich machen können, keinen seiner Werte mehr verwirklichen zu können. Die Alltagspraxis zeigt, dass Gespräche in dieser Richtung kaum stattfinden – sie zu führen, gehört meist auch nicht zum Standardrepertoire einer ’normalen‘ Person. Sinnzentriert arbeitende Therapeuten, Seelsorger oder Pädagogen haben hier ihre methodisch bewährten, kommunikativen Zugänge.

Was hier als Arbeitsrahmen der Logotherapie skizziert wurde, reibt sich – wir wissen es – mit dem Dilemma, vor dem Menschen stehen, die der Frage ausgesetzt sind, einen Beitrag dafür zu leisten, um eine Person sterben zu lassen. Wir glauben auch nicht, dass die Gesetzgebung dieses Dilemma aufheben kann, sie kann lediglich den Rahmen schaffen, in dem Verantwortungsübernahme von Angehörigen und Ärzten legal bleibt. Jedoch – kein Paragraf wird ein wesentlich höheres Gut ersetzen können, auf das es in solchen extremsten Entscheidungen ankommt. Auf das Gewissen.