Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl

Schlussgedanken eines Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitenden Coachs

Irgendwie war Sinn ja schon immer ein Thema, aber seit der in den Topmanagement-Etagen bekannte Berater Fredmund Malik von der Universität St.Gallen den Unternehmerinnen und Unternehmern zurief, dass Frankl den aus seiner Sicht wichtigsten Beitrag zur Diskussion um die Motivation des Menschen geleistet habe, nahm Sinn auch dort Fahrt auf. Leider jedoch oft genug falsch verstanden oder interpretiert.

Natürlich muss erwähnt werden, dass sich im Kontext der Frage, was zu einem gelingenden Leben eines Menschen beiträgt, ganze Heerscharen von Autoren geäußert haben. Alle haben mitgeholfen, Sinn durch die Verknüpfung mit anderen Themenfeldern wie beispielsweise Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung, Führung, Alter, Glaube, Krise oder Krankheit zu einem ‚big point‘ zu machen. Naheliegend, dass diese Entwicklung auch die Wissenschaft auf den Plan rief.

Aus der ‚empirischen Sinnforschung‘, deren Ziel in der Regel darin besteht, fruchtbare Ansätze für die psychotherapeutische, psychiatrische und psychoedukative Arbeit zu liefern, finden sich heute eine Fülle von Studien, die die Bedeutung des Sinns für das Wohlergehen, die Lebensgestaltung, die Zufriedenheit oder das Glück hervorheben oder auf Wege zur Integration von Sinn in therapeutische, pädagogische oder dialogische Prozesse hinweisen.

Wer sich tiefergehend mit diesen Ansätzen befasst, dem kann auffallen, dass die Person häufig übersehen oder unerwähnt bleibt, die Sinn nicht lediglich als eine etwas erklärende Variable menschlichen Daseins diskutierte, sondern ihn vielmehr als das Zentrum der Wesenhaftigkeit des Menschen hervorhob: Viktor Frankl.

Jeder Mensch hat stets einen konkreten, individuellen Lebenssinn

Wie geht das zusammen? Frankl, dessen ‚Trotzdem ja zum Leben sagen‘ [‚Man‘s search for meaning‘] bis heute bereits eine millionenfache Leserschaft fand und Frankl, dessen Erbe die Wissenschaft so zaghaft aufgreift – irgendetwas Spannendes scheint sich zwischen diesen beiden Welten abzuspielen. Vielleicht sind es Irrtümer?

Der Irrtum vielleicht, dass unter sinnvollen Tätigkeiten oder Handlungen reflexartig etwas Altruistisches, Karitatives, Ästhetisches, Pflegendes, Lehrendes, Kulturelles oder Empathisches verstanden wird? Verstärkt vielleicht noch um die Annahme, dass solche Tätigkeiten dann als Sinn in Erwägung gezogen werden, wenn andere zum Beispiel durch Krankheit oder Krise nicht mehr aufrechterhalten werden können?

Oder der Irrtum, dass man sich Sinn machen könne? Dieser Irrtum hält sich hartnäckig und muss aufrechterhalten werden, will man das, was man Sinn nennt, empirisch messen. Geht man davon aus, dass sich Menschen einzig mit Zielen, selbstgesetzten Aufgaben, Interessen, Eigenaufträgen oder Selbstverpflichtungen ihr Leben sinnerfüllt gestalten, dann freilich lässt sich messen, auf Basis welcher psychophysischen Verfassung sie dies tun.

Oder der Irrtum, Sinn sei gleichzusetzen mit kognitiver Bedeutungszuweisung, emotionaler Bewertung oder gar mit Zweck. Dass uns bereits Buchtitel den von Frankl angeregten Zugang zum Sinn erschweren, zeigt bereits der Begriff ‚meaning‘ im oben bereits genannten Bestseller. Übersetzt man ihn mit ‚Bedeutung‘, so kann er dann, wenn man ihn mit ‚ich messe etwas Bedeutung bei, ich verleihe etwas Bedeutung‘ mentalisiert, als aktiver kognitiver Prozess verstanden werden. So interpretiert, macht sich der Denkende seinen Sinn. Andersherum jedoch wird erst der sinntheoretische Schuh daraus: Es gibt jederzeit in der Welt eines Menschen, in seinem Möglichkeitsraum, ein verfügbares ‚Bedeutendes‘ – einen Sinn. Ihn gilt es zu suchen, zu finden und im Moment des Gefundenwerdens erkennt die Person die Bedeutung, die das Sinnvolle für sie hat.

Diese Anmerkungen sollen zu erkennen geben, dass Viktor Frankl mit der von ihm vorgestellten ältesten und in ihrer Ausformulierung einzigen Theorie des Sinns, nicht nur die phänomenologische Perspektive eines praktizierenden Arztes, Psychiaters und Psychotherapeuten einnimmt, sondern diese auch in einen umfassenden philosophischen Begründungszusammenhang verweist. Mit heutiger ausdifferenzierter wissenschaftlicher Sichtweise mag es nahezu als unmöglich erscheinen, sowohl eine angewandte Philosophie als auch eine angewandte Psychologie zu vertreten und, damit nicht genug, beide mit einer theoretischen Basis und einem ausformulierten Menschenbild quasi aus einer Hand zu einem ganzheitlichen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis zu führen.

Ob Frankl dieses Gesamtkunstwerk gelang, entscheidet sich letztlich immer im Auge des Betrachters und dessen Bereitschaft, sich sein Bild vor dem Hintergrund eines Mannes zu machen, der sich zuallererst um die Pflege der Seele von Menschen in Krisen einsetzte und dabei erkannte, dass bei dieser Arbeit sich jedwede Reduktion des Menschen verbietet.

Frankls philosophisch-argumentatives Vorgehen ruht in der Tradition phänomenologischen und existenzphilosophischen Gedankenguts. Das allein reicht bisweilen bereits hartgesottenen Konstruktivisten oder Anhängern der Idee eines von einem freien Willen abgekoppelten Menschen aufgrund der postulierten neurobiologischen Vormachtstellung des Gehirns, um sich eines Diskurses mit Frankl zu entsagen.

Dem gegenüber könnte man nun die zahlreichen Wirkungsbelege der auf Frankls Theorie aufbauenden sinnzentrierten Psychotherapie heranziehen, um deren gegebenen Stellenwert in die Waagschale zu werfen. Wer sich für diesen Kontext interessiert, dem sei dieses Übersichtswerk empfohlen.

Viktor Frankl war Professor für Psychiatrie und mehr noch, ein Wissenschaftler und Praktiker im Grenzgebiet zwischen Psychiatrie, Philosophie und Psychotherapie. Worum es der Psychologie inhaltlich geht, haben die Seelenkundler Platon, Aristoteles, deutlich später dann Avicenna und andere in ihren Schriften zum Ausdruck gebracht. Aber als wissenschaftliche Disziplin schauen wir doch kaum mehr als in eine 120jährige Geschichte. Sigmund Freud fällt jedem ein, weniger bekannt sind da schon die Namen der Begründer der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt in Deutschland und William James in den USA. Eine der Kernfragen der Psychologie und der Psychotherapie war und ist: Was treibt den Menschen an? Und im Kontext der ‚psychotherapía‘, der Pflege der Seele: Was treibt den Menschen an, dessen Dasein brüchig geworden ist?

Was ist das Grundstreben des Menschen? Diese Frage ist so schwer zu beantworten, dass sich über sie sogar drei sogenannte Wiener Schulen der Psychotherapie entwickelten. Die erste Schule, die Psychoanalyse, sieht den Menschen als nach Lust strebend an. Die zweite, die Individualpsychologie, sieht ihn als nach Macht strebendes Wesen und die dritte, die Existenzanalyse mit der auf ihr operativ fußenden Logotherapie, stellt das nach Sinn strebende Wesen ihrem Menschenbild voran.

Wenn die Psychologie heute beschreibt, wohin es den Menschen zieht, was er will, dann beschreibt sie ihn nicht nur deskriptiv, sondern sie schreibt ihm in gewisser Hinsicht immer auch etwas vor. Präskriptiv beschreibt sie, wie er leben soll, so dass sein Leben gelingt. Dies geht sogar zuweilen soweit, dass sich in den Träumen des Patienten dessen momentane Therapiesituation widerspiegelt. So träumen Patienten, die sich in einer jungianisch geprägten Therapie befinden, phantasievoller und bunter als Patienten in den anderen Therapierichtungen – dies verwundert nicht, ist diese Richtung mit ihrer Arbeit rund um Archetypen und Mythen doch ein Wesensmerkmal dieser Therapie.

Und schaut man in die Peripherie, auf den wachsenden Berg der Lebenshilfe-Bücher, die vorgeben wollen, was der Mensch zu tun hat, damit es ihm gut gehen kann, dann sehen wir Masterpläne, Handlungstipps, Methoden der Selbstreflexion und Einladungen zu Trainings aller Art. Alle gemeinsam bedienen sie einen Wunsch nach schneller Hilfe, Ordnung im Leben und Expertenmeinung.

Jedoch, die Grundstrebung des Menschen herauszuarbeiten, ist nicht gerade ein anspruchsloses methodisches Problem. Der Idee, das, was einen Menschen in Motivation versetzt, theoretisch zu fassen, liegt per se ein Menschenbild zugrunde. Weder die Erziehung, die Pädagogik, die Menschenführung, die Seelsorge, die Therapie, das Coaching und andere Arbeitsfelder, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, kommen ohne Menschenbild aus. Menschenbilder sagen etwas darüber aus, wie der Mensch interagiert, wofür er zwei freie Hände hat und darüber, dass es eine grundlegende Beziehung zwischen ihm und Welt gibt, durch die das, was der Mensch in seinem Dasein möchte auch zurückwirkt in die Welt.

Das Problem der jungen Wissenschaft Psychologie besteht nun darin, dass die meisten ihrer prominenten Vertreter einer Versuchung unterliegen, der irgendwann vielleicht jeder in seinem Fach einmal unterliegt. Der Versuchung, einen Teilbefund zum Gesamtbefund zu erheben. So war es im Kontext der Freud’schen Lehre vorstellbar, dass einfache Algorithmen wie zum Beispiel der, dass der Mensch luststrebig ist und das Realitätsprinzip diesem Streben einen Strich durch die Rechnung macht, übertragen werden konnte auf alle Bereiche der Menschheitsgeschichte [die Aufsätze Freuds dazu sind beredtes Beispiel für diese Algorithmuslust]. Da jeglichem menschlichen Wollen ein psychischer Prozess zugrunde liegt, kann jedes durch Wollen Entstandene psychoanalysiert werden – im Kontext der Psychoanalyse eben dahingehend, in welchem Maße die Luststrebigkeit, der Einfluss der Libido, den Wollensprozess steuerte.

Wird nun der Algorithmus zum Prinzip erhoben, dann ist der Mensch nicht bloß luststrebig, sondern er ist es primär, er ist nichts anderes als das. Diese prinzipiellen Algorithmen finden sich in allen Schulen, die den Menschen letztlich reduzieren auf sich selbst. So finden wir einen solchen auch in der Individualpsychologie, in der Jung’schen analytischen Psychologie und auch in der Verhaltenstherapie, die dem Algorithmus folgt, individuelles Handeln käme dadurch zustande, dass es oft genug belohnt und dadurch verstärkt wurde. Der Mensch sei daher nichts anderes als ein Wesen, das durch seine Umwelt geprägt wird und nichts anderes als das Resultat seiner Lerngeschichte.

Ein biologistischer Ansatz sieht den Menschen motiviert durch die endorphinösen Belohnungsprozesse der Amygdala. Der Mensch tut so letztlich das, was ihm mittels angenehm empfundener Stimuli von seinem Gehirn vorgegeben wird. Breite neurowissenschaftliche Diskussionen können so am Ende streng vereinfacht auf den Satz verkürzt werden: Der Mensch ist nichts anderes als sein neuronales Substrat.

Alle diese Perspektiven beschreiben etwas am Menschen, aber sie beschreiben eben auch den Menschen als Etwas. Als ein Etwas, das durch die Libido gesteuert wird oder ein Etwas, das bestrebt ist, ein empfundenes Minderwertigkeitsempfinden auszugleichen mit einer ihm angeborenen Suche nach Geltung und Macht. Oder als ein Etwas, das nach Anerkennung strebt und dafür ein Verhalten erlernt, um den Erwartungen seines Umfeldes zu entsprechen. Kommt es zu den erhofften Belohnungen, verankert sich die Lernerfahrung als innere Stimme eines Eltern-Ichs, die dem Etwas vorgaukelt, das Beibehalten des Verhaltens würde auch weitere Anerkennung sichern.

Diese und viele weitere Denkschulen, die das Bild vom Menschen in den Jahren seit Freud stark beeinflusst haben, führen dazu, dass das Subjekt an die Stelle des Objekts gesetzt wird, dass darum mehr in den Fokus rückt, wie es dem Menschen psychisch geht [Zustand] als um die Frage, worum [Gegenstand] es ihm in seinem Leben geht. Der Philosoph Max Scheler unterscheidet an dieser Stelle zuständliche und gegenständliche Gefühle. Zuständliche Gefühle sind vollständig, wenn man sie erlebt. Aggression ist ein solches in sich vollständiges Gefühl. Hass jedoch ist ein gegenständliches Gefühl, es bedingt ein Etwas oder ein Jemand, auf das er gerichtet ist. Freude ist ein vollständiges, zuständliches Gefühl, Dankbarkeit bedingt wiederum einen Gegenstand, also zum Beispiel gegenüber einer Person, die einen Grund dafür bot, in einer Situation Glück zu erleben. Auch zwischen Trauer [einem gegenständlichen Gefühl, das einen Verlust eines Wertes zum Ausdruck bringt], Traurigkeit [als schnell aufkommendes und ebenso schnell verschwindendes, zuständliches Gefühl] und Depression [anhaltende negative Grundstimmung] verwischen die sprachlichen Grenzen immer wieder und machen die Exploration dessen, was in Therapie oder Coaching zur Bearbeitung ansteht nicht gerade leichter.

In der Schule fragt die Lehrerin, was ein Trauerfall ist. Hans: „Wenn ich mein Handy verliere!“ „Nein“ sagt die Lehrerin, „das nennt man einen Verlust!“ Franz: „Wenn ein Loch in unserm Dach ist, und es hereinregnet!“ „Nein“ sagt die Lehrerin wieder, „das nennt man einen Schaden!“ Chantal: „Wenn unser Direktor sterben würde!“ „Richtig“ sagt die Lehrerin, „das wäre ein Trauerfall, aber kein Schaden und kein Verlust!“

In einer holländischen Forschungsreihe hat sich gezeigt, dass zum Beispiel in Bewerbungssituationen ein gewisses Selbstwertgefühl vorteilhaft ist und, wie wohlbekannt, unterstützen viele Ratgeber und Coachs ihre Klienten eben darin, sich zum Beispiel mit positiven Affirmationen, sich selbst gegenüber freundlichen Ritualen und Sätzen usw. ein solch positives Selbstwertgefühl einzureden.

Im genannten Forschungsprojekt wurden nun die Probanden gebeten, sich zehn Minuten lang alle erdenklichen positiven Eigenschaften zuzuschreiben. Und in der Tat: Zwanzig Minuten nach dieser Übung konnte ein deutlich stärkeres Selbstwertgefühl nachgewiesen werden, um jedoch bereits wenige Minuten später abrupt nachzulassen und sogar unter das vor der Übung gemessene Level zu fallen. Der Grund für das Phänomen wurde schnell gefunden. In der ersten Phase setzen Trancezustände ein, die das positive Gefühl bewirken und in der zweiten Phase schaltet sich förmlich der Rest des Menschen ein, indem das quasi aufgeladene Selbstbild verglichen wird mit dem eigentlichen. Die hierbei auftretende Diskrepanz verunsichert, mit der Folge der Abwertung der eigenen Person.

Was man beim Einsatz von Drogen [Auslöser zuständlicher Gefühle] erhält, ist eine Belohnung als ob – nur, dass es das ob nicht gibt. Die Ausrichtung auf das Zuständliche, die sich im Kern als offensichtlich hedonistische Lebenshaltung erweist, findet sich oft bei Menschen mit neurotischen Persönlichkeitsakzentuierungen. Wenn es letztlich für solche Menschen nur um das Zuständliche geht, um das, wie es einem selbst geht, und wenn gleichermaßen das Objekt aus den Augen verloren wird, dann wird der Mensch abhängig von seinen volatilen Gefühlen. Hieraus lässt sich schließen: ein Ich, das sich in bloße Abhängigkeit von Empfindungen und den von ihnen ausgehenden Gefühlen ergibt, wähnt sich frei, macht sich jedoch abhängig davon, wie andere Menschen auf es einwirken und von inneren Zuständen, gegen die dann zum Beispiel mit Süchten aller Art versucht wird, gegenzusteuern.

Wenn nun ein Mensch sich abhängig macht von seinen egozentrierten, zuständlichen Gefühlen, dann wird nachvollziehbar, warum er so oft danach strebt, dass es ihm gut geht – also zum Beispiel durch Glück, Selbstwert, Lachen, Erfolg, Zufriedenheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Entspannung, Freude. Nur, hier stellt sich die Frage: Kann dies auf direktem Weg intendiert werden? Die Antwort ist so einfach, aber doch für viele Menschen so schwer zu akzeptieren: Alles, was den Menschen seelisch bereichert, lässt sich nicht direkt anstreben – vielmehr: es braucht einen guten Grund, von dem es getragen wird.

‚Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon‘, wusste Frankl. Wäre es nicht so und damit eine einfache Sache mit dem Glück – eine Disziplin wie die der Psychotherapie und womöglich auch die des Coachings wäre obsolet.

Ein guter Grund wird in der Sinnlehre Frankls auch Sinnobjekt genannt. Menschen, die sich zumeist auf die Verbesserung ihrer zuständlichen Gefühle ausrichten, vermögen oftmals nicht zu erkennen, was um sie herum konkret auf ihre Handlungen förmlich wartet. Anstatt durch ihr Handeln etwas in die Welt zu schaffen, was in der Folge etwas bewirkt, das ihnen gut tut, schaffen sie letztlich nur etwas aus der Welt, nämlich ihr Problem, sich mit dem befassen zu müssen, wofür es an sich gut wäre, sich einzusetzen. Dabei geht es nicht darum, dass ein Mensch sich überfordert. Vielmehr soll der Mensch lernen, seine beliebten Abkürzungen zu erkennen und in Frage zu stellen. Abkürzungen, zum Beispiel in Form von Vorstellungen, Vorurteilen oder inneren Wahrscheinlichkeitsrechnungen darüber, was man wohl in einer Situation erwarten wird, obwohl man selbst über keinerlei Ersterfahrung in diesem Kontext verfügt. Oder die Abkürzung über Glaubensannahmen, warum man wohl aus diesen oder jenen Gründen nicht geeignet sei, wenngleich man bislang keinerlei Erprobung vorgenommen hat. Die im Coaching vermutlich am häufigsten gehörte Abkürzung dürfte das ‚ja, aber‘ sein. Kurzfristig mag ein Mensch sich sogar gut fühlen, wenn sein ‚ja, aber…‘ fruchtet.

Hört der Klient letztlich auf seine innere Stimme, die ihm sagt, dass es trotz der psychischen ‚ja, aber‘-Abwehr etwas gibt, das ‚wenn nicht von mir, von wem denn dann‘ in die Welt geschafft gehört, dann wirkt dies dem Empfinden von Sinnverlust entgegen und verweist auch auf ein neues Gefühl. Aus einem ‚ich fühle mich gut‘ wird ein ‚ich fühle mich gut, um…‘. Und Frankl bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Das Bewusstsein, einer Aufgabe zu dienen, hat eine lebensverlängernde und krankheitsverhütende Wirkung“.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfreuendes, gesundes und nach vorne gerichtetes Neues Jahr.

Die dritte Dimension

Rudolf Virchow, der berühmte Charité-Arzt, meinte einst, er habe zwar an die tausend Leichen seziert, aber nie eine Seele gefunden. Aber das ist nicht alles. Denn würde ein Arzt auf die Suche gehen, er würde auch nicht den Geist finden. Und doch, wenn ein Arzt einer Körpererkrankung auf die Spur kommt, dann empfiehlt sich stets, auch die psychische Verfassung des Menschen in Augenschein zu nehmen. Denn wir wissen um den psycho-physischen Parallelismus, wir wissen um das Körperliche, das leidet, weil es dem Psychischen an etwas mangelt. Und wir wissen um Psychisches, das leidet, weil der Körper um Hilfe schreit.

Psycho-Somatik und Soma-Psychie – beide Perspektiven greifen ineinander und man ist immer schlau beraten, anzuerkennen, dass Psychisches die Physis belebt, und der Körper dem Psychischen, dem Empfinden, Denken, Fühlen und Handeln die Energie verleiht. Wenn Körper und Psyche parallel Bedarf an Linderung anmelden oder – was allemal ein Königsweg ist – die Person für beide ein Präventionsprogramm auflegt, dann kommt die dritte Dimension, das Geistige, ins Spiel. Das Geistige ist die Straße hin zu Sinn. Mit dem Geistigen empfängt die Person die Fragen, die das Leben und die Lebenswelt der Person stellt. Lebensweltfragen gibt es zu jeder Zeit, um sie zu hören, braucht es Weltoffenheit – insbesondere dann, wenn Körper und Psyche der Person in Situationen existenzieller Abschiede vermitteln, es gäbe keinen Sinn mehr.

Dieses Gefühl der Sinnleere ist menschlich und bekannt – für die Logotherapie ist es das Thema an sich, weist das Gefühl doch auf das tief im Menschen verwurzelte Wissen hin, dass es einerseits ‚Sinn‘ [nicht den Sinn und nicht den einen Sinn] gibt und andererseits, dass jederzeit dem Menschen aufgegeben ist, jederzeit vorhandenen Sinn zu finden. Vor diese Aufgabe gestellt hat der Mensch nun zwei Möglichkeiten. Entweder, er gibt sich auf und nimmt die Aufgabe nicht an. Oder er nimmt sie an und gibt sich hin. Viktor Frankl: ‚Jeder Mensch hat Bedingungen. Aber er ist stets frei und verantwortlich, sich ihnen so oder so zu stellen‘. So [psychophysisch] oder so [geistig]. Sie haben die Wahl.

„Gewissenskonflikte gibt es in Wirklichkeit nicht, denn, was einem das Gewissen sagt, ist eindeutig. Der Konfliktcharakter wohnt vielmehr den Werten inne.”

Viktor E. Frankl

Bluff

Der Roman der Dänin Janne Teller ist schon ein paar Jahre alt und doch aktueller denn je. Viele junge Leute fragen sich im Schatten von Corona, welchen Sinn das Dasein eigentlich noch hat. Sich derart verloren zu fühlen, ‚da zu sein‘ und sich doch mit dem Absurden der Welt nur widerwillig auseinander setzen zu wollen, ist ein seelischer Zustand, dem wir in der Psychotherapie nur allzu häufig begegnen. Kierkegaard, der große dänische Existenzialist und Kenner der Angst, hat schon im 19. Jahrhundert diesen Schmerz beschrieben und philosophisch verarbeitet.

Wenn ein Mensch, wie der Protagonist in Tellers Roman, sich sicher ist, dass das Leben schlicht zu nichts nützt, kein Hahn so wirklich danach kräht, ob es einen gibt oder nicht, wenn aller Sinn reine Illusion und Spekulation ist, schlicht ein Bluff, dann muss man sich irgendwann einmal die Augen reiben, hinschauen und verzweifeln. Oder, wenn man diese Kurve noch einmal kriegen will, dann entscheidet man sich für Gott, wenn man glauben kann, ihm die eigene Existenz zu verdanken. Wenn aber auch das nicht so richtig funzt, dann hilft nur die Idee, dass alles einfach nur ein kosmischer Witz des Zufalls ist. Und über Witze lacht man, so wie man es auch an einigen Stellen im Roman ‚Nichts‘ tun kann. Wer sich philosophisch auf den Roman vorbereiten will, der sei eingeladen, zuerst Kierkegaard, Sartre und Camus zu verdauen und nach dem Roman einen Blick in die Bücher von Viktor Frankl zu werfen. Vielleicht kommt einem da eine andere Form der Besinnung, die einen unabhängiger macht von Angst, Gott oder dem Verlachen der Welt.  

Individuelle Digikrise

2012 betrug der tägliche digitale Fußabdruck eines Menschen, selbst derer, die gar nicht online waren, um die 500 Megabyte. In 2025, schätzt der Economist, dass der tägliche Fuß bereits 62 Gigabyte betragen wird.

Was Michal Kosinski hier in einer Google-Konferenz darstellte, meint das immer feiner werdende psychometrische Abbild des Individuums im Web. Dass jede Nutzung eines digitalen Endgerätes die virtuelle Textur eines solchen Abbildes verbessert, ist vielen Menschen durchaus bewusst. Auch, dass all diese Daten ausgeschlachtet werden – längst nicht mehr nur für Werbung für Sahnetorten, sondern auch für politische Wahlen, das Abtasten möglicher Widerstände gegen Großinvestitionen oder für die Prognose menschlicher Verhaltensmuster in Krisen. Das alles vermag die Statistik von Big Data. Sie können Avatare erzeugen, kriminelle Energien bei einzelnen Menschen herausmessen oder Personalentscheidungen bei Auswahlprozessen beeinflussen. Wie meist spannt sich der Diskurs über diese Entwicklungen auf zwischen Chance und Risiko, zwischen Staunen und Ablehnung, zwischen Whow und oh weh.

Sieht man einmal von der erforderlichen gesellschaftlichen Debatte über die Grenzen von KI, Digitalität und Virtualität ab, so stellt sich individuell die Frage, in welchem Maße man meint sich vor dem Einfluss des Big Brother schützen zu müssen. Diese Frage oszilliert je nach persönlichem Wertesystem, beruflichem Hintergrund, technologischem Knowhow und dem Grad der Grundgelassenheit. Verliert eine Person diese tiefe Gefühl der Gelassenheit, so können Angst, eine eher paranoide Wahrnehmung der Umwelt, zwanghaftes Bemühen um Sicherung der eigenen Datenhoheit oder – bei hoher IT-Affinität – überwertige Ideen im Kontext der Abwehr potenzieller Datenabgriffe oder Firewallentwicklungen stehen. In der weiteren Steigerung erleben wir im therapeutischen Feld individuelle Fehlentwicklungen in Richtung sozialer Isolierung und Zusammenbruch von Partnerschaften bei einseitiger Fokussierung auf potenzielle Gefahren durch Beobachtung und Datenauslesung sowie der Folge zuweilen stark depressiver Episoden. Hilfreich ist in einem solchen Zusammenhang eine verhaltenstherapeutische Begleitung zur Wiederherstellung eines lebensdienlichen Ausgleichs zwischen Vorsicht und Leichtigkeit – je nach Dauer, Schweregrad dieser psychischen Beeinträchtigung und der systemischen Auswirkungen auf mittelbar betroffene Personen im familiären, beruflichen und freundschaftlichen Bereich kann eine solche Begleitung sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

„Das Leiden macht den Menschen hellsichtig für das Wesentliche und die Welt durchsichtig auf ihre Werthaftigkeit.“

Viktor E. Frankl

Charakterperspektiven

Ein weites Arbeitsfeld im Kontext psychotherapeutischer Menschenbilder besteht in der Theorie der Entwicklung von Charakter. Dabei lag vor hundert Jahren der Schwerpunkt darauf, pathologische Charakterzüge ausfindig zu machen und zu beschreiben. So schrieb einst Wilhelm Reich, zum ‚phallisch-narzisstischen Charakter gehören fast alle Formen der männlichen und weiblichen Homosexualität, Paranoia und die verwandten Formen der Schizophrenie sowie manifest sadis­tisch-perverse Männer‘. Was heute in diesem Kontext längst wissenschaftlich überwunden ist, hatte seinerzeit gesellschaftliches Spaltungs- und therapeutisches Selbstüberschätzungspotenzial.

Heute sind dank der Einflüsse insbesondere der Verfahren der Humanistischen Psychologie Therapeuten weniger analysierend und deu­tend unterwegs, sondern mehr und mehr ganzheitlicher und empathischer in ihrer Rollenausübung. Dies wiederum hat Auswirkungen darauf, wie ein Therapeut auf das Charakteristische einer Person schaut, die über ihre psychischen Belastungen berichtet.

Eine Perspektive besteht dabei darin, das ‚Warum‘ eines Charakterstils zu beantworten. Der amerikanische Psychologe Daniel Stern zum Beispiel sieht im Charakter eine Art Bewältigungsstrategie für den Umgang mit Mängeln der Bedürfnisbefriedigung. In der körpertherapeutischen Arbeit, zum Beispiel nach dem tiefenpsychologischen Konzept des Hakomi, entspricht der Charakter einem äußerlich beständigen und innerlich dynamischen Persönlichkeitsgebäude, das über den Körper die Steuerung anzeigt, mit der ein Mensch Belastungssituationen, insbesondere aber die jeden Menschen konfrontierenden Grundthemen, verarbeitet. Für das Hakomi-Konzept sind dies die Themen Abhängigkeit, Sicherheit, Authentizität, Wert und Sicherheit. Beim Thema ‚Sicherheit‘ beispielsweise wird über die Betrachtung der Instanz ‚Körper‘ herausgearbeitet, wie charakteristisch ein Mensch auf die Fragen antwortet, wie und wie sehr er sich der Welt anvertraut, wie er Nähe und Distanz gestaltet, welche Lebenserfahrungen auf das Konto Eingebunden-sein, Sicher-sein versus Isoliert-sein, Bedroht-sein eingezahlt haben.

In der existenzanalytischen Arbeit im Rahmen der Logotherapie wird mit dem Begriff des Charakters anders umgegangen. Den Hintergrund dafür bildet in den 1930er Jahren die Tätigkeit Frankls in einem psychiatrischen Krankenhaus in Wien. Dort sprach er mit Hunderten sehr kranker und schwer depressiver Personen und verglich diese Gespräche mit denen, die er mit gesunden Personen führte. Das Ergebnis war interessant, denn auch diese berichteten durchaus von traumatischen Situationen, Enttäuschungen und psychischen Verletzungen. So erkannte er, dass es sowohl  pathogene als auch protektive Faktoren geben musste, die in der Lage waren, als Schutz vor starker psychischer Belastung zu fungieren. Er sah, dass offenkundig Sinnfindung und Sinnerfüllung zu diesem Schutz führten, in dem die Personen weniger auf erlittenes Leid zurückblickten, sondern vielmehr auf die Gestaltung der Zukunft schauten, initiativ blieben, selbst dann, wenn genetisch veranlagte psychische Charakter-Dispositionen wie zum Beispiel eine Sucht- oder  Depressionsneigung gegeben waren. Frankl konstatierte: einen Charakter hat man, aber er ist nicht essentiell. Wesentlich ist, sich das Selbstgestaltungspotential zu erhalten oder – wie es Frankl metaphorisch einmal ausdrückte – : Die genetischen Anlagen und die diversen Umwelteinflüsse sind wie Baumaterial, das individuell zur Verfügung steht. Manche Menschen haben eine Fülle guten Materials, andere weniger. Doch das ist nicht das Bedeutende. Bedeutend ist, was der Einzelne aus dem, was er hat, macht. „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet“, hat Frankl gesagt. „Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“

Kein Plädoyer für Selbstreflexion

Wussten Sie das schon? Der Begründer einer der weltweit größten psychotherapeutischen Schulen, Prof. Dr. mult. Viktor Frankl, hielt Selbstreflexion für wenig hilfreich. Wie das? Wird doch in jeder Psychotherapie gerade dazu angeregt. Seltsam, oder?
Die Begründung ist gar nicht mal so schwierig zu verstehen. In Frankls Menschenbild wird dargelegt, dass grundsätzlich nicht über die Person gesprochen werden kann, sondern nur zu ihr. Zu ihr zu sprechen meint, dass ‚Person‘ keine feststellbare, beobachtbare oder substantielle Größe im Menschen ist. Vielmehr ist das Wesen der Person ihre ‚Selbsttranszendenz‘, ihr ‚Über-sich-Hinausgehen‘. Nur wenn sich der Mensch auf etwas oder jemanden ausrichtet, das nicht wieder er selbst ist, ist er ganz Mensch und wird zur Person. Selbstreflexion hingegen verhindert dies, vielleicht nicht immer, aber allemal dann, wenn ein Mensch eine psychisch belastende Lebensphase durchläuft. Gerade dann ist es nicht die ‚Methode der Wahl‘, sich mit sich selbst über Gebühr zu befassen. Learning: In einer Krise lassen Sie am besten die Finger vom Regal mit den Büchern über Selbstreflexion und Selbsterfahrung. Sie werden damit nicht weiterkommen.

Im Gegenteil: Gehen Sie auf Ihre Lebenswelt zu. In der Hingabe an die Aufgaben der Situation richtet sich der Mensch aus auf ein potenziell gelingendes Leben in der Zukunft. Prospektiv, statt retrospektiv – auch, wenn es leichter erscheint, sich mit dem bekannten Vergangenen zu befassen als mit dem noch unbekannten Leben, das von vorn kommt.

Diese Perspektive einzunehmen ist für viele Menschen im ersten Moment fordernd. Manche haben den Eindruck, in der Logotherapie dürfte man nicht bedauern, betrauern, beklagen, betroffen sein. Doch, natürlich, das darf man. Jedoch mit einem etwas anderen Akzent und zwar nicht mit dem Schwerpunkt: warum ist geschehen, was ich da bedaure, betrauere usw., sondern mit worum hat es mir nun zu gehen, wenn ich bedauere, betrauere, dass usw.

Nicht das Vergangenheits-Warum, sondern das Zukunfts-Worum führt den Menschen wieder ins Person-Sein. Für diesen Perspektivenwechsel sind in der originären Logotherapie mannigfaltige Methoden verfügbar. So Sie also einmal in einer Krise stecken, dann wenden Sie sich gerne an einen logotherapeutisch qualifizierten Gesprächspartner.

„Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst übersieht und vergisst.“ (Frankl).

Mit diesem Menschenbild ergibt sich, dass sich der Mensch nicht selbst zum Gegenstand der Erfahrung machen soll: „Aber nicht nur, dass eine vollendete Selbstreflexion nicht gekonnt wird: sie wird auch nicht gesollt; denn es ist nicht Aufgabe des Geistes, sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln. Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet-und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, sei es auf jemanden….“ (Frankl)

Gelingt ihm dies nicht und bleibt der Mensch in der Selbstbespiegelung stecken, dann verfehlt er sich und seine Möglichkeiten, etwas in die Welt zu schaffen. Die Folge davon ist die Erfahrung einer inneren Leere (Frankl nennt dies „existentielles Vakuum“). Der damit verbundene Stress führt den Menschen immer stärker in die Selbstbespiegelung, in die Hyperreflexion und mit ihr in eine ‚Sucht‘, das negative Zustandsgefühl irgendwie auszugleichen. Mit einem solchen Zustandsgefühl zum Beispiel in der Angst, des Ärgers, der Bedeutungslosigkeit, der Lustlosigkeit usw. kommt der Mensch dann vielleicht in die Logotherapie und lernt: „Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon.“ (Frankl)

Negative Zustandsgefühle sind ihrer Natur nach Begleitphänomene eines missglückten Strebens nach Sinn. Kann sich ein Mensch von ihnen nicht distanzieren, stellt sich nach und nach das Empfinden innerer Verarmung ein. Dieser Zustand ist ungesund und selbstschädigend, wenn es dem Menschen nicht gelingt, seine ‚psychische Nabelschau‘ (Frankl) zu beenden und sich vielmehr dem zuzuwenden, was ihm seine Lebenswelt als Aufgabe für gelingendes Leben vorlegt. Die Logotherapie sieht in jedem Menschen ein primäres Streben nach Sinnverwirklichung. Gewinnt jedoch die Hyperreflexion des Psychischen die Oberhand, dann verschließt dies den möglichen Blick auf das, worum es dem Menschen in seiner Lebenswelt gehen sollte. Diesen Blick wieder zu eröffnen ist kein ‚Hexenwerk‘, im Gegenteil: Häufig liegt das Sinnvolle direkt vor den Füßen des Menschen, er müsste nur einen Schritt nach vorn gehen anstatt sich selbstbeobachtend von der Welt abzuwenden und sich in seinen Zustandsgefühlen zu vergraben. Selbstreflexion kann daher einen Menschen von seiner existentiellen Bestimmung wegführen und damit der Auslöser für seelische Krankheitsphänomene werden.

Wer nun immer noch glaubt, sich ’selbst‘, seine Subjektivität durch Beobachtung erfahren zu können, übersieht womöglich, dass sich das Ich nicht zum ‚Beobachtungs-Objekt‘ machen lässt ohne seinerseits ‚Subjekt‘ zu sein und zu bleiben. Das Subjekt bildet somit den ‚Standort‘ der Beobachtung und – Frankl – wo aber Standort ist, kann nicht Gegenstand sein, und „so kann denn auch das Subjekt nie in vollendeter Weise sein eigenes Objekt werden.“ Was letztlich vom Subjekt zu sehen ist, ist ein Artefakt. Frankl dazu weiter: „Und all dies gilt nicht zuletzt auch von aller rückbezüglichen Erkenntnis, von reflexiven Akten […]. An das Ich, an sich selbst kann das Ich nicht ‘heran’: mich selbst intendierend bin ich mir selbst schon transzendent. Wenn auch ganz und gar ‘mein’, ist mein eigener Akt, von mir selbst beobachtet, auch schon nicht mehr ich selbst: schon ist er nicht mehr ‘eigentlich’ ich – schon ist er nur noch uneigentliches Ich. (…) Was auch immer ich (intentional) ‘habe’, das bin ich nicht (bin ich nicht ‘existentiell’). Und umgekehrt gilt wiederum: Was ich (existentiell) bin, kann ich nicht (intentional) ‘haben’. Wie das Subjekt seine Existenz, so hat und behält das Objekt seine Transzendenz.“ Diese Überlegung Frankls ist nicht trivial, markiert sie doch einen spannenden Übergangspunkt vom Geistigen [dem Transzendieren auf etwas oder jemanden hin] zum Gehirngeist [dem mentalen Verstehen, dass es dieses Etwas oder dieses Jemand gibt auf das man sich hin entscheidet].

Wir erinnern, dass Frankl Selbsttranszendenz als Hingabe zu jemandem oder etwas außerhalb seiner selbst versteht. Dieses ‚Gesollte‘, das es braucht, um sich ihm hinzugeben, ist Teil der Lebenswelt der Person. Es ist auch da, gäbe es niemanden, der sich ihm hingäbe. Der personale Akt, sich diesem Gesollten hinzugeben, ist die Folge dessen, dass es dieses Du bereits per se gibt, das auf den Entscheid des Ich, sich ihm hinzugeben, förmlich wartet. Wie sich das Ich auf das Du transzendiert, kann versucht werden durch Klärung von Bedürfnissen, Emotionen, Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen usw. genauer zu erfassen – solche Betrachtungen adressieren den Gehirngeist, das Mentale, das Verstehen des Wie der Transzendenz. Dass sich das Ich transzendiert ist jedoch der Existenz der Person vorgängig. Transzendenz ist somit das Eigentliche der Person, Existenz das Wesentliche und – ich erlaube mir zu ergänzen – Kompetenz das Wichtige.

Was bedeutet das im Krisenkontext?

  • Es gibt auch in diesem Kontext ein ‚Gesolltes‘. Per se. Unabhängig der Person und der von ihr als solche empfundenen Krise
  • Das Psychische gewinnt in Belastungen schnell die Oberhand und verschließt den Blick auf das Gesollte.
  • Eine Selbstreflexion verstärkt diesen ‚Verschluss‘ noch mehr.
  • Eine Fokussierung auf gegebene Kompetenzen zur Bewältigung einer Krise ist unzureichend.
  • Die Öffnung in die eigene Lebenswelt zur Stärkung der Möglichkeit des Gewahrwerdens des per se vorhandenen Sinns im Leben, des ‚Gesollten‘, ist logotherapeutisch die Methode der Wahl.

Was die Logotherapie letztlich will, ist die Selbstbestimmung des Menschen auf Grund seiner Verantwortlichkeit und vor dem Hintergrund der Sinn- und Wertewelt, des Logos und Ethos.

Viktor E. Frankl