Kategorie-Archiv: Ralph Schlieper-Damrich

Zum Jahresbeginn

Wenn sich Augen öffnen
und den jungen Tag begrüßen

wenn sich Lippen öffnen
und den jungen Tag begrüßen

wenn sich Herzen öffnen
und den jungen Tag begrüßen

wenn offene Arme
dem jungen Tag die Hoffnung geben

wenn offene Worte
dem jungen Tag die Wärme geben

wenn offene Herzen
dem jungen Tag die Liebe geben

Wenn sich wache Augen hoffend in den Armen liegen
wenn sich wache Lippen wärmend in die Worte fallen
wenn sich wache Herzen liebend in die Herzen schließen
wenn der junge Tag so reift, so reift, so reift.

Anonym

Wir ziehen um

Die kommenden Monate lang ruht die Krisenpraxis. Aber wir ruhen uns nicht aus, denn wir beginnen nun auch mit der Planung unseres privaten Umzugs nach Augsburg. Und da kommt mächtig Arbeit auf uns zu.

Wir melden uns zwischendurch sicher mit der ein oder anderen Nachricht. Aber offiziell dann erst wieder am 1.5.2018

Das ‚Doch‘ als Trotzmacht des Geistes

Bei der ‚Trotzmacht des Geistes‘ geht es um das ‚DOCH!‘

Mit einem ‚doch‘ sucht der Mensch nach Sinn.
Mit einem ‚doch‘ überwindet sich ein Mensch.
Mit einem ‚doch‘ positioniert er sich.

‚Doch‘ – gegen ein brüchiges, von Sinnzweifeln überschattetes Dasein.
Für ein gelingendes, orientiertes und trotz aller möglichen Hindernisse gestärktes Leben.

Ist der Quotient aus Erwartetem und Erreichtem für einen Menschen dauerhaft negativ, dann empfindet er seine Welt so, als würde sie ihm aus der Hand gleiten, wegschmelzen – wie ein Eis in der Sonne. Blickt der Mensch dann in die Zukunft, erscheint sie ihm mehr denn je als unkontrollierbar, als fragil, als sinnleer.

In der Tat: Die Komplexität nimmt zu, die Länge des Lebens nimmt gesamtgesellschaftlich zu, die Risiken nehmen zu, die Rezepte zur Lebensgestaltung auch. Wo bleibt die persönliche Ortung und Ordnung, wo das Gefühl der Genug-Tuung? Was ist bleibend, was hat für mich Substanz?

Wenn etwas gut durchdacht und gut gemacht ist, dann lassen sich Menschen auch auf neue Wege, neue Bilder, neue Geschichten ein. Eine lebensnahe und anwendungsbereite ‚Liebe zur Weisheit‘ [kurz: Philosophie] ist ein solches ‚Dreh-Buch‘. In ihm werden graue Kapitel im Leben nicht rosa gefärbt oder ‚schöngeredet‘. Philosophische Beratung gibt dem Menschen, der nicht bereit ist sich ‚abzugeben‘, neue Antworten, damit für ihn ‚Ver-Antworten‘ in freier Weise möglich bleibt. Für mich ist jeder Mensch daher ein geistiges Wesen, das mit seiner ‚Trotzmacht‘ etwas Sinnvolles bewirken kann. Viktor Frankl drückte dies einmal so aus: „Ich muss mir von mir selbst doch nicht alles gefallen lassen.“ Denn es gibt keinen Augenblick im Leben, in dem ein Mensch nicht einen neuen Weg einschlagen kann.

Da muss es ‚doch‘ noch etwas geben!

Wenn Sie diese Neugier auf Ihre persönliche Trotzmacht nicht verloren haben, steht Ihnen meine Türe von Herzen offen. Reflexionen für mutige Suchende – Erschöpfte – Re-Signierende – Herausgeforderte – Zweifelnde aus Wirtschaft, Politik, Lehre und Lebenshilfe.

Als Einzelberatung, Paargespräch oder Colloquium Privatissime. Aber immer als Folge eines persönlichen Kennenlerngesprächs, das ich Ihnen gerne kostenfrei in Augsburg anbiete.

Ich freue mich auf Sie.
Ralph Schlieper-Damrich

Liebe zur Weisheit

Liebe zur Weisheit – das meint ‚Philosophie‘. Und was ist Weisheit? Für mich die Fähigkeit, mit der Frage nach Sinn umgehen zu können. Sinn ist das Wesentliche. Wissen ist das Wichtige. Mit Weisheit vermag der Mensch, zwischen wesentlich und wichtig zu unterscheiden. Das Gehirn überführt Wichtiges in Wissen. Das Gewissen überführt Wesentliches in Weisheit. Weisheit hat Wissen integriert. Wissen jedoch noch nicht Weisheit. Was wesentlich ist, ist immer auch wichtig. Was wichtig ist, ist jedoch nicht immer auch schon wesentlich.

Weisheit ist das individuell beste angewandte Gewissen hinsichtlich des besten angewandten Wissens. Während der Mensch für sich selbst viel wissen kann, führt ihn sein Gewissen dazu, es derart einzusetzen, dass es für andere Menschen zum Guten gereicht. Das Gewissen öffnet somit die Tür zwischen ‚dem Menschen als Selbst‘ und dem ‚Menschen in der Welt‘. Und das Gewissen öffnet die Tür, um den Teil der Welt ins Selbst zu lassen, der dem Menschen selbst gut tut. Dass sich die Tür öffnen und schließen kann, ist weise. Weisheit ist der geistige Umgang mit der Grenze zwischen Selbst und Welt. Das Gefühl dieser Weisheit nennt sich Liebe.

Jahresend-Wunsch an die Evolution

Zum Jahresende darf man sich ja etwas wünschen. Gesundheit und ein langes Leben sind so die Klassiker. Nicht schlecht, aber ich habe trotzdem einen anderen. Ich habe den Wunsch an die Evolution, dass sie es fertigbringt, irgendwann einmal die Neugeborenen von Anbeginn sprechen lassen zu können. Also, so richtig, mit dem vollen Programm.

Ich glaube, dies würde einen wirkungsvollen Beitrag dafür leisten, dass die den Kindern per se gegebene Resilienz nicht dadurch in den ersten Lebensjahren erodiert, weil die sie umgebenden Personen meinen, sie müssten ihre Kinder erst ’sozialisieren‘.

Wer ein Kind sozialisiert, der geht offenbar davon aus, dass es nicht sozial ist. Wer jedoch davon ausgeht, dass ein Kind bereits alles Wesentliche für sein Leben mitbringt und es dann darin unterstützt, das seinem Wesen Entsprechende auszuformen, der folgt einem an eine Goethe-Weisheit angelehnten Satz:

„Wenn man ein Kind wirklich sieht wie es ist und es nicht zu dem macht, was es aus eigener Anschauung sein soll, dann kann man es darin unterstützen, zu dem zu werden, der es werden kann.“

Könnten uns doch die Kinder direkt ab Beginn ihres Lebens nur sagen, wie sie sind. Manche Therapiestunde könnte eingespart werden.

Kann man sich selbst los werden?

Ich gebe es zu, es hat Phasen in meinem Therapeutenleben gegeben, in der ich diesen Teil von mir gern los geworden wäre: Therapeut sein und immer wieder erklären, wie Frankl den Menschen sieht, wie wir Sinn verstehen, warum ich den Menschen als sinnstrebend ansehe, warum Krisenprävention so wichtig ist und immer wieder: Probleme anhören, von Abgründen erfahren, sich Situationen schildern lassen, die mich staunen lassen, was Menschen zu tragen in der Lage sind.

Dann geht es los. Diagnosen stellen, Fragen stellen und etwas in Frage stellen, klären, zum Perspektivenwechsel ermuntern und ermutigen. Rückfälle aushalten, neuen Anlauf nehmen. Das hat schon einige Male richtig an Kräften, Nerven und Geduld gezehrt. Und dann die Frage, wenn nicht diese Aufgabe, welche sonst wäre wohl besser für mich? Irgendwann bin ich auf Stadtgärtner gekommen. Da wäre ich draußen, müsste kaum reden, hätte wenig Stress, sähe am Ende des Tages, was ich geschafft habe, Verantwortung? Sicher weniger als Therapeuten, Busfahrer, Kindergärtner oder Leiter von Kernkraftwerken. Chef, Ämter, Dokumente, Computer? Kaum – mein Ding wären Baumsäge, Rosendünger, Grünschnitt-Deponie.

Gärtnerleben – ein Leben mit größerer Zufriedenheit? Noch einmal nachgedacht wird mir klar, egal welche berufliche Rolle ein Mensch ausübt: Es ist weniger die Frage wichtig, ob dieser oder jener Beruf zufrieden macht. Wichtiger ist, wie ein Mensch grundsätzlich zufrieden ist? Und als ich mir diese Frage vorlegte war mir klar, dass ich dann grundsätzlich zufrieden bin, wenn ich einen Beitrag leisten kann dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen. Das kann ich zwar auch in der Natur, wenn ich als Gärtner Wege so anlege, dass Menschen an ihr Ziel kommen. Oder als Lehrer, wenn ich Wissen so aufbereite, dass Menschen mögliche Entwicklungschancen nicht verfehlen. Diese Rollen können erbauend sein – und anstrengend. Und doch: beide Rollen gehen nicht aufs Ganze. Das Ganze besteht für mich darin, dafür zu arbeiten, dass der Mensch sich nicht verfehlt. Das lohnt alle Anstrengung. Und die Form, in der dieser Inhalt möglich ist, heißt nun einmal nicht Gärtner.