Schlagwort-Archiv: Praxisbericht

Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 8

Coach: Den Fokus auf den besagten Satz „Man trennt sich nicht so leicht von mir“ habe ich gesetzt, weil mir „das Verlassenwerden“ das emotional am meisten aufgeladene Thema aus Ihrer davor liegenden Rede zu sein schien. Der Rest hat sich durch unser Gespräch ergeben, die gewonnene Erkenntnis ist IHRE Erkenntnis. Je mehr Ihnen etwas bedeutet, desto besser fühlen Sie sich, wenn Sie es haben und desto mehr schmerzt es, wenn Sie es verlieren.

Der wahrgenommene Schmerz ist ein Ergebnis Ihres Kampfes mit der Realität. Die Realität ist wie sie ist. Wenn Sie nun gegen sie ankämpfen, wissen Sie, dass Sie sich Schmerz erzeugen. Ich spüre, dass Sie meinen, dass dieser Kampf zweckdienlich für Sie ist, denn Sie fragen nach einer Richtschnur? Aber ist dieser Kampf auch sinnvoll?

Die Freiheit ist die, jetzt herausfinden zu können, was Sie selbst wirklich wollen, wo also der Sinn in Ihrem Leben liegt. Eine Antwort zu finden auf sinngemäß eine Frankl-Frage: „Auf welche Frage Deines Lebens bist DU die Antwort?“ Wenn Sie das herausgefunden haben, kann daraus eine neue Richtschnur werden. Vielleicht kommen Sie aber auch zu einer anderen Erkenntnis, dass Sie dann gar keine Richtschnur mehr benötigen – weil Sie sie sind.

B.L.: Gut, nun weiß ich zwar nicht wo es hinführt, aber ich will die Lebensfrage ‚Wovon gilt es, mich von mir selbst zu trennen?‘ anzunehmen. Eine solche Frage habe ich mir nie gestellt und ich weiß nicht so recht, wo ich da anfangen soll, um eine Antwort zu finden.

Coach: Ich schlage Ihnen dazu vor, einen Blick auf Ihr Wertesystem zu werfen. Die Werte eines Menschen gehören als fundamentale Prägungen zu seinem Selbstsystem. Wenn Sie wissen, worin Ihr Wertekanon besteht, dann wird es möglich sein, den Wert oder diejenigen Werte zu identifizieren, deren Einfluss auf Ihr ‚Selbstwertgefühl‘ kontraproduktiv sind oder geworden sind.

Herr L. nutzt unser Verfahren ’spontanes Werteempfinden‘ und erhält diese Rangreihenfolge von den von ihm identifizierten wichtigsten acht Wertekontexten:

  • Respekt bewirken, Prinzipien bewahren, Würde zeigen = +++
  • Wettbewerb fordern, Risiken eingehen, Qualität setzen = +++
  • Schnelligkeit einbringen, Dynamik zeigen, Wendigkeit fördern = +++
  • Pflicht erfüllen, Sorgfalt zeigen, Genauigkeit fördern = ++
  • Klugheit fördern, Besonnenheit zeigen, Weisheit leben = +
  • Kontrolle ausüben, Vorsicht zeigen, Achtsamkeit fördern = +
  • Internationalität leben, Vernetzung fördern, Perspektivenwechsel ermöglichen = +
  • Kontinuität bewahren, Sicherheit gewinnen, Stabilität erzeugen = +

Ich bitte Herrn L., diese Wertekontexte auf ihre Beiträge für die Gestaltung seines Privat- und Berufslebens hin zu untersuchen und zu markieren, welche Beiträge positiv und welche negativ sind. Zu seiner Überraschung wird der Wertebereich ‚Schnelligkeit, Dynamik, Wendigkeit‘ von ihm für seinen Privatbereich als äußerst negativ herausgearbeitet. Herr L. erinnert zahlreiche Situationen, in denen sich dieser Wertekanon in Handlungen und Entscheidungen seinerseits zeigte und die in ihrer Folge zu Missklängen, Streit und Konflikten mit seiner Frau, seinem Sohn und auch Freunden geführt habe. „Ich bin stets dazu angehalten worden, nicht lange herumzufackeln und offensiv voranzugehen. Bislang habe ich das zurückgeführt auf die Begründung, dass ich über die Stärke verfüge, auch komplizierteste Sachverhalte schnell zu durchschauen.“

Herr L. erkennt im weiteren Verlauf unserer Arbeit, wie dieser Wertebereich aus der Sicht seines privaten Umfeldes von ihm überdehnt wurde in Richtung ‚Bevormundung, Ungeduld, Abwertung‘.
Und er erkennt auch, dass ihm die Werteressourcen durchaus zur Verfügung stehen, dies zu korrigieren. Mit Besonnenheit und Achtsamkeit, die er bislang auch weitestgehend mit seinen Entscheidungen im Berufsleben in Verbindung brachte, ist eine solche Entwicklung zu leisten. Diesen Werten eine neue Kontur zu verleihen, wird wahrgenommen werden und dies verspricht, zu einem erfüllenden Privatleben zu kommen. Herr L. hat so eine Antwort gefunden auf eine Frage, die ihm sein Leben gerade stellte.

Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 7

Fortsetzung von gestern

— Hinweis zur Prozessarbeit: Ein stressender Gedanke wird einer Überprüfung unterzogen. „Ist das wahr?“. Es stellt sich heraus: Er ist es nicht. Der Klient merkt bei „Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diesen Gedanken denken?“, dass er sich damit ganz schön unter Druck setzt. Bei „Wer wären Sie ohne den Gedanken?“ stellt er fest: „Ohne den hätte ich ja kein Problem und wäre entspannt!“

Bei den Umkehrungen stellt sich nun heraus, warum er unbewusst bisher trotz Stress an dem Gedanken festgehalten hat: die versteckte, unbequeme Botschaft auf der Rückseite des Gedankenzettels lautet: „Ich trenne mich einfach von mir!, nämlich von einem Teil meines „alten“ Ich.“ —

B.L.: Kann es sein, dass Sie es im Sinn hatten zu zeigen, dass man nach der Trennung von Allem, insbesondere von Abhängigkeiten, erst frei sein kann? Kann es sein, dass mein Problem aber nicht in der Akzeptanz dieser Freiheit liegt, die ja so erstmal sehr attraktiv wirkt, sondern im Verlust der Sicherheit, scheinbar zu wissen, wer oder was ich bin? Was soll denn dann meine Richtschnur sein?

Ich will es mal so sagen: Es ist ja schön, wenn keiner mich braucht, wenn ich tun und lassen kann, was mir gerade in den Sinn kommt, weil die Werturteile der Anderen mir jetzt am A**** vorbeigehen. Aber kann das nicht leicht in absoluten Egoismus ausarten? In Rücksichtslosigkeit? Ich werde dann mit Sicherheit andere enttäuschen. Ich bin nicht mehr berechenbar, verlässlich für andere. Ob ich mich dann besser fühle? Und die Anderen? Ich habe so meine Zweifel.
Ich sehe ja ein, dass es nicht sinnvoll ist, in einem spezifischen Selbstbild zu erstarren, aber der Satz „Ich trenne mich einfach von mir!“ entlockt mir keinen Jubel. Er klingt nach einer Freiheit, die für mich aber eher nach Beliebigkeit, und daher Sinnlosigkeit aussieht.

Das alte Bild hat positive Emotionen in mir erzeugt, die im neuen Bild fehlen, jedenfalls „vor“ den Trennungen. Klar, „nach“ den Trennungen hat das Bild negative Emotionen ausgelöst. Aber gehört das nicht zusammen? Je mehr mir etwas bedeutet, desto besser fühle ich mich, wenn ich es habe, und desto mehr schmerzt es, wenn ich es verliere?

Wenn ich jetzt lerne, dass es mir nichts mehr bedeutet, dann eliminiere ich zwar den Schmerz, aber das gute Gefühl werde ich so auch nicht mehr bekommen.

— Hinweis zur Prozessarbeit: Der Klient erklärt, warum es so wichtig für ihn ist, an der ‚alten‘ Geschichte festzuhalten. Je nach Intensität der Emotion, die daran hängt, kann – mit zeitlichem Abstand – ein neuer „Ist das wahr?“-Zyklus begonnen werden. Zum Beispiel: Ist das wahr, dass es „schön ist, wenn keiner mich braucht“ oder ist das wahr, dass “ich dann mit Sicherheit andere enttäuschen werde“?

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Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 6

Fortsetzung von gestern

B.L.: Offensichtlich kann man sich wohl doch leichter von mir trennen als gedacht. Offensichtlich bin ich für Andere nicht so unverzichtbar und wichtig, wie ich das gerne geglaubt habe. „Man trennt sich leicht von mir“. Ja, das ist Fakt, aber das macht mich betroffen und unsicher, denn ich glaube, dass ein Teil meines Selbstwertgefühls genau von dieser Annahme abhängt. Kann man denn leben und sich gut fühlen, ohne die Anerkennung durch Andere?

Coach: Sie erleben, dass Sie von zwei Menschen verlassen wurden, diese sind nun nicht mehr Teil Ihrer „Gesellschaft“. Derzeit sind Sie weitgehend in Ihrer „eigenen Gesellschaft“. Für die beiden anderen Personen sind Sie derzeit verzichtbar.

Bilden Sie jetzt noch zwei weitere Umkehrungen. Tauschen Sie sich selbst („ich“) mit „man“, oder mit einer anderen Person. Vertauschen Sie die/den anderen („man“) mit sich selbst („ich“, „mir“, usw.). Ändern Sie ferner das Wort „nicht“ in „nicht nicht“.

B.L.: „Man trennt sich nicht so einfach von mir.“ Okay, das habe ich nun verworfen.

Coach: Gut! Der stressende Gedanke, der noch nicht einmal wahr ist, verabschiedet sich also. Sie haben vorher gesagt, ohne diesen Gedanken wären Sie ein entspannter Mensch.

B.L.:  “Man trennt sich nicht nicht einfach, also einfach von mir.“ Das muss ich wohl akzeptieren.

Coach: Genau. Sie werden im Moment nicht benötigt. Sie haben einen Raum erhalten, der sich für Sie leer anfühlt und um den Sie sich nun „kümmern“, da er Ihnen Kummer bereitet.

B.L.:  “’Man trennt sich nicht so einfach von anderen.‚ Ich habe keine Ahnung, wie andere es mit anderen halten.

‚Man trennt sich nicht nicht einfach, also nicht einfach von anderen.‘ Auch hier habe ich keine Ahnung.

‚Ich trenne mich nicht so einfach von anderen – ich trenne mich einfach von anderen: Ich trenne mich von manchen Menschen leichter als von Anderen. Bei manchen war ich wirklich froh, als ich sie los war. Bei anderen tat es mir leid, dass unsere Wege sich trennten. Also stimmt mal der eine, und mal der andere Satz.

‚Ich trenne mich nicht so einfach von mir – Ich trenne mich einfach von mir“:  Ich habe natürlich ein Bild von mir selbst, und zum Teil muss ich mich ja jetzt von diesem Bild verabschieden. Aber das ist nicht leicht. Das neue Bild gefällt mir wesentlich weniger, als das Alte. Also der Satz „ich trenne mich nicht so einfach von mir“ trifft in diesem Sinn eindeutig zu.

Coach: Sie sagen, das neue Bild gefalle Ihnen weniger. Hier noch einmal die beiden Bilder.
Das alte Bild: Eine Person mit Ihrer Lebensgeschichte und abhängig von der Nähe und Anerkennung der Anderen.
Das neue Bild: Eine Person, die frei ist, sich ohne Rücksicht auf Anerkennung um sein eigenes Inneres zu kümmern, weil sie im Moment von Anderen ganz einfach nicht benötigt wird.

Die letzte Umkehrung „Ich trenne mich einfach von mir!“ – wie lautet sie in Bezug auf den Kernsatz Ihrer bisherigen Gedanken?

B.L.: Ich trenne mich von meiner Vorstellung, dass ich meinte, „man trenne sich nicht so einfach von mir“.

Coach: Wie fühlt sich das an?

B.L.:  Freier.

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Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 5

Fortsetzung von gestern

Coach: Stellen Sie sich dazu nun einmal den Gedanken als einen Zettel vor. Auf der Vorderseite steht der Gedanke, den Sie bisher glauben. In der Zwischenzeit haben Sie sich erarbeitet: „Der Gedanke, „man trennt sich einfach von mir“, ist nicht wahr, und dieser Gedanke tut mir auch nicht gut.“

Nun wird interessant sein, wie die Botschaft lautet, die der Zettel auf der Rückseite für Sie bereithält. Dazu braucht es ein paar denkende und fühlende Schritte …..

— Hinweis zur Prozessarbeit: Zu Beginn des Dialogs argumentiert der Klient aus einer Haltung der Sicherheit heraus. Für ihn ist sicher, „leer“ zu sein. Nun wird in die Grundsätze der Lebensführung, Werthaltungen und Annahmen des Klienten eingegriffen. Bsp: Ist es für Sie sehr wichtig, etwas Bleibendes zu schaffen oder sollte nicht auch eine Phase möglich sein, das Leben einfach zu genießen? Dieser Arbeitsschritt führt den Klienten zu einer gewissen lebenspraktischen Fragestellung, er deckt Widersprüchlichkeiten auf und das ‚Scheinwissen‘ des Klienten. Bsp.: Wie können Sie die Aussage über etwas machen, es sei hoffnungslos, wenn Sie andererseits sagen, Sie verstünden es/sich (noch) gar nicht?

Werden im Dialog Widersprüchlichkeiten in der Lebensführung entdeckt und realisiert der Klient, dass er seine Lebensführung aufgrund mangelnder Reflexion bisher nicht genügend begründen kann, so sinkt seine Einstellungs- und Verhaltenssicherheit. Der Klient wird unsicher und zunehmend ratlos. Er spürt und erfährt, dass er nichts weiß. Bsp.: Ich sitze fest in meiner Routine, in den sich immer wiederholenden Abläufen und funktioniere einfach nur – es fehlt an befriedigenden Momenten oder einfach an einer Herausforderung – stattdessen diese Leere …….. wozu das alles ?

Im Klienten herrscht ein Zustand der Verwirrung, da das bisher für wahr und richtig Gehaltene und Gelebte, jedoch Unreflektierte und Unbegründete, manchmal sogar radikal verworfen werden muss. Bsp. aus dem Dialog: „Der Satz kommt bei mir an, er betrifft meine Empfindungen, die ich zu meiner ehemaligen Frau auch heute noch habe – „ungeheuerlich, dass Du Dich einfach so von mir trennst“. … Und es hat auch was mit meinem Inneren zu tun. Gibt es das? Angst vor Trennung oder Abtrennung? Ihr Empfinden, ich würde krampfhaft an etwas festhalten, ja, diese Rückmeldung wirkt bei mir.“

Hat der Klient sein Nichtwissen erkannt und akzeptiert, setzt die Phase ein, in deren Mittelpunkt ein innerlicher Appell ergeht, der den Klient zur bewussten Ergreifung seiner selbst führt [mit Frankl gesprochen: hier greift die „Trotzmacht des Geistigen“]. Mit ihr wird die Basis für die Phase des Aufbaus „begründeten Wissens“ eingeleitet. Sie sollen einen Beitrag dafür leisten, dass es gelingt, durch einen tiefen Dialog dem Klienten es zu ermöglichen, bislang undeutliche, verborgene oder verzerrte Einsichten in das Gute in ein klareres Licht zu rücken. Es scheint, als stünden wir im laufenden Dialog in dieser Phase….. —

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Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 4

Fortsetzung von gestern

Meine Frau hatte damals keinen Trennungs-„Wunsch“ geäußert, sondern es schlicht vollzogen – ein anderer Mann halt. Wenn ich zurückschaue, dann habe ich nicht gekämpft um sie. Obwohl für diese Frau zu kämpfen allemal passend gewesen wäre. Neben meiner tiefen Liebe zu ihr ist mir selbst eines ebenso wichtig – die Würde. Ist es verwerflich, wenn ich sie über die Liebe stelle? Ich komme mir schon etwas komisch vor, aber ich finde, wenn ich nicht mit Würde zu mir selbst stehen kann, dann kann ich auch nicht lieben. An sich habe ich bei meinen Kapriolen mit meiner Bekannten mich schon selbst zum Affen gemacht. Darüber ärgere ich mich sehr.

Wenn ich mich nun neu sortiere, dann ist „leer“ durch Ihre Einwürfe konkreter geworden. In Würde zu arbeiten – nicht nur zu funktionieren. In Würde zu lieben – nicht nur zu versorgen. Sich die Würde zu bewahren ist mir wichtig, aber vielleicht auch Bürde oder Hürde? Stehe ich mir selbst im Weg?

Herr L.: ‚Man trennt sich nicht einfach so von mir‘ – stimmt das? Gehen Sie in Ruhe in sich und schildern Sie die Antwort Ihres Herzens – ein „ja“ oder ein „nein“?

B.L: Nein!

Coach: Wie reagieren Sie, wenn Sie diesen Gedanken glauben „man trennt sich nicht so einfach von mir“ und jemand tut es doch?

B.L.: Wie ein verletztes Tier – den Schmerz verdrängen durch Angriffe, Forderungen …, die die Situation dann doch nur verschlimmern.

Coach: Wenn Sie den Gedanken glauben „man trennt sich nicht so einfach von mir“, dann entsteht bei Ihnen innerlich Schmerz, Anstrengung, Anforderung – eine sehr stressige Situation. Wer wären Sie ohne diesen Gedanken?

B.L.: Ein wertgeschätzter, entspannter Mensch.

Coach: Sehen Sie sich die Gesamtsituation nun einmal an:
1. Sie hegen einen Gedanken, der heißt „man trennt sich nicht so einfach von mir“.
2. Diesen Gedanken haben Sie selbst bereits als unwahr identifiziert.
3. Sie sagen, dass Sie sich wie ein verletztes Tier fühlen, während Sie diesen Gedanken glauben.
4. Sie haben erkannt, dass es Ihnen ohne diesen Gedanken sehr gut gehen würde.
Wenn Sie das einmal aus der Distanz betrachten, fragen Sie sich bestimmt auch: „Warum sollte ich diesen stressenden Gedanken beibehalten, der noch nicht einmal wahr ist?
Es ist also weniger die Realität, die Sie leiden lässt, sondern der Gedanke über eine solche Realität. Bisher halten Sie den Gedanken fest, weil Sie seine Botschaft brauchen.

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Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 3

Fortsetzung von gestern

Coach: Ich möchte Ihnen einige Gedanken anbieten, die sich aus dem Gespräch bisher für mich ergeben:  Ich frage mich, was Ihre Frau als „Grund“ für ihren Trennungswunsch genannt hat – und was Sie selbst als Anlass dafür sehen?

Dann denke ich, dass neben Stolz auf das, was Sie unzweifelhaft geleistet haben etwas wie Empörung oder Trauer darüber spürbar ist, dass Sie menschlich, privat dafür wenig „Gerechtigkeit“ oder „Dankbarkeit“ empfangen haben.

Ferner entsteht in mir ein Knoten im Hirn, wenn Sie bei Ihrer Lebensgeschichte sagen, Sie seien oder fühlten sich „leer“. Ich frage mich, ob es nicht eher ein Gefühl von Fülle ist, der Ihnen „leer“ erscheinende Raum also längst gefüllt ist, Sie aber noch keinen Zugang dazu haben? Was meinen Sie könnte Sie dennoch dazu bringen zu behaupten, Sie seien „leer“ ?

— Hinweis zur Prozessarbeit: Zuletzt haben wir erlebt, dass der Klient etwas mehr von sich berichtet hat – wobei es ja immer wünschenswert ist, wenn der Klient möglichst viel zu erzählen bereit ist. Dosierte Gedanken zu äußern, Ergänzungen und mehr Genauigkeit anzubieten und das Aufzeigen aufscheinender Widersprüche – das alles dient dem Versuch, den Klienten zu mehr Klarheit zu sich selbst zu führen. Momentan erscheint der Klient in einer Haltung zu sein, das bisherige (Leben) in Frage zu stellen aufgrund einer diffus empfundenen und beschriebenen, irgendwie (noch) nicht „begriffenen“ Leere. Wobei er an dem Bisherigen festhält, ohne dass es „verteidigt“ wird; es scheint nur noch als Anker zu dienen in Ermangelung von irgendetwas anderem inmitten der „Leere“. Es könnte jetzt darum gehen, die „Leere“, ihre Herkunft und Gründe genauer zu betrachten und zu umkreisen, da der Klient davon bisher Abstand gehalten und es vermieden zu haben scheint, sich von ihr konfrontieren zu lassen. —

B.L.: (nachdenklich): Einige Ihrer Gedanken berühren mich wie Nadelstiche. Vielleicht holpern meine Gedanken, aber ich spüre, dass ich einem Satz anhänge: „Man trennt sich nicht einfach so von mir“. Der Satz kommt bei mir an, er betrifft meine Empfindungen, die ich zu meiner ehemaligen Frau auch heute noch habe – „ungeheuerlich, dass Du Dich einfach so von mir trennst“. Das passt auch auf meine Bekannte, die in der Zwischenzeit auch Reißaus genommen hat. Und es hat auch was mit meinem Inneren zu tun. Gibt es das? Angst vor Trennung oder Abtrennung? Ihr Empfinden, ich würde krampfhaft an etwas festhalten, ja, diese Rückmeldung wirkt bei mir.

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Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 2

Fortsetzung von gestern

Coach: Wie können Sie die Aussage über etwas machen, es sei hoffnungslos, wenn Sie andererseits sagen, Sie verstünden sich (noch) gar nicht?

B.L.: Erst wenn ich die Situation verstehe oder durch mein Gegenüber entsprechend reflektiert bekomme, kann ich vielleicht etwas ändern. Aber wenn mir nicht einmal mein eigenes Problem bekannt ist oder von jemanden anderen aufgezeigt wird, wie soll ich dann die Situation angehen und etwas ändern? Dies erscheint für mich so hoffnungslos.
Ich sitze fest in meiner Routine, in den sich immer wiederholenden Abläufen und funktioniere einfach nur – es fehlt an befriedigenden Momenten oder einfach an einer Herausforderung – wozu also das alles?

Coach: Wenn Sie sagen, Sie verstünden sich selbst nicht mehr, folgt daraus, dass Sie meinen, sich irgendwann einmal „verstanden“ zu haben – und jetzt nicht mehr …?
Könnten Sie einmal beschreiben, was sie seinerzeit „verstanden“,  wie sie sich „verstanden“ haben … und was heute anders ist als seinerzeit?

B.L.: Das will ich gerne versuchen, vielleicht hilft es mir weiter. Seit ich denken kann, hab ich gerne irgendwelche Probleme angepackt und gelöst. In der Schule galt ich als der Macher, der organisiert, sich für andere einsetzt, die Klappe aufmacht.  Die tieferen Gründe anzuschauen, warum etwas so ist wie es ist, hat mir schon damals sehr gelegen. Ich habe meist meinen analytischen Geist genutzt, habe gefragt, war offen für neue Perspektiven und Ansichten. Ich war ein guter Schüler.

Während meines Ingenieurstudiums kamen mir diese Fähigkeiten zu Gute. Mit 26 Jahren hatte ich das Studium für mich prima abgeschlossen, während des letzten Studienjahres meine zukünftige Frau kennen gelernt. Mit 27 kam unser Sohn Leyf zur Welt. Die neue Rolle als Familienvater und die erste Anstellung in einem technologisch führenden Mittelstandsunternehmen mit Übernahme einer Führungsrolle nach einem knappen Jahr waren für mich recht ambitioniert. Eine Pause zum Durchschnaufen war damals nicht in Sicht, aber da es anderen in meinem Umfeld nicht anders erging, sah ich das als eine Zeit an, die von etwas mehr Entspannung wohl bald abgelöst würde. Ich nahm mir meine Macherqualität zu Herzen und erhielt dafür einen guten Schuss Respekt und Aufstieg.

Nach einem Unternehmenswechsel (ich war damals 32 Jahre alt) ging es in einen internationalen Hightech-Vertriebsbereich. Reisen schlossen sich an. Meine Frau konnte sich nun auch ihren Interessen wieder mehr widmen, unser Sohn war in einem renommierten Internat gut aufgehoben. Mit 36 Jahren entschloss ich mich zu einem halbjährigen Sabbatical, um mit meiner Frau eine längere Reise zu unternehmen. Meine Schwiegereltern waren in dieser Zeit gerne die „Wächter“ über Sohn, Haus und Hund. Ich nahm mich damals entschlussfreudig, wach und weltoffen wahr. Da ging es mir ganz anders als jetzt. In den Folgejahren stieg ich dann auf in die weltweite Vertriebsleitung einer Produktlinie. In diesen Jahren ging richtig die Post ab. Ich war erfolgreich und auch schwierige Situationen konnte ich gut meistern.

Vor drei Jahren dann die Trennung meiner Frau von mir. Ich war sehr verletzt und getroffen. Mein Sohn, damals Ende 13, nahm es mit Fassung – meine Frau war „gut versorgt“ und ich hatte meine Arbeit. C’est la vie.Seit Anfang des Jahres bin ich einfach nur noch blutleer. Erschöpft. Psychisch wie physisch appetitlos. Leer.

Der Versuch, eine neue Beziehung einzugehen, scheiterte grandios. Wie ein pubertierender Jüngling erzählte ich der Frau meine „bunte“ Lebensgeschichte, versuchte auch nachts meinen Mann zu stehen, machte der Frau irgendwann in den zwei Wochen sogar Vorwürfe, warum sie sich nicht flotter entscheidet, ihr Leben mit mir zu teilen. Wie naiv. Schon das verstehe ich nicht, und seither ist alles nur noch fürchterlicher. Der Stecker ist draußen, mein Arzt hat mir Schongang verordnet, aber das soll mir mal jemand erklären, wie das gehen soll. Außerdem – wenn ich jetzt auch noch diesen Teil in den Sand setze, dann ist ja gleich gar nichts mehr da.  

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Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 1

Klient (K): Männlich, 44 Jahre, Führungskraft, geschieden, ein Kind 17 Jahre alt, viele Jahre hoher Leistungsantrieb und „high performance“, aktiv im internationalen Vertriebsgeschäft, seit 6 Monaten Burnout-Symptomatik mit beginnender depressiver Episode, Urlaub mit Konflikteskalation mit neuer Partnerin, Trennung von der Partnerin im Urlaub, zuweilen flache Gefühlsregungen bei seinen Berichten über die berufliche und private Situation.

Coach: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie heute über Ihre Situation sprechen?

K: Nun, wie fühle ich mich? Noch immer leer – einfach leer. Mein Sohn ist jetzt in der Oberstufe am Gymnasium. Es läuft bei ihm gut. Seine Mutter sorgt auch gut dafür. Ich sehe ihn, wenn ich Zeit habe. Ich vermisse ihn oft. Am schlimmsten ist dieser Konflikt – es gibt eigentlich wirklich keinen Grund für mich, mir Sorgen zu machen. Es läuft bestens im Job. Naja, es sind auch nicht Sorgen – es ist aber diese Leere, die mich quält.

Im Urlaub lief es erst gut mit der Dame. Wir konnten die Nächte durchreden – haben wir auch getan. Und klar, wir kamen uns auch sonst näher – aber irgendwie war ich nie so ganz bei der Sache. Meine Gedanken driften ständig ab zu der Frage, was mich noch wirklich antreiben könnte. Ich möchte was hinterlassen. Wissen Sie, was ich meine? Ich meine, ich bin gut im Job, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas bewege. Ich bin jetzt 44 und könnte zufrieden sein. Manchmal möchte ich alles hinschmeißen und anders neu anfangen und dann verurteile ich mich für solche verrückten Gedanken. Leer, ja das trifft´s am besten – ich bin leer…

Coach: Ist es für Sie sehr wichtig, etwas Bleibendes zu schaffen oder sollte nicht auch eine Phase möglich sein, das Leben einfach zu genießen?

K: Ich kämpfe jeden Tag, mache die Sache ernsthaft und gut. Klar, ich weiß, wie’s läuft. Aber was heute gut läuft, ist morgen Vergangenheit. Irgendwie immer das Gleiche. Etwas Bleibendes schaffen? Es gibt doch eh nichts, das bleibt. Ist doch sowieso alles umsonst. Eigentlich will ich mich einfach nur wieder gut fühlen.

Coach: Worin bestand denn Ihr Ziel, als Sie gestartet sind? Welchen Wegweisern sind Sie gefolgt? Und, was bedeutet es für Sie konkret, sich gut zu fühlen?

K: Das sind nun gleich einige Fragen. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Aber die vielen Fragen machen mir etwas klarer: Ich fühle mich konkret dann gut, wenn ich mich verstanden fühle. So viele Fragen zeigen mir, ich werde nicht verstanden. Ich versteh mich ja selbst nicht mehr. Einfach hoffnungslos, das Ganze. Und ich hatte gehofft, Sie verstehen mich. Ist Ihnen so etwas denn noch nie passiert?

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Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht [Ende]

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

Nachdem Sie nun herausgearbeitet haben, dass es weder gerechtfertigt noch die Situation verbessernd ist, dass Sie sich mit Schuldfragen befassen, können Sie sich eine andere Frage vorlegen, nämlich eine, die nicht Sie sich, sondern die Ihnen Ihr Leben stellt.

Herr Z. schaut mich interessiert an. „Und wie lautet die?“

Sie lautet: Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie genau jetzt die Antwort?
Ich möchte diese Frage kurz begründen. Sie sagten jüngst, dass Sie sich ‚entsetzlich leer‘ fühlen. Dann schilderten Sie das Verhalten eines Bekannten, dessen Frau an Krebs gestorben ist. Sie skizzierten einen recht verzweifelt nach einem Lebensinhalt ausschauenden Menschen und dabei verschiedene Maßnahmen eingeleitet hat, die jedoch bislang nicht fruchteten. Dieser Bekannte hat sein Leben befragt im Sinne eines: ‚Liebes Leben, wo finde ich etwas oder jemanden, der oder das mich aufheitert, dem ich nahe sein kann, mit dem ich mich etwas unternehmen kann usw.‘.
Diese Frage so zu stellen ist menschlich, birgt aber das Risiko, nicht erhört zu werden – denn: Sie ist fundamental ich-bezogen. 

Stellen Sie sich die Frage jedoch anders herum, dann erkennen Sie, was es jetzt von Ihnen braucht, um aus Ihrer empfundenen Leere herauszukommen.

Herr Z. bittet um einige Beispiele solcher Fragen und ich erzähle ihm aus vergangenen Arbeitsprozessen mit Menschen in Krisensituationen. Zur weiteren Unterstützung lege ihm seine in einer früheren Sitzung bewerteten 5-Säulen-der-Identität vor und Herr Z. beginnt, in sich hineinzuhören …

…. ich habe meinen Freunden noch nicht für ihre Unterstützung gedankt, das sollte ich tun …, … auch meine Mitarbeiter haben mir den Rücken frei gehalten und ich habe darauf noch nicht reagiert … ich war zu sehr mit mir beschäftigt … mehrere Investitionen habe ich aufgeschoben, weil ich mich nicht darauf konzentriere konnte, die sind aber wichtig, damit wir unsere Prozesse für unsere Kunden weiter optimieren können … vielleicht würden sich auch die Bankmitarbeiter freuen, wenn ich sie einmal besuchen würde und sie frage, wie es ihnen heute geht … wir haben in einem Jahr unser 30jähriges Firmenbestehen, das sollten wir feiern, auch wenn mir jetzt so gar nicht danach ist, aber darum geht es ja nicht …. und – natürlich – meine Frau hatte ja auch ein für sie wichtiges Projekt mit anderen Personen begonnen, da sollte ich hören, wie es darum bestellt ist, bestimmt kann ich dafür etwas tun …

Es folgen weitere Impulse, die seine erste Familie betrifft und einige Personen aus seinem sozialen Umfeld. Ich frage ihn: ‚Und, wie geht es der Leere damit‘?

„Die ist weg“, meint Herr Z. sichtlich erstaunt.

—-

Drei Monate später treffen wir uns wieder. Herr Z. macht einen deutlich beruhigten Eindruck, und er berichtet von vielen empfindsamen und ihm wohlgesinnten Gesprächen mit den Menschen, die er aufsuchte. Und in vielen dieser Gespräche wäre ihm doch bewusst geworden, dass er ein recht einseitiges und ihn zentrierendes Leben geführt hat. „Das wurde schon auch von anderen wahrgenommen. Aber das ist nun vorbei, denn eins hab ich nicht verlernt: meinem Leben zu antworten.“

 

 

 

Die Krise des Wolfgang Z. – Praxisbericht

[Praxisbericht begann am: 01.10.2014]

„Was sind Ihre kühnsten Hoffnungen bezüglich der Auswirkungen unserer Zusammenarbeit heute?“, leite ich die folgende Sitzung ein.

Herr Z. sagt spontan, er sähe einen großen Gewinn darin, einen anderen Weg zu finden, als den, den ein Bekannter von ihm eingeschlagen hätte. Er hätte diesen jüngst getroffen und er habe berichtet, dass seine Frau vor einem Jahr an Krebs gestorben sei. Die Zeit sei für sie ein reines Martyrium gewesen und er selbst habe sich nach ihrem Tod erst verkrochen, dann wäre eine Art Arbeitswut entstanden, mit der er das gemeinsame Haus komplett umgekrempelt habe. Irgendwann aber hätte er sich die Frage gestellt, was das eigentlich soll und dann wäre er zusammengebrochen. Er wüsste eigentlich immer noch nicht, wie es weitergehen könnte und deshalb würde er nun einfach öfter in die Stadt gehen und schauen, ob ihn irgendwas ‚anfixt‘. Aber es sei alles so blutleer und die Leute, die da herumhetzen langweilten ihn mehr als dass sie ihn irgendwie zum Mitmachen ermuntern. „Der Herbert tut mir schon leid, er hat ja noch weniger als ich, noch nicht mal eine Arbeit, die ihn fordert“.

Wie sähe denn der Weg aus, den Sie Ihrem Bekannten gewünscht hätten und den er offenkundig nicht eingeschlagen hat? 

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