Kategorie-Archiv: Ralph Schlieper-Damrich

Schlussgedanken eines Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitenden Coachs

Irgendwie war Sinn ja schon immer ein Thema, aber seit der in den Topmanagement-Etagen bekannte Berater Fredmund Malik von der Universität St.Gallen den Unternehmerinnen und Unternehmern zurief, dass Frankl den aus seiner Sicht wichtigsten Beitrag zur Diskussion um die Motivation des Menschen geleistet habe, nahm Sinn auch dort Fahrt auf. Leider jedoch oft genug falsch verstanden oder interpretiert.

Natürlich muss erwähnt werden, dass sich im Kontext der Frage, was zu einem gelingenden Leben eines Menschen beiträgt, ganze Heerscharen von Autoren geäußert haben. Alle haben mitgeholfen, Sinn durch die Verknüpfung mit anderen Themenfeldern wie beispielsweise Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung, Führung, Alter, Glaube, Krise oder Krankheit zu einem ‚big point‘ zu machen. Naheliegend, dass diese Entwicklung auch die Wissenschaft auf den Plan rief.

Aus der ‚empirischen Sinnforschung‘, deren Ziel in der Regel darin besteht, fruchtbare Ansätze für die psychotherapeutische, psychiatrische und psychoedukative Arbeit zu liefern, finden sich heute eine Fülle von Studien, die die Bedeutung des Sinns für das Wohlergehen, die Lebensgestaltung, die Zufriedenheit oder das Glück hervorheben oder auf Wege zur Integration von Sinn in therapeutische, pädagogische oder dialogische Prozesse hinweisen.

Wer sich tiefergehend mit diesen Ansätzen befasst, dem kann auffallen, dass die Person häufig übersehen oder unerwähnt bleibt, die Sinn nicht lediglich als eine etwas erklärende Variable menschlichen Daseins diskutierte, sondern ihn vielmehr als das Zentrum der Wesenhaftigkeit des Menschen hervorhob: Viktor Frankl.

Jeder Mensch hat stets einen konkreten, individuellen Lebenssinn

Wie geht das zusammen? Frankl, dessen ‚Trotzdem ja zum Leben sagen‘ [‚Man‘s search for meaning‘] bis heute bereits eine millionenfache Leserschaft fand und Frankl, dessen Erbe die Wissenschaft so zaghaft aufgreift – irgendetwas Spannendes scheint sich zwischen diesen beiden Welten abzuspielen. Vielleicht sind es Irrtümer?

Der Irrtum vielleicht, dass unter sinnvollen Tätigkeiten oder Handlungen reflexartig etwas Altruistisches, Karitatives, Ästhetisches, Pflegendes, Lehrendes, Kulturelles oder Empathisches verstanden wird? Verstärkt vielleicht noch um die Annahme, dass solche Tätigkeiten dann als Sinn in Erwägung gezogen werden, wenn andere zum Beispiel durch Krankheit oder Krise nicht mehr aufrechterhalten werden können?

Oder der Irrtum, dass man sich Sinn machen könne? Dieser Irrtum hält sich hartnäckig und muss aufrechterhalten werden, will man das, was man Sinn nennt, empirisch messen. Geht man davon aus, dass sich Menschen einzig mit Zielen, selbstgesetzten Aufgaben, Interessen, Eigenaufträgen oder Selbstverpflichtungen ihr Leben sinnerfüllt gestalten, dann freilich lässt sich messen, auf Basis welcher psychophysischen Verfassung sie dies tun.

Oder der Irrtum, Sinn sei gleichzusetzen mit kognitiver Bedeutungszuweisung, emotionaler Bewertung oder gar mit Zweck. Dass uns bereits Buchtitel den von Frankl angeregten Zugang zum Sinn erschweren, zeigt bereits der Begriff ‚meaning‘ im oben bereits genannten Bestseller. Übersetzt man ihn mit ‚Bedeutung‘, so kann er dann, wenn man ihn mit ‚ich messe etwas Bedeutung bei, ich verleihe etwas Bedeutung‘ mentalisiert, als aktiver kognitiver Prozess verstanden werden. So interpretiert, macht sich der Denkende seinen Sinn. Andersherum jedoch wird erst der sinntheoretische Schuh daraus: Es gibt jederzeit in der Welt eines Menschen, in seinem Möglichkeitsraum, ein verfügbares ‚Bedeutendes‘ – einen Sinn. Ihn gilt es zu suchen, zu finden und im Moment des Gefundenwerdens erkennt die Person die Bedeutung, die das Sinnvolle für sie hat.

Diese Anmerkungen sollen zu erkennen geben, dass Viktor Frankl mit der von ihm vorgestellten ältesten und in ihrer Ausformulierung einzigen Theorie des Sinns, nicht nur die phänomenologische Perspektive eines praktizierenden Arztes, Psychiaters und Psychotherapeuten einnimmt, sondern diese auch in einen umfassenden philosophischen Begründungszusammenhang verweist. Mit heutiger ausdifferenzierter wissenschaftlicher Sichtweise mag es nahezu als unmöglich erscheinen, sowohl eine angewandte Philosophie als auch eine angewandte Psychologie zu vertreten und, damit nicht genug, beide mit einer theoretischen Basis und einem ausformulierten Menschenbild quasi aus einer Hand zu einem ganzheitlichen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis zu führen.

Ob Frankl dieses Gesamtkunstwerk gelang, entscheidet sich letztlich immer im Auge des Betrachters und dessen Bereitschaft, sich sein Bild vor dem Hintergrund eines Mannes zu machen, der sich zuallererst um die Pflege der Seele von Menschen in Krisen einsetzte und dabei erkannte, dass bei dieser Arbeit sich jedwede Reduktion des Menschen verbietet.

Frankls philosophisch-argumentatives Vorgehen ruht in der Tradition phänomenologischen und existenzphilosophischen Gedankenguts. Das allein reicht bisweilen bereits hartgesottenen Konstruktivisten oder Anhängern der Idee eines von einem freien Willen abgekoppelten Menschen aufgrund der postulierten neurobiologischen Vormachtstellung des Gehirns, um sich eines Diskurses mit Frankl zu entsagen.

Dem gegenüber könnte man nun die zahlreichen Wirkungsbelege der auf Frankls Theorie aufbauenden sinnzentrierten Psychotherapie heranziehen, um deren gegebenen Stellenwert in die Waagschale zu werfen. Wer sich für diesen Kontext interessiert, dem sei dieses Übersichtswerk empfohlen.

Viktor Frankl war Professor für Psychiatrie und mehr noch, ein Wissenschaftler und Praktiker im Grenzgebiet zwischen Psychiatrie, Philosophie und Psychotherapie. Worum es der Psychologie inhaltlich geht, haben die Seelenkundler Platon, Aristoteles, deutlich später dann Avicenna und andere in ihren Schriften zum Ausdruck gebracht. Aber als wissenschaftliche Disziplin schauen wir doch kaum mehr als in eine 120jährige Geschichte. Sigmund Freud fällt jedem ein, weniger bekannt sind da schon die Namen der Begründer der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt in Deutschland und William James in den USA. Eine der Kernfragen der Psychologie und der Psychotherapie war und ist: Was treibt den Menschen an? Und im Kontext der ‚psychotherapía‘, der Pflege der Seele: Was treibt den Menschen an, dessen Dasein brüchig geworden ist?

Was ist das Grundstreben des Menschen? Diese Frage ist so schwer zu beantworten, dass sich über sie sogar drei sogenannte Wiener Schulen der Psychotherapie entwickelten. Die erste Schule, die Psychoanalyse, sieht den Menschen als nach Lust strebend an. Die zweite, die Individualpsychologie, sieht ihn als nach Macht strebendes Wesen und die dritte, die Existenzanalyse mit der auf ihr operativ fußenden Logotherapie, stellt das nach Sinn strebende Wesen ihrem Menschenbild voran.

Wenn die Psychologie heute beschreibt, wohin es den Menschen zieht, was er will, dann beschreibt sie ihn nicht nur deskriptiv, sondern sie schreibt ihm in gewisser Hinsicht immer auch etwas vor. Präskriptiv beschreibt sie, wie er leben soll, so dass sein Leben gelingt. Dies geht sogar zuweilen soweit, dass sich in den Träumen des Patienten dessen momentane Therapiesituation widerspiegelt. So träumen Patienten, die sich in einer jungianisch geprägten Therapie befinden, phantasievoller und bunter als Patienten in den anderen Therapierichtungen – dies verwundert nicht, ist diese Richtung mit ihrer Arbeit rund um Archetypen und Mythen doch ein Wesensmerkmal dieser Therapie.

Und schaut man in die Peripherie, auf den wachsenden Berg der Lebenshilfe-Bücher, die vorgeben wollen, was der Mensch zu tun hat, damit es ihm gut gehen kann, dann sehen wir Masterpläne, Handlungstipps, Methoden der Selbstreflexion und Einladungen zu Trainings aller Art. Alle gemeinsam bedienen sie einen Wunsch nach schneller Hilfe, Ordnung im Leben und Expertenmeinung.

Jedoch, die Grundstrebung des Menschen herauszuarbeiten, ist nicht gerade ein anspruchsloses methodisches Problem. Der Idee, das, was einen Menschen in Motivation versetzt, theoretisch zu fassen, liegt per se ein Menschenbild zugrunde. Weder die Erziehung, die Pädagogik, die Menschenführung, die Seelsorge, die Therapie, das Coaching und andere Arbeitsfelder, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, kommen ohne Menschenbild aus. Menschenbilder sagen etwas darüber aus, wie der Mensch interagiert, wofür er zwei freie Hände hat und darüber, dass es eine grundlegende Beziehung zwischen ihm und Welt gibt, durch die das, was der Mensch in seinem Dasein möchte auch zurückwirkt in die Welt.

Das Problem der jungen Wissenschaft Psychologie besteht nun darin, dass die meisten ihrer prominenten Vertreter einer Versuchung unterliegen, der irgendwann vielleicht jeder in seinem Fach einmal unterliegt. Der Versuchung, einen Teilbefund zum Gesamtbefund zu erheben. So war es im Kontext der Freud’schen Lehre vorstellbar, dass einfache Algorithmen wie zum Beispiel der, dass der Mensch luststrebig ist und das Realitätsprinzip diesem Streben einen Strich durch die Rechnung macht, übertragen werden konnte auf alle Bereiche der Menschheitsgeschichte [die Aufsätze Freuds dazu sind beredtes Beispiel für diese Algorithmuslust]. Da jeglichem menschlichen Wollen ein psychischer Prozess zugrunde liegt, kann jedes durch Wollen Entstandene psychoanalysiert werden – im Kontext der Psychoanalyse eben dahingehend, in welchem Maße die Luststrebigkeit, der Einfluss der Libido, den Wollensprozess steuerte.

Wird nun der Algorithmus zum Prinzip erhoben, dann ist der Mensch nicht bloß luststrebig, sondern er ist es primär, er ist nichts anderes als das. Diese prinzipiellen Algorithmen finden sich in allen Schulen, die den Menschen letztlich reduzieren auf sich selbst. So finden wir einen solchen auch in der Individualpsychologie, in der Jung’schen analytischen Psychologie und auch in der Verhaltenstherapie, die dem Algorithmus folgt, individuelles Handeln käme dadurch zustande, dass es oft genug belohnt und dadurch verstärkt wurde. Der Mensch sei daher nichts anderes als ein Wesen, das durch seine Umwelt geprägt wird und nichts anderes als das Resultat seiner Lerngeschichte.

Ein biologistischer Ansatz sieht den Menschen motiviert durch die endorphinösen Belohnungsprozesse der Amygdala. Der Mensch tut so letztlich das, was ihm mittels angenehm empfundener Stimuli von seinem Gehirn vorgegeben wird. Breite neurowissenschaftliche Diskussionen können so am Ende streng vereinfacht auf den Satz verkürzt werden: Der Mensch ist nichts anderes als sein neuronales Substrat.

Alle diese Perspektiven beschreiben etwas am Menschen, aber sie beschreiben eben auch den Menschen als Etwas. Als ein Etwas, das durch die Libido gesteuert wird oder ein Etwas, das bestrebt ist, ein empfundenes Minderwertigkeitsempfinden auszugleichen mit einer ihm angeborenen Suche nach Geltung und Macht. Oder als ein Etwas, das nach Anerkennung strebt und dafür ein Verhalten erlernt, um den Erwartungen seines Umfeldes zu entsprechen. Kommt es zu den erhofften Belohnungen, verankert sich die Lernerfahrung als innere Stimme eines Eltern-Ichs, die dem Etwas vorgaukelt, das Beibehalten des Verhaltens würde auch weitere Anerkennung sichern.

Diese und viele weitere Denkschulen, die das Bild vom Menschen in den Jahren seit Freud stark beeinflusst haben, führen dazu, dass das Subjekt an die Stelle des Objekts gesetzt wird, dass darum mehr in den Fokus rückt, wie es dem Menschen psychisch geht [Zustand] als um die Frage, worum [Gegenstand] es ihm in seinem Leben geht. Der Philosoph Max Scheler unterscheidet an dieser Stelle zuständliche und gegenständliche Gefühle. Zuständliche Gefühle sind vollständig, wenn man sie erlebt. Aggression ist ein solches in sich vollständiges Gefühl. Hass jedoch ist ein gegenständliches Gefühl, es bedingt ein Etwas oder ein Jemand, auf das er gerichtet ist. Freude ist ein vollständiges, zuständliches Gefühl, Dankbarkeit bedingt wiederum einen Gegenstand, also zum Beispiel gegenüber einer Person, die einen Grund dafür bot, in einer Situation Glück zu erleben. Auch zwischen Trauer [einem gegenständlichen Gefühl, das einen Verlust eines Wertes zum Ausdruck bringt], Traurigkeit [als schnell aufkommendes und ebenso schnell verschwindendes, zuständliches Gefühl] und Depression [anhaltende negative Grundstimmung] verwischen die sprachlichen Grenzen immer wieder und machen die Exploration dessen, was in Therapie oder Coaching zur Bearbeitung ansteht nicht gerade leichter.

In der Schule fragt die Lehrerin, was ein Trauerfall ist. Hans: „Wenn ich mein Handy verliere!“ „Nein“ sagt die Lehrerin, „das nennt man einen Verlust!“ Franz: „Wenn ein Loch in unserm Dach ist, und es hereinregnet!“ „Nein“ sagt die Lehrerin wieder, „das nennt man einen Schaden!“ Chantal: „Wenn unser Direktor sterben würde!“ „Richtig“ sagt die Lehrerin, „das wäre ein Trauerfall, aber kein Schaden und kein Verlust!“

In einer holländischen Forschungsreihe hat sich gezeigt, dass zum Beispiel in Bewerbungssituationen ein gewisses Selbstwertgefühl vorteilhaft ist und, wie wohlbekannt, unterstützen viele Ratgeber und Coachs ihre Klienten eben darin, sich zum Beispiel mit positiven Affirmationen, sich selbst gegenüber freundlichen Ritualen und Sätzen usw. ein solch positives Selbstwertgefühl einzureden.

Im genannten Forschungsprojekt wurden nun die Probanden gebeten, sich zehn Minuten lang alle erdenklichen positiven Eigenschaften zuzuschreiben. Und in der Tat: Zwanzig Minuten nach dieser Übung konnte ein deutlich stärkeres Selbstwertgefühl nachgewiesen werden, um jedoch bereits wenige Minuten später abrupt nachzulassen und sogar unter das vor der Übung gemessene Level zu fallen. Der Grund für das Phänomen wurde schnell gefunden. In der ersten Phase setzen Trancezustände ein, die das positive Gefühl bewirken und in der zweiten Phase schaltet sich förmlich der Rest des Menschen ein, indem das quasi aufgeladene Selbstbild verglichen wird mit dem eigentlichen. Die hierbei auftretende Diskrepanz verunsichert, mit der Folge der Abwertung der eigenen Person.

Was man beim Einsatz von Drogen [Auslöser zuständlicher Gefühle] erhält, ist eine Belohnung als ob – nur, dass es das ob nicht gibt. Die Ausrichtung auf das Zuständliche, die sich im Kern als offensichtlich hedonistische Lebenshaltung erweist, findet sich oft bei Menschen mit neurotischen Persönlichkeitsakzentuierungen. Wenn es letztlich für solche Menschen nur um das Zuständliche geht, um das, wie es einem selbst geht, und wenn gleichermaßen das Objekt aus den Augen verloren wird, dann wird der Mensch abhängig von seinen volatilen Gefühlen. Hieraus lässt sich schließen: ein Ich, das sich in bloße Abhängigkeit von Empfindungen und den von ihnen ausgehenden Gefühlen ergibt, wähnt sich frei, macht sich jedoch abhängig davon, wie andere Menschen auf es einwirken und von inneren Zuständen, gegen die dann zum Beispiel mit Süchten aller Art versucht wird, gegenzusteuern.

Wenn nun ein Mensch sich abhängig macht von seinen egozentrierten, zuständlichen Gefühlen, dann wird nachvollziehbar, warum er so oft danach strebt, dass es ihm gut geht – also zum Beispiel durch Glück, Selbstwert, Lachen, Erfolg, Zufriedenheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Entspannung, Freude. Nur, hier stellt sich die Frage: Kann dies auf direktem Weg intendiert werden? Die Antwort ist so einfach, aber doch für viele Menschen so schwer zu akzeptieren: Alles, was den Menschen seelisch bereichert, lässt sich nicht direkt anstreben – vielmehr: es braucht einen guten Grund, von dem es getragen wird.

‚Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon‘, wusste Frankl. Wäre es nicht so und damit eine einfache Sache mit dem Glück – eine Disziplin wie die der Psychotherapie und womöglich auch die des Coachings wäre obsolet.

Ein guter Grund wird in der Sinnlehre Frankls auch Sinnobjekt genannt. Menschen, die sich zumeist auf die Verbesserung ihrer zuständlichen Gefühle ausrichten, vermögen oftmals nicht zu erkennen, was um sie herum konkret auf ihre Handlungen förmlich wartet. Anstatt durch ihr Handeln etwas in die Welt zu schaffen, was in der Folge etwas bewirkt, das ihnen gut tut, schaffen sie letztlich nur etwas aus der Welt, nämlich ihr Problem, sich mit dem befassen zu müssen, wofür es an sich gut wäre, sich einzusetzen. Dabei geht es nicht darum, dass ein Mensch sich überfordert. Vielmehr soll der Mensch lernen, seine beliebten Abkürzungen zu erkennen und in Frage zu stellen. Abkürzungen, zum Beispiel in Form von Vorstellungen, Vorurteilen oder inneren Wahrscheinlichkeitsrechnungen darüber, was man wohl in einer Situation erwarten wird, obwohl man selbst über keinerlei Ersterfahrung in diesem Kontext verfügt. Oder die Abkürzung über Glaubensannahmen, warum man wohl aus diesen oder jenen Gründen nicht geeignet sei, wenngleich man bislang keinerlei Erprobung vorgenommen hat. Die im Coaching vermutlich am häufigsten gehörte Abkürzung dürfte das ‚ja, aber‘ sein. Kurzfristig mag ein Mensch sich sogar gut fühlen, wenn sein ‚ja, aber…‘ fruchtet.

Hört der Klient letztlich auf seine innere Stimme, die ihm sagt, dass es trotz der psychischen ‚ja, aber‘-Abwehr etwas gibt, das ‚wenn nicht von mir, von wem denn dann‘ in die Welt geschafft gehört, dann wirkt dies dem Empfinden von Sinnverlust entgegen und verweist auch auf ein neues Gefühl. Aus einem ‚ich fühle mich gut‘ wird ein ‚ich fühle mich gut, um…‘. Und Frankl bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Das Bewusstsein, einer Aufgabe zu dienen, hat eine lebensverlängernde und krankheitsverhütende Wirkung“.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfreuendes, gesundes und nach vorne gerichtetes Neues Jahr.

Man kann nicht allen alles erklären, insbesondere dann nicht,
wenn es den Fundamenten ihrer Weltanschauung widerspricht.

Das Dumme dabei ist nur, dass viele, die ihre Weltanschauung kommunizieren, nicht in der Lage sind, ebendiese samt ihrer Herkunft, ihrer aktuellen Bedeutung für die eigene Lebensführung und hinsichtlich ihrer Konsequenzen anderen zu erklären. Wenn dies jedoch nicht geschieht, dann darf sich eine solche Person nicht wundern, wenn ihr Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Aber wer sich darüber erregt, dass ihm ebendieses widerfährt, kann sich jederzeit entscheiden: entweder der Verbleib in der selbstverschuldeten Unmündigkeit oder der Aufbau einer zeitgemäßen Vernunft. Erstes ist einfach, zweites ‚kostet‘.

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen:
– Der Tag des Geborenwordenseins
– Der Tag, ab dem der Mensch erkennt, wofür er lebt
– Die Tage, an denen der Mensch fühlt, worum es ihm geht
– Die Tage, an denen der Mensch von Jemand oder Etwas existenziell Abschied nimmt und erkennt, dass alles im Verantwortethaben unverlierbar geborgen bleibt.

Grafik aus Schlieper-Damrich, Ralph [2020]: Coaching des Todes

Ralph Schlieper-Damrich

14. April 2021

Wir fordern sechs neue Grundrechte

Ein Verfassungskonvent soll die Charta der Grundrechte der Europäischen Union um folgende Grundrechte erweitern:

Artikel 1 – Umwelt

Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.

Artikel 2 – Digitale Selbstbestimmung

Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.

Artikel 3 – Künstliche Intelligenz

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

Artikel 4 – Wahrheit

Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.

Artikel 5 – Globalisierung

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.

Artikel 6 – Grundrechtsklage

Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.

Wir haben diesen Antrag hier mitunterzeichnet.

Dazugehörend das neue Buch von Ferdinand von Schirach.

Und dieser Brief des Autors und Initiators.

Persönliches zu Disziplin, Dummheit und Perspektiven

Das waren noch Zeiten, als der ‚discipulus‘ [lat. für Schüler, Lehrling] beim Lernen ‚diszipliniert‘ nach einer gewissen Ordnung sein Gehirn anstrengte. Damals üblich, und wer undiszipliniert auftrat, dem war ein Eintrag ins ‚Klassenbuch‘ o.ä. sicher. Gut, die Zeiten wandeln sich. Aber gleich so? Wer heute um Disziplin bittet, wird meist schräg angeschaut, es sei denn, man erwartet als Personal Trainer von seinem Schützling den letzten Willen beim Bodyshaping. Disziplin hat sich verlagert – vom Hirn zum Hintern.

Wer heute im Corona-Kontext die Erwartung äußert, dass die Leute einfach mal zu Hause bleiben, der darf sich eines Shitstorms sicher sein. Disziplin wird zum Kampfbegriff und da jeder Dödel heute trotz gegen Null gehender Primärkompetenz seinen Senf zu Allem hinzufügt, bleibt an sich nur eine Wahl: statt Disziplin dann eben Verbot. Top Down läuft das: Die Kanzlerin wünscht sich föderale Disziplin. Da ihr das Geschenk nicht bereitet wird, kommt – wahrscheinlich – eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes und damit das Verbot für manche Landesfürstenden zu Alleingängen.
Da die sich das nicht gefallen lassen, umgehen sie die Order von oben und spielen ihre Spielchen so, als würde es niemandem auffallen. Kleingeistig statt vorbildhaft.

Das Unschöne dabei ist, dass man dem ganzen Schauspiel in real time folgen kann und mittlerweile insbesondere die jungen Menschen eingedenk ihrer permanenten Onlinezeit und medialen Intelligenz schnell durchschauen, wer da wirklich authentisch handelt und wer da um seine Wirkung so sehr kämpft, dass seine Inszenierung durchsichtig wird. Und was ganz oben so läuft, geht im Tröpfelmodell dann bis in die unteren Gefilde der Gesellschaft weiter. Dem Internet sei Dank, dass jedes inszenierte zum Beispiel querdenkende Geblubber heute so schnell als Mist entlarvt wird, dass man sich kaum Sorgen machen muss, dass dessen Halbwertszeit länger besteht als ein paar Stunden. Dummheit wird also recht schnell entlarvt, und wir können uns sicher sein, dass uns unsere Spitzenleute im Kampf ums Kanzleramt noch so manche Dummheit bescheren werden. Das war früher auch so, nur wurde es nicht al dente und 24/7 präsentiert. Man darf gespannt sein, ob sich gar eine Mischung aus Dummheit und Disziplinlosigkeit zeigt – dann wird es ungemütlich und für den Kandidatenden vielleicht gar zum Ende seiner Karrierewünsche.

Wechseln wir die Szenerie und kommen in die Arbeitswelt. Wer hier um keine Primärkompetenz verfügt, dürfte es in absehbarer Zeit immer schwerer haben, ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen über die Runden zu kommen. Da es viele Menschen gibt, die keine besonderen Begabungen haben, aus denen sich ein finanzielles Auskommen ableiten lässt und zudem die Robotik ihren Beitrag leistet, dass nervtötende und-oder körperschädigende Arbeiten zumindest in Wirtschaftsunternehmen technologisch erledigt werden, stellt sich der darauf unvorbereiteten Gesellschaft an mehreren Fronten ein echtes Problem. Was machen wir mit der Talentfreiheit, Mangelintelligenz und Zukunftsnaivität so vieler Bürger [also derer, die nach Außen für das, wofür unser Land steht, ebenso bürgen wie der Rest]?  Aber ist es wirklich so schlimm. Leider wohl ja.

Als es dem Manchester Kapitalismus an den Kragen ging und er nach und nach in die soziale Marktwirtschaft transformiert wurde, lagen 150 Jahre Hölle hinter den Menschen. Lebenserwartung bei knapp über 30, Kinderarbeit, Ausbeutung, Minderlohn – das waren nur die Spitze der ‚Errungenschaften‘ der damaligen Zeit. Der Gesellschaft heute hingegen geht es im Vergleich zu jeglichen Epochen der Vergangenheit besser denn je. Nur, dass wir dafür Relikte aus der Vergangenheit erst noch zu tilgen haben. Der Beginn der Umweltzerstörung liegt gefühlt eine Ewigkeit zurück. Das penetrante Festhalten an einer Form von Bildung, die eine riesige Anzahl von Kindern und Jugendlichen geradewegs in die Zukunftsverblödung führt, hängt offenbar allzu oft mit dem Alter der Lehrkörper zusammen – Corona setzt dieser Situation nur noch ein Sahnehäufchen oben auf. Und der deutlich wahrnehmbare, immer stärker werdende Wegfall an Ästhetik an so vielen Stellen des täglichen Lebens mit der aus ihr resultierenden Verrohrung der Gesellschaft ist nur ein weiterer der Klagepunkte.

Worauf werden wir uns einzustellen haben? Schnelle Lösungen sind mit Demokratie unvereinbar, da sind Diktaturen flotter. Und die einzige Diktatur, die in unserer Gesellschaft derzeit eine Überlebenschance hat, ist die digitale. Angenehmer wird sie dadurch zu gestalten versucht, dass sich Digidiktatur und Ichoptimierung verheiraten. Dass jedem, der den Mund aufmacht, ein seiner individuellen Fasson entsprechendes Digi-Täubchen in den Mund fliegt. Und wer gelernt hat, sein Täubchen vom billigsten Anbieter liefern zu lassen, der leistet seinen persönlichen Beitrag zu Manchester II. Dann rödeln eben die Fahrrad-Arbeiter für diejenigen, die am cleversten ihrem Egoismus frönen. Solidarität und Sorge um Gemeinwohl? Fehlanzeige. Und wie hält man dagegen?

Durch das Training der Wahrnehmung von Pflichten. Wer, wenn nicht ich, ist genau jetzt in der Pflicht, so zu handeln, dass ein gesellschaftlicher – und sei es ein noch so kleiner – Mehrwert entsteht? Zu einer solchen Pflicht kann man politisch jedermann zwingen – wie früher einmal zur Wehrpflicht. Heute versucht man es mit Freiwilligkeit. Das freiwillige soziale Jahr beispielsweise ist ein solcher Versuch. Mit ca. 55.000 Freiwilligen jeweils in den letzten Jahren. Richtig gelesen, nicht 55.000.000 – sondern 55.000, also 0,065% der Gesellschaft. Und das bei einem medizinischen und materiellen Wohlstand, bei Freiheiten und Auswahlmöglichkeiten.

Die Attraktivität der Pflicht ist abhanden gekommen. Wer sich verpflichtet, der verzichtet auch. Das ist der Preis. Und Verzichts-Preise werden immer weniger gerne gezahlt. Insbesondere die, bei denen man nicht weiß, was für einen selbst später einmal herausspringt. Wie gesagt, 0,065% im Freiwilligendienst. Hätten wir nur 5%, das Land sähe anders aus.

Das alles erstaunt, ist doch der Mensch mit Geburt ein Wesen, das nach Sinn strebt. Und Sinnverwirklichung [nicht Selbstverwirklichung] ist ohne vorherlaufende Pflicht zur Sinnfindung nicht zu haben. Man darf gespannt sein, ob das Virus etwas Positives bewirkt, wenn es um das Training der individuellen Wahrnehmung von Sinnmöglichkeiten geht. Selbstbezügliches, egozentrisches Herausposaunen von aus den Fingern gesaugten Blödheiten gehört sicher nicht dazu. Nur gut, dass die meisten Menschen wenigstens darin noch einigermaßen geübt sind, die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch das Hoffen auf die Technik, die uns Menschen das Heilsversprechen der Zukunft gibt, führt in die Irre. Die Herren Bezos, Musk oder Branson werden sicher bald ihre All-Phantasien realisieren, und ich wünsche ihnen eine gesunde Rückkehr auf den Boden der Tatsachen. Denn ihr technischer Utopismus trifft zwar sicher den Zeitgeist und als Wegweiser für das Menschenmögliche sind ihre Projekte fraglos auch wichtig. Aber Mond und Mars sind schlicht kein robuster Gesellschaftsentwurf für die Aufgaben im Hier und Jetzt. Im Gegenteil, denkt man an die enormen Ressourcen, die diese Kindheitsträume verschlingen.

Der echte Zukunftsentwurf kann – so sehe ich es – nur von der Generation kommen, die diese Zukunft noch erleben wird und hoffentlich auch will. Daraus leite ich meine eigene Pflicht ab, mit meinen Möglichkeiten einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Jugend diese Zukunft nicht verfehlt.  Jugendliche gehen mit ihren Entwürfen in den gesellschaftlichen Konflikt, das ist wichtig und richtig. Wäre es anders, dann sollten wir uns alle die Kugel geben. Und ich vertraue der Jugend an, dass sie alles dafür tut, damit ihre Zukunft in der Gegenwart nicht untergeht. Das ist manchmal hart, holprig und laut, aber gerechtfertigt. Wo wären wir wohl sonst gelandet, denken wir an die Frauenbewegung, die Antiatomkraftbewegung, die Friedensbewegung, die Regenbogenbewegung usw. Wer heute im Alter noch seinem Pessimismus anhängt, dem ist kaum mehr zu helfen. Wir dürfen, finde ich, froh sein um unsere Jugend. Auch, wenn eine nicht gerade kleine Kohorte dabei ist, dank des Bildungssystems zu verblöden. Und auch dank dessen sich nur 10% der bis 20jährigen an der Gesellschaftsentwicklung, zum Beispiel in der FFF-Bewegung, aktiv beteiligen. Wenn sich dieser Prozentsatz nicht erhöht [denn Themen für die Jugend gibt es zuhauf], dann gute Nacht. Es müssen mehr werden, dann wir brauchen als Gesamtgesellschaft die deutliche Verbesserung der menschlichen Beziehungen untereinander und nicht ’nur‘ die besten neuen technischen Errungenschaften.

Wer ein gelingendes Leben lebt, der lebt gelingende Beziehungen. Wer diese will, kann letzten Ende niemals nur an sich und sein eigenes Wohlergehen denken. Eine solche Perspektive muss weiter reichen, und um so besser, wenn diese Perspektive bei denen nicht Halt macht, die sich für unsere nahe und ihre etwas fernere Zukunft einsetzen: die Jugendlichen. Wer also außer seinem täglichen Genörgel-Palaver partout nichts beitragen will, damit es gesellschaftlich vorangeht, dem sei geraten: Einfach mal die Klappe halten und aus dem Weg gehen.

Ihr hochspannendes Buch „Coaching des Todes“ ist ein wirklich wertvoller Impuls. Hervorragend, auch die Weite, mit der Sie das Thema angehen. Danke!
Prof. Dr. Alexander Batthyány

Institut für Philosophie, Universität Wien
Direktor des Forschungsinstituts für Theoretische Psychologie und
Personalistische Studien an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität, Budapest
Leiter des Viktor Frankl-Instituts in Wien

Neue Buchrezension zum ‚Coaching des Todes‘

So wichtig Prozesshaftigkeit, Lösungs- und Zielorientierung im Coaching sind, mit der Metapher „auf den Punkt kommen“ – so der Untertitel des Buches – wird mit der Publikation „Coaching des Todes“ ein innovativer Ansatz für die Begleitung existenzieller Situationen im Leben gewählt. Es mag auf den ersten Blick verwundern, weshalb das Buch nicht beispielhaft als „Sterbecoaching“ überschrieben ist. Allerdings spiegelt genau dies die spezielle Fokussierung auf Existenziale – und damit letztlich auf den Tod. Denn, wie jeder Seelsorger und Sterbebegleiter weiß, ist auch Sterben ein Prozess – ähnlich wie die allermeisten Begleitungen im Coaching –, der Tod indes ist dessen Endpunkt. Dieser Radikalität stellt sich „Coaching des Todes“, konsequent zu seinem Titel – und nicht zuletzt seinem durchweg (schwarzen) Einband.

In 43 einzelnen Kapiteln wird Schlieper-Damrichs Auseinandersetzung mit dem Thema Tod entfaltet, wobei man dem Buch durchgängig die Ausbildung und Erfahrung des Autors in den Coaching-Feldern Werte, Sinn und Krisen anmerkt. Wichtige und wiederkehrende Aspekte sind: Wertfülle, existenzielle Erfahrungen, Lebenssinn und Verantwortung. Der Augsburger Coach, Therapeut und Autor greift in seinen Fragestellungen und Reflexionen nicht nur – aber immer wieder – auf das Sinnkonzept und die Logotherapie von Viktor Frankl zurück, sondern verdichtet seine Betrachtungen mehrperspektivisch aus verschiedenen wissenschaftlichen Linien sowie aufgrund eigener Coachingprozesse und v.a. auch persönlicher Erfahrungen. Auf der Ebene des interdisziplinären Zugangs wird neben dem profunden Wissen des Autors auch die breite Unterstützung durch Expert*innen verschiedener Fachdisziplinen – der Logotherapie und Medizin, der Philosophie und Physik sowie dem Werte- wie Krisencoaching – durchweg deutlich. Die immer wieder eingeflochtenen Fallbeispiele, Aphorismen sowie Impulse zur Reflexion spiegeln die Erfahrungsdichte des Lebensthemas Tod. Die Reflexionstiefe, mit der sich der Autor dieses „Themas“ stellt, scheint nicht nur ein persönliches Interesse von Schlieper-Damrich zu sein, sondern wirkt zutiefst authentisch.

Wer Menschen auf dem Weg zum – physischen – Tod begleiten darf, der kennt das Phänomen einer nicht beschreibbaren letzten Klarheit: Da fällt kein Wort zu viel. Da stimmt der Ton. Da sind Botschaft und Sinn eindeutig. Diese Geist-Leib-Seele-Fokussierung im Angesicht des nahenden Todes steht aber sonstigen, üblichen Coaching-Aspekten diametral gegenüber: Wo Erfolg an erster Stelle steht, geht es hier um Werte. Wo Effizienz als oberstes Prinzip genannt wird, lauten die Ziele hier die Erfahrung und das Wiederfinden von Sinn. Schlieper-Damrich vermag es, ohne Betroffenheitspädagogik, hier und da sogar mit einem Hauch von Leichtigkeit bis hin zu einer Prise Humor für ein Thema zu öffnen, das in unserer Gesellschaft ansonsten ein emotionalisiertes und/oder mit Angst besetztes und verdrängtes Minenfeld ist. Leitend scheint das Interesse an einer Kompetenz zu sein, den Tod buchstäblich ins Wort zu nehmen, um so „auf den Punkt zu kommen“ – so der Untertitel. Damit kommt dem Tod – erstaunlicherweise nicht direkt so formuliert, aber unterschwellig auf der Haltungsebene deutlich – kein „Aus“ zu, sondern es bleibt eine Energie, die vom handelnden Subjekt Mensch zu verantworten ist. Und genau diese Visualisierung passt sich auf dem Cover auch in das sonstige Schwarz des Buches ein. Mit dem abschließenden Kapitel „Ja, aber“ – als Kontrapost aus der bis dahin durchlaufenden Nummerierung herausgenommen – und den drei folgenden Arbeitsblättern mit den Themen: „Die Brückenentscheidung“, „Der existenzielle Abschied“ und „Der Eigenauftrag“ mündet das Buch in ganz praktischen Anleitungen für ein Coaching des Todes. Zahlreiche Illustrationen unterstützen bis dahin die Leserfreundlichkeit dieser über 400-seitigen Monografie.

Nicht nur für Coaches, Berater und Therapeuten bietet „Coaching des Todes“ einen breiten Einblick in ein (zu) oft gemiedenes Thema. Auch Philosophen und Theologen dürfen dankbar sein, dass sich ein Kaufmann der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre auf dieses Terrain vorwagt. Dadurch wirkt seine Auseinandersetzung nicht „ideologisch“ vorbelastet. Sondern sie gewinnt Klarheit und kann dadurch immer wieder „auf den Punkt“ kommen, weil sie das Abschiednehmen und Erfahren von Sinn auf voraufgehenden, tieferliegenden Werteebenen gründet. Der Ansatz ist daher auch gänzlich frei von weltanschaulichen Glaubensinhalten, sodass das hier vorgestellte Konzept für eine kulturell und religiös plurale Gesellschaft eine wichtige Grundlage darstellt. Eine diesbezügliche Rezeption ist „Coaching des Todes“ zu wünschen!

Fazit: Sterben und Tod sind in der westlichen Gesellschaft an Spezialisten delegiert worden. Damit ist das Thema nicht nur aus dem Alltag verdrängt worden, sondern in gewisser Weise auch ein Tabu. Die Corona-Pandemie hat wieder daran erinnert, dass der Tod zum Leben – und zum Beruf – gehört. Sie hat schmerzhaft in die Komfortzone eingegriffen und verdeutlicht, dass es auch im Leben und Beruf kleine und größere Tode gibt. Diese Tode lassen sich zwar für gewisse Zeit verdrängen, man muss sich ihnen aber stellen, um zur Klarheit zu gelangen und Sinn zu erfahren. Für die Begleitung dieses letzten Schrittes, „auf den Punkt zu kommen“, ist „Coaching des Todes“ eine sehr wertvolle Lektüre – gleichermaßen für die Bereiche Personal und Business Coaching. Als gut erweiterbar kann der Ansatz auch insbesondere für das Feld des Exit-Coachings und der Exit-Strategien empfohlen werden!

Zitat: „Ist eine Person auf den Punkt gekommen, so bringt sie damit zum Ausdruck, im Einklang zu stehen mit dem Wert, den sie frei verwirklichen will und mit dem sie sich verantwortlich auf einen Sinnanlass ausrichtet.“ (S. 150)

Dr. Thomas Hanstein