Kategorie-Archiv: Ralph Schlieper-Damrich

Ralph Schlieper-Damrich

14. April 2021

Wir fordern sechs neue Grundrechte

Ein Verfassungskonvent soll die Charta der Grundrechte der Europäischen Union um folgende Grundrechte erweitern:

Artikel 1 – Umwelt

Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.

Artikel 2 – Digitale Selbstbestimmung

Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.

Artikel 3 – Künstliche Intelligenz

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

Artikel 4 – Wahrheit

Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.

Artikel 5 – Globalisierung

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.

Artikel 6 – Grundrechtsklage

Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.

Wir haben diesen Antrag hier mitunterzeichnet.

Dazugehörend das neue Buch von Ferdinand von Schirach.

Und dieser Brief des Autors und Initiators.

Persönliches zu Disziplin, Dummheit und Perspektiven

Das waren noch Zeiten, als der ‚discipulus‘ [lat. für Schüler, Lehrling] beim Lernen ‚diszipliniert‘ nach einer gewissen Ordnung sein Gehirn anstrengte. Damals üblich, und wer undiszipliniert auftrat, dem war ein Eintrag ins ‚Klassenbuch‘ o.ä. sicher. Gut, die Zeiten wandeln sich. Aber gleich so? Wer heute um Disziplin bittet, wird meist schräg angeschaut, es sei denn, man erwartet als Personal Trainer von seinem Schützling den letzten Willen beim Bodyshaping. Disziplin hat sich verlagert – vom Hirn zum Hintern.

Wer heute im Corona-Kontext die Erwartung äußert, dass die Leute einfach mal zu Hause bleiben, der darf sich eines Shitstorms sicher sein. Disziplin wird zum Kampfbegriff und da jeder Dödel heute trotz gegen Null gehender Primärkompetenz seinen Senf zu Allem hinzufügt, bleibt an sich nur eine Wahl: statt Disziplin dann eben Verbot. Top Down läuft das: Die Kanzlerin wünscht sich föderale Disziplin. Da ihr das Geschenk nicht bereitet wird, kommt – wahrscheinlich – eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes und damit das Verbot für manche Landesfürstenden zu Alleingängen.
Da die sich das nicht gefallen lassen, umgehen sie die Order von oben und spielen ihre Spielchen so, als würde es niemandem auffallen. Kleingeistig statt vorbildhaft.

Das Unschöne dabei ist, dass man dem ganzen Schauspiel in real time folgen kann und mittlerweile insbesondere die jungen Menschen eingedenk ihrer permanenten Onlinezeit und medialen Intelligenz schnell durchschauen, wer da wirklich authentisch handelt und wer da um seine Wirkung so sehr kämpft, dass seine Inszenierung durchsichtig wird. Und was ganz oben so läuft, geht im Tröpfelmodell dann bis in die unteren Gefilde der Gesellschaft weiter. Dem Internet sei Dank, dass jedes inszenierte zum Beispiel querdenkende Geblubber heute so schnell als Mist entlarvt wird, dass man sich kaum Sorgen machen muss, dass dessen Halbwertszeit länger besteht als ein paar Stunden. Dummheit wird also recht schnell entlarvt, und wir können uns sicher sein, dass uns unsere Spitzenleute im Kampf ums Kanzleramt noch so manche Dummheit bescheren werden. Das war früher auch so, nur wurde es nicht al dente und 24/7 präsentiert. Man darf gespannt sein, ob sich gar eine Mischung aus Dummheit und Disziplinlosigkeit zeigt – dann wird es ungemütlich und für den Kandidatenden vielleicht gar zum Ende seiner Karrierewünsche.

Wechseln wir die Szenerie und kommen in die Arbeitswelt. Wer hier um keine Primärkompetenz verfügt, dürfte es in absehbarer Zeit immer schwerer haben, ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen über die Runden zu kommen. Da es viele Menschen gibt, die keine besonderen Begabungen haben, aus denen sich ein finanzielles Auskommen ableiten lässt und zudem die Robotik ihren Beitrag leistet, dass nervtötende und-oder körperschädigende Arbeiten zumindest in Wirtschaftsunternehmen technologisch erledigt werden, stellt sich der darauf unvorbereiteten Gesellschaft an mehreren Fronten ein echtes Problem. Was machen wir mit der Talentfreiheit, Mangelintelligenz und Zukunftsnaivität so vieler Bürger [also derer, die nach Außen für das, wofür unser Land steht, ebenso bürgen wie der Rest]?  Aber ist es wirklich so schlimm. Leider wohl ja.

Als es dem Manchester Kapitalismus an den Kragen ging und er nach und nach in die soziale Marktwirtschaft transformiert wurde, lagen 150 Jahre Hölle hinter den Menschen. Lebenserwartung bei knapp über 30, Kinderarbeit, Ausbeutung, Minderlohn – das waren nur die Spitze der ‚Errungenschaften‘ der damaligen Zeit. Der Gesellschaft heute hingegen geht es im Vergleich zu jeglichen Epochen der Vergangenheit besser denn je. Nur, dass wir dafür Relikte aus der Vergangenheit erst noch zu tilgen haben. Der Beginn der Umweltzerstörung liegt gefühlt eine Ewigkeit zurück. Das penetrante Festhalten an einer Form von Bildung, die eine riesige Anzahl von Kindern und Jugendlichen geradewegs in die Zukunftsverblödung führt, hängt offenbar allzu oft mit dem Alter der Lehrkörper zusammen – Corona setzt dieser Situation nur noch ein Sahnehäufchen oben auf. Und der deutlich wahrnehmbare, immer stärker werdende Wegfall an Ästhetik an so vielen Stellen des täglichen Lebens mit der aus ihr resultierenden Verrohrung der Gesellschaft ist nur ein weiterer der Klagepunkte.

Worauf werden wir uns einzustellen haben? Schnelle Lösungen sind mit Demokratie unvereinbar, da sind Diktaturen flotter. Und die einzige Diktatur, die in unserer Gesellschaft derzeit eine Überlebenschance hat, ist die digitale. Angenehmer wird sie dadurch zu gestalten versucht, dass sich Digidiktatur und Ichoptimierung verheiraten. Dass jedem, der den Mund aufmacht, ein seiner individuellen Fasson entsprechendes Digi-Täubchen in den Mund fliegt. Und wer gelernt hat, sein Täubchen vom billigsten Anbieter liefern zu lassen, der leistet seinen persönlichen Beitrag zu Manchester II. Dann rödeln eben die Fahrrad-Arbeiter für diejenigen, die am cleversten ihrem Egoismus frönen. Solidarität und Sorge um Gemeinwohl? Fehlanzeige. Und wie hält man dagegen?

Durch das Training der Wahrnehmung von Pflichten. Wer, wenn nicht ich, ist genau jetzt in der Pflicht, so zu handeln, dass ein gesellschaftlicher – und sei es ein noch so kleiner – Mehrwert entsteht? Zu einer solchen Pflicht kann man politisch jedermann zwingen – wie früher einmal zur Wehrpflicht. Heute versucht man es mit Freiwilligkeit. Das freiwillige soziale Jahr beispielsweise ist ein solcher Versuch. Mit ca. 55.000 Freiwilligen jeweils in den letzten Jahren. Richtig gelesen, nicht 55.000.000 – sondern 55.000, also 0,065% der Gesellschaft. Und das bei einem medizinischen und materiellen Wohlstand, bei Freiheiten und Auswahlmöglichkeiten.

Die Attraktivität der Pflicht ist abhanden gekommen. Wer sich verpflichtet, der verzichtet auch. Das ist der Preis. Und Verzichts-Preise werden immer weniger gerne gezahlt. Insbesondere die, bei denen man nicht weiß, was für einen selbst später einmal herausspringt. Wie gesagt, 0,065% im Freiwilligendienst. Hätten wir nur 5%, das Land sähe anders aus.

Das alles erstaunt, ist doch der Mensch mit Geburt ein Wesen, das nach Sinn strebt. Und Sinnverwirklichung [nicht Selbstverwirklichung] ist ohne vorherlaufende Pflicht zur Sinnfindung nicht zu haben. Man darf gespannt sein, ob das Virus etwas Positives bewirkt, wenn es um das Training der individuellen Wahrnehmung von Sinnmöglichkeiten geht. Selbstbezügliches, egozentrisches Herausposaunen von aus den Fingern gesaugten Blödheiten gehört sicher nicht dazu. Nur gut, dass die meisten Menschen wenigstens darin noch einigermaßen geübt sind, die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch das Hoffen auf die Technik, die uns Menschen das Heilsversprechen der Zukunft gibt, führt in die Irre. Die Herren Bezos, Musk oder Branson werden sicher bald ihre All-Phantasien realisieren, und ich wünsche ihnen eine gesunde Rückkehr auf den Boden der Tatsachen. Denn ihr technischer Utopismus trifft zwar sicher den Zeitgeist und als Wegweiser für das Menschenmögliche sind ihre Projekte fraglos auch wichtig. Aber Mond und Mars sind schlicht kein robuster Gesellschaftsentwurf für die Aufgaben im Hier und Jetzt. Im Gegenteil, denkt man an die enormen Ressourcen, die diese Kindheitsträume verschlingen.

Der echte Zukunftsentwurf kann – so sehe ich es – nur von der Generation kommen, die diese Zukunft noch erleben wird und hoffentlich auch will. Daraus leite ich meine eigene Pflicht ab, mit meinen Möglichkeiten einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Jugend diese Zukunft nicht verfehlt.  Jugendliche gehen mit ihren Entwürfen in den gesellschaftlichen Konflikt, das ist wichtig und richtig. Wäre es anders, dann sollten wir uns alle die Kugel geben. Und ich vertraue der Jugend an, dass sie alles dafür tut, damit ihre Zukunft in der Gegenwart nicht untergeht. Das ist manchmal hart, holprig und laut, aber gerechtfertigt. Wo wären wir wohl sonst gelandet, denken wir an die Frauenbewegung, die Antiatomkraftbewegung, die Friedensbewegung, die Regenbogenbewegung usw. Wer heute im Alter noch seinem Pessimismus anhängt, dem ist kaum mehr zu helfen. Wir dürfen, finde ich, froh sein um unsere Jugend. Auch, wenn eine nicht gerade kleine Kohorte dabei ist, dank des Bildungssystems zu verblöden. Und auch dank dessen sich nur 10% der bis 20jährigen an der Gesellschaftsentwicklung, zum Beispiel in der FFF-Bewegung, aktiv beteiligen. Wenn sich dieser Prozentsatz nicht erhöht [denn Themen für die Jugend gibt es zuhauf], dann gute Nacht. Es müssen mehr werden, dann wir brauchen als Gesamtgesellschaft die deutliche Verbesserung der menschlichen Beziehungen untereinander und nicht ’nur‘ die besten neuen technischen Errungenschaften.

Wer ein gelingendes Leben lebt, der lebt gelingende Beziehungen. Wer diese will, kann letzten Ende niemals nur an sich und sein eigenes Wohlergehen denken. Eine solche Perspektive muss weiter reichen, und um so besser, wenn diese Perspektive bei denen nicht Halt macht, die sich für unsere nahe und ihre etwas fernere Zukunft einsetzen: die Jugendlichen. Wer also außer seinem täglichen Genörgel-Palaver partout nichts beitragen will, damit es gesellschaftlich vorangeht, dem sei geraten: Einfach mal die Klappe halten und aus dem Weg gehen.

Ihr hochspannendes Buch „Coaching des Todes“ ist ein wirklich wertvoller Impuls. Hervorragend, auch die Weite, mit der Sie das Thema angehen. Danke!
Prof. Dr. Alexander Batthyány

Institut für Philosophie, Universität Wien
Direktor des Forschungsinstituts für Theoretische Psychologie und
Personalistische Studien an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität, Budapest
Leiter des Viktor Frankl-Instituts in Wien

Neue Buchrezension zum ‚Coaching des Todes‘

So wichtig Prozesshaftigkeit, Lösungs- und Zielorientierung im Coaching sind, mit der Metapher „auf den Punkt kommen“ – so der Untertitel des Buches – wird mit der Publikation „Coaching des Todes“ ein innovativer Ansatz für die Begleitung existenzieller Situationen im Leben gewählt. Es mag auf den ersten Blick verwundern, weshalb das Buch nicht beispielhaft als „Sterbecoaching“ überschrieben ist. Allerdings spiegelt genau dies die spezielle Fokussierung auf Existenziale – und damit letztlich auf den Tod. Denn, wie jeder Seelsorger und Sterbebegleiter weiß, ist auch Sterben ein Prozess – ähnlich wie die allermeisten Begleitungen im Coaching –, der Tod indes ist dessen Endpunkt. Dieser Radikalität stellt sich „Coaching des Todes“, konsequent zu seinem Titel – und nicht zuletzt seinem durchweg (schwarzen) Einband.

In 43 einzelnen Kapiteln wird Schlieper-Damrichs Auseinandersetzung mit dem Thema Tod entfaltet, wobei man dem Buch durchgängig die Ausbildung und Erfahrung des Autors in den Coaching-Feldern Werte, Sinn und Krisen anmerkt. Wichtige und wiederkehrende Aspekte sind: Wertfülle, existenzielle Erfahrungen, Lebenssinn und Verantwortung. Der Augsburger Coach, Therapeut und Autor greift in seinen Fragestellungen und Reflexionen nicht nur – aber immer wieder – auf das Sinnkonzept und die Logotherapie von Viktor Frankl zurück, sondern verdichtet seine Betrachtungen mehrperspektivisch aus verschiedenen wissenschaftlichen Linien sowie aufgrund eigener Coachingprozesse und v.a. auch persönlicher Erfahrungen. Auf der Ebene des interdisziplinären Zugangs wird neben dem profunden Wissen des Autors auch die breite Unterstützung durch Expert*innen verschiedener Fachdisziplinen – der Logotherapie und Medizin, der Philosophie und Physik sowie dem Werte- wie Krisencoaching – durchweg deutlich. Die immer wieder eingeflochtenen Fallbeispiele, Aphorismen sowie Impulse zur Reflexion spiegeln die Erfahrungsdichte des Lebensthemas Tod. Die Reflexionstiefe, mit der sich der Autor dieses „Themas“ stellt, scheint nicht nur ein persönliches Interesse von Schlieper-Damrich zu sein, sondern wirkt zutiefst authentisch.

Wer Menschen auf dem Weg zum – physischen – Tod begleiten darf, der kennt das Phänomen einer nicht beschreibbaren letzten Klarheit: Da fällt kein Wort zu viel. Da stimmt der Ton. Da sind Botschaft und Sinn eindeutig. Diese Geist-Leib-Seele-Fokussierung im Angesicht des nahenden Todes steht aber sonstigen, üblichen Coaching-Aspekten diametral gegenüber: Wo Erfolg an erster Stelle steht, geht es hier um Werte. Wo Effizienz als oberstes Prinzip genannt wird, lauten die Ziele hier die Erfahrung und das Wiederfinden von Sinn. Schlieper-Damrich vermag es, ohne Betroffenheitspädagogik, hier und da sogar mit einem Hauch von Leichtigkeit bis hin zu einer Prise Humor für ein Thema zu öffnen, das in unserer Gesellschaft ansonsten ein emotionalisiertes und/oder mit Angst besetztes und verdrängtes Minenfeld ist. Leitend scheint das Interesse an einer Kompetenz zu sein, den Tod buchstäblich ins Wort zu nehmen, um so „auf den Punkt zu kommen“ – so der Untertitel. Damit kommt dem Tod – erstaunlicherweise nicht direkt so formuliert, aber unterschwellig auf der Haltungsebene deutlich – kein „Aus“ zu, sondern es bleibt eine Energie, die vom handelnden Subjekt Mensch zu verantworten ist. Und genau diese Visualisierung passt sich auf dem Cover auch in das sonstige Schwarz des Buches ein. Mit dem abschließenden Kapitel „Ja, aber“ – als Kontrapost aus der bis dahin durchlaufenden Nummerierung herausgenommen – und den drei folgenden Arbeitsblättern mit den Themen: „Die Brückenentscheidung“, „Der existenzielle Abschied“ und „Der Eigenauftrag“ mündet das Buch in ganz praktischen Anleitungen für ein Coaching des Todes. Zahlreiche Illustrationen unterstützen bis dahin die Leserfreundlichkeit dieser über 400-seitigen Monografie.

Nicht nur für Coaches, Berater und Therapeuten bietet „Coaching des Todes“ einen breiten Einblick in ein (zu) oft gemiedenes Thema. Auch Philosophen und Theologen dürfen dankbar sein, dass sich ein Kaufmann der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre auf dieses Terrain vorwagt. Dadurch wirkt seine Auseinandersetzung nicht „ideologisch“ vorbelastet. Sondern sie gewinnt Klarheit und kann dadurch immer wieder „auf den Punkt“ kommen, weil sie das Abschiednehmen und Erfahren von Sinn auf voraufgehenden, tieferliegenden Werteebenen gründet. Der Ansatz ist daher auch gänzlich frei von weltanschaulichen Glaubensinhalten, sodass das hier vorgestellte Konzept für eine kulturell und religiös plurale Gesellschaft eine wichtige Grundlage darstellt. Eine diesbezügliche Rezeption ist „Coaching des Todes“ zu wünschen!

Fazit: Sterben und Tod sind in der westlichen Gesellschaft an Spezialisten delegiert worden. Damit ist das Thema nicht nur aus dem Alltag verdrängt worden, sondern in gewisser Weise auch ein Tabu. Die Corona-Pandemie hat wieder daran erinnert, dass der Tod zum Leben – und zum Beruf – gehört. Sie hat schmerzhaft in die Komfortzone eingegriffen und verdeutlicht, dass es auch im Leben und Beruf kleine und größere Tode gibt. Diese Tode lassen sich zwar für gewisse Zeit verdrängen, man muss sich ihnen aber stellen, um zur Klarheit zu gelangen und Sinn zu erfahren. Für die Begleitung dieses letzten Schrittes, „auf den Punkt zu kommen“, ist „Coaching des Todes“ eine sehr wertvolle Lektüre – gleichermaßen für die Bereiche Personal und Business Coaching. Als gut erweiterbar kann der Ansatz auch insbesondere für das Feld des Exit-Coachings und der Exit-Strategien empfohlen werden!

Zitat: „Ist eine Person auf den Punkt gekommen, so bringt sie damit zum Ausdruck, im Einklang zu stehen mit dem Wert, den sie frei verwirklichen will und mit dem sie sich verantwortlich auf einen Sinnanlass ausrichtet.“ (S. 150)

Dr. Thomas Hanstein

Neue Rezension zum Buch ‚Coaching des Todes‘

In der Tradition anspruchsvoller Coachingfachbücher, die sich der Transformation der sinnzentrierten Arbeit mit Menschen widmen und mit dem Namen Viktor Frankl unverrückbar verbunden sind, hat der Augsburger Coach, Therapeut und Autor Ralph Schlieper-Damrich erneut ein besonderes Leseformat entwickelt. In meiner Anschauung erstmalig, bietet hier ein Coach sowohl einen biografischen Einblick in aus seinem Empfinden existenzielle Lebenssituationen als auch eine mutige Weiterentwicklung des Frankl‘schen Gedankengebäudes, der sich nachvollziehbar dargestellte Gespräche mit Klienten anschließen. Indem der Autor sein Werk selbst hybrides Ideenbuch nennt, macht er schon zu Beginn deutlich, dass sich der Leser auf Multiperspektivität, die ein oder andere Provokation und Grenzbetrachtung zwischen Psychologie, Philosophie und gesellschaftlichen Entwicklungen einstellen kann. Spannend fand ich die Idee, Begriffe wie Tod, Abschied, Gefühl, Punkt oder auch Verantwortung in einen mir neuen Verstehensraum zu setzen. Als Führungskraft in einem international tätigen Unternehmen habe ich schon oft mit Coachs zu den verschiedensten Anlässen zusammengearbeitet. Mit dem Coachphilosophen Schlieper-Damrich, dessen inhaltsreiche Arbeit ich bereits lange verfolge, bin ich einig, dass Coaching künftig wesentlich stärker aus dem Schatten der Selbstoptimierungsunterstützung, Performanztreiberei und eines Erfüllungsgehilfen sinnentleerter Führungsstrukturen heraustreten muss. Das Buch Coaching des Todes hat mir dabei auf anregende, zuweilen fordernde, aber auch amüsante Weise zu ganz neuen Überlegungen verholfen. Und ganz nebenbei fanden sich gerade jetzt zu Corona-Zeiten ganz hilfreiche Anknüpfungspunkte – vom Autor unbeabsichtigt, aber das macht ein Buch vielleicht ja gerade aus, dass es sich in Situationen anbietet, wenn man gar nicht daran denkt.

Michael Dagenhof

Corona-Blog: Dank an die Pharmaindustrie

Manchen Menschen ist sie ein Dorn im Auge. Die Pharmaindustrie. Schnell gebrandmarkt als geldgierig, ethisch fragwürdig oder übermächtig. Fehler in Teilen dieser Industrie werden oft pauschalisiert, Tausende von geachteten Wissenschaftlern, Forschern, Managern und Mitarbeitern werden in der Normalbevölkerung angesehen als hemmungslose kapitalistische Ausbeuter. Die Gedanken sind frei, und zuweilen eben auch einfach nur plump. Wie auch immer. Ich habe selbst lange in dieser Industrie gearbeitet, und wenn es sonst gerade niemand tut: Ich danke den Kollegen der Pharmaforschung und -industrie. Ganz allgemein, nicht nur ‚meinem‘ Unternehmen Sanofi.

Unternehmensprojekte für Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 in
Deutschland, Österreich und der Schweiz. Quelle: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/coronavirus/standorte-forschung

Was geschieht konkret in Sachen Forschung rund um Covid19? Lesen Sie hier. Und hier.

Corona-Blog: Krisenprävention in eigener Sache

Zum Ende des achten Lebensseptils [Lebensalter 52-58 Jahre] ist es nun für mich selbst auch wieder einmal die Zeit, einen präventiven Blick in die nächste Lebensphase zu werfen. Gründe dafür gibt es genug, schließlich sind viele Veränderungen, auch in Form von Loslösungen, Trennungen und Abschieden, eingetreten – räumlich, zwischenmenschlich, beruflich, familiär.
Zeit für einen verantwortlichen Blick nach vorn ist zudem ausreichend gegeben, und die erforderlichen Tools und Methoden zur Werteanalyse und -entwicklung dafür habe ich selbst entwickelt. Es mangelt also an nichts. Worum soll es also in den nächsten Jahren gehen? Würde ich eine solche Frage Sigmund Freud stellen, so müsste ich mich seiner legendären Antwort rechnen: „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank“. Freuds Schüler, Viktor Frankl, sah das ganz anders: „Nun, ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass es sich da um eine Krankheit handelt, etwa um das Symptom einer Neurose. Vielmehr meine ich, dass der Mensch damit, dass er die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, ja mehr als das, dass er wagt, die Existenz eines solchen Sinnes sogar in Frage zu stellen, – ich meine, dass der Mensch damit nur seine Menschlichkeit manifestiert. Noch nie hat ein Tier danach gefragt, ob das Leben einen Sinn hat. Das tut eben nur der Mensch, und das ist nicht Ausdruck einer seelischen Krankheit, sondern der Ausdruck seiner Mündigkeit würde ich sagen.“

Einen mündigen Blick auf das Leben zu werfen, das auch für mich von vorn kommt und für das ich zu entscheiden habe, worum es mir gehen soll, bedingt einen tieferen Blick. Einen Blick auf die persönlichen Werte, denen ich [erstmals, erneute oder veränderte] Aufmerksamkeit schenken will. Erst, wenn diese Werte geklärt sind, ergeben sich Fragen nach wertebasierten Zielen, wertebasierten Beziehungskonstellationen, wertebasierten Engagements usw. – zuerst das Wertefundament, dann die Überlegungen, wie die Zimmeraufteilung des Wertehauses ausschauen soll.

Mithilfe unserer LebensWerte-Karten, einem schönen und ungestörten Platz an der Sonne und ausreichend Zeit mache ich mich ans Werk. Aus den über 400 Werte-Begriffen wähle ich in aller Ruhe diejenigen, bei denen ich mit Blick auf meine nächste Lebensphase spontan ein positives Gefühl verbinde. Viele Werte, die bislang voller Bedeutung waren, verlieren dabei nicht an Wert, doch werden sie fühlbarer nachrangiger. Sie tauchen in der Auswahl der ’neuen‘ Wertelandschaft nicht mehr auf. Und auch in der Auswahl [siehe Bild] finden sich einige Werte, die in einem bestimmten Kontext auch bislang schon ihren ‚StellenWert‘ in mir hatten, nun aber nach einem ‚frischen Sinn-Wind‘ suchen. Diese Werte sehnen sich nach etwas, die ‚Sehnsuche‘ mit ihrem Wert der ‚Sehnsucht‘ entdecke ich als Mittelpunkt der Wertelandschaft. Als ich die Karte in der Hand halte, überrascht und erstaunt sie mich, und ich fühle: Dieser Wert ist für mich der neue Einstellungswert [mehr zu dieser Wertekategorie finden Sie hier in der KrisenPraxis]. Wohin genau er sich ausrichten wird, ist längst noch nicht entschieden und klar. Aber er ermöglicht eine neue aufmerksame Orientierung. Der Sinn wird sich finden, dessen bin ich mir bewusst. Und so wie im vergangenen Lebensseptil auch, das geprägt war durch den Satz „ich leiste einen Beitrag dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen„, wird es für die Zeit vor mir wieder einen Sinnbeitrag geben. So ungewiss es noch ist, welche Worte sich unerwartet einstellen werden, eines ist mir jetzt bereits klar: Der neue Sinn wird nichts, aber auch rein gar nichts mit Corona zu tun haben. Denn ich werde mir weiterhin weder von mir alles gefallen lassen, noch nun von einem Virus.

Corona-Blog: Perspektivenwechsel bei Grappa und Käse

Anfang Oktober 2020, seit vier Wochen liegt der Replikationsfaktor des Virus kontinuierlich bei 0,3. Alles, wo sich Menschen in großen Gruppen tummeln würden, ist noch betroffen, alles andere läuft seinen Gang. In Fliegern, Bussen und Bahnen gibt’s mittlerweile eine Maskenpflicht und auf der Straße haben die Leute ein Distanzgefühl entwickelt, das sich weniger in schreckhaftem Zurseitespringen äußert als in einer Art Abstandhalten auf der Autobahn. Ausnahmen wie dort gibts auch auf dem Gehweg, aber im Großen und Ganzen funktionierts.

Ich habe Geburtstag. Ich sitze in Südtirol bei Peter. In der Grappastube. Heute sehen wir uns erstmals wieder nach Corona, und klar: Es werden Fragen gestellt, wie hast Du es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und das ganze wird dann vielleicht so zehnmal wiederholt, weil immer wieder Bekannte dazu kommen, die uns auch erzählen und fragen: wie habt Ihr es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und dann wird erzählt und gefeiert und nach vorne geschaut.

Das Leben kommt von vorn. Wie es immer schon war. Diejenigen Menschen, die einem früher schon auf die Nerven gingen, werden nicht dadurch anders, nur weil sie vergleichbare Bedingungen zu gestalten hatten wie man selbst. Und die, mit denen man früher gut auskam, werden nicht dadurch noch besser, nur weil man jetzt zusammensteht und einander berichtet, wie es vor einem halben Jahr zuging. Oktober 2020 wird für die allermeisten nicht ein besserer Oktober sein als er ohne Corona gewesen wäre. Anders werden dies nur die Menschen sehen, die in persönlicher Gefahr standen oder die einen Menschen in ihrem Umfeld verloren haben. Oder, die nun Anlauf nehmen, um die Probleme ihrer -temporären- Arbeitslosigkeit zu überwinden [die Massensorge, die sich im Frühjahr entwickelte und das Angstbarometer von der Flüchtlingsthematik hin zur Lage der wirtschaftlichen Entwicklung verschob, hat sich bereits zu weiten Teilen verflüchtigt – die Wachstumsmaschinerie ist bereits angesprungen und eingedenk enormer Investitionsprogramme der Staaten werden die Auftragsbücher epochal proppenvoll werden. Trump steht vor der Wiederwahl, aber dank Corona ohne Chance zu gewinnen. Kanzlerin Merkel aber würde wohl wiedergewählt, aber sie will ja nicht mehr].

Menschen, die zurecht in Trauer sind, werden anders auf die Monate zurückschauen. So wie es auch diejenigen taten, die seinerzeit den Tsunami miterleben mussten oder das Oder-Hochwasser oder oder oder. Vielleicht werden viele ein Stück mehr Selbst-Bewusstheit haben, weil in den letzten Wochen die Zeit blieb zu reflektieren, mit Verwirklichung welcher Werte man persönlich die ungewöhnliche Zeit überwunden hat. Worum es einem ging als man im Home-Office saß und versuchte, weiterhin seinen Job zu erledigen. Oder worum es einem ging, als die quengelnden Kinder beruhigt werden mussten, weil die Sonne so schön schien und sie zum Spielen hinaus wollten, aber nicht durften. Worum es einem ging, wenn man der alten Mutter Briefe schrieb und sie eben nicht im Pflegeheim besuchte, weil dies untersagt war. Beim nächsten Schluck des wirklich guten Weins bei Peter denke ich mir aber, dass auch diesmal die Chance zur Klärung der eigenen Werte und das Hineinfühlen in das Zusammenspiel von Werte, Einstellungen, Verhalten und Handlungen von vielen Menschen verpasst wurde. Jetzt, im Oktober ist Corona integriert als weitere Lebenserfahrung [nicht als Werteerfahrung], einige Menschen werden wohl etwas mehr individuelle Krisenprävention betrieben haben, die allermeisten sind zum Alltagstrott zurückgekehrt und werden sich dann zu Silvester mit den Worte zuprosten: ‚Was war das bloß für ein Jahr!?‘

Ich sitze da beim Wein, jetzt auch mit feinem Käse vom Almbauern, und denke mir: Eigentlich schade. Die, die vor Corona den Mist ihrer Hunde nicht wegräumten, haben es durch Corona auch nicht gelernt. Die, die im Stadion Menschen verunglimpften, werden es auch nicht gelernt haben. Die, die es doch eigentlich begriffen haben sollten, dass sie mit ihren Verschwörungstheorien nicht weiterreichten als bis zu denjenigen, die auch ohne sie bislang nicht von Zwölf bis Mittag dachten, erfinden sich dennoch jeden Tag eine neue Mär. Ein ’neuer‘ Mensch ist nicht entstanden, die prophezeite ’neue Normalität‘ ist ausgeblieben. Verzicht wurde geübt und ist bis jetzt auch noch aktuell – schließlich fallen gerade jetzt Anfang Oktober keine sturzbesoffenen Personen über Oktoberfest-Bierbänke; leider gibts aber auch kein feines Theresienplatz-Hendl. Na und? Eine Tragödie?

Aber vielleicht hat als ’neue Normalität‘ ja die Digitalkompetenz zugenommen? Schließlich haben viele Menschen sich nun wochenlang mit langsamen Leitungen gequält und ihren Kolleginnen und Kollegen über die Laptop-Kamera gezeigt, mit welchen Kuscheltieren sie so wohnen. Daran kann man sich gewöhnen. Deshalb wollen sicher viele lieber öfter zu Hause hocken und ihre Arbeitsleistung einbringen, oder? Peter, der nun neben mir sitzt und ein kleines Oktoberfest-Bier trinkt [frisch aus dem Fass!] meint, dass es Homeoffice-Anhänger doch schon lange gibt und die die Form der Arbeit auch ohne Corona gewollt hätten, ihre Chefs nur zu geizig waren, die Hardware und die Sicherheitssoftware zu kaufen. Das mag wohl stimmen, wie könnte man wohl sonst die enormen Verkaufszahlen interpretieren, nachdem die Bundesregierung den Kauf von entsprechender Software finanziell unterstützt hat? Wie auch immer, auch an diese ’neue Normalität‘ glaube ich nicht. Der Mensch ist ein Resonanzwesen und eine PC-Maus gibt einem eher wenig davon her – da brauchts dann doch echte Gesichter, in Echtzeit. Überhaupt: Das Virus hat die Strommasten nicht wachsen lassen, also haben wir weiterhin ein Energieproblem. Und ein Digitalisierungsproblem – wo doch sogar die Kanzlerin im virtuellen Dunkel saß und bei einer Videokonferenz fragen musste: Ist Söder noch da? Und ein Flüchtlingsproblem. Und ein Europroblem. Und ein Deutsche-Sprache-Problem, auch bei den Deutschen. Und das Nur-unzureichend-konzentriert-Lesenkönnen-Problem ist auch nicht weniger geworden. Alles beim Alten also, Anfang Oktober. Dafür kommt bald die Winterzeit und die Uhr wird zurückgestellt, so viel ist sicher. Und meine Wünsche sind auch noch dieselben, die ich schon vor einem halben Jahr hatte. Der Wunsch nach einer Weltfriedenskonferenz, der das Langweiligste der Welt endlich beendet: den Krieg als Ausdrucksmittel, den Krieg als unkreatives Machtmittel von Mächtigen. Und eine Weltabfallkonferenz, bei der beschlossen wird, alle Abfallberge, Müllhalden, wilde Entsorgungsdeponien und den sonstigen Dreck dieser Welt per App aufzuzeigen und es endlich zu schaffen, diese ganzen Furchtbarkeiten mit Ingenieurstechnik vernünftig zu beseitigen. Und eine Weltkulturkonferenz, bei der beschlossen wird, nicht nur über das Erbe von Kulturerrungenschaften zu befinden, sondern auch darüber, was nicht mehr zur Kultur der Menschheit gehören sollte. Ich hätte da ein paar Ideen, merke aber schon bei den Gedanken daran, dass sie auszusprechen an dieser Stelle vielleicht nicht so opportun wäre [zum Beispiel die Abschaffung der Gender-Sternchen, das Verbot des Verzehrs von Fledermäusen oder des Tragens gelb getönter Sonnenbrillen] – Grappa-Peter werde ich die anderen aber alle erzählen, sicher hat er dazu noch seine Ergänzungen.

Als ehemaliger Manager in der Pharmaindustrie freue ich mich Anfang Oktober 2020 darüber, dass das Virus sein Antidot gefunden hat. In ein paar Monaten wird Deutschland durchgeimpft werden können. Das Virus wird sich einreihen in die vielen anderen Virenwesen, denen sich der Mensch schon hat annehmen müssen. In den Griff bekommen durch Forschung und Wissenschaft, nicht mit Handauflegen, Grenzsperrungen oder – Entschuldigung – Gebeten. Überhaupt hat die Wissenschaft an Bedeutung gewonnen und ebenso die Wissenschaft von der Wissenschaft. Denn manches tut sich an den Universitäten – man hat gelernt, dass die Vielzahl der unterschiedlichen Virologen- Expertenmeinungen nicht unbedingt gut ist, vor laufender Kamera zur Schau gestellt zu werden. Das machen die Wirtschaftsweisen besser – die denken und formulieren dann aus einem Guss ihr durchaus manchmal auch diversifiziertes Statement. So etwas kommt nun im Oktober mit auf die Wunschliste, denn das nächste Virus kommt bestimmt. Warum sehen wir eigentlich nicht im Fernsehen moderne Wissenschaftssendungen, in denen die deutsche Exzellenz dem Volk zu jeweils einem brisanten Zukunftsthema die verschiedenen Forschungsperspektiven aufzeigt, nicht im 45 Minuten Gehetze, sondern dreistündig, mit einem Informationsziel und ansprechenden und verständlichen Grafiken?

Peter bringt noch ein Gläschen. Touristen kommen, zumeist deutsche. Sie schauen so aus wie immer, ihre allzu oft zu kurzen Hosen sind zum Schreien. Wie sehr wünsche ich mir die Wiederauferstehung von Karl Lagerfeld herbei, aber Ostern war ja schon. Ja, und die Corona-Cartoons sind nun auch Geschichte. Das Bilder der Katze mit dem Maul- und Nasenschutz war schon lustig, aber jetzt ist das ebenso gestrig wie die im Frühling immer wieder kolportierten romantischen Vorstellungen einer Solidaritätsgemeinschaft unter uns Menschen. Die gab es vor Corona ja auch schon und  schlummerte vor sich hin, bis der Anlass kam, sie zu zeigen. Im Frühling also die Nachbarschaftshilfe, ähnlich engagiert wie 2015 bei der Unterstützung der Kriegsflüchtlinge. Aber nun dauerhaft mehr Solidarität, liebevolles Umsorgen oder Menschenfreundlichkeit? Nein, ich sehe das nicht. Die Leistungsgesellschaft wird nicht von einer Solidaritätsgesellschaft abgelöst. Dazu fehlt es an Rahmenbedingungen, die zwar diskutiert werden, es bei diesen Diskussionen aber mehr den Anschein hat, als würde damit ein Kampf gegen die Leistungsgesellschaft gefochten. So wird im Beispiel des bedingungslosen Grundeinkommens als einer Art monatlichem Helikoptergeld aus meiner Sicht der Gedankenfehler gemacht, dass kein Mensch in Bedingungslosigkeit lebt und leben will. Viktor Frankl hat dies so zum Ausdruck gebracht: Jeder Mensch hat Bedingungen. Und jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich diesen Bedingungen zu stellen. Wenn ein Mensch also zum Beispiel Bedingungen nicht erfüllen kann, die an einen Bereich seiner Lebensführung gestellt werden, dann ist die Lösung nicht die Erschaffung einer Bedingungslosigkeit, sondern das Ermöglichen von Räumen für Probehandlungen. Für den Eintritt in solche Räume für Probehandlungen ist der Mensch frei und verantwortlich – Betonung auf ‚und‘. Das Virus hat solche Räume eröffnet. Viele Menschen haben sich neu entdeckt und ‚freie Handlungs-Kapazitäten‘ gefunden, die sie auch weiterhin nutzen können. Ein Teil dieser Kapazitäten zeigen sich in dem, was wir mit einem Begriff wie Solidarität in Verbindung bringen können, andere finden wir im Kontext von Bildung, Kunst, Forschung, Journalismus und anderen. Jetzt, im Oktober, zeigen diese erweiterten Kapazitäten bereits Wirkung. Auf dem Weg zum Grappa-Peter bin ich am Studio einer Violinistin vorbeigekommen, die zweimal die Woche mit einem Jugendpsychotherapeuten gemeinsam Stimmungstrainings für 12- bis 16jährige anbietet. Hier wird an den Themen Kooperation und Zukunftswünsche musikalisch und verhaltenstherapeutisch gearbeitet. Ein Beispiel, von vielen weiteren werden wir hören.

Ja, das Wachstum hat einen Dämpfer bekommen, aber die einstigen Zerstörungsrezessionspropheten erkennen zunehmend, dass Ökonomie heute resilienter ist als vor zehn Jahren. Und diese Resilienz wird Folgen haben. Am Fuße meines Weinglases sehe ich eine Wirtschaft, die noch globaler werden wird, aber mit mehr Lieferantenstandbeinen und einer etwas anderen Lagerhaltung. Irgendwie ist es ja auch schöner, im eigenen Weinkeller eine Flasche bei spontanem Bedarf zu finden als erst dann, wenn der Besuch vor der Tür steht, eine Buddel über amazon bestellen zu müssen.

Peter bringt mir noch einen Grappa. ‚Geht aufs Haus‘, meint er. Das gab es früher auch schon, nicht nur bei Peter. Die Geste zeigt mir aber an, dass gute Beziehungen zu pflegen weiterhin ein Hauptmotiv von Menschen ist. Nun mehr denn je, denn Quarantäne & Co. dienten der Verwirklichung des Oberwertes Gesundheit. Jetzt, im Oktober, ist die Lage im Griff. Jetzt geht es um den Wert Präsenz. Wie bei einem Kind, das vor kurzem noch einen gebrochenen Arm hatte und sich schonen musste, dessen Gips aber nun entfernt und die Muskulatur wieder hergestellt ist. Nun rufen es seine Freunde zum Mitspielen auf – und das Kind will. Auch, wenn es immer wieder noch zwickt. Manche Kinder übertreiben, und brechen sich wieder irgendetwas. Andere passen auf oder setzen sich zum Ausruhen immer wieder mal auf die Ersatzbank. Und jedes Kind lernt die Reaktionen der anderen kennen, so wird das Spiel komplexer. Durch Präsenz. Einfach nur rumsitzen und nichts tun – für die allermeisten ist das nicht vorstellbar. Die Präsenz-Maschine ist deshalb wieder hochgefahren, schließlich will man zeigen, dass man da ist und die eigenen Kompetenzen und bisherigen Wirkungskreise nicht wegquarantänisiert wurden.

Der Wein schmeckt, der Grappa auch. Die Geschäfte sind alle geöffnet, die Tüten der Touristen gefüllt. Die Leistungsgesellschaft hat uns wieder und alle wissen, wenn es nötig ist, dann zeigt sich auch die Solidaritätsgesellschaft. Bei letzten Schluck frage ich mich, wie es beide Ausrichtungen lernen könnten, gemeinsam den Weg zu ebnen für eine weltoffene, europäische Universalitätsgesellschaft, in der spontane, sozialökonomische, situative Kooperation auf intelligentere Weise möglich wird als bislang. Dass es ein kleines Virus schafft, dass innerhalb kürzester Zeit Grenzen wieder hochgezogen werden, nationalistisch kruder Menschenhass geschürt wird oder wir wartend zu Hause hocken, bis Politiker meinen, dass es nun Zeit sein könnte, etwas zu ‚lockern‘, ist doch absurd. Ob es wohl einmal eine einzige App geben wird, über die sich nicht nur alle Europäer überregional bis lokal über die Zustände von Luft und Wasser, bis hin Stadtverschmutzung, UV- oder eben auch Viruslast informieren können, sondern auch durch eine künstliche Intelligenz Anregungen erhalten, freiwillig ihren Anteil zur Verbesserung von Belastungsparametern zu leisten. All diese Informationen sind an sich verfügbar, aber ineffizient organisiert und für den Einzelnen viel zu mühevoll zu recherchieren. Und wieder könnte die europäische Exzellenz zusammenkommen und die Daten bündeln, die für Otto-Normalverbraucher relevant und gestaltbar sind.

Am Ende des Tages zählt nur die Handlung, wusste schon Viktor Frankl. Corona hat gelehrt, dass das jedem möglich ist. Am Ende des Tages zu Hause geblieben zu sein, hat gezählt [und dass das Interesse an Fake-News sprunghaft abgenommen hat, ist ein schöner Nebeneffekt. Wenngleich: Sich vorzustellen, dass der Wuschelkopf von Boris Johnson das Virus in UK erst zu rechter Verbreitung geführt hat, entbehrt nicht eines gewissen Amusements]. Wenn individuelles Handeln zum Wohl der europäischen Gesundheit künftig initiiert werden würde durch eine pfeilschnelle, wissenschaftlich validierte App-Information, wäre wohl ein wichtiger Meilenstein für eine universale Bürgerinitiative gelegt. Und in Europa würde man zunehmend verschont von Politikern, die ihre fachlichen Inkompetenzen zu übertünchen versuchen mit schnellen nationalistisch-rassistischen Zuschreibungen. Peter meint das auch, wir sind schließlich in Italien.