Schlagwort-Archiv: Werteverlust

Wertekrisen und Sinnfindung

Nicht nur schwere körperliche und psychische Erkrankungen, sondern auch Schicksalsschläge, die nicht in einer Krankheit bestehen, gehören zum Arbeitsfeld der Logotherapie. Es geht in solchen Lebenssituationen meist um einen großen Wertverlust:

  • eine Freundschaft, eine Partnerschaft zerbricht,
  • eine Ehe wird geschieden,
  • ein Arbeitsplatz muß aufgegeben und ein materieller Verlust hingenommen werden,
  • eine große Enttäuschung muß aufgearbeitet werden,
  • der Tod oder die schwere Erkrankung einer nahestehenden Person müssen akzeptiert werden,
  • ein nicht wieder gutzumachender Fehler lastet auf der Person

Die so entstehende existentielle Erschütterung wirkt sich aus im Psychischen und-oder im Somati­schen, z.B. so, dass jemand so traurig ist [psychoreaktive De­pression] und dass er nichts mehr essen kann [psychosomatische Reaktion]. Die geis­tige Frustration liefert dann den Grund zum Traurigsein; das Traurigsein ist eine emotionale [psychische] Verstimmung, die sich ihrerseits auf den Eßvorgang, also ins Körperliche [Somatische] hinein auswirkt.

Der Wertverlust ist der Grund der geistigen Frustration und eine logotherapeuti­sche Hilfe wird sich auf das Thema Wert und Werte konzen­trieren, genaugenommen auf die Frage, wie sich die Person zu diesem oder jenem Wertverlust einstellt. Es gilt, dem Menschen nahezubringen, dass sie durch die Art und Weise, wie sie sich zum Wertverlust innerlich einstellt, ihn aushält und akzeptie­rt, wiederum neue Werte in ihr Leben hineinschaffen kann –  neue Werte, die den erlittenen Wertverlust auf einer ,höheren Ebene‘ ausgleichen.

Als Therapeut steht man hier oft vor dem Phänomen, dass man eher die Möglichkeit des Sinnvollen im Leid bei der betroffenen Person ’sieht‘ als der Leidende selbst. Ein leidender Mensch wird ein Stück weit werteblind, er zweifelt an sich und bezweifelt nicht das Leid [diese Perspektive wechseln zu helfen, gehört mit ins Spektrum der logotherapeutischen Arbeit]. Der vom Werteverlust betroffene Mensch braucht einen geschützten Raum, in dem er die Chancen ausloten kann, die ihm jenseits des Leides verblieben sind. Es geht um die Rettung des – gar nicht so selten sehr großen – Rests, ohne mit dem Rest das Verlorene ersetzen zu wollen. Diesem ‚guten Rest‘ die Aufmerksamkeit zu spenden führt zu einer spürbaren Änderung im Verhalten: Grübeleien über Unabänderliches wird reduziert, Selbstvorwürfe und Selbstmitleid schwinden, Hilflosigkeit und Machtlosigkeit werden gewendet in progressives Handeln.

Was ist der Ausgleich eines Werteverlustes?

Ein Verlust von Werten, einhergehend mit Angst und Abwehrreaktionen, wird ausgeglichen durch ein starkes ‚Selbstwertgefühl‘. Um dieses zu entwickeln, muss man wissen, welche ‚Werte‘ man ’selbst‘ in seinem Leben entwickelt hat. Das ist Arbeit, aber höchstpersönliche und damit erfreuend.

Es wird deutlich: Der Angriff auf einen Wert einer Person ist kein Angriff gegen das ganze ‚Selbst‘. Jeder Mensch ist immer mehr als die Werte, die er hat. Will sagen: Ein Mensch kann neue Werte entwickeln, wenn die Verwirklichung anderer nicht mehr oder eingeschränkt möglich ist. Mit diesem neuen Set an Werten vermag der Mensch neuen Sinn zu finden. Ein genauer Blick in die Biografie eines Menschen zeigt oft auf, dass der Mensch einen solchen Prozess schön öfter in seinem Leben vollzogen hat, vielleicht unbewusst und nicht in Krisensituationen, aber immerhin.

Das besondere am Selbstwertgefühl ist, dass es sich um ein Gefühl eines sehr tiefen Verständnisses handelt, das jeder Mensch über sich entwickeln kann, wenn er will und – so er dazu Unterstützung benötigt – wenn er dafür sich auch die richtige Begleitung von außen heranzieht.

Es ist schon etwas Besonderes, so wie viele Phänomene, die mit dem Begriff ‚Selbst-‚ beginnen. Selbstachtung, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbsterkenntnis … immer meinen diese Begriffe anderes, als das, was auf der ‚Ich-‚Ebene des Menschen abläuft.

Sich zum Beispiel seiner Fähigkeiten und Stärken, seiner Sorgen und Schwächen selbst bewusst zu werden, setzt voraus, vorbehaltlos in sein Leben zu schauen und zu erarbeiten, was die eigene Person zum Unikat macht. Selbsterkenntnis ist dann der Prozess, mit dem aus diesen Reflexionen Schlüsse gezogen werden. Selbstsicherheit erwächst, wenn diese Schlussfolgerungen sich in der täglichen Lebenspraxis als stimmig erweisen. Wird der Person dann deutlich, dass sie selbst es ist, die in Freiheit und Verantwortung entscheidet und handelt, entsteht mit jedem weiteren selbstsicheren Schritt das Gefühl des Selbstwertes. Ist dieses Gefühl rüttelfest, wird ein Mensch auch auf seine Zukunft hin sich selbst vertrauen. Ein Mensch mit Selbstvertrauen spürt, dass das eigene Leben ihm vertraut. Dass es ihm Aufgaben zumutet – zum Beispiel Krisen – die deshalb nicht zerstören, weil dem Verlust auf der einen Seite ein unzerstörbarer Selbstwert gegenüber steht.

Verzweiflung entsteht nur, wenn der Mensch „nicht zulassen will, dass das, was er verloren hat, eben nur „Platzhalter“ war für das jeweils Höherwertige oder gar für den Höchstwert, für die absolute Wertperson“ [Frankl]

Werteverlust – und die rechtzeitige Entwicklung einer ‚Zweitreaktion‘

Menschen, die sich nach schweren Verlustsituationen ‚im Griff behalten wollen‘, werden in ihrem Leben Strategien zur Selbstberuhigung entwickelt haben, die wir in unserer Sprache ‚Zweitreaktionen‘ nennen. Während sich in der Erstreaktion bei einer eintretenden Verlust-Krise die Emotionen Bahn schaffen, zeigt die betroffene Person dann eine Zweitreaktion, wenn sie wieder in der Lage ist, ihre geistigen Steuerungskräfte einzusetzen und sich damit nicht auf ihre Triebe, Affekte und Kognitionen reduziert.

Menschen in der Zweitreaktion zeigen – bei allem Verlustbewusstsein – Nachsicht, Toleranz, Verständnis, die Fähigkeit zur Relativierung, die Ausrichtung auf das jetzt ’noch wichtigere‘, Versöhnungsbereitschaft usw.. Der Weg von der Erst- zur Zweitreaktion ist dabei individuell unterschiedlich lang. Kommt der Mensch in eine Krise und verharrt er in seinen Erstreaktionen, wird ihm sein Umfeld mit seinen Reaktionen versuchen dabei Grenzen aufzuzeigen. Gelingt dies nicht so, so dass Zweitreaktionen bewirkt werden, verstärkt dieser Einfluss die Erstreaktionen.

Spürt der Mensch jedoch, dass der Verbleib in psychischen Reaktionsweisen, wenig Aussicht auf Verbesserung des Lebens hat und zudem, dass es da etwas geben muss, was zu einem gelingenden Leben ‚trotz Verlustes‘ beitragen kann, dann ist offenkundig der ‚Wille zum Sinn‘ [Frankl] gegeben und eine sinnzentrierte Beratung hat gute Chancen auf Wirkung.

In gleichem Maße ist es Menschen möglich, sich ihre psychischen Reaktionsweisen präventiv vorzulegen und sich im Sinne von ‚Handlungs-Blaupausen‘ bessere Handlungen zu erarbeiten, die in der Lage sind, den Übergang von Erst- zu Zweitreaktionen zu beschleunigen. Ein Angebot, dies zu tun, wird im Winter 2015 unser Programm Life2Me® sein.

Grundsätzlich ist für den Sprung in die Zweitreaktion der Einsatz des Geistigen erforderlich. Die geistige Dimension des Menschen beschreibt seine Fähigkeit, quasi von sich selbst ‚aus guten Gründne‘ abzusehen und das Augenmerk auf das zu lenken, welche Aufgabe in der gegenwärtigen [Krisen-]Situation gewissenhaft und in Liebe oder Hingabe zu jemanden oder etwas, das man nicht selbst ist, zu erledigen ist.

Für ein gelingendes Leben, auf das jeder Mensch ein Recht hat, gibt es zu diesem, sich selbst überwindenden Vorgehen, keine Alternative. Verluste können nicht anders ‚umgemünzt‘ werden in einen menschlichen Triumph als über ihre Wandlung in einen individuellen Entwicklungsschritt des Loslassens, Beruhigens, Versöhnens. Kommt es dazu in einer therapeutischen Begleitung, braucht es Zeit und Geduld, da der Betroffenen oft in einer Phase kommt, in der seine Erstreaktionen bereits einen weiteren Raum in seinem Verhaltensrepertoire eingenommen haben.

Nimmt sich ein Mensch jedoch Zeit zur Krisenprävention, besteht gute Aussicht, diese Zeit derart zu verkürzen, so dass ein ‚Leben trotz Verlust‘ zeitnaher möglich wird.

 

Werteverlust – und das Erleben von Angst

Die erste Reaktion auf einen schweren Verlust ist Angst. Etwas war so stark, dass es einen Verlust hat bereiten können, etwas war stärker als das ‚Ich‘. Diese Bedrohung erzeugt Angst und damit einen Abwehrmechanismus [siehe hierzu auch andere Beiträge in der KrisenPraxis].

Menschen, die von einem existenziellen Verlust erfahren oder ihn direkt erleben, können entweder so damit umgehen, dass sie für Dritte beobachtbar eine Art ‚Totstellreflex“ zeigen und die Situation nur mit sich selbst verarbeiten – dies aufgrund der Stärke der mit dem Verlust einhergehenden Erschütterung jedoch nicht bewältigen können und in die ‚Hilflosigkeit‘ rutschen.

Oder aber sie werden mit ‚Aggressivität‘ erlebt, die Situation ist durch Verlust der Impulskontrolle gekennzeichnet und der Mensch zeigt offen Wut, Zorn, Rachegelüste oder tiefen Groll.
Wieder anderem Menschen wechseln zwischen diesen Polen hin und her.

Welche dieser Reaktionsformen auch erlebt wird, sie sind normal in einer unnormalen Situation. Einzig die Dauer der Reaktionsweise gilt es im Auge zu behalten. Manifestiert sich jedoch ein Abwehrmechanismus, sind psychische oder auch psychosomatische Störungen die Folge. Sie zeigen sich u.a. in Zerstörungswut, Autoaggression, Allmachtsphantasien oder auch in Apathie oder kompletter Lethargie.

Es braucht also zur rechten Zeit eine Justierung der Reaktionsweisen – es sei denn, man hat diese im Rahmen individueller Krisenprävention analysiert und dadurch rechtzeitig eine Art ‚Verhaltens-Gegengift‘ entwickelt, das in der Lage ist dafür zu sorgen, dass der Mensch in der Lage ist, sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen zu müssen [Frankl] – hier insbesondere von seinen psychischen Reaktionen auf ein Verlusterleben.

Werteverlust

Ein Sportler, der intensiv trainiert, um an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen, verletzt sich so sehr, dass seine Laufbahn beendet ist. Ein Politiker, der sich konstruktiv für die Gestaltung eines Gesellschaftsaspektes einsetzt und Projekte dazu initiiert, kann seine Arbeit nicht fortsetzen, da seine Partei in der nächsten Wahl aus der Regierung abgewählt wird. Ein Schüler schafft eine wichtige Prüfung trotz großen Lernaufwandes nicht. Eine Person hat ihren Freund der unangemessen behandelt, so dass dieser die Freundschaft beendet. Das Lebensmodell eines Menschen wird durch Andersgesinnte so stark attackiert, so dass der Betroffene sich zurückzieht. Ein Kind fühlt sich durch ein Neugeborenes in seiner Bindung zu seiner Mutter stark begrenzt, da es nicht mehr die Aufmerksamkeit erhält wie zuvor. Eine Frau verliert ein Schmuckstück, das ihr von ihrem verstorbenen Partner zu einer besonderen Situation geschenkt wurde …

Verluste gehören zum menschlichen Leben dazu. Wird dem Verlorenen eine hohe Bedeutung beigemessen, dann hat der Verlust einen oder mehrere Werte der Person ‚angegriffen‘. Die Überwindung von Verlusten sind damit Aufgaben, die das Leben jedem Menschen stellt. Das macht jeder Mensch anders.

Der Verlust des eigenen Lebens ist dabei für die meisten Menschen die existenziellste Aufgabe, die es zu reflektieren gilt. Unsere Frage in diesem Zusammenhang an unsere Therapiepatienten lautet dabei meist: ‚Wie wollen Sie heute leben, so dass Sie sicher sein können, dass der Tod nicht in der Lage ist, Ihnen einen Verlust Ihrer Werte zu bereiten?‘