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Sinnquark

Eine Vorstellung hält sich hartnäckig: Wenn ein Unternehmen Mitarbeiter für sich gewinnen will, dann muss es Sinn bieten. Dies ist ein ebensolcher Quark wie die Idee, man hätte als Führungskraft die Aufgabe, die eigenen Mitarbeiter zu motivieren. Beides gehört geschreddert. Warum: Weil für beides die Werte eines Menschen ausschlaggebend sind. Und kann der Mensch diese Werte nicht verwirklichen, dann empfindet er sein Handeln als sinnentleert und sein Verhalten als unmotiviert. Dafür aber, dass ein Mensch seine Werte verwirklicht, ist nur einer verantwortlich: Der Mensch selbst. Deswegen nennt man das ja auch Selbst-Verantwortung. Würde nun ein Unternehmen versuchen, Sinn zu bieten, dann wäre die Bedingung, dass es auch die Werte des Mitarbeiters kennt (sofern dieser selbst seine Werte kennt – eine Voraussetzung, die wahrlich nicht immer gegeben ist). Da nun aber Werte durch Verhaltensweisen sichtbar werden, kann die Konsequenz ‚an sich‘ nur sein: Wenn die Verhaltensweisen des Mitarbeiters nicht den Verhaltenserwartungen des Unternehmens entsprechen, dann kann nur eine Trennung beiden helfen. Daher gilt eher: Wenn ein Unternehmen Mitarbeiter für sich gewinnen will, dann muss es seine Verhaltenserwartungen formulieren.

Was aber tun Unternehmen? Sie suchen immer mehr nach Rezepten, um zu sinnstiftenden Unternehmen zu werden. Und auf dem Rezeptblock stehen dann erstens Ziele, zu deren Erfüllung Mitarbeiter ‚ja‘ sagen können. Zweitens stehen da Feedbacks, durch die Mitarbeiter erkennen sollen, dass sie Wirkung erzeugen. Und drittens stehen da oft Zustände, die hergestellt werden, damit sich Mitarbeiter wohl und zugehörig fühlen. Warum erinnert mich das nun an eine Hundetrainingsanlage?

Tja, Menschen sind keine Hunde, denn Menschen haben neben allem Tierischen auch das spezifisch Humane: Werte als Fundament ihrer Einstellungen, Haltungen, Motive, Verhaltensweisen, Handlungen und Kommunikationsweisen. Werte als innerer Kompass zur Selbst-Reflexion und selbstverantwortlichen Sinn-Orientierung.

Wenn Unternehmen also schon so etwas wie Sinn zum Thema machen wollen, dann wäre ihnen anzuraten, mit ihren Mitarbeitern über deren Werte zu sprechen. Aber Vorsicht: Mitarbeiter, die sich über ihre Werte klar werden, weil sie ihnen zuvor nicht klar waren, können mit einem Mal Entscheidungen treffen, die dem Unternehmen nicht behagen (man nennt das Selbstbewusstsein oder – analog zu Immanuel Kant – das Erwachen aus der bislang selbstverschuldeten Unmündigkeit). Und die Mitarbeiter, die im Unternehmen arbeiten und den (hoffentlich formulierten) Verhaltenserwartungen des Unternehmens entsprechen, brauchen keine ‚Sinnangebote‘, denn sie haben den Sinn in ihrer Arbeit schon gefunden.

Es wäre also so wohltuend, würde nicht so viel Sinnquark verzapft. Noch wohltuender wäre es, würde in Unternehmen mit Menschen gesprochen und nicht immer wieder der Versuch unternommen, Hunde zu trainieren.

Logos und Existenz

Die Logotherapie als sinnorientierte Beratungs- und Behandlungsform wurde von Prof. Dr. Viktor Emil Frankl entwickelt und 1946 in seinem Buch Ärztliche Seelsorge erstmals beschrieben.
Mit der von ihm ebenso seinerzeit dargelegten Existenzanalyse wurde der konkreten Arbeit in der Logotherapie eine anthropologische Theorie zugrunde gelegt. Mit diesem Menschenbild lässt sich die Logotherapie als humanistisch-existenzielle Psychotherapie verorten – für Menschen, die Hilfestellung in einer Situation existenzieller Orientierungslosigkeit benötigen. Wir wenden als Logotherapeuten das Gedankengut Frankls im Bereich der Psychologie, der Pädagogik, der Hospizarbeit, der Mediation, im Coaching und in der Führungskräfteentwicklung ein.

Im therapeutischen Kontext leistet die Logotherapie einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung psychischer Störungen, in der Behandlung von Sinnlosigkeitsgefühlen, zur Bewältigung von Verlusterfahrungen, im Umgang mit schweren oder chronischen Erkrankungen, zur Verarbeitung von Krisen und Schicksalsschlägen. Das Therapieziel besteht stets darin, den Möglichkeitsraum für neue Sinnerfahrung zu vergrößern. Dies geschieht gesprächsbasiert mit kognitiver und emotionaler Aktivierung der individuellen Lebenswerte und unter Einsatz innovativer Instrumente zur Werteanalyse und -entwicklung.

Den Menschen verstehen wir als sinnorientiertes Wesen, das vor dem Hintergrund seiner Bedingungen zur Selbstgestaltung seines Lebens fähig ist – auch, wenn eben dieses Leben als aktuell brüchig empfunden wird. Mehr zu unserem Arbeitskonzept finden Sie hier.

Das schaffst Du schon!

Wir schaffen das! Deutschland hat an diesem Satz der Kanzlerin gezogen wie am Seil beim Tauziehen. Den einen war der Satz der Inbegriff für eine Hoffnung der Transformation des Staates in eine neue Form weltoffenen Gemeinwohls. Den anderen das Symbol für eine befürchtete Überforderung oder antigermanische Neudefinition des Landes. Irgendwo dazwischen pendelt er sich ein mit der Tendenz in Richtung ‚wir schaffen das eher als dass wir es nicht schaffen!“.

Bei Corona wird’s wohl ähnlich kommen. Regelmäßige Impfungen und Innovationen wie die Luca App werden die Lösung sein. Sicher hingegen nicht Leugnung, Verschwörung oder wohlfeile Glaubens-Appelle an die Kräfte des individuellen Immunsystems. Als psychische Abwehrmechanismen haben diese Krisen-Umgangsformen ausgedient und mit ihnen auch diejenigen, die sie vertreten.

Aber wie sieht es aus, wenn der vernunftbegabte Mensch in die Krise rutscht, wenn er an sich selbst zweifelt und nicht mehr ein und aus weiß? Psychisch und somatisch sind die Phänomene bekannt. Angst, Panik, Herzrasen, Herz-Kreislauf-Probleme, Verdauungsstörungen, Gefühle der Sinnleere, Verzweiflung, Hilflosigkeit – alles bekannt und dennoch hart, wenn sie über einen hinwegfegen.
Wie ist es an dieser Stelle mit dem Satz „das schaffst du schon“? An welchem Ende des Seils wird nun gezogen? Am Ende der elterlichen Fürsprache, an die man sich vielleicht erinnert, wenn es zum Beispiel in der Schule einmal gar nicht lief und man glaubte, an Deutsch, Englisch oder Mathe zu verzweifeln? Hier tat das Zutrauen von Mutter und-oder Vater sicher gut, auch wenn sich manche Kinder fragten, woher die Eltern ihre Hoffnung ableiteten?
Oder am Ende des blutleeren, leicht dahergesprochenen, fast gleichgültig klingenden ‚das schaffst du schon‘. Einem Satz, der noch nicht ganz beendet ist, denn eigentlich lautet er: ‚das schaffst du schon und nun lass mich in Ruhe mit deinem Problem, schließlich musst du dich bloß mehr anstrengen oder du musst einsehen, dass du dafür schlicht zu blöd bist‘.

Klar ist nur eins: an welchem Ende ich ziehe, liegt in meiner Verantwortung. Und damit auch die Entscheidung: was mache ich nun und was mache ich nun nicht (mehr)? Hierfür braucht es etwas Zeit zum Anhalten und ein Gespräch mit jemandem, der einen nicht in die eine oder andere Richtung drängt. Der einem die Entscheidung nicht abnimmt, sondern immer wieder hilft zu klären, an was man sich (weiterhin) bindet und von was man sich trennt. „Wie schaffe ich das“ – diese Frage lässt sich dann am besten beantworten, wenn der Psyche nicht erlaubt wird, weiterhin die Oberhand über das Geschehen zu haben und einen mit ihrer – an sich gut gemeinten – Pass-auf-dich-auf-Angst peinigt. Und das wiederum gelingt am besten mit ‚Dereflexion‘, also mit einer bewussten Abwendung vom eigenen Problemkontext und einer bewussten Hinwendung zu dem, was die Welt einem an Möglichkeiten bietet. Also: ‚geh raus in die Welt‘ und nimm jemanden mit, der klärende, vielleicht auch überraschende Fragen stellt. Sie kennen niemanden, der das kann? Dann kennen Sie vermutlich auch keinen Logotherapeuten? Das aber lässt sich recht einfach ändern – mit einem Blick ins Internet.

Jede Tatsache, die ein Mensch vorfindet, ist noch unvollendet

Schauen Sie um sich: Was ist so unvollendet, dass es später nur an Ihnen und Ihrer Verantwortung gemangelt haben kann, würde es weiterhin unvollendet bleiben? Wenn Sie nun sagen: Da gibt’s rein gar nichts, dann nehmen Sie bitte unser virtuelles Stirnerunzeln zur Kenntnis. Wir wissen, dass Menschen sich so sehr selbst im Wege stehen können, dass ihr Blick immer wieder nur reflektiert wird vom eigenen Spiegelbild. Geschieht das, dann steht jeder Mensch in der Gefahr, in einen Zustand höchstpersönlicher Gleichgültigkeit zu verfallen.

Da wo Sie und nur Sie gemeint sind, da findet sich Ihre aktuelle Sinnfrage Ihres Lebens. Eine solche Frage braucht nicht so ‚groß‘ zu sein, dass man unter der erforderlichen Antwort zusammenbricht. Aber wenn die Beantwortung anstehender Fragen nur deshalb nicht erfolgt, weil die eigene Befindlichkeit dadurch beeinträchtigt wird, dann kommt die Person in ihrem Leben schlicht und ergreifend kein Stück weiter. Dann wird Sinn so beliebig, dass es völlig egal wird, ob und in welcher Weise man sich für irgendetwas einsetzt. Dann wird Sinn zum reinen Selbstzweck, zur rein egoistischen Nützlichkeitserwägung. Leider stellen nicht nur wir in der Psychologie fest, dass der Anteil derer, die ihr Leben auf diese Weise verfehlen, ja vergeuden, permanent zunimmt.

Nun könnte man leicht sagen, dass es doch menschlich sei, eingedenk der Flut von Unvollendeten nicht mehr erkennen zu können, wofür die eigene Verantwortung einzusetzen sich wirklich lohne. Wer so mit seinem Leben verfährt, der verfährt sich. Und er landet in der Sackgasse, an deren Ende er erkennen muss, Handlungen und Entscheidungen vermieden zu haben, eben um die eigene Befindlichkeit nicht durch Selbstverantwortung zu stören.

Noch einmal: Schauen Sie um sich! Was ist unvollendet? Was wartet auf Sie? Manche Menschen denken, dass bestimmte Themen so sehr auf andere warten, so dass man sich selbst nicht bewegen muss, da es sicher schon andere richten werden. Eine solche Haltung ist dem sehr nahe, was Viktor Frankl schon vor 100 Jahren als Pathologie des Zeitgeistes ausmachte, mit Folgen, die letztlich die ganze Welt ins Unheil führte. Aber wie gesagt: Es kommt nicht darauf an, die Welt zu retten, sondern das sicht- und/oder fühlbar Unvollendete mit selbstverantwortlichen Handlungen in eine Sinnverwirklichung zu führen. Und dabei kommt es eben nicht darauf an zu handeln, damit man sich fühlt, sondern darum, wofür man gut ist. Und die damit verbundene Frage des eigenen Lebens lautet: „Was wäre wohl einmal nicht geworden ohne mich und ohne meine Verantwortlichkeit.“

Unvollendetes wartet jederzeit auf einen, meinen, Beitrag. Und dieser Beitrag kann zum Beispiel sein, etwas zu schaffen, zu mindern, zu lindern, zu ändern, zu heilen, zu danken, zu klären und vieles mehr. Kein Beitrag dagegen zeigt sich im Abwenden, Schulterzucken, Warten auf den Anderen und vielen anderen Sinn-Abwehrmechanismen mehr. Wem der Moment egal ist, der ist sich selbst egal, psychologisch ein absehbar lebenskritischer Zustand. Und so gar nicht dem Menschen in die Wiege gelegt. Denn der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das von Anbeginn an die Hoffnung und Vision von einer stets besseren Welt entwickelte.

Vielleicht ist dies auch einer der Gründe, weshalb so viele Menschen trotz erheblicher persönliche Einschnitte in die Lebensplanung und -qualität nicht aufgeben etwas dafür zu tun, dass sich die pandemische Situation am Ende zur Kräftigung des Gemeinwohls entwickeln wird. Etwas zu tun, also einige der vielen Sinnmöglichkeiten heute zu verwirklichen und nicht zu verwirken meint, aus einem noch Unvollendeten in persönlicher Freiheit und Verantwortung etwas beizutragen, was in die Welt hineingeschafft gehört. Viktor Frankl hatte diesen Gedanken auch bereits pointiert als er meinte, es sei nicht die Aufgabe des Menschen etwas aus der Welt, sondern etwas in die Welt zu schaffen.

Was also soll sein, nachdem Sie sich umgeschaut haben? Jeder Mensch entscheidet sich immerfort. Jammern, Schimpfen, Klagen, Zaudern, Meckern oder Handeln, ohne sich dabei selbst im Weg zu stehen.

Wer nun meint, die Welt sei sowieso zum Scheitern verurteilt, weil man ja nur um sich herum schauen muss, um Leid in allen Formen zu erblicken, der mag vielleicht einmal die Perspektive wechseln: Wer sich bei allem Unvollendeten nicht bewegt und bis zum jüngsten Tag wartet, auf den wird man vielleicht einmal schauen und sagen: Dieser Mensch stand in der Welt, um ihn herum ein Meer der Möglichkeiten und er ertrank in sich selbst.

Unternehmensauftrag Sinnvermittlung?

Müssen Unternehmen über ihre Führungskräfte den Mitarbeitern deutlich machen, worin der Sinn der individuellen Aufgabe besteht? Heute wird im Kontext der ’neuen Arbeitswelt‘ ja häufig von Selbstorganisation gesprochen, da kann man doch auf den Gedanken kommen, dass zu dieser ‚Organisation‘ dann auch dazu gehört, sich über diese Kernfrage selbst im Klaren zu werden!?

Jedoch, so ganz voraussetzungslos ist die Beantwortung nicht. Was für den einen ‚Sinn‘ ist, ist für den anderen ‚Nutzen‘, für einen Dritten ‚Zweck‘, für den nächsten ‚Identifkation‘ … [wenn Sie in der KrisenPraxis nach dem Begriff Sinn suchen, dann erhalten Sie Informationen aus der Sinntheorie Viktor Frankls, der wir in unserer Arbeit in Therapie und Coaching folgen].

Immer wieder gibt es zu diesem Thema auch Studien, zum Beispiel von den Krankenkassen, den Gewerkschaften oder von Beratungsunternehmen [je nach Motivlage]. Der DGB strengte im vergangenen Jahr auch eine Befragung an mit der Diktion: Ist mein Beitrag wichtig – identifiziere ich mich mit meiner Aufgabe? Herausgekommen ist, dass über 70% in ihrer Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag sehen, über 90% einen Beitrag für die Firma und ebenso viele sich mit ihrer Tätigkeit identifizieren. Komisch, bringen doch Studien von Beratungsunternehmen wie Deloitte oder Gallup regelmäßig andere Ergebnisse hervor, nach denen eine bedenkliche Anzahl von Mitarbeitern sinnentleert und stumpf ihrer Arbeit nachgehen und Dienst nach Vorschrift machen.

Auf die Spur nach den Hintergründen so unterschiedlicher Ergebnisse zu gehen, hat etwas Wissenschaftliches an sich. Der ’normale‘ Mensch fühlt, ob seine Aufgabe einen Sinn hat oder nicht. Ich habe im meiner Praxis noch nie einen Klienten getroffen, der erwähnte, dass sein Vorgesetzter ihm noch nicht den Sinn seiner Tätigkeit vermittelt habe und er deshalb so unglücklich oder unzufrieden sei. Es scheint, als wüsste jeder Mensch selbst, dass er für sich zu klären hat, ob das was er jeden Tag leistet, für jemanden oder etwas sinnvoll ist oder ’nur‘ zweckdienlich‘ oder ’nützlich‘.
Und es scheint, dass Menschen insgeheim wissen, dass Glück und Zufriedenheit davon abhängig sind, ob die Aufgabe, die erfüllt wird, einen Sinnbeitrag leistet – vielleicht nicht immer, aber doch oft genug und öfter als dass die Aufgabe als sinnlos empfunden wird. 

Was können Unternehmen und Führungskräfte nun tun, um die individuelle Verantwortung zur Sinnfindung zu fördern:

  1. Das Unternehmen sollte dem – vielleicht in den letzten Jahren entwickelten – Mythos abschwören, es sei SInnstifter (oder die Führungskräfte). Ein Unternehmen erfüllt einen Zweck. Um ihn zu erfüllen, gibt es Aufgaben. Zur Messung der Erfüllung der Aufgaben dienen Ziele (ob sich der Begriff Ziele in einer komplexer werdenden Welt weiterhin erhalten wird, bleibt abzuwarten; ich persönlich neige eher zum Begriff ‚positiver Zustand‘]. Die einzelnen Aufgaben kann ein Mensch als sinnvoll erleben, wenn sie im Einklang stehen mit seinen Werten. Ist dem nicht so, dann kann niemand dem Menschen ‚Sinn machen‘, sondern der Mitarbeiter steht in der Verantwortung, entweder die Aufgabe abzugeben und sich eine andere zu suchen oder zu akzeptieren, dass sie nicht sinnvoll, aber zweckdienlich ist. Den Unterschied zwischen Sinn und Zweck herauszuarbeiten, gehört trainiert.
  2. Sinn adressiert die Frage nach dem ‚wofür leiste ich einen Beitrag‘ [nicht: warum leiste ich ihn]. Wird das Wofür vermeintlich behindert durch z.B. zu viele Regeln, dann ist nicht das Wofür fragwürdig geworden, sondern das Warum. Führungskräfte, die nur dafür sorgen ‚warum so und nicht anders gearbeitet wird‘, verfehlen ihre Rolle, denn diese Frage können auch Sachbearbeiter beantworten.
  3. Das Gespräch über persönliche Werte zu führen, deren Verwirklichung sinnvoll ist, setzt voraus, dass der EInzelne seine Werte kennt [dies lehrt die Erfahrung als Coach und Therapeut, dass dies in der Regel nicht so ist] und dass es eine Kultur des Dialogs gibt, die derart ‚intime‘ Gespräche trägt [die Erfahrung als Unternehmenskulturberater lehrt, dass diese in der Regel nicht gegeben ist]. Es mag angemessener sein, zu klären, dass die Verantwortung der Sinnfindung beim Einzelnen liegt und das Unternehmen dafür alles tut, um mittels Zweckerfüllung den Erhalt des Systems sicherzustellen [hier darf man nach Beoachtungen zuweilen daran zweifeln, ob das leitende Management sich diesen Zwech noch vorstellen kann]

 

Sinn und Arbeitsleben

Viktor E. Frankls Bild von der Wirklichkeit lässt sich knapp mit zwei Perspektiven umreißen. Die erste Perspektive ist, dass jeder Mensch nach Sinn strebt. Die zweite, dass viele Menschen ihn nicht finden und versuchen, diese Sinnleere mit Lust, Spaß oder Flucht auszugleichen. Es liegt nahe, die Auswirkungen dieser Perspektiven auf das Arbeitsleben besonders zu betrachten.

Jeder Mensch strebt nach Sinn. Allein der Begriff führt viele Menschen zum Nachdenken. Was ist mit Sinn gemeint? Mit Sinn in meiner Arbeit? Wir sprechen hier nicht vom Zweck einer Arbeit, nicht über das „warum“. Der Zweck einer Arbeit besteht darin, eine Leistung zu erbringen, ein Ziel zu erreichen, einen Nutzen zu bewirken, eine Gegenleistung zu erhalten. Der Sinn schaut auf das „wofür“ und das „wozu“. Eben hier finden Menschen zu wenig Konkretes, Fassbares, Erdenkliches.

Das Leben hat immer und unter allen Umständen einen Sinn. Das ist Frankls Basis in seiner Theorie der menschlichen Existenz. Während er zuvorderst mit an „Sinnleere“ erkrankten Menschen arbeitete und Hunderte von empirischen Belegen die Wirkung der sinnzentrierten Psychotherapie [Logotherapie] belegen, stellt sich heute die Frage, in welcher Weise sinnzentrierte Management- und Führungsarbeit auch über Hindernisse hinweg im „alltäglichen Business“ entfaltet werden kann.

An Hindernissen mangelt es wahrlich nicht und es wäre verfehlt, sich bei ihrer Betrachtung nur auf die Unternehmensebene zu konzentrieren. Viele Hindernisse werden in Systemen jenseits des Arbeitskontextes aufgebaut, und ihre Wechselwirkungen werden dann im beruflichen Umfeld spürbar. Das Arbeitsumfeld bietet jedoch eine Plattform, auf der sich die Hindernisse quasi potenzieren und sich die Grenzen verwischen, wo sich der Urgrund individueller Sinnfrustration ausmachen läßt. Ermöglicht eine sinnzentrierte Führung es dem Einzelnen, eine Distanz zu den eigenen Hindernissen zu entwickeln, so erleichtert dies einen gewissenhaft vollzogenen Reifeprozess.

Frankls Sinntheorie führt den Menschen zur Erkenntnis, dass gewissenhaftes Denken und Handeln einen wesentlichen Beitrag zur Sinnerfüllung leistet – und dieser dann Glück und Zufriedenheit folgen. „Je mehr der Mensch nach Glück jagt, um so mehr verjagt er es auch schon. Um dies zu verstehen, brauchen wir nur das Vorurteil zu überwinden, daß der Mensch im Grund darauf aus sei, glücklich zu sein; was er in Wirklichkeit will, ist nämlich, einen Grund dazu zu haben. Und hat er einmal einen Grund dazu, dann stellt sich das Glücksgefühl von selbst ein. In dem Maße hingegen, in dem er das Glücksgefühl direkt anpeilt, verliert er den Grund, den er dazu haben mag, aus den Augen, und das Glücksgefühl selbst sackt in sich zusammen. Mit anderen Worten, Glück muß er-folgen und kann nicht er-zielt werden“.

Das Leben Viktor E. Frankls selbst ist eines der Belege für die praktische Umsetzung der von ihm entworfenen Sinntheorie. Frankl bietet dem Menschen nicht nur ein inhaltlich gedanklich fundiertes Konzept, sondern auch lebenspraktische Formgebung. Seine Sinntheorie ist nicht fokussiert auf die Zielgruppe der Ärzte, Therapeuten, Psychologen oder Seelsorger. Schon gar nicht ist sie nur ausgerichtet auf den kranken Menschen. Frankl betrachtet den Menschen in einer Einheit von körperlicher, seelischer und geistiger Dimension. Und eben die Dimension des Geistes [des Logos] ist für Frankl per se gesund, ist sie doch die Quelle des individuellen, subjektiven und situativ gebundenen Sinns.

Der Prozess der Sinnfindung, der Sinnerfüllung, der Werteverwirklichung und die Wirkung dieser Prozesse zugunsten eines gelingenden [Arbeits-]Lebens ist wissenschaftlich beobachtbar und überprüfbar. Wir greifen diesen Aspekt im Rahmen unserer Krisenforschung im IIKP auf. Für die Forschung am Sinn im Arbeitsleben gibt Frankl zudem eine wichtige Prüfinstanz vor – das Gewissen. Für Frankl ist das Gewissen das „Sinn-Organ“, das entscheidet, ob die Sinnfindung gelungen ist. Forschung am Sinn, wird damit immer auch Gewissens- und Gewissenhaftigkeitsforschung.

Sinn ist das Fundament unserer Existenz. Wir existieren [ex-istere = hervortreten], wir treten aus uns hervor, indem wir Werte verwirklichen. Werte sind das Fundament unseres Lebens. „Existiert“ ein Mensch, verwirklicht er seine Werte. Verwirklicht er sie nicht, „vegetiert“ er, lebt er „so dahin“.

Ihre Arbeit erscheint vielen Menschen heute zweckdienlich, aber nicht sinnerfüllend und damit krankheitsfördernd – psychisch und psychosomatisch. Das geistige Konzept der Sinntheorie Frankls bietet die Chance, dies zu ändern. Dass Entscheidungsträger in Unternehmen etwas Gutes tun, wenn sie an diese Zusammenhänge denken, mag durch diese Informationen aus dem Gesundheitswesen untermauert werden:

  • Nach epidemiologischen Studien gehören psychische Erkrankungen zu den häufigsten und auch kostenintensivsten Erkrankungen. Psychische Erkrankungen hatten 2011 einen Anteil von 13,4% Gesamtkrankenstand. Heute sind bereits 18%
  • Der Anteil der psychischen Störungen am Gesamtkrankenstand steigt von 4,8 Prozent bei den 15- bis 19-Jährigen kontinuierlich auf einen prozentualen Anteil von 16,7 Prozent bei den 35- bis 39-Jährigen und den 40- bis 44-Jährigen an. Ab dem 45. Lebensjahr nimmt die relative Bedeutung psychischer Erkrankungen (bei insgesamt steigendem Krankenstandsniveau) dann wieder ab. Ihr Anteil liegt bei den über 60-Jährigen nur noch bei 12,9 Prozent. Möglicherweise hängt dieser Verlauf ab von der vielfach in der Lebensmitte beobachteten Häufung von Krisen und Konflikten. Konflikte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Karriereplanung und Überlastungssymptome („Burn-out“) können zu entsprechenden Erkrankungsbildern führen.
  • Wird das Arbeitsunfähigkeitsgeschehen auf der Ebene von Krankheitsarten betrachtet, zeigt sich im Vorjahresvergleich, dass Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen stark angestiegen sind. Daher sollten Maßnahmen der betrieblichen Prävention und Gesundheitsförderung den Fokus u. a. auf den Abbau von psychosozialen Belastungen wie chronischer Zeitdruck, Arbeitsunterbrechungen, Überforderung etc. legen.

Die logotherapeuti­sche „Übersetzung“ der Zehn Gebote lautet:

  1. Gebot: Du sollst den Bezug zur Transzendenz nicht verlieren.
  2. Gebot: Du sollst dir deine Empfänglichkeit für Werte erhalten.
  3. Gebot: Du sollst zeitweise innehalten zur Zwiesprache mit deinem Gewissen.
  4. Gebot: Du sollst deinen Eltern die Fehler, die sie an dir begangen haben, verzeihen.
  5. Gebot: Du sollst die Sinnhaftigkeit des Lebens bedingungslos bejahen.
  6. Gebot: Du sollst die Lust als Nebenwirkung eines Aktes der Liebe geschehen lassen.
  7. Gebot: Du sollst nur an dich und auf dich nehmen, was für dich gemeint ist.
  8. Gebot: Du sollst das zwischenmenschliche Leid in der Welt nicht vermehren.
  9. Gebot: Du sollst die Zusammengehörigkeit der Familie achten und bewahren.
  10. Gebot: Du sollst nicht ein Haben intendieren, sondern ein Sein.

(In: E. Lukas, Spirituelle Psychologie, München: Kösel Verlag 1998, S. 44f.)

Der Sinn als Mitglied des inneren Teams

communicare „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“

Wir können nicht nicht gegenüber anderen Menschen kommunizieren.
Wir können nicht nicht mit uns selbst kommunizieren.
Kommunikation ist alles und überall. Das macht es nicht immer wirklich leichter.

Im Rahmen unseres Einzelcoachings:

  • können Sie sich Ihre inneren Dialoge (Selbstkommunikation) bewusst machen und dabei zwischen förderlichen und hinderlichen Mustern unterscheiden
  • können Sie sich Ihren Glaubenssätzen nähern und beginnen, sich von einst verinnerlichten Altlasten zu befreien
  • können Sie eine Verbindung herstellen zwischen Ihren Werten, die einen Beitrag dafür leisten, Einstellungen und Haltungen zu prägen, die ihrerseits zu Verhaltensmustern und Kommunikationsstilen führen
  • können Sie lernen, effektiver zu fragen
  • können Sie Ihre non-verbale Kommunikation (Körpersprache) studieren und verbessern
  • können Sie Ihr Kommunikationsbedürfnis und das anderer Menschen erkunden und üben, wie sich Stress durch Kommunikation vermeiden läßt

Soviel zum Werbeblock.


Wenn man sich mit Kommunikation und dem Phänomen des inneren Dialogs befasst, kommt man am Konzept des ‚Inneren Teams‘ von Friedemann Schulz von Thun nicht vorbei: 

„Die Erkenntnis, dass die menschliche Seele eine faszinierende innere Gruppendynamik aufweist und die Entdeckung, dass die dort waltenden Verhältnisse eine erstaunliche Analogie zu denen in realen Gruppen und Teams aufweisen, haben mich dazu gebracht, die Metapher vom „Inneren Team“ zu formulieren und zur Grundlage meines Menschenbilds und meiner kommunikationspsychologischen Beratung zu machen.“

Das Modell betrachtet die „Innenseite“ der Kommunikation, denn ein Miteinander und Gegeneinander findet nicht nur zwischen Menschen, sondern auch innerhalb des Menschen statt. Meist gibt es mehrere innere Stimmen, die sich zu einem bestimmten Thema äußern, die sich miteinander selten einig sind und die alles daran setzen, auf unser Verhalten und unser Handeln Einfluss zu nehmen.

Das Modell des Inneren Teams beinhaltet sechs Lehren:

1) Lehre von der inneren Pluralität des Menschen
(innere Reaktionen auf andere Menschen oder Ereignisse erfolgen meist gemischt, undeutlich, in Form eines „hin-und hergerissen“)

2) Lehre von der inneren Führung
(wenn es ans Entscheiden geht, dann behält das „innere Oberhaupt“ das letzte Wort)

3) Lehre vom inneren Konfliktmanagement
(Gegensätze und Spannungen werden vom inneren Konfliktmanager gemanagt – er besitzt mehr oder weniger die Tugend der Verständigungsbereitschaft, die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen, den Willen zum Sinn)

4) Lehre vom Aufbau der Persönlichkeit
(das innere Team kennt „Stammspieler“, „Ersatzbank“, „Schiedsrichter“, „Publikum“, und so weiter)

5) Lehre von der Variation innerer Aufstellungen
(ein Mensch variiert je nach Kontext in seinem Kommunikationsverhalten – und wirkt dabei zuweilen unberechenbar)

6) Lehre vom Gehalt einer Situation
(der Mensch setzt spontan Schwerpunkte – innerhalb einer kurzen Situation kann es aufgrund des inneren Teams zu stimmigen oder konfliktären Kommunikationsmustern kommen)

Für die sinnzentrierte Arbeit mit Menschen ist sind hiervon die zweite und sechste ‚Lehre‘ von besonderer Bedeutung. Das innere Oberhaupt ist für uns das Sinn-Organ, das Gewissen. Unter dem ‚Gehalt einer Situationen‘ verstehen wir den bestenfalls gegebenen Situationssinn oder – negativ – den sich in Situationen nicht allzu selten auch zeigende ‚Unsinn‘.
Da wir den Menschen als sinnstrebig verstehen, es für ihn also in der Welt immer auch jederzeit einen Sinn gibt, so lässt sich dieser auch – im Verständnis der fünften Lehre – als innerer Repräsentant aufstellen. Eine solche Sinn-Aufstellung gehört zu den von uns im Werte- und Sinncoaching sowie im Krisenpräventionscoaching eingesetzten Standardinterventionen.

Sinn-Spannung

Wer sein eigenes Leben als sinnlos empfindet,
der ist nicht nur unglücklich, sondern auch kaum lebensfähig.
Albert Einstein

Der Pluralismus unserer modernen Zeit führt in seinem Rucksack eine Vielzahl von Werteverwirklichungsangeboten mit sich, die verursachen, dass ehemals stabile Wert- und Deutungssysteme wie die Familie, nationale Identitäten, Glaubensinstanzen oder – im Kontext der Profit-Organisationen – die Management-Elite in ihrer „Sinn-Erzeugungskraft“ relativiert werden.

Der Mensch wird zur Selektion verführt, zum Konsum des besten Augenblicks. Die Folge ist meist Entfremdung und Unverbindlichkeit – man spürt sie, wenn Menschen in lebhaften Opportunismus und schwächelnde Loyalitäten fallen. Dieser „stabile Pragmatismus“ ist quasi der Trend für jede Glücksindustrie, die suggeriert, dass die „Flucht in die Sucht“ (und hier meinen wir sowohl alle gängigen als auch alle befremdlichen Ausprägungen) eine geeignete Form ist, sich der Mühe der Sinnfindung zu entledigen.

Menschen auf der Suche nach Sinnerfüllung bemerken aber irgendwann, dass die Delegation an Glücks- und Heilsbringer fundamental keine Änderung bewirkt. In einem solchen Zustand erleben wir Menschen, wenn sie von ‚Sinnkrise‘ sprechen. Welche Signale beschreiben uns berufstätige Klienten, deren Wunsch nach vermisster Sinnerfüllung im Job sie zu uns führt?

Häufig wird erwähnt, dass externen Erwartungen und Appellen an eine individuelle Aktivität keine angemessene Sinnqualität gegenübersteht, dass die vorhandenen Kräfte „ohne Sinn und Verstand“ eingesetzt werden oder auch dass sich ein Gefühl von Interesselosigkeit an den Befindlichkeiten der großen und der kleinen Welt entwickelt hat. Nicht selten finden sich in den ersten Gesprächen Worte der Verwunderung, dass die höchsten Instanzen im Unternehmen nicht die Energie zur Förderung von Sinn aufbringen können. Der Verwunderung folgt meist der Gedanke, dass es möglicherweise diesen Instanzen ebenso an Sinnerleben mangeln könnte – ein Umstand, der tröstet, aber nicht wirklich hilft. Was bleibt, ist eine existenzielle Frustration.

Was meist offenkundig fehlt ist eine Art gesunder Spannung für eine sinnvolle Antwort auf die Frage, die einem das Leben stellt. Entsteht diese Sinn-Spannung nicht, leidet der Mensch unter dem Empfinden, „gestorben zu werden“ – die Berichte selbst junger Menschen, die sich in einem Umfeld der Un-Spannung (des Ungebraucht-Seins, des Unbeachtet-Seins, des Ungefordert-Seins…) erleben, zeigen uns, dass existenzielle Frustration nicht davon abhängig ist, ob ein Mensch vor diesem Empfinden bereits den Zustand der Sinn-Spannung einmal erlebt hat. Möglicherweise beeinflusst dies zwar die Energie eines Menschen, einen bereits einmal anders erlebten positiven Zustand wieder erreichen zu wollen, die situative Qualität des Erlebens von Sinnlosigkeit scheint davon jedoch unberührt.

Den Aufbau einer Sinn-Spannung zu begleiten, darf nun nicht so verstanden werden, als dass wir für unsere Klienten Sinn erzeugen oder Sinn als Beratungsprodukt geben könnten. Dies zu versuchen, würde dazu führen, dass der Klient unser Leben lebt. Im Gegenteil, wir haben uneingeschränktes Zutrauen in unsere Klienten, die Antworten auf die Fragen des Lebens selbständig zu finden.

Sinnfindung ist vom Klienten zu leisten. Ein unserer Sicht wesentlicher Einstieg in diese Arbeit ist eine genaue Reflexion der eigenen und übertragenen Werte des Menschen. Werte sind die Bandscheiben des Sinn-Rückgrats. Sie sind für uns die Variablen im Sinnfindungsprozess. Dem Kant’schen Idealismus, dass Werte Eigenschaften seien, die zur Hochschätzung würdig machen, fügen wir den Gedanken hinzu, dass im Wertekanon eines Menschen neben Fundamentalwerten eine Reihe operativer Werte verankert sind. Fundamentalwerte führen bei Nichtbeachtung im Gewissen des Menschen zu existentiellen Stör-Erlebnissen. Operative Werte führen bei Nichtbeachtung in kritischer Situation zu massiven systemischen Konflikten oder – handelt man wider Wert – zumindest zu einem „flauen Gefühl“, das auf eine reduzierte eigene Gewissenhaftigkeit zurückzuführen ist.

Sinn vereinbaren – geht das?

Etwas Sinnvolles tun. Dem eigenen Leben eine Richtung geben. Sinnfördernd andere Menschen führen wollen. Mit diesen Ansprüchen an die ganz persönliche Lebensgestaltung zeigen Menschen ihre Bereitschaft auf, sich einzusetzen, ihrem Wesen entsprechend zu handeln. Wer in seinem Leben eine sinnliche, sinnvolle, sinnfördernde Kraft entwickelt, setzt bejahende und gestaltende Akzente. Wer sinnerfüllend lebt, verwirklicht seine Werte.

Wer Sinnvereinbarungen trifft, der gibt zu verstehen, dass er weiß, dass Menschen in seinem Umfeld nach Möglichkeiten der Verwirklichung ihrer Werte suchen. Stehen die Wertesysteme von Menschen [Z.B. Paare, Teams …] hinreichend stimmig zueinander, dann entsteht ein Sinnsystem. Ein solches System kann als Gestaltungsraum angesehen werden, der durch Sinnvereinbarungen geprägt ist. Dieser Gedanke hat Konsequenzen für die Kulturentwicklung, ob in der Führung, in der Teamentwicklung oder auch in Unternehmens- oder Netzwerkkulturen – und natürlich auch für das Leben im privaten Kontext. Etwas als Sinn im [Arbeits-, …]Leben anzusehen, lässt sich daher vereinbaren. Vereinbarter Sinn [als Antwort verstanden auf die Frage: wofür leisten wir einen Beitrag, … wofür sind wir gut] ist überdies deutlich robuster als vereinbarte Ziele.

Im eigenen Leben den Sinn zu entdecken klingt trivial und ist für manche Menschen doch so schwer. Auf den vielen Bühnen, die das Leben so bereithält, lässt sich zuweilen recht gut Fremdsinn konsumieren. Eigensinnig zu sein, hat zudem in der Gesellschaft einen egozentrischen Anstrich erhalten, und sagt dabei doch im positiven Kern etwas über die Wahrnehmungsfähigkeit und Reflexivität  eines Menschen aus, weil: Am Sinn im Leben zu arbeiten ist nicht voraussetzungslos. Es verlangt Substanzielles, Klärendes, Deutliches. Um Sinnvereinbarungen mit anderen Menschen treffen zu können, ist zuvor das eigene Fundament zu gießen – und dieses Fundament ist das Bewusstsein über die eigenen Werte.

Achten wir die Andersartigkeit eines Menschen, dann achten wir indirekt auch seine individuellen Wertvorstellungen. Die subjektive Gestaltung dessen, was Sinn im Leben bedeutet, welche Werte im Leben gelebt werden sollen und was auf dieser Basis mit anderen Menschen geteilt werden kann, ändert sich von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation, von Lebensphase zu Lebensphase.

Wir verstehen daher unter dem Sinnsystem gemeinschaftlichen Lebens die größtmögliche Entfaltung und Vervollkommnung der eigenen Werte im größtmöglichen Einklang mit den Wertvorstellungen der Mitwelt.

Sinn zu erleben ist nur möglich durch die Verwirklichung von individuellen Werten, die Viktor Frankl als Sinnuniversalien bezeichnet. Werte haben nicht den Charakter von Normen, sondern entsprechen eher Orientierungshilfen, nach denen in unterschiedlichen Situationen wie mit einem „unsichtbaren Kompass“ Entscheidungen und Handlungen gewählt werden. Für Frankl bestimmt der Mensch sein Leben nach einer spezifischen Werterangordnung. Verstößt er gegen seine Werte oder sieht sich in einer Situation gezwungen, seinen Werten gegenläufig zu handeln, reagiert er häufig mit Symptomen auf psychophysischer Ebene.

Welche Werte ein Individuum für sich bewusst wählt, ist abhängig von der Person selbst – und davon, ob er seine Werte überhaupt kennt. Für Frankl haben Werte objektive Gültigkeit, denn sie sind einer „objektiv geistigen Welt“ zugeordnet. Die Werte selbst verändern sich nicht, sondern der Mensch tritt ein in ein immer wieder neues Verhältnis zu ihnen und reflektiert darüber die Sinnhaftigkeit seines Seins. Der Mensch bleibt somit in der Verantwortung für die eigene Sinn-Erfüllung durch die Verwirklichung seiner Werte. In seinem Gewissen hat er zu entscheiden, welchen ‚Wert‘ er in der jeweiligen Situation zu realisieren hat. Aus dieser individuellen und situativen Wertsetzung, die für jeden Augenblick im Leben aufs Neue zu entscheiden ist, entsteht der aktuelle Sinn.

Viktor Frankl konnte in seinen Beobachtungen drei Wertekategorien bei Menschen identifizieren. Die „schöpferischen Werte“, die aus Prozessen des Verwirklichens, Entwickelns, Gestaltens, Produzierens, Organisierens und Verbesserns entstehen, können überall dort verwirklicht werden, wo der Mensch frei aus sich heraus wirken kann. Werte werden hier dadurch verwirklicht, indem etwas in die Welt geschaffen wird.

Bei den „Erlebniswerten“, die aus Prozessen des Dabeiseins, Teilnehmens oder Anteilnehmens entstehen und die sich durch Zusammensein, Zusammenarbeiten, Zugehörigkeit und Anerkennung, Prestige, Ansehen, Liebe, Freundschaft u.a. zeigen, ist also eine soziale Einordnung erforderlich. Mit seiner Metapher: „Ein einziger Augenblick kann rückwirkend dem ganzen Leben Sinn geben“, setzt Frankl einen Gegenpol zu Fluchtverhaltensweisen von Menschen, wie sie sich in Resignationen, Depressionen, Hoffnungslosigkeiten bis hin zu Suiziden äußern.

Frankl verweist bei der Betrachtung der „Einstellungswerte“ darauf, dass das Leben auch dann noch sinnvoll ist, wenn es weder schöpferisch fruchtbar noch erlebnisreich ist. Es kommt dann darauf an, wie der Mensch sich zu einem unabänderlichen Schicksal stellt. Die Möglichkeit, derartige Einstellungswerte zu verwirklichen, ergibt sich also immer dann, wenn sich ein Mensch einem Schicksal gegenübergestellt findet, demgegenüber es sich nur darum handeln kann, dass er es auf sich nimmt, dass er es trägt. Konkret zeigen sich Einstellungswerte in Haltungen wie der Tapferkeit im Leiden oder der Würde im Scheitern.