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Der Verantwortungsvolle …

… geht auch mit einem Problem handelnd um, das er erst halbwegs als solches erkannt hat – und nicht darauf wartend, bis es – völlig klar geworden – zur Gefahr für alle geworden ist.

 

Verantwortung – eine hoher Wert im Krisenkontext

Es klingelt, der Postbote bringt die aktuellen Kontoauszüge. Ein Blick genügt: Noch gibt es keine wundersamen Transaktionen. Das beruhigt.
Vor einem Jahr war das einmal anders. Da stand auf dem Auszug plötzlich ein Habenbetrag von 13.000 Euro. Unerklärlich und durchaus schön anzusehen – aber noch funktioniert ja das Gewissen.
Ein Anruf bei der Hausbank bringt schnell die Aufklärung. Ein schlichter Nummerndreher. Ein Fehler von Menschenhand. Das kann ja einmal vorkommen. „Vermutlich wäre es dem
Absender aufgefallen, denn der Eingang wäre andernorts ja irgendwann vermisst worden“,
sagt der Auskunftgeber weiter.
Vermutlich. Irgendwann. Es gibt Worte, die erzeugen in bestimmten Situationen einen verantwortungsleeren, schalen Geschmack. Und was, wenn nicht vermutlich irgendwann?

Verantwortung zu übernehmen setzt eine aktuelle oder zukünftige Ungewissheit voraus – und eben diese ‚Ungewissheit‘ ist das Fundament einer jeden Krise. In der Krise wissen wir: Es werden Entwicklungen auftreten, die prinzipiell nicht planbar sind. Der Mensch muss mit Unsicherheiten dauernd umgehen – sind sie jedoch existenzieller Natur, dann wird es immer anspruchsvoller, ‚trotz allem‘ die eigene Verantwortung beizubehalten und ’sich nicht abzugeben‘. 

Wird in einer ungewissen Situation von einem Menschen Verantwortung übernommen, so erstreckt sie sich zudem nicht nur auf persönliche, moralisch ausgerichtete Handlungen, sondern auch auf deren Konsequenzen. Kündigt zum Beispiel eine Person aus ethisch nachvollziehbaren Gründen einen für sie nicht mehr akzeptablen Arbeitsplatz, so verantwortet sie zum Beispiel auch die Folgen, die der Wegfall des Einkommens auf die Familie hat. Oft sind Dilemmasituationen wie diese der Beginn einer Krisenspirale, deren Dynamik selbst für stark analytisch denkende Menschen zuweilen nicht mehr zu beherrschen ist. Und selbst dann, wenn absehbar wird, dass die Entwicklungen sich weiter verschlechtern, kann der Mensch seine Verantwortung nicht ablegen [oder andersherum: der Mensch kann Verantwortung nicht erst dann übernehmen, wenn für ihn absehbar wird, dass sich die Situation zum Guten wendet].

In extremo bedeutet dies: Scheitern gehört zum verantworteten Menschsein dazu. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst sein. Dies gilt auch für den Fall, dass ein Mensch sich selbst beauftragt, für jemanden oder etwas Verantwortung zu übernehmen [wie es zum Beispiel ein Freund zeigt, der einem krisenbelasteten Menschen zur Seite steht]. Wenn er sein Wissen einsetzt, damit etwas geschehe oder nicht geschehe, übernimmt er Verantwortung. Leugnet er sein Wissen, so kann er dies zwar tun, um sich einer Verantwortung zu entziehen. Solange er jedoch etwas tun kann, ist es ihm niemals möglich, sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen. Nichts anderes meint eine unterlassene Hilfeleistung, die auch derjenige zu erbringen hat, der sich zwar seiner Laienhaftigkeit bewusst ist, sich jedoch einer Situation gegenüber sieht, in der der Einäugige immer noch mehr sieht als der Blinde.

Es ist im Sinne einer Krisenprävention gut zu wissen, wo sich in den eigenen Lebenssystemen diese wichtigen ‚Einäugigen‘ befinden, die sich trotz ihrer begrenzten Sicht wohl mutig überwinden würden, einem bei einer drohende Lawine zur Seite zu springen. Wenn in den komplexen, belastenden Ereignissen diese Einäugigen wachsam bleiben, gebührt ihnen volle Anerkennung. Ohne vollständige Information, eingebunden in eigene Lebensthemen, weisen sie doch auf etwas Besonderes hin: Dass sie einen guten Grund für ihre Verantwortungsübernahme haben, dass ihre VerANTWORTung ein ‚Wofür‘ kennt. Und nicht nur ‚vermutlich, irgendwann‘.