Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl

Sinnorientierte Geisteshaltung

Es ist mal wieder Zeit für etwas Frankl. 

In Frankls Menschenbild steht der freie Wille im Zentrum. Wir sind zwar nicht frei von allerlei Bedingungen, die unser Leben mitbestimmen, aber wir sind frei zu unendlich Vielem, was uns ermöglicht, uns immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen für bestimmte Handlungs- oder Sichtweisen zu entscheiden. Jeder Mensch hat zwischen ‚Reiz‘ und ‚Reaktion‘ einen Raum, einen Freiraum, einen Gestaltungsspielraum, den er selbst bei unabänderlichen Belastungs- oder Krisensituationen behält. 

Die Suche nach Sinn ist die stetige Grundmotivation des Menschen. Mehr noch als nach Lust oder Macht strebt der Mensch nach Sinn. Eigentlich ist die menschliche Motivation dort am stärksten, wo der Mensch Sinnvolles bewirken kann. Jedoch – zuweilen behält die Psyche des Menschen die Oberhand über das Geschehen, und er entscheidet sich für Sinnwidriges, Sinnleeres, Sinnloses. Diese geistlosen Phasen sind jedem Menschen zuzusprechen, auch sie zeichnen Menschsein aus. Aber im Kern will jeder Mensch für eine Aufgabe einstehen und-oder zumindest einen Menschen lieben oder für ihn gut sein. Wird dieser Wille zum Sinn dauerhaft frustriert, entstehen Stress, Gefühle der Wertlosigkeit und vielfach letztlich Aggression, Sucht, Depression, Lethargie oder Apathie. 

Den Sinn des Lebens kann sich ein Mensch nicht machen, auch gibt es ihn nicht auf Rezept. Aber er ist da und wartet darauf, [wieder] gefunden zu werden. Manchmal haben ihn Menschen auch längst gefunden, merken es nur nicht. Eine Ursache dafür liegt häufig in einer wenig ausgeprägten Selbstsicherheit oder in einem geringen Selbstvertrauen. Wie auch immer – jedes Leben behält seinen Sinn und hält Sinn bereit, selbst wenn er in einer verzweifelten Lebensphase nicht mehr gespürt wird.  

Die Freiheit des Willens bedingt, dass jeder Mensch Verantwortung für sein  Leben und die Art und Weise hat, wie und wofür er leben und sich entscheiden will. Wie er auf die Fragen antworten will, die ihm sein Leben stellt.   

Leisten, lieben, leiden – das sind die drei großen Werteverwirklichungsbereiche für jeden Menschen. Schöpferische Werte zu verwirklichen führen hin zum Leisten. Erlebniswerte wie Schönheit, Anmut, Harmonie, Ästhetik, Naturverbundenheit, Zuneigung u.a. zu verwirklichen, führen hin zum Lieben. Und letztlich sind es Einstellungswerte, mit denen ein Mensch auch bei existenziellen Abschieden in seinem Leben trotz allem Sinn findet. Sie zu verwirklichen ist ein Fähigkeitsbeweis hin zum Leiden.

Sinnverwirklichung steht vor Selbstverwirklichung

Der Wille zum Sinn ist immer vital. Er tritt nicht erst im Nachklang der Befriedigung von Grundbedürfnissen, auch nicht erst im Nachklang des Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung in Erscheinung. Mit dieser Erkenntnis stellt sich Viktor Frankl gegen Abraham Maslows Konzept der Bedürfnispyramide und weist sogar über diese hinaus. Das Bedürfnis nach Sinnverwirklichung steht in Frankls Sinntheorie an erster Stelle und dieses Bedürfnis besteht selbst dann, wenn die Bedürfnisse in der Maslowschen Pyramide nicht oder nur teilweise befriedigt sind. Maslow gab dieser Einsicht einst auch Recht als er 1966 im Journal of Humanistic Psychology schrieb: „Ich stimme völlig mit Frankl darin überein, dass sich das Hauptanliegen des Menschen in seinem Willen zum Sinn ausdrückt.“ [eigene Übersetzung. Original: „I agree entirely with Frankl that man’s primary concern is his will to meaning.“ Maslow, Abraham: Comments on Dr. Frankl’s Paper, in: Journal of Humanistic Psychology 6 (1966), 107].

Krisenzeiten und Krisenräume

Ich wurde 1961 geboren. Als Mitglied der Silver-Generation habe ich jenseits von Kriegen und gesellschaftlichen Herausforderungen wie zum Beispiel RAF, Brokdorf und Oderflut ebenso noch in Erinnerung die 68er-Krise, die Ölkrise, Tschernobyl, das Platzen der Internetblase, diverse firmengemachte Umweltkatastrophen, 9/11, die globale Finanzkrise, Fukushima, die Krisen rund um Wiedervereinigung, Migration, Klima und nun Pandemie. Es wurde also einiges geboten in sechs Lebensjahrzehnten und ganz nebenbei natürlich auch die unmittelbaren Ereignisse rund um Familie, Freundschaft, Beruf und Gesundheit. Und dennoch tue ich mich schwer, die meisten dieser Situationen für mich persönlich als ‚Krisen‘ zu bezeichnen. Warum? Weil bis auf ganz wenige diese Situationen in mir nicht das für eine Krise zentrale Merkmal des ‚Selbstzweifels‘ sorgten. An sich selbst zu zweifeln meint dabei, an der Stabilität der eigenen Werte und Grundüberzeugungen zu zweifeln. Diese zu klären habe ich früh im Leben begonnen. Sie zu justieren, war genussvolle Lebensaufgabe. Sie auf die Möglichkeitsräume der Zukunft auszurichten, ist bis heute immer wieder ein spannendes Thema, dem ich mich immer wieder proaktiv und präventiv annehme. Und dem sich meine Klienten und Patienten in Coaching und Therapie ihre Zeit nehmen.

Wie schon mehrfach in diesem Blog geschrieben, empfinde ich den Begriff Krise heute deutlich infla­tionär benutzt. Häufig als Synonym für ein ‚komplexes Problem‘ gesetzt, steht Krise für etwas, für das ein Mensch einfach keine ‚Lösung‘ findet. Und weil das Leben weitergeht, gesellt sich zur einen ‚Nichtlösung‘ schnell die nächste. Die Probleme schaukeln sich auf, man weiß nicht mehr, wo man anfangen soll und irgendwann scheint der einzige Weg darin zu bestehen aufzugeben, zu erdulden, die Segel zu streichen, zu fliehen. Menschlich, aber nicht wirklich eine gute Idee.

Ursprüng­lich wurde von ‚Krise‘ im grie­chi­sch-antiken Gerichtswesen als κρίσις: Entschei­dung, Urteil gesprochen. Später wurde der Begriff dann in den Kontext Krankheit gerückt, bei dem sich in deren Verlauf entweder eine Ände­rung zum Besseren oder zum Schlech­teren einstellt. Krise als ‚entscheidende Wendung‘ meinte nun entweder Gene­sung oder Sterben. Hippo­krates schrieb dazu auch in seinem Buch Epide­mien‘, dass „die Krisen zum Leben oder zum Tode führen oder entschei­dende Wendungen zum Besseren oder Schlim­meren bringen werden“.

Im 17. Jahrhun­dert wurde dieser ‚Wendungskontext‘ dann auf die Politik übertragen. Poli­ti­sche Krisen endeten so entweder in Frieden oder Krieg. In Reform oder Revolution. In Verständigung oder Dogma. Berlin, Suez, Kuba, Vietnam, Panama oder auch die amerikanische Capitol-Krise aus diesem Jahr, alle zeichneten sich aus durch vorangegangene massive Probleme in der Verfas­sung, der Kultur oder einer gerechten Güterverteilung.

Beim Aufschaukeln der Probleme entsteht nach und nach politisches Fieber – der ein oder andere erkennt und benennt heute die in unserem Land vergleichbaren Phänomene auch im Kontext Corona. Und so fragen sich irgendwie alle Menschen, wie der passende Wadenwickel zur Fiebersenkung wohl ausschauen könnte? Die einen setzen auf Machtworte, andere auf neue Regeln, die nächsten auf die Wissenschaft, andere auf die Gemeinwohlverantwortung, modernere Geister auf ‚kollektives Lernen über bisherige Denkgrenzen‘ hinweg.

Wer welchen Wadenwickel nutzen will, der sagt letztlich etwas über seine ‚Bewusstheit‘ aus, über sein ‚Set‘ an Bewältigungsressourcen, die in Summe dazu beitragen sollen, der Krise Herr zu werden. Im Beispiel Corona erklärt dem Menschen ein Wissenschaftler die Art und Weise, wie das Virus um sein Überleben kämpft [Stichworte: Wirtstier, Mutante …], andere Wissenschaftler zum Beispiel erklären, welchen Einfluss eine Pandemie auf eine Volkswirtschaft hat. Die nächsten erklären, was aus wissenschaftlicher Betrachtung heraus zu tun ist, um Infektionswellen zu brechen. Und natürlich trägt die Wissenschaft auch zur Erforschung und Entwicklung der Impfstoffe und hilfreicher Medikamente bei. Die Corona-Wissenschaft läuft auf Hochtouren. Und es ist gut, dass wir sie haben – ich gestehe, ich bin Wissenschafts-Nerd.

Aber: Was auch immer aber an Wissenschaft zusammengetragen wird, sie wird die Lösung des Pandemie-Problems nicht sein. Denn – so wie es Einstein für jedes Problem beschrieb – es findet sich die Lösung eines Problems nie im Raum seines Entstehens. Was aber ist der Entstehungsraum des Virus? Ich folge hier den Überlegungen im Konzept Spiral Dynamics von Don Beck et.al. und der Auffassung der Leopoldina: „Weltweiter Handel, globale Mobilität oder Umweltschäden begünstigen die Entstehung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten“. Der Entstehungsraum kann daher vielleicht recht treffend als ‚Raum der Hyper-Leistungsdynamik‘ beschrieben werden. Ein Raum, in dem wir nun aber auch die Errungenschaften der Biotechnologie und Impfstoffentwicklung wiederfinden. Ergo: Das Virus ist in diesem Raum entstanden und wird auch mit Errungenschaften aus diesem Raum heraus erfolgreich in Schach gehalten werden können. Aber: Die Lösung für das ursächliche Problem wird dies nicht sein. Der Lösungsraum wird ein anderer sein – vielleicht repräsentiert durch ein neues Modell der Menschenpflichten und-oder durch ein neues Modell der Gemeinwohlverantwortung?

Andere, allseits bekannte Räume erweisen sich im Corona-Kontext gerade beobachtbar als nicht als passend für die Gestaltung von Lösungswegen. So zum Beispiel der Raum der Macht oder der Raum der Regeln. Die [Pseudo-]Machtspiele und ihre unterschiedlichen Eskalationen wie wir sie in zum Beispiel in unausgegorenen Experimenten der Wahlkampf spielenden Ministerpräsidenten entdecken können oder in Kohorten-Dummheiten, bei denen querdenkende Gruppierungen die Macht der Straße ausprobieren wollen, sind untauglich, wenn auch medial ausschlachtbar. Aber auch die zum Regelfetisch gewordene politische Bürokratie-Bräsigkeit schafft mehr Hindernisse als irgendwie verträglich wäre. Anders hingegen die sowohl egoistischen und sozialverantwortlichen Regeln, die sich die Menschen in Deutschland weithin selbst verordneten als sie bereits vor dem ersten Lockdown damit begannen, ihren Aufenthalt außerhalb der Wohnung, ihre Reisen und Kontakte ’selbstvernünftig‘ herunterzuregulieren. Immerhin, diese Regeln in Form von Selbstverpflichtungen haben gut gewirkt, die Menschen haben das an sich Unentscheidbare entschieden, sie hatten keine Wahl.

Solange keine Wahl, bis die föderalen politischen Machtinstanzen suggerierten, sie könnten unter Unsicherheit bessere Entscheidungen treffen als das Volk. Wir durften alle lernen: Das ist nicht so. Individuelle Menschenverstands-Vernunft ohne Machteinsatz ist offenkundig besser als der Einsatz von Macht, mit der Unentscheidbares entschieden werden soll. Ein Virus ließ und lässt keine Wahl. Gewinnt es das Spiel, dann sind wir wieder ohne Wahl, denn dann müssen wir ein Leben führen mit Virus. Und dann braucht es wieder individuelle Menschenverstands-Vernunft. Machteinsatz ist auch hier überflüssig, generell wie föderal.

Aber ich will nicht rigide kritisieren, denn föderale Strukturen haben auch viel Gutes, vor allem die Möglichkeit, voneinander zu lernen und dadurch immer besser zu werden. Wenn das, was da zu lernen ist, eben für alle nicht gleichermaßen Neuland ist. So wie der Umgang mit einer Pandemie, für die man sich in den Jahren zuvor außerstande sah, Deutschland in einen angemessenen Präventionsstatus zu bringen [da von wissenschaftlicher Seite her lange klar war, dass so etwas wie Corona zeitnah auf uns zukommen würde – so klar, wie seit langem das mangelhafte allgemeine Bildungsniveau, die mangelhafte Altenpflege, die mangelhafte Digitalisierung, die mangelhafte Agrarentwicklung auf uns zukamen und weiter zukommen].

Unsere virale ‚Krisen‘-Zeit dauert nun über ein Jahr. Die Wadenwickel wurden vielfach in kaltes Wasser gelegt, um das Fieber zu senken und trotzdem hat es viele Menschen und – meist – kleine Unternehmen heftig erwischt. Es steht zu befürchten, dass es ohnehin zur echten Krise erst noch kommen wird. Dann, wenn sich allen zeigt, dass aus der kollektiven Sondersituation eine Vielzahl individueller Ereignisse [Pandemie-Burn-Out, Pandemie-Pleite, Pandemie-Entfremdung …] geworden sind. Wenn man staunend und bewusst wahrnimmt, wer und was alles diese Zeit nicht ‚überlebt‘ hat.

Ein Blick in die Zukunft: Viele Sonderereignisse, die Menschen in ihrem Leben erleben, finden ihren Weg nicht ins kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Ich schätze, dass dies Corona ebenso ergehen wird wie die letzte Flüchtlingsdynamik oder die letzte Finanzkrise. 9/11 oder auch lange sichtbare Naturkatastrophen wie die Oderflut haben eben aufgrund ihrer dauerhaften Wahrnehmungskraft die Möglichkeit, sich tiefer einzubrennen. Aber auch diese Erinnerungen werden irgendwann entlernt sein, dann stehen sie in den Geschichtsbüchern und nur diejenigen werden sie wieder thematisieren, deren Leben seinerseits unmittelbar betroffen war. Das aber ist bei Corona nicht zu erwarten, außer eben bei denen, die in den kommenden Jahrzehnten ihrer Toten erinnern werden, die das Virus hinterlassen haben wird. Eine solch tiefe private Tragödie bleibt den allermeisten Menschen unter Corona jedoch wirklich erspart, eben auch, weil der Raum der Leistungsdynamik es ermöglichte, dass ein paar Wochen nach dem ersten Auftreten des Virus in Europa dessen Genom entschlüsselt war, wenige Monate später die Studien für Impfstoffe weit vorangeschritten waren und nun nach einem Jahr die Impfung möglich ist. Für viele zwar, die nicht anders können als sich mit ihren Gedanken selbst in die Quere zu kommen, entweder zu spät oder als Teufelszeug interpretiert, für die Mehrheit der Gesellschaft aber ein wahrer Sieg der wissenschaftlichen Entwicklung und Vernunft – wenn auch dieser Raum nicht die Lösung der Ursache birgt.

Ich bin 1961 geboren. Am 13. August 1961 wurde Deutschland geteilt, am 27. Oktober 1961 standen sich sowjetische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie gegenüber, bereit zum Gefecht. Kinder wurden und werden 2020 und 2021 geboren. In ein paar Jahren werden sie Bilder sehen von Städten, abends weitgehend menschenleer – gut, dass es nur ein Virus war.

Purposequark

Gestern Sinnquark, heute geht’s um Purpose. In der Beraterszene ist es seit geraumer Zeit beliebt, Unternehmen nahezulegen, ihren Purpose zu formulieren, den Zweck des Unterfangens also, dieses und kein anderes Unternehmen im Markt zu führen. Dabei wird suggeriert, als wäre es [verstandesbefreiten] Mitarbeitenden in Unternehmen nicht klar, welchen Daseinsgrund das Unternehmen hat, in dem sie arbeiten. Auch dieser Purposequark gehört meines Erachtens daher zügig entsorgt. Worum es meines Erachtens wirklich zu gehen hat ist, dass das Wirken in und von Unternehmen nicht verengt werden darf auf das Themenfeld Aktienwert, Umsatz, Gewinn und Rendite. Mit der Debatte um den Stellenwert des ‚Shareholder Values‘ kam Mitte der 1980er Jahre diese Verengung in Gang. Dabei wurde dieser betriebswirtschaftliche Aspekt zuweilen so interpretiert, als stünden hinter den finanziellen Kennzahlen Unternehmen, die ihren Daseinsgrund einzig über diese Zahlen definierten. Befeuert wurde diese Perspektive immer wieder mit medialen Empörungsritualen, wenn Unternehmensstrategien, individuelles Managerverhalten oder Innovationslahmheit einzelner, in aller Regel börsennotierter Firmen kritisch erörtert wurde. Manche durchaus berechtigte Kritik wurde in ihrer Hohstilisierung jedoch zu einer Art Indikator für mangelnde Zweckdienlichkeit des unternehmerischen Handelns.

Was in meiner Wahrnehmung häufig mit der Purposediskussion verquickt wird ist das Thema, ob Unternehmen ihre Geschäftsmodelle [nicht ihren eigentlichen Zweck] den sich verändernden Umfeldbedingungen angemessen schnell anpassen. Alle neue Bedingungen, als Stichworte seien beispielsweise Diversity, Klimawandel, Digitalisierung genannt, verändern zwangsläufig früher oder später Strategien, Ziele und Maßnahmen – letztlich nennt sich dies Unternehmensentwicklung. Entwickelt sich ein Unternehmen den sich wandelnden Bedingungen nicht angemessen, wird es Markteinfluss einbüßen und gegebenenfalls von Markt verschwinden. Das jedoch bedeutet nicht, dass damit der Zweck verloren gegangen ist, sondern ‚lediglich‘, dass es das Unternehmen nicht schafft, sein Geschäftsmodell auf diesen Zweck robust auszurichten. Gelingt dies nicht, übernehmen andere Unternehmen mit ihren Geschäftsmodellen den Marktanteil. Erfüllt dieses Modell dann die erforderliche Zweckdienlichkeit, dann ist dies die Basis für den Unternehmenserfolg. Dass nun ein zweckdienliches Geschäftsmodell auch unter anderem Mitarbeiter bedarf, die diesem Zweck zustimmen, ist trivial. Und dass sich verändernde Bedingungen in der Lebenswelt der Menschen auch in Verhaltens- und Handlungserwartungen von Mitarbeitern gegenüber ihrem Unternehmen und ihren Führungskräften abbilden, auch.

Diskutiert man in Unternehmen die aktuellen Erwartungen an Management und Leadership, dann ändern sich diese durchaus schnell. In der jetzigen Coronazeit ist zu erwarten, dass Aspekte wie Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sowie Informationsfluss und Technologie als besonders wichtig angesehen werden. Nachhaltigkeit, Transparenz, Umweltschutz und soziale Wertschöpfung sind dagegen Erwartungen, die sich jetzt womöglich eher hintanstellen. Diese Erwartungsrangfolge hat etwas zu tun mit sich immer wieder neu ausrichtenden Wertmaßstäben zu tun, die Menschen ihrem eigenen und der Bewertung des Verhaltens anderer zugrunde legen. Ähnliche Verschiebungen kennen wir vom Angst-Barometer, das im Kern zum Ausdruck bringt, worin Menschen potenzielle Gefahren sehen, die Einfluss nehmen könnten darauf, eigene Wertvorstellungen nicht mehr verwirklichen zu können. Auf den Einzelnen bezogen kann dies natürlich wiederum zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Je nach individueller Lebenswelt und je nach individuellen Werten ergibt sich so auch eine je individuelle Erwartung an die Unternehmens- und Mitarbeiterführung. Werden so die Erwartungen des einen Mitarbeiters hinreichend erfüllt, wird man ihn wahrscheinlich als produktiver, motivierter und zufriedener erleben als einen anderen – bis sich das Erwartungsblatt wendet und veränderte Bedingungen es eher dem anderen Mitarbeiter leichter macht, seine Werte zu verwirklichen.

Es ist daher recht absurd, den Unternehmenszweck [der im Allgemeinen immer bedeutet, die Überlebensfähigkeit der Firma zu sichern und der im Speziellen verschriftlicht ist und zum Beispiel im Handelsregister nachgelesen werden kann], also das ‚warum halten wir es für erforderlich, dass es unser Unternehmen mit seinen Produkten oder Dienstleistungen gibt‘  zum Kriterium u.a. für Mitarbeiter- oder Kundenzufriedenheit, Mitarbeitergewinnung oder -bindung usw. zu machen.

Die Haltung von Unternehmern und Führungskräften, ihre ‚attitude‘ also, wie sie mit den Bedingungen umgehen, die sie als Einflussfaktoren auf den Firmenzweck wahrnehmen, steht hingegen eng im Kontext der Erwartungen der Mitarbeiter, Kunden und anderen Peers. Und damit sind wir dann auch unmittelbar bei der Person und nicht mehr bei der Organisation. Ein Unternehmen hat keine Haltung. Personen schon. Und so kann das ‚warum sind wir als Unternehmen da‘, der Purpose/Zweck klar sein. Hoffentlich sogar auch das allem vorangehende ‚wofür sind wir als Unternehmen gut‘, das Meaning/der Sinn. Meist ist Mitarbeitern und Kunden auch die Mission klar (der konkretisierte Zweck), also die Botschaft über das ‚weshalb befassen wir uns konkret damit und nicht damit‘. Wenn aber das ‚wie verhalten, entscheiden und handeln wir jetzt‘, die Attitude/Haltung der Personen den Bedingungen entsprechend unangemessen sind, dann hat dies unmittelbar Auswirkungen auf die Empfindungen von Mitarbeitern, Kunden und anderen Peers.

Bricht man nun diese Gedanken auf eine Einzelperson herunter, dann sind die Arbeitsschritte der Persönlichkeitsentwicklung ähnlich:

1. Sinn: Wofür werde ich meinen verantwortlichen Beitrag für meine Lebenswelt erbringen?
2. Zweck: Warum entscheide ich, handle ich und verhalte ich mich genau so, wenn ich um diesen Beitrag weiß?
3. Mission: Weshalb befasse ich mich genau damit und nicht damit?
4. Haltung: Wie verhalte, entscheide und handele ich jetzt?
5. Werte: Worin bestehen meine eigenen, originären Grundüberzeugungen, mit denen ich meinen verantwortlichen Beitrag für meine Lebenswelt erbringe?

So sehe ich das und danach arbeite ich – wohlwissend, dass wohl nicht nur mich die babylonische Begriffsverwirrung nervt, die in Wissenschaft und Praxis im Kontext von Sinn, Zweck, Vision, Haltung, Einstellung, Motiv und Wert verursacht wurde und fleißig fortgesetzt wird, Letztens las ich: ‚Purpose (Unternehmensvision) ist genauso ein Modewort wie Empathie (Einfühlungsvermögen)‘. Au weia, sag ich da nur oder: Baum (Warzenschwein) ist ein Wort wie Freude (Riesenradfahren).

Logos und Existenz

Die Logotherapie als sinnorientierte Beratungs- und Behandlungsform wurde von Prof. Dr. Viktor Emil Frankl entwickelt und 1946 in seinem Buch Ärztliche Seelsorge erstmals beschrieben.
Mit der von ihm ebenso seinerzeit dargelegten Existenzanalyse wurde der konkreten Arbeit in der Logotherapie eine anthropologische Theorie zugrunde gelegt. Mit diesem Menschenbild lässt sich die Logotherapie als humanistisch-existenzielle Psychotherapie verorten – für Menschen, die Hilfestellung in einer Situation existenzieller Orientierungslosigkeit benötigen. Wir wenden als Logotherapeuten das Gedankengut Frankls im Bereich der Psychologie, der Pädagogik, der Hospizarbeit, der Mediation, im Coaching und in der Führungskräfteentwicklung ein.

Im therapeutischen Kontext leistet die Logotherapie einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung psychischer Störungen, in der Behandlung von Sinnlosigkeitsgefühlen, zur Bewältigung von Verlusterfahrungen, im Umgang mit schweren oder chronischen Erkrankungen, zur Verarbeitung von Krisen und Schicksalsschlägen. Das Therapieziel besteht stets darin, den Möglichkeitsraum für neue Sinnerfahrung zu vergrößern. Dies geschieht gesprächsbasiert mit kognitiver und emotionaler Aktivierung der individuellen Lebenswerte und unter Einsatz innovativer Instrumente zur Werteanalyse und -entwicklung.

Den Menschen verstehen wir als sinnorientiertes Wesen, das vor dem Hintergrund seiner Bedingungen zur Selbstgestaltung seines Lebens fähig ist – auch, wenn eben dieses Leben als aktuell brüchig empfunden wird. Mehr zu unserem Arbeitskonzept finden Sie hier.

Jede Tatsache, die ein Mensch vorfindet, ist noch unvollendet

Schauen Sie um sich: Was ist so unvollendet, dass es später nur an Ihnen und Ihrer Verantwortung gemangelt haben kann, würde es weiterhin unvollendet bleiben? Wenn Sie nun sagen: Da gibt’s rein gar nichts, dann nehmen Sie bitte unser virtuelles Stirnerunzeln zur Kenntnis. Wir wissen, dass Menschen sich so sehr selbst im Wege stehen können, dass ihr Blick immer wieder nur reflektiert wird vom eigenen Spiegelbild. Geschieht das, dann steht jeder Mensch in der Gefahr, in einen Zustand höchstpersönlicher Gleichgültigkeit zu verfallen.

Da wo Sie und nur Sie gemeint sind, da findet sich Ihre aktuelle Sinnfrage Ihres Lebens. Eine solche Frage braucht nicht so ‚groß‘ zu sein, dass man unter der erforderlichen Antwort zusammenbricht. Aber wenn die Beantwortung anstehender Fragen nur deshalb nicht erfolgt, weil die eigene Befindlichkeit dadurch beeinträchtigt wird, dann kommt die Person in ihrem Leben schlicht und ergreifend kein Stück weiter. Dann wird Sinn so beliebig, dass es völlig egal wird, ob und in welcher Weise man sich für irgendetwas einsetzt. Dann wird Sinn zum reinen Selbstzweck, zur rein egoistischen Nützlichkeitserwägung. Leider stellen nicht nur wir in der Psychologie fest, dass der Anteil derer, die ihr Leben auf diese Weise verfehlen, ja vergeuden, permanent zunimmt.

Nun könnte man leicht sagen, dass es doch menschlich sei, eingedenk der Flut von Unvollendeten nicht mehr erkennen zu können, wofür die eigene Verantwortung einzusetzen sich wirklich lohne. Wer so mit seinem Leben verfährt, der verfährt sich. Und er landet in der Sackgasse, an deren Ende er erkennen muss, Handlungen und Entscheidungen vermieden zu haben, eben um die eigene Befindlichkeit nicht durch Selbstverantwortung zu stören.

Noch einmal: Schauen Sie um sich! Was ist unvollendet? Was wartet auf Sie? Manche Menschen denken, dass bestimmte Themen so sehr auf andere warten, so dass man sich selbst nicht bewegen muss, da es sicher schon andere richten werden. Eine solche Haltung ist dem sehr nahe, was Viktor Frankl schon vor 100 Jahren als Pathologie des Zeitgeistes ausmachte, mit Folgen, die letztlich die ganze Welt ins Unheil führte. Aber wie gesagt: Es kommt nicht darauf an, die Welt zu retten, sondern das sicht- und/oder fühlbar Unvollendete mit selbstverantwortlichen Handlungen in eine Sinnverwirklichung zu führen. Und dabei kommt es eben nicht darauf an zu handeln, damit man sich fühlt, sondern darum, wofür man gut ist. Und die damit verbundene Frage des eigenen Lebens lautet: „Was wäre wohl einmal nicht geworden ohne mich und ohne meine Verantwortlichkeit.“

Unvollendetes wartet jederzeit auf einen, meinen, Beitrag. Und dieser Beitrag kann zum Beispiel sein, etwas zu schaffen, zu mindern, zu lindern, zu ändern, zu heilen, zu danken, zu klären und vieles mehr. Kein Beitrag dagegen zeigt sich im Abwenden, Schulterzucken, Warten auf den Anderen und vielen anderen Sinn-Abwehrmechanismen mehr. Wem der Moment egal ist, der ist sich selbst egal, psychologisch ein absehbar lebenskritischer Zustand. Und so gar nicht dem Menschen in die Wiege gelegt. Denn der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das von Anbeginn an die Hoffnung und Vision von einer stets besseren Welt entwickelte.

Vielleicht ist dies auch einer der Gründe, weshalb so viele Menschen trotz erheblicher persönliche Einschnitte in die Lebensplanung und -qualität nicht aufgeben etwas dafür zu tun, dass sich die pandemische Situation am Ende zur Kräftigung des Gemeinwohls entwickeln wird. Etwas zu tun, also einige der vielen Sinnmöglichkeiten heute zu verwirklichen und nicht zu verwirken meint, aus einem noch Unvollendeten in persönlicher Freiheit und Verantwortung etwas beizutragen, was in die Welt hineingeschafft gehört. Viktor Frankl hatte diesen Gedanken auch bereits pointiert als er meinte, es sei nicht die Aufgabe des Menschen etwas aus der Welt, sondern etwas in die Welt zu schaffen.

Was also soll sein, nachdem Sie sich umgeschaut haben? Jeder Mensch entscheidet sich immerfort. Jammern, Schimpfen, Klagen, Zaudern, Meckern oder Handeln, ohne sich dabei selbst im Weg zu stehen.

Wer nun meint, die Welt sei sowieso zum Scheitern verurteilt, weil man ja nur um sich herum schauen muss, um Leid in allen Formen zu erblicken, der mag vielleicht einmal die Perspektive wechseln: Wer sich bei allem Unvollendeten nicht bewegt und bis zum jüngsten Tag wartet, auf den wird man vielleicht einmal schauen und sagen: Dieser Mensch stand in der Welt, um ihn herum ein Meer der Möglichkeiten und er ertrank in sich selbst.

Life2Me®- [Selbst-]Coaching

Vor einigen Jahren haben wir in unserer Augsburger Praxis für Logotherapie, Existenzanalyse und Schematherapie das in Deutschland einzige Online-Angebot zur Individuellen Krisenprävention entwickelt. Life2Me® vereint dabei eine umfassende Betrachtung potenzieller Belastungsereignisse und ein über 100 Seiten starkes Workbook, mit dem ein Nutzer dann seinen eigenen Umgang mit nicht auszuschließenden Krisen reflektieren kann.

Als psychologisches Fundament von Life2Me® dienen uns sowohl Erkenntnisse der Verhaltenstherapie als auch der sinnzentrierten Psychotherapie nach Viktor Frankl. Die einen Menschen auf seine ‚Lerngeschichte‘ reduzierende Verhaltenstherapie fokussiert auf ‚Fehlkonditionierungen‘, im Kern also auf die der Lebensqualität einer Person unzuträglichen Verhaltensweisen. Der Vorgeschichte der Belastungssymptome, die sich für die Person durch ihre Verhaltensweisen zeigen, wird in der Verhaltenstherapie eher weniger Bedeutung beigemessen. Vielmehr geht es hier um das Neulernen alternativer Verhaltensweisen, wobei wir wissen, dass dieses Vorgehen die alten dysfunktionalen Verhaltensweisen nicht auslöscht, sondern sie sozusagen ‚überschreibt‘.

Dieses Überschreiben ist fraglos dann schwierig, wenn sich das Verhalten als eine Art ‚Überlebensschema‘ bereits früh im Leben entwickelt hat. Solche Schemata erweisen sich im weiteren Lebensvollzug dann häufig als ‚Lebensfallen‘, weil die Person immer und immer wieder mit demselben Repertoire an Verhalten auch an sich veränderte Lebensumstände herangeht. Zum Beispiel kann eine Person ihre ‚Welt‘ als bedrohlicher ansehen als sie ist oder sie sieht sich selbst als bedeutungsloser an als ihr dies aus ihrem Umfeld zurückgespiegelt wird. Welches Schema auch immer in einer Person aktiviert ist, eines ist klar: das Schema versucht seinerseits zu überleben, denn es war lange Zeit die einzige Antwort, die die Psyche für die Bewältigung der sie belastenden Situationen verfügbar hatte. Dies gilt es aus unserer Sicht immer zuerst zu würdigen, bevor die Person eingeladen wird, sich von ihr zu distanzieren.

Ist die Person dazu jedoch bereit, dann arbeiten wir in unserer Praxis nicht mehr ‚oberflächlich‘ am Neulernen von Verhalten, sondern an einer Stärkung der Bewusstheit eigener Werte und ihres Wertegefühls. Hierfür ist für uns das sinn- und werteorientierte Therapiekonzept von Viktor Frankl die Methode der Wahl. In der von ihm entwickelten ‚Logotherapie‘. Mit ihr nimmt die Person sowohl kognitiv als auch emotional einen neuen Bezugspunkt zu dem vor ihr liegenden Leben ein. Nicht ‚warum‘ ist mir etwas im Leben geschehen, sondern ‚wofür‘ fühle ich mich heute und hier von meinem Leben aufgerufen steht im Vordergrund der Gespräche in Therapie oder Coaching.

Mit diesem integrativen Konzept können wir nun auch in Life2Me® arbeiten. Dabei richtet sich das an Menschen, die sich nicht in einer akuten Krisensituation befinden, die aber ein Interesse haben, sich in privater Umgebung und mit Ruhe und Muße mit ihrer bisherigen Persönlichkeitsentwicklung zu befassen als sich auch in die Situationen hineinzudenken und -fühlen, die das eigene Leben wohl als besondere Herausforderungen noch parat hat.

Wer sich auf diese Reise macht, der kann einem an Viktor Frankl angelehnten Gedanken folgen, nämlich dem, dass sich ein Mensch nicht alles von seinem Unbewussten, Vorbewussten, Verdrängten oder Traumatisierten gefallen lassen muss. Jeder Mensch ist weit mehr als das und richtet er seine Energie auf das, was ihm sein Leben an Sinn jederzeit bereithält, dann findet vieles im Leben seinen Platz dort, wo es hingehört: In den psychischen Aktenschrank des Gewesenen.

Sich, wie es die klassische Psychoanalyse und andere vergangenheitsorientierte Therapien in aller Regel tun, darauf auszurichten, das Unbewusste ins Bewusste zu heben, kann einen Menschen sehr lange von dem fernhalten, was die Welt an nur von ihm zu beantwortenden Fragen bereithält. Unser Menschenbild, das auch die Basis von Life2Me® ist, vertraut auf die Fähigkeit jedes Menschen zu einem solchen Perspektivenwechsel.

So wenig nur wie unbedingt nötig, lautet daher unsere Arbeitshaltung, wenn es darum geht, sich mit der Vorgeschichte von Störungen oder der individuellen mentalen und emotionalen Befindlichkeit entlang belastender Erinnerungen oder Erlebnisse zu beschäftigen. So viel wie irgend möglich dafür die Ausrichtung auf die Klärung und Entwicklung der eigenen Werte und auf die Sensibilisierung der weltoffenen Wahrnehmung auf das, was trotz aller Vergangenheit im eigenen Leben nie wertlos geworden ist.

Was geschehen kann, wenn Sie sich auf die Life2Me®-Reise – entweder ganz allein mit dem Selbstcoachingangebot und/oder in Ergänzung mit flankierenden Vertiefungsgesprächen – machen?

  • Erlernen alternativen Umgangs mit Belastungssituationen und Krisen
  • Stärkung des von Fremdeinflüssen bestmöglich befreiten, echten Selbstwertgefühls
  • Aufdecken ungeahnter Ressourcen zur Gestaltung des Lebens, das für Sie ‚von vorn‘ kommt
  • Deutlich verbesserte Orientierung und Konzentration auf das Mögliche im Kontext eigener Lebensziele

Das Auge

Zur Erklärung seiner Sinntheorie hat Viktor Frankl immer wieder zu spannenden Metaphern gegriffen. Um die spezifisch nur dem Menschen mögliche Selbsttranszendenz zu erklären, nutzt er mit dem ‚Auge‘ ein sehr deutliches Beispiel für die Weltoffenheit des Menschen. Denn, „die Fähigkeit des Auges, die Welt außerhalb seiner selbst wahrzunehmen, ist in dem Maße gestört, in dem das Auge auch nur im Geringsten sich selbst, beziehungsweise etwas innerhalb seiner selbst, etwa eine Linsentrübung wahrnimmt… unser Sehvermögen ist transzendent“. Es klingt paradox, aber die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrnehmen zu können, hängt von seiner Unfähigkeit ab, sich selbst zu sehen. Nur das kranke Auge sieht sich selbst. Wenn ein Mensch zum Beispiel an einem grauen Star leidet, dann nimmt es sein Auge in Form eines grauen Nebels wahr, ist er an einem grünen Star erkrankt, dann sieht er rings um die Lichtquelle einen Hof von Regenbogenfarben. In jedem Fall, wenn das Auge etwas von sich selbst sieht, ist es krank. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen.

Mit seinem Verweis auf die Weltoffenheit des Menschen beschreibt er dessen Fähigkeit, über sich selbst hinauszuweisen. „Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergisst, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er selbst Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität“.

Ein Mensch, der sich immer wieder nur mit sich selbst, seiner Selbstoptimierung, seiner Selbstverwirklichung befasst, ist letztlich ein Mensch, der in seinem ‚Willen zum Sinn‘ frustriert ist. Wessen Sinnfindung blockiert ist, der befasst sich mit sich selbst, der versucht, sich selbst Sinn zu machen. Aber: Aufgrund seiner Selbsttranszendenz ist der Mensch eigentlich immer ausgerichtet auf einen Sinn, eine Aufgabe, die ihm sein Leben [und eben nicht er sich selbst] stellt. Auch hier findet Frankl ein gutes Beispiel: Die eigentliche Aufgabe des Bumerangs ist nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, zum Jäger zurückzukehren. Er soll vielmehr die Beute treffen und töten. Hat der Bumerang jedoch sein Ziel verfehlt, dann kehrt er zum Jäger zurück. Ähnlich kehrt der selbstbezügliche Mensch immer wieder zu sich selbst zurück, reflektiert so sehr über sich selbst, da er seine eigentliche Erfüllung verfehlt hat. Selbstbezüglichkeit und Weltoffenheit stehen sich damit diametral gegenüber.

Was ermöglicht es dem Menschen, seine per se gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz zu nutzen? Diese Frage beantwortet Frankl mit seinem Verweis auf das ‚geistig Unbewusste‘. Während Siegmund Freud noch im Unbewussten lediglich ein Reservoir verdrängter Triebhaftigkeit sah und einen Mensch als ‚krank‘ diagnostizierte, der die Frage nach dem Sinn im Leben stellte, entfernt sich Frankl von der Vorstellung, der Mensch sei ein einzig von seinen Trieben beherrschtes Wesen. Im Gegenteil: Der Mensch ist das Wesen, das von seinem unbewusst Geistigen getragen wird. So wie beim Auge, das dort, wo der Sehnerv in die Netzhaut eintritt einen ‚blinden Fleck‘ hat, so ist das Geistige dort zu finden, wo der Mensch sich trotz aller Selbstbeobachtung und Selbstreflexion gegenüber blind ist. Dort, wo er „ganz ursprünglich, ganz er selbst ist, ist er sich selbst unbewusst“ [Frankl]. Dieses ‚Geistig-Sein‘ zu entdecken und seine Möglichkeiten zur Lebensgestaltung offenzulegen, ist eine der Aufgaben eines Logotherapeuten oder eines sinnzentriert arbeitenden Coachs. Er hilft dem Menschen dabei, sich seine ihm unbewusste Geistigkeit bewusst zu machen. Sie möchten hierzu Beispiele? Gerne, schauen Sie in diesem Buch in die Praxisfälle …