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Viktor Frankl: Eine Tragödie in einen Triumpf verwandeln

Frankls Menschenbild ist geprägt von Geist, Sinn, der Freiheit gegenüber allen Bindungen und der Freiheit des Geistes gegenüber der Natur. Für ihn kommt der Mensch in seinem Bezug zur Welt über sich selbst hinaus und er kontert damit die zeitgenössische Vorstellung, die Person zur triebhaften Sache machen zu können. „Das ausgehende 19. Jahrhundert und das beginnende 20. Jahrhundert haben das Bild des Menschen insofern völlig ver­zerrt dargestellt, als sie den Menschen vorwiegend in seiner vielfältigen Gebundenheit sehen ließen und damit in seiner vermeintlichen Ohnmacht gegenüber den Bindungen.“ [1]

Die Akzeptanz dieser ‚Ohn-Macht‘, dieses Pointieren von Triebfülle und dieses Nichtwahrnehmen von Sinnleere mag Frankl für die Psychotherapie nicht hinnehmen. Und vehement kritisiert er dabei Freud [und dessen auf der seinerzeit herrschenden Lehre des – von August Comte begründeten – Positivismus beruhenden, alles Transzendente abweisenden Hal­tung], der einen Menschen als krank wähnt, der die Frage nach Sinn und Wert des Lebens fragt.

Über den ‚gelehrten Nihilismus‘ wie Frankl die psychodynamisch-reduktionistische Auffassung Freuds ansah, so zeigt sich für ihn der ‚gelebte Nihilismus‘ durch das Krisenerleben des Menschen in Form einer inneren Leere, abgründigen Sinnlosigkeit, dem Verlust von Instinktsicherheit, dem Entgleiten der Geborgenheit in Traditionen – förmlich dem Verlust der aus seiner Sicht ‚gesunden‘ Frage nach dem Sinn. Ein Verlust, der zudem dadurch in seiner Wirkung verstärkt wird, da „in der Wohlstands- und Überflußgesellschaft weite Bevölkerungsschichten zwar Geldmittel [haben], aber keinen Lebenszweck; sie haben genug, wovon sie leben können, aber ihr Leben hat kein Wozu, eben keinen Sinn.“ [2]

Und doch kann der Mensch aus einer Tragödie einen Triumpf machen:
Youtube: Viktor Frankl

 
 

[1]  Frankl, V. E. [2005]: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Zehn Thesen über die Person. Wien: Deuticke, S. 58 f.

[2]  Frankl, V. E. [2005b]: Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. 3. Aufl. Bern: Huber, S. 43

 

Der Sinn- und Transzendenzbegriff in der Sinntheorie Viktor Frankls

Viktor Frankl macht in seiner Sinntheorie einen Unterschied zwischen dem Sinn des Lebens und dem Sinn im Leben. Wenn er sagt: „Der Mensch ist immer schon ausgerichtet und hingeordnet auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz“ [1] , so verweist er mit diesem Satz zum einen auf einen Grundpfeiler seiner Theorie, der den Sinn als grundsätzlichen ‚Lebenssinn‘ als für den Menschen zwar nicht erfahrbar, aber als per se und jederzeit gegeben ansieht. Und zum anderen auf den ‚Sinn im Leben‘, den der Mensch findet, indem er jede Situation durch Verwirklichung seiner Werte gestaltet.

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