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Haben Sie sich auch auf dem Gewissen?

Sind Sie frei? Wie sind Sie frei? Im Althochdeutschen wurde ‚frei‘ mit ‚einen freien Hals haben‘ umschrieben. Vielleicht ist in diesem Sinne auch ‚ungebunden‘ zu verstehen.
Aber wie soll das gehen – ‚frei und ungebunden‘ – wo jeder Mensch doch in Bedingungen lebt? Ist Freiheit nicht doch eine Illusion? Eine Gaukelei unseres Gehirns? Eine Konstruktion der Philosophie?

Jean Paul Sartre meinte einmal: „Wir sind alle zur Freiheit verurteilt“. Das klingt mühsam.
Sich als freies Wesen zu definieren und sich zu dem zu entwickeln, wer man sein will – diese Vorstellung lässt manche Menschen erschrecken. Die Gefahr, ‚auf ewig unfertig‘ zu sein, das individuelle Soll nie zu erreichen, macht Angst und stimmt unfroh. ‚Wenn ich könnte, wie ich wollte‘,
ja, dann wäre vieles anders. Wenn nur die Bedingungen nicht wären.

Kommen Bedingungen ins Spiel, dann wird es meist schwierig. Dann helfen Hinweise darauf, dass der Mensch doch immer wählen könne, auch nicht mehr weiter. Schafft doch jede Wahl-Freiheit wieder neue Bedingungen – die an sich doch nicht dem entsprechen, was wirklich gewollt ist.

So geht der Weg von der Wahlfreiheit schnurstracks in die Ohnmacht. Aber die Rettung naht – die moderne Hirnforschung sagt uns, dass wir uns da gar keine Sorgen machen müssen. Unser Gehirn regelt das schon alles. Wenn wir uns von der Illusion befreien, dass wir irgendetwas willentlich
tun, sondern zu akzeptieren lernen, dass wir determinierte Wesen sind, die ausführen, was unsere Gehirne vorgeben – ja, dann brauchen wir uns auch ‚keinen Kopf über Bedingungen zu machen‘. Dann gibt es nur eine Bedingung und die heißt ‚Gehirn‘.

Kaum ist diese Rettung formuliert, melden sich ‚Bedenkenträger‘.Der amerikanische Philosoph John R. Searle meint, er wäre über dieser Idee, das Gehirn wäre der Anfang und das Ende aller Freiheit, fast verhungert. Da fragt ihn der Ober im Restaurant, was er bestellen möchte und Searle kann nur mit den Achseln zucken: „Mein Gehirn hat mir noch kein Signal geschickt.“ Streng genommen würde das Gehirn hier den eigenen Untergang vorbereiten, wäre da nicht eine andere Instanz, die noch über dem Verstandesgeist liegt und den ‚mentalen‘ Prozessen voraus geht. Diese Instanz nenne ich mit Viktor E. Frankl das ‚Sinn-Organ‘, das Gewissen.

Das Gewissen ist der [spiritus]-Direktor unseres ‚Gehirngeistes‘, es ist der potenzielle Wegweiser für unsere Gedanken. Und so ist die Freiheit für mich im Kern Gewissensfreiheit. Dieser Freiheit folgen alle anderen ‚Freiheiten in Bedingtheiten‘. Ich habe mich auf dem Gewissen. Es ist das Fundament meiner Freiheit. Bin ich mit meinem Gewissen im Reinen, dann bin ich frei. Ist mein Sinn-Organ intakt, dann bin ich frei. Und so will ich Sartre antworten: Wir sind alle vom Gewissen angerufen, und ich hoffe, die Leitung ist frei.

Gehirngeist und das Geistige

Frankl betrachtet die Person als ‚unteilbar‘ in ihrer körperlichen, ihrer psychischen und ihrer geistigen Dimension. Diese drei Dimensionen sind ihrerseits auch nicht verschmelzbar, alle drei machen in ihrer Ganzheit die Person aus.

In der Sinntheorie Frankls nimmt dabei die geistige Dimension eine einzigartige Stellung ein, denn sie darf nicht verwechselt werden mit dem, was im Gehirn als ‚Denkprozess‘, ‚Kognition‘ oder ‚Verstandesleistung‘ messbar ist.

‚Kognition‘ und ‚Emotion‘ sind die beiden Grundpfeiler der psychischen Dimension. Der Mensch denkt und fühlt und zusammen mit seiner Körperlichkeit steht er auf einer Stufe mit dem Tier. Mit seiner geistigen Dimension jedoch vermag er sich seinem Psychischen und Physischen entgegenzustellen: jederzeit, dynamisch und ‚höchstpersönlich‘.

Metaphorisch können wir das Geistige ansehen als die Antenne, mit der der Mensch die Fragen empfängt, die sein Leben ihm stellt und auf die er zu antworten hat. Diese ‚Geistes-Antenne‘ ist per se gesund, auch und gerade dann, wenn der Körper oder die Psyche eine Erkrankung haben. Das, was sich in Form von Lebensfragen dem Menschen stellt, nennen wir Sinn. Wie gesagt, es sind die Fragen, die das Leben stellt. Nicht die Fragen, die der Mensch seinem Leben stellt und die ihre Heimat im ‚Gehirngeist‘ haben [ein Beispiel für diesen Unterschied finden Sie in Form eines Coaching-Praixsbeitrags in der KrisenPraxis, wenn Sie im Suchfeld ‚Gehirngeist‘ eintragen].

Stellt das Leben eine Frage und nimmt die Geistes-Antenne diesen ‚Sinn-Anruf‘ entgegen, so wird sein Inhalt im ‚Sinn-Organ‘ verarbeitet, und dieses ‚Organ‘ ist das menschliche Gewissen [Frankl]. Mit einem Gewissensentscheid kann der Mensch dem trotzen, was ihm sonst Körper oder Psyche zu tun empfehlen und was gut mit dem Begriff ‚Abwehrmechanismus‘ beschrieben wird. Eine volkstümliche Beschreibung ist der berühmte ‚innere Schweinehund‘, gegen den sich das Geistige des Menschen stellen kann.

Sie interessieren sich für die geistige Dimension? Bitte suchen Sie mit dem Stichwort ‚Trotzmacht‘ nach weiteren Impulsen in der KrisenPraxis.