Kategorie-Archiv: Individuelle Krisenprävention

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen:
– Der Tag des Geborenwordenseins
– Der Tag, ab dem der Mensch erkennt, wofür er lebt
– Die Tage, an denen der Mensch fühlt, worum es ihm geht
– Die Tage, an denen der Mensch von Jemand oder Etwas existenziell Abschied nimmt und erkennt, dass alles im Verantwortethaben unverlierbar geborgen bleibt.

Grafik aus Schlieper-Damrich, Ralph [2020]: Coaching des Todes

Gefundener Sinn eskaliert sämtliche Zwecke

Als Logotherapeuten und Logocoachs arbeiten wir sinnorientiert. Also dafür, dass Menschen Wege zur Sinnerfüllung entdecken und die gefundenen dann beleben. Vor einigen Jahren, als wir noch Beratungsleistungen in und für Unternehmen erbrachten, stand eine andere Perspektive im Vordergrund. Damals wurde darüber gerungen, welchem Zweck die jeweilige Organisation in der Zukunft wohl zu dienen habe. Welchem gesellschaftlichen Zweck soll das unternehmerische Handeln untergeordnet werden? Bricht man diese Frage ganz weit herunter, so folgen die meisten Unternehmen dem Zweck, für die Bedürfnisse von Menschen einen Beitrag zu leisten. Wer Schrauben für Pipelines entwickelt, schafft ein Puzzleteil dafür in die Welt, um zum Beispiel die Wasserversorgung irgendwo auf der Welt zu verbessern. Am Ende (oder am Anfang) eines solchen Vorgehens steht etwas Gesolltes. Ein Sinn. Leiste einen Beitrag für den Lebenserhalt von Menschen.
Über alle erdenklichen vorangehenden Prozessketten hinweg hat nun der Metallbauer die Schraube in der Hand. Gefragt, wozu dieses Bauteil gut ist, wird er wohl mit seiner Expertise auf die Pipeline verweisen, dahinter wohl auf das Unternehmen, das damit Geld verdient, dahinter wohl auf ihn selbst, der damit auch sein Geld verdient. Und schon ist das Eigentliche (das Gesollte, der Sinn) aus dem Blick, das Wesentliche (das Worum geht es mir als Metallbauer) aus dem Gefühl und das Wichtige (das Warum fertige ich die Schraube) als Zweckdenken in den Vordergrund gerückt.

Sinn und Zweck stehen so sprachlich zwar oft eng zusammen, sind sich aber doch so fern. Will sagen: Erster ist in der Welt, er kann nicht gemacht oder konstruiert werden. Nach dem Zweiten kann sich eine Person ausrichten, muss es aber nicht. Nicht selten wird das Eigentliche gar nicht erst gesucht, sondern der Blick bleibt beim Zweck stecken. Dann denkt sich ein Unternehmen, dass es doch für sich genommen bereits sinnvoll wäre, das zwanzigste Joghurt auf den Markt zu bringen. Dass dieser unternehmensgemachte Denkfehler heute stärker denn je von Menschen – immer öfter auch gerade von denen, die in diesen Unternehmen arbeiten – gefühlt wird, ist für uns in Ausübung unserer Rolle offenkundig. Warum? Weil eben viele Menschen in der Therapie oder im Coaching nach dem Worum, nach dem Eigentlichen ihres Daseins fragen.

Unsere Klienten bringen ihre Sinnorientierung mit, weil sie fühlen, dass es da mehr geben muss als den reinen Zweck, der von Unternehmen kaschiert und als Sinn verkauft oder kommuniziert wird. Damit das Spiel gelingt, laden sie Menschen ein, sich doch selbst ihren Sinn zu konstruieren und tarnen dies dann als Aufruf zur Selbstverantwortung. Am Ende dieses Spiels bleiben dann oftmals Menschen als doppelte Verlierer zurück. Zuerst haben sie die Fähigkeit verlernt, das Eigentliche zu entdecken und dann verlieren sie das Gefühl, überhaupt die ihnen anempfohlene Selbstverantwortung übernehmen zu können, eben weil ihre Konstruktion von Sinn scheitert, da es ihn ja bereits gibt und er nicht konstruiert werden kann. Was letztlich übrigbleibt, sind seltsame Sprachverdrehungen, die auch dadurch nicht besser werden, nur weil sie massenhaft genutzt werden.

Aktuell ist es die (falsche) Nutzung des Begriffs ‚purpose‘ für Sinn, und wir als Logotherapeuten sind gespannt, was als nächstes kommt bis vielleicht irgendwann in grauer Zukunft es ein Einverständnis der ökonomischen Elite dafür gibt, endlich diesen Unsinn vom Sinn zu beenden und ‚sich einmal ehrlich zu machen‘. Ehrlich zu machen für den ‚Zweck‘ (purpose). Ein Unternehmen bezweckt dann einfach, mit seinen Schrauben Geld zu verdienen. Diesen Zweck kann sich auch jeder Mensch, der in einer solchen Unternehmung arbeitet, konstruieren. Egal, ob eine Schraube, ein Joghurt, ein Design, eine Finanzdienstleistung, ein Weihnachtsbaumengel – einem Zweck dienen alle Produkte und Dienstleistungen. Ob hinter diesen Zwecken etwas Eigentliches – ein Sinn – steht, das bleibt offen – wenngleich: er ist.

Und diesen Sinn, der ist, kann entdecken, wer über eigene Bewusstheit verfügt – entdecken kann Sinn also nicht ein Abstraktum, wie zum Beispiel ein Unternehmen. Rückt man als im Beruf stehender Mensch von seiner Sinnorientierung ab [vielleicht, weil man in den täglichen Aufgaben keinen wahren Sinn mehr entdecken kann], so bleibt [immerhin und hoffentlich] die Zweckorientierung. Legt man hier als basalen Zweck jeder Organisation das Überleben ebendieser Organisation zugrunde, dann wird in einem kapitalistischen System der Einsatz von Mitteln nachvollziehbar, die eher mehr als weniger einen Gewinn in Aussicht stellen. Keinen Gewinn zu erwirtschaften stellt irgendwann den Zweck des Vorhabens eines Unternehmens in Frage, niemals jedoch das per se gegebene Gesollte. Zum Beispiel keinen Gewinn mit Kohleabbau zu erwirtschaften, hat demnach irgendwann eine absehbare Folge. Dennoch wird damit das per se Gesollte [einen Beitrag zur umweltbewussten Energieversorgung zu leisten] nicht getilgt.

Jemand, der diese beiden, Sinn und Zweck, mit einem Kunstgriff zusammenfallen ließ, war Niklas Luhmann. Er stellte Sinn als etwas heraus, das für die Konstitution von sozialen Systemen nach seiner Sicht bedeutsam ist: „Mit dem Begriff Sinn soll eine bestimmte Selektionsweise bezeichnet werden, nämlich eine Selektion, die das ‚Woraus‘ der Wahl präsent hält und dadurch die Möglichkeit hat, ihre eigene Selektivität zu kontrollieren. Sinn ist punktualisierter Ausdruck für Komplexität, ist Reduktion und Erhaltung zugleich und genau dadurch für Systembildung adäquat, daß die Totalität des Möglichen nicht aufgegeben, aber rekonstruiert wird als dies (-und-anderes): als Selektion von Relevanz. Man kann sich vorstellen, daß diese Struktur sich einlebt als Konsequenz organisch bedingter kontinuierlicher Input-Überlastung.“ Einfacher ausgedrückt: Komplexität ist immer. Individuell ist sie zuweilen überlastend. Lasten gilt es punktuell zu mindern, weil eine allgemeine Entlastung der Dynamik von Systemen nicht entspricht. Damit das klappt, selektiert ein Mensch und nennt das dann Sinn. Hmm, warum nicht Zweck, denn es ist doch für das ‚Überleben‘ des Menschen zweckdienlich, ein Zuviel von Belastungen zu senken. Das wusste auch schon Viktor Frankl, wenn er dazu riet, Leid sofort zu mindern, wenn dies möglich ist – aber, wenn dies nicht möglich ist, das Leiden nicht als Selbstzweck zu verstehen, denn als eine Aufgabe zur Transzendenz.

Letztlich reiben sich alle Perspektiven, die Sinn zu etwas benutzen wollen, an der Sichtweise Frankls, bei der nicht der Mensch sein Leben zu befragen hat, was es denn Sinnvolles für ihn bereithält [ggfls. etwas, was die Komplexität in seiner aktuellen Lebenswelt reduziert], sondern dass der Mensch von seinem Leben befragt wird, was er in seine Lebenswelt hineinschaffen kann. Diese Perspektive ist damit grundsätzlich handlungs- und verantwortungsorientiert, nicht naiv oder weltfremd, weil es die individuellen Bedingungen, die Menschen haben, durchaus würdigt, nur sie eben nicht zum Maßstab dafür macht, dass ein Mensch sich diesen Bedingungen ohnmächtig hingibt. Luhmann versucht hingegen aus seiner Leitidee, alles sei Kommunikation, eine Sinngrenze dahingehend zu entwerfen, indem er auf ein Verhältnis von möglichen Aspekten (in der Umwelt) zu relevanten Aspekten (im betrachteten System) hinweist. Er versteht daher Sinn als „Bezugspunkt von Interpretationen, die ihrerseits als bestimmende Aneignung durch ein Subjekt begriffen werden.“ Was wohl so viel meint wie, der Mensch ist seines Sinnes Schmied, seine Interpretation zielen hin auf Sinn und letztlich: der Mensch macht sich mittels Kommunikation Sinn.

Wenn man Sinn derart utilitarisiert, darf man sich der Frage ausgesetzt sehen, inwieweit man damit dem Selbstoptimierungsstress innerhalb der Gesellschaft weiteren Vorschub leistet. Denn es liegt nahe anzunehmen, dass sich Unternehmen auf den Weg machen, ihren Mitarbeitenden die ‚Interpretation‘ des vermeintlich Sinnvollen zu ‚erleichtern‘, zum Beispiel durch ‚sinnstiftende Arbeitsumgebungen‘, ‚Feelgood-Abteilungen‘ oder andere Sinnigkeiten mehr. Ganze Heerscharen von Beratern und Think Tanks bemühen sich bereits darum, Unternehmern zwar deutlich zu machen, dass die Wahrnehmung von Sinn dem Subjekt vorbehalten sei, es aber vielleicht doch helfen könne, diese Wahrnehmung mittels Selektionshilfen zu erleichtern. Das dahinter stehende Menschenbild, das vielleicht auch verstanden werden kann als: Wir verstehen den Menschen als nach einer Vormundschaft seiner Sinnwahrnehmung strebenden Wesen, zeigt im Kern die Angst vieler Unternehmen an, Arbeitskräfte im hart umkämpften Wettbewerb zu verlieren.

Dabei wäre die Antwort doch einfach. Wir als Unternehmen wollen überleben, das ist unser primärer Zweck. Damit das gelingt, müssen wir etwas leisten, was Menschen, in welcher Rolle, wie und wo sie mit uns auch immer zusammenarbeiten, als bedeutsam und wichtig ansehen. Diesem Zweckdenken müssen wir unsere zweckdienliche Leistung zur Seite stellen. Fühlt sich ein Subjekt aufgerufen, das Zweckdenken eines Unternehmens in Frage zu stellen, so stehen kontextuell, situativ und systemisch verschiedene Wege der Kritik am Zweck zur Verfügung. In höchster Instanz jedoch kann ein Subjekt das, wofür er sich aufgerufen fühlt durch Anrufung an sein Gewissen geltend machen. In diesem Moment fühlt das Subjekt die Notwendigkeit, seine Einstellung nicht an einem Zweck, sondern an Sinn auszurichten. Kurz: Nicht die Summe aller, fraglos meist auch gut gemeinter Zwecke zum Erhalt von Leistungskraft, Wohlbefinden, Kreativität usw. ergibt Sinn. Vielmehr eskaliert gefundener Sinn alle Zwecke.

Wer sinnorientiert lebt, hat seine Weltoffenheit und den Sinn, den es in dieser Welt stets gibt, aktiviert. Wer Sinn in dieser Lebenswelt finden will, fragt nach dem Worum (hat es mir nun zu gehen). Wer dieses Worum kennt, ist kein besserer Mensch, aber – so unsere therapeutische Erfahrung – ein sinnorientiertes und selbstgesteuertes anstatt eines rein zweckbewussten Wesens, denn „bloßes Überleben kann nicht der höchste Wert sein. Mensch sein heißt ausgerichtet und hingeordnet sein auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. [Frankl]“

Fazit: Weltoffenheit und Zweckdenken sind in vorgestelltem Verständnis handlungssteuernd. Während das Erste jedoch ohne das Zweite auskommt, wird das Zweite ohne das Erste schnell zum Selbstzweck. Zweckdenken kann solange erfreuend auf eine Person wirken, solange sie psychisch [emotional und kognitiv] einzuschätzen vermag, einen bedeutungs- und wertvollen Teil zu einem Beitrag zu leisten, den sich ein [privates oder berufliches] System zum Ziel gesetzt hat. Ob das subjektiv Erfreuende sich im Hintergrund auf einen objektiven Sinn stützt, bleibt meist solange nichtthematisiert, bis sich die Person die Frage meint vorlegen zu müssen, worum es ihr jetzt zu gehen hat. Diese Frage unbeantwortet zu lassen, kann alsbald in verschiedene Formen dysfunktionaler bis pathologischer Selbstzweckorientierung führen. Sie sich immer wieder im Leben aktiv vorzulegen hingegen ist nach unserer Einschätzung die best-practice-Handlung im Sinne einer individuellen Krisenprävention.

Zwischendurch gefragt …

… welche Geschichten des Gelingens könnten Sie heute erzählen? Welches – um ein häufig benutztes Wort in der Gegenwart zu bemühen – ‚Narrativ‘ haben Sie und wie wirkt es sich auf Ihre Lebensführung aus? Wem haben Sie über Ihr Gelingendes berichtet und aus welcher Motivation heraus? Passt Ihr Narrativ zu den Erwartungen Ihres privaten und beruflichen Umfeldes? Haben Sie schon einmal überlegt, worin der schmale Grat zwischen ‚Narrativ‘ und ‚Lebenslüge‘ besteht? Wie lange erzählen Sie wem bereits Ihr Narrativ? Haben Sie den Eindruck, dass sich Ihre Geschichte des Gelingens in der Zukunft noch einmal ganz anders anhören könnte? Wenn ja, was müssten Sie tun, was Sie nicht bisher auch schon taten, damit dieses Gelingen gelingt?

Ressourcen-Check

Die Urlaubszeit kommt zum Ende, der Jahresendspurt im Job beginnt. Und mit ihm stellen sich wieder allzu menschliche Fragen. Wie gelingt mir eine gute Selbststeuerung und Selbstmotivation. Welche Absichten habe ich und wie kann ich die zielgerichtet umsetzen? Welchen Stress kann ich künftig besser abwenden, was müsste ich tun, um durch zu viel Stress zu scheitern? Laufe ich Gefahr, dass unter Stress alte Glaubenssätze wieder aktiv werden und mich hindern, ein gelingendes und erfreuendes Berufsleben zu führen? Worum geht es mir bei meiner Arbeit?
Sofern Sie sich solcherlei Fragen stellen, dann fühlen Sie offenbar ein Gap zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Gelassenheit und Überforderung – und allemal ein Erfordernis, den Status Quo der individuellen psychischen Verfassung zu ermitteln.

Als Ausgangspunkt für Ihre bewusste Selbstentwicklung setzen wir in unserer Coaching- und Therapiepraxis die Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik [entwickelt von Prof. Dr. Julius Kuhl] ein. Mit ihr gelingt ein genauer Blick in die bewussten und unbewussten psychischen Kraftquellen und Krafträuber. Und es zeigt Wege auf, wie das persönliche Set an Selbststeuerungsfähigkeiten verbessert werden kann. Das Verfahren leistet damit einen wichtigen Beitrag für die psychische Gesunderhaltung, nicht nur am Arbeitsplatz.

Wenn auch Sie einen Blick in Ihre psychische Verfasstheit entlang dieser wissenschaftlich fundierten Persönlichkeits- und Motivationstheorie werfen wollen, stehen wir Ihnen in unserer Praxis gerne zur Seite.

Studienbefragung ‚Pandemie und soziale Resilienz [Kontext Architektur]‘

Unsere empirische Untersuchung im Kontext ‚soziale Resilienz und Pandemie‘ läuft unter der Leitung der Psychologiestudentin Angella Kattae von der Universität Trier.
Die Ergebnisse finden Sie hier im November 2021

Hier ist der Link zur Befragung, an der Sie gerne teilnehmen können. Sie dauert weniger als zehn Minuten.

Krisenpräventionsspirale

Anders als im Spiralmodell von Erika Schuchardt, in dem die individuelle Krisenverarbeitung als Lernweg durch acht Spiralphasen dargestellt wird, die ihrerseits nicht begrenzt und abgeschlossen sind, sondern fließend ineinander übergehen, sich ablösen aber auch nebeneinander bestehen können, wird hier nun das Modell der Krisenpräventionsspirale vorgestellt.

Dieses Modell adressiert den Wunsch von Klientinnen und Klienten, einen Blick in ihre nächste Lebensphase zu werfen und die dort nicht völlig auszuschließenden, potenziell existenziellen Problemsituationen hinsichtlich präventiver Gestaltungsmöglichkeiten zu bearbeiten. Die sieben Phasen beginnen mit der Selbstvergewisserung, dass es diese Krisenmomente im Leben geben kann. Hier die weiteren Phasen:

7. Selbstbewusstheit
[ich gestalte meine neue Lebenspraxis]
Das Leben aus der Perspektive der Zukunftsmöglichkeiten trotz möglicher Krisenbelastungen führen

 


6. Selbstverantwortung und Genius

[ich erkenne, worum genau es geht]
Wahrnehmung des existenziellen Gefühls bei der Verwirklichung des zentralen Einstellungswertes

5. Selbstwertentwicklung
[ich erlaube mir, mich von Altlasten zu trennen und meine Werte zu leben]
Integration des Lebensthemas und Entfaltung des Wertesystems, bestehend aus
schöpferischen Werten, Erlebniswerten und Einstellungswerten

4. Selbstbeauftragung
[woran gilt es vorrangig zu arbeiten]
Aufbruch in ein neues Sinn- und Selbstkonzept

3. Selbstaufklärung
[warum kann gerade mir das geschehen]
Bemusterung des bisherigen Lebens

2. Selbstüberwindung
[ich befasse mich ernsthaft und doch gelassen]
Entscheidung für die unbequeme, im Kern jedoch befreiende Auseinandersetzung mit möglichen Lebensphasen-Krisen [wir empfehlen für die Phasen 2-6 die Begleitung durch eine/n Logotherapeuten/in]

1. Selbstvergewisserung
[ich schaue hin]
Akzeptanz potenziell existenzieller Belastungssituationen, deren Eintreten in den kommenden fünf Jahren nicht vollends ausgeschlossen werden können [wir empfehlen hierzu das Konzept Life2Me]

BUGA und Erlebniswerte

Die Bundesgartenschau in Erfurt lädt Sie und insbesondere Ihre Augen noch bis Ende September 2021 zu einem wahren Farbenfeuerwerk ein. Wer sich in einer psychisch belastenden Situation befindet und schöpferische Werte [eine Kategorie on Viktor Frankl] wie Leistung, Initiative, Ordnung, Arbeit oder auch Kreativität nicht verwirklichen kann [vielleicht aufgrund eines Verlustes eines Menschen oder des Arbeitsplatzes oder aufgrund einer Erkrankung] nicht verwirklichen kann, der kann seine Erlebniswerte [wie zum Beispiel Schönheit, Anmut, Sanftheit, Harmonie …] aktivieren. Der Erfurter Augenschmaus bietet Ihnen eine Fülle an derart wertevollen Eindrücken und die Stadt selbst erbringt ihren Teil dazu, um Ihnen als  erfreuende  und vitalisierende Energiequelle auch in Krisensituationen einen Ausgleich zu ermöglichen. Hier ein paar Eindrücke aus unserem Besuch in Erfurt Mitte Juli.

 

Existenz

»Existenz will sich nicht ins Beliebige vergeuden, sondern ihr Dasein für das Eigentliche verschwenden. Erst, wenn die Entscheidung reif wird, wenn ich im geschichtlichen Zugriff mich verwirklichen könnte und mich dennoch an meine jetzt fragwürdig werdende allgemeine Möglichkeit angstvoll klammere, entgleite ich mir durch diese Verweigerung des Eintritts in das Schicksal meines Tages. Scheu vor jeder Fixierung in Beruf, Ehe, Vertrag, vor jeder unwiderruflichen Bindung, verhindert mein Wirklichwerden, so dass ich schließlich, was Ursprung in mir hätte sein können, als nur mögliche Existenz ins Leere zerrinne.«

Karl Jaspers

Krisenforscher in Deutschland

FRANK BÖSCH ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam. Er ist Mit- Herausgeber des Handbuchs Krisenforschung, 2020, das aus verschiedenen konzeptionellen und methodischen Perspektiven auf ‚Krise‘ schaut und plädiert dabei für einen reflexiven Ansatz, der den Begriff der ‚Krise‘ selbst als zu beobachtenden Begriff versteht.

FRANK ROSELIEB ist geschäftsführender Direktor und Sprecher des Kieler Instituts für Krisenforschung (‚Krisennavigator‘), ein Spin-Off der Universität Kiel. In mehr als 500 Vorträgen, Veröffentlichungen, Forschungs- und Beratungsprojekten hat sich der Wirtschaftswissenschaftler seit 1998 u.a. mit Krisenkommunikation im Internet, Krisenmanagement bei Lebensmittelskandalen, Katastrophenmanagement bei Terroranschlägen, Business Continuity Management in Banken, Risikokommunikation bei Hochwasserereignissen und Pandemien, Themenmanagement in öffentlichen Einrichtungen und Restrukturierungsmanagement im Mittelstand beschäftigt.

RALPH SCHLIEPER-DAMRICH ist Gründer des Augsburger Instituts für Individuelle Krisenprävention. Das Institut hat die zentrale Aufgabe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass Menschen sich und ihr Recht auf ein gelingendes Leben nicht verfehlen. Dabei schlägt es eine Brücke zwischen den Kontexten Sinntheorie von Viktor Frankl und Krisenprävention durch Werteklärung und Krisenpsychotherapie.

ERIKA SCHUCHARDT ist Professorin emer. für Erziehungswissenschaft an der Universität Hannover. 1994 bis 2002 war sie Mitglied des Bundestags, ab 1972 gewählte Synodale der Evangelischen Kirche in Deutschland. Schuchardt schrieb u. a.: „Warum gerade ich …? Leiden und Glauben“ (11. überarbeitete und erweiterte Jubiläumsausgabe, 2002), „Weiterbildung als Krisenverarbeitung“ (Bd. 2, 8. Aufl. 2003) und ist Begründerin des Krisenmodells ‚Lebens-Spiralweg im Komplementärmodell – Krisenmanagement für Person & Gesellschaft.

 

Sterben als Kopie

Haben Sie schon einmal überlegt, wer sie geblieben wären, hätten Sie nicht die Segnungen der Erziehung und Sozialisation empfangen? Warum sollte ich das denken, werden viele sagen, denn ‚ich bin ganz zufrieden mit dem, was aus mir wurde und wie ich darin von Eltern und Gesellschaft unterstützt wurde‘. Anderen geht es genau andersherum – einmal nicht das Leben anderer leben, einmal nicht wissen, dass man als Original geboren wurde und als Kopie anderer sterben wird.

Erst einmal im Erwachsenenalter angekommen, erweist sich die Frage nach dem ‚wer bin ich wirklich und wie kann ich mich an diesen Kern, zumindest etwas, wieder zurückbinden?‘ zuweilen als existenziell. Schließlich geht es um nicht weniger als die Identität. Und so kann es sein, dass man sich seiner Selbst nicht mehr so sicher ist und dieser Mangel an Selbstsicherheit auf eine gesellschaftliche Ordnung trifft, in der Macht, Regeln und Leistung ’normal‘ sind, während Bedürfnisse nach Zuwendung, Gemeinschaftswohl oder auch intellektueller Vernetzung kaum befriedigt werden können. Wer sich hier in einer Identitätsfalle fühlt, kann dies anderen Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, kaum kommunikativ nachvollziehbar vermitteln. In der Folge passt sich die Person immer weiter den Gegebenheiten an und merkt doch sehr wohl, dass da im Leben etwas einfach nicht stimmt.

Mit dem Kindheits-Enneagramm, das wir vor gut zehn Jahren entwickelt haben, kann in einem logotherapeutischen Gespräch ein Beitrag dafür geleistet werden, dass ein Mensch die Grundzüge des eigenen Originals wieder erkennt. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in ein der Identität entsprechendes Verhalten ist dann im Anschluss die eigentliche Arbeit. Sie ist schwierig, da sich das System um die Person herum – wenn überhaupt – nur langsam ändert. Ergo steht die Person in der Selbstverantwortung, das zu tun, was ihr entspricht – verbunden mit der Überwindung manchmal zahlreicher Begrenzungen, die sich über die Zeit hinweg um die Person gelegt haben. Nach und nach sich von Klammerungen aller Art zu distanzieren, wirkt anfangs befreiend und bedrohend zugleich – und nicht jeder Mensch schafft es, diesen Prozess in für ihn passender Geschwindigkeit und Konsequenz zu gestalten. Klammern sind stark und haben durchaus auch ihre Qualitäten. Sich von einigen zu lösen, fällt leichter, wenn die Person den Sinn in ihrem Leben erfühlt. Die ‚Zutaten‘ für diesen Wahrnehmungsprozess sind ‚Weltoffenheit‘, ‚Selbstempathie‘, ‚Geduld‘ und ein Bewusstmachen innerer Zensoren. Der stärkste eigene, innere Gegner der Sinnfindung ist das Selbstmitleid. Verfällt ein Mensch in diesen Zustand, begibt er sich an sich in den Hass auf sein Umfeld, seine Lebensgeschichte, manchmal sogar auf sich selbst. Dieser Zustand ist fraglos negativ und er bringt auch nichts, außer noch mehr Hass oder Schicksalsergebenheit.

Ein Original hasst nicht – gerade deshalb, weil es keinen Grund dafür hat. Hass kommt hingegen auf, wenn ein Original gezwungen wird, seine Authentizität aufzugeben und zur Kopie anderer zu werden. Und Selbsthass keimt, wenn – wie es Marcel Proust einmal beschrieb – ein Mensch das Bedürfnis entwickelt, seine Leiden gerade von denen mildern zu lassen, die ihn zum Leiden brachten.

Arbeit hin zum Original – eine der originären Arbeiten in der Logotherapie.