Kategorie-Archiv: Krisenmodelle und -konzepte anderer psychologischer Schulen

Krisenforscher in Deutschland

FRANK BÖSCH ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam. Er ist Mit- Herausgeber des Handbuchs Krisenforschung, 2020, das aus verschiedenen konzeptionellen und methodischen Perspektiven auf ‚Krise‘ schaut und plädiert dabei für einen reflexiven Ansatz, der den Begriff der ‚Krise‘ selbst als zu beobachtenden Begriff versteht.

FRANK ROSELIEB ist geschäftsführender Direktor und Sprecher des Kieler Instituts für Krisenforschung (‚Krisennavigator‘), ein Spin-Off der Universität Kiel. In mehr als 500 Vorträgen, Veröffentlichungen, Forschungs- und Beratungsprojekten hat sich der Wirtschaftswissenschaftler seit 1998 u.a. mit Krisenkommunikation im Internet, Krisenmanagement bei Lebensmittelskandalen, Katastrophenmanagement bei Terroranschlägen, Business Continuity Management in Banken, Risikokommunikation bei Hochwasserereignissen und Pandemien, Themenmanagement in öffentlichen Einrichtungen und Restrukturierungsmanagement im Mittelstand beschäftigt.

RALPH SCHLIEPER-DAMRICH ist Gründer des Augsburger Instituts für Individuelle Krisenprävention. Das Institut hat die zentrale Aufgabe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass Menschen sich und ihr Recht auf ein gelingendes Leben nicht verfehlen. Dabei schlägt es eine Brücke zwischen den Kontexten Sinntheorie von Viktor Frankl und Krisenprävention durch Werteklärung und Krisenpsychotherapie.

ERIKA SCHUCHARDT ist Professorin emer. für Erziehungswissenschaft an der Universität Hannover. 1994 bis 2002 war sie Mitglied des Bundestags, ab 1972 gewählte Synodale der Evangelischen Kirche in Deutschland. Schuchardt schrieb u. a.: „Warum gerade ich …? Leiden und Glauben“ (11. überarbeitete und erweiterte Jubiläumsausgabe, 2002), „Weiterbildung als Krisenverarbeitung“ (Bd. 2, 8. Aufl. 2003) und ist Begründerin des Krisenmodells ‚Lebens-Spiralweg im Komplementärmodell – Krisenmanagement für Person & Gesellschaft.

 

Resilienz

Ist Resilienz mit Geburt gegeben.? Oder entwickelt sie sich mit der Zeit?
Kann Resilienz bestimmt werden über die Analyse menschlicher Lebenseinstellungen?

In diesem Vortrag einer Tagung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird ein Überblick gegeben über den Stand der Resilienzforschung im Kontext individueller Krisen.

Mit Resilienz wird die bei manchen Menschen beobachtbare Fähigkeit verstanden, schwere Krisensituationen selbst unter widrigsten individuellen, psychophysischen oder sozialen Bedingungen zu bewältigen. Inwieweit die Entwicklung von Resilienz von genetischen Voraussetzungen und-oder dem familiär-sozialen Umfeld und-oder durch pädagogische Angebote vollzogene Lernprozesse abhängt, ist noch nicht abschließend erforscht.
Dabei ist es gesellschaftlich erwünscht, dass der individuelle Aufbau an Resilienz zur raschen Überwindung krisenhafter Erfahrungen gefördert werden soll.

Gedankensplitter ‚Bedürfnisse und Krisenprävention‘

Entlang der tiefenpsychologischen Tradition wissen wir um die vier Grundbedürfnisse des Kindes nach Bindung, Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Anders als bei vielen anderen Säugetieren, ist der Mensch lange Zeit vollkommen schutzlos und alleine nicht lebensfähig. Babys und Kleinkinder sind deutlich länger von ihrer Mutter, ihren anderen Bezugspersonen und ihrer sozialen Umwelt abhängig, das Bindungsbedürfnis wird daher zu einer Psycho-Logik. Da aber auch der Erwachsene aufgrund begrenzter physischer Verteidigungsmechanismen alleine kaum für seine Sicherheit sorgen und er diese nur arbeitsteilig mit anderen erreichen kann, bleibt das damit einhergehende Bindungsbedürfnis auch bei ihm erhalten, Um Bindung [er]leben zu können, sind Vertrauen und Kontinuität relevant. Die ‚Währungen‘, in denen diese beiden Werte ‚gehandelt‘ werden, können sich je nach Lebensalter verändern: zum Beispiel von einem Vertrauen, das sich in Geborgenheit zeigt bis zum Vertrauen, das durch lebendigen Wissenstransfer zum Ausdruck kommt oder dem Vertrauen, wichtige Lebensentscheidungen in die Hände eines anderen Menschen zu legen.

Ab dem Alter von zwei Jahren weiß das Kind, dass es ein ‚Ich‘ hat und versprachlicht dies entsprechend. Mit seinem ‚Ich‘ markiert der Mensch ab dieser Entwicklungsphase den Übergang zwischen seinem ‚Selbstsystem‘ und seiner ‚Welt‘. Sein Selbstsystem entfaltet sich immer stärker durch die Verarbeitung der Empfindungen, die auf ihn einwirken. Selbstbewusstsein, Selbststeuerung, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit, Selbstkontrolle, Selbstsicherheit, Selbstmotivation – all diese Selbst-Prozesse führen zum Selbst-Wachstum über das sich der Mensch über den Weg der Selbst-Reflexion sich selbst klar wird und dies mit der Instanz des Ich ’seiner‘ Welt mitteilt. Wird das Kind oder der Erwachsene aus seiner ‚Welt‘ im welcher derart empfundenen Weise auch immer angegriffen, entwickelt das Selbstsystem einen Schutz: Selbstschutz durch Abwehrmechanismen.

Das Empfinden von Fremdbestimmung, Manipulation, Diskreditierung kann einen solchen Selbstschutz bewirken, aber auch körperliche Gewalt bis hin zu Auslösern von Krisen, die den Menschen zum Selbstzweifel führen. Das ‚Ich‘ ist verunsichert, weil es sich nicht mehr auf den Schutz des Selbst verlassen kann. Der durch den Krisenauslöser verursachte Wegfall an Orientierung trifft im Selbst auf den Verlust von Kontrolle – das Ich weiß nun nicht mehr ‚ein‘ noch ‚aus‘.

Ab Kleinkindalter hat der Mensch das Bestreben, an Autonomie zu gewinnen. Da anfangs aber von seiner Umwelt komplett abhängig, entwickelt sich nun das Bedürfnis, den eigenen Selbstwert zu erhöhen und ‚Erniedrigungen‘ abzuwehren. Kommunikation wird zum wichtigen Bindeglied zwischen Selbstbildformung und Fremdwahrnehmung. Eigene Handlungen, Beobachtungen, Lernprozesse und soziale Interaktionen ermöglichen, das Selbstbild immer weiter zu entwickeln – ein nie endender Prozess, dessen Güte sich gerade dann beweist, wenn potenziell krisenauslösende Ereignisse es erfordern, an Grenzen zu gehen und die Situationen zu meistern.

Rückschläge und Niederlagen greifen das Selbstbild und mit ihm den Grad der Autonomie an. Steht dieser ‚Gefahr‘ ein entwickelter Grad an Selbstverantwortung gegenüber, der sich nicht bloß in ermutigender Selbstüberschätzung erschöpft, sondern die auch untermauert ist durch eine bewusst vollzogene Krisenprävention, dann sinkt die Abhängigkeit von externen Interventionen im Krisenfall.

Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung ist so alt wie die ersten Phasen in der Entwicklung der Psychologie. Dem Freud’schen Lustprinzip folgend wird ein Mensch seine Energie auch darauf verwenden, bei psychischem Schmerz die damit verbundenen Unlustgefühle zu beenden. Das ist interessant, zeigt es doch an, dass Menschen durchaus in der Lage sind, nicht nur Ziele, sondern auch ‚Antiziele‘ verfolgen zu können. Wird die Abwehr eines unangemessenen Umgangs mit einem Krisenzustand angestrebt und wird dies als positiv angesehenes Ziel verstanden, dann – nach Freud – braucht es zum Erreichen Lust, zum Beispiel in Form innerer Zufriedenheit, Stolz oder Genugtuung,

Aus unserer Perspektive trägt dieses Lustempfinden jedoch meist nicht lange genug. Die bessere Wirkung entsteht, wenn der Mensch ein ‚Wofür‘ hat, das sein Engagement in individueller Krisenprävention robust unterstützt. Leiste ich mit Krisenprävention einen Beitrag zur Gewinnung größerer Lebensfreude, die mich von stresshaften Gedanken zugunsten eines lebendigen Familien- und Berufslebens befreien kann, dann bin ich eher bereit, diese Aufgabe zu erfüllen als ’nur‘ mit in Aussicht gestelltem ‚Stolz‘ darauf, die mit der Krisenprävention verbundenen Aufgaben zu erfüllen.

Menschenbild der humanistischen Psychologie

Mit Abraham Maslow wird in der Psychologie ein Grundstein gelegt für ein Menschenbild, das sich sowohl von der Psychoanalyse als auch vom Behaviorismus deutlich unterscheidet. Die humanistische Psychologie versteht sich seither als Gegenentwurf zu den beiden großen Richtungen der ‚Tiefenpsychologie‘ [Grundlage: Psychoanalyse und Individualpsychologie] und der ‚Verhaltenstherapie‘ [Grundlage: Behaviourismus]. Der Reduktionismus wird abgelehnt, eine ‚Rehumanisierung‘ der Psychologie angestrebt, indem der geisteswissenschaftlichen Aspekt wiederbelebt und die ganzheitliche Sicht auf den Menschen betont wird.

Das Anliegen des Humanismus besteht darin, den Menschen davor zu bewahren, dass er sich für untermenschliche Zwecke missbrauchen oder von übermenschlichen Mächten unterwerfen lässt. Jeder Gottglaube wird so als Einschränkung der Humanität und Autonomie angesehen. Grundlage der Humanistischen Psychologie ist eine materialistische Philosophie, die sich ausschließlich mit den immanenten und sichtbaren Bezügen befasst.

Dem Menschen wird ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit zugestanden, wenngleich der Einfluss der Umwelt als sehr hoch eingeschätzt wird. Dennoch ist der Mensch grundsätzlich dazu fähig, seine ihm innewohnenden Möglichkeiten zu verwirklichen [Selbstverwirklichung].

Wahrend Psychoanalyse und Behaviorismus mehr von einem biologischen Darwinismus ausgehen, ist die Humanistische Psychologie von einem Sozialdarwinismus geprägt. Die Bedürfnishierarchie von Abraham Maslow ist die dabei wohl bekannteste Modellmetapher – ihr höchstes Ziel, die Selbstverwirklichung, ist nur von wenigen privilegierten Menschen erreichbar, während sich der einfache Mann täglich um die Befriedigung basaler Bedürnisse kümmern muss.
Dem Postulat des Philosophen Jean Jacques Rousseau steht die Humanistische Psychologie nahe – sie sieht den Menschen an als von Natur aus gut.

Menschenbild des Behaviourismus

Auch das Menschenbild des Behaviorismus ist wie bei der Psychoanalyse auch vom Konzept eines biologischen Materialismus geprägt. Auch hier hat das Geistige keinen Raum, Begriffe wie Seele, Transzendenz oder Geist werden nicht besprochen. Da das menschliche Seelenleben selbst nicht beobachtbar und messbar ist, sich lediglich Verhalten und innere physiologische Vorgänge messen lassen, wird der Mensch anfänglich reduziert auf seine Reiz-Reaktions-Schemata.

Da es über die Zeit aber wissenschaftlich interessant wurde, danach zu fragen, was sich zwischen Reiz und Reaktion abspielt, führte man mit der Organismus-Variable eine erklärende Instanz ein. Als nicht messbares Konstrukt versteht man sie als Set von Gehirnstrukturen, die zwischen sich vollziehenden physiologischen Abläufen vermittelt. Trotz dieser Instanz interessiert das kognitive und affektive Erleben des Menschen weiterhin aber nicht. Dies wird lediglich als Äußerung des Verbalverhaltens aufgefasst und nur als solches einer Analyse unterzogen.

Auch der Behaviorismus ist daher streng deterministisch gefärbt. Organische Strukturen und Umweltfaktoren bedingen den Menschen. Sein Verhalten wird ausschließlich erklärt durch Prozesse der Konditionierung. Verhalten, dessen Foigen angenehm und lustbetont sind oder durch das unangenehme Foigen verhindert werden kann, wird verstärkt. Bleibt der Erfolg nach einem gezeigten Verhalten aus, so wird es ‚gelöscht‘. Wiederum ist der Regelmechanismus des Verhaltens das hedonistische Lust-Unlust-Prinzip. Willensfreiheit findet sich hier ebenso wenig wie im Konzept der Psychoanalyse. Auch Aussagen über die ‚Natur‘ des Menschen sucht man vergeblich. Gewissen – im sinnzentrierten Menschenbild Frankls von großer Bedeutung – ist im Behaviourismus nicht mehr als bloß ein konditionierter Reflex.

Verhalten des Menschen ist weder gut noch böse, sondern entweder angepasst oder unangepasst. Da der Mensch als Summe von Konditionierungen verstanden wird, ist er prinzipiell im Rahmen seiner konstitutionellen Möglichkeiten ‚machbar‘. Skinner, einer der Begründer dieser Schule, entwarf entlang dieses Gedankens das utopisch anmutende Bild einer Gesellschaft, die durch eine völlige psychologische Kontrolle ‚befriedet‘ ist.

Ermöglichung als pädagogische Grundhaltung gegenüber Krisenbetroffenen

Dem pädagogischen Modell der Ermöglichung liegt die wissenssoziologische und kognitionstheoretische Erkenntnis zugrunde, dass Realität stets eine ’subjektiv interpretierte Wirklichkeit‘ ist. Das entscheidende Kriterium dafür, was Menschen für ‚wahr‘ und ‚richtig‘ halten, liegt nach dieser Auffassung bei den je subjektiven Perspektiven und nicht etwa getrennt und außerhalb von ihnen in einer ‚objektiven‘ Realität.

‚Wirklichkeit‘ entsteht in der Auffordnung, Erschließung, Interpretation und damit in der Bedeutungszuweisung durch den einzelnen Menschen. Hans Tietgens spricht deshalb davon, dass wir Menschen im ‚Modus der Auslegung leben‘.

Mit Hilfe persönlicher Deutungsmuster ordnen wir unsere Wirklichkeit in einer für uns selbst und/oder für unsere soziale Umgebung mehr oder weniger plausiblen Weise. Gleichzeitig reduzieren wir die Vielfalt von Wahrnehmungsreizen und Eindrücken. Das versteht die Biologie unter ‚Entlastungsfunktion‘. Erst durch diese Reduktion komplexer und differenzierter Umwelteindrücke mit Hilfe von Deutungsmustern werden wir handlungsfähig. Reduktion heißt ‚Filterung‘ [Generalisierung, Vereinfachung, Verzerrung z.B. die Welt durch eine „rosarote Brille“ sehen…]. Die subjektiv erworbenen bzw. konstruierten, aber sich bewährenden Deutungsmuster geben dem Lebensentwurf einen ‚Sinn‘, eine Orientierung und letztlich Sicherheit. Solange sich meine Deutungsmuster bewähren, muss ich sie nicht verändern. Schwierig empfinden die meisten Menschen Konfrontation, Irritation und Umlernen von Gewohnheiten und Routinen.

Als Beispiel möchte ich die sogenannten ‚kontrafaktischen Spielregeln‘ in der Methode ‚Brainstorming‘ nennen, welche alltägliche Regeln, die uns ganz selbstverständlich sind, bewusst ‚auf den Kopf stellen‘. In dieser Methode gilt es, die Generierung von wirklich kreativen Ideen durch zu ermöglichen, indem folgende ‚ungeschriebene‘ Spielregeln des Alltags außer Kraft gesetzt werden:

  • Unsere ’normale‘ Regel heißt z. B. „Alles was du – in beruflichen Situationen – sagst, muss überlegt und vernünftig sein!“. Die neue Regel lautet: ‚Spinnen ist erwünscht!‘.
  • Eine andere ’normale‘ Regel heißt z.B. „Hüte dich vor Redundanz. Alles, was du sagst, muss klar und eindeutig formuliert sein!“. Die neue Regel lautet: „Quantität geht vor Qualität!“.
  • Eine dritte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn etwas unvernünftig, unsinnig oder schlichtweg falsch ist … das musst du sofort kritisieren!“. Nun jedoch:  „Kritik erst nach Abschluss der Brainstorming-Phase!“.
  • Eine vierte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn du selbst im Rahmen eines Gesprächs oder einer Diskussion auf einen Einfall kommst, gibt ihn als deinen aus oder behalte ihn für dich und verwende ihn für einen Verbesserungsvorschlag!“. Jetzt lautet die Regel: „Das Copyright für Ideen im Brainstorming gehört der Gruppe!“

Meine Verhaltensmuster und meine Deutungsmuster hängen ursächlich eng zusammen. Die Sicherheit meines Verhaltens [meine Selbst-Sicherheit] hängt davon ab, dass ich meine Deutungsmuster nicht infrage stellen muss. Andererseits: Stelle ich meine Deutungsmuster nicht immer wieder auf den Prüfstand und erweitere sie situativ, dann können sie zu ‚Erstarrung‘, ‚Fixierung‘ und mangelnder Reaktionsfähigkeit, mangelnder Lern- und Arbeitsfähigkeit führen.

In diesem Zusammenhang kommt dem Begriff des Skriptes [im Sinne eines Verhaltensmusters] eine besondere Bedeutung zu. Skripte sind Ablaufprogramme, die das konkrete, wahrnehmbare Verhalten der Menschen strukturieren. Unter einem Handlungs-„Skript“ verstehe ich im engeren Sinne ein festes Muster für ein singuläres situationsspezifisches Verhalten oder ein festes Muster für die Variabilität situationsspezifischer Verhaltensweisen. Das [eher naturwissenschaftliche] Deutungsmuster – es gibt „richtige bzw. falsche Verhaltensweisen“ – engt Verhaltensmöglichkeiten entscheidend ein. Nur das Muster, welches grundsätzlich nach Alternativen von Verhalten fragt, öffnet den Menschen zu einem „echten“ situationsspezifischen Verhalten und zur Chance von Variabilität. Hier liegt die Kraft des Ermöglichungsansatzes, wenn die Person lernt, nach Alternativen zu fragen und sich immer wieder zu überprüfen.

Soll Verhalten nachhaltig und dauerhaft geändert werden, dann sind die individuellen ‚Welt-Interpretationen‘ (d.h. Deutungsmuster und Werthaltungen) genau zu beleuchten. Wird dies versäumt, dann werden Verhaltensweisen allenfalls oberflächlich aufgesetzt und in den meisten Fällen bleibt dies folgenlos, da sich die alten Gewohnheiten bald wieder durchsetzen werden. Krisencoachs, die auf dem Konzept der Ermöglichung arbeiten, beachten diesen Umstand.

Krisentheorie quo vadis

Wer meint, dass die letzten umbruchartigen Jahrzehnte die Wissenschaft aufgerufen hätte, eine theoretische Weiterentwicklung des Krisenverständnisses vorzunehmen, sieht sich vor einem großen leeren Blatt. In den 90er Jahren war es zuletzt Ciompi, der Aspekte der damals aktuellen Chaostheorie auf das Phänomen ‚Krise‘ legte – nicht zuletzt, weil beide Perspektiven auf nicht-lineare Entwicklungssprünge hinweisen, die Unberechenbarkeit quasi den Kern der Sache auszeichnet.

Damit war es aber auch schon vorbei mit der Krisentheorieforschung. Die meisten Publikationen betreffen seither thematisch differenzierte Krisensituationen, Krisenanlässe, Kriseninterventionen und Krisenberatungen. Unser eigener Forschungsschwerpunkt liegt im Themenfeld der ‚individuellen Krisenprävention‘ [womit wir nicht Vorsorge oder Versicherung meinen], in dem es bislang keinen nennenswerten Vorstoß gab und für das wir ab 2017 mit unserem Angebot Life2Me eine praktische Konkretisierung vorlegen werden.

Krisenberatungsarbeit für unmittelbar betroffene Menschen adressiert vorrangig das Thema ‚Bewältigung‘ [neudeutsch: Coping]. Wenn Menschen Krisen meistern wollen, dann brauchen sie dazu Ressourcen, die sie aber gerade dann nicht haben oder von denen sie nicht wissen, dass sie sie haben. Da dieser Mangel ‚gefühlt‘ wird, entsteht in der Folge ein Defizit an Zuversicht und Wirkkraft. Gestärkt wird ein solcher Mensch insbesondere dadurch, dass über das zu Bewältigende besonnen, klärend, strukturierend und Einsichten öffnend gesprochen wird. Das Ziel der Prozessarbeit besteht darin, von Mal zu Mal einen neuen Zustand zu bewirken, in dem der Mensch eine weitere Verbesserung seiner Situation psychisch oder physisch erwartet. Dazu tragen konkrete Schritte der Komplexitätsreduktion ebenso bei wie die Unterstützung beim Aufbau oder bei der Ansprache des sozialen Netzes. Die Bandbreite der zu vollziehenden Handlungen bemisst sich an den je individuellen Voraussetzungen, der Belastungsstärke und auch der Bereitschaft, sich überhaupt unterstützen zu lassen. Das Vorgehen in der Krisenberatung ist daher äußerst flexibel den Umständen anzupassen. Betroffene sollten wissen: Krisenintervention ist abhängig von der Institution, die sie anbietet – seien es therapeutische, karitative, seelsorgerische oder andere Anbieter. Es ist daher sehr ratsam, sich im Klaren darüber zu werden, wer wie helfen sollte, würde eine nicht mehr selbst unter Kontrolle zu bringende Belastungssituation eintreten. Diese Recherche-Zeit ist gut investiert, wir wissen das, weil wir die andere Seite kennen: Menschen, die sich anvertrauten und zum Teil nur mit viel Glück die passenden Ansprechpartner fanden oder eben auch Menschen, die sich nicht gut aufgehoben fühlten.

Krise und Therapieschulen

‚Wenn einer eine Krise hat,
dann kann er was erleben.‘

Auf der Höhe empfundener Belastung suchen krisenbetroffene Menschen vielleicht erstmals in ihrem Leben die Unterstützung eines Therapeuten. Man kennt womöglich niemanden dieses Berufsstandes persönlich, vielleicht auch niemandem, von dem man weiß, dass er jemanden kennt. So bleibt der Blick in die Gelben Seiten oder ins Web. Aber wonach suchen? Psychotherapie ist nicht gleich Psychotherapie, muss ich auf die Coach oder kann ich eine andere Art der Zusammenarbeit erwarten?

Ein amerikanischer Arzt fragte Viktor Frankl einmal,
ob er imstande sei, ihm in einem Satz den Unterschied zu erklären
zwischen Psychoanalyse und Logotherapie.
Gewiss könne er das, antwortete Viktor Frankl,
doch zunächst solle der Arzt ihm in einem Satz sagen,
was Psychoanalyse ist.

„Nun, in der Psychoanalyse muss sich der Patient
auf die Couch legen und Dinge sagen,
die manchmal unangenehm zu sagen sind.“ 
Worauf Frankl erwiderte:
„Sehen Sie, in der Logotherapie
darf er sitzen bleiben – und muss Dinge anhören,
die manchmal unangenehm zu hören sind.“

Frankl verweist mit diesem Bonmot auf grundsätzliche Unterschiede, die zu wissen sich lohnt, bevor man an einen Therapiebeginn denkt. Psychoanalytische Schulen [Psychoanalyse nach Freud, Individualpsychologie nach Adler, Analytische Psychologie nach Jung] stellen die Verletzbarkeit des Menschen in den Vordergrund. Eine Krise wird aus dieser Perspektive dann zu einer, wenn ein äußeres Ereignis auf einen unbewussten, nicht aufgelösten inneren Konflikt [oftmals mit Elternteilen] oder auf ein Grundproblem [zum Beispiel Minderwertigkeitsempfinden] trifft und die bisher funktionierenden Formen der Belastungsabwehr brüchig werden. Die therapeutische Arbeit startet also beim bewussten Konflikt und richtet sich dann aus auf das der Person unbewusste Grundproblem, um dieses zu bearbeiten.

Die verhaltenstherapeutischen Schulen orientieren sich nicht an diesem vergangenheitsorientierten Konzept, sondern wenden sich der gegenwärtigen Störung als solcher zu. Hier steht im Fokus, die Verhaltensweise in bisher unpassenden Bewältigungsversuchen abzulegen und gegen eine passendere zu verändern. Den damit verbundenen Lernprozess begleiten Verhaltenstherapeuten engmaschig und mit konkreten ‚Hausaufgaben‘.

Für sinnzentriert arbeitende Therapeuten der 3. Wiener Schule für Psychotherapie nach Viktor Frankl [Logotherapie] steht das Thema Krise im Kontext eines Verlustes existenzieller Lebensqualität und -freude. Im Kern steht hier die Frage im Raum, wie der betroffene Mensch den nicht wirklich verloren gegangenen, aber verloren geglaubten Sinn im Leben wiederfindet und ihn durch konkretes Handeln neu ausgestaltet. Aus logotherapeutischer Arbeitshaltung heraus hat jeder Mensch ein Recht auf ein gelingendes, sinnerfülltes Leben. Dem persönlichen Empfinden von Tragik stellt diese Therapie den unzerstörbaren Sinn menschlichen Lebens gegenüber – der Therapeut unterstützt den Menschen dabei, ‚trotz aller Last‘ im Einklang mit seinen Werten ein freies und verantwortetes Leben zu leben.

 

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 4

„Unter den zwei Verhaltensweisen, die beide ursprünglich aus dem instinktiven Verhalten hervorgehen, das ‚gewohnheitsmäßige‘ und das ,intelligente‘ Verhalten, stellt das ‚gewohnheitsmäßige‘ die dritte psychische Form dar. Der Inbegriff der Tatsachen, der Assoziation, Reproduktion, des bedingten Reflexes, d.h. jene Fähigkeit, die wir als ‚assoziatives Gedächtnis‘ bezeichnen.“

Assoziatives Gedächtnis ist „in irgendeinem Grad bereits bei allen Tieren tätig.Eng verbindet sich das Prinzip des assoziativen Gedächtnis vom ersten Augenblick seines Auftretens an mit der Handlungs- und Bewegungsnachahmung auf Grund des Affektausdrucks und der Signale des Artgenossen. ,Nachahmung‘ und ,Kopieren‘ sind nur Spezialisierungen jenes Wiederholungstriebes, angewandt auf fremdes Verhalten und Erleben, der zunächst eigenen Verhaltensweisen und Erlebnissen gegenüber tätig ist und sozusagen den Dampf alles reproduktiven Gedächtnisses darstellt. Durch die Verknüpfung beider Erscheinungen bildet sich erst die wichtige Tatsache der ‚Tradition‘.

„Das Prinzip der Assoziation ist im Verhältnis zur praktischen Intelligenz noch ein relatives Prinzip der Starrheit und Gewohnheit. So ist es im Verhältnis zum Instinkt also bereits ein mächtiges Werkzeug der Befreiung.“ [Anmerkung: Und damit wird Assoziation zu einem zentralen Aspekt auch in der Bewältigung von Krisensituationen. Krisenbegleiter sind damit immer auch ein Stück ‚Assoziationsermöglicher‘]

„Wo immer die Natur diese neue psychische Form des assoziativen Gedächtnisses aus sich hervorgehen ließ, hat sie zugleich das Korrektiv für ihre Gefahren schon in die ersten Anlagen dieser Fähigkeiten mit hineingelegt. Dieses Korrektiv ist nichts anderes als die prinzipiell noch organisch gebundene praktische Intelligenz, wie wir sie nennen wollen – die vierte Wesensform des psychischen Lebens. Eng mit ihr einher geht die, ebenso noch organisch gebundene Wahlfähigkeit und Wahlhandlung.“

Bezug zur Krise:
„Ein Lebewesen verhält sich ,intelligent‘, wenn es ohne Probierversuche ein ’sinngemäßes Verhalten‘ neuen, weder art- noch individualtypischen Situationen gegenüber vollzieht, und zwar plötzlich und vor allem unabhängig von der Anzahl der vorher gemachten Versuche, eine triebhaft bestimmte Aufgabe zu lösen.“ [Mit anderen Worten: Sinnhaftigkeit geht stets vor Triebhaftigkeit, wenn es um die Überwindung von Krisen geht.]

[wird fortgesetzt]

Psychisches Trauma

Psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.

nach Fischer und Riedesser. In Lehrbuch der Psychotraumatologie, 1998