Kategorie-Archiv: Ralph Schlieper-Damrich

„Wissenschaft ist der jeweilige Stand menschlicher, fehlbarer Erkenntnis.
Wissenschaft ist nicht der Sinn der Wirklichkeit, sondern deren Auftrag.
Die Annäherung an Sinn ist mit potenziellem Irrtum verbunden.
Sinnfindung meint nicht Irrtumsfreiheit, sie meint Annäherung des Subjektiven ans Objektive.“

Ralph Schlieper-Damrich

Krise – Coaching – KI

Generative KI simuliert auf Basis gelernter Daten ihr Angebot, mit ihrem Anwender eine Art Beziehung eingehen zu können. Dass alles ohne jegliche subjektive Erfahrung über oder kontextbezogenes Verständnis von Situationen, in denen sich Menschen befinden. Es fehlt ihr an Bewusstsein für die Welt und den für jeden Menschen relevanten kulturellen, historischen und sozialen Rahmen. Eine dialogisch-kooperative Problemlösung ist daher nicht möglich und ein mit einem menschlichen Coaching vergleichbarer Prozess, in dem Klient und Coach ihre subjektiven Erfahrungen koppeln, bleibt unerreichbar. Der Klient muss also immer entscheiden, was ihm der Austausch mit einem Coach wert ist, der seine Sprache spricht, seine Erfahrungen nachvollziehen kann und sich mit seiner eigenen lebensweltlichen Geschichte einbringt. Es steht daher an, einen Entschluss darüber zu fassen, ob eine Beziehung  gewünscht wird, in der sich ein für seine Handlungen verantwortlicher Coach ohne übermenschliche, über allen Wassern schwebende Intelligenz, dafür fehlbar, zwangsläufig voreingenommen, vom Zeitgeist beeinflusst und verwoben in einen kulturellen und biografischen Kontext unterstützend einbringen soll. Welche KI sucht um ihrer Begrenztheit wegen den Austausch mit anderen KIen, um durch Künstliche Supervision sich im Ausleuchten „blinder Flecke“ helfen zu lassen? Menschliche Coachs – ich ebenso –  nutzen diese Wege (mit anderen Menschen als auch mit Unterstützung von KI), weil sie Werte, Macken, Passionen, Krisenerfahrungen und vieles mehr haben, was sie nicht irgendwie, sondern angemessen und zum Wohl des Klienten mit ihrem Wissen und Verhalten einbringen wollen.

Die kühle und zweckfreie Objektivität der KI ist dagegen nur ein dürftiger Ersatz. Ohne Selbstbewusstsein und Fähigkeit zur Selbstkritik verfügt sie nicht über die nötige Sensibilität für emotional schwierige Themen, die Klienten beschäftigen. Da sie trainert ist, wurden ihr auch Vorurteile antrainiert – die sie aber nicht als solche erkennen kann. Damit ist jede KI gewissenlos, ohne jede Verantwortung und Haftung für alles was sie anrichtet – im Guten wie im Schlechten, so zum Beispiel im Rahmen ihrer Halluzinationen, Fehlinformationen, ihrer fehlenden Rechenschaftspflicht aufgrund eines nicht vorhandenen Vertrags mit ‚ihrem‘ Nutzer, der ihr als Maschine unmöglichen Gefühlsarbeit sowie ihrer durch die mediale Berichterstattung bekannt gewordenen mitunter lebensgefährlichen Empfehlungen.

Aus dieser Argumention heraus ist der Begriff ‚KI-Coaching‘ reiner Nonsens. Flankiert ein Klient seinen Coachingprozess mit KI-gestützter Recherche von Informationen, zur besseren Problemerkennung und Zielsetzung, dann kann dies durchaus den Erfolg des Prozesses positiv beeinflussen. Dennoch bliebt zu beachten, dass ein körperloser, wahrnehmungsfreier, maschineller und zutiefst auf Sprache reduzierter ‚Partner‘ die Frage provoziert, warum ein Mensch mit einer für ihn bedeutsamen Problemstellung – womöglich im Kontext existenzieller Fragen entlang eines Krisengeschehens – auf jede Form biologischer, systemischer, ästhetischer oder ethischer Intelligenz verzichtet, wenn er sich einer KI mit seinem Thema ‚anvertraut‘, ohne dass diese mit dem Begriff Vertrauen über das reine Wortverständnis hinaus nichts anfangen kann? Der Ball liegt also beim Klienten – wer will er sein, wer will er werden?

Die unterschiedlichen Rollen in der Seelenheilkunde

Zu Ihrer Orientierung – nachdem ich immer wieder nach den Unterschieden in den Rollen gefragt werde:

Der Psychiater:

Schwerpunkt Behandlung mit Medikamenten
Studium Medizin
Zusatzqualifikation Psychiatrie
Geschützte Berufsbezeichnung Ja
Kostenübernahme Ja

Der Psychologe

Schwerpunkt vielfältig, z.B. Beratungsstellen, Schule, Polizei etc.
Studium Psychologie
Zusatzqualifikation nicht zwingend
Geschützte Berufsbezeichnung Ja
Kostenübernahme nur bei Weiterqualifikation zum psychologischen Psychotherapeuten

Der Psychologische Psychotherapeut

Schwerpunkt Psychotherapie
Studium Psychologie
Zusatzqualifikation mehrjährige Psychotherapie-Ausbildung
Geschützte Berufsbezeichnung Ja
Kostenübernahme Ja

Der Heilpraktiker für Psychotherapie

Schwerpunkt Psychotherapie
Studium Nicht zwingend
Zusatzqualifikation Prüfung durch Amtsarzt
Geschützte Berufsbezeichnung Ja
Kostenübernahme Privat oder mit Zusatzversicherung

Ralph Schlieper-Damrich : Logotherapeut [HeilprG]

Schwerpunkt Psychotherapie
Studium Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Doktor der Philosophie [im Themenfeld Psychologie, Krise und Sinntheorie Viktor Frankls]
Zusatzqualifikation Vollausbildung Logotherapie, Zusatzausbildung Schematherapie [Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie], Prüfung durch Amtsarzt
Geschützte Berufsbezeichnung Der Begriff ‚Logotherapeut‘ ist nicht geschützt;
der ‚Heilpraktiker für Psychotherapie‘ schon
Kostenübernahme einige private Krankenkassen

 

Früher hatte man Ideale.
Dann kam die Krise.
Jetzt hat man Erklärungen.

Haben Sie eigentlich Ihren Sinn im Leben gefunden? – Teil 2

Mit etwas Abstand betrachtet, mutete diese Situation damals für mich absurd an. Ich war auf einer Veranstaltung in einem Kontext, in dem ich bis dahin beruflich meinen Erfolg verankerte. Und dann eben kommt das Absurde, das meiner Vernunft widersprechende, das noch Ungereimte – von dem Albert Camus einmal schrieb, dass jeder Mensch von der Erfahrung des Absurden überrascht werden kann, womöglich unvermittelt an der nächsten Straßenecke, auf tragische oder amüsante Weise. Die Logik des Absurden ist, dass er auf einem unausgesprochenem Irrtum basiert –  bei mir damals darauf, dass ich felsenfest davon ausging, dass ich das, was ich wollte auch brauchte. Dieser Irrtum wurde in einem sehr kurzen Moment aufgedeckt. Das Absurde trat zutage. Ich fühlte, es gab eine Zeit, in der ich bekam, was ich wollte. Nun aber trat etwas ein, dass mich fragen ließ, was ich brauchte. Das Absurde war die Erkenntnis, dass ich in der Zeit, als ich bekam, was ich wollte, nicht wusste wie es einmal sein würde, wenn ich bekomme, was ich brauche. Dass ich aber gleichzeitig in dem Moment, als ich bekam, was ich brauchte wusste, wie es war, als ich noch bekam, was ich wollte. Diesen Moment kann man nicht planen, er ist ein Ereignis – er eignet sich dafür, mit Absurdem umzugehen.

Für mich war dieser Moment mit Handlungen verbunden, die einer eigenen absurden Logik folgten – bei mir war dies ein für mich bis dahin ungewöhnliches Sozialverhalten auf der Veranstaltung und eine mir ebenso neue spontane Handlungsweise als der kurze Moment geschah, die so gar nicht im Einklang stand mit sonst üblichen Handlungen [zum Beispiel bei inhaltlichen Irritationen, die auf Veranstaltungen wie dieser immer wieder vorkamen, mich mit anderen Teilnehmenden darüber auszutauschen …].

Diese Uneinigkeit zwischen einer ‚absurden neuen Logik‘ als dem berühmten Sandkorn und der anderen, der ‚gewohnten Logik‘ als dem Getriebe, erzeugt einen Zustand, über den man entweder lachen oder verzweifeln kann. Eine einseitige Auflösung einer solchen Uneinigkeit bewirkt Verweigerung. Sie zeigt sich entweder darin, sich völlig dem Absurden zu verschreiben, die Welt als grundsätzlich absurd anzusehen und ihr mit grenzenloser, egozentrierter Freiheit zu begegnen. Oder aber darin, den bisherigen Bedingungen weiterhin zu folgen, sie zum Prinzip zu erheben und sich der Potenzialität des Neuen zu verschließen.

Beide Formen des Verweigerns haben etwas gemein, beide sind ichhaft und gewissermaßen auch zwanghaft. Beide erinnern auf eigentümliche Weise an die sinnlose Mühe, der sich Sisyphus mit seinem Felsbrocken unterzieht. Bei ihm fallen völliges Unterwerfen unter die Bedingungen und  völlige Selbstbezogenheit gleichzeitig zusammen.

Hätte es nun in der griechischen Mythologie einen Coach gegeben, so hätte er bei Sisyphus vielleicht für einen Moment zum Innehalten beigetragen, damit dieser sich die Frage nach dem ‚Wofür tue ich das alles‘ hätte vorlegen können. Im besseren, weil gesünderen Fall aber hätte Sisyphus sogar erkennen können, dass er seiner absurden Handlungsweise etwas aus seiner Sicht noch Absurderes hätte entgegenstellen können. Die Frage nämlich: Wofür verantworte ich das alles?

Beide Fragen hätten geholfen, dem starken Steineschlepper einen Raum zu eröffnen dem Viktor Frankl sinngemäß zuschreibt, dass in ihm die ’Trotzmacht des Geistes zur Wahl der Reaktion‘ liegt.

Die Offenheit, sich im Raum zwischen den Extremen der Verweigerung aufhalten zu können, ermöglicht Sinnfindung. Oder andersherum: Wer sich in einem Extrem der Offenheit verweigert, schließt den Möglichkeitsraum. Wer aber die Tür zu diesem Raum einen Spalt öffnet, gerät in ein anfangs unbequemes Wanken. Fällt man dann zurück ins Extreme [Regression], will ich dies gleichsetzen mit der immer wieder zu beobachtenden ‚Hyperreflexion des Ich‘ [ich kann nicht anders, weil …; ich würde zwar gerne, aber …; bislang war ich doch damit erfolgreich, warum sollte ich da…].

Tritt man hingegen hinein in den Raum [Progression], dann wird dies zum einem existenziellen ‚Sprung hin zu einem Du‘ (dazu will ich im Teil 3 etwas schreiben), dann springt man hin zu den Fragen des Lebens, auf die man nur selbst die Antwort sein kann: Wofür tue ich das alles, wofür verantworte ich das alles?

Gewissensfrage Waffendienst

Soll ich oder soll ich nicht? Als ich damals vor langer Zeit das Schreiben zur Musterung erhielt, stand ich ziemlich alleine da mit meiner Entscheidung. Anfang der Achtziger Jahre dachte niemand an das, was ein Jahrzehnt später Realität werden sollte: die Wiedervereinigung Deutschlands. Oder was vierzig Jahre später real werden würde: ein Krieg in Europa. Der Krieg war ein kalter und sich ein richtiges Feindbild vorzustellen, fiel nicht nur mir schwer. Trotzdem war da der Zettel der Bundeswehr, und es gab kein Social Media, keine Informationen in der Schule, ein paar Gespräche mit den Eltern, die in die Richtung gingen: Geh hin, es dauert nicht lange, dann hast du es hinter dir … Wenig inhaltsreich, aber für mich verständlich, wenn ich den Kontext in der ganzen Familiengeschichte mit in Betracht zog. Alles in allem war mir bewusst, du musst da alleine durch. Und am Ende stand auch bei mir die Frage im Raum: was wärst du bereit zu verteidigen? Die Frage von damals mit heute zu vergleichen, ist zwar schon sportlich, denn zu meiner Zeit war Krieg abstrakt, heute ist er konkret. Damals war er kein sonderlich gesellschaftliches Thema, Landesverteidigung ja, nicht aber Krieg. Heute ist er überall und damit wohl auch in jedem Kopf von Jugendlichen, die vor der Frage stehen, soll ich oder soll ich nicht? Dennoch, an dieser zentralen Frage kam auch in meiner Generation niemand vorbei. Ich entschied mich für die Verteidigung und zwar an sich ganz egoistisch. Ich entschied mich für die Verwirklichung meines zentralen Wertes, der Freiheit. Diesen Wert zu verweigern zu verteidigen, dieser Gedanke war mir gruselig. Mir musste man aus vierlei Gründen nicht sagen, dass es sich lohne, für diesen Wert zu kämpfen. Kein anderer Wert war je stärker in mir handlungsleitend. Für diesen Wert habe ich Verantwortung übernommen, und ich schätze, es hat sich nicht geändert: Für den Wert, der die individuelle Gewissensfrage beantwortet und den jeder Mensch hat, kann auch nur er die Verantwortung übernehmen. Wer diesen Wert für sich noch nicht geklärt hat, sollte in sich gehen und alle Botschaften von außen dazu abschalten, selbst die Botschaften derer, die einen lieben. Hallo Jugendliche, für mich ist es die Freiheit gewesen, und für Sie?

Geschafft. Das neue Buch ‚Sinncoaching‘ ist fertiggestellt.

Wie kann Coaching bei existenziellen Zukunftsfragen wirksam unterstützen? In einer Welt geprägt von multiplen Krisen, gesellschaftlichen Umbrüchen und wachsender Komplexität rückt die Frage nach Sinn verstärkt in den Fokus vieler Menschen. Dieses Praxishandbuch richtet sich an Coachs, die ihre Klientinnen und Klienten dabei unterstützen wollen, Orientierung zu finden, persönliche Werte zu klären und sinnerfüllte Lebensentscheidungen zu treffen.

Das Buch beleuchtet theoretische Grundlagen, existenzphilosophische Bezüge und methodische Zugänge des Sinncoachings – inspiriert durch das Menschenbild Viktor Frankls. Es zeigt, wie Sinnimpulse erkannt, reflektiert und in konkretes Handeln überführt werden können – auch dann, wenn emotionale Erschöpfung, Lebenszweifel oder Überforderung das Erleben dominieren.

Elf Kapitel verbinden Konzepte wie Zuversicht, Wertevielfalt, Trotzmacht und Träume mit ausführlich beschriebenen Coachingprozessen. Anhand realer Beispiele wird deutlich, wie Sinncoaching in unterschiedlichen Lebenskontexten wirkt.

Dieses Buch richtet sich an erfahrene Coaching-Professionals, die mit Tiefe und Haltung arbeiten möchten. Es erweitert das Methodenspektrum für existenziell ausgerichtete Coachings und unterstützt dabei, auch in unsicheren Zeiten tragfähige Antworten zu ermöglichen – wertebewusst, ressourcenorientiert und sinnerfüllt.

Sinn ist der eigentliche und tiefste Beweggrund eines Menschen, um zu handeln, schrieb Frankl 1946. Und nicht nur das. Bereits willentlich auf die Suche nach Sinn zu gehen, sich für den Sinn im Leben zu motivieren, offen zu werden oder zu bleiben für das, was in der Welt an Menschen und Aufgaben auf einen wartet – all das sind Aspekte auf der Reise hin zum Sinn. Coaching-Klienten bringen vieles davon mit. Eine innere Stimme sagt ihnen, dass es Zeit ist, eine Wendung vorzunehmen.

Manchmal leitet der Klient mit einer Sinnfrage das Coaching ein, explizit und drängend. Manchmal fragt er, ob es noch sinnvoll sei, dies oder das zu entscheiden oder zu unternehmen. Manchmal taucht die Frage nach Sinn erst auf, nachdem das anfänglich formulierte Anliegen während des Coachingprozesses durch hinzutretende Ereignisse nicht mehr relevant ist. Manchmal geben Klienten zu verstehen, dass sie sich schon lange mit dem Sinn im Leben beschäftigen. Und manchmal fragen sie, ob das, was sie aktuell fühlen, wohl so etwas wie eine Sinnkrise sein könnte. Hier setzt die Begleitung von Coaching an, alles mit dem Ziel, dem Klienten eine Stärkung seiner Sinnwahrnehmung zu ermöglichen und ihm dabei zu helfen, Unentscheidbares entscheiden zu können.

2023 – neu: 2. Individuelle Messlatten in der Bewertung der Theoriegüte

Das Haltbarkeitsdatum von Theorien gehört für mich zu den spannendsten Aspekten in der Wissenschaftswelt. Jeder Mensch, der schon ein paar Jahrzehnte lebt und seine Wachheit in seinem, meist beruflichen, Tätigkeitsfeld bewahrt hat, wird sich an Theorien erinnern, die einst als Hype in jedem Meeting, in jeder Fachzeitschrift, in jeder Weiterbildung Erwähnung fanden, unglaubliche Summen für Qualifizierungen und Zertifizierungen verschlangen, ihre Kenntnis als Kriterium für persönliche Karrierewege galt  oder ganze Wertschöpfungsketten veränderten. Zumeist waren und sind diese Theorien mit dem Namen einzelner oder weniger Personen verbunden. In meinen ‚Gewerken‘ der Betriebswirtschaftslehre und der Psychologie reihten sich irgendwann nach Erich Gutenberg und Eugen Schmalenbach Wissenschaftler wie Peters und Waterman, Hammer und Champy, Nonaka und Takeuchi, Drucker und Malik und viele weitere Vor- und Nachdenker der mittel- oder unmittelbaren Unternehmensführung. Nicht weniger zahlreich begleiten mich bis heute die Protagonisten psychologischer ‚Schulen‘. Ob Freud, Adler, Jung, Berne, Bühler, Maslow, Rogers und – natürlich – Viktor Frankl, sie alle inspirierten. Von den starken ‚Seitenarmen‘, die aus der Soziologie und Systemtheorie, den Kunst- und  Geschichtstheorien und – natürlich – der Philosophie stammen, ganz zu schweigen.

Irgendwann knarrt das Regal eingedenk des Gewichts der vielen Bücher, es brummt der Schädel und man begreift, dass sich manch früherer Hype relativiert oder abgenutzt hat, manches sich schlau weiterentwickelt hat, aber nur weniges wirklich dauerhaft trägt und bis heute robust geblieben ist.

Dem Rat zu folgen: ‚so prüfe, was sich ewig bindet‘ ist nicht wirklich voraussetzungslos. Welche sind die individuellen Messlatten, über die eine Theorie springen muss, um als robust zu gelten und für das eigene [Arbeits-]Leben eine Grundlage zu bieten? Für mich sind es drei Messlatten.

Die erste adressiert die Frage: Worüber hat sich der Wissenschaftler geärgert [was war ihm arg], so dass ihn dieser Ärger dazu aufrief, sich ans erforschende Werk zu machen? Wenn mich die sich aus dem Ärger ergebende Forschungsfrage ebenso reizt, dann freue ich mich darüber, mitzudenken und bei eigener Kompetenz auch ein Mitentwickler zu sein [allzuoft bescheide ich mich jedoch aus Mangel an Primärkompetenz mit einer Zuschauerrolle, wenn es beispielsweise um die Fragen geht, die sich die Physiker im CERN, die F&E Teams in der pharmazeutischen Industrie oder die Philosophen im Kontext ethischer Fragen im Umgang mit der KI stellen].

Die zweite schaut auf das Menschenbild, das der Theorie ihr Fundament verleiht. In vielen Theorien und ihren Operationalisierungen bleibt der anthropologische Hintergrund völlig ungeklärt, in anderen zeigt sich rasch ein Reduktionismus im Sinne eines ‚der Mensch ist nichts anderes als …‘. Für mich ist hier Vorsicht geboten, insbesondere dann, wenn eben dieser Reduktionismus – so sehr er sich für eine Forschung im Kontext begrenzter Ressourcen auch anbieten mag –  nicht explizit gemacht wird, sondern im Gegenteil aus ihm heraus ein subtiler Wahrheitsanspruch über die zuvor ‚reduzierte‘ Forschungsfrage hinaus abgeleitet wird. Eine robuste Theorie stellt in meinem Verständnis hingegen dann ein System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Phänomene dar, wenn darauf verzichtet wird, sie implizit bereits als ‚allumfassend‘ vorzustellen.

Und als dritte Messlatte ist für mich von Interesse, in welcher Weise aus der Theorie heraus für die heutigen Fragen der Menschheit handlungsorientierte Antworten gegeben werden oder abgeleitet werden können. Was hat die Theorie für den Lebensvollzug konkret mitzuteilen? Kann sie uns Menschen logisch, wie ethisch und ästhetisch voranbringen? Nachdem ich mir diese drei Messlatten vorgelegt und sie als Rahmen um die Sinntheorie von Viktor Frankl gezogen habe, fühlt es sich für mich stimmig an, diese als robust zu bezeichnen und sie in meiner eigenen Lebensführung und im Kontext meiner Arbeitsleistungen als Kompass einzusetzen. Hier in der KrisenPraxis steht nun für mich an, in ähnlicher Weise auf die Integrale Theorie von Ken Wilber zu schauen.