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Die dritte Dimension

Rudolf Virchow, der berühmte Charité-Arzt, meinte einst, er habe zwar an die tausend Leichen seziert, aber nie eine Seele gefunden. Aber das ist nicht alles. Denn würde ein Arzt auf die Suche gehen, er würde auch nicht den Geist finden. Und doch, wenn ein Arzt einer Körpererkrankung auf die Spur kommt, dann empfiehlt sich stets, auch die psychische Verfassung des Menschen in Augenschein zu nehmen. Denn wir wissen um den psycho-physischen Parallelismus, wir wissen um das Körperliche, das leidet, weil es dem Psychischen an etwas mangelt. Und wir wissen um Psychisches, das leidet, weil der Körper um Hilfe schreit.

Psycho-Somatik und Soma-Psychie – beide Perspektiven greifen ineinander und man ist immer schlau beraten, anzuerkennen, dass Psychisches die Physis belebt, und der Körper dem Psychischen, dem Empfinden, Denken, Fühlen und Handeln die Energie verleiht. Wenn Körper und Psyche parallel Bedarf an Linderung anmelden oder – was allemal ein Königsweg ist – die Person für beide ein Präventionsprogramm auflegt, dann kommt die dritte Dimension, das Geistige, ins Spiel. Das Geistige ist die Straße hin zu Sinn. Mit dem Geistigen empfängt die Person die Fragen, die das Leben und die Lebenswelt der Person stellt. Lebensweltfragen gibt es zu jeder Zeit, um sie zu hören, braucht es Weltoffenheit – insbesondere dann, wenn Körper und Psyche der Person in Situationen existenzieller Abschiede vermitteln, es gäbe keinen Sinn mehr.

Dieses Gefühl der Sinnleere ist menschlich und bekannt – für die Logotherapie ist es das Thema an sich, weist das Gefühl doch auf das tief im Menschen verwurzelte Wissen hin, dass es einerseits ‚Sinn‘ [nicht den Sinn und nicht den einen Sinn] gibt und andererseits, dass jederzeit dem Menschen aufgegeben ist, jederzeit vorhandenen Sinn zu finden. Vor diese Aufgabe gestellt hat der Mensch nun zwei Möglichkeiten. Entweder, er gibt sich auf und nimmt die Aufgabe nicht an. Oder er nimmt sie an und gibt sich hin. Viktor Frankl: ‚Jeder Mensch hat Bedingungen. Aber er ist stets frei und verantwortlich, sich ihnen so oder so zu stellen‘. So [psychophysisch] oder so [geistig]. Sie haben die Wahl.

Das Diskurs-Dilemma zwischen Philosophie und Sinntheorie

Klar, als Logotherapeut werde ich oft gefragt, wie man sein Leben wieder sinnvoll gestalten kann, woran man überhaupt merkt, dass das eigene Leben ein Sinnvolles ist und – natürlich – wie man Sinn findet, wenn er nach eigenem Empfinden als verloren gilt? Diese Fragen zeichnen den Menschen als Menschen aus, sie sind ‚exklusiv human‘. Im Gedankengut der Sinntheorie und seiner praktischen Umsetzung in der Logotherapie von Viktor E. Frankl finden sich Antworten auf diese Fragen. Wer sich für umfassend beschriebene Arbeitsbeispiele aus diesem Kontext interessiert, mag einen längeren Blick in meine Bücher werfen. 

Schaut man über diesen konkreten Bezug der Logotherapie oder des sinnzentrierten Coachings hinaus auf den dahinter liegenden philosophischen Rahmen, so werden immer wieder Stimmen laut, die darauf verweisen, dass zwischen Vertretern traditionsreicher philosophischer Strömungen und Vertretern der Sinnlehre Frankls gewissermaßen Funkstille herrscht. Dieses Phänomen zu erklären ist schwierig und facettenreich. Einige Aspekte, die mir dazu einfallen, sind:

  • Die Führung des Viktor Frankl Instituts in Wien – der Institution, die quasi das rechtmäßige konzeptionelle Erbe des Begründers der Logotherapie vertritt – folgt in meiner Wahrnehmung einer Grundhaltung Frankls, der sich zu keiner Zeit als Verfechter einer ‚besseren‘ Psychotherapie verstand, sondern sich stets auf die Berechtigung aller Therapiekonzepte seit Freud, Adler, Jung u.a. sowie der mit diesen verbundenen Menschenbilder und Weltanschauungen berief. Frankl stellte jedoch ebenso klar einen wesentlichen Unterschied zu den Konzepten seiner Kolleginnen und Kollegen heraus: Den Non-Reduktionismus. Die Idee, ein Mensch sei ’nichts anderes als [seine Triebe, Lerngeschichte, Minderwertigkeiten …]‘, hat Frankl jederzeit verworfen und daraus könnte abgeleitet werden, dass er auch Philosophien kritisch gegenüber stand, die ihrerseits einem Reduktionismus folg[t]en. Denkt man dies weiter, so muss jeder in welcher Weise auch immer reduktionistisch denkende Philosoph an Frankl Anstoß nehmen. Einige wenige formulieren eine solche Kritik, viele andere sind hier nicht ‚auffällig‘ – vielleicht, weil es aus ihrer Sicht müßig ist, mit einem ‚Nonreduktionisten‘ in einen Dialog zu treten, ohne ihn quasi von vornherein als Fremdkörper innerhalb des wissenschaftlichen Feldes zu geißeln. Aus meiner eigenen Sicht sind solche Diskurse ‚elfenbeinturmwürdig‘. Im Gegenteil dazu habe ich nach Philosophien Ausschau gehalten, die einerseits anschlussfähig sind an das sinntheoretische Gebäude Frankls und die andererseits in der Lage sind, dieses Gebäude um hilfreiche Etagen zu ergänzen. Als Adresse einer solchen Philosophie erscheint mir hier das Konzept der Integralen Theorie von Ken Wilber derzeit am besten geeignet.
  • Frankl-Kritiker aus der Welt der Philosophie sollten sich in Erinnerung rufen, dass Frankl von Beruf Arzt und Psychiater war. Wesentliche philosophische Einflüsse in seinem Werk sind bekannt und mit Namen wie Scheler, Jaspers, Heidegger und anderen verbunden. Hieraus kann jedoch nicht der Anspruch abgeleitet werden, Frankl als ‚Berufsphilosophen‘ zu verstehen, dessen Argumentationsstränge in einer Weise zu erfolgen hätten wie wir dies zum Beispiel aus den Meditationen Descartes, im Empirismus von Locke oder Hume oder aus den Büchern Kants kennen. Wer dies kritisieren will, hat dazu jede Möglichkeit. Von Vertretern der Frankl’schen Lehre zu erwarten, sich entlang heute üblicher Methoden philosophischen Denkens abzuarbeiten, erscheint sportlich, darf doch eben nicht vergessen werden, dass die Lehre Frankls vorrangig dem Menschen und nicht der philosophischen Wissenschaft diente.
  • Wenn sich philosophische Autoren an die Arbeit machen, ihre Theorien und Denktraditionen an Frankls Sinnkonzeption zu reiben, dann ist dies wissenschaftlich erfreulich. Es mag jedoch verständlich sein, wenn dies die heutigen Vertreter Frankls ihrerseits quasi auf der Gegenseite nicht ebenso tun, besteht ihre inhaltliche ‚Reibefläche‘ doch eher im Feld der Psychologie und Psychotherapie. In concreto meint dies auch: Die Anzahl derer, die – wie es Frankl offenkundig tat – in ihrer täglichen Arbeit die Brücke zwischen Psychologie und Philosophie beidseitig beschreiten, ist äußerst gering. Somit ist klar, dass die Linie der Kritiker aus dem Feld der Berufsphilosophen ungleich stärker ist als umgekehrt und damit einhergehend auch die Kritikinhalte, die sich manchmal an der Bedeutung der Intuition in Frankls Lehre, manchmal an seinen Wertekategorien, manchmal an dessen Überlegungen zum Kontext von Sinn und Leid stoßen. Dieses Ungleichgewicht mag man bedauern, solange es aber an Universitäten keine ‚offiziellen‘ Viktor Frankl Lehrstühle gibt, die von Personen besetzt werden könnten, die sich dem Forschungsauftrag widmen, Frankls Sinntheorie stärker für einen philosophischen Diskurs verfügbar zu machen, solange wird es wohl bei einseitiger Kritik aus der Philosophie bleiben. Das aber (Vorsicht: Bonmot) sind Bedingungen, denen sich sinntheoretisch arbeitende Logotherapeuten so oder so zu stellen haben. Offenkundig haben sich bisher die meisten für eines dieser ’so‘ entschieden: für Arbeit für den Menschen und nicht für eine Arbeit in der Philosophiewissenschaft.

Bluff

Der Roman der Dänin Janne Teller ist schon ein paar Jahre alt und doch aktueller denn je. Viele junge Leute fragen sich im Schatten von Corona, welchen Sinn das Dasein eigentlich noch hat. Sich derart verloren zu fühlen, ‚da zu sein‘ und sich doch mit dem Absurden der Welt nur widerwillig auseinander setzen zu wollen, ist ein seelischer Zustand, dem wir in der Psychotherapie nur allzu häufig begegnen. Kierkegaard, der große dänische Existenzialist und Kenner der Angst, hat schon im 19. Jahrhundert diesen Schmerz beschrieben und philosophisch verarbeitet.

Wenn ein Mensch, wie der Protagonist in Tellers Roman, sich sicher ist, dass das Leben schlicht zu nichts nützt, kein Hahn so wirklich danach kräht, ob es einen gibt oder nicht, wenn aller Sinn reine Illusion und Spekulation ist, schlicht ein Bluff, dann muss man sich irgendwann einmal die Augen reiben, hinschauen und verzweifeln. Oder, wenn man diese Kurve noch einmal kriegen will, dann entscheidet man sich für Gott, wenn man glauben kann, ihm die eigene Existenz zu verdanken. Wenn aber auch das nicht so richtig funzt, dann hilft nur die Idee, dass alles einfach nur ein kosmischer Witz des Zufalls ist. Und über Witze lacht man, so wie man es auch an einigen Stellen im Roman ‚Nichts‘ tun kann. Wer sich philosophisch auf den Roman vorbereiten will, der sei eingeladen, zuerst Kierkegaard, Sartre und Camus zu verdauen und nach dem Roman einen Blick in die Bücher von Viktor Frankl zu werfen. Vielleicht kommt einem da eine andere Form der Besinnung, die einen unabhängiger macht von Angst, Gott oder dem Verlachen der Welt.  

Kein Plädoyer für Selbstreflexion

Wussten Sie das schon? Der Begründer einer der weltweit größten psychotherapeutischen Schulen, Prof. Dr. mult. Viktor Frankl, hielt Selbstreflexion für wenig hilfreich. Wie das? Wird doch in jeder Psychotherapie gerade dazu angeregt. Seltsam, oder?
Die Begründung ist gar nicht mal so schwierig zu verstehen. In Frankls Menschenbild wird dargelegt, dass grundsätzlich nicht über die Person gesprochen werden kann, sondern nur zu ihr. Zu ihr zu sprechen meint, dass ‚Person‘ keine feststellbare, beobachtbare oder substantielle Größe im Menschen ist. Vielmehr ist das Wesen der Person ihre ‚Selbsttranszendenz‘, ihr ‚Über-sich-Hinausgehen‘. Nur wenn sich der Mensch auf etwas oder jemanden ausrichtet, das nicht wieder er selbst ist, ist er ganz Mensch und wird zur Person. Selbstreflexion hingegen verhindert dies, vielleicht nicht immer, aber allemal dann, wenn ein Mensch eine psychisch belastende Lebensphase durchläuft. Gerade dann ist es nicht die ‚Methode der Wahl‘, sich mit sich selbst über Gebühr zu befassen. Learning: In einer Krise lassen Sie am besten die Finger vom Regal mit den Büchern über Selbstreflexion und Selbsterfahrung. Sie werden damit nicht weiterkommen.

Im Gegenteil: Gehen Sie auf Ihre Lebenswelt zu. In der Hingabe an die Aufgaben der Situation richtet sich der Mensch aus auf ein potenziell gelingendes Leben in der Zukunft. Prospektiv, statt retrospektiv – auch, wenn es leichter erscheint, sich mit dem bekannten Vergangenen zu befassen als mit dem noch unbekannten Leben, das von vorn kommt.

Diese Perspektive einzunehmen ist für viele Menschen im ersten Moment fordernd. Manche haben den Eindruck, in der Logotherapie dürfte man nicht bedauern, betrauern, beklagen, betroffen sein. Doch, natürlich, das darf man. Jedoch mit einem etwas anderen Akzent und zwar nicht mit dem Schwerpunkt: warum ist geschehen, was ich da bedaure, betrauere usw., sondern mit worum hat es mir nun zu gehen, wenn ich bedauere, betrauere, dass usw.

Nicht das Vergangenheits-Warum, sondern das Zukunfts-Worum führt den Menschen wieder ins Person-Sein. Für diesen Perspektivenwechsel sind in der originären Logotherapie mannigfaltige Methoden verfügbar. So Sie also einmal in einer Krise stecken, dann wenden Sie sich gerne an einen logotherapeutisch qualifizierten Gesprächspartner.

„Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst übersieht und vergisst.“ (Frankl).

Mit diesem Menschenbild ergibt sich, dass sich der Mensch nicht selbst zum Gegenstand der Erfahrung machen soll: „Aber nicht nur, dass eine vollendete Selbstreflexion nicht gekonnt wird: sie wird auch nicht gesollt; denn es ist nicht Aufgabe des Geistes, sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln. Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet-und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, sei es auf jemanden….“ (Frankl)

Gelingt ihm dies nicht und bleibt der Mensch in der Selbstbespiegelung stecken, dann verfehlt er sich und seine Möglichkeiten, etwas in die Welt zu schaffen. Die Folge davon ist die Erfahrung einer inneren Leere (Frankl nennt dies „existentielles Vakuum“). Der damit verbundene Stress führt den Menschen immer stärker in die Selbstbespiegelung, in die Hyperreflexion und mit ihr in eine ‚Sucht‘, das negative Zustandsgefühl irgendwie auszugleichen. Mit einem solchen Zustandsgefühl zum Beispiel in der Angst, des Ärgers, der Bedeutungslosigkeit, der Lustlosigkeit usw. kommt der Mensch dann vielleicht in die Logotherapie und lernt: „Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon.“ (Frankl)

Negative Zustandsgefühle sind ihrer Natur nach Begleitphänomene eines missglückten Strebens nach Sinn. Kann sich ein Mensch von ihnen nicht distanzieren, stellt sich nach und nach das Empfinden innerer Verarmung ein. Dieser Zustand ist ungesund und selbstschädigend, wenn es dem Menschen nicht gelingt, seine ‚psychische Nabelschau‘ (Frankl) zu beenden und sich vielmehr dem zuzuwenden, was ihm seine Lebenswelt als Aufgabe für gelingendes Leben vorlegt. Die Logotherapie sieht in jedem Menschen ein primäres Streben nach Sinnverwirklichung. Gewinnt jedoch die Hyperreflexion des Psychischen die Oberhand, dann verschließt dies den möglichen Blick auf das, worum es dem Menschen in seiner Lebenswelt gehen sollte. Diesen Blick wieder zu eröffnen ist kein ‚Hexenwerk‘, im Gegenteil: Häufig liegt das Sinnvolle direkt vor den Füßen des Menschen, er müsste nur einen Schritt nach vorn gehen anstatt sich selbstbeobachtend von der Welt abzuwenden und sich in seinen Zustandsgefühlen zu vergraben. Selbstreflexion kann daher einen Menschen von seiner existentiellen Bestimmung wegführen und damit der Auslöser für seelische Krankheitsphänomene werden.

Wer nun immer noch glaubt, sich ’selbst‘, seine Subjektivität durch Beobachtung erfahren zu können, übersieht womöglich, dass sich das Ich nicht zum ‚Beobachtungs-Objekt‘ machen lässt ohne seinerseits ‚Subjekt‘ zu sein und zu bleiben. Das Subjekt bildet somit den ‚Standort‘ der Beobachtung und – Frankl – wo aber Standort ist, kann nicht Gegenstand sein, und „so kann denn auch das Subjekt nie in vollendeter Weise sein eigenes Objekt werden.“ Was letztlich vom Subjekt zu sehen ist, ist ein Artefakt. Frankl dazu weiter: „Und all dies gilt nicht zuletzt auch von aller rückbezüglichen Erkenntnis, von reflexiven Akten […]. An das Ich, an sich selbst kann das Ich nicht ‘heran’: mich selbst intendierend bin ich mir selbst schon transzendent. Wenn auch ganz und gar ‘mein’, ist mein eigener Akt, von mir selbst beobachtet, auch schon nicht mehr ich selbst: schon ist er nicht mehr ‘eigentlich’ ich – schon ist er nur noch uneigentliches Ich. (…) Was auch immer ich (intentional) ‘habe’, das bin ich nicht (bin ich nicht ‘existentiell’). Und umgekehrt gilt wiederum: Was ich (existentiell) bin, kann ich nicht (intentional) ‘haben’. Wie das Subjekt seine Existenz, so hat und behält das Objekt seine Transzendenz.“ Diese Überlegung Frankls ist nicht trivial, markiert sie doch einen spannenden Übergangspunkt vom Geistigen [dem Transzendieren auf etwas oder jemanden hin] zum Gehirngeist [dem mentalen Verstehen, dass es dieses Etwas oder dieses Jemand gibt auf das man sich hin entscheidet].

Wir erinnern, dass Frankl Selbsttranszendenz als Hingabe zu jemandem oder etwas außerhalb seiner selbst versteht. Dieses ‚Gesollte‘, das es braucht, um sich ihm hinzugeben, ist Teil der Lebenswelt der Person. Es ist auch da, gäbe es niemanden, der sich ihm hingäbe. Der personale Akt, sich diesem Gesollten hinzugeben, ist die Folge dessen, dass es dieses Du bereits per se gibt, das auf den Entscheid des Ich, sich ihm hinzugeben, förmlich wartet. Wie sich das Ich auf das Du transzendiert, kann versucht werden durch Klärung von Bedürfnissen, Emotionen, Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen usw. genauer zu erfassen – solche Betrachtungen adressieren den Gehirngeist, das Mentale, das Verstehen des Wie der Transzendenz. Dass sich das Ich transzendiert ist jedoch der Existenz der Person vorgängig. Transzendenz ist somit das Eigentliche der Person, Existenz das Wesentliche und – ich erlaube mir zu ergänzen – Kompetenz das Wichtige.

Was bedeutet das im Krisenkontext?

  • Es gibt auch in diesem Kontext ein ‚Gesolltes‘. Per se. Unabhängig der Person und der von ihr als solche empfundenen Krise
  • Das Psychische gewinnt in Belastungen schnell die Oberhand und verschließt den Blick auf das Gesollte.
  • Eine Selbstreflexion verstärkt diesen ‚Verschluss‘ noch mehr.
  • Eine Fokussierung auf gegebene Kompetenzen zur Bewältigung einer Krise ist unzureichend.
  • Die Öffnung in die eigene Lebenswelt zur Stärkung der Möglichkeit des Gewahrwerdens des per se vorhandenen Sinns im Leben, des ‚Gesollten‘, ist logotherapeutisch die Methode der Wahl.

Was die Logotherapie letztlich will, ist die Selbstbestimmung des Menschen auf Grund seiner Verantwortlichkeit und vor dem Hintergrund der Sinn- und Wertewelt, des Logos und Ethos.

Viktor E. Frankl

Der Ausweg aus der Kriseninflation

Erst war es der Stress, dann kam Burn-Out, spätestens jetzt ist es die Krise. Es geht um die Begriffs-Inflation. Wer nicht bei Drei auf dem Baum ist, hat eine Krise. Nach und nach pathologisiert sich so eine Gesellschaft selbst – mit der fatalen Folge, dass der, der wirklich im tiefen Selbstzweifel steckt und eine existenzielle Not zu überwinden hat, ewig auf einen Therapieplatz warten muss, belächelt wird als einer unter vielen oder dem irgendwann einfach nicht mehr zugehört wird. Ein Problem zu haben, reicht heute meist nicht mehr aus, gleich muss – so meint man – die superlative Keule der Krise herausgeholt werden, um sich etwas Gehör zu verschaffen.

Und dass wir neben unseren eigenen dann auch mit Corona-Krise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, vielleicht sogar einer Demokratiekrise zu tun haben, macht einen Teil der Gesellschaft völlig hilflos, andere stumpfen ab und werden lethargisch, wieder andere nutzen die Lage und werden zu kurzfristigen Krisengewinnlern, weil sie verängstigten Menschen irgendein Heilsversprechen verkaufen oder medial wirksam vermitteln, sie wüssten schon um den besten Umgang mit sich und der Welt.

Treten wir einmal einen Schritt zurück und schauen auf die Medizin zu Zeiten des Hippokrates. Krise meinte hier der an bestimmten Tagen erreichte, mehr oder weniger ausgedehnte Höhepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem entweder eine Änderung zum Besseren oder zum Schlechteren eintritt, also Genesung oder das Sterben. Krise war der Kipppunkt zwischen Leben und Tod. Nehmen wir die Gegenwart unter dieser Definition in den Blick, dann fallen zahllose Einzelereignisse, die in den vergangenen Jahren zur Krise hochstilisiert wurden, schlicht auf das Niveau von Problemen, durchaus auch komplexen und komplizierten, zurück.

Ändert man jedoch die Variablen ‚Leben‘ und ‚Tod‘ zum Beispiel in ‚lebenswerte Bedingungen‘ und ’nicht lebenswerte Bedingungen‘, dann verändern sich zwangsläufig Situationsbewertungen. Flapsig gesagt, ist dann ein Kind, das einen Tag ohne Eistüte als einen Tag mit nicht lebenswerten Bedingungen bewertet, auf der negativen Seite des Kipppunktes einer Krise gelandet.

Denken wir dies weiter, dann wären es letztlich subjektive Bewertungen hinsichtlich der Lebensbedingungen, um einen Tag das Etikett Krise anzuhängen. Damit wiederum wird der Begriff nicht nur superindividuell, sondern womöglich auch willkürlich, unmessbar und letztlich auch unbrauchbar.

Da nun andererseits subjektives Empfinden eben ist wie es ist und der Einzelne sich vor die Frage gestellt sieht, welche alternativen Antworten er den bislang als Krise bewerteten Lebensbedingungen geben kann, versuchen es viele Berater und Tröster mit dem Appell, die Krise doch als Chance anzusehen. Damit jedoch erschwert sich die Situation für den Einzelnen zusätzlich – erstens empfindet man die Situation als nicht lebenswert, andererseits scheint es Menschen zu geben, die offenbar in einer solchen Situation etwas entdecken, was man selbst nicht in der Lage ist zu sehen. Zu allem Übel kommt so also noch eine für Andere wahrnehmbare Inkompetenz hinzu. Es ist menschlich, dass sich die Psyche mit Widerstand gegen einen solchen Appell wendet.

Kann es einen Dritten Weg geben? Einen Weg, der außerhalb der fixierten negativen Bewertung der Lebensbedingungen und auch außerhalb der Plattitüde der Formel ‚Krise als Chance‘ liegt? In der sinnorientierten Denktradition springt uns hier Sartre zur Seite, wenn er sagt: „Wenn die Existenz dem Wesen vorausgeht, das heißt, wenn die Tatsache, dass wir existieren, uns nicht von der Notwendigkeit entlastet, uns unser Wesen erst durch unser Handeln zu schaffen, dann sind wir damit, solange wir leben, zur Freiheit verurteilt…“

Für Jean Paul Sartre kann sich der Mensch auf keine Ordnung oder Weltanschauung stützen, weil er das ist, was er selbst aus sich macht. Das klingt zwingend nach Klärungsarbeit, denn was ist in diesem Kontext das ‚Selbst‘? In der KrisenPraxis haben wir hierzu bereits vielfältige Hinweise gegeben. Kurz: Das Selbst einer Person ist vornehmlich ihr Wertesystem. Wer also um seine Werte weiß, der vermag zu beschreiben, worum und wofür es ihm im Leben geht. Wer dies nicht – aus welchen Gründen auch immer – nicht weiß, der hängt am ‚warum ist mir das Leben abhanden gekommen‘. Das A und O, das wArum und das wOrum, gilt es daher stets auseinander zu halten. Oder wie es Viktor Frankl betont: Jeder Mensch hat Bedingungen, aber jeder Mensch kann sich ihnen so [A] oder so [O] stellen. Und zwischen jedem Reiz [dem Empfinden von Bedingungen] und jeder Reaktion [A – wArum habe ich diese Bedingungen oder O – wOrum geht es mir im Leben trotz der Bedingungen] liegt ein Raum, und dieser Raum ist die Freiheit [frei zur Verantwortung, in Richtung A oder O zu handeln].

Was nun also ist eine Krise wirklich? Für uns ist es die nicht vollzogene Klärung der individuellen Werte und die damit verbundene Unmöglichkeit, sich seines unzerstörbaren ‚WORUM‘ bewusst zu sein.

Sinnorientierte Geisteshaltung

Es ist mal wieder Zeit für etwas Frankl. 

In Frankls Menschenbild steht der freie Wille im Zentrum. Wir sind zwar nicht frei von allerlei Bedingungen, die unser Leben mitbestimmen, aber wir sind frei zu unendlich Vielem, was uns ermöglicht, uns immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen für bestimmte Handlungs- oder Sichtweisen zu entscheiden. Jeder Mensch hat zwischen ‚Reiz‘ und ‚Reaktion‘ einen Raum, einen Freiraum, einen Gestaltungsspielraum, den er selbst bei unabänderlichen Belastungs- oder Krisensituationen behält. 

Die Suche nach Sinn ist die stetige Grundmotivation des Menschen. Mehr noch als nach Lust oder Macht strebt der Mensch nach Sinn. Eigentlich ist die menschliche Motivation dort am stärksten, wo der Mensch Sinnvolles bewirken kann. Jedoch – zuweilen behält die Psyche des Menschen die Oberhand über das Geschehen, und er entscheidet sich für Sinnwidriges, Sinnleeres, Sinnloses. Diese geistlosen Phasen sind jedem Menschen zuzusprechen, auch sie zeichnen Menschsein aus. Aber im Kern will jeder Mensch für eine Aufgabe einstehen und-oder zumindest einen Menschen lieben oder für ihn gut sein. Wird dieser Wille zum Sinn dauerhaft frustriert, entstehen Stress, Gefühle der Wertlosigkeit und vielfach letztlich Aggression, Sucht, Depression, Lethargie oder Apathie. 

Den Sinn des Lebens kann sich ein Mensch nicht machen, auch gibt es ihn nicht auf Rezept. Aber er ist da und wartet darauf, [wieder] gefunden zu werden. Manchmal haben ihn Menschen auch längst gefunden, merken es nur nicht. Eine Ursache dafür liegt häufig in einer wenig ausgeprägten Selbstsicherheit oder in einem geringen Selbstvertrauen. Wie auch immer – jedes Leben behält seinen Sinn und hält Sinn bereit, selbst wenn er in einer verzweifelten Lebensphase nicht mehr gespürt wird.  

Die Freiheit des Willens bedingt, dass jeder Mensch Verantwortung für sein  Leben und die Art und Weise hat, wie und wofür er leben und sich entscheiden will. Wie er auf die Fragen antworten will, die ihm sein Leben stellt.   

Leisten, lieben, leiden – das sind die drei großen Werteverwirklichungsbereiche für jeden Menschen. Schöpferische Werte zu verwirklichen führen hin zum Leisten. Erlebniswerte wie Schönheit, Anmut, Harmonie, Ästhetik, Naturverbundenheit, Zuneigung u.a. zu verwirklichen, führen hin zum Lieben. Und letztlich sind es Einstellungswerte, mit denen ein Mensch auch bei existenziellen Abschieden in seinem Leben trotz allem Sinn findet. Sie zu verwirklichen ist ein Fähigkeitsbeweis hin zum Leiden.

BUGA und Erlebniswerte

Die Bundesgartenschau in Erfurt lädt Sie und insbesondere Ihre Augen noch bis Ende September 2021 zu einem wahren Farbenfeuerwerk ein. Wer sich in einer psychisch belastenden Situation befindet und schöpferische Werte [eine Kategorie on Viktor Frankl] wie Leistung, Initiative, Ordnung, Arbeit oder auch Kreativität nicht verwirklichen kann [vielleicht aufgrund eines Verlustes eines Menschen oder des Arbeitsplatzes oder aufgrund einer Erkrankung] nicht verwirklichen kann, der kann seine Erlebniswerte [wie zum Beispiel Schönheit, Anmut, Sanftheit, Harmonie …] aktivieren. Der Erfurter Augenschmaus bietet Ihnen eine Fülle an derart wertevollen Eindrücken und die Stadt selbst erbringt ihren Teil dazu, um Ihnen als  erfreuende  und vitalisierende Energiequelle auch in Krisensituationen einen Ausgleich zu ermöglichen. Hier ein paar Eindrücke aus unserem Besuch in Erfurt Mitte Juli.

 

Als es lange noch kein Facebook gab …

… schrieb in Wien 1923 der damals 17-jährige Viktor Frankl diese Zeilen unter dem Stichwort ‚Freude, Schöner Götterfunken …‘

„Ich hasse nichts so sehr wie den gesunden Menschenverstand. Und auch den blinden Optimismus; er ist nichts als ein Vorurteil. Und auch die naive Kritik des Philosophierens, das so manche Illusion zerstöre. Denn man muss anständig gegrübelt haben, bevor man berechtigt ist, über das Philosophieren zu schimpfen. Und dann erst recht nicht deshalb, weil es uns oft die Lebensfreude nimmt.
Ich hasse die Phrase vom ‚Selbstzweck‘ des Lebens. Sie nimmt ihm am meisten Wert und Sinn.
Es gibt andere Wege zu einer Anerkennung von Wert und Sinn des Lebens, die berechtigt ist. Man muss nur aufrichtig sein. Und seine Zweifelqualen scheuen! Es gilt, mit dem Mute des Ödipus der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, wenn es auch nicht ausgeschlossen ist, daß man geblendet wird.
Die größten Menschen waren es, die so taten: Schopenhauer wurde geblendet. Beethoven nicht: er schrieb die ‚Neunte‘.
Und Nietzsche – ja, Nietzsche: Nietzsche-Begeisterung ist noch lange kein Zeichen von geistiger Superiorität.
Man muß ihn in seiner Entwicklung miterleben, mit dem jungen Nietzsche beginnen, sich also von Schopenhauer erziehen lassen: dann sehen, wie „sich die Logik in den Schwanz beißt“; dann sich von Nietzsche zurufen lassen: „Sokrates, treibe Musik!“.
Und nun über Schopenhauer hinauskommen, die Erlösung – erleben …
„So ist doch immer das Finale, daß der Mensch auf sich zurückgewiesen wird.“ (Goethe)

Wie könnten diese Sätze in die Gegenwart übersetzt werden?

  • Frankl sieht den Menschen als mehr an als lediglich mit gesundem Menschenverstand ausgestattet.
  • Blinder Optimismus ist weltfremd und entzieht dem Menschen die Energie zu verantwortlichem Handeln.
  • Leben ist kein Selbstzweck, sondern es hat Aufforderungscharakter.
  • Der Zweifel gehört zum Leben.
  • Nietzsche kann begeistern, aber seine Lehre ist nicht alles.
  • Wird Schopenhauer überwunden kann der Mensch Befreiung erfahren.
  • Beethovens Symphonie ist ein Inbegriff für Transzendenz.
  • Am Ende aber kommt es immer auf jeden Menschen an. Auf ihn in Freiheit und Verantwortung.