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2024 – neu: 16. Erste Idee für eine Integrale Logotherapie

Da wird man nichtsahnend in die Welt geworfen und wird mit dem ersten Luftschnapper auf Konfrontation geeicht. Von einem Jemand oder einem Etwas. Der Raum der Erwartungen, in den man da hineinkonfrontiert wird, ist vollgestopft mit Vorstellungen, Idee, Wünschen, Hoffnungen und Motiven anderer. Man wird erzogen, belehrt, sozialisiert, ausgerichtet, indoktriniert, unterrichtet, instrumentalisiert, geprägt, … – meist mit guten Absichten, in liebevollen Beziehungen, Strukturen und gar nicht mal so selten mit dem Gedanken der Eltern, mit eigenen Kindern der Welt etwas zurückgeben zu können, was man selbst einst empfangen hat: mit Leben. Ausgleich, Bindung, Ordnung: diese drei Prinzipien dürfen in keinem System verletzt werden, ansonsten drohen Stress, Konflikt oder Krieg. Systemiker haben aus diesen Überlegungen heraus zentrale ‚Systemgesetze‚ abgeleitet [einfach mal nach diesem Begriff die Suchmaschine anwerfen]. Wird das Selbstsystem, das Familiensystem, das Arbeitssystem, …, das Gesellschaftssystem, … nicht entlang dieser  Gesetze gestaltet und gesteuert, dann gibt’s über kurz oder lang Probleme, Störungen, Krankes und Verletzendes.

Wer sich durch Geburt in sein Leben hineinwirft, hat es demnach bereits mit bestehenden Prinzipien zu tun, die diesem Leben einen ‚gesetzten‘ Rahmen verleihen. In den ersten Jahren hat das Kind mit den elterlichen Interpretationen dieser Prinzipien zu tun, in der Pubertät wird an diesen dann mehr oder weniger gerüttelt und später dann ‚erwächst‘ die Freiheit und die Verantwortung dafür, erlebte Verletzungen der Prinzipien durch Eltern, Mitschüler, Lehrer, Geistliche … zur Heilung zu bringen. Systemisch arbeitende Therapeuten können dabei helfen, manchmal reicht aber bereits eine angeborene oder entwickelte Resilienz, um hinter sich lassen zu können, was nach hinten gehört.

Eine andere ‚Alternative‘ bieten zuweilen Sekten, gewisse Parteien oder manipulative Menschenfänger an, die suggerieren, sie könnten quasi die Arbeit für die real oder vermeintlich von Systemverletzungen betroffene Person erledigen. Dafür müsse die Person sich einfach bei ihnen abgeben, sie wählen oder sie auf ihrer schiefen Bahn begleiten. Dass sich Menschen davon beeindrucken und beeinflussen lassen, war schon immer so und wird – sollten nicht mehrere Wunder geschehen –  leider wohl auch immer so bleiben. Damit nun diese ‚Alternativen‘ mit ihren toxischen Energien in Grenzen gehalten werden, müssen sich die Systemgesetze als robust erweisen, ohne dabei die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen zu erwürgen. Ein solcher Prozess ist immer eine Gratwanderung, ihn aufzugeben oder auf dem Grat falsch abzubiegen jedoch führt geradewegs ins dystopische Verderben.

Auf Wunder warten? Auf dem Grat womöglich falsch abbiegen? Das klingt anstrengend, riskant, allemal untauglich und genau genommen dem Menschen mit seinen heute schier unendlichen Möglichkeiten der individuellen Entwicklung auch gewissermaßen unwürdig. Wenn nun aber – zumindest in unserer Kultur – die Würde des Menschen unantastbar ist, dann mag sich anbieten darüber nachzudenken, dass dieser Grundsatz unseres Zusammenlebens keine Einbahnstraße ist. Auf der Gegenspur darf er so verstanden werden, dass jeder Mensch in der Verantwortung steht, sich seiner Selbstwürde bewusst zu werden. Von innen kommende Selbstwürde und von außen kommende Menschenwürde bilden letztlich gemeinsam das Fundament, damit die ‚Systemgesetze‘ ihre Kraft behalten und entfalten.

Stimmt man nun der Annahme zu, dass jeder Mensch einen individuellen Schatz der Selbstwürde in sich trägt, dann ließe sich daraus eine Fülle von Fragen ableiten, die sich jeder Mensch stellen könnte, um sich über den Status dieses Schatzes bewusst zu werden – zum Beispiel:

  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass durch meine Entscheidungen und Handlungen andere Menschen direkt oder indirekt zu Schaden kommen?
  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass von mir beauftragte, gewählte, empfohlene Personen oder Personengruppen mit ihren Entscheidungen und Handlungen andere Menschen direkt oder indirekt existenziellen Schaden zufügen?
  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass ich im Falle eines durch mich [oder durch meine Beauftragung, Wahl oder Empfehlung von Personen oder Personengruppen] entstandenen direkten oder indirekten existenziellen Schaden an anderen Menschen meine Verantwortung für diesen Schaden nicht übernehme?
  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass ich im Fall der Bejahung einer dieser Fragen durch die Gemeinschaft der Menschen in meinem Kulturkreis weiterhin als Mensch gewürdigt werde? Und wenn ja, womit würde ich dies begründen?

Fragen wie diese wenden sich letztlich an eine innere Instanz, die Viktor Frankl das ‚Sinn-Organ‘ nannte. Damit meint Frankl das menschliche Gewissen, das – trotz aller Einflüsse von Außen – einem Menschen als Kompass für eigenes Verhalten, eigene Entscheidungen und Handlungen dient. Je nach Ausrichtung der Nadel des individuellen Kompasses orientiert sich der Mensch an einem spezifischen Bündel von Werten. Diese Werte zu kennen, ist wichtig. Sie sich nicht bewusst zu machen, hat zur Folge, dass – wie bei einem Magneten, der in der Lage ist, die Kompassnadel zu beeinflussen – der Mensch Gefahr läuft, sich selbst zu verfehlen, den Selbstwert nicht zu erkennen und letztlich das Leben Anderer zu führen. Ein solcher Mensch ist manipulierbar, kontrollierbar, berechenbar.

Die Folgen eines derartig unausgereiften ‚Kompasses‘ zeigen sich auf brutale Weise insbesondere in der Jugend. Gerade in der Lebensphase der Adoleszenz sind Jugendliche hochsensibilisiert für alle moralischen und wertegeleiteten Fragen, die ihnen ihr Leben stellt. Sie suchen Orientierung, doch nicht jede Familie kann ihnen einen Rahmen ermöglichen für Wertevermittlung und -diskurs, für Halt, Orientierung und Toleranz zur Selbstwertentwicklung. Die Gründe dafür finden sich oft in der Biografie der Ursprungsfamilie, im Zugang zur Bildung oder eben auch in der Nähe von Personen oder Personengruppen, die die Suche und Empfänglichkeit von Jugendlichen ausnutzen. Auch der Schule als Institution fällt es schwer, den Problemen Jugendlicher in schwierigen Lebenslagen gerecht zu werden. Immer häufiger sind die Folgen Alkohol- und Drogenmissbrauch, Schulverweigerung, Gewalt, Fremdenhass, Depressionen oder sogar Suizid an Stelle eines aktiv gestalteten, sinnvollen Lebens mit Kompass.

Was also tun? Die nach den Grundlagen der Logotherapie von Viktor Frankl arbeitenden Therapeuten und Coachs haben bereits überzeugende Formen der Gesprächsführung und unterstützende Methoden hervorgebracht, um Jugendlichen wie natürlich auch Erwachsenen jeden Alters dabei zu helfen, das eigene Wertesystem zu klären. Ihr humanistisches, nicht reduktionistisches Menschenbild beachtet sensibel den fundamentalen Wunsch jedes Menschen, angenommen zu sein (Systemgesetz Bindung/ Beziehung/Anschluss).

Der Fokus auf den jedem Menschen innewohnenden Willen zum Sinn und das Bemühen, im Gespräch existenzielle Fragen auszuhalten und skeptisch gegenüber vorschnellen Antworten zu bleiben [Systemgesetz Struktur/Ordnung/Transparenz) halten zudem den Möglichkeitsraum für den Gesprächspartner offen und damit auch die Freiheit und Verantwortung zu einer gewissenhaften Stellungnahme zu den Lebensthemen, die gerade zur Bewältigung anstehen.

Schließlich wird durch die Arbeit mit Sinn und Werten der Grundstein für eine bewusstere und damit gesündere Lebensführung, eine fruchtbarere Zusammenarbeit und eine Verbesserung der Liebes-, Arbeits- und Leidensfähigkeit geschaffen. Ein Leben auf dieser Basis hält auch schwierige Zeiten aus, die Person bleibt Herr in ihrem Haus und sie kann ihrerseits Menschen besser unterstützen, die ihrer Hilfe oder ihrem Rat bedürfen [Systemgesetz Ausgleich/Balance/Dankbarkeit].

Wird das Konzept der Logotherapie integral erweitert und reichen sich Viktor Frankl und Ken Wilber quasi die Hand, entsteht ein spannendes neues Entwicklungsfeld. Ohne an dieser Stelle bereits alle Facetten dieser Kombinationsberatung oder -therapie aufzeigen zu können, sei ein erster Ausschnitt hervorgehoben. Für Frankl ist es zentral, dass der Mensch nicht derjenige ist, der sein Leben zu befragen hat, was dieses Leben ihm wohl bieten könne. Vielmehr ist es das Leben, das den Menschen danach befragt, ob und wie sinnerfüllt eben dieser Mensch sein Leben gerade jetzt lebt. Mit dieser Perspektive lädt das Leben den Menschen ein, sich mit der aktuell existenziellen Thematik zu befassen. Einer Thematik, die zuweilen wenig erfreulich oder erbauend ist. Wilber nennt hier in seinen Schriften bereits Beispiele, wir könnten aus unserer Arbeit in Therapie und Coaching mühelos weitere anführen und haben dies in unseren Büchern auch vielfach verschriftlicht: existentielle Depression (Gefühl von Lebensstillstand und Sinnlosigkeit), Inauthentizität (Mangel an Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit), existentielle Isolierung (ein starkes Selbst, das sich aber in der Welt nicht zu Hause fühlt), unterdrückte Selbstverwirklichung (Unzufriedenheit in Folge des Nichtausschöpfens der eigenen Möglichkeiten), existentielle Angst (vor dem eigenen Tod, vor der Einschränkung oder dem Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten) [Wilber]

Der gedankliche Umgang mit einem solchen Stress- und Belastungsthema können wir unter Nutzung des Konzepts der in früheren Beiträgen beschriebenen Werte-Meme meist schnell einem dieser Meme zuordnen. Da die Person zu diesem Thema offenbar nicht das passende Umgangs-Schema entwickelt hat, sondern vielmehr ein unpassendes einsetzt, um die leidige Situation zu verbessern [was leider aber allzu oft in eine Art Verschlimmbesserung führt], kann sie nun im Rahmen einer Integralen Logotherapie darin begleitet werden, diejenigen Werte zu entwickeln, derer es bedarf, um mit dem Thema funktional stimmig umgehen zu können.

Der Gewinn aus einer derartigen Integralen Logotherapie besteht für den belasteten Menschen darin

  • konkrete Empfehlungen zur Werteentwicklung zu erhalten, die in der Lage sind, eine Verminderung der Belastung durch das akute existenzielle Lebensthema zu erhalten
  • sensibel zu werden für den psychischen Mechanismus der ‚Hyperreflexion’, die die Person immer stärker hineinführt in Selbstzweifel, Grübeleien und Schuldzuschreibungen
  • zu lernen, nicht gegen sich selbst zu arbeiten und den eigenen guten Absichten nicht zuwider zu handeln
  • den gesunden wie den ungesunden Anteilen der Persönlichkeitsakzentuierung gleichermaßen Aufmerksamkeit zu schenken und
  • – regelmäßig von uns beobachtbar – zum Ende des Beratungsprozesses ein meist lange verschollenes Phänomen wiederzuentdecken: Das Staunen über sich selbst und den gefundenen Entwicklungsweg.

2023 – neu: 8. Werteebenen in konkreter Anwendung

Zu Beginn der Vorstellung der Meme-Ebenen habe ich angemerkt, dass kein Werte-Meme per se ‚besser‘ oder ’schlechter‘ ist als ein anderes. Vielmehr dient ein Meme als wertegestützte Form des Umgangs [Schema] mit einem Thema [z.B. Problemlösung, Beziehungsaufbau, Lernprozess, … im Mikrokosmos einer oder einer Gruppe von Personen bis hin zum Makrokosmos eines Gesellschaftssystems im Umgang mit ihren Themen wie z.B. Zukunft der Rente, Resilienz der Energiebeschaffungsinfrastruktur, Anpassung der Schwerpunkte schulischer Bildung im Kontext der KI, Sterbehilfe, Kinderarmut, Entschlackung der Bürokratie … bis hin zu einem Makro-Makrokosmos und einem Umgang mit Themen wie z.B. Vereinte Nationen von Europa, Geldwertstabilität im Euroraum, Einwanderung … bis hin zum globalen Kosmos mit Themen wie z.B. Klimaschutzabkommen, Weltfrieden, Getreidemittelversorgung, Schutz vor Kollisionen mit Objekten aus dem Weltall …]

Nun hat ein Psychotherapeut mit einer je anderen Meme-Konstellation im Kontext von Thema+Schema bei seinen Patienten zu tun, ein Landrat mit je einer Vielzahl anderer bei den Bürgern seiner Gemeinde, ein Staatsoberhaupt wieder mit einer anderen Vielzahl. Dies ist zwar eine triviale Erkenntnis, führt aber nicht-trivial zu der Notwendigkeit eines permanenten Aushandelns eines mehrheitsfähigen Umgangs mit dem jeweiligen Thema. Dort, wo ein solches Aushandeln [vermeintlich] unmöglich erscheint, entstehen Ärgernisse, Konflikte, Rosenkriege oder echte Kriege – oder aber, man bringt die Energie auf, sich die Werte-Meme der oder desjenigen Partners genauer anzuschauen, mit dem der Aushandlungsprozess als ressourcenaufwendiger vermutet wird. [Anmerkung: Dies alleine genommen reicht zwar nicht aus, denn nach integraltheoretischer Sicht gilt es auch die Quadranten, Entwicklungslinien, Typen und Zustände in den Blick zu nehmen. Aber immerhin ein erster Schritt wäre es, will man drohende Eskalationen zumindest einzudämmen versuchen.]

Ich selbst suche mir immer wieder hinreichend komplexe Fragestellungen aus, um mich in den einzelnen Facetten der Integralen Theorie zu üben. Beispiel: Ich lege mir die Frage vor, wie die  Wertesysteme der 27 EU-Staaten derzeit formuliert sind und welche Rückschlüsse aus der Zusammenschau gezogen werden könnten.

In einem ersten Schritt dazu nutze ich die KI mittels ChatGPT, um mir länderspezifisch die wesentlichen Werteebenen zu ermitteln, die derzeit als Arbeitsbasis der jeweiligen Verfassungsorgane formuliert sind und die – ceteris paribus – die Zustimmung der jeweiligen Bevölkerungen entlang ihrer bisherigen Wahlentscheidungen erfahren haben. Inwieweit die Ausführungen der KI valide sind, wäre zu überprüfen, ebenso die jeweilige staatliche Interpretation sowie das kulturell geprägte Begriffsverständnis. Zudem ist zu betonen, dass die folgenden Ableitungen sich ohnehin auf formulierte politische Einstellungen und Wertekontexte beziehen, die sich im Laufe der Zeit ändern und von Regierung zu Regierung unterschiedlich interpretiert werden können. Auch kann die Bevölkerung mehrheitlich aus aktuellen Anlässen heraus andere Werte in den Handlungen ihrer Regierung stärker in Erwartung bringen.

Die Werte sortiere ich anschließend in die bereits beschriebenen Werteebenen und kann so jedes Land mit einer Art ‚Werte-Meme-Flagge‘ versehen. Dabei berücksichtige die von der KI ausgegebenen Erklärsätze, die dazu führen, dass ein identisch formulierter Wertebereich wie zum Beispiel: Europäische Zusammenarbeit unterschiedlich eingefärbt wird, wenn der Erklärsatz darauf hinweist, dass der Staat sich bereits aktiv nach diesen Werten handelt oder wenn er erst danach strebt, dies zu tun. An einigen Stellen wäre es womöglich angemessener, den jeweiligen Begriff in zwei Farben darzustellen, der Einfachheit halber verzichte ich aber auf eine weitere Differenzierung.

Ergänzend stelle ich einen Zuordnungsvorschlag für soziale Organisationsformen den folgenden landesspezifischen Informationen voran:

  • Beige: Horde
  • Purpur: Stammesorganisation
  • Purpur im Übergang zu Rot: [Patriarchalische] Gesellschaftsordnung, bei [meist] der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist. Absolutismus, bei der eine einzelne Person [meist Monarch] vollständig über die souveräne Ausübung aller Staatsgewalt verfügt.
  • Rot: Diktatur als Regierungsform, in der ein Diktator die volle Macht hat.
  • Rot im Übergang zu Blau: Autokratie als Regierungssystem, in dem die oberste Macht in den Händen einer Person liegt, deren Entscheidungen keinen rechtlichen Beschränkungen unterliegen.
  • Blau: Zentralstaat – Bürokratie – Regelbasierte Hierarchie – Planwirtschaft
  • Blau im Übergang zu Orange: Repräsentative Demokratie bei bestehender Staatssouveränität
  • Orange: Demokratie als Staatsverfassung, in der die Herrschaft bzw. die Machtausübung auf der Grundlage politischer Freiheit und Gleichheit sowie weitreichender politischer Beteiligungsrechte erwachsener Staatsbürger erfolgt. Marktwirtschaft. Leistungsbasierte Hierarchie
  • Orange im Übergang zu Grün: Soziale Demokratie, gemeinwohlorientierte Leistungsgesellschaft
  • Grün: Sozialstaat mit finanzieller und sozialer Unterstützung der Bevölkerung zum Ausgleich von  Ungerechtigkeiten zwischen Bevölkerungsschichten.

Nun zu den Staaten der EU [Stand Sommer 2023] in alphabetischer Reihenfolge:

Die Werte des belgischen Staates:

  • Demokratie: Belgien ist eine parlamentarische Demokratie, in der die Macht auf verschiedenen Ebenen (national, regional und kommunal) durch Wahlen und politische Partizipation vom Volk ausgeht.
  • Pluralismus und Toleranz: Belgien ist ein multikulturelles und mehrsprachiges Land mit einer reichen Vielfalt an Kulturen und Traditionen. Pluralismus und Toleranz sind wichtige Werte, die das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Gemeinschaften fördern sollen.
  • Menschenrechte: Belgien steht für die Achtung der Menschenrechte und verfolgt das Ziel, die grundlegenden Freiheiten und Rechte seiner Bürger zu schützen und zu fördern.
  • Sozialer Wohlfahrtsstaat: Belgien verfolgt eine Politik des sozialen Wohlfahrtsstaates, um das Wohlergehen seiner Bürger zu gewährleisten und soziale Sicherheit zu bieten.
  • Europäische Zusammenarbeit: Belgien ist ein aktives Mitglied der Europäischen Union und engagiert sich für die Idee der europäischen Integration und Zusammenarbeit
  • Rechtsstaatlichkeit: Belgien legt großen Wert auf die Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Justiz und die Einhaltung der Gesetze.

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2023 – neu: 6. Theme + Scheme = Meme

Es ist an der Zeit, die Theorie des Integralen Bewusstseins in ihren wesentlichen Facetten zu beschreiben. Das Material, das sich hierzu im Web und in der Literatur findet, ist derart umfangreich, dass die Suche nach einem passenden individuellen Zugang ein wenig anmutet wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mir persönlich hat diese Video-Zusammenstellung einen sehr guten Überblick ermöglicht. Gerne empfehle ich sie als tiefergehenden Theorieeinstieg weiter, hier daher nur das, was ich für meinen späteren Brückenschlag zwischen Wilber und Frankl benötige.

Die Integrale Theorie von Ken Wilber ist eine umfassende und holistische Theorie, die versucht, alle Aspekte des menschlichen Lebens und der Realität zu integrieren. Wilber argumentiert, dass es vier grundlegende Perspektiven [vier Quadranten] gibt, aus denen ‚Welt‘ betrachtet werden kann: die innere und äußere Perspektive des Individuums sowie die kollektive innere und äußere Perspektive der Gesellschaft.

  • Die Innere Perspektive des Individuums (Innenwelt der Person), adressiert die Werte, Haltungen, Einstellungen, Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen, Empfindungen, Motive einer Person – letztlich ihr ‚Selbstkonzept‘.
  • Die Äußere Perspektive des Individuums (Innenwelt der Person ins Außen übertragen) nimmt Wissen, Fähigkeiten, Verhaltens- und Handlungsmuster, verbale und nonverbale Kommunikationsformen, den Lebens-/Erziehungs-/Führungsstil usw. einer Person in Augenschein.
  • Die Innere Perspektive des Kollektivs (konkrete Außenwelt als Summe aller Innenwelten und ihrer Vernetzungen) fokussiert unter anderem auf den Umgang miteinander, den kulturellen Hintergrund, Sprache, geteilte Werte.
  • Die Äußere Perspektive des Kollektivs (abstrakte Außenwelt) betrachtet unter anderem die Strukturen im sozialen System, Technologien, Produkte und Dienstleistungen, Formen sozialer Beziehungen, Prozesse, Gesetze.

In jedem dieser vier Quadranten finden sich unterschiedliche, sogenannte Entwicklungslinien [siehe dazu die oben empfohlene Videoreihe], deren Auswahl kontextuell vorgenommen wird. Durch verschiedene Wissenschaftler wurden unter anderem erforscht: die kognitive, die emotionale, die ethisch-moralische, die ästhetische, die zwischenmenschliche, die spirituelle Entwicklungslinie und einige weitere mehr. Pragmatisch verweisen Entwicklungslinien auch auf Rollen, die Menschen zum Beispiel beruflich einnehmen. Erst kommt der Schüler, der sich für ein Fach interessiert, dann ein Lehrling, dann ein Geselle, dann der Meister usw. – mit jeder Rollenentwicklung hat sich eine Person in aller Regel auf verschiedenen Linien weiterentwickelt. 

Oder: Begleitet ein Therapeut zum Beispiel einen Klienten, der einen Sterbehilfewunsch äußert, indem er mit diesem Gespräche über bestehende Werteverwirklichungsmöglichkeiten führt, so würden diese Gespräche den Quadranten ‚innere Perspektive des Individuums‚ adressieren. Würde der Klient nach diesem Gesprächen seine Einstellung zum Thema Sterbehilfe überdenken, weil er einen von ihm bislang nicht wahrgenommenen Sinnimpuls erfühlt hat, so birgt eine diesem Impuls folgende Einstellungsmodulation in seinem Sterbehilfewunsch das Potenzial für ein neues Niveau auf der Entwicklungslinie ‚Wertebewusstheit‘.

Der Therapeut könnte zudem auch die ‚Äußere Perspektive des Individuums‘ betrachten und dabei einen Blick auf die Entwicklungslinie ‚kognitives Lernverhalten‘ des Klienten werfen. Sollte er dabei aus den Erzählungen und gegebenenfalls verfügbaren Dokumenten des Klienten herauslesen können, dass dieser sich in seinem Leben immer wieder intensiv und selbstmotiviert mit komplexen Sachverhalten auseinandergesetzt hat, so könnte dies ein Hinweis dafür sein, dass das vorgetragene Sterbehilfeanliegen auf einen autonomen, rational geprägten Lebensstil verweist und zum Beispiel nicht mehr ein Punkt auf der Linie ist, wo ein Mensch aus einem eher unreflektierten negativen Affekt heraus seinem Leben ein Ende bereiten will.

Würde der Therapeut nun nicht versäumen, auch die ‚Innere Perspektive des Kollektivs‘, so wäre ein Aspekt über den er mit dem Klienten spräche vielleicht der Reifegrad des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem der Klient lebt. Hier wäre womöglich die ‚moralische‘ Entwicklungslinie des Kollektivs und ihr Umgang mit individuellen existenziellen Themen wie Leid, Tod oder Abschied ein Aspekt. Gäbe der Klient zum Beispiel zu verstehen, dass sein Umfeld das Thema Sterbehilfe tabuisiert und ein offener Diskurs dort erschwert ist, ließe sich durch eine therapeutische Unterstützung, die auf eine Vergrößerung der sozialen Kontakte hinwirkt, eine bessere Kommunikation auf Augenhöhe erreichen.

Und letztlich könnte der Therapeut auch den Quadranten der ‚abstrakten Außenwelt‘ ansprechen. Hier könnte angeschaut werden, wie sich auf der Entwicklungslinie des ‚medizinischen Fortschritts‘, der dem Klienten vielleicht nicht hinreichend bewusst ist, eine neue Perspektive erschließen ließe.

Kontextbezogen führt ein ‚integraleres Denken‘ also stets zu einer ersten Vergrößerung der Komplexität durch Anschauung der Vielzahl relevanter Entwicklungslinien. Und für jede dieser Entwicklungslinien kann nun ein Gespräch über die Entwicklungsebene [der Wertekontext] vorgenommen werden. [Spätestens an dieser Stelle treten meist die Kritiker auf, die die Wilbersche Theorie bereits als zu abstrakt, komplex und anwendungsunfreundlich bewerten. Jedoch, bei Themenstellungen die in ihrer Folgenabschätzung als riskant, existenziell, ressourcengefährdend oder irreversibel gelten, bietet die Investition in eine Methode, die die ohnehin gegebene Komplexität adäquat abbildet, einen angemesseneren Zugang zur Bewältigung als zum Beispiel leichtgängige und viele Einflussfaktoren ausblendende Wenn-Dann-Logiken.]

Nun also erste Worte zu den Entwicklungsebenen: In seinen Schriften schlägt Ken Wilber oftmals eine Brücke zu  den Forschungsergebnissen des New Yorker Psychologieprofessors Clare W. Graves. Das nach ihm benannte Graves Value System ist eine Theorie der menschlichen Entwicklung. Sie beschreibt, wie Menschen im Laufe ihres Lebens verschiedene Denk- und Verhaltensmuster entwickeln und wie sich diese Muster im Kontext ihrer kulturellen und sozialen Umgebung verändern. Der zentrale Transporteur neuer Muster ist dabei die Kommunikation.

Werden Ideen, Gedan­ken und Infor­mations­muster durch Kommu­nika­tion verbreitet und reproduziert, so kann dies als kul­tu­rel­les Pendant zum bio­chemischen Gen aufgefasst werden. Zusammengefasst könnte man von kulturellen Strukturen oder von Schemata sprechen, die sich mittels Kommunikation re­pro­duzieren, mit der Umwelt in­ter­agie­ren und sich dieser anpassen. 

Graves argumentierte, dass sich die menschliche Entwicklung solcher Schemata je nach den auf das Individuum einwirkenden Themen dynamisch von einer Ebene zu einer neuen Ebene vollzieht. Jede neu entwickelte Ebene und der mit ihr verbundenen neuen spezifischen Art des Empfindens, Denkens, Fühlens und Handelns gründet letztlich auf einem erweiterten Werte-System. Ein Werte-System, das alle Werte davor entwickelter Ebenen einschließt und diese um die Werte ergänzt, die für den Umgang mit den Themen auf der aktuell entwickelten Ebene erforderlich sind.

Wird einem gegenwärtig individuell oder gesellschaftlich relevantem ‚Thema‘ ein adäquates ‚Schema‘ zur Seite gestellt, so nenne ich diese Kombination aus Thema und Schema nun ein ‚kontextstimmiges Meme‘ oder auch eine ‚passende Gegenwarts-Bewusstheit‘. Wird jedoch einem Thema ein für seine Bewältigung unpassendes Werte-System – ein unpassendes Meme – zur Seite gestellt, so bewirkt dies eine Eskalation in Form von Problemen, Konflikten, Hindernissen oder auch Krisen.

Arbeiten wir uns nun mit einer ersten Skizze an die von Graves destillierten Werte-Systeme heran:

Die ersten beiden Werte-Systeme, die von Graves identifiziert wurden, sind das Instinkt-System und das Tribal-System. Diese beiden Systeme sind stark von den physischen Bedürfnissen und den Anforderungen der Überlebenssicherung geprägt und betonen die Bedeutung von Sicherheit, Schutz und Zugehörigkeit.

Die nächsten drei Werte-Systeme sind das Autoritäts-System, das Leistungs-System und das Selbst-Verwirklichungs-System. Diese Systeme betonen jeweils die Bedeutung von Hierarchie, Erfolg und persönlichem Wachstum und Entfaltung.

Die bislang letzten drei Werte-Systeme, die von Graves beschrieben wurden, sind das Integrative-System, das Holistische-System und das Systemisch-Integrale-System. Diese Systeme betonen die Bedeutung von globaler Zusammenarbeit, umfassendem Verständnis und Integration aller Perspektiven.

Graves betonte, dass diese Werte-Systeme nicht hierarchisch angeordnet sind, sondern dass sie sich in einer dynamischen Wechselwirkung und Entwicklung [vergleiche dazu die Terminologie von Wilber: ‚Einbeziehen‘ und ‚Transzendieren‘] befinden. Individuen und Gesellschaften können sich von einem System zum anderen entwickeln, je nach den Anforderungen und Herausforderungen, denen sie begegnen.

2023 – neu: 5. Defizienz und die Kritik am Status Quo der Wilber’schen Theorie

Zahlreiche philosophische Denker wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Auguste Comte, Herbert Spencer oder der in den letzten Texten bereits genannte Jean Gebser haben Beiträge zur Erklärung gesellschaftlicher Wandlungs- und Entwicklungsprozesse geleistet. Der unter anderem von Gebser ins philosophische Feld geworfene Begriff der Defizienz postuliert dabei eine besondere gesamtmenschliche Fähigkeit. Sie besteht in meiner Anschauung darin, dass eine große Gruppe von Menschen [zum Beispiel die deutsche Gesellschaft] mit ihren zahllosen Einzelinteressen dennoch in der Lage ist, eine Fortschreibung des an seine Kapazitätsgrenzen geratene ‚Mehrheitsbewusstseins‘ als ‚Irrtum‘ anzuerkennen und in dessen Folge in die Bereitschaft zu investieren, ein den Anforderungen an die Zukunftsfähigkeit besseres gesamtmenschliches Bewusstsein schöpferisch herauszuformen.

Wann die Summe der kritischen Faktoren erreicht wird, die das Platzen einer Defizienzblase begünstigt, stellt natürlich das Forschungsinteresse jeder Einzelwissenschaft entlang der gesamtgesellschaftlichen Wissensentwicklung dar. Und nicht erst seit gestern wissen wir, dass das Platzen einer dieser Blasen Wechselwirkungen in alle anderen zeitigt. Platzt eine Blase, so ist das mit ihr unmittelbar verbundene System an seine Grenzen gekommen. Zuweilen und frühzeitig erkannt, kann eine solche Grenze entlastet werden, zuweilen aber platzt sie und hinterlässt chaotische Zustände. Die Grenzen des Wachstums, die Grenzen des Wissens, die Grenzen der Freiheit, die Grenzen der Verantwortung, die Grenzen der Werte, die Grenzen des Lebens oder – im Kontext dieser Beiträge rund um das Theoriegebäude von Ken Wilber – die Grenzen des Bewusstseins: An diesen und vielen weiteren Grenzen spielen sich Prozesse ab, in denen es letztlich für Wilber um die Kunst des Einbeziehens und Transzendierens geht.

Der einzelne Mensch, der sich betroffen fühlt von den herumfliegenden Fetzen einer oder mehrerer – womöglich bislang als stabil empfundenen – Facetten des eigenen Lebensmodells sieht sich zahllosen Fragen konfrontiert. Eingefärbt von der individuellen psychischen Verfassung fragen sich Menschen, ob und was sie eingedenk der neuen [Grenz-]Situation zu erdulden haben, ob und für was sich zu kämpfen lohnt oder ob es günstiger ist, das Lebensmodell partiell zu verabschieden, indem die Auseinandersetzung mit dem Neuen gemieden oder verdrängt wird.

Will man sich von diesen drei psychischen ‚Auswegen‘ das eigene Leben nicht alles vorschreiben lassen, so bieten sowohl Frankl als auch Wilber einen anderen Weg: Den Weg der Transzendenz. Einmal darin geübt, diesen – nur Menschen möglichen – Weg zu gehen, fällt es leichter anzuerkennen, dass jedes Platzen einer Bewusstseins-Defizienzblase mit Gewinnen und Verlusten einhergeht, der Glaube an ‚bessere‘ Zeiten also ebenso hinderlich ist wie der Glaube daran, dass früher alles besser war. Das, was sich an die Stelle dieser Glaubenssätze stellt, ist die jedem Menschen mögliche neue Balancierung von Freiheit und Verantwortung. War der Mensch vor dem Platzen der Blase frei, in seinem Leben Felder seiner Verantwortung zu bestimmen, so wird er mit dem Platzen der Blase verantwortlich, neue Felder seiner Freiheit zu entdecken. Gelingt ihm dieser Entwicklungssprung, so hat der Mensch eine Bewusstheit dafür bewiesen, dass ihm daran gelegen war, aus der Defizienz des Gewesesen und Gewordenen heraus in den Gewinn einer neuen räumlichen und zeitlichen Freiheit einzutreten.

Während es nun in der konkreten Anwendung des Gedankenguts von Viktor Frankl im Rahmen der Entwicklungsbegleitung von Menschen zahllose Belege dafür gibt, dass Menschen dieser Perspektivenwechsel gelingen kann, stellt sich die Frage, ob und wie die Integrale Theorie von Ken Wilber mit ihrer Grundidee des ‚Einbeziehens und Transzendierens‘ ihrerseits bereits auf robusten Beinen steht und Menschen Handlungsalternativen aufzeigt, die über die der individuellen psychischen Reaktionen auf das Platzen von Defizienzblasen hinausgehen. Dazu ein Blick in die jüngste Vergangenheit.

Als Wilber 1999 sein Opus magnum ‚Sex, Ecology, Spirituality‘ vorlegte und mit ihm zum Versuch einlud, ohne Rekurs auf eine ‚fertige Theorie‘ in einem weltoffenen Diskurs alle Erkenntnisse natur-, human- und geisteswissenschaftlicher Denkansätze mit all ihren prämodernen, modernen und postmodernen Weltsichten von Ost bis West und Nord bis Süd in ein zusammenhängendes Gesamtgebäude zu integrieren, war die Euphorie mancherorts überwältigend. Endlich traute sich jemand, dem ewigen Treiben nach mehr Wissen im allertiefsten Detail einen alternativen Zugang zur Welt zur Seite zu stellen. Und da neue Ideen meist nur dann Chance auf Gehör haben, wenn sie kommunikativ breit ausgerollt werden, fanden sich schnell Protagonisten, die die Weichen stellten, um eine kritische Masse zu erreichen  – und [sic!] mit dieser Masse auch Geld zu verdienen. Wer damals dieser Entwicklung folgte, konnte den Eindruck gewinnen, dass konventionelle Denkmuster immer stärker in Frage gestellt wurden und dies nicht nur auf der Basis von Entwicklungssprüngen in Einzelwissenschaften oder einzelnen Gesellschaftsbereichen. Es schien ein Ruck durch die Welt zu gehen.

Die seismische Welle erreichte auch mich. Auf Einladung nahm ich teil an der Konzeption der vom Bundesland Niederösterreich initiierten Internationalen Zukunftsakademie in Wien Ende der 1990er Jahre, ich besuchte verschiedene Lehrgänge im integralen Denken und studierte einiges an Literatur im Kontext der neuen Bewegung. Nach und nach – und bis heute – wurde Ken Wilber Raum in meinen Coachingausbildungen als auch im konkreten Coaching von Führungskräften gegeben – jedoch längst nicht in dem Umfang, der möglich gewesen wäre. Die Gründe meiner – bisherigen – Zurückhaltung will ich knapp umreißen und damit auch meine – weiterhin – kritische Position. Sie besteht im Kern darin, dass es in meiner Wahrnehmung den an sich aberwitzigen Prozess im Kreis der Integralen Community gibt, das, was unter ‚integralem Denken und Handeln‘ verstanden werden soll, mit einer ähnlichen Detailverliebtheit zu erforschen wie ebendiese als Ausgangskritik für die Theorie im Raum stand. Die Folge dieses ‚Energieflusses‘ ist bis heute für mich spürbar und ist mit der Formel ‚Erkenntnisgewinn statt Handlungsraumvergrößerung‘ beschrieben. Bis heute vermisse ich insbesondere – und ich hoffe, dies beruht nur auf meinen eigenen blinden Flecken – eine ‚integrale Lautstärke‘ von Anwendern, die über die Defizienzblasen im Kontext mächtiger globaler Erschütterungen sprechen. Verenge ich den Blick auf die Äußerungen derjenigen gesellschaftlichen Elite, die ich mit meinen Ressourcen verarbeiten kann, so fehlt mir jeglicher ausgesprochener Brückenschlag zwischen integraler Theorie und Themenbergen wie Klimawandel, Armutsbekämpfung, der Idee der Vereinigten Staaten von Europa, Bildungspolitik bis hin zu vermeintlich ‚unmittelbareren‘ Problemfeldern wie Fachkräftemangel, Verkehrsinfrastruktur, Sterbehilfe und vielem mehr. Da, wo hierzulande dieser Brückenschlag vielleicht am ehesten zu erwarten wäre, an den deutschen Hochschulen, findet sich der Diskurs über Ken Wilber überhaupt nicht [zumindest teilt er sich damit die ärgerliche curriculare Ignoranz, die auch dem Begründer der Dritten Wiener Schule für Psychotherapie, Viktor Frankl, permanent zuteil wird].

Es entsteht so die Frage, wann die spezielle Defizienz, die mir offenkundig der Kommunikation von Wilbers Theoriegebäude anhaftet, ihrerseits platzt und sich der Möglichkeitsraum für ihre konkrete Anwendung mit ihren Chancen für die Gesellschaftsentwicklung eröffnet. Weitergedacht stelle ich mir die Frage, wann die Suche nach den eine Anwendung ‚unmöglichmachenden Theorieaspekten‘ zugunsten eines vielleicht ‚nur‘ paretooptimalen Beginns der Theorie-Praxis-Transformation hintangestellt wird. Denn, soweit sind sich die Kritiker einig, unschön sind in Wilbers Denkarchitektur Allgemeinplätze, von ihm als Konsens hingeworfene persönliche Meinungen, eine zuweilen skurrile gurueske – vielleicht den US-amerikanischen Erwartungen an Entertainment entsprechende – Selbstdarstellung, die Nichtberücksichtigung von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen oder auch Quellenverweise, die in unserem Kulturkreis das Prädikat ‚unwissenschaftlich‘ verdienen würden. Diese Mangellage jedoch als ausreichend für die Nichtbetrachtung des Meta-Werkes anzusehen, ist in einer Welt, in der die immer weiterführende Detailbetrachtung auch nicht stets und exklusiv das Mittel der Wahl ist, zumindest frivol.

Blendet man das Imperfekte in Wilbers Gedankengut aus, so lohnt doch allemal, seine Theorie mit konkreten gesellschaftspolitischen wie individuellen Problemstellungen in eine praktische Verknüpfung zu überführen. In meinem eigenen Themenfeld der ‚Individuellen Krisenprävention‘ und den dort erarbeiteten Unterstützungstools hat Wilber bereits seine Spuren hinterlassen. Beim Blick ins Web finden sich weitere, wenn auch nur wenige Anwendungsbeispiele, insbesondere im Kontext der Führungskräfteentwicklung, der Unternehmenskulturanalyse oder des Meetingmanagements. So recht konkret jedoch will der Wilbersche Funken noch nicht auf die Probleme des ‚Menschen-Alltags‘ überspringen. Anlass genug, dass ich im Verlauf der weiteren Beiträge Anregungen zu eben diesem Transfer vorstelle.

2023 – neu: 3. Transzendenz und Einbeziehung

Ken Wilbers Ärger würde ich nach meinem Verständnis metaphorisch so umschreiben: Die Menschheit weiß heutzutage viel über das linke hintere Bein einer Spinne, im letzten Detail, in der vermeintlich letzten Ausdifferenzierung. Dennoch setzt die Wissenschaft viel Energie ein, um auch noch das letzte Haar an diesem Bein, das letzte Folliken an diesem Haar usw. zu erforschen. Forschung heute wird so zu einer Disziplin, die wie ein Ringen um den richtigsten Blick ins tiefste Detail anmutet. Was aber auf der anderen Seite fehlt, ist Überblicksforschung. Und dieser Überblick geht auch beim Blick auf den Menschen leicht verloren – in der Frankl’schen Psychotherapie nennen wir dieses Phänomen Overdetermination. Damit ist gemeint, dass wir die Psyche des Menschen diagnostisch in so viele Einzelteile zerlegen und einer Untersuchung unterziehen können, dass der Blick auf die ganze Person mit der Fokussierung über die einzelnen Teile hinweg verloren geht. Sich den Blick auf Alles nicht dadurch zu verunmöglichen, weil man gefangen ist mit seinem Blick durch ein Schlüsselloch, würde ich als das Motto der von Wilber formulierten Integralen Theorie ansehen.

Der 1949 in Oklahoma City geborene Philosoph versucht daher, alle Forschungsbereiche in einem einzigen Modell des Weltverständnisses zu integrieren. Dabei folgt er der Idee, dass jedes Wissensgebiet mindestens einen Aspekt von ‚Wahrheit‘ enthält, es mithin ein förderliches Vorgehen sei, eine Versöhnung von Allem anzustreben, anstatt über Abwertungsprozesse zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen Energievergeudung zu betreiben, die es der Menschheit erschwert, sich weiterzuentwickeln [wer aus dieser Perspektive auf aktuelle Reizthemen wie die Energiewende schaut, kann meines Erachtens leicht erkennen, wie Individualinteressen im Mikrokosmos oder das Lobbying von gebündelten Brancheninteressen eine solche konstruktive Versöhnung erschweren].

„Niemand ist schlau genug, um immer zu 100 % falsch zu liegen“, meint Wilber ironisch. Und so könnte es doch im Gegenteil schlau sein, sich auf das wirklich Schlaue, das Jeder und Jedes bereithält zu konzentrieren. Ein schlichtes Beispiel dazu: Auf einem Kongress für Logotherapie stellte einst der Osnabrücker Psychologe Julius Kuhl seine Persönlichkeits-Systeme-Interaktionen-Theorie vor. Nach wenigen Powerpoint-Folien sagte er: „Das war nun der Kern der Theorie aus einem Buch mit 700 Seiten. Sie müssen es sich eigentlich nicht mehr kaufen.“ Das Schlaueste hatte Kuhl vorgestellt. Nun, ich habe das Buch doch gekauft, nicht aber, um einen vielleicht in der ein oder anderen statistischen Berechnung des Professors gemachten Fehler ausfindig zu machen oder um mich über all die wichtigen Einzelschritte hin zum Schlauen kundig zu machen, sondern um die Anknüpfungsmöglichkeiten der von Kuhl beschriebenen Aspekte der psychischen Dimension mit den von Frankl dargelegten Aspekten der geistigen Dimension herauszuarbeiten. Die Verknüpfung des aus meiner Sicht ‚Schlauen‘ beider Perspektiven fand anschließend Einzug in eigenen Publikationen – ein winziger Schritt, der längst nicht die Vorstellung Wilbers adressiert, würde dieser doch die Schlauheitsverknüpfung deutlich weiter auslegen. Er würde wohl dazu ermuntern, bei einer gegebenen Forschungsfrage [bei mir die Frage, wie das Schlaue von Kuhl und Frankl im Kontext eines Modells individueller Krisenprävention genutzt werden kann] neben den Theorien der Psychologie auch die der Theologien, Soziologien, Ökonomien, Biologien, Philosophien … in eine Art ‚Theory of Everything‘ aufzunehmen.

Alles hängt mit allem zusammen. Will man diese Erkenntnis nicht als Binsenweisheit verstehen, sondern als Anruf ans Denken, so wird die Begrenztheit des eigenen kognitiven Möglichkeitsraums schnell wahrnehmbar. Wir leben in Ausschnitten von Welt und jeder Versuch, diesen Ausschnitt zu vergrößern, setzt die Bereitschaft voraus, die Aufmerksamkeit lange auf das Feld des Neuen zu lenken und sich zu hemmen, allzu schnell wieder in die Arme des Bekannten zurückzufallen. Die Erweiterung der Denkwelt bedingt eine Haltung der Weltoffenheit, und Offenheit erwartet einen gelasseneren Umgang mit Unsicherheit, Staunensbereitschaft, Reflexivität und einer entwickelten Intuition, die Spreu vom Weizen trennen zu können [Stichwort Fake News]. Offenheit führt also auch dazu, dass neue Theorien und deren Protagonisten Einfluss auf das eigene Leben nehmen dürfen. Das ist schon allerhand.

Meine eigene Offenheit den Wilberschen Gedanken gegenüber hat zu tun mit einem starken Lernmoment bei der Literatur seiner Theorie [zu zentralen Inhalten wird in den Folgebeiträgen mehr Auskunft gegeben]. Im Kern führte dieser Moment bei mir zu der Erkenntnis, dass jede Handlung und jede Entscheidung aus einer spezifischen Jetzt-Bewusstheit gespeist wird und dass Situationen dann zu Krisen eskalieren, wenn die betroffene Person für diese spezifische Situation nicht über die für sie angemessene Bewusstheit verfügt, diese auch nicht in angemessener Schnelligkeit entwickeln kann und letztlich mit ihrem unvollständigen Set an Bewusstheit versucht, dennoch der Lage Herr zu werden.

Eine Konsequenz dieses Gedankens ist nun die, dass ein Mensch, der von sich sagt, eine Krisensituation gemeistert zu haben, nicht in einer Krise gewesen sein kann, sondern [nicht abwertend gemeint ‚lediglich und immerhin‘] in der Lage war, eine komplex-komplizierte Problemstellung dank bereits vorhandener Ressourcen positiv zu wenden. Aus dieser Folgerung ergibt sich der nächste Gedanke, dass Menschen darin unterstützt werden sollten, Bewusstheiten für existenzielle Belastungssituationen präventiv zu entwickeln.

Zurück zu meinem Verständnis von Wilbers Integraler Theorie.

Wenn in allem, was in dieser Welt als Theorie gebildet wurde und wird, etwas Schlaues enthalten ist, dann unterscheiden sich Weiterentwicklungen dieser Theorien darin, den Grad an Unvollständigkeit im Sinne einer noch vorhandenen Unwissenheit oder Unverbundenheit des Bisherigen zu verringern. Alle Jetzt-Bewusstheit kann damit als erreichter Punkt auf einer nie endenden Achse der Bewusstseins-Entwicklung verstanden werden.

Als Beispiel dazu will ich einen Menschen anschauen, der sein Leben als brüchig ansieht, diesen Bruch mental wie emotional nicht zu schließen vermag und ihn mit dem Zustand ‚depressiv‘ etikettiert. Für einen solchen Menschen wäre es nun aus integraler Perspektive ein fundamentaler Denkfehler, würde er versuchen, diesen Zustand – in dem sich viel Schlaues verbirgt – ‚auslöschen‘ zu wollen [die Psyche hat eine Reihe von Taktiken auf Lager, einen solchen Löschvorgang zu initiieren. Selbstschuldzuweisung, Sucht oder auch Suizid sind nur einige davon]. Wagt hingegen die Person einen individuellen Evolutionssprung, so gelingt dieser eben nicht durch Auslöschung, sondern durch „Transzendieren und Einbeziehen“ [Wilber]. Jeder wirklich neue Punkt auf der Achse der Bewusstseinsentwicklung folgt diesem Prinzip, quasi von der einzelnen Zelle bis hin zum gesellschaftlichen System bis hin zum Kosmos. Jedes Weiterentwickelte hat Vorhergehendes einbezogen und es durch Transzendenz in eine neue Bewusstheit überführt, in etwas Wesentlicheres vervollständigt.

Anmerkung: Ein ‚wirklich neuer Punkt‘ entspricht in meinem Verständnis des Werks von Viktor Frankl einem Sinnimpuls. Einen solchen Impuls hält nach Frankl die Welt jedem Menschen zu jeder Zeit bereit – so er sich diese Welt ‚offen‘ hält. In der KrisenPraxis habe ich diesen Aspekt der Sinntheorie Frankls hinreichend beleuchtet, und es bleibt spannend, ob und in welcher Weise nun Ken Wilber diesen Gedanken in seiner Integralen Theorie aufgreift und seinerseits transzendiert.

2023 – neu: 2. Individuelle Messlatten in der Bewertung der Theoriegüte

Das Haltbarkeitsdatum von Theorien gehört für mich zu den spannendsten Aspekten in der Wissenschaftswelt. Jeder Mensch, der schon ein paar Jahrzehnte lebt und seine Wachheit in seinem, meist beruflichen, Tätigkeitsfeld bewahrt hat, wird sich an Theorien erinnern, die einst als Hype in jedem Meeting, in jeder Fachzeitschrift, in jeder Weiterbildung Erwähnung fanden, unglaubliche Summen für Qualifizierungen und Zertifizierungen verschlangen, ihre Kenntnis als Kriterium für persönliche Karrierewege galt  oder ganze Wertschöpfungsketten veränderten. Zumeist waren und sind diese Theorien mit dem Namen einzelner oder weniger Personen verbunden. In meinen ‚Gewerken‘ der Betriebswirtschaftslehre und der Psychologie reihten sich irgendwann nach Erich Gutenberg und Eugen Schmalenbach Wissenschaftler wie Peters und Waterman, Hammer und Champy, Nonaka und Takeuchi, Drucker und Malik und viele weitere Vor- und Nachdenker der mittel- oder unmittelbaren Unternehmensführung. Nicht weniger zahlreich begleiten mich bis heute die Protagonisten psychologischer ‚Schulen‘. Ob Freud, Adler, Jung, Berne, Bühler, Maslow, Rogers und – natürlich – Viktor Frankl, sie alle inspirierten. Von den starken ‚Seitenarmen‘, die aus der Soziologie und Systemtheorie, den Kunst- und  Geschichtstheorien und – natürlich – der Philosophie stammen, ganz zu schweigen.

Irgendwann knarrt das Regal eingedenk des Gewichts der vielen Bücher, es brummt der Schädel und man begreift, dass sich manch früherer Hype relativiert oder abgenutzt hat, manches sich schlau weiterentwickelt hat, aber nur weniges wirklich dauerhaft trägt und bis heute robust geblieben ist.

Dem Rat zu folgen: ‚so prüfe, was sich ewig bindet‘ ist nicht wirklich voraussetzungslos. Welche sind die individuellen Messlatten, über die eine Theorie springen muss, um als robust zu gelten und für das eigene [Arbeits-]Leben eine Grundlage zu bieten? Für mich sind es drei Messlatten.

Die erste adressiert die Frage: Worüber hat sich der Wissenschaftler geärgert [was war ihm arg], so dass ihn dieser Ärger dazu aufrief, sich ans erforschende Werk zu machen? Wenn mich die sich aus dem Ärger ergebende Forschungsfrage ebenso reizt, dann freue ich mich darüber, mitzudenken und bei eigener Kompetenz auch ein Mitentwickler zu sein [allzuoft bescheide ich mich jedoch aus Mangel an Primärkompetenz mit einer Zuschauerrolle, wenn es beispielsweise um die Fragen geht, die sich die Physiker im CERN, die F&E Teams in der pharmazeutischen Industrie oder die Philosophen im Kontext ethischer Fragen im Umgang mit der KI stellen].

Die zweite schaut auf das Menschenbild, das der Theorie ihr Fundament verleiht. In vielen Theorien und ihren Operationalisierungen bleibt der anthropologische Hintergrund völlig ungeklärt, in anderen zeigt sich rasch ein Reduktionismus im Sinne eines ‚der Mensch ist nichts anderes als …‘. Für mich ist hier Vorsicht geboten, insbesondere dann, wenn eben dieser Reduktionismus – so sehr er sich für eine Forschung im Kontext begrenzter Ressourcen auch anbieten mag –  nicht explizit gemacht wird, sondern im Gegenteil aus ihm heraus ein subtiler Wahrheitsanspruch über die zuvor ‚reduzierte‘ Forschungsfrage hinaus abgeleitet wird. Eine robuste Theorie stellt in meinem Verständnis hingegen dann ein System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Phänomene dar, wenn darauf verzichtet wird, sie implizit bereits als ‚allumfassend‘ vorzustellen.

Und als dritte Messlatte ist für mich von Interesse, in welcher Weise aus der Theorie heraus für die heutigen Fragen der Menschheit handlungsorientierte Antworten gegeben werden oder abgeleitet werden können. Was hat die Theorie für den Lebensvollzug konkret mitzuteilen? Kann sie uns Menschen logisch, wie ethisch und ästhetisch voranbringen? Nachdem ich mir diese drei Messlatten vorgelegt und sie als Rahmen um die Sinntheorie von Viktor Frankl gezogen habe, fühlt es sich für mich stimmig an, diese als robust zu bezeichnen und sie in meiner eigenen Lebensführung und im Kontext meiner Arbeitsleistungen als Kompass einzusetzen. Hier in der KrisenPraxis steht nun für mich an, in ähnlicher Weise auf die Integrale Theorie von Ken Wilber zu schauen.