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Schlussgedanken eines Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitenden Coachs

Irgendwie war Sinn ja schon immer ein Thema, aber seit der in den Topmanagement-Etagen bekannte Berater Fredmund Malik von der Universität St.Gallen den Unternehmerinnen und Unternehmern zurief, dass Frankl den aus seiner Sicht wichtigsten Beitrag zur Diskussion um die Motivation des Menschen geleistet habe, nahm Sinn auch dort Fahrt auf. Leider jedoch oft genug falsch verstanden oder interpretiert.

Natürlich muss erwähnt werden, dass sich im Kontext der Frage, was zu einem gelingenden Leben eines Menschen beiträgt, ganze Heerscharen von Autoren geäußert haben. Alle haben mitgeholfen, Sinn durch die Verknüpfung mit anderen Themenfeldern wie beispielsweise Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung, Führung, Alter, Glaube, Krise oder Krankheit zu einem ‚big point‘ zu machen. Naheliegend, dass diese Entwicklung auch die Wissenschaft auf den Plan rief.

Aus der ‚empirischen Sinnforschung‘, deren Ziel in der Regel darin besteht, fruchtbare Ansätze für die psychotherapeutische, psychiatrische und psychoedukative Arbeit zu liefern, finden sich heute eine Fülle von Studien, die die Bedeutung des Sinns für das Wohlergehen, die Lebensgestaltung, die Zufriedenheit oder das Glück hervorheben oder auf Wege zur Integration von Sinn in therapeutische, pädagogische oder dialogische Prozesse hinweisen.

Wer sich tiefergehend mit diesen Ansätzen befasst, dem kann auffallen, dass die Person häufig übersehen oder unerwähnt bleibt, die Sinn nicht lediglich als eine etwas erklärende Variable menschlichen Daseins diskutierte, sondern ihn vielmehr als das Zentrum der Wesenhaftigkeit des Menschen hervorhob: Viktor Frankl.

Jeder Mensch hat stets einen konkreten, individuellen Lebenssinn

Wie geht das zusammen? Frankl, dessen ‚Trotzdem ja zum Leben sagen‘ [‚Man‘s search for meaning‘] bis heute bereits eine millionenfache Leserschaft fand und Frankl, dessen Erbe die Wissenschaft so zaghaft aufgreift – irgendetwas Spannendes scheint sich zwischen diesen beiden Welten abzuspielen. Vielleicht sind es Irrtümer?

Der Irrtum vielleicht, dass unter sinnvollen Tätigkeiten oder Handlungen reflexartig etwas Altruistisches, Karitatives, Ästhetisches, Pflegendes, Lehrendes, Kulturelles oder Empathisches verstanden wird? Verstärkt vielleicht noch um die Annahme, dass solche Tätigkeiten dann als Sinn in Erwägung gezogen werden, wenn andere zum Beispiel durch Krankheit oder Krise nicht mehr aufrechterhalten werden können?

Oder der Irrtum, dass man sich Sinn machen könne? Dieser Irrtum hält sich hartnäckig und muss aufrechterhalten werden, will man das, was man Sinn nennt, empirisch messen. Geht man davon aus, dass sich Menschen einzig mit Zielen, selbstgesetzten Aufgaben, Interessen, Eigenaufträgen oder Selbstverpflichtungen ihr Leben sinnerfüllt gestalten, dann freilich lässt sich messen, auf Basis welcher psychophysischen Verfassung sie dies tun.

Oder der Irrtum, Sinn sei gleichzusetzen mit kognitiver Bedeutungszuweisung, emotionaler Bewertung oder gar mit Zweck. Dass uns bereits Buchtitel den von Frankl angeregten Zugang zum Sinn erschweren, zeigt bereits der Begriff ‚meaning‘ im oben bereits genannten Bestseller. Übersetzt man ihn mit ‚Bedeutung‘, so kann er dann, wenn man ihn mit ‚ich messe etwas Bedeutung bei, ich verleihe etwas Bedeutung‘ mentalisiert, als aktiver kognitiver Prozess verstanden werden. So interpretiert, macht sich der Denkende seinen Sinn. Andersherum jedoch wird erst der sinntheoretische Schuh daraus: Es gibt jederzeit in der Welt eines Menschen, in seinem Möglichkeitsraum, ein verfügbares ‚Bedeutendes‘ – einen Sinn. Ihn gilt es zu suchen, zu finden und im Moment des Gefundenwerdens erkennt die Person die Bedeutung, die das Sinnvolle für sie hat.

Diese Anmerkungen sollen zu erkennen geben, dass Viktor Frankl mit der von ihm vorgestellten ältesten und in ihrer Ausformulierung einzigen Theorie des Sinns, nicht nur die phänomenologische Perspektive eines praktizierenden Arztes, Psychiaters und Psychotherapeuten einnimmt, sondern diese auch in einen umfassenden philosophischen Begründungszusammenhang verweist. Mit heutiger ausdifferenzierter wissenschaftlicher Sichtweise mag es nahezu als unmöglich erscheinen, sowohl eine angewandte Philosophie als auch eine angewandte Psychologie zu vertreten und, damit nicht genug, beide mit einer theoretischen Basis und einem ausformulierten Menschenbild quasi aus einer Hand zu einem ganzheitlichen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis zu führen.

Ob Frankl dieses Gesamtkunstwerk gelang, entscheidet sich letztlich immer im Auge des Betrachters und dessen Bereitschaft, sich sein Bild vor dem Hintergrund eines Mannes zu machen, der sich zuallererst um die Pflege der Seele von Menschen in Krisen einsetzte und dabei erkannte, dass bei dieser Arbeit sich jedwede Reduktion des Menschen verbietet.

Frankls philosophisch-argumentatives Vorgehen ruht in der Tradition phänomenologischen und existenzphilosophischen Gedankenguts. Das allein reicht bisweilen bereits hartgesottenen Konstruktivisten oder Anhängern der Idee eines von einem freien Willen abgekoppelten Menschen aufgrund der postulierten neurobiologischen Vormachtstellung des Gehirns, um sich eines Diskurses mit Frankl zu entsagen.

Dem gegenüber könnte man nun die zahlreichen Wirkungsbelege der auf Frankls Theorie aufbauenden sinnzentrierten Psychotherapie heranziehen, um deren gegebenen Stellenwert in die Waagschale zu werfen. Wer sich für diesen Kontext interessiert, dem sei dieses Übersichtswerk empfohlen.

Viktor Frankl war Professor für Psychiatrie und mehr noch, ein Wissenschaftler und Praktiker im Grenzgebiet zwischen Psychiatrie, Philosophie und Psychotherapie. Worum es der Psychologie inhaltlich geht, haben die Seelenkundler Platon, Aristoteles, deutlich später dann Avicenna und andere in ihren Schriften zum Ausdruck gebracht. Aber als wissenschaftliche Disziplin schauen wir doch kaum mehr als in eine 120jährige Geschichte. Sigmund Freud fällt jedem ein, weniger bekannt sind da schon die Namen der Begründer der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt in Deutschland und William James in den USA. Eine der Kernfragen der Psychologie und der Psychotherapie war und ist: Was treibt den Menschen an? Und im Kontext der ‚psychotherapía‘, der Pflege der Seele: Was treibt den Menschen an, dessen Dasein brüchig geworden ist?

Was ist das Grundstreben des Menschen? Diese Frage ist so schwer zu beantworten, dass sich über sie sogar drei sogenannte Wiener Schulen der Psychotherapie entwickelten. Die erste Schule, die Psychoanalyse, sieht den Menschen als nach Lust strebend an. Die zweite, die Individualpsychologie, sieht ihn als nach Macht strebendes Wesen und die dritte, die Existenzanalyse mit der auf ihr operativ fußenden Logotherapie, stellt das nach Sinn strebende Wesen ihrem Menschenbild voran.

Wenn die Psychologie heute beschreibt, wohin es den Menschen zieht, was er will, dann beschreibt sie ihn nicht nur deskriptiv, sondern sie schreibt ihm in gewisser Hinsicht immer auch etwas vor. Präskriptiv beschreibt sie, wie er leben soll, so dass sein Leben gelingt. Dies geht sogar zuweilen soweit, dass sich in den Träumen des Patienten dessen momentane Therapiesituation widerspiegelt. So träumen Patienten, die sich in einer jungianisch geprägten Therapie befinden, phantasievoller und bunter als Patienten in den anderen Therapierichtungen – dies verwundert nicht, ist diese Richtung mit ihrer Arbeit rund um Archetypen und Mythen doch ein Wesensmerkmal dieser Therapie.

Und schaut man in die Peripherie, auf den wachsenden Berg der Lebenshilfe-Bücher, die vorgeben wollen, was der Mensch zu tun hat, damit es ihm gut gehen kann, dann sehen wir Masterpläne, Handlungstipps, Methoden der Selbstreflexion und Einladungen zu Trainings aller Art. Alle gemeinsam bedienen sie einen Wunsch nach schneller Hilfe, Ordnung im Leben und Expertenmeinung.

Jedoch, die Grundstrebung des Menschen herauszuarbeiten, ist nicht gerade ein anspruchsloses methodisches Problem. Der Idee, das, was einen Menschen in Motivation versetzt, theoretisch zu fassen, liegt per se ein Menschenbild zugrunde. Weder die Erziehung, die Pädagogik, die Menschenführung, die Seelsorge, die Therapie, das Coaching und andere Arbeitsfelder, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, kommen ohne Menschenbild aus. Menschenbilder sagen etwas darüber aus, wie der Mensch interagiert, wofür er zwei freie Hände hat und darüber, dass es eine grundlegende Beziehung zwischen ihm und Welt gibt, durch die das, was der Mensch in seinem Dasein möchte auch zurückwirkt in die Welt.

Das Problem der jungen Wissenschaft Psychologie besteht nun darin, dass die meisten ihrer prominenten Vertreter einer Versuchung unterliegen, der irgendwann vielleicht jeder in seinem Fach einmal unterliegt. Der Versuchung, einen Teilbefund zum Gesamtbefund zu erheben. So war es im Kontext der Freud’schen Lehre vorstellbar, dass einfache Algorithmen wie zum Beispiel der, dass der Mensch luststrebig ist und das Realitätsprinzip diesem Streben einen Strich durch die Rechnung macht, übertragen werden konnte auf alle Bereiche der Menschheitsgeschichte [die Aufsätze Freuds dazu sind beredtes Beispiel für diese Algorithmuslust]. Da jeglichem menschlichen Wollen ein psychischer Prozess zugrunde liegt, kann jedes durch Wollen Entstandene psychoanalysiert werden – im Kontext der Psychoanalyse eben dahingehend, in welchem Maße die Luststrebigkeit, der Einfluss der Libido, den Wollensprozess steuerte.

Wird nun der Algorithmus zum Prinzip erhoben, dann ist der Mensch nicht bloß luststrebig, sondern er ist es primär, er ist nichts anderes als das. Diese prinzipiellen Algorithmen finden sich in allen Schulen, die den Menschen letztlich reduzieren auf sich selbst. So finden wir einen solchen auch in der Individualpsychologie, in der Jung’schen analytischen Psychologie und auch in der Verhaltenstherapie, die dem Algorithmus folgt, individuelles Handeln käme dadurch zustande, dass es oft genug belohnt und dadurch verstärkt wurde. Der Mensch sei daher nichts anderes als ein Wesen, das durch seine Umwelt geprägt wird und nichts anderes als das Resultat seiner Lerngeschichte.

Ein biologistischer Ansatz sieht den Menschen motiviert durch die endorphinösen Belohnungsprozesse der Amygdala. Der Mensch tut so letztlich das, was ihm mittels angenehm empfundener Stimuli von seinem Gehirn vorgegeben wird. Breite neurowissenschaftliche Diskussionen können so am Ende streng vereinfacht auf den Satz verkürzt werden: Der Mensch ist nichts anderes als sein neuronales Substrat.

Alle diese Perspektiven beschreiben etwas am Menschen, aber sie beschreiben eben auch den Menschen als Etwas. Als ein Etwas, das durch die Libido gesteuert wird oder ein Etwas, das bestrebt ist, ein empfundenes Minderwertigkeitsempfinden auszugleichen mit einer ihm angeborenen Suche nach Geltung und Macht. Oder als ein Etwas, das nach Anerkennung strebt und dafür ein Verhalten erlernt, um den Erwartungen seines Umfeldes zu entsprechen. Kommt es zu den erhofften Belohnungen, verankert sich die Lernerfahrung als innere Stimme eines Eltern-Ichs, die dem Etwas vorgaukelt, das Beibehalten des Verhaltens würde auch weitere Anerkennung sichern.

Diese und viele weitere Denkschulen, die das Bild vom Menschen in den Jahren seit Freud stark beeinflusst haben, führen dazu, dass das Subjekt an die Stelle des Objekts gesetzt wird, dass darum mehr in den Fokus rückt, wie es dem Menschen psychisch geht [Zustand] als um die Frage, worum [Gegenstand] es ihm in seinem Leben geht. Der Philosoph Max Scheler unterscheidet an dieser Stelle zuständliche und gegenständliche Gefühle. Zuständliche Gefühle sind vollständig, wenn man sie erlebt. Aggression ist ein solches in sich vollständiges Gefühl. Hass jedoch ist ein gegenständliches Gefühl, es bedingt ein Etwas oder ein Jemand, auf das er gerichtet ist. Freude ist ein vollständiges, zuständliches Gefühl, Dankbarkeit bedingt wiederum einen Gegenstand, also zum Beispiel gegenüber einer Person, die einen Grund dafür bot, in einer Situation Glück zu erleben. Auch zwischen Trauer [einem gegenständlichen Gefühl, das einen Verlust eines Wertes zum Ausdruck bringt], Traurigkeit [als schnell aufkommendes und ebenso schnell verschwindendes, zuständliches Gefühl] und Depression [anhaltende negative Grundstimmung] verwischen die sprachlichen Grenzen immer wieder und machen die Exploration dessen, was in Therapie oder Coaching zur Bearbeitung ansteht nicht gerade leichter.

In der Schule fragt die Lehrerin, was ein Trauerfall ist. Hans: „Wenn ich mein Handy verliere!“ „Nein“ sagt die Lehrerin, „das nennt man einen Verlust!“ Franz: „Wenn ein Loch in unserm Dach ist, und es hereinregnet!“ „Nein“ sagt die Lehrerin wieder, „das nennt man einen Schaden!“ Chantal: „Wenn unser Direktor sterben würde!“ „Richtig“ sagt die Lehrerin, „das wäre ein Trauerfall, aber kein Schaden und kein Verlust!“

In einer holländischen Forschungsreihe hat sich gezeigt, dass zum Beispiel in Bewerbungssituationen ein gewisses Selbstwertgefühl vorteilhaft ist und, wie wohlbekannt, unterstützen viele Ratgeber und Coachs ihre Klienten eben darin, sich zum Beispiel mit positiven Affirmationen, sich selbst gegenüber freundlichen Ritualen und Sätzen usw. ein solch positives Selbstwertgefühl einzureden.

Im genannten Forschungsprojekt wurden nun die Probanden gebeten, sich zehn Minuten lang alle erdenklichen positiven Eigenschaften zuzuschreiben. Und in der Tat: Zwanzig Minuten nach dieser Übung konnte ein deutlich stärkeres Selbstwertgefühl nachgewiesen werden, um jedoch bereits wenige Minuten später abrupt nachzulassen und sogar unter das vor der Übung gemessene Level zu fallen. Der Grund für das Phänomen wurde schnell gefunden. In der ersten Phase setzen Trancezustände ein, die das positive Gefühl bewirken und in der zweiten Phase schaltet sich förmlich der Rest des Menschen ein, indem das quasi aufgeladene Selbstbild verglichen wird mit dem eigentlichen. Die hierbei auftretende Diskrepanz verunsichert, mit der Folge der Abwertung der eigenen Person.

Was man beim Einsatz von Drogen [Auslöser zuständlicher Gefühle] erhält, ist eine Belohnung als ob – nur, dass es das ob nicht gibt. Die Ausrichtung auf das Zuständliche, die sich im Kern als offensichtlich hedonistische Lebenshaltung erweist, findet sich oft bei Menschen mit neurotischen Persönlichkeitsakzentuierungen. Wenn es letztlich für solche Menschen nur um das Zuständliche geht, um das, wie es einem selbst geht, und wenn gleichermaßen das Objekt aus den Augen verloren wird, dann wird der Mensch abhängig von seinen volatilen Gefühlen. Hieraus lässt sich schließen: ein Ich, das sich in bloße Abhängigkeit von Empfindungen und den von ihnen ausgehenden Gefühlen ergibt, wähnt sich frei, macht sich jedoch abhängig davon, wie andere Menschen auf es einwirken und von inneren Zuständen, gegen die dann zum Beispiel mit Süchten aller Art versucht wird, gegenzusteuern.

Wenn nun ein Mensch sich abhängig macht von seinen egozentrierten, zuständlichen Gefühlen, dann wird nachvollziehbar, warum er so oft danach strebt, dass es ihm gut geht – also zum Beispiel durch Glück, Selbstwert, Lachen, Erfolg, Zufriedenheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Entspannung, Freude. Nur, hier stellt sich die Frage: Kann dies auf direktem Weg intendiert werden? Die Antwort ist so einfach, aber doch für viele Menschen so schwer zu akzeptieren: Alles, was den Menschen seelisch bereichert, lässt sich nicht direkt anstreben – vielmehr: es braucht einen guten Grund, von dem es getragen wird.

‚Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon‘, wusste Frankl. Wäre es nicht so und damit eine einfache Sache mit dem Glück – eine Disziplin wie die der Psychotherapie und womöglich auch die des Coachings wäre obsolet.

Ein guter Grund wird in der Sinnlehre Frankls auch Sinnobjekt genannt. Menschen, die sich zumeist auf die Verbesserung ihrer zuständlichen Gefühle ausrichten, vermögen oftmals nicht zu erkennen, was um sie herum konkret auf ihre Handlungen förmlich wartet. Anstatt durch ihr Handeln etwas in die Welt zu schaffen, was in der Folge etwas bewirkt, das ihnen gut tut, schaffen sie letztlich nur etwas aus der Welt, nämlich ihr Problem, sich mit dem befassen zu müssen, wofür es an sich gut wäre, sich einzusetzen. Dabei geht es nicht darum, dass ein Mensch sich überfordert. Vielmehr soll der Mensch lernen, seine beliebten Abkürzungen zu erkennen und in Frage zu stellen. Abkürzungen, zum Beispiel in Form von Vorstellungen, Vorurteilen oder inneren Wahrscheinlichkeitsrechnungen darüber, was man wohl in einer Situation erwarten wird, obwohl man selbst über keinerlei Ersterfahrung in diesem Kontext verfügt. Oder die Abkürzung über Glaubensannahmen, warum man wohl aus diesen oder jenen Gründen nicht geeignet sei, wenngleich man bislang keinerlei Erprobung vorgenommen hat. Die im Coaching vermutlich am häufigsten gehörte Abkürzung dürfte das ‚ja, aber‘ sein. Kurzfristig mag ein Mensch sich sogar gut fühlen, wenn sein ‚ja, aber…‘ fruchtet.

Hört der Klient letztlich auf seine innere Stimme, die ihm sagt, dass es trotz der psychischen ‚ja, aber‘-Abwehr etwas gibt, das ‚wenn nicht von mir, von wem denn dann‘ in die Welt geschafft gehört, dann wirkt dies dem Empfinden von Sinnverlust entgegen und verweist auch auf ein neues Gefühl. Aus einem ‚ich fühle mich gut‘ wird ein ‚ich fühle mich gut, um…‘. Und Frankl bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Das Bewusstsein, einer Aufgabe zu dienen, hat eine lebensverlängernde und krankheitsverhütende Wirkung“.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfreuendes, gesundes und nach vorne gerichtetes Neues Jahr.

Führung nach der Pandemie

Heureka, das Büro hat uns wieder. Viele sind erleichtert, denn ‚geimpft, genesen und getestet‘ scheinen die magischen Worte zu sein, unter denen Führung wieder möglich wird. Zumindest bis eine vierte oder eine neue erste Welle oder irgendetwas anderes kommt, schaun mer mal. Allemal wissen wir nun: Ein Virus schafft es locker, Führungsgewohnheiten ad acta zu legen. Virtuelle Zusammenarbeit, ewige Abstimmungswege, Koordination in der Operative, Wegfall manch Spontanem, technische Hindernisse, Schreikrämpfe im Homeoffice, Fluten an Chats, Mails, Videoeinladungen, Telefonkonferenzen und Optimierungs-Webinare waren und sind vielerorts an der Tagesordnung. Wenigstens traf es fast jeden, dass so etwas wie Plan, Steuerung und Kontrolle ausfielen. Überraschend wie beim Stromausfall am Flughafen, wo dann auf einmal wieder die gute alte Handarbeit, paper and pencil und Selbst-Anpacken gefragt sind. Wohl dem, der das nicht so ganz verlernt hat.

Führung wurde so in den letzten Monaten häufig zum Überraschungs-Ei. Wissen als Fundament von Planen und Steuern waren nicht mehr wirksam, sogar nicht selten sogar riskant. Zu wissen, dass vor mir ein Eisberg im Wasser liegt, hilft alleine wenig, wenn ich nichts sehe. Irgendwie muss es gelingen durchzukommen, auch wenn man nicht weiß, ob nicht links oder rechts auch noch einer liegt. Einfach stehenzubleiben, ist auf Dauer auch nicht smart. Also, wie diesem alles hemmenden Gefühl der Unwirksamkeit entgegengehen? Pfeifen im Wald oder warten auf Godot? Alles wenig sexy und der Intelligenz des Menschen doch auch wirklich nicht entsprechend.

Wenn also der Prophet nicht mehr zum Berg kommen kann, dann eben andersherum. Und so entwickelten sich über die Monate immer mehr informelle Strukturen um den Berg herum. Manchmal als Schwarmintelligenz, manchmal schlicht in Form untereinander abgestimmter falscher Reports, weil man einerseits um die Unerfüllbarkeit der Projektvorgaben wusste, andererseits aber doch irgendwie die auf der Kundenseite ebenfalls gravierenden Probleme in der Wertschöpfung zu adressieren. Die Strategie des Durchwurstelns wurde wiederbelebt, eine Art Schattenkompetenz trat in den Fokus und diese gilt es nun, nachdem – hoffentlich – das Gröbste überstanden ist, hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile anzuschauen und ihre besten Seiten in Form einer selbststeuernden Organisationsentwicklung zu kultivieren. Schließlich bleibt das Szenario einer nächsten Pandemie ja allemal möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich. Und weil das so ist, steht die alte Frage nun in einem neuen Anzug vor einem: Welche Führung brauchen wir in der Post-Pandemie-Zeit?

Mit einer möglichen Antwort darauf schließen sich an: Worum sollte es nun Führungskräften gehen? Welche Führungskräfte sollten gehen? Welche Führungsillusionen wurden aufgedeckt? Welche Vorurteile über Mitarbeiter wurden obsolet? Welche Mitarbeiter haben so positiv überrascht wie es das Virus negativ tat? Welche Rahmenbedingungen sind nun zu schaffen, damit das, worum es den Mitarbeitern für ihr Unternehmen ging, erhalten bleibt und weiterentwickelt wird? Was hat die Reaktionsschnelligkeit der Mitarbeiter mit den Führungskräften gemacht?  Welche in der Pandemie ausgeknockten Mechanismen der Planung, Steuerung und Kontrolle können aussortiert werden? Welche Revitalisierung alter Methoden würde die Mitarbeiter demotivieren? Haben die  Führungskräfte die passende Macht, um die alten Zöpfe auch liegenlassen zu dürfen? Was war das Unorthodoxeste, was die Führungskräfte erlebten und wie wurde damit umgegangen?

Und wenn Sie als Unternehmer oder Führungskraft einfach auf diese Fragen keine Antworten finden, wie wäre es dann einmal mit einem systemischen Coaching? Ideen dafür gibt’s hier in Augsburg reichlich und erfreuen sich bereits großer Beliebtheit.

 

Neue Buchrezension zum ‚Coaching des Todes‘

So wichtig Prozesshaftigkeit, Lösungs- und Zielorientierung im Coaching sind, mit der Metapher „auf den Punkt kommen“ – so der Untertitel des Buches – wird mit der Publikation „Coaching des Todes“ ein innovativer Ansatz für die Begleitung existenzieller Situationen im Leben gewählt. Es mag auf den ersten Blick verwundern, weshalb das Buch nicht beispielhaft als „Sterbecoaching“ überschrieben ist. Allerdings spiegelt genau dies die spezielle Fokussierung auf Existenziale – und damit letztlich auf den Tod. Denn, wie jeder Seelsorger und Sterbebegleiter weiß, ist auch Sterben ein Prozess – ähnlich wie die allermeisten Begleitungen im Coaching –, der Tod indes ist dessen Endpunkt. Dieser Radikalität stellt sich „Coaching des Todes“, konsequent zu seinem Titel – und nicht zuletzt seinem durchweg (schwarzen) Einband.

In 43 einzelnen Kapiteln wird Schlieper-Damrichs Auseinandersetzung mit dem Thema Tod entfaltet, wobei man dem Buch durchgängig die Ausbildung und Erfahrung des Autors in den Coaching-Feldern Werte, Sinn und Krisen anmerkt. Wichtige und wiederkehrende Aspekte sind: Wertfülle, existenzielle Erfahrungen, Lebenssinn und Verantwortung. Der Augsburger Coach, Therapeut und Autor greift in seinen Fragestellungen und Reflexionen nicht nur – aber immer wieder – auf das Sinnkonzept und die Logotherapie von Viktor Frankl zurück, sondern verdichtet seine Betrachtungen mehrperspektivisch aus verschiedenen wissenschaftlichen Linien sowie aufgrund eigener Coachingprozesse und v.a. auch persönlicher Erfahrungen. Auf der Ebene des interdisziplinären Zugangs wird neben dem profunden Wissen des Autors auch die breite Unterstützung durch Expert*innen verschiedener Fachdisziplinen – der Logotherapie und Medizin, der Philosophie und Physik sowie dem Werte- wie Krisencoaching – durchweg deutlich. Die immer wieder eingeflochtenen Fallbeispiele, Aphorismen sowie Impulse zur Reflexion spiegeln die Erfahrungsdichte des Lebensthemas Tod. Die Reflexionstiefe, mit der sich der Autor dieses „Themas“ stellt, scheint nicht nur ein persönliches Interesse von Schlieper-Damrich zu sein, sondern wirkt zutiefst authentisch.

Wer Menschen auf dem Weg zum – physischen – Tod begleiten darf, der kennt das Phänomen einer nicht beschreibbaren letzten Klarheit: Da fällt kein Wort zu viel. Da stimmt der Ton. Da sind Botschaft und Sinn eindeutig. Diese Geist-Leib-Seele-Fokussierung im Angesicht des nahenden Todes steht aber sonstigen, üblichen Coaching-Aspekten diametral gegenüber: Wo Erfolg an erster Stelle steht, geht es hier um Werte. Wo Effizienz als oberstes Prinzip genannt wird, lauten die Ziele hier die Erfahrung und das Wiederfinden von Sinn. Schlieper-Damrich vermag es, ohne Betroffenheitspädagogik, hier und da sogar mit einem Hauch von Leichtigkeit bis hin zu einer Prise Humor für ein Thema zu öffnen, das in unserer Gesellschaft ansonsten ein emotionalisiertes und/oder mit Angst besetztes und verdrängtes Minenfeld ist. Leitend scheint das Interesse an einer Kompetenz zu sein, den Tod buchstäblich ins Wort zu nehmen, um so „auf den Punkt zu kommen“ – so der Untertitel. Damit kommt dem Tod – erstaunlicherweise nicht direkt so formuliert, aber unterschwellig auf der Haltungsebene deutlich – kein „Aus“ zu, sondern es bleibt eine Energie, die vom handelnden Subjekt Mensch zu verantworten ist. Und genau diese Visualisierung passt sich auf dem Cover auch in das sonstige Schwarz des Buches ein. Mit dem abschließenden Kapitel „Ja, aber“ – als Kontrapost aus der bis dahin durchlaufenden Nummerierung herausgenommen – und den drei folgenden Arbeitsblättern mit den Themen: „Die Brückenentscheidung“, „Der existenzielle Abschied“ und „Der Eigenauftrag“ mündet das Buch in ganz praktischen Anleitungen für ein Coaching des Todes. Zahlreiche Illustrationen unterstützen bis dahin die Leserfreundlichkeit dieser über 400-seitigen Monografie.

Nicht nur für Coaches, Berater und Therapeuten bietet „Coaching des Todes“ einen breiten Einblick in ein (zu) oft gemiedenes Thema. Auch Philosophen und Theologen dürfen dankbar sein, dass sich ein Kaufmann der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre auf dieses Terrain vorwagt. Dadurch wirkt seine Auseinandersetzung nicht „ideologisch“ vorbelastet. Sondern sie gewinnt Klarheit und kann dadurch immer wieder „auf den Punkt“ kommen, weil sie das Abschiednehmen und Erfahren von Sinn auf voraufgehenden, tieferliegenden Werteebenen gründet. Der Ansatz ist daher auch gänzlich frei von weltanschaulichen Glaubensinhalten, sodass das hier vorgestellte Konzept für eine kulturell und religiös plurale Gesellschaft eine wichtige Grundlage darstellt. Eine diesbezügliche Rezeption ist „Coaching des Todes“ zu wünschen!

Fazit: Sterben und Tod sind in der westlichen Gesellschaft an Spezialisten delegiert worden. Damit ist das Thema nicht nur aus dem Alltag verdrängt worden, sondern in gewisser Weise auch ein Tabu. Die Corona-Pandemie hat wieder daran erinnert, dass der Tod zum Leben – und zum Beruf – gehört. Sie hat schmerzhaft in die Komfortzone eingegriffen und verdeutlicht, dass es auch im Leben und Beruf kleine und größere Tode gibt. Diese Tode lassen sich zwar für gewisse Zeit verdrängen, man muss sich ihnen aber stellen, um zur Klarheit zu gelangen und Sinn zu erfahren. Für die Begleitung dieses letzten Schrittes, „auf den Punkt zu kommen“, ist „Coaching des Todes“ eine sehr wertvolle Lektüre – gleichermaßen für die Bereiche Personal und Business Coaching. Als gut erweiterbar kann der Ansatz auch insbesondere für das Feld des Exit-Coachings und der Exit-Strategien empfohlen werden!

Zitat: „Ist eine Person auf den Punkt gekommen, so bringt sie damit zum Ausdruck, im Einklang zu stehen mit dem Wert, den sie frei verwirklichen will und mit dem sie sich verantwortlich auf einen Sinnanlass ausrichtet.“ (S. 150)

Dr. Thomas Hanstein

Erste Rezension zum neuen Buch: Coaching des Todes

Schlieper-Damrich, Ralph
Coaching des Todes
In existenziellen Abschieden auf den Punkt kommen
Februar 2020

Coaching des Todes – für mich als Leserin eine Reise, bei der ich auf authentische Weise nicht zu einem sofortigen und schnellen Ziel geführt wurde. Vielmehr waren die zu Beginn des Buches versprochenen Sprünge und Seitenstränge spannend und wie das Leben und der Tod nicht immer straight und voraussehbar. Leser und Leserinnen, die sich ein handliches Coachingbuch mit Tipps und Tools zur schnellen Bewältigung von Abschiedssituationen erhoffen, sollten woanders suchen.

Das Thema ist meines Erachtens so essentiell, dass es – auf den Punkt gebracht – möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden müsste. Dass der Autor sich dies von Coachs erhofft, zeigt einerseits den lebenspraktischen Bezug auf, den das Buch dann vermittelt, wenn nach der Vermittlung theoretischen Rüstzeugs zahlreiche Coaching-Praxisfälle die Verständnisbrücken bauen. Bei der wissenschaftlich-theoretischen Auseinandersetzung, die der Autor mit zahlreichen neuen Perspektiven aus der Sinntheorie und Logotherapie Viktor Frankls anbietet, kommt es sicher darauf an, ob der Leser dem zugrundeliegenden Menschenbild folgen kann und er bereit ist, sich der intellektuellen Herausforderung zu stellen. Gerade die Unterscheidung des existentiellen Abschieds von normalen Abschieden und die damit verbundenen existenziellen Gefühle, deren Vorstellung im Buch viel Raum gegeben wird, bedingen ausreichend Ruhe in der Verarbeitung des Textes. Ebenso gilt dies für die Bedeutung der Verwirklichung der von Frankl so genannten Einstellungswerte und der erweiterten Thesen zur Person.

Ich hatte den Eindruck, dass ich für das Verständnis sehr von einer bereits zuvor vollzogenen Annäherung an das Lebenswerk von Viktor Frankl profitiert habe. Wer sich hier noch nicht gut aufgehoben fühlt, dem mag das Buch Wertecoaching des Autors eine hilfreiche Basis sein. Coaching des Todes erweitert den Reflexionsspielraum und das Methodenrepertoire –ein echter Mehrwert! Mehr noch aber macht das Buch Lust auf Leben mit den dazugehörigen Herausforderungen und hält der Angst vor den Toden im Leben etwas entgegen, was jeder besitzt und nicht erfunden werden muss.

Mir persönlich hat das Buch einen Weg eröffnet, Sinn im Tod zu spüren und das ‚Handwerkszeug‘ gleich mitgegeben, diesen eigenverantwortlich zu verwirklichen. Die Erkenntnis, dass Leben nach Tod auf eine solche Weise in meinen Händen liegt, hält der Verdrängung, der Hilflosigkeit, der Trauer und der Angst, ein gutes Stück Zuversicht und Handlung entgegen. Dort, wo vorher Ohnmacht war, sprengt der Sinn die Türe ins ‚Nichts‘ und lässt einen neuen Lebensraum entstehen. Unglaublich. Für mich ist zudem eine neue, erweiterte Realität entstanden, die es mir ermöglicht, über persönliche Werte ‚in Kontakt zu bleiben‘ mit geliebten Menschen, die ich verloren habe. Und das, obwohl der physische Tod eines Menschen gar nicht im Vordergrund des Buches steht.

Nicole Schwarz

Die Webseite zum Buch

Vorher – Krise – Nachher

Krisen führen stets zu einem radikalen Ist-Soll-Vergleich. Vorher gab es Pläne, nun ist alles durcheinander, aktuelle Vorhaben sind blockiert, sich neu auszurichten fällt schwer – die Psyche hat noch die Oberhand und alles fest im Griff. Menschen, die Ihre Ideen und Maßnahmen wie Dominosteine zusammenstellen, werden durch Krisen besonders betroffen. Dann trifft es nicht nur einen einzelnen Aspekt im Leben, sondern ein Lebensmodell, ein Masterplan erfährt eine Kettenreaktion. Der Kontrollverlust ist gravierend.

Im sinnzentrierten Krisencoaching steht nun der Wiederaufbau der Selbstkontrolle im Vordergrund, Im Kern geht es dabei um die Werte, die als Fundament trotz der Krise einen Stabilitätsfaktor im Leben darstellen. Wofür hat die Person vor der Krise ihre Ziele gesetzt? Wofür hat er Energie verwendet? Wie hat er bereits gehandelt, um die Ziele zu erreichen? Was wurde schon erreicht? Was war zuvor erst Absicht und kann trotz der Krise nun in einen Plan übertragen und durch konkrete Handlungen umgesetzt werden? Wofür ist es wichtig, sich über die Anforderungen, die sich aus der Krise ergeben, zu erheben und trotzdem Ja für die Zeit danach zu sagen?

„Es geht nicht mehr weiter …

… ich mache Schluss.“ Eine solche Ansage eines Menschen kommt nicht ohne Bremsweg daher. Wer der Meinung ist, seinem Leben ein Ende setzen zu müssen, hat eine quälende Zeit der Suche nach einem Ausweg, einer Lösung, einer Hilfe hinter sich. Dennoch: der allerletzte Schritt ist noch nicht gegangen, also kann die Suche auch noch etwas weitergehen.

Das Gefühl, das eigene Leben manchmal nicht mehr auszuhalten, ist real und normal. Gut, wenn ein Mensch darüber spricht. Gründe dafür gibt es zuhauf: das Wegbrechen aller möglichen identitätsstiftenden Lebensbereiche wird permanent diskutiert. So ist mittlerweile klar, dass sich jeder in seinem Beruf in den kommenden Jahren von gut einem Drittel der Aufgaben verabschieden wird, die heute noch zum Tagesgeschäft gehören – die Stichwort Digitalisierung und Beruf 4.0 seien hierfür genannt. Zudem erleben viele Menschen ihr Familiensystem als äußerst fragil, mancher Glaube hat durch menschenverachtendes Verhalten sogenannter Gottesdiener deutlich gelitten, die Unsicherheiten der Lebensqualität im Alter kommen hinzu oder das Gefühl, nicht mehr im eigenen Land zuhause zu sein oder aufgrund beruflichen Nomadentums keine wirklichen Freunde zu haben – wer heute nicht mindestens einen Lebensbereich hat, der sich durch einen Mangel an Lebensfreude auszeichnet, der darf sich wirklich glücklich schätzen.

Um aber das Risiko völliger Hoffnungslosigkeit zu mindern, setzen sich Menschen einem Druck der Selbstoptimierung aus, um sich attraktiv zu halten. Der Kampf ist aufgenommen. Der dekorierte Mensch, der etwas scheinen will, nimmt immer skurrilere Züge an. Umso grausamer wird es, wenn man trotz aller Mühe, aus sich jemanden zu machen, den andere doch wollen müssen, erkennt, dass dies alles eine riesige Illusion war. In Unternehmen finden sich immer wieder solche Beispiele. Jüngst ein Bereichsleiter, der sich für seine Firma nach eigenen Angaben und plausiblen Erklärungen über Jahren hinweg ein Bein ausriss, um sich dann durch eine chinesische Übernahme urplötzlich all seiner Zukunftsoptionen beraubt zu sehen. Für sein Unternehmen war damals eine Liebesbeziehung entzwei gegangen, geschweige denn von den unendlichen Tagen, die er im Ausland einsetzte, um spannende Projekte zu realisieren.

Im Krisencoaching oder – wenn die Selbststeuerungskräfte bereits arg am Boden liegen – in der therapeutischen Begleitung, finden sich immer öfter solcher Beispiele. Zwar hilft dabei das Erfahrungswissen des Therapeuten oder Coachs aus eigenen Umbrüchen und Niederlagen. Und auch die Kompetenz in der Krisenintervention ist eine große Stütze, wenn man einem Menschen in einer Krise Verständnis und Ruhe entgegenbringen will. Wenn aber der Klient bereits mental sein ‚Finale‘ eingeläutet hat und sein Gespräch mit Coach oder Therapeut als ultimative Bestätigung seines Vorhabens versteht, weil ‚wenn Sie mir auch nicht helfen können, dann ist klar, dass alles Pulver verschossen ist“, dann braucht es doch einiges mehr als den Leitsatz tausender Coachs, ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ zu bieten. Dann braucht es eine gute Infrastruktur, insbesondere Fachleute, die aus ihren jeweiligen Disziplinen bestmöglich Rat und Unterstützung geben können. Fühlt sich der Klient durch eine solche ‚konzertierte Aktion‘ beschützt, in der er mit seinem Gremium schlauer Köpfe an einem machbaren Weg aus der Krise arbeitet, dann zeigt sich immer wieder, wie schnell sich eine Endzeitstimmung in eine ‚Jetzt-erst-recht-Haltung‘ verändern kann.

Menschen in Krisen sei daher geraten: Sprechen Sie nur mit einem Coach oder einem Therapeuten, wenn dieser mit Ihnen zügig herausarbeitet, welche Kompetenzbereiche abgedeckt werden müssen, um zu einer spürbaren und schnellen Entlastung beizutragen.

„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 10

Fortsetzung vom 28. August 2016

Wir verabreden, dass Herr Vermont in den kommenden Tagen die drei Wertebegriffe mit ihren ‚Untertiteln‘ auf sich einwirken lässt und seine Gedanken dazu notiert.

  • Unbeschwertheit: Mir in allen Situationen ein leichtes Herz zu bewahren, beschreibt mich gut.
  • Eintracht: Gemeinsamkeiten zu erkunden und zu pflegen, entspricht mir sehr.
  • Vertrauen: Der feste Glaube daran, dass andere die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, ist essenziell für mich.

Sechs Tage später bittet Herr Vermont um einen dringenden Rückruf. Er berichtet, seine Schwester sei tödlich verunglückt. In den Bergen, im Wanderurlaub, eines ihrer Kinder habe das gesehen, Beerdigung nächste Woche, alle sind todtraurig – ob er es Tim erzählen soll und
seiner Ex-Frau und, und, und?

Herr Vermont spricht ohne Unterlass, die Verzweiflung ist deutlich herauszuhören. Ich frage ihn, ob es ihm helfen würde, wenn ich am kommenden Tag zu ihm käme, um etwas Ordnung in die anstehenden Aufgaben und Klärung seiner Fragen zu bringen. Er stimmt zu und bestätigt, dass wir wohl für zwei Stunden störungsfrei sprechen und arbeiten könnten. Ich stelle einige Unterlagen zusammen, die im Gespräch mit Herrn Vermont als Strukturhilfen eine Übersicht über nun Dringendes und/oder Wichtiges geben und die eine Reihung der Handlungen ermöglichen, die Herr Vermont nun vorzunehmen hat.

Ich bereite mich auf ein Gespräch vor, in dem ich erreichen will:

  • Herrn Vermont zu stabilisieren, ihm dabei zuerst Raum für seine Schilderungen und Empfindungen zu geben, dann zu klären, wie er seine Lage nun insgesamt einschätzt [und dabei zu eruieren, ob seine psychische Verfassung auf ein ausreichendes Maß an Selbststeuerung hindeutet] und was ihn am stärksten sorgt, um darauf aufbauend das Gespräch auf erforderliche Handlungen zu lenken;
  • seine Situation zu validieren, also zu bestätigen, dass er auf eine anormale Situation mit seinen Emotionen und Gedanken normal reagiert;
  • mit ihm störungsfrei die dringendsten und wichtigsten Aufgaben zu klären und einen Fahrplan zu erarbeiten, wer mit wem bis wann was unternimmt und wie dies kommuniziert wird;
  • abzuklären, wie der Klient seinen physischen Allgemeinzustand wahrnimmt, und darauf zu achten, dass in den ‚Handlungsplan‘ ausreichend Zeit für gute Ernährung, Gespräche mit engen Freunden und im wahrsten Sinne ‚für frische Luft‘ aufgenommen wird;
  • zu hinterfragen, ob die Situation mit Alkohol oder Drogen ‚gefügig‘ gemacht wird;
  • ihm zu bestätigen, dass ich meine Rolle als Krisencoach und meine Terminplanung auf seine neue Situation anpassen kann, so er dies wünscht;
  • ihn mit Informationen und Kontakten zu unterstützen, sollte ein anderes Familienmitglied mit der eingetretenen Situation schlecht zurechtkommen [so war zum Beispiel von Seiten der Polizei angeraten worden, das Kind der Verunglückten am Heimatort einem Kinderpsychotherapeuten vorzustellen].

„Dieses Jahr scheint für mich ein ‚Annus horribilis‘ zu werden”, begrüßt mich Herr Vermont, als ich eintreffe. „Viel darf wirklich nicht mehr passieren. Das nervt mich jetzt total, aber ich muss da durch. Und wenn das alles geschafft ist, dann werde ich einen langen Urlaub machen.”

In Schuchardts Krisenspiralmodell [siehe entsprechende Hinweise zu diesem Modell auf dieser Webseite] steht Herr Vermont nun auf der Stufe von 4 [Verhandlung]. Ich frage ihn, ob er in einer solchen Dramatik, die nur zu gut jedem Außenstehenden erklären würde, wenn er ‚den Kopf verlieren‘, ‚ausrasten‘ oder ‚panisch‘ werden würde, schon einmal in seinem Leben stand. „Nein”, erwidert er, „so etwas hat es noch nie gegeben, nur umgekehrt, als Tim geboren wurde, wir einfach nur glücklich waren, mir im Beruf alles gelang und wir unser Leben genießen konnten – diese Zeit war auch eine riesige Wendezeit für mich.”

„Und was haben Sie da gemacht, um nicht ‚abzuheben‘?”, frage ich.
„Ich glaube, gar nichts Besonderes. Ich habe mich nur gefreut.”

„Erwartet denn jetzt jemand, dass Sie etwas ‚Besonderes‘ tun?” – „Nein.”
„Dann dürfen Sie sich doch jetzt Ihre Trauer ebenso erlauben wie damals Ihre Freude.” – „Ja, aber es ist doch so viel zu tun.”

„Sicher, und wer erwartet von Ihnen, dass Sie das alles erledigen?” Herr Vermont schaut mich an, „dass bin nur ich selbst.”

„Gut, und angenommen, Sie hätten alles gut erledigt. Wer wäre dann womöglich darüber trauriger als darüber, sich zu freuen, dass Sie das alles geschafft haben?” – „Tim sicher, weil ich mich weniger um ihn gekümmert hätte und vielleicht auch meine Neffen, für die das doch schlimm und unerklärbar ist.”
„Könnten Sie etwas dafür tun, damit das nicht geschieht?”, verhandle ich mit ihm.
Herr Vermont nimmt sich vor, in der Woche wieder zu Tim zu fahren und mit ihm über die aktuellen Geschehnisse, seine Trauer und seine Sorge, dass sich Tim vernachlässigt fühlen könnte, zu sprechen. Eine Reihe anderer Arbeiten, die ein Todesfall mit sich bringt, konnte er zusammen mit seinem Schwager delegieren, um so mehr Zeit für Gespräche mit den Kindern, mit Nachbarn und Freunden zu führen.

Eine tränenreiche Woche, die Herr Vermont später als ‚zusammenschweißend‘ beschreiben wird. Zudem, erzählt er mir nach einem guten Monat, in dem die Beerdigung, viele abendliche Besuche bei seinem Schwager und Neffen und ‚nebenher‘ ja auch seine Firmenprojekte stattfanden, habe ihn das Gespräch mit Tim überrascht. Gab er seinem Vater doch zu verstehen, dass er in der Klinik schon zurechtkomme und er, Herr Vermont, sich doch besonders um den kleinen Florian
kümmern solle, der doch so an seiner Mutter hing. „Haben Sie das erwartet, dass Ihr Sohn so reagiert?”, frage ich. „Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung. Insgeheim habe ich es zwar so etwas erhofft, aber ich hatte doch mehr Befürchtungen, dass er unter der neuen Situation
noch mehr leidet als ohnehin. Ich war ja kurz davor zusammenzuklappen, aber mein Sohn hat es geschafft, mir auf seine Weise in den Hintern zu treten.” [Herr Vermont beschreibt hier den Übergang von Phase 5 auf Phase 6 im Krisenverlaufsmodell von Schuchardt]

„Wenn Sie an Ihre Wertereflexion aus unserer letzten Sitzung denken, dann fühlt sich das für mich so an, als hätten Sie eine neue Erfahrung mit dem Wert ‚Vertrauen‘ gemacht!?” „Ja, das stimmt, ich bin stolz auf meinen Sohn. Und dankbar, dass er mir trotz der schweren Zeit, die er selbst noch hat, den Rücken freigehalten hat. Das habe ich ihm auch bei unserem letzten Gespräch gesagt.” Herr Vermont hat Tränen in den Augen, als er sagt: „Und dann sagte Tim, wir Männer müssten halt zusammenhalten. Einen solchen Satz hat es damals bei uns nie gegeben.”

„Sie meinen damals, als Ihr Bruder so krank war?” „Ja, genau!” „Nun, könnte es nicht sein, dass Ihr Vater dieses Vertrauen damals schon in Sie hatte, so wie Sie es nun in Ihren Sohn haben?” Ich merke förmlich, wie die Jugendbiografie meines Klienten an seinem geistigen Auge vorbeizieht
und er nichts entdeckt, was er heute als mangelndes Vertrauen ihm gegenüber deuten kann. „Das ist schon ein gutes Gefühl jetzt. Andererseits sehe ich jetzt aber auch, wie sehr mich dieses Leben bisher angestrengt hat, weil ich ja bisher immer selbst alles zusammengehalten habe oder zumindest glaubte, es tun zu müssen.”

„Das klingt für mich so, als wollten Sie diese Einstellung nun für das vor Ihnen liegende Leben anpassen?” „Ja, darüber würde ich mich freuen, wenn dieses Maß an Anstrengung reduziert werden könnte. In der Anstrengung ist ja auch das Wort ‚streng‘.”

„Welches Maß an Anstrengung erscheint Ihnen denn für Ihr privates und berufliches Leben ein gesundes zu sein, wenn Sie es einmal auf einer Skala von 0, keine Anstrengung, bis 20, max. Anstrengung, einschätzen?” „Nun, 13 bis 15 halte ich für einen guten Bereich.”

„Und wo auf der Skala stehen Sie aktuell?” – „Gefühlt über 20, real aber wohl so bei 18.”
„Gut, dann schauen wir einmal auf dieses Dreieck.” Ich lege ihm einen Zettel vor, auf dem ich die von ihm in einer der vorherigen Sitzungen benannten Werte „Vertrauen – Eintracht
– Unbeschwertheit” an ein Dreieck schreibe.

„Bitte beginnen Sie nun damit – und führen es dann zu Hause weiter –, konkrete Handlungen zu beschreiben, durch die Sie frei und eigenverantwortlich diese Werte im privaten und/oder beruflichen Alltag werden verwirklichen können. Dabei kommt es nicht auf Quantität an, vielmehr um einen Sie erfreuenden Sog, diese Handlungen zeitnah umzusetzen. Sollte eine Handlung auch einen oder beide anderen Werte ansprechen, dann wählen Sie bitte den Wert, der für Sie noch unmittelbarer im positiven Sinne von der Handlung betroffen ist.”

Für den Wert ‚Eintracht‘ – auf den hier aus Gründen der Anonymisierung fokussiert wird – hat Herr Vermont vier Handlungen ins Auge gefasst.

  • In eine renommierte Partnerbörse wird er sein Profil einstellen, da ihm daran gelegen ist, bald wieder eine feste Beziehung zu einer Frau einzugehen;
  • die 25-Jahrfeier zum Abitur wird er dazu nutzen, den Kontakt zu einigen Schulfreunden wiederzubeleben;
  • mit der zwischenzeitlich durch die Ärzte in Aussicht gestellten Klinikentlassung
    von Tim mit anschließender Reha wird Herr Vermont sich bei seiner Ex-Frau und seiner Tochter für deren Unterstützung in den zurückliegenden Wochen bedanken und dies mit dem
    Wunsch verbinden, dass es eine gemeinsame Feier gibt, wenn Tim wieder zu Hause sein wird;
  • seine Direct Reports will Herr Vermont zu einem Grillfest einladen, um auch ihnen im Rahmen einer kleinen Ansprache zu danken und dem Kreis zu versichern, dass es ihm gut getan habe, seine Mitarbeiter an seiner Seite zu wissen.

„Wie anstrengend wird es für Sie sein, diese Handlungen nun durchzuführen?” Herr Vermont schaut sich die Liste an und merkt dann an: „An sich gar nicht. Bei der Organisation des Grillfestes zum Beispiel werde ich meinen Schwager bitten, mir zu helfen, so kommt er auch auf andere Gedanken. Außerdem wird das eine lockere Sache, ohne Schlips und Kragen – ich bin mal auf die Gesichter gespannt, denn meine Leute kennen mich eigentlich nur recht formell.” [Phase 7 im
Krisenverlaufsmodell von Schuchardt]

Einige Wochen später hat sich die Lage beruhigt. Herr Vermont kann wieder von Herzen lachen, auch wenn ihn der Verlust seiner Schwester weiterhin sehr schmerzt und er dies heute freimütig in Gesprächen einräumt. Der Umgang mit seiner Trauer, der im Coaching immer wieder dadurch gefördert wurde, indem ich mit ihm u.a. über die gemeinsame Geschwisterzeit sprach und ihm kleine Rituale [wie z.B. das mit seinen Neffen gemeinsame Modellieren und Bemalen eines kleinen
‚Lebensbaums‘ aus Ton, der zum Jahresende dann neben das Grabmal gestellt werden wird] empfahl, wurde zusehends leichter. Seine Mitarbeiter freuen sich auf das Sommerfest, die Lage im Unternehmen hat sich zudem erheblich verbessert und Herr Vermont muss einräumen, dass es doch auch oftmals ‚ohne ihn ging‘, was ihn heute eher erleichtert, als das es ihn stört. Tim ist wieder zu Hause, die Ärzte haben meisterhaft gearbeitet und die noch sichtbaren Spuren werden
in den kommenden Jahren weitgehend verblassen. Das Coaching will Herr Vermont fortsetzen, „mindestens bis ich 44 bin”, schmunzelt er. Und das Profil in der Partnerbörse ist auch online und Herr Vermont hofft auf die eine oder andere Überraschung. „Vielleicht treffe ich ja meine Ex dort auch wieder”, flachst er.