Kategorie-Archiv: Werte

Corona-Blog: Krisenprävention in eigener Sache

Zum Ende des achten Lebensseptils [Lebensalter 52-58 Jahre] ist es nun für mich selbst auch wieder einmal die Zeit, einen präventiven Blick in die nächste Lebensphase zu werfen. Gründe dafür gibt es genug, schließlich sind viele Veränderungen, auch in Form von Loslösungen, Trennungen und Abschieden, eingetreten – räumlich, zwischenmenschlich, beruflich, familiär.
Zeit für einen verantwortlichen Blick nach vorn ist zudem ausreichend gegeben, und die erforderlichen Tools und Methoden zur Werteanalyse und -entwicklung dafür habe ich selbst entwickelt. Es mangelt also an nichts. Worum soll es also in den nächsten Jahren gehen? Würde ich eine solche Frage Sigmund Freud stellen, so müsste ich mich seiner legendären Antwort rechnen: „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank“. Freuds Schüler, Viktor Frankl, sah das ganz anders: „Nun, ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass es sich da um eine Krankheit handelt, etwa um das Symptom einer Neurose. Vielmehr meine ich, dass der Mensch damit, dass er die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, ja mehr als das, dass er wagt, die Existenz eines solchen Sinnes sogar in Frage zu stellen, – ich meine, dass der Mensch damit nur seine Menschlichkeit manifestiert. Noch nie hat ein Tier danach gefragt, ob das Leben einen Sinn hat. Das tut eben nur der Mensch, und das ist nicht Ausdruck einer seelischen Krankheit, sondern der Ausdruck seiner Mündigkeit würde ich sagen.“

Einen mündigen Blick auf das Leben zu werfen, das auch für mich von vorn kommt und für das ich zu entscheiden habe, worum es mir gehen soll, bedingt einen tieferen Blick. Einen Blick auf die persönlichen Werte, denen ich [erstmals, erneute oder veränderte] Aufmerksamkeit schenken will. Erst, wenn diese Werte geklärt sind, ergeben sich Fragen nach wertebasierten Zielen, wertebasierten Beziehungskonstellationen, wertebasierten Engagements usw. – zuerst das Wertefundament, dann die Überlegungen, wie die Zimmeraufteilung des Wertehauses ausschauen soll.

Mithilfe unserer LebensWerte-Karten, einem schönen und ungestörten Platz an der Sonne und ausreichend Zeit mache ich mich ans Werk. Aus den über 400 Werte-Begriffen wähle ich in aller Ruhe diejenigen, bei denen ich mit Blick auf meine nächste Lebensphase spontan ein positives Gefühl verbinde. Viele Werte, die bislang voller Bedeutung waren, verlieren dabei nicht an Wert, doch werden sie fühlbarer nachrangiger. Sie tauchen in der Auswahl der ’neuen‘ Wertelandschaft nicht mehr auf. Und auch in der Auswahl [siehe Bild] finden sich einige Werte, die in einem bestimmten Kontext auch bislang schon ihren ‚StellenWert‘ in mir hatten, nun aber nach einem ‚frischen Sinn-Wind‘ suchen. Diese Werte sehnen sich nach etwas, die ‚Sehnsuche‘ mit ihrem Wert der ‚Sehnsucht‘ entdecke ich als Mittelpunkt der Wertelandschaft. Als ich die Karte in der Hand halte, überrascht und erstaunt sie mich, und ich fühle: Dieser Wert ist für mich der neue Einstellungswert [mehr zu dieser Wertekategorie finden Sie hier in der KrisenPraxis]. Wohin genau er sich ausrichten wird, ist längst noch nicht entschieden und klar. Aber er ermöglicht eine neue aufmerksame Orientierung. Der Sinn wird sich finden, dessen bin ich mir bewusst. Und so wie im vergangenen Lebensseptil auch, das geprägt war durch den Satz „ich leiste einen Beitrag dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen„, wird es für die Zeit vor mir wieder einen Sinnbeitrag geben. So ungewiss es noch ist, welche Worte sich unerwartet einstellen werden, eines ist mir jetzt bereits klar: Der neue Sinn wird nichts, aber auch rein gar nichts mit Corona zu tun haben. Denn ich werde mir weiterhin weder von mir alles gefallen lassen, noch nun von einem Virus.

Corona-Blog: Und vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt

1943 war meine Mutter 13 Jahre alt. Sie lebte mit ihren Eltern in Duisburg und sah zu, wie ihre Stadt bombardiert und nach und nach zerstört wurde. Und, wie dies auch zu menschlichen Tragödien führte. So wurde bei einem britischen Bombenangriff im Mai auch ihr Stadtteil getroffen und dabei einer ihrer Freunde aus der Nachbarschaft. ‚Vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt …‘ Über zwei Jahre lang stand die Bevölkerung unter Angst und Schrecken – die Verluste waren gewaltig. Immer wieder erzählte meine Mutter die Situation, wie der neogotische Turm der Salvatorkirche zusammenbrach oder wie sich die Umgebung darstellte, wenn sie und andere Menschen nach einem Angriff aus dem Bunker wieder heraustraten.

Schaut man auf die von Viktor Frankl beschriebenen drei Säulen des Menschseins, die – wenn balanciert entwickelt – ein sinnerfülltes Leben ermöglichen, dann fällt nicht schwer zu erkennen, wie erschüttert diese Säulen zu Kriegszeiten gewesen sein müssen.

Säule 1: Verwirklichung von schöpferischen Werten mit Aufbau und Erhalt individueller Leistungsfähigkeit: Die Personen leitet einen sinnvollen Beitrag für die Welt.
Säule 2: Verwirklichung von Erlebniswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Liebesfähigkeit. Die Person ist welt- und wahrnehmungsoffen für das, was in der Welt sinnerfüllend geschieht.
Säule 3: Verwirklichung von Einstellungswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Leidensfähigkeit. Die Person vermag sich zu Unabänderlichem in Freiheit und Verantwortlichkeit zu stellen.

Aktuell spricht die ‚Corona-Politik‘ weiterhin ein kriegerisches Vokabular, von massiver Krise und einer katastrophalen Lage. In der Berichterstattung wird dargestellt, dass Familien unter den Gegebenheiten leiden, dass Kinder zu Hause zum Problem werden, dass die Leute vor lauter Angst vor der Arbeitslosigkeit ihre geplanten Investitionen zurückhalten würden, dass die Verbraucherstimmung am Boden sei usw.

Die Empfehlung, den Blick 80 Jahre rückwärts zu richten und dann diese Bilder [finden sich zuhauf im Internet, sollte man niemanden mehr haben, der einen an die Zeit erinnert] mit einem Blick aus dem eigenen Fenster zu vergleichen, ist für viele Menschen keine Hilfe. „Das kann man doch nicht vergleichen:“ Stimmt, damals war alles kaputt, viele tot, das System wirklich am Ende ….

Heute? Corona ermöglicht Lernprozesse, die vielleicht auch ohne das Virus begonnen worden wären, die nun aber einen Schub erhalten haben und ergänzende Formen der Kommunikation, Kooperation und Kollaboration befördern. Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht, wenn er über ‚Leistungsfähigkeit‘ spricht, dann kann ihm durch die Corona-Sondersituation womöglich ein Verwirklichungsfeld entstehen, das ihm zuvor durch das ‚Alltagsgeschehen‘ nicht nahe lag.

Corona ermöglicht Beziehungsprozesse, die in ihrer Fülle und Kreativität zuvor vielerorts auch noch nicht erlebt wurden. Ob es die Tochter ist, die mit ihrer Mutter, vor dem Fenster des Seniorenheims stehend, fröhliche Witze reißt; ob es der Erhalt lustiger Handynachrichten ist, die von mehr oder weniger nahe stehenden Bekannten verschickt werden, um andere Menschen zu erheitern. Ob es neue Formen der Fürsorge, künstlerischen Entfaltung usw. sind – auch hier finden sich Verwirklichungsfelder, die genutzt werden können, wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht.

Corona ermöglicht Abschiedsprozesse, die ohne Besinnung auf das Wesentliche sich nicht in den Vordergrund gerückt hätten. Von was kann man sich trennen, materiell, ideell, zwischenmenschlich.? Welchen Verzicht kann man üben, weil dies für andere und einen selbst lebensdienlicher ist? Welche Form der Hilfe kann man bei allem Autonomiestreben annehmen, weil man seiner Begrenzungen nun bewusster wird? Was ist durch Corona nun ‚tot‘ und ruft nach Übernahme einer neuen Verantwortung für das ‚Leben danach‘? Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm im Leben geht, welche Werte seine eigenen sind – und welche nicht -, dann wird es leichter, trotz Virus sinnvoll zu handeln und sich sinnvoll zu verhalten.

Corona-Blog – Drängt das Virus den Menschen zur nachhaltigen Lebensstil-Veränderung?

Kaum ein Tag vergeht nun, an dem nicht ein Szenario-, Zukunfts- oder Trendguru zum Besten gibt, was sich nach Corona für die und in der Gesellschaft wohl verändern wird. Von einem entschleunigten, sozialeren, wärmeren, deglobalisierteren Deutschland wird da gesprochen, manche sehen gar eine neue Weltordnung auf uns zukommen, schließlich sei es das erste Mal, dass so ziemlich jeder Zipfel dieser Welt mit derselben Sondersituation zu tun bekommen hat. Überall wird gestorben und gelitten, überall fehlt es an Ähnlichem, überall wird improvisiert und überall zeigt sich das Menschliche in allen möglichen Hilfsbereitschaften. Wenn das keine Gründe sind, aufgerüttelt zu werden und den Menschen zu einer Weiterentwicklung seiner selbst zu führen?

Meine – therapeutische – Perspektive fragt sich bei all diesen Ansagen, ob da nicht ein Knick in der Optik der Vater der Gedanken ist. Ich will es kurz machen: Wird sich im Selbstverständnis des Menschen etwas hinsichtlich seines Lebensstils ändern? Meine Antwort: Nein. Es wird auf individueller Ebene alles so weitergehen wie bisher. Warum? Weil sich die individuellen Wertesysteme durch das aktuelle Geschehen nicht verändern werden. Wer vorher bereits Werte wie Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Nähe oder Zuwendung sein eigen nannte, der zeigt diese in seinem Verhalten heute wie zuvor, vielleicht aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und Begrenzungen nur intensiver – und dies wohl kaum, damit er dafür Held genannt wird. Wer zuvor bereits Werten wie Loyalität, Pflicht, Ordnung, Disziplin folgte, der bleibt auch jetzt bei der Stange und erledigt seine Aufgaben selbst unter widrigen Bedingungen. Auch Helden.

Das ließe sich nun beliebig weiter ausführen, am Ende steht immer der Wert Gesundheit, der als Kollektivwert vom Virus attackiert wird und dem sich alle anderen Wertemaßstäbe unterordnen – bei den allermeisten Menschen zumindest. Weil das so ist und von der Wissenschaft bei allen Widersprüchlichkeiten und Deutungsvielheiten hinreichend genug transparent dargestellt wird, in welcher Weise die Gesundheit bedroht wird, sind Menschen weit überwiegend bereit, in ihren Behausungen zu bleiben und sich an Auflagen und Empfehlungen zu halten. Weil die Politik sich auf Wissenschaft beruft, funktioniert das. Wo Politik dies nicht tut, werden grandiose Fehler begangen und der führende Politiker, der sie begeht wird sein Verhalten, das sich nicht sofort dem Kollektivwert Gesundheit unterordnete, eher über kurz als lang bezahlen [auf die nächsten Wahlen in den USA, Brasilien, UK, in den italienisch von der Lega gefärbten Regionen oder in den auch in den Bundesländern mit Vorlieben für gewisse aber nicht gewissenhafte Deutschlandalternativen bin ich heute schon gespannt. Für Schweden hoffe ich nur das Beste]. Würde die Wissenschaft ihren Job nicht richtig machen und die Politik zudem herumlarvieren, die Katastrophe wäre vorprogrammiert.

Erfährt der Kollektivwert Gesundheit aber keine gravierende Schädigung, eben weil die meisten Menschen anfangs mit ihrem eigenen Verhalten einen Beitrag dafür leisteten, die politischen Bedingungen angemessen gesetzt wurde und schließlich die Pharma- und Impfstoffforschung es schafften, mit einem starken Wirkstoff um die Ecke zu kommen, dann wird das individuelle Verhalten anschließend wieder zurückfallen in das jeweilige Wertesystem des Einzelnen. Mit dem Bojenmodell will ich das kurz skizzieren. Die folgenden Bilder zeigen metaphorisch den Zusammenhang zwischen Werten und Verhalten auf.

Das Wertesystem mit unseren Überzeugungen stellt quasi den Anker dar, mit dem wir unser Verhalten gut begründen können. Wenn wir gute Gründe haben, dann formulieren wir sie als Grundüberzeugungen, die uns entweder wichtig sind, damit bestimmte Zwecke unseres Verhaltens und unserer Handlungen erfüllt werden. Sind diese Überzeugungen sogar wesentlich, also dem individuellen Wesen entsprechend, dann findet eine Person mit ihren formulierten Grundüberzeugungen und den sie begründenden Werten einen Sinn in der Situation, im Alltag oder sogar im ganzen Leben.

Das Wertesystem leistet somit den Hauptbeitrag dafür, dass eine Person eine Haltung einnehmen oder eine Einstellung für etwas entwickeln kann. Dieser Entwicklungsprozess wiederum führt zu Motiven der Person, die sie letztlich zu Verhaltensweisen und Handlungen bewegt und ihr auch eine entsprechende Kommunikation über ihre Motivationen, Handlungen und ihr Verhalten ermöglicht.

Wird das Wertesystem nun in Unruhe versetzt und kommt die Person aus welchen spezifischen Gründen auch immer unter Stress, dann lohnt sich ein Blick auf die durch diese Unruhe verletzten Werte. Oft vermögen es Menschen, durch ihre Fähigkeit zur Selbstberuhigung eine Gelassenheit zu entwickeln, die dazu dient, eine Werteverletzung nicht zu lange als Beschwernis ertragen zu müssen. Tritt aber ein Sonderereignis wie zum Beispiel Corona ein, dann wirbelt dies die Boje [in diesem Modell das sichtbare menschliche Verhalten und seine erlebbaren Handlungen] aufgrund hoher Schockwellen besonders stark herum. Die Person muss nun deutlich mehr Energie aufwenden, um sich wieder zu stabilisieren als dies in Alltagsstress-Situationen erforderlich ist.

Der Weg hin zu einer Re-Stabilisierung kann erleichtert werden durch sogenannte Resilienz-Faktoren [bei Interesse finden Sie dazu in der KrisenPraxis verschiedene Beiträge dazu]. Jenseits dieser Faktoren muss allemal darauf geachtet werden, dass nicht zu viele der individuellen ‚Halteseile‘ [Haltungen und Einstellungen] reißen und ein Mensch sich als Spielball des Ereignisses ansieht [wie dies im dritten Bild angezeigt ist]. Will sagen, Menschen wollen Herr im eigenen Wertehaus sein und bleiben. In Extremsituationen muss die Politik und die ihnen folgenden staatlichen Instanzen ihre Interventionen so planen, dass die meisten Menschen nicht den Eindruck gewinnen, ihre Werte und die sich aus ihnen ergebenen Einstellungen und Haltungen wären der Politik ‚nichts wert‘. Solange – wie gerade – ein kollektiv übergeordneter Wert wie ‚Gesundheit‘ in Gefahr gerät, die Schockwelle also gefährlich ist, werden Menschen eingeleitete Maßnahmen solange akzeptieren wie das ‚Halteseil‘ hält.

Werden jedoch Interventionen gesetzt, obwohl Menschen diese nicht mehr als notwendig empfinden, dann überdehnt das Seil ohne ‚triftigen Grund‘ und droht zu reißen. Die Folge davon sind im Extremfall anarchische Prozesse, im einfachen die Abwahl derer, die diese Interventionen setzten.

Man sollte also schon recht genau einschätzen können, welche individuellen Wertesysteme hinter einem kollektiven Oberwert wie Gesundheit stehen und dann verteidigt werden, wenn der Oberwert nicht mehr gefährdet erscheint.

Es ist ein bisschen wie in der Schule. Reißt ein Schüler zum Zwischenzeugnis die erforderlichen Noten, dann ist seine Versetzung gefährdet. Empfindet der Schüler dies als Bedrohung, weil er vielleicht durch Nichtversetzung den Kontakt zu seinen Freunden, den Liebesentzug seiner Eltern oder den potenziellen Karriereknick in seiner Laufbahn befürchtet, dann wird die Zeugnis-Intervention [die Schockwelle] dazu führen können, dass er die Anspannung seines Halteseils durch einen intensiven Lernprozess wieder lockert. Empfindet der Schüler das Versetzungsszenario jedoch als nicht bedrohlich, dann pfeift er förmlich auf die möglichen Folgen. Das Problem dabei ist, dass dies nur dann gut geht, wenn es gute Gründe des Schülers dafür gibt, seine Situation als nicht bedrohlich anzusehen. Gute Gründe stellen für uns in der Logotherapie Verhaltens- und Handlungsentscheidungen einer Person dar, die sie auf Basis eines geklärten, für sie stimmigen und mit positiven Gefühlen verbundenen Wertesystems trifft. Gibt es diese guten Gründe nicht [zum Beispiel, weil die Person in Unkenntnis ihrer eigenen Werte ihr Leben lebt], dann läuft eine Person -hier der Schüler – Gefahr, aus Naivität, Fehleinschätzung, mangelnder intellektueller Verarbeitungskapazität oder schlicht Dummheit ein Verhalten zu zeigen, dass inadäquat zur Situation ist.

Nicht übersehen werden darf, dass Menschen zuweilen ihre Situation als überbedrohlich empfinden, sie also eine Schockwelle in ihrer Wirkung deutlich überbewerten und ihre ‚Boje‘ mehr als erforderlich aus der vermeintlichen Gefahrenzone steuern. Man weicht also zum Beispiel einem auf dem Gehweg fälschlicherweise fahrenden Radfahrer nicht nur ein wenig aus, sondern wechselt gleich auf den anderen Bürgersteig. Diese Angst frisst auf Dauer die Seele auf und führt – sofern sie vergesellschaftet wird – zu einer Abhängigkeit derer, die suggerieren, sie könnten mit Interventionen wie Abschottung, Schuldzuschreibung oder der – an sich latente Hilflosigkeit anzeigenden – Nutzung eines kriegerischen Vokabulars die Lage wieder in Ordnung bringen.

  • Anmerkung: Mir persönlich reicht eine gewissenhafte Finanz- und Fiskalpolitik aktuell völlig aus. Der Extrem-Sprech einer ‚Bazooka‘ oder anderer Begrifflichkeiten, die den jeweiligen Sprecher medial kurzzeitig nach oben bringen, ist ebenso unnötig wie töricht. Ich schätze, die Menschen werden sich einst erinnern, wer sie in dieser Situation ruhig, besonnen und lernfähig führte. Und daran, wer nichts Brauchbares von sich gab oder weiterhin die bereits zuvor stets mit kesser Lippe abgesonderten kruden Ideen vortrug. Für Härte in der Sache [nicht in der Polemik] und Verbindlichkeit in der Form [anstatt irgendwelcher alternativer Verschwörungstheorien] gibt es meines Erachtens in Deutschland eine deutliche Wählergunst. Eben, weil dann die Menschen fühlen, dass sie entlang dessen geführt werden, wofür die Paragraphen der europäischen und der deutschen Verfassung stehen.

Schauen wir nach vorne und wissen um die sukzessive nachösterliche Wiederberuhigung des zuvor vom Virus massiv in Wallung versetzten ‚Wertewassers‘. Was wird geschehen? Die individuelle Boje wird wieder in ihre Ursprungslage zurückkehren [wollen]. Sie hat gelernt wie es ist, wenn der Anker – das Wertesystem – überstrapaziert wird und sie wird ‚motiviert‘ sein, sich nun wieder in dem Radius zu bewegen, den die Ent-Spannung ihr nun wieder ermöglicht. Solange der Oberwert Gesundheit weiterhin als potenziell gefährdet verstanden wird, wird diese Ent-Spannung langsamer verlaufen, aber sie wird verlaufen. Sie wird für diejenigen leichter verlaufen, die in ihrem Leben eine Balance gefunden haben zwischen Freiheitsrechten und Verantwortungspflichten. Wer meint, seine Freiheitsrechte über die Verantwortungspflichten zu stellen, wird ebenso auffällig werden wie das bei ihm schon vor Corona vermutlich war. Wer die Verantwortungspflichten weit vor die eigenen Freiheitsrechte stellt, der wird ebenso auffällig werden – zum Beispiel durch den schnellen Ruf, doch diejenigen ausfindig zu machen, die für die Ausbreitung des Virus verantwortlich waren. Extremisten werden schreien: Stellt sie an die Wand. Extremen Freiheitsrechtlern wird es egal sein, Hauptsache es ist ‚vorbei‘ und man kann es wieder krachen lassen. So wie anders tut Ausgleich gut.

Wer aber im Einklang mit seinen Werten lebt und dabei eine Balance zwischen den beiden Leitplanken [eines jeden Wertesystems], den Werten ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ bewahrt hat, der wird die Sondersituation mit ihren individuellen Stressoren leichter meistern.

Kleine Schritte sind besser als große Worte, oder – wie schon Viktor Frankl wusste – am Ende des Tages zählt nur die Handlung, nicht die Erkenntnis. Wer also aktuell in finanziellen Schwierigkeiten, in der Angst um den Arbeitsplatz, in Sorge um die eigene oder die Gesundheit eines anderen ist, der kann sich ein Blatt Papier nehmen und als Kopfzeile notieren:

Jeder Mensch hat derzeit ‚Corona-Bedingungen‘,
aber jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich zu ihnen einzustellen.

Darunter dann eine Zeile: Meine eigenen Corona-Bedingungen, die mir derzeit am meisten Ärger, Angst, Sorge, Stress, Wut, Trauer … bereiten sind:
1.
2.
3.

Darunter dann zwei Spalten:
Spalte 1: ‚Handlungs- und Verhaltensfreiheiten‘
Spalte 2: ‚Handlungs- und Verhaltensverantwortungen‘.

Hier schreiben Sie nun hinein, wofür es gut ist, die bestehenden Freiheiten in Form von Handlungen und Verhaltensweisen zu nutzen und wofür es gut ist, die bestehenden Verantwortungen in Handlungen und Verhaltensweisen konkret umzumünzen. Und dann beginnen Sie. Konkret. Am besten jetzt!

Bleiben Sie gesund.
Bald wird’s leichter.

Neues Buch von Ralph Schlieper-Damrich

Gerne möchte ich Ihnen mein soeben erschienenes neues Buch für Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitende Coachs vorstellen.
Ich freue mich, wenn es auf interessierte Leserinnen und Leser trifft.

Zum Buch: Jetzt kommen Sie doch einmal auf den Punkt! Hinter diesem Appell steht meist eine bei einer Person erlebte Unklarheit, Langsamkeit, Unschlüssigkeit oder Ineffizienz. Man wünscht sich ein verbindliches und eindeutiges Wort. Was aber, wenn es einem Menschen selbst im inneren Dialog an solch deutlichen Worten fehlt? Und was, wenn dann zudem eine Situation eintritt, die sich durch einen unumkehrbaren, unwiederbringlichen, unersetzlichen Verlust oder eine sich plötzlich auftuende, einmalige Möglichkeit auszeichnet? Eine Situation, die eine klare Stellungnahme erzwingt? Ralph Schlieper-Damrich nennt diese Situationen ‚Tode im Leben‘ und das, was ihnen bestenfalls folgt ‚existenzielle Abschiede‘. Deren Besonderheiten und Hintergründe beleuchtet dieses Buch – psychologisch, auf Basis der Sinntheorie Viktor Frankls existenzphilosophisch und mit zahlreichen Fallvignetten aus der Praxis. Und es lädt ein, sich zum Prozesscharakter in Logotherapie und –coaching eine erweiterte Perspektive zu erarbeiten, denn: Problementstehungsprozess, Coach/Therapeutenauswahlprozess, Coaching/Therapieprozess, Veränderungsprozess, Lösungsprozess, wohin man auch schaut, der Prozess dominiert – nicht der Punkt. Aus gutem Grund rückt er daher in diesem Buch in den Vordergrund. Denn es geht um die Todespunkte im Leben. Besondere Punkte, die zu besonderen Abschieden führen, besondere Stellungnahmen erfordern und besondere Gefühle auslösen. Punkte, die den Klienten dazu aufrufen, sofort verantwortungsvoll und wertebasiert zu handeln. Das Buch bietet Geschichten über diese Punkte und über existenzielle Abschiede. Und es sensibilisiert für die Besonderheit existenzieller Gefühle. Es integriert eine kleine ‚Philosophie des Punktes‘, es regt zu einer Neubetrachtung der von Viktor Frankl so genannten Einstellungswerte und zu seinen Thesen zur Person an – und es versucht den Beweis anzutreten, dass jeder Mensch an ‚Leben nach Tod‘ glaubt.

Zur Person: Ralph Schlieper-Damrich zählt zu den erfahrensten Krisencoachs und Logotherapeuten im deutschsprachigen Raum. Seine Berater- und Therapeutentätigkeit umfasst bislang mehrere Hundert von ihm begleiteter akuter Krisen- und existenzieller Lebenssituationen. Er ist Autor zahlreicher Buch- und Online-Publikationen in den Themen Krise, Krisenprävention und Sinn. Als Pionier in der Transformation der Logotherapie Viktor Frankls ins Coaching positioniert er sich deutlich jenseits des aktuellen Coachingmainstreams. Zu seinen Kunden zählen große und mittelständische Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen, Organisationen aus dem Dienstleistungs- und IT-Sektor, politiknahe Institutionen und zahllose Einzelpersonen. Ralph Schlieper-Damrich studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von dreizehn Jahren in leitenden Funktionen im Personal-, Qualifizierungs- und Kulturmanagement von Konzernen und internationalen Bildungsinstitutionen. Er promovierte in Philosophie zum Kontext ‚logos und crisis – sinnorientierte Krisenberatung nach Viktor Frankl‘ und verfügt durch seine Vollausbildung in der originären Logotherapie mit anschließend langer klinischer Hospitation über die Erlaubnis zur Leitung einer psychotherapeutischen Praxis. Dr. Ralph Schlieper-Damrich lebt und arbeitet mit seiner Frau in Augsburg.

Die Internet-Seite zum Buch lautet: https://buecher.perspektivenwechsel.de/

 

Unternehmensauftrag Sinnvermittlung?

Müssen Unternehmen über ihre Führungskräfte den Mitarbeitern deutlich machen, worin der Sinn der individuellen Aufgabe besteht? Heute wird im Kontext der ’neuen Arbeitswelt‘ ja häufig von Selbstorganisation gesprochen, da kann man doch auf den Gedanken kommen, dass zu dieser ‚Organisation‘ dann auch dazu gehört, sich über diese Kernfrage selbst im Klaren zu werden!?

Jedoch, so ganz voraussetzungslos ist die Beantwortung nicht. Was für den einen ‚Sinn‘ ist, ist für den anderen ‚Nutzen‘, für einen Dritten ‚Zweck‘, für den nächsten ‚Identifkation‘ … [wenn Sie in der KrisenPraxis nach dem Begriff Sinn suchen, dann erhalten Sie Informationen aus der Sinntheorie Viktor Frankls, der wir in unserer Arbeit in Therapie und Coaching folgen].

Immer wieder gibt es zu diesem Thema auch Studien, zum Beispiel von den Krankenkassen, den Gewerkschaften oder von Beratungsunternehmen [je nach Motivlage]. Der DGB strengte im vergangenen Jahr auch eine Befragung an mit der Diktion: Ist mein Beitrag wichtig – identifiziere ich mich mit meiner Aufgabe? Herausgekommen ist, dass über 70% in ihrer Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag sehen, über 90% einen Beitrag für die Firma und ebenso viele sich mit ihrer Tätigkeit identifizieren. Komisch, bringen doch Studien von Beratungsunternehmen wie Deloitte oder Gallup regelmäßig andere Ergebnisse hervor, nach denen eine bedenkliche Anzahl von Mitarbeitern sinnentleert und stumpf ihrer Arbeit nachgehen und Dienst nach Vorschrift machen.

Auf die Spur nach den Hintergründen so unterschiedlicher Ergebnisse zu gehen, hat etwas Wissenschaftliches an sich. Der ’normale‘ Mensch fühlt, ob seine Aufgabe einen Sinn hat oder nicht. Ich habe im meiner Praxis noch nie einen Klienten getroffen, der erwähnte, dass sein Vorgesetzter ihm noch nicht den Sinn seiner Tätigkeit vermittelt habe und er deshalb so unglücklich oder unzufrieden sei. Es scheint, als wüsste jeder Mensch selbst, dass er für sich zu klären hat, ob das was er jeden Tag leistet, für jemanden oder etwas sinnvoll ist oder ’nur‘ zweckdienlich‘ oder ’nützlich‘.
Und es scheint, dass Menschen insgeheim wissen, dass Glück und Zufriedenheit davon abhängig sind, ob die Aufgabe, die erfüllt wird, einen Sinnbeitrag leistet – vielleicht nicht immer, aber doch oft genug und öfter als dass die Aufgabe als sinnlos empfunden wird. 

Was können Unternehmen und Führungskräfte nun tun, um die individuelle Verantwortung zur Sinnfindung zu fördern:

  1. Das Unternehmen sollte dem – vielleicht in den letzten Jahren entwickelten – Mythos abschwören, es sei SInnstifter (oder die Führungskräfte). Ein Unternehmen erfüllt einen Zweck. Um ihn zu erfüllen, gibt es Aufgaben. Zur Messung der Erfüllung der Aufgaben dienen Ziele (ob sich der Begriff Ziele in einer komplexer werdenden Welt weiterhin erhalten wird, bleibt abzuwarten; ich persönlich neige eher zum Begriff ‚positiver Zustand‘]. Die einzelnen Aufgaben kann ein Mensch als sinnvoll erleben, wenn sie im Einklang stehen mit seinen Werten. Ist dem nicht so, dann kann niemand dem Menschen ‚Sinn machen‘, sondern der Mitarbeiter steht in der Verantwortung, entweder die Aufgabe abzugeben und sich eine andere zu suchen oder zu akzeptieren, dass sie nicht sinnvoll, aber zweckdienlich ist. Den Unterschied zwischen Sinn und Zweck herauszuarbeiten, gehört trainiert.
  2. Sinn adressiert die Frage nach dem ‚wofür leiste ich einen Beitrag‘ [nicht: warum leiste ich ihn]. Wird das Wofür vermeintlich behindert durch z.B. zu viele Regeln, dann ist nicht das Wofür fragwürdig geworden, sondern das Warum. Führungskräfte, die nur dafür sorgen ‚warum so und nicht anders gearbeitet wird‘, verfehlen ihre Rolle, denn diese Frage können auch Sachbearbeiter beantworten.
  3. Das Gespräch über persönliche Werte zu führen, deren Verwirklichung sinnvoll ist, setzt voraus, dass der EInzelne seine Werte kennt [dies lehrt die Erfahrung als Coach und Therapeut, dass dies in der Regel nicht so ist] und dass es eine Kultur des Dialogs gibt, die derart ‚intime‘ Gespräche trägt [die Erfahrung als Unternehmenskulturberater lehrt, dass diese in der Regel nicht gegeben ist]. Es mag angemessener sein, zu klären, dass die Verantwortung der Sinnfindung beim Einzelnen liegt und das Unternehmen dafür alles tut, um mittels Zweckerfüllung den Erhalt des Systems sicherzustellen [hier darf man nach Beoachtungen zuweilen daran zweifeln, ob das leitende Management sich diesen Zwech noch vorstellen kann]

 

Wertekrisen und Sinnfindung

Nicht nur schwere körperliche und psychische Erkrankungen, sondern auch Schicksalsschläge, die nicht in einer Krankheit bestehen, gehören zum Arbeitsfeld der Logotherapie. Es geht in solchen Lebenssituationen meist um einen großen Wertverlust:

  • eine Freundschaft, eine Partnerschaft zerbricht,
  • eine Ehe wird geschieden,
  • ein Arbeitsplatz muß aufgegeben und ein materieller Verlust hingenommen werden,
  • eine große Enttäuschung muß aufgearbeitet werden,
  • der Tod oder die schwere Erkrankung einer nahestehenden Person müssen akzeptiert werden,
  • ein nicht wieder gutzumachender Fehler lastet auf der Person

Die so entstehende existentielle Erschütterung wirkt sich aus im Psychischen und-oder im Somati­schen, z.B. so, dass jemand so traurig ist [psychoreaktive De­pression] und dass er nichts mehr essen kann [psychosomatische Reaktion]. Die geis­tige Frustration liefert dann den Grund zum Traurigsein; das Traurigsein ist eine emotionale [psychische] Verstimmung, die sich ihrerseits auf den Eßvorgang, also ins Körperliche [Somatische] hinein auswirkt.

Der Wertverlust ist der Grund der geistigen Frustration und eine logotherapeuti­sche Hilfe wird sich auf das Thema Wert und Werte konzen­trieren, genaugenommen auf die Frage, wie sich die Person zu diesem oder jenem Wertverlust einstellt. Es gilt, dem Menschen nahezubringen, dass sie durch die Art und Weise, wie sie sich zum Wertverlust innerlich einstellt, ihn aushält und akzeptie­rt, wiederum neue Werte in ihr Leben hineinschaffen kann –  neue Werte, die den erlittenen Wertverlust auf einer ,höheren Ebene‘ ausgleichen.

Als Therapeut steht man hier oft vor dem Phänomen, dass man eher die Möglichkeit des Sinnvollen im Leid bei der betroffenen Person ’sieht‘ als der Leidende selbst. Ein leidender Mensch wird ein Stück weit werteblind, er zweifelt an sich und bezweifelt nicht das Leid [diese Perspektive wechseln zu helfen, gehört mit ins Spektrum der logotherapeutischen Arbeit]. Der vom Werteverlust betroffene Mensch braucht einen geschützten Raum, in dem er die Chancen ausloten kann, die ihm jenseits des Leides verblieben sind. Es geht um die Rettung des – gar nicht so selten sehr großen – Rests, ohne mit dem Rest das Verlorene ersetzen zu wollen. Diesem ‚guten Rest‘ die Aufmerksamkeit zu spenden führt zu einer spürbaren Änderung im Verhalten: Grübeleien über Unabänderliches wird reduziert, Selbstvorwürfe und Selbstmitleid schwinden, Hilflosigkeit und Machtlosigkeit werden gewendet in progressives Handeln.

Schmankerl

Im bairisch-österreichischen versteht man unter einem „Schmankerl“ einen Leckerbissen, eine Spezialität oder auch einen Höhepunkt. Ein paar Leckerbissen, die im Rahmen der Wertereflexion und der -entwicklung hilfreich sein können, stellen wir hier vor.

Die Werte-Säge schärfen

Immer mehr Menschen wollen in ihrem Leben mehr Zeit und innere Ruhe finden und doch reißt sie der temporeiche Strom der täglichen Anforderungen einer rastlosen Gesellschaft immer wieder mit. Auf das Wesentliche zu schauen und nicht nur auf das Wichtige, rückt immer wieder in den Hintergrund. Und die Folge ist: Das Leben ist schwer, aber es entspricht einem nicht. Das Empfinden lautet dann: Sinnkrise.

In der Therapie fragen sich dann die Menschen: Was habe ich verfehlt, was übersehen?

Um diese Fragen zu beantworten, braucht es Entstressung. Durch eine ruhige und substanzielle Klärungsarbeit hinsichtlich der eigenen Werte. Wir haben dazu für unsere logotherapeutische Begleitung ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Wertesystem herausdestillieren lässt, das weitgehend unabhängig von Sozialisationsprozessen durch Eltern und Umwelt ist. Dieses Verfahren braucht keine große Vorbereitung, kein üppiges Budget oder ewige Therapiestunden. Aber es braucht die Bereitschaft, dem Gedankengut Viktor Frankls zu folgen, in dem der Mensch anders als in anderen psychotherapeutichen Schulen nicht reduziert wird – weder auf Triebe, Minderwertigkeitskomplexe noch auf die Einflussnahme des Unbewussten.

Und es braucht etwas, was für viele Menschen an sich heute das Schwierigste ist. Stille. Die Hektik der Zeit, das Überbrücken jeder kleinsten Pause, die Dauerzerstreuung erschweren die Werteklärung immens. Wer es nicht schafft, das Beeinflussungspotenzial moderner Medien hinreichend zu dämpfen, wird nicht die innere Stimmen hören können, die es braucht, um sich seiner Werte bewusst zu werden. Wie der Einzelne dies schaffen kann, steht daher für uns am Anfang der Prozessarbeit – ohne eine solche Vereinbarung ist der Prozesserfolg gefährdet, und das wollen wir nicht.

Ist das Wertesystem geklärt, dann ist die individuelle ‚Säge‘ wieder scharf. Ohne diese Klärung stumpft sie ab, Entscheidungen, Handlungen und Verhaltensiweisen werden immer diffuser und der Mensch versteht sich selbst nicht mehr.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Werteklärung? Jetzt! Aber allemal bestmöglich nicht erst dann, wenn eingetreten ist, was die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in ihren Stressreports seit Jahren beständig veröffentlicht: mehr als 50% der befragten Berufstätigen arbeiten unter starkem Termin- und Leistungsdruck, ebenso viele haben Rückenschmerzen, jeder
Dritte regelmäßig Kopfschmerzen, jeder Vierte Schlafstörungen, jeder Fünfte deutliche Anzeichen massiver Erschöpfung. Wer seine Werte erst dann klärt, wenn sein ‚Profil‘ abgefahren ist, braucht mehr Aufwand, um sich für diese Arbeit zu stabilisieren und in die Stille zu kommen.

Universelle Werte

Shalom Schwartz versteht sich als  Autor einer Theorie universeller menschlicher Werte. Dazu formuliert er die aus seiner Sicht diese elementare Eigenschaften von Werten:

  • Werte sind Überzeugungen
  • Werte betreffen wünschenswerte Ziele, die eine Person oder eine soziale Einheit erreichen möchte. Solche Werte motivieren sie zu entsprechenden Handlungen
  • Werte überdauern bestimmte Situationen und sind damit deutlich abstrakter als zum Beispiel Einstellungen, die sich immer auf Objekte beziehen
  • Werte sind Standards anhand derer Verhaltensweisen, Personen und Ereignisse bewertet werden
  • Werte sind nach Wichtigkeit geordnet, sie bilden Wertprioritäten ab
  • Werte sind Konzeptionen des Wünschenswerten

Wenn Werte auf Ziele gerichtet sind, die zu bestimmten Handlungen motivieren, dann folgert Schwartz, dass anhand der Art und des Inhalts eines motivationalen Zieles Werte voneinander unterschieden werden können  Diejenigen Werte, die ein Ziel verfolgen, können zu einem „Wertetyp“ zusammengefasst werden. Wertetypen sind Reaktionen auf drei universelle Bedürfnisse menschlicher Existenz: Biologische Bedürfnisse, die Notwendigkeit sozialer Interaktion und das Bedürfnis nach Funktionsfähigkeit und Überleben von Gruppen.

Auf Basis dieser Prämissen, die aus unserer Perspektive den Unterschied von wichtigen und wesentlichen Werten sowie die Bedeutung von Werte im Kontext der Sinnfindung vermissen lassen, wurden in groß angelegten Studien zehn Wertetypen heausdestilliert:

  1. Selbstbestimmung, Unabhängiges Denken und Handeln, Freiheit
  2. Kreativität, Unabhängigkeit,eigene Ziele wählen, Neugier, Stimulation
  3. Hedonismus, Freude und sinnliche Befriedigung, Genuss, Vergnügen
  4. Leistung Persönlicher Erfolg, Ambition, Einfluss, Können, Intelligenz, Selbstrespekt
  5. Macht, Sozialer Status, Dominanz über Menschen und Ressourcen, Besitz, Autorität, soziale Anerkennung
  6. Sicherheit und Stabilität der Gesellschaft, der Beziehung und des eigenen Selbst. Reziprozität von Gefallen erweisen, familiäre Sicherheit, Zugehörigkeitsgefühl
  7. Konformität, Unterdrückung von Handlungen und Aktionen, die sozialen Normen widersprechen, Gehorsam, Selbstdisziplin,Höflichkeit
  8. Tradition, Respekt, Verpflichtung gegenüber den kulturellen oder religiösen Bräuchen und Ideen, Bescheidenheit
  9. Erhaltung und Förderung des Wohlergehens von nahestehenden Menschen, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Vergebung, Ehrlichkeit, Loyalität, Liebe, treue Freundschaft, Solidarität
  10. Schutz für das Wohlbefinden aller Menschen und der Natur, Gleichheit, Weisheit, Verstehen, Toleranz, soziale Gerechtigkeit, Weltoffenheit, Umwelt schützen, Frieden

Schwartz sieht zwischen den Wertetypen wechselseitige Beziehungen, machchmal unterstützender, manchmal konfligierender Art. Die Wertetypen liegen ihrerseits in einem Werteraum mit den beiden Polen „Offenheit gegenüber Wandel“ und „Bewahrung“.

Wertetypen wie Selbstbestimmung oder Stimulation führen Menschen zu Handlungen, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Die entgegengesetzten Wertetypen wie Konformität, Tradition oder Sicherheit führen zu einem Verhalten, den Umgang mit anderen Personen und Institutionen an den Gegebenheiten auszurichten.

Anders als Schwartz haben wir die im Rahmen einer Dudenanalyse zur Entwicklung des frei zugänglichen Tools ‚LebensWerte-Karten‘ die 412 im deutschen Sprachgebrauch gefundenen Wertebegriffe acht Werteclustern zuordnen können:

Stabilität – Veränderung
Leistung – Ruhe
Bindung – Trennung
Freiheit – Macht

Werte und die Entwicklungstheorie von Jean Piaget

Auch wenn man sich darauf verständigt, dass es sowohl gesellschaftlich und elterlich anerzogene, als auch individuelle Werte gibt, bleibt doch die Frage nach dem Ursprung der Werte. Nach Jean Piaget durchschreitet der Mensch verschiedene Stufen der moralischen Entwicklung. Für ihn ist die moralische Entwicklung eng verbunden mit der menschlichen kognitiven Leistungsfähigkeit. Die kognitive Entwicklung des Menschen ist ein kontinuierlicher Versuch, die Welt zu verstehen, sie für sich zu ordnen, aus ihr Sinn zu generieren, um handeln und sich in ihr bewegen zu können.

Piagets Entwicklungstheorie zeichnet einen Menschen, der durch kognitive Prozesse lernt zu selektieren, wahrzunehmen, zu überlegen, einzusehen, zu planen, zu erwarten oder zu antizipieren. Kognitives Lernen bedeutet für ihn nicht passive Reizaufnahme, sondern aktive Anpassung (Adaption).

Aus anfangs einfachen Schemata, wie z.B. das Greifschema, bilden sich im Laufe der Entwicklung Systeme von Schemata bzw. kognitive Strukturen, die es dem Menschen ermöglichen, eine einheitliche Sinnes- und Handlungswelt zu konstruieren. Versucht ein kleines Kind mit der Hand nach einer Rassel zu greifen, so wird diese seiner Vorstellung vom Greifen hinzugefügt. Diese „Einverleibung“ eines Elementes an die jeweils eigene Struktur (hier das Greifschema des Kindes) nennt Piaget ‚Assimilation‘.

Auch Strukturen verändern sich, wenn sie nicht mehr den Erfordernissen der Umwelt entsprechen können (Akkommodation). Das Kind, das nach Wasser greift wird erfolglos bleiben, solange es sein Schema nicht an die Besonderheiten der Umwelt anpasst und aus dem Greifen ein Schöpfen wird.

Am Anfang der kognitiven Weiterentwicklung eines Menschen steht das Erleben eines Ungleichgewichtes, wie beispielsweise eine Wahrnehmung einer Umwelt, die dem bisherigen Wahrnehmungsmuster widerspricht. Um das Gleichgewicht wiederzufinden, müssen die bestehenden Strukturen aufgelöst und neue Elemente erkannt werden.

Weiterentwicklung ist nach der Auffassung Piagets nur dann möglich, wenn Assimilation und Akkommodation in einer gegenseitigen Wechselwirkung stehen, sie also komplementär sind. Die kognitiven Strukturen eines Menschen müssen, um in der Umwelt überhaupt Neues wahrzunehmen, genügend an diese angepasst sein. In der frühkindlichen Entwicklung wird diese Anpassung noch von außen, durch das widersprüchliche Element „aufgezwängt“, in der späteren Entwicklung sucht der Mensch aktiv eine Erweiterung seiner Fähigkeiten, er entwickelt regelrecht einen Forscherdrang nach neuen Aufgaben. Indem er sich an seine Umwelt anpasst, organisiert er sich selbst (Akkommodation) und schafft so erst die notwendige Fähigkeit, umgekehrt die Umwelt zu strukturieren (Assimilation).

Mit der Auflösung bestehender kognitiver Strukturen können neue Elemente erkannt werden. So entstehen neue Wertigkeiten und Relationen. Alte Elemente werden transformiert, neu organisiert oder gelöscht. Die neu erlangte Struktur wird auf andere Lebensbereiche übertragen und dadurch weiter erprobt und gefestigt. So können auch Probleme, die denen aus anderen Lebensbereichen nicht unmittelbar ähnlich sind, dennoch bewältigt werden (Generalisierung). Das Motiv für kognitive Entwicklung sind allerdings nicht äußere Reize, sondern innere Antriebe (Neugier, Interessen, Werthaltungen, Willenserlebnisse, Erfolgserlebnisse).

Das Konzept der kognitiven Entwicklung setzt voraus, dass der Mensch in Interaktion mit seiner Umwelt tritt. Nur so können Ungleichgewichte oder Widersprüchlichkeiten erkannt werden. Dieser Interaktionismus mit der Umwelt ist nach Piaget auch für die Entwicklung von Moral- und Wertvorstellungen notwendig. Erst in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt kann der Mensch seine Wertestrukturen aufbauen, verändern und festigen. Um sich mit der Umwelt auseinander zu setzen, muss der Mensch die Fähigkeit des logischen Denkens beherrschen: Erkennt der Mensch, „dass er nicht nur einen Bruder hat, sondern er gleichzeitig auch der Bruder seines Bruders ist, ist es ihm möglich, aus seiner Perspektive hinauszugehen und die eines anderen Menschen einzunehmen“. So entsteht ein Verständnis reziproker Beziehungen und gegenseitigen Handelns. Der Satz „handele nur so, wie du von anderen behandelt werden möchtest“ gewinnt erst mit der Erschließung dieser Logik seine wahre Bedeutung.

Piaget beschreibt nun drei wesentliche Stufen der moralischen Entwicklung. Auf der ersten Stufe, dem einfachen moralischen Realismus gibt es einen schlichten Zusammenhang zwischen Aktion und Sanktion im Sinne von „du darfst nicht, weil du bestraft wirst; würdest du nicht bestraft, dürftest du“. Die zweite Stufe, die heteronome Moral, fokussiert auf die Übernahme festgesetzter Haltungen im Sinne von „du darfst nicht, weil es eine Sünde ist und es daher verboten ist“. Auf der dritten Stufe, der autonomen Moral, wird das Verhaltens auf Grund eigener sozialer Verantwortung beurteilt, im Sinne von „du darfst nicht, denn wenn das alle täten, würde die Gesellschaft nicht funktionieren“.

Verkürzt man das Menschenbild Piagets, dann wird der Mensch zu einem sich anpassenden Wesen, dessen Entwicklungsprozess abhängt von seinen intellektuellen Fähigkeiten. Damit reduziert Piaget das Geistige des Menschen auf den Gehirnverstand. Als Impulsgeber für Entwicklung fungiert anfänglich die Erziehung, später die Umwelt. Sinn wird in diesem Verständnis ‚gemacht‘ – der aufmerksame Leser der Krisenpraxis wird erkannt haben, dass wir diesem reduktionistischem Konzept nicht zustimmen. ‚Aktive Anpassung‘, die Piaget postuliert, bedingt, dass es etwas im Menschen gibt, das zuvor bereits gegeben ist. Für Viktor Frankl ist dies der ‚Wille zum Sinn‘. Er ist das Ursprüngliche und bereits da, bevor alle Anpassung beginnt.