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Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Scheler und das Wertfühlen

Frankl sah sich in Schelers Werteperspektive in seiner eigenen Haltung bestätigt, den Menschen nicht als psychophysischen Automaten zu definieren, sondern die geistige Person in ihm herauszustellen, die zu allem, was er erlebt, Position beziehen kann. Dies, indem sich die Person von Werten angezogen fühlt und sodann absichtsvoll ausgerichtete [wertebasierte]  Entscheidungen trifft.

Immer wieder macht Frankl in diesem Zusammenhang deutlich, dass alle Werte als Qualitäten dem Menschen bereits verfügbar sind. Der Werteraum ist da, er muss nicht erst geschaffen werden. Jeder Mensch steht in der Verantwortung, sich diesen Werteraum zu ergründen – und nie kann es dem Menschen angemessen sein, ihm Werte ‚anzubieten‘ oder aufzudrängen. Stets sei dem Menschen die Verantwortung zum Wertfühlen und Wertnehmen zu belassen.

Hatte sich die Psychoanalyse Freuds noch das Ziel gesetzt, den Menschen an die Wirklichkeit anzupassen und hatte die Individualpsychologie von Alfred Adler das Ziel der Gestaltung dieser Wirklichkeit, so war für Frankl „der wesentliche Schritt über Anpassung und Gestaltung hinaus das Übernehmen von Verantwortung: Ich sein heißt, verantwortlich sein.“

Empfindet der Mensch Sinn in seinen Handlungen, dann weil er Werte verwirklicht. Vermisst er diesen Sinngrund, dann steht im Prozess der Sinnfindung das Auffinden jener Werte an, die der einzelne in seinem konkreten Lebensschicksal verwirklichen kann. In diesem Zusammenhang hat sich der Mensch entscheiden, vor wem er sich verantwortlich fühlt [sei es vor Gott, sei es vor seinem Gewissen …] und wofür er sich verantwortlich fühlt, also welchen Sinn er in seinem Leben findet.

Mit ‚Verantwortung‘ finden wir somit einen zentralen Wert im Menschenbild von Viktor Frankl. Verantwortung umfasst die Ganzheit des Menschen, mit ihr kann sich der Mensch über seinen Bereich des Psychischen be­wusst hinwegsetzen. Dass diese Perspektive in der Arbeit mit Menschen in Krisensituationen von fundamentaler Bedeutung ist, wird schnell deutlich – die Praxisfälle, die im Laufe der Zeit in der KrisenPraxis zu lesen sein werden, greifen diesen Aspekt auf.