Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Krise – Coaching – KI

Generative KI simuliert auf Basis gelernter Daten ihr Angebot, mit ihrem Anwender eine Art Beziehung eingehen zu können. Dass alles ohne jegliche subjektive Erfahrung über oder kontextbezogenes Verständnis von Situationen, in denen sich Menschen befinden. Es fehlt ihr an Bewusstsein für die Welt und den für jeden Menschen relevanten kulturellen, historischen und sozialen Rahmen. Eine dialogisch-kooperative Problemlösung ist daher nicht möglich und ein mit einem menschlichen Coaching vergleichbarer Prozess, in dem Klient und Coach ihre subjektiven Erfahrungen koppeln, bleibt unerreichbar. Der Klient muss also immer entscheiden, was ihm der Austausch mit einem Coach wert ist, der seine Sprache spricht, seine Erfahrungen nachvollziehen kann und sich mit seiner eigenen lebensweltlichen Geschichte einbringt. Es steht daher an, einen Entschluss darüber zu fassen, ob eine Beziehung  gewünscht wird, in der sich ein für seine Handlungen verantwortlicher Coach ohne übermenschliche, über allen Wassern schwebende Intelligenz, dafür fehlbar, zwangsläufig voreingenommen, vom Zeitgeist beeinflusst und verwoben in einen kulturellen und biografischen Kontext unterstützend einbringen soll. Welche KI sucht um ihrer Begrenztheit wegen den Austausch mit anderen KIen, um durch Künstliche Supervision sich im Ausleuchten „blinder Flecke“ helfen zu lassen? Menschliche Coachs – ich ebenso –  nutzen diese Wege (mit anderen Menschen als auch mit Unterstützung von KI), weil sie Werte, Macken, Passionen, Krisenerfahrungen und vieles mehr haben, was sie nicht irgendwie, sondern angemessen und zum Wohl des Klienten mit ihrem Wissen und Verhalten einbringen wollen.

Die kühle und zweckfreie Objektivität der KI ist dagegen nur ein dürftiger Ersatz. Ohne Selbstbewusstsein und Fähigkeit zur Selbstkritik verfügt sie nicht über die nötige Sensibilität für emotional schwierige Themen, die Klienten beschäftigen. Da sie trainert ist, wurden ihr auch Vorurteile antrainiert – die sie aber nicht als solche erkennen kann. Damit ist jede KI gewissenlos, ohne jede Verantwortung und Haftung für alles was sie anrichtet – im Guten wie im Schlechten, so zum Beispiel im Rahmen ihrer Halluzinationen, Fehlinformationen, ihrer fehlenden Rechenschaftspflicht aufgrund eines nicht vorhandenen Vertrags mit ‚ihrem‘ Nutzer, der ihr als Maschine unmöglichen Gefühlsarbeit sowie ihrer durch die mediale Berichterstattung bekannt gewordenen mitunter lebensgefährlichen Empfehlungen.

Aus dieser Argumention heraus ist der Begriff ‚KI-Coaching‘ reiner Nonsens. Flankiert ein Klient seinen Coachingprozess mit KI-gestützter Recherche von Informationen, zur besseren Problemerkennung und Zielsetzung, dann kann dies durchaus den Erfolg des Prozesses positiv beeinflussen. Dennoch bliebt zu beachten, dass ein körperloser, wahrnehmungsfreier, maschineller und zutiefst auf Sprache reduzierter ‚Partner‘ die Frage provoziert, warum ein Mensch mit einer für ihn bedeutsamen Problemstellung – womöglich im Kontext existenzieller Fragen entlang eines Krisengeschehens – auf jede Form biologischer, systemischer, ästhetischer oder ethischer Intelligenz verzichtet, wenn er sich einer KI mit seinem Thema ‚anvertraut‘, ohne dass diese mit dem Begriff Vertrauen über das reine Wortverständnis hinaus nichts anfangen kann? Der Ball liegt also beim Klienten – wer will er sein, wer will er werden?

Von einem Ball und dem Sinn im Leben

Es ist Fußball WM, und in manchen Arenen ächzen die Menschen unter der Hitze. Fast vor 100 Jahren war die Anstrengung auch sehr groß, auch da ging es um einen Ball und um manche Tage mit sengender Sonne oder auch patschnassen Körpern. Ein Ball mit stattlichen zwei Metern Durchmesser, aus Holz und mit einem besonderen Auftrag. Die Regensburger Bäcker Jakob Schmid und der Hafenarbeiter Franz Perzl ließen mit ihrer ganzen Manneskraft das Ungetüm durch Deutschland rollen. Nicht als werbe-bebilderte Litfaßrolle, nicht als Langeweileprojekt, nicht gesponsort und ohne jegliche Blaupause. Die einzige wichtige Hilfe war das Können eines Wagnermeisters beim Bau der Kugel – heute würde man vielleicht von einem Tiny-House sprechen.

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Während ihrer Reise mit dem Holzball im Schlepptau, erst zur Ostsee und dann wieder nach Bayern zurück, begegnen die beiden Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, Altersklassen und Gesinnungen: Arbeitslose, Bauern, Gastwirte, Kinder, Nationalsozialisten, Kommunisten, neugierige Passanten… Ein ausführliches Tagebuch – siehe Informationen dazu in den Links – und die zahlreichen Fotografien dokumentieren den Alltag eines Landes, das von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und politischen Spannungen geprägt ist und kurz vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten steht.

Die Ballonauten, so der Projektname, verfolgen selbst kein politisches Programm. Aber ein geistiges – entfliehen die Männer doch der um sich greifenden Lethargie, Resignation und Verzweiflung. Sie überwinden Hindernisse, erleben Gastfreundschaft ebenso wie Zurückweisung, Spott und Respekt.  Ihre Reise wird so zu einem Spiegel der Gesellschaft und zugleich zu einer Geschichte über Ausdauer, Neugier und menschliche Begegnungen.

Die Verbindung zu Viktor Frankls Sinnverständnis

Der Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl vertrat die Auffassung, dass der Mensch nicht primär nach Glück oder Erfolg strebt, sondern nach Sinn. Sinn entsteht dadurch, dass ein Mensch Verantwortung übernimmt und sich einer Aufgabe oder einem Menschen hingibt – selbst unter schwierigen Umständen.

Für Frankl gewinnt der Mensch Sinn, indem er sich einer Aufgabe widmet. Die Ballonauten haben sich eine scheinbar absurde Mission gesetzt: einen riesigen Fußball durch Deutschland zu rollen. Gerade diese selbstgewählte Aufgabe gibt ihrem Alltag Struktur, Richtung und Motivation. Das Ziel ist weniger wichtig als das tägliche Weitergehen.

Frankl betont, dass Sinn häufig im Dienst an anderen Menschen oder in echten Begegnungen gefunden wird. Die Reise der Ballonauten lebt von den zahlreichen Gesprächen, Hilfen und zufälligen Kontakten unterwegs. Der riesige Fußball wird zum Anlass für Kommunikation und verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Ein Kernpunkt von Frankls Denken lautet, dass der Mensch seine innere Haltung selbst unter widrigsten Bedingungen frei wählen kann. Die Ballonauten erleben Erschöpfung, Rückschläge und Unsicherheit, setzen ihre Reise jedoch immer wieder fort – solange, bis am Ende der Holzball zerbricht. Ihre Beharrlichkeit erinnert an Frankls Idee der „Trotzmacht des Geistes“: Die äußeren Umstände bestimmen nicht vollständig, wie ein Mensch handelt oder wer er ist.

Frankl versteht Sinn nicht als etwas, das am Ende einer Reise wartet, sondern als etwas, das in jeder Situation entdeckt werden kann. Auch die Ballonauten verfolgen keinen materiellen Gewinn und keinen sicheren Erfolg. Ihre Versuche, etwas Geld fürs Überleben zu erhalten, in einer Zeit größter Armut in Deutschland, scheitern öfter als dass sie gelingen. Und doch, die Bedeutung ihrer Unternehmung entsteht unterwegs – durch Erlebnisse, Herausforderungen und die Entscheidung, immer wieder den nächsten Schritt zu gehen.

Die Reise der Ballonauten kann als anschauliches Beispiel für Frankls Sinntheorie gelesen werden. Zwei Menschen geben ihrem Leben in einer Zeit gesellschaftlicher Krise eine Bedeutung, indem sie Sinn in einer selbstgewählten Aufgabe entdecken. Ihre Geschichte zeigt, dass die Verwirklichung von Sinn aus Verantwortung, Engagement und der bewussten Entscheidung entsteht, trotz Unsicherheit einen Beitrag zu leisten. Für jemanden, für etwas oder für viele. Die Ballonauten – eine Umsetzung des Menschenbildes von Viktor Frankl in sehr anschaulicher Weise.

Krisenprävention mit dem Graves-Modell

Clare W. Graves: „Die Psychologie des reifen menschlichen Wesens ist ein sich entfaltender, schwingender, spiralförmiger Prozess, gekennzeichnet durch die fortschreitende Unterordnung älterer Verhaltenssysteme niederer Ordnung unter neuere Systeme höherer Ordnung, während die existentiellen Probleme eines Individuums sich verändern. Jede der aufeinanderfolgenden Stufen, Wellen oder Seinsebenen ist ein Zustand, den Menschen auf ihrem Weg zu anderen Seinszuständen durchlaufen. Ist der Mensch auf einen bestimmten Seinszustand zentriert, dann besitzt er eine Psychologie, die für diesen Zustand spezifisch ist. Seine Gefühle, Motivationen, ethischen Vorstellungen und Werte, seine Biochemie, der Grad seiner neurologischen Aktivierung, sein Lernsystem, Glaubenssystem, seine Auffassung von geistiger Gesundheit, seine Konzeptionen von und Vorlieben für Management, Erziehung, Wirtschaft sowie politische Theorie und Praxis sind alle diesem Zustand angemessen.“

Warum ist das Modell von Professor Graves für die Krisenprävention aus unserer Sicht so interessant? Was im ersten Lesen vielleicht seltsam klingen mag bedeutet im Kern, dass jeder Mensch in einer ihm spezifischen Weise einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess durchläuft, bei dem sich sein Set an Verhaltensweisen an den existenziellen Fragestellungen seiner aktuellen Lebensphase ausformt – kurz: ‚Der Mensch wächst mit den Aufgaben, die das Leben ihm stellt.‘

Zumeist erfolgt die Bearbeitung von derart bedeutenden Lebensthemen mit einem ausreichenden Maß an Zeit. Ob bei der Berufs- oder Partnerwahl, bei der Frage nach dem passenden Wohnort, bei der Laufbahngestaltung und auch bei einer Vielzahl großer, aber zeitlich großzügig geplanter Veränderungsentscheidungen. Hat ein Mensch Zeit, so kann er durch Reflexion, Dialog oder Beobachtung anderer eine Denkweise entwickeln, die günstig ist, um die eigene existenzielle Fragestellung authentisch beantworten zu können.

Zum ‚Lebensthema‘ kommt dann ein passendes ‚Verarbeitungsschema‘. Wir nennen die gelungene Kombination aus Thema und Schema eine spezifische Meme-Konstellation [theme + scheme = meme]

Mit den Tools, die wir im Krisenpräventionscoaching einsetzen, unterstützen wir unsere Klienten darin, 1. die biografisch vollzogene Entwicklung ihrer bewussten Denkweisen zu reflektieren, 2. die hinsichtlich möglicher künftiger Krisensituationen zu erwartende Denkhaltung zu erfassen und 3. alternative Denkhaltungen für solche Situationen zu entwickeln.

Dabei nutzen wir auch das in der KrisenPraxis an anderer Stelle (Sie können dazu im Suchfeld mit den Schlagwörtern Graves oder Graves-Modell nachschauen) bereits ausführlich vorgestellte Modell von Graves, mit dem er eine Gesamtbetrachtung aller Denkhaltungen [Memes] vorstellt, die die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte bislang ausgeprägt hat.

Das Mem [die Denkhaltung], das die existenzielle Frage des schlichten Überlebens adressiert, markiert quasi den Anfang aller Bewusstheitsebenen. Diese Denkhaltung erleben wir heute in der Regel nur unter dem Einfluss katastrophaler Ereignisse bei gleichzeitig völlig fehlender sozialer Abfederung. Bereits die Bewusstheit, ‚trotz allem‘ eingebunden zu sein, in ein wie auch immer helfendes, schützendes, begleitendes noch so kleines System, stellt eine nächste Mem-Ebene dar. Es folgen eine Reihe weiterer, bis hin zur aktuell weitreichendsten Bewusstheit, in der eine globalholistische Denkhaltung eingenommen wird, bei der die Bedeutung des Eigenen oder des Ganzen zurücktritt gegenüber der Bedeutung des ‚Allem‘.

Wir können die individuell-biografische Meme-Konstellation verstehen als ein Set an Denkhaltungen, das eine Person entwickelt hat, um mit den unterschiedlichsten Anforderungen in Lebenssituationen zurechtzukommen. Jeder Mensch hat eine ihn individuell auszeichnende, dynamisch entwickelte und sich (wenn der Mensch dafür etwas tut) weiter entwickelnde Bewusstheit.

Trifft nun der Mensch mit seiner biografisch begründeten Denkweise durch ein existenzielles Ereignis auf ein ‚Thema’ [theme], bei der die von ihm eingesetzten Verarbeitungs-‚Schemata’ [scheme] nicht greifen und sich als unpassend zur Lösung dieser Situation zeigen, dann verstehen wir diesen Menschen als einen ‚Mensch in Krise‘. Hätte dieser Mensch eine andere Bewusstheit, ein anderes Meme-Bündel verfügbar, so geriet er womöglich nicht in eine Krise, sondern er hätte ‚nur’ ein mehr oder minder kompliziertes Problem.

Die Sensibilisierung für alternative Denkhaltungen und das Erlernen solcher Denkweisen ohne den konkreten Druck eines massiven Belastungsereignisses – jedoch mit bewusstem Zulassen von Gedanken zu potenziellen Lebenskrisen – ermöglicht letztlich eine Vergrößerung des Handlungsspielraums in besonderen Lebenslagen. Dies ist eine der Grundideen der Krisenprävention. Rechtzeitig proaktiv zu reflektieren, mit welchem Denkschema man wohl eine Krisensituation gestalten würde, ist der wichtigste präventive Schritt. Dieser Schritt ist vergleichbar mit der Vorbereitung auf eine Alpenüberquerung. Die Berge (als Sinnbild über für die schwierigen Hindernisse in Form einer Krise) können gemeistert werden, wenn der richtige Rucksack richtig gepackt ist, die persönliche Haltung stimmt und man weiß, womit man überfordert ist oder vermutlich überfordert werden wird. Wer sich mit Badelatschen auf den Weg macht, der wird scheitern – wer das nicht glaubt, der spreche bei Gelegenheit einmal mit der Bergwacht.

Manchmal kann man sich jedoch wirklich an den Kopf fassen. Siehe dazu diesen Beitrag.

Krisenkompetenz

Die Entwicklung der Kompetenz, mit Krisen angemessen umzugehen, kann bereits durch frühe Lebensbedingungen beeinflusst werden. Wer zum Beispiel in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen ist, hat meist Fähigkeiten aufgebaut, die den Menschen dieser Generation gerade heute helfen, um mit den täglichen Unsicherheiten besser umgehen zu können als dies in anderen Kohorten beobachtet wird. So wuchs diese Personengruppe in einer Welt mit begrenztem Zugang zu Informationen auf. Ohne Internet oder permanente Verfügbarkeit von Lösungen mussten Probleme eigenständig durchdacht werden. In Krisensituationen – sei es wirtschaftlich, gesellschaftlich oder persönlich – ist genau diese Fähigkeit entscheidend. Wer gelernt hat, eigenständig Lösungen zu entwickeln, bleibt handlungsfähig, auch wenn externe Hilfe fehlt oder verzögert eintrifft. Heute, in einer Zeit der massenhaften Informationsverfügbarkeit, treten gerade aufgrund des ‚Zuviel‘ Entscheidungsblockaden auf – ein Phänomen, das den Umgang mit Belastungen deutlich erschwert.

In einer Zeit ohne permanente Verfügbarkeit von Informationen und Dienstleistungen verlief damals vieles langsamer – von der Informationsbeschaffung über Bücher und Bibliotheken über die Kommunikation per Brief oder Festnetztelefon bis hin zu Rückmeldungen auf Anfragen, wichtigen Entscheidungen und der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen ohne sofort verfügbare Unterstützung.Das förderte Geduld und die Fähigkeit, mit Verzögerungen umzugehen. Dieser Aspekt ist in Krisen relevant, denn sie verlaufen selten schnell oder linear. Ob wirtschaftliche Unsicherheit, persönliche Rückschläge oder globale Ereignisse – robuste Lösungen brauchen Zeit (auch Kriege werden nicht in 24 Stunden beendet, sic!). Eine hohe Frustrationstoleranz schützt davor, vorschnell aufzugeben oder in Panik zu reagieren. Geduld steht dabei in einem engem Zusammenhang mit der Regulation von Emotionen. Menschen, die warten können, sind oft stressresistenter und treffen langfristig bessere Entscheidungen.

Ohne digitale Ablenkung fand Kommunikation früher direkter statt. Konflikte mussten persönlich geklärt werden. Echte soziale Netzwerke sind daher einer der stärksten Schutzfaktoren in Krisen. Sie reduzieren Stress und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, schwierige Phasen erfolgreich zu bewältigen – wenn diese Netzwerke über ein Grundmaß an Empathie, der Fähigkeit zu aktivem Hinhören und Konflikthandhabung verfügen. Hingegen hat die digitale Welt neben ihren Vorteilen des schnellen Zugangs zu Wissen einen bedenkenswerten Einfluss auf menschliches Verhalten. Junge Menschen neigen zunehmend dazu, weniger Geduld aufzubringen, da ihnen sofortige Verfügbarkeit von Informationen eine hinreichende Sicherheit suggeriert. Zudem werden sie stärker abgelenkt mit der Folge reduzierter Konzentration und der Zunahme von Abhängigkeiten von externen Lösungen – wir sprechen hier heute bereits von KI-erzeugter Dummheit. Das alles führt zwar zur Kompetenz, mit Komplexität und neuen Technologien umzugehen, immerhin und gut so. Für einen profunden Umgang mit Krisen jedoch reicht dies nicht aus.

Krisenkompetenz ist trainierbar. Für jede Generation. Und vermutlich am ehesten durch schlaue Kombination der Fähigkeiten der verschiedenen Generationen. Krisenprävention kann damit auch als spezifische Form des Generationenlernens aufgefasst werden. Ein Versuch lohnt.

Are you lonesome tonight?

Psychotherapie beschäftigt sich ausnahmslos mit Problemen, die mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben. Ein solches ‚Problem‘ ist auch die Einsamkeit, einem aus philosophisch-wissenschaftlicher Perspektive vielschichtigen Phänomen, das sowohl individuelle Erfahrung als auch gesellschaftliche Struktur widerspiegelt. Als komplexer Zustand, in dem subjektive Wahrnehmung, neurobiologische Prozesse und soziale Bedingungen ineinandergreifen, verstehen wir Einsamkeit als eine Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich erlebten sozialen Beziehungen. Diese Differenz erzeugt ein Gefühl der Isolation, das sich nur schwer in Sprache fassen lässt und daher häufig tabuisiert wird. Paradoxerweise tritt Einsamkeit dabei nicht selten gerade inmitten vieler Menschen auf. Die bloße physische Anwesenheit anderer ersetzt noch keine emotionale Verbundenheit.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist Einsamkeit (entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen gewähltem, produktiven Alleinsein und unfreiwilliger, leidvoller Isolation) ein chronischer Stressor mit messbaren Auswirkungen auf Gehirn und Körper. Sie fordert dazu auf, soziale Bindungen zu suchen oder wiederherzustellen. In dieser Funktion ähnelt sie biologischen Warnsystemen wie Hunger oder Schmerz. Problematisch wird Einsamkeit jedoch, wenn sie chronisch wird. Dann verändert sie Wahrnehmungs- und Erwartungsstrukturen: Das Gehirn antizipiert weniger positive soziale Erfahrungen, die Person wird misstrauischer und reduziert die Motivation zu zwischenmenschlichen Kontakten – so kommt der Teufelkreislauf in Gang.

Philosophisch betrachtet verweist Einsamkeit auf eine grundlegende Spannung menschlicher Existenz: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit einerseits und die Unvermeidbarkeit individueller Getrenntheit andererseits. Diese Spannung ist nicht vollständig auflösbar. In Momenten des Rückzugs kann sie dazu beitragen, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und das eigene Selbstverständnis neu auszurichten.

Soziologisch zeigt sich, dass Einsamkeit in modernen Gesellschaften an Bedeutung gewinnt. Individualisierung, Urbanisierung und die Zunahme von Einpersonenhaushalten verändern soziale Strukturen nachhaltig. Trotz permanenter digitaler Kommunikation entstehen weniger stabile, tiefgehende Beziehungen. Einsamkeit wird damit zu einem strukturellen Phänomen, das nicht nur Individuen betrifft, sondern auch kollektive Auswirkungen hat. Studien deuten darauf hin, dass sie politische Einstellungen beeinflusst, etwa durch sinkende gesellschaftliche Teilhabe oder eine erhöhte Anfälligkeit für vereinfachende Weltbilder.

Auch gesundheitlich sind die Folgen erheblich. Chronische Einsamkeit steht in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Depressionen. Sie kann das Risiko für schwerwiegende Krisen erhöhen, und in extremen Fällen führt sie zu einem Zustand totaler innerer Abgeschiedenheit, in dem andere Menschen nicht mehr als erreichbar oder relevant erlebt werden. Gleichzeitig zeigen empirische Befunde, dass bereits kleine soziale Interaktionen positive Effekte haben können. Kurze Begegnungen, Blickkontakte oder freundliche Worte aktivieren Belohnungssysteme im Gehirn und können das Gefühl sozialer Einbindung stärken.

Einsamkeit entfaltet weitreichende gesellschaftliche und politische Wirkungen. Heute wird sie kaum mehr als private Angelegenheit betrachtet, sondern als kollektive Herausforderung moderner Gesellschaften. Damit verschiebt sich der Blick von der individuellen Betroffenheit hin zu strukturellen Bedingungen sozialer Integration. Wer sich dauerhaft isoliert erlebt, entwickelt häufig ein generalisiertes Misstrauen, das sich nicht nur auf das unmittelbare soziale Umfeld beschränkt, sondern sich auch auf Institutionen und politische Akteure ausweitet. Vertrauen ist jedoch ein soziales Kapital: Es ermöglicht Kooperation, politische Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nimmt es ab, verändert sich das Verhältnis des Individuums zum Gemeinwesen. Einsamkeit wirkt in diesem Sinne als Erosionsfaktor demokratischer Kultur, ohne dass die Betroffenen selbst als Ursache dieser Entwicklung gelten können. Vielmehr sind sie Indikatoren tieferliegender sozialer Spannungen.

Empirische Befunde zeigen, dass Einsamkeit in europäischen Gesellschaften weit verbreitet, jedoch ungleich verteilt ist. Besonders häufig tritt sie bei älteren alleinstehenden Menschen sowie bei Personen mit eingeschränkten ökonomischen Ressourcen auf. Auffällig ist jedoch, dass zunehmend auch junge Menschen betroffen sind – eine Entwicklung, die zunächst paradox erscheint, da diese Generation scheinbar in vielfältige soziale Kontexte eingebunden ist. Eine genauere Analyse legt jedoch nahe, dass Einsamkeit hier weniger als isoliertes Phänomen, sondern vielmehr als Symptom komplexer Belastungslagen verstanden werden muss. Die Lebensphase des Übergangs ins Erwachsenenalter ist durch tiefgreifende Veränderungen gekennzeichnet: institutionelle Wechsel, neue soziale Umfelder und die Notwendigkeit, Beziehungen immer wieder neu zu etablieren. Gleichzeitig erhöhen Leistungsdruck und Zeitknappheit die Schwierigkeit, stabile soziale Bindungen aufzubauen. Wer unter permanentem Erwartungsdruck steht, verfügt oft über weniger frei verfügbare Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen – ein zentraler Faktor für die Entstehung von Einsamkeit. Hinzu kommen Erfahrungen sozialer Ausgrenzung, etwa durch Diskriminierung oder Mobbing, die das Gefühl verstärken, nicht dazuzugehören.

Digitale Kommunikationsräume eröffnen zwar neue Möglichkeiten der Vernetzung und können insbesondere für marginalisierte Gruppen wichtige soziale Ressourcen darstellen. Gleichzeitig bleibt die Qualität dieser Kontakte häufig begrenzt. Virtuelle Interaktionen können vertrauensvolle Beziehungen nicht ersetzen, da ihnen körperliche Präsenz, nonverbale Kommunikation und emotionale Tiefe oft fehlen. So bleibt trotz permanenter Vernetzung das Bedürfnis nach Nähe vielfach unerfüllt.

Ein weiterer verstärkender Faktor liegt im permanenten sozialen Vergleich, der durch digitale Medien intensiviert wird. Menschen werden mit idealisierten Darstellungen fremder Lebensentwürfe konfrontiert und die mit ihnen verbundenen, verzerrten Vergleichsmaßstäbe können zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben führen.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Anerkennung und wechselseitigem Verstehen verbindet Menschen über Generationen hinweg. Einsamkeit verweist somit nicht nur auf ein Defizit, sondern auch auf eine grundlegende Ausrichtung des Menschen auf andere. Zudem lässt sie sich als unausweichlicher Bestandteil menschlicher Existenz deuten. Die Endlichkeit des Lebens und die Unzugänglichkeit innerer Erfahrungswelten anderer Menschen begründen eine letzte Form von Getrenntheit, die nicht vollständig überwunden werden kann. Dennoch bedeutet dies nicht, dass Einsamkeit ausschließlich negativ zu bewerten ist. In der bewussten Auseinandersetzung mit ihr kann sich ein Zugang zu Formen von Verbundenheit eröffnen, die über bloße Anwesenheit hinausgehen und ein konstruktives Spielfeld von Einsamkeit und Gemeinsamkeit eröffnet. Einsamkeit und Gemeinsamkeit – beide sind weder gut noch schlecht, entscheidend ist, was ein Mensch aus ihnen macht.

Wenn Freunde und Angehörige einen Menschen in einer Krise erleben

Damit müssen Sie rechnen:

Der Betroffene ist schockiert.
Dauer: Wenige Augenblicke bis 24 Stunden
Phänomen: Geistesabwesenheit, Erstarrung
Was Sie anbieten sollten: Präsenz, Freundlichkeit, Akzeptanz
Was Sie nicht anbieten sollten: Relativierung, Vergleiche, Trost

Der Betroffene ‚reagiert‘.
Dauer: Tage bis Wochen
Phänomen: Apathie, Verzweiflung, Depressivität, Hoffnungslosigkeit mit Wut, Feindseligkeit, Aggressivität, Trauer, körperlichen Begleitsymptome, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Fresssucht, Genussmittelmissbrauch, Pendeln zwischen extremen Gefühlszuständen.
Was Sie anbieten sollten: Aufmerksamkeit, Zuhören, kein Beschwichtigen, die Reaktionen des Betroffenen als ’normal in unnormaler Zeit‘ ansprechen
Tipp: Führen Sie ein Wahrnehmungstagebuch für die Zeit danach. Wie erleben Sie den Betroffenen, worüber spricht er, wie reagiert er …- eines Tages könnte dieses Tagebuch für die Person sehr wertvoll werden.

Der Betroffene ist orientierungslos.
Dauer: Wochen bis Monate
Phänomen: Empfinden von Chaos, Ungleichgewicht, mangelhafte Selbststeuerung, geringes Selbstgespür
Tipp: Den Prozess nicht stören oder sich verärgern lassen durch das ‚Suchen‘ des Betroffenen

Hinweis: Länger als acht Wochen dauernde Krisen drohen zu chronifizieren. Dann heißt das Gebot: Nicht zögern, sondern Gegensteuern!

Der Betroffene berappelt sich.
Dauer: wenige Tage bis Wochen
Phänomen: Der Betroffene interessiert sich wieder, zeigt Anteil, distanziert sich von seinem bisherigen Verhalten, wird aktiv
Tipp: Stärken und stabilisieren. Jetzt kein Blick zurück – die Reflexion hat Zeit.

Es kann keineswegs alles anders werden

„Es muss sich alles ändern.“ „Das kann keinesfalls so weitergehen.“ „Das muss jetzt endlich aufhören.“ So oder ähnlich formulieren Klienten zuweilen ihren Selbstanspruch an Veränderung, oft aus einem Affekt der Wut, der Angst oder einer Abscheu heraus. Die Motivation für ein Reset ist groß und doch wird allzu oft versäumt zu berücksichtigen, wie stabil eigene Routinen, Überzeugungen, Chiffren und Praktiken sind, die den Menschen eben auch zu einem Gewohnheitstier machen.

Eskalieren wir weiter und belassen es nicht nur bei einem Stress-Affekt, der entsteht, wenn einmal so richtig der Kaffee überläuft. Kommen wir an bei einem ‚krassen‘ Trigger. Einem Auslöser für einen Impuls, dem man nicht mehr ausweichen kann. Der einen vor die Wahl stellt – entweder wachsen oder untergehen. Mit großem Unbehagen fühlt der Mensch, dass es jetzt um etwas geht, das mehr ist als es seine Resilienz erlaubt. Er weiß, dass Nichtstun keine Alternative ist, dass die Suche nach Verantwortlichen (um nicht gleich von Schuldigen zu sprechen) auch nichts bringt und andere einem die Last des Triggers nicht abnehmen. Weil es bei diesem Trigger um die Verletzung eines eigenen Wertes geht, eines Selbstwertes, eines Lebenswertes. Wenn ein solcher wesentlicher Wert verletzt wird, wird der Mensch aufgerufen, zu dieser Verletzung Stellung zu beziehen. In diesem Moment muss jegliche Selbstlimitierung verworfen werden – Limitierungen, die einem die eigene Psyche immerfort anbietet. Geht ein Mensch in einem solchen Moment nicht über seine psychischen Limitierungen heraus, dann – so meine These – verfehlt er sich. Dann hat der Trigger das Ruder übernommen und damit teilweise die Kontrolle über das Leben der Person.

Die Wirkung des Triggers verspürt ein Mensch in seiner Psyche. ‚Psyche‘ ist die Adresse für alle Formen eines Abwehrmechanismus, mit dem sie einen Menschen zu schützen versucht. Als Schutzmacht kontrolliert sie das weitere Vorgehen: fliehen, kämpfen oder erdulden. Indem der Mensch sich in einer dieser Weisen verhält, unterwirft er sich gleichsam seiner Psyche und wird von ihrer individuell spezifischen Verfasstheit abhängig. Mit dieser Abhängigkeit kontrolliert nun der Mensch quasi seine eigene Psyche, indem er sie beauftragt, ihn immer wieder – vielleicht sogar auch immer stärker – in der ‚bewährten‘ Weise zu schützen.

Diese seltsame, musterhafte Dialektik (die Psyche kontrolliert die Person, die Person kontrolliert die Psyche usw.) aufzubrechen, ist die Aufgabe des Geistes als dritte Dimension neben der menschlichen Physis und Psyche. Mit dem Geistigen steht der psychischen Dimension quasi ihr Musterbrecher gegenüber. Das Geistige ist nicht Schutzmacht der Person, vielmehr ihre Trotzmacht. Trotz begrenzter Ressourcen und trotz psychischer Limitierungen, die dazu führen, dass die Psyche der Person ‚einredet‘, auf einen Trigger mit einer genannten Reaktionsweisen zu ‚antworten‘, steht stets die geistige Dimension der Person dafür zur Verfügung, ‚andere Sätze‘ dafür zu finden, wie sie mit dem Einfluss des Triggers umgehen kann.

Die Besonderheit ‚geistiger‘ Sätze besteht in ihrem Fokus auf Transzendenz des Selbst. Im Unterschied dazu kann man die Besonderheit ‚psychischer‘ Sätze darin sehen, dass sie zu einer Art Transformation des Selbst aufrufen. Mit jeder Flucht, jeder Vermeidung, jedem Angriff, jeder Leugnung, jeder Erduldung mehr, transformiert sich das Selbst-Verständnis eines Menschen immer stärker in Richtung eines dysfunktionalen Verhaltens im Kontext eines wahrgenommenen Triggers. Am Ende steht da ein Mensch, der sagt „ich kann nicht anders“. Das Leben nach einem Trigger wird so für einen Menschen zur Dauerflucht, zu einem Dauerkampf oder einer Dauererduldung. Und damit zu einem Dauerstress.

Dass derart gestressten Menschen viele Hilfsmittel zur Verfügung stehen, diesem Stress mindernd entgegenzuwirken, ist – so meine Vermutung – jedem Leser bereits bewusst. Es ist ein riesiger Markt, und vieles in diesem Markt leistet wirkungsvoll Ent-Lastung. Dennoch bleibt die Psyche eines Menschen ein Wahrscheinlichkeitsraum, in dem Ordnungsmuster oft sehr viel träger vorfindlich sind, als es der Mensch selbst wahrhaben mag. Eine Trägheit, die sich für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben durchaus als Stabilisierungsfaktor anbietet, im Kontext eines Triggers aber zu einer Verengung des Möglichkeitsraums führt, der zu Ende gedacht, einen alternativen Umgang mit Triggern verunmöglicht. Das ist tragisch, führt es den Menschen doch zu einer Dauernutzung stressmindernder Hilfsmittel.

Wer sich auf diese Hilfsmittel einlässt, der tut dies aufgrund des eigenen, oftmals aber auch eines fremden Erwartungsmanagements. Man erwartet von der Person, dass sie sich im Griff hat, ihren Aufgaben gerecht wird, sich nicht gehen lässt, sich doch nicht so anstellt und so weiter. Und damit das Level an Erwartung hoch bleibt, wird der Person vermittelt, dass doch jeder Stress habe und jeder mit seinem fertig werden müsse. In dieser Dynamik findet sich sodann der Keim für weitere dauerhafte Gewohnheiten – jetzt aber nicht von der eigenen Psyche ausgehend, sondern als Antwort auf Erwartungen, wie denn mit der eigenen Psyche umzugehen sei. Erfüllt nun der Mensch diese Erwartungen, indem er in die riesige Schublade der Hilfsmittel greift, spart er – vermeintlich – Energie, die er aufwenden müsste, um anstelle permanenter Transformation in die Transzendenz seines Selbst zu gelangen.

Um an den Titel dieses Beitrags zu erinnern: Es kann keineswegs alles anders werden. Will meinen, die Psyche wird durch das Geistige nicht obsolet. Aber der Umgang mit Triggern kann ein anderer sein als ein rein psychischer. Um ins automatische alltägliche Gewohnheitshandeln zu kommen, braucht es kaum Selbsttranszendenz. Dafür reichen Empfindungsfähigkeit, Lebenserfahrung, gesunder Menschenverstand und viele andere kognitive und emotionale Ingredienzien völlig aus. Bei Triggern jedoch, mit ihrem Grad an unvorhersehbarer Unzumutbarkeit, reichen sie nicht aus.

Ein Trigger macht deutlich, was die Bedrohungslage ist. Sie zeigt sich in einer psychischen Überforderung individueller Gewohnheiten. Trigger (Sie können schon einmal überlegen, welche Ihre schon waren oder sein könnten) setzen das, was ein Mensch unter Normalität versteht, außer Kraft. Sie führen zu Kontrollverlust und zu einer Veränderungen in der Selbstkommunikation. Trigger greifen bewährte Werte an und je wesentlicher die angegriffenen Werte sind, umso entwertender wirken Trigger auf den Menschen ein – sofern der oder das, was da triggert, auch trifft.

„Das Einzige, was du mir nicht nehmen kannst, ist die Art und Weise, wie ich auf das, was du mir antust, reagieren will. Die letzte der Freiheiten, die man hat, ist die Wahl der eigenen Haltung unter den gegebenen Umständen.“
Viktor Frankl

Nutzt man einen Vergleich, so findet sich im persönlichen Parlament eine Koalition aus Körper und Psyche und in der Opposition alles, was diese beiden Koalitionäre angreift. Die Koalition sollte ihren Beitrag dafür leisten, die Konflikte, die durch die Opposition eingebracht werden, zweckdienlich und damit gesund aufzugreifen, ihre konstruktiven Anteile zu integrieren und Dysfunktionales herauszufiltern.

Die Präsidentin ist die geistige Dimension. Als per se gesunde, freie und verantwortliche Instanz hält sie die kommunikativen Kanäle in die Lebenswelt der Person offen, erhält ihr damit eine angemessene Spannung und einen Möglichkeitsraum zur Verwirklichung von Werten. Je aufgewühlter die Verfassung des Parlamentes ist, um so schwieriger ist es zuweilen für die Präsidentin, das von ihr wahrgenommene Sinnhafte den Koalitionären zu vermitteln. Dringt sie gar nicht mehr durch, zeigt sich damit die Unerschütterlichkeit der Gewohnheiten im Parlament. Erst, wenn diese Gewohnheiten auch nicht mehr durch Hilfsmittel beibehalten werden können, dann – so scheint es – wird der Weg freier für grundlegende, damit wesentlich wertebewusstere Ausrichtungen der Person. In solcher Situation fragt der Mensch nach dem Existenziellen und sucht nach einer Antwort, die er seinem Leben geben kann und die gleichwohl die Eigendynamiken seiner beiden Koalitionäre einhegt, die womöglich immer noch versuchen, sich mittels Selbstreflexion anzustrengen, doch noch Herr im Haus zu bleiben.

Als Therapeut kenne ich das Phänomen, dass Menschen sich eingedenk ihrer entstandenen Lebenssituation bereits das Hirn zermartert haben, was denn nun die Ursache für die Situation gewesen sei, wer die Schuld dafür habe, warum gerade sie nun betroffen seien, warum Sicherheiten nicht mehr gegriffen haben usw.. Aber – leider –  vieles an mühevoller (Selbst-)Reflexion verpufft wirkungslos, die Lage bleibt wie sie ist, der Stress wird giftig und die Sinnsuche beginnt. Und mit dieser Suche beginnt eine Art Zeitenwende. War die Reflexion noch der nicht mehr veränderbaren Vergangenheit gewidmet, steht die Gegenwart bereit für die Suche nach Sinn. Und war die Vergangenheit eine Zeit, in der auch Dinge geschahen, die nicht hätten geschehen sollen-müssen-dürfen …, beginnt mit der Gegenwart eine neue Freiheit, die natürlich die Vergangenheit nicht tilgt, aber zu einer neuen Bewusstheit im Umgang mit dem, was jetzt die Lage ist, beitragen kann.

Und diese Bewusstheit, dass jeder Mensch jederzeit Sinn in seinem Leben finden kann, entsteht durch die Erkenntnis, dass Finden von Sinn eine Bereitschaft bedingt, anders als bisher auf das eigene Leben zu schauen. Dieses Andersschauen können wir auch Selbstdistanzierung nennen. Eine Wendung von der Nabelschau der eigenen Person hin zur Öffnung zu dem, was die Person ihre Welt nennt. Diese offene Weltwahrnehmung funktioniert daher nur durch Wegsehen von der eigenen Person. Ungewöhnlich mag dieser Gedanke sein: je mehr ich von mir wegsehe, um so mehr nehme ich Gestalt in meiner Welt an und je mehr ich zu mir hinsehe, um so mehr sehe ich, welche Gestalt ich bislang noch nicht aus mir geformt habe. Und wieder steht der Markt bereit…

Denn, wer ich noch nicht war, der könnte ich ja noch werden – mit Hilfsmitteln, Optimierungsanstrengungen, Eigenaufträgen und vielem mehr. Und so passt sich Mensch seinem eigenen und-oder fremdem Erwartungsmanagement an und versucht, sich so selbst Sinn zu machen. Leider mit einem fatalen Denkfehler, denn der, der ich noch nicht war, kann ich niemals mehr werden. Der, der ich gerade jetzt noch nicht bin, der kann ich werden. Denn nur jetzt gibt es die Bedingungen für mich, jetzt der zu werden, der ich jetzt noch nicht bin. Die Bedingungen, in denen ich noch nicht der wurde, der ich heute anstrebe zu werden, sind nicht mehr die Bedingungen von jetzt. Ergo, Reflexion führt nicht zur Entwicklung, sondern bestenfalls zur Erkenntnis, jetzt das zu tun, was ich jetzt werden kann. Und zur Erkenntnis, dass, wenn ich das jetzt nicht tue, morgen womöglich gerne der sein würde, der ich gestern hätte werden können – nur, dass sich zwischenzeitlich schon wieder die Bedingungen geändert haben.

Bedingungen, seien es familiäre, gesundheitliche, berufliche, finanzielle oder soziale, führen alltäglich zu einem meist ausreichendem Maß an Routineproblemen. Diese gilt es zu lösen, das ist zweckdienlich und für die menschliche Psyche in aller Regel auch leistbar. Aber darüber sprechen wir ja nicht, sondern über Trigger. Mischen sie sich als unerwünschte Bedingungen zu denen des Alltags hinzu, dann ist die Summe vergleichbar mit einer Schallplatte, die gleichzeitig auf beiden Seiten abgespielt wird. Die eine Seite bringt Musik zu Gehör, die man kennt und gewöhnlich – dank einer positiven Trägheit – auch gerne hört – die Alltagsthemen werden bewältigt. Die Klänge der anderen jedoch belästigen – der Trigger schmerzt. Die Not zu wenden scheint einfach – man wende doch bloß die Platte. Jedoch, auf diese Weise von der Notwendigkeit bereits auf die Möglichkeit zu schließen, muss ein Trugschluss sein. Wäre es so einfach, dann wären die Praxen der Psychotherapie leer. Was also hindert den Menschen auf seinem Weg in die Möglichkeit? (Wieder bietet es sich an, kurz zu verweilen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, sich diese Frage – so sie spannend für Sie ist – einmal vorzulegen und auf die Antwort zu warten, die Ihnen Ihr Innerstes gibt).

Wird eine Person getriggert, dann ergibt sich eine Differenz zwischen ihrer angemessenen und ihrer als bedrohlich empfundenen Lebensweise. Übersteigt die Bedrohung die Angemessenheit, und kann die Bedrohung nicht wirkungsvoll gemindert werden, verliert die Person einerseits zunehmend an Unabhängigkeit und andererseits geraten ihre psychischen Möglichkeiten sukzessive ins Hintertreffen. Wir sprechen dann davon, dass die sogenannte Dekompensationsgrenze der Person nicht mehr unter ein für sie erträgliches Maß fällt. In einem solchen Zustand wünschen sich viele Betroffene, dass etwas derart geschieht, dass alles anders wird. Hauptsache, der Trigger wird abgestellt.

Operativ gesprochen wird Klienten, die über einen Trigger berichten, irgendwann zwar klar, dass sie nur über eine Änderung ihres eigenen Verhaltens sich dem Einfluss des Triggers entledigen können. Meist zeitgleich wird ihnen aber auch klar, dass diese Änderung sich in ihren gegenwärtigen sozialen Bezügen bewähren muss. Hierzu ein Beispiel: Eine 24jährige Frau wird schwanger. Sie berichtet ihrer Mutter davon, diese erzählt es ihrem Mann und der wiederum eröffnet ihr in einem Telefonat, dass er nicht daran glaube, dass sie es schaffe, ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden. Schließlich wäre sie ja noch nie auf eigenen Beinen gestanden. Nach einigen unerfreulichen Gesprächen mit ihrem Vater wird für sie irgendwann klar, dass dieser sich immer schon lieber einen Sohn wünschte und die entstandenen Lebensbedingungen seiner Tochter ihn in seinem Urteil nun bestätigten. Die Beziehung zum Kindsvater sind fragil, die finanziellen Bedingungen erschwert, die junge Frau arbeitet für ihren Lebensunterhalt, doch ihre Schwangerschaft bereitet ihr Zukunftssorgen. Das alles sind für sich bereits anspruchsvolle Problemstellungen, der Trigger aber, sich zum ersten Mal ‚unerwünscht‘ zu fühlen, überfordert die Frau komplett. Ihre bis dahin konstruierte Lebenswelt war bei allen Schwierigkeiten immer noch irgendwie kontinuierlich – nun aber ’schießt‘ sie der Trigger völlig aus der Bahn. Nicht nur wird mit einem mal sichtbar, was die junge Frau mit ihren Anstrengungen alltäglich in der Lage war, wegzumoderieren. Auch wird für sie sichtbar, dass ihre Anstrengungen aus der Sicht ihres Vaters von ihr vollzogen wurden, ohne dabei auf eigenen Beinen zu stehen. „Wäre es doch bloß alles anders und ich wäre ein Mann“, murmelt die werdende Mutter und merkt dabei nicht, wie sie sich in der Vergangenheit ihres Vaters verstrickt.

Trigger versuchen es immer wieder, eine gesunde psychische Trägheit, die erforderlich ist, um eine funktionierende Lebenspraxis sicherzustellen, auf die Probe zu stellen. Trifft ein Trigger auf lebensrelevante Bedingungen, wird er zu einer veritablen Zumutung. Als bloße Meinung geäußert, kann ein Trigger – auch, wenn er verletzend einwirkt – wegmoderiert werden. Dann ist man zwar enttäuscht, traurig oder entsetzt. Ist er aber mehr als Meinung, ist er etwa ein Urteil, dann steht eine existenzielle Frage im Raum: Woran will ich mein Leben messen lassen?

Wenn ein Mensch seinen Werten entsprechend so handelt, dass er sich (einem) Menschen oder Aufgaben hingibt und es dabei schafft, seine alltäglichen Herausforderungen auch in eigener Sache mit hinreichend funktionierenden Arrangements zu bewältigen, dann können wir von einer lebenskompetenten Person sprechen, die sinnorientiert agiert und praktische Problemstellungen im Rahmen der täglichen Routine meistert. Wer so aufgestellt ist, der mag besser gerüstet sein für triggerhafte Einflüsse, so dass aus präventiver Sicht es ein Gebot der Unterstützung ist, Menschen im Auf- und Ausbau ihrer Sinnwahrnehmung und Lebenspraxis zu helfen. Eine solche Unterstützung vermag es, einen personenzentrierten Übergangsprozess im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, die dazu beiträgt, dass die Person ihre Steuerungsfähigkeit soweit ausbaut, dass auch erfreuliche wie unerfreuliche unerwartete Überraschungen, Zufälle und Unvorhersehbarkeiten von ihr mit ins Kalkül gezogen werden. Einen Übergangsprozess einer zwar fordernden, dennoch aber handhabbaren Transition, die nicht – wie bei einer Transformation – einen Wandel bedeutet, dem sich die menschliche Psyche mit ihrer Widerständigkeit in der Regel ohnehin verschließt. Einen Prozess, an dessen Beginn eine Einstellungsmodulation steht, durch die die Person ihre Bereitschaft aufbaut, sich perspektivenwechselnd einen Lebensentwurf zu erarbeiten, der den Ansprüchen gelingender künftiger Lebensphasen besser gerecht wird. Einen Prozess, dem kleine umsetzende Schritte folgen, die in die konkreten gegenwärtigen Situationen der Person passen. Derart präventive Entwicklungsarbeit lässt Menschen sich an mögliche neue Zukünfte gewöhnen, ohne dass sie derart in Bedrohlichkeit ausarten wie es Trigger in der Lage sind, die auf einen auf sie unvorbereiteten Menschen treffen. Hat man einmal verstanden, dass man von einem Menschen nur verlangen kann, wozu er durch persönliche, materielle, soziale, strukturelle und finanzielle Bedingungen befähigt ist, dann ist der anfängliche Rahmen für die Entwicklungsarbeit abgesteckt. Denn: Es kann keineswegs alles anders werden.

Sie fragen sich, wie denn nun das Gespräch mit der 24jährigen Frau geführt wurde? In etwa so:

Therapeut: Sie sagen: „Es muss alles anders werden.“ Darf ich Sie fragen, was genau im Moment unerträglich geworden ist?

Frau: Dieses Gefühl, unerwünscht zu sein. Als hätte mein Vater mit einem Satz entschieden, dass ich scheitern werde.

Therapeut: Das klingt nach einem Trigger, der nicht nur schmerzt, sondern einen Ihrer wesentlichen Werte trifft. Ihre Psyche will Sie nun schützen: kämpfen, fliehen oder erdulden. Spüren Sie das?

Frau: Ja. Ich will entweder beweisen, dass er Unrecht hat – oder am liebsten verschwinden. Allemal ist es würdelos, was mir mein Vater gesagt hat.

Therapeut: Beides sind verständliche Antworten Ihrer Psyche, die versucht, Sie vor weiterer Entwertung zu schützen. Doch solange Sie nur reagieren, bleibt das Urteil Ihres Vaters der Maßstab, an dem Sie sich ausrichten.

Frau: Und wie sollte es sonst gehen?

Therapeut: Nicht indem Sie stärker werden, nicht indem Sie sich rechtfertigen und auch nicht, indem Sie verschwinden. Sondern indem Sie innerlich einen Schritt Abstand nehmen zu seinem Urteil und auch zu Ihrem ersten Impuls darauf. In diesem Abstand entsteht etwas Drittes: die Möglichkeit, selbst Stellung zu beziehen.

Frau: Sie meinen, ich müsste entscheiden, ob ich dieses Urteil gelten lasse?

Therapeut: Genau. Nicht widerlegen. Nicht bekämpfen. Sondern entscheiden, ob es definieren darf, wer Sie sind und wofür Sie leben. Mit Ihrer Stellungnahme beginnt Ihre Freiheit. Nicht die Freiheit, dass alles anders wird, sondern die Freiheit, nicht von diesem Urteil bestimmt zu werden. Ihr Vater spricht ein Urteil. Sie müssen es nicht zu Ihrem Maßstab machen.

Frau: Und was bleibt mir dann?

Therapeut: Die Verantwortung für das, was jetzt für Sie Sinn hat. Nicht, wer Sie hätten sein sollen. Sondern, wofür Sie sich heute hingeben wollen – vielleicht Ihrem Kind, vielleicht einer Aufgabe, die größer ist als der Schmerz des väterlichen Triggers.

Frau: Also nicht gegen den Trigger kämpfen oder ihm ausweichen?

Therapeut: Nein. Ihn ernst nehmen, aber ihm nicht das Ruder überlassen. Der Trigger zeigt, wo es um etwas Wesentliches geht. Ihre Antwort darauf entscheidet, wer Sie jetzt werden.

Frau: Dann kann nicht alles anders werden?

Therapeut: Nein. Aber Ihr Umgang damit kann ein anderer sein. Und das genügt, um Sinn zu verwirklichen.

Bald ausverkauft!

 

Das Kartentool „Life2Me – Bewusstheit in Krisen“ basiert auf dem von Professor Clare W. Graves entwickelten ‚Graves Value System‘. Eine detaillierte Einführung in dieses System finden Sie in diesem Aufsatz.

  • 15 Karten je Denkhaltung [Bewusstheitsebene] = 105 Karten
  • 3 Gewichtungskarten
  • Spielkartenformat
  • Stabiler Karton [Stärke: 330g]
  • Gewicht: ca. 200 gr.
  • beidseitige Lackierung für lange Haltbarkeit
  • abgerundete Ecken
  • Kunststoff-Stülpverpackung
  • Elegante und gut lesbare Schrift, Schriftfarbe anthrazit
  • Jede Karte mit farbigem ‚Bewusstheits-Index‘

Zum Hintergrund des Tools:

1. Wir machen einen Unterschied zwischen ‚Bewusstsein’ und ‚Bewusstheit‘.
Unter ‚Bewusstsein‘ verstehen wir die Gesamtmenge aller Sinnesempfindungen, Gedanken und Emotionen, die einem Menschen in einem bestimmten Zeitraum bewusst sind und über die er aus der Erste-Person-Perspektive berichten kann. Der Zeithorizont des Bewusstseins kann somit die ferne und nahe Vergangenheit sowie die Gegenwart umfassen. Eine bekannte Methode, mit der die Entwicklung des Bewusstseins [z.B. in Zusammenhang mit der Lösung von Problemen] dokumentiert wird, ist die Tagebucharbeit.
Unter ‚Bewusstheit‘ verstehen wir hingegen die individuelle psychische Disposition, die das unmittelbare Wahrnehmen dessen beschreibt, was einen Menschen in eigener Achtsamkeit im Hier und Jetzt bewegt und ihm aktuell gewahr wird, seien es Körperempfindungen, Sinneswahrnehmungen, Gefühle, Fantasien, Denkweisen und Impulse. Der Zeithorizont der Bewusstheit ist somit der aktuelle Moment.

2. Tritt eine Krise ein oder will man sich szenarisch mit einer möglichen Krisensituation auseinandersetzen, dann trifft dieses Ereignis auf die aktuelle psychische Verfassung der betroffenen Person. Die Person geht also mit einer spezifischen Bewusstheit ‚ans Werk‘ und versucht, der Krisensituation mit den Mitteln dieser Bewusstheit Herr zu werden. Das zentrale ‚Mittel‘ der Bewusstheit ist das aktuelle, persönliche ‚Denkschema‘. Soll meinen: Eine Situation tritt ein und der Mensch denkt nach einem ihm eigenen Schema darüber nach, wie sich die Situation wohl gestalten lässt. Man kann somit ‚Bewusstheit‘ auch als Produkt aus ‚Thema‘ und ‚Denkschema‘ verstehen.

3. In problemlosen Situationen vermag ein Mensch, ‚Denkschemata‘ zu nutzen, die passend sind für die Gestaltung der jeweiligen Situation. In einer Krise ist das anders – und der Volksmund sagt dann zum Beispiel: „Ich verstehe die Welt nicht mehr“. In Krisen verfügt ein Mensch nicht hinreichend über das für diese Situation angemessene Denkschema. Kommen aus diesem Grund keine tragfähigen Lösungen zustande, dann führt dies zu einer weiteren Verschärfung der Situation. Haben zudem dann auch andere, vielleicht sogar sehr vertraute Personen ein ähnliches Denkschema wie die betroffene Person und bespricht sich die betroffene Person mit diesen Vertrauten, dann erschwert dies die Lage zusätzlich, da selbst diese wohlgesinnten Menschen keine besseren Impulse zu geben in der Lage sind [„keiner kann mir wirklich helfen“].

4. Rechtzeitig zu reflektieren, mit welchem Denkschema man wohl eine Krisensituation gestalten würde, ist deshalb ein wichtiger präventiver Schritt. Folgt man dabei der Erkenntnis, dass Probleme sich nicht mit derselben Denkweise lösen lassen, durch die sie entstanden sind, dann haben wir einen sehr brauchbaren Schlüssel in der Hand, der die Tür zu einer belastungsärmeren, geschmeidigeren, stressfreieren Gestaltung von Krisensituationen eröffnet. Ein Beispiel dazu: Weiß ich, dass ich bei Belastungen, die mir andere Menschen bereiten, vorrangig als Denkschema den Einsatz von Kontrolle, Strukturen, Absicherungen, Rechtsmittel und anderen ‚Ordnungen‘ erwäge, dann ist dieses Denkschema unbrauchbar, wenn die Belastung eben dadurch entstanden ist, dass die anderen Personen Veränderungen im Kontext ‚Ordnung‘ vorgenommen haben. Will ein Unternehmen beispielsweise einen Mitarbeiter in einen anderen Unternehmensbereich ‚versetzen‘ [eine Ordnung also verändern], dann ist es wenig erfolgversprechend, wenn der Mitarbeiter seinerseits das Denkschema ‚Ordnung‘ [z.B. durch das Beharren auf arbeitsrechtlichen Vereinbarungen] nutzt, um die entstehende, belastende Problematik zu behandeln.

5. Der Kartensatz ‚Life2Me – Bewusstheit in Krisen‘ ermöglicht es Ihnen, in Ruhe auf Situationen zu schauen, die Sie als erhebliche psychische Belastung erleben würden, träten sie ein. Für die sieben Bewusstheitsebenen, die Graves erforscht hat und die mit den Farben Purpur – Rot – Blau – Orange – Grün – Gelb – Türkis benannt werden, haben wir jeweils 15 Aussagen formuliert, die diesen Ebenen entsprechen. Mit drei Gewichtungskarten können Sie entscheiden, inwieweit Sie der jeweiligen Aussage zustimmen würden, träfe ein Ereignis ein, das Sie vorab als potenzielle Krisensituation definiert haben. Aussagen, denen Sie gar nicht zustimmen, legen Sie beiseite, die restlichen zu den Karten mit den Gewichtungsfaktoren. Sind alle Karten zugeordnet, dann ermitteln Sie durch Multiplikation [Anzahl der Karten einer Farbe x Gewichtungsfaktor] die Gesamtstärke der sieben Bewusstheitsebenen im Kontext des Krisenszenarios.

Nur noch wenige Exemplare verfügbar!
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Bitte bestellen Sie per Mail an office@krisenpraxis.de

Freude – eine anspruchsvolle Emotion

Freude zeigt sich oft in kleinen, bewussten Momenten: wenn wir Schönheit wahrnehmen, Nähe erleben oder ganz im Augenblick aufgehen. Solche Momente können bewusst „gespeichert“ werden und tragen zu einem inneren Reichtum bei. Gleichzeitig steht diesem Ideal ein Alltag gegenüber, der häufig von Mühsal, Pflichten und inneren Hemmnissen geprägt ist. Schwere gilt dabei fast als Normalzustand des Lebens, während Leichtigkeit aktiv errungen werden muss.

Freude entsteht teils spontan, oft jedoch nur, wenn sie bewusst kultiviert wird. Dazu gehört, den Blick gezielt auch auf die positiven Aspekte des Lebens zu richten. Die Forschung zeigt, dass unser Gehirn formbar ist: Wer sich regelmäßig schöne Erfahrungen vergegenwärtigt, kann langfristig eine positivere Grundhaltung entwickeln. Dennoch ist das nicht einfach, denn unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgerichtet, Probleme und Gefahren zu erkennen. Innere To-do-Listen, Pflichtgedanken und ständige Ablenkung erschweren es, einen an sich erfreuenden Moment zu genießen.

Ein verbreiteter Glaubenssatz lautet, dass Disziplin, Aufschub von Genuss und Pflichtbewusstsein der Schlüssel zu einem guten Leben seien. Zwar sind diese Fähigkeiten wichtig, doch sie greifen zu kurz. Ebenso bedeutsam ist die Fähigkeit, Freude zu empfinden und Genuss zuzulassen. Wer genießen kann, ist nachweislich zufriedener. Freude und Pflicht müssen sich dabei nicht ausschließen: Sie können sich verbinden, etwa wenn Tätigkeiten um ihrer selbst willen getan werden und man ganz in ihnen aufgeht.

Eine tiefere, nachhaltige Form der Freude entsteht häufig dort, wo Sinn erlebt wird. Sinn verbindet Mühsal und Freude, auch wenn sich sinnvolles Handeln nicht immer leicht oder angenehm anfühlt. Verbundenheit mit anderen und mit etwas Größerem geben dem Leben Tiefe. Freude ist dann weniger ein lauter Höhepunkt als ein stilles inneres Aufleuchten – ein Gefühl von Resonanz mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Welt.

Tod – die je persönliche Idee

Gibt es ein Recht auf einen gelingenden Tod? Bei einer solchen Frage verlassen wir die Wissenschaft und kommen an in der urpersönlichen Idee dessen, was ein Mensch ‚Tod‘ nennt.

Dem will ich nicht ausweichen: Für mich ist Tod ein spiritueller Zustand einer aus dem Leben gestorbenen Person, deren Körperlichkeit noch erahnbar, deren Fühlen und Denken noch erinnerbar, aber deren Geistiges stets weltoffen erlebbar bleibt. Das Geistige bleibt unauslöschlich erhalten in der Welt, mit all dem, was ein Mensch zu Lebzeiten erzeugt und erschaffen hat. Und von dem er womöglich nie erfahren hat, was es in seiner vielleicht noch so kleinen Welt bereits bewirkte. Und von dem er nie erfahren wird, was es noch bewirken wird. Dass das individuell Geistige stets bewahrt bleibt, ist die Grundlage für das stets geltende Recht auf gelingenden Tod.

Die Aufgabe des Lebens, die der lebende Mensch zu erfüllen hat, könnte somit lauten: Tue in deinem Leben alles gewissenhaft dafür, den Raum zu vergrößern, in anderen Menschen etwas zu bewirken.

Ralph Schlieper-Damrich, aus: