Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl

Das Kohärenzgefühl

„… die Art, wie man seine Welt sieht … die eigene Realitätskonstruktion … ist ein entscheidender Faktor für Coping [Bewältigungsweisen insbesondere bei Krisen] und Gesundheit.“ [Antonovsky]

Das Kohärenzgefühl

„… ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat;

  • dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
  • dass einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
  • dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“

Das Gefühl von Sinnhaftigkeit beschreibt das Ausmaß, in dem man das Leben als emotional sinnvoll empfindet: Dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, dass man Energie in sie investiert, dass man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet; dass sie eher willkommene Herausforderungen sind als Lasten, die man gerne los wäre.

Antonovsky sieht diese motivationale Komponente als den wichtigsten Aspekt des Kohärenzgefühls an, denn ohne das Erleben von Sinnhaftigkeit neigt der Mensch dazu, das Leben vor allem als Last zu empfinden und jede weitere sich stellende Aufgabe als Qual. Und er schreibt: „Diejenigen, die nach unserer Einteilung ein starkes Kohärenzgefühl hatten, sprachen immer von Lebensbereichen, die ihnen wichtig waren, die ihnen sehr am Herzen lagen, die in ihren Augen ‚Sinn machten‘ – und zwar in der emotionalen, nicht nur der kognitiven Bedeutung des Terminus … kurz nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, wurde ich auf Frankls Werk aufmerksam, und es beeinflusste zweifellos die Wahl der Bezeichnung dieser Komponente.“

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Das Konzept von Antonovsky, das er ‚Salutogenese‘ nannte, wurde weit zuvor durch Aussagen Frankls in der Darstellung seiner Sinntheorie bereits deutlich gemacht:

„…was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein ‚an sich‘, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück von selber ein.“

Aller guten Dinge sind Zwei, alle besseren sind Drei

Menschen haben körperliche und psychische Triebe und Bedürf­nisse, die für sie handlungsleitend sind. Auch, wenn ihnen dies zum Nachteil gereicht, zum Beispiel dann, wenn sie keinen Verzicht üben, obwohl ihr Gesundheitszustand gerade dazu rät. Ob Schlemmerei, sexuelle Anzie­hungskraft oder selbst der Sport: vieles kann für einen Menschen so attraktiv sein, dass er glaubt, ihm nicht  widerstehen zu können. Für uns in der Logotherapie ist diese Perspektive zu flach, denn im Kern kann sich jeder Mensch aus besseren Gründen entscheiden, sich nicht seiner Psyche abzugeben.

Der Freiheitsbegriff der Logotherapie ist ein stets positiver. Der Mensch ist zwar nie frei von Zuständen, Umständen und Bedingungen, aber er ist grundsätzlich frei, zu ihnen Stellung zu beziehen. Anders als in reduktionistischen zweidimensionalen Menschenbildern verweist Viktor Frankl auf die dritte, spezifisch menschliche Dimension des Geistigen. Sie reicht über die physische (somatische) Dimension und die psychische Dimension bestehend aus Emotionen, Kognitionen, das angebo­rene Temperament und die Anlage fur bestimmte Charak­ter- und Persönlichkeitseigenschaften hinaus. Die geistige Dimension adressiert das, was wir auch das spezifisch Humane nennen können wie das Gewissen, die Spiritualität, die Ausrichtung auf ethische Aspekte, die Verwirklichung von Werten, Liebe und Hingabe, Sinnsuche und Sinnfindung.

„Leibliches wird durch Vererbung geschenkt. Seelisches wird durch Erziehung gelenkt. Geistiges jedoch kann nicht erzogen werde, Geistiges muss vollzogen werden – Geistiges IST überhaupt nur im Selbstvollzug, in der Vollzugswirklichkeit der Existenz.“ Viktor Frankl

Habermas und Frankl

Vor kurzem starb Jürgen Habermas. Und mit ihm eine Ära hochgeistiger Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit. Vor einem Vierteljahrhundert befasste er sich in seinem Beitrag ‚Glaube und Wissen‘ mit dem Verhältnis von Religion und moderner, säkularer Vernunft. Habermas fragte, wie religiöse Überzeugungen und wissenschaftlich-rationales Denken in modernen Gesellschaften zusammenleben können.

Auch in Gesellschaften, die stark von Wissenschaft, Rationalität und Technik geprägt sind, ist die Religion dennoch nicht einfach verschwunden. Habermas nennt solche Gesellschaften daher ‚postsäkular‘. Religion bleibt gesellschaftlich relevant und religiöse Gemeinschaften wirken weiterhin auf Moral, Politik und Kultur ein. Und damit auch auf die Spannung zwischen Wissen und Glauben.

Während Wissen auf wissenschaftlicher Rationalität basiert, prüfbar und argumentativ begründet ist, beruht der Glaube auf religiösen Überlieferungen und Offenbarung mit dem Zweck, moralische Orientierung zu geben und eine Aspekt von Identität zu stiften.

Habermas lehnte sowohl reinen Säkularismus als auch religiösen Fundamentalismus ab. Er plädierte, religiöse Menschen sollten ihre Argumente in einer Weise formulieren, die auch Nicht-Religiöse verstehen können. Und säkular sozialisierte Menschen sollten Religion nicht einfach als irrational abtun, sondern anerkennen, dass religiöse Traditionen für Menschen moralische Ressourcen enthalten können. Er betonte, dass viele moralische Ideen der Moderne wie die Menschenwürde oder die Solidarität historisch aus der Religion stammen und bis heute ethische Orientierung liefern.

Interessant wurden für mich die Gedanken von Habermas im Kontext der Sinntheorie von Viktor Frankl. Vermutlich würde Habermas ähnlich wie Frankl in unserer hoch rationalisierten Gesellschaft, die von Wissenschaft, Technik und Marktlogik geprägt ist, den Befund schreiben, dass viele Menschen trotz aller Errungenschaften eine Art Sinnleere in sich spüren. Er würde dann wohl darauf abheben, dass in einer modernen Gesellschaft Sinn vor allem durch kommunikative Verständigung, Dialog und gemeinsame Normen entsteht.

Für Frankl wäre das wohl zu wenig. Er würde auf das aus seiner Sicht grundlegende Bedürfnis des einzelnen Menschen, seinen Willen zum Sinn, verweisen. Jeder Mensch muss letztlich selbst entdecken, wofür er lebt – sei es durch Arbeit, Liebe oder durch die Haltung zu einem Leid.

Habermas könnte dem leicht widersprechen und darauf abstellen, dass in pluralistischen Gesellschaften individuelle Sinnkonzepte auseinanderdriften können und es darum eine öffentliche Vernunft brauche, in der Menschen ihre Überzeugungen austauschen und begründen.

Womöglich würde sich Frankl hier auch nicht entgegenstellen, sondern individuelle Sinnsuche und gesellschaftliche Kommunikation als sich ergänzend darstellen. Der Kern der Sinntheorie hielte diesen Gedanken auch aus, denn Sinn kann nicht einfach erfunden oder beschlossen werden. Er wird entdeckt, oft im konkreten Handeln oder in der Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Und hierfür kann die gesellschaftliche Kommunikation eine wichtige Sinnquelle sein – ebenso, wie auch religiöse Traditionen moralische Ressourcen enthalten können, die für viele Menschen einen Sinngehalt darstellen. Nur – würde Habermas wohl ergänzen – wäre es wichtig, dass diese Traditionen im öffentlichen Diskurs übersetzbar bleiben.

Ich schätze, dass Frankl trotz tendenzieller Zustimmung zu Habermas aber dazu anregen würde, Sinn und Religion grundsätzlich auseinanderzuhalten. Er würde darauf verweisen, dass Menschen Sinn finden können, wenn sie – jenseits allen Religiösen – fühlend erkennen, dass ihr Handeln für andere Bedeutung hat. Sicher würde er ergänzen, dass nicht das Leben, auch nicht das religiöse, vom Menschen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern dass es geradewegs andersherum ist: Das Leben stellt dem Menschen Fragen, und der Mensch verantwortet durch sein Handeln seine Antwort und Stellungnahme seinem Leben gegenüber.

Als Synthese beider Theorieaspekte könnte man es so formulieren: Wenn Menschen Verantwortung übernehmen und zugleich miteinander im Gespräch bleiben, können sie in einer komplexen, säkularen Welt Sinn entdecken und ihn auch über Dialog und Diskurs verwirklichen.

Viktor Frankls Sinn-Lehre erlebt ein Comeback …

… schreibt boerse-global.de 

Führende Gesundheitsorganisationen stellen den Aspekt der Sinnfindung ins Zentrum ihrer Prognosen im Kontext der Weiterentwicklung von Arbeit. Die Sinntheorie Viktor Frankls wird dabei als notwendiges Werkzeug für den Umgang mit einer hyper-technologisierte Welt neu entdeckt.

Sinn statt ständiger Produktivität

Burnout klassifizieren Trendforscher heute zunehmend als systemisches Gesundheitsproblem. Ihm muss präventiv durch Sinnfindung begegnet werden – nicht durch besseres Zeitmanagement oder Selbstoptimierung. Viele Unternehmen suchen daher nach intelligenteren Gegenmaßnahmen zu dieser Fehlentwicklung.

KI verschärft die Frage nach dem “Wozu?”

Ein wesentlicher Treiber für Frankls Comeback ist die fortschreitende Integration Künstlicher Intelligenz. Da KI immer mehr und schneller Routineaufgaben übernimmt, entsteht bei vielen Menschen ein Vakuum der Selbstwirksamkeit. Es droht eine existenzielle Leere.

Sinn wird zunehmend zu einer neuen ‚Währung‘

Hinter der Entwicklung steht eine Reaktion auf die “Polykrise” der letzten Jahre. Nach globaler Instabilität suchen Menschen und Organisationen nach robusteren Ankern als dem rein materiellem Erfolg. Die Möglichkeit, Werte zu verwirklichen, wird zum Wettbewerbsvorteil bei der Mitarbeitergewinnung und -bindung. Frankls Sinnlehre, in der es genau darum geht – um Sinnfindung durch Werteverwirklichung – wird damit zum Ausgangspunkt einer neuen Unternehmenskulturentwicklung, als harter Faktor der Gesundheitsökonomie und des Personalmanagements.

Spannend, dass diese Erkenntnisse nun auch die Börsenwelt erreicht hat.

Die Forschungsgrenzen eines Momentes

Seit 25 Jahren arbeite ich als Coach, seit 19 Jahren leite ich zudem eine psychotherapeutische Praxis. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Situationen, in denen mir Klienten über ihre Gedanken zum Tod berichteten. Eine Geschäftsführer berichtete über den Suizid des Sohnes eines seiner leitenden Mitarbeiter, über dessen Kummer und die Auswirkungen auf die Familie, das private und berufliche Umfeld. Ein anderer berichtete über seine eigene unheilbare Krebserkrankung und das Kartenhaus, das wie vom Blitz getroffen dabei sei einzustürzen. Eine andere Person beschäftigte die Frage, wie denn die Diagnose einer recht seltenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung von ihm seiner siebenjährigen Tochter vermittelt werden könne. Der Tod von Freunden, Angehörigen, Eltern, der eigene Tod oder der des Lebenspartners – die bisherige Bandbreite war groß und es wunderte mich aufgrund meines thematischen Schwerpunktes ‚Krise‘ nicht, dass oftmals die Frage in den Raum gestellt wurde, welchen Sinn das eigene Leben wohl hatte oder welchen es noch haben könne, wenn doch ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sei. Gerade dann, wenn die letzten Seiten des Lebensbuches aufgeschlagen werden, wollen viele Menschen darüber sprechen, was es für sie heißt, da gewesen zu sein und was es heißt, wenn sie aus der Sichtbarkeit heraustreten und für die Menschen, die ihnen nah waren, in den Raum der Erinnerung wechseln.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in denen Psychologie auf meinem Lehr- und Lernplan stand, fand sich dort ein Thema nicht: der Tod. Vielmehr wurde gefragt, wie Menschen wahrnehmen, wie sie empfinden, wie sie fühlen, sich verhalten, sich motivieren oder handeln. Blickt man in die junge Geschichte der Psychologie und Psychotherapie zurück, dann waren das die Kernthemen, später dann natürlich flankiert durch Statistik, Diagnostik und dann bis heute durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Die Thanatopsychologie, die sich mit Erleben und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund seines Wissens um die Sterblichkeit befasst, gehört zu den sehr jungen Ablegern der psychologischen Wissenschaft.

Wie tickt der Mensch im Kontext von Sterben, Tod und existenziellen Fragen wie der nach dem Sinn des gelebten Lebens? Dass mit Viktor Frankl eine Schule der Psychotherapie eröffnet wurde, in der Fragen integral verhandelt werden, die früher entweder in der Psychologie, der Theologie oder der Philosophie ihren Platz fanden, macht die Komplexität deutlich, der sich Menschen gegenüber gestellt sehen, wenn sie sich berührt fühlen von offenen Fragen, deren Bearbeitung kaum mehr von einer Einzelwissenschaft geleistet werden kann. Aber ist eine ‚Universalwissenschaft Psychologie‘ die passende Antwort darauf?

Wenn irgendetwas in der Welt geschehen ist, wo es so richtig menschelte, dann fragt man die Psychologie. Was geht nur in Menschen vor, die …? Wie können diese Leute bloß …? Was kann man gegen Typen wie diese nur unternehmen, dass …? Und wenn etwas ‚in mir‘ geschehen ist, dann liegt die Analogie auf der Hand. Da, wo Mensch drin ist, da ist auch Psyche drin. Und wenn das so ist, dann sollte die Psychologie für jedes dieser psychischen Prozesse und Phänomene auch Antworten parat haben. Wie motivieren sich Menschen, und wie ich mich? Wie finden Menschen Sinn, und wie ich? Wie empfinden Menschen Glück, und warum ich nicht? Wie sterben Menschen, und wie wohl ich?

Wird Wissenschaft so gefragt, dann geht sie auf die Suche, sie forscht. Je nach wissenschaftlichem Hintergrund haben Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten von Wissenschaftlern gelernt, was von diesen zuvor erforscht wurde. Und da ‚Mensch‘ in der Psychologie in den unterschiedlichsten Facetten seines Seins erforscht wurde, hat jede Schule ihre Schüler hervorgebracht, die am verlängerten Arm der Forschung Menschen einen Ausschnitt von Allem zur Erklärung ihrer subjektiven Anliegen anbieten. So kann man sich leicht vorstellen, dass man bei einer spezifischen Frage, zum Beispiel der nach der Sinnfindung, aus den verschiedenen Forschungsrichtungen auch verschiedene Antworten erhält. Das macht es nicht gerade leichter.

Und schon hat man ein Problem. Gehen Sie in eine Buchhandlung und schauen Sie nach seriösen, also wissenschaftlich fundierten Büchern zu einer für Sie existenziellen Fragestellung. Sie werden fündig werden, das ist klar. Aber werden Sie Antworten erhalten auf Fragen wie: Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Sinnimpulses? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Zufalls? Was genau geschieht im Moment des Fühlens von Glück? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung einer Fügung? Was genau im Moment der Wahrnehmung des Todes? …

Noch müssen wir attestieren: Nie hatten Menschen so viel Wissen wie heute. Nie standen ihnen so viele Tools und Methoden zur Selbsterkenntnis und -reflexion zur Verfügung. Wir greifen zurück auf Sinnforschung, Glücksforschung, Sterbeforschung … und doch haben weder KI noch wir auf die Frage, was genau in einem existenziellen Moment geschieht, die Antworten. Mehr noch, trotz aller dieser Forschungen ist kaum eine Generation so sinnsuchend, unglücklich, sterbeängstlich wie die unsere – so man der Forschung dazu glaubt (sic!)

Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, will man der Psychologie alleine Antworten auf existenzielle Fragen abringen. Und es ist nachvollziehbar, dass Menschen – eingedenk der Leerstellen der Forschung – dann andere Dinge tun in der Hoffung, dadurch auf Antworten für sich zu treffen. Die Gründe sind vielfältig, warum immer mehr Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – die Antwortsuche nicht mehr mit dem Begriff des liturgischen Gebetes in Verbindung bringen.

Eine integralere Anmerkung dazu: kann ein Gebet in vMeme Beige noch als Stoßgebet im Kontext einer Überlebenskrise verstanden werden, erfahren Dialoge mit dem, was ‚Mensch‘ als seine tiefste innere Instanz versteht, auf anderen Ebenen der Bewusstheit eine völlig andere Qualität. Ich nenne – als Angebot – die ‚Gebete‘ im vMeme purpur Beschwörungsgebet, in rot Anspruchsgebet, in blau  Pflichtgebet, in orange Zweckgebet, in grün Sozialgebet.
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Beige: Hilf mir, damit ich überlebe.
Purpur: Halte das Böse fern, und sei uns gnädig.
Rot: Hilf mir, damit ich stark bin.
Blau: Dein Wille geschehe und bitte, vergebe uns.
Orange: Hilf mir, mein Ziel zu erreichen.
Grün: Lass uns verstehen und heile, was verletzt ist.

Anstelle von Gebets-Dialogen begann mit den 1970er-Jahren zunehmend die Meditation für viele Menschen attraktiv zu werden. Einen innerpsychischen Zustand tiefer Entspannung zu bewirken, war im Getöse der Zeit von damals eine Art Heilsversprechen, das man meinte, sich selbst geben zu können. Dieses Versprechen reicht bis heute, auch, wenn mit der Angebotswelt der Achtsamkeitslehren immer weitere Aspekte und Methoden hinzukamen. All diesen Angeboten gemein ist, dass es dabei für den Menschen stets um seinen psychophysischen Zustand und dessen Verbesserung geht. Was dabei jedoch schlicht fehlt, ist ein Gegenstand außerhalb seiner selbst, auf den er sich transzendierend beziehen könnte.

Viktor Frankl sinngemäß dazu: Die eigentliche Frage sollte nicht lauten „Was ist gut für mich?“, denn diese Frage stellen Menschen umso stärker, je unglücklicher sie sind. Die reifere Frage hingegen lautet: „Wofür bin ich gut?“

Weitergedacht ist dieser Perspektivenwechsel eine klare Absage gegen die ich-bezogenen Empfehlungen Positiver Psychologie oder auch gegen Konzepte wie das der Selbstverwirklichung, heute der Selbstoptimierung. Werde ich als Therapeut gefragt, ‚wie kann ich mich am besten selbst verwirklichen‘, und ist meine Antwort nicht als Methodiker gewünscht, sondern als ‚Hoffender auf das Beste‘, dann antworte ich: ‚Verwirklichen Sie bloß nicht all das, was Ihnen selbst möglich ist. Das Ergebnis könnte Sie sonst in Schrecken versetzen. Verwirklichen Sie nur das, was wert ist, von Ihnen verwirklicht zu werden.“ Und ergänzend: ‚Sobald sich die Möglichkeit bietet, dann verwirklichen Sie nur das, was zu einem gegenständlichen Gefühl in Ihnen führt, und nicht nur zu einem Zustandsgefühl. Fühlen Sie ein Gegenstandsgefühl, dann liegt nahe anzunehmen, dass Sie nicht sich selbst verwirklicht, sondern Sinn erfüllt haben.“

Anders gesagt: Menschen verarmen nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie nicht geben. Wer also möchte, dass sein Bestes existiert, muss es in die Welt bringen (wenn er dies in einem bestimmten Moment tut, so ist auch dieser Moment keiner, der erforscht werden könnte). Und das Beste ist niemals nur ein psychischer Zustand, den ein Mensch fühlt, sondern immer ein Beitrag, mit dem er sich trotz des (positiven oder negativen) Zustands für jemanden oder etwas hingibt.

Wenn man sinnsatt wäre

Als Logotherapeuten brennen wir für den ‚unbedingten Sinn‘.
Wir wissen um den besonderen Prozess der individuellen Sinnsuche.
Suchen, zweifeln, verzweifeln, verwerfen, neu beginnen, anders suchen, neu zweifeln – solange bis jemandem oder etwas eine zwingende Bedeutung beigemessen wird.
Wäre dieser Prozess nicht ein menschliches Existenzial, dann wäre der bereits satte Mensch ein eingeschläfertes Wesen.

Ralph Schlieper-Damrich

Der Patient in der Logotherapie hat ein Bild von seiner Welt.
Der Therapeut verschafft sich ein Bild. Und macht sich also ein Bild von einem Bild.
Dies ist niemals wahr, vielmehr eher verzerrt.
Die Zerrung reizt den Therapeuten, 
 er sucht nach Wegen der Ent-Zerrung.
Dabei borgt er dem Patienten neue Bilder.

Der Patient in der Logotherapie findet in seiner Welt ein neues Bild.
Es ist nie das geborgte, sondern ein in ihm geborgenes.

Ralph Schlieper-Damrich

Für ein 2026 ohne iatrogene Neurosen

Eine iatrogene Neurose kann durch unbedachte Äußerungen oder Diagnosen eines Arztes oder Therapeuten entstehen, die den Patienten glauben machen, sei körperlicher oder psychischer Zustand sei bedenklich. Menschen, die eine Ängstlichkeit im Leben aufweisen, sind für solche Aussagen besonders empfänglich und entsprechend gefährdet.

Wir haben uns in unserer logotherapeutischen Praxis zueigen gemacht, normative Aussagen im Sinne eines „Sie sind krank“ zu unterlassen, sondern eine Zustandsbeschreibung eher so zu formulieren: „Das bisherige Bild der Untersuchung zeigt an, dass Sie eine Auffälligkeit darin zeigen ….“ oder „Nach derzeitigen diagnostischem Befund haben Sie ….“ – damit wird stets vermieden, den falschen Eindruck zu erwecken „der ganze Mensch sei krank“ oder „die Diagnose habe ‚recht'“. Vielmehr gilt: Der Mensch hat eine Erkrankung und gleichwohl hat er freie Ressourcen, die er in eigener Verantwortung einsetzen kann, um sein Leid zu mindern.

Dies zu erwähnen, liegt mir deshalb am Herzen, weil ich sehr oft mit Menschen spreche, die ihre eigentliche Frage, deren Beantwortung eine psychische Not wenden würde, nicht genau kennen, aber in ihrer Sorge, Verzweiflung oder Ratlosigkeit bei Dr. Google oder SchwätzGPT Antworten erhalten, die sie mehr verwirren als sie ihnen nutzen. Merke: Auch diese Maschinen können in einem Menschen eine veritable iatrogene Neurose bewirken. Darum: Augen auf bei der Nutzung in diesem Fall künstlicher Dummheit.