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Wille zum Sinn

„Die innere Lebensgeschichte eines Menschen in ihrer ganzen Dramatik und sogar Tragik ist noch immer eine unvergleichlich größere schöpferische Leistung als der Roman, den jemand geschrieben hat. lrgendwie weiß jeder von uns darum, dass der Gehalt eines Lebens, dass seine Erfülltheit gleichsam irgendwo aufbewahrt bleibt“ und „der durchschnittliche Mensch sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit – aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, dass die Zeit stillstehe, auf dass nicht alles vergänglich sei, aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, dass eine Mäh- und Dreschmaschine still steht und am Platz arbeitet und nicht im Fahren, denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er – mit Schaudern – immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Innern der Maschine. So ist der Mensch geneigt, an den vergangenen Dingen nur zu sehen, dass sie nicht mehr da sind, aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind – aber er sollte sagen, vergangen sind sie, denn „einmal“ gezeitigt, sind sie „für immer“ verewigt.

Viktor E. Frankl in: Der Wille zum Sinn