Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl
Von einem Ball und dem Sinn im Leben
Es ist Fußball WM, und in manchen Arenen ächzen die Menschen unter der Hitze. Fast vor 100 Jahren war die Anstrengung auch sehr groß, auch da ging es um einen Ball und um manche Tage mit sengender Sonne oder auch patschnassen Körpern. Ein Ball mit stattlichen zwei Metern Durchmesser, aus Holz und mit einem besonderen Auftrag. Die Regensburger Bäcker Jakob Schmid und der Hafenarbeiter Franz Perzl ließen mit ihrer ganzen Manneskraft das Ungetüm durch Deutschland rollen. Nicht als werbe-bebilderte Litfaßrolle, nicht als Langeweileprojekt, nicht gesponsort und ohne jegliche Blaupause. Die einzige wichtige Hilfe war das Können eines Wagnermeisters beim Bau der Kugel – heute würde man vielleicht von einem Tiny-House sprechen.
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Während ihrer Reise mit dem Holzball im Schlepptau, erst zur Ostsee und dann wieder nach Bayern zurück, begegnen die beiden Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, Altersklassen und Gesinnungen: Arbeitslose, Bauern, Gastwirte, Kinder, Nationalsozialisten, Kommunisten, neugierige Passanten… Ein ausführliches Tagebuch – siehe Informationen dazu in den Links – und die zahlreichen Fotografien dokumentieren den Alltag eines Landes, das von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und politischen Spannungen geprägt ist und kurz vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten steht.
Die Ballonauten, so der Projektname, verfolgen selbst kein politisches Programm. Aber ein geistiges – entfliehen die Männer doch der um sich greifenden Lethargie, Resignation und Verzweiflung. Sie überwinden Hindernisse, erleben Gastfreundschaft ebenso wie Zurückweisung, Spott und Respekt. Ihre Reise wird so zu einem Spiegel der Gesellschaft und zugleich zu einer Geschichte über Ausdauer, Neugier und menschliche Begegnungen.
Die Verbindung zu Viktor Frankls Sinnverständnis
Der Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl vertrat die Auffassung, dass der Mensch nicht primär nach Glück oder Erfolg strebt, sondern nach Sinn. Sinn entsteht dadurch, dass ein Mensch Verantwortung übernimmt und sich einer Aufgabe oder einem Menschen hingibt – selbst unter schwierigen Umständen.
Für Frankl gewinnt der Mensch Sinn, indem er sich einer Aufgabe widmet. Die Ballonauten haben sich eine scheinbar absurde Mission gesetzt: einen riesigen Fußball durch Deutschland zu rollen. Gerade diese selbstgewählte Aufgabe gibt ihrem Alltag Struktur, Richtung und Motivation. Das Ziel ist weniger wichtig als das tägliche Weitergehen.
Frankl betont, dass Sinn häufig im Dienst an anderen Menschen oder in echten Begegnungen gefunden wird. Die Reise der Ballonauten lebt von den zahlreichen Gesprächen, Hilfen und zufälligen Kontakten unterwegs. Der riesige Fußball wird zum Anlass für Kommunikation und verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft.
Ein Kernpunkt von Frankls Denken lautet, dass der Mensch seine innere Haltung selbst unter widrigsten Bedingungen frei wählen kann. Die Ballonauten erleben Erschöpfung, Rückschläge und Unsicherheit, setzen ihre Reise jedoch immer wieder fort – solange, bis am Ende der Holzball zerbricht. Ihre Beharrlichkeit erinnert an Frankls Idee der „Trotzmacht des Geistes“: Die äußeren Umstände bestimmen nicht vollständig, wie ein Mensch handelt oder wer er ist.
Frankl versteht Sinn nicht als etwas, das am Ende einer Reise wartet, sondern als etwas, das in jeder Situation entdeckt werden kann. Auch die Ballonauten verfolgen keinen materiellen Gewinn und keinen sicheren Erfolg. Ihre Versuche, etwas Geld fürs Überleben zu erhalten, in einer Zeit größter Armut in Deutschland, scheitern öfter als dass sie gelingen. Und doch, die Bedeutung ihrer Unternehmung entsteht unterwegs – durch Erlebnisse, Herausforderungen und die Entscheidung, immer wieder den nächsten Schritt zu gehen.
Die Reise der Ballonauten kann als anschauliches Beispiel für Frankls Sinntheorie gelesen werden. Zwei Menschen geben ihrem Leben in einer Zeit gesellschaftlicher Krise eine Bedeutung, indem sie Sinn in einer selbstgewählten Aufgabe entdecken. Ihre Geschichte zeigt, dass die Verwirklichung von Sinn aus Verantwortung, Engagement und der bewussten Entscheidung entsteht, trotz Unsicherheit einen Beitrag zu leisten. Für jemanden, für etwas oder für viele. Die Ballonauten – eine Umsetzung des Menschenbildes von Viktor Frankl in sehr anschaulicher Weise.
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Viel Spaß beim Nachdenken …
Der Sinn eines Satzes
ist noch nicht sein Gegenstand.
Das Kohärenzgefühl
„… die Art, wie man seine Welt sieht … die eigene Realitätskonstruktion … ist ein entscheidender Faktor für Coping [Bewältigungsweisen insbesondere bei Krisen] und Gesundheit.“ [Antonovsky]
Das Kohärenzgefühl
„… ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat;
- dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
- dass einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
- dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“
Das Gefühl von Sinnhaftigkeit beschreibt das Ausmaß, in dem man das Leben als emotional sinnvoll empfindet: Dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, dass man Energie in sie investiert, dass man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet; dass sie eher willkommene Herausforderungen sind als Lasten, die man gerne los wäre.
Antonovsky sieht diese motivationale Komponente als den wichtigsten Aspekt des Kohärenzgefühls an, denn ohne das Erleben von Sinnhaftigkeit neigt der Mensch dazu, das Leben vor allem als Last zu empfinden und jede weitere sich stellende Aufgabe als Qual. Und er schreibt: „Diejenigen, die nach unserer Einteilung ein starkes Kohärenzgefühl hatten, sprachen immer von Lebensbereichen, die ihnen wichtig waren, die ihnen sehr am Herzen lagen, die in ihren Augen ‚Sinn machten‘ – und zwar in der emotionalen, nicht nur der kognitiven Bedeutung des Terminus … kurz nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, wurde ich auf Frankls Werk aufmerksam, und es beeinflusste zweifellos die Wahl der Bezeichnung dieser Komponente.“
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Das Konzept von Antonovsky, das er ‚Salutogenese‘ nannte, wurde weit zuvor durch Aussagen Frankls in der Darstellung seiner Sinntheorie bereits deutlich gemacht:
„…was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein ‚an sich‘, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück von selber ein.“
Aller guten Dinge sind Zwei, alle besseren sind Drei
Menschen haben körperliche und psychische Triebe und Bedürfnisse, die für sie handlungsleitend sind. Auch, wenn ihnen dies zum Nachteil gereicht, zum Beispiel dann, wenn sie keinen Verzicht üben, obwohl ihr Gesundheitszustand gerade dazu rät. Ob Schlemmerei, sexuelle Anziehungskraft oder selbst der Sport: vieles kann für einen Menschen so attraktiv sein, dass er glaubt, ihm nicht widerstehen zu können. Für uns in der Logotherapie ist diese Perspektive zu flach, denn im Kern kann sich jeder Mensch aus besseren Gründen entscheiden, sich nicht seiner Psyche abzugeben.
Der Freiheitsbegriff der Logotherapie ist ein stets positiver. Der Mensch ist zwar nie frei von Zuständen, Umständen und Bedingungen, aber er ist grundsätzlich frei, zu ihnen Stellung zu beziehen. Anders als in reduktionistischen zweidimensionalen Menschenbildern verweist Viktor Frankl auf die dritte, spezifisch menschliche Dimension des Geistigen. Sie reicht über die physische (somatische) Dimension und die psychische Dimension bestehend aus Emotionen, Kognitionen, das angeborene Temperament und die Anlage fur bestimmte Charakter- und Persönlichkeitseigenschaften hinaus. Die geistige Dimension adressiert das, was wir auch das spezifisch Humane nennen können wie das Gewissen, die Spiritualität, die Ausrichtung auf ethische Aspekte, die Verwirklichung von Werten, Liebe und Hingabe, Sinnsuche und Sinnfindung.
„Leibliches wird durch Vererbung geschenkt. Seelisches wird durch Erziehung gelenkt. Geistiges jedoch kann nicht erzogen werde, Geistiges muss vollzogen werden – Geistiges IST überhaupt nur im Selbstvollzug, in der Vollzugswirklichkeit der Existenz.“ Viktor Frankl









