Archiv für den Autor: Ralph Schlieper-Damrich

Sinnorientierte Geisteshaltung

Es ist mal wieder Zeit für etwas Frankl. 

In Frankls Menschenbild steht der freie Wille im Zentrum. Wir sind zwar nicht frei von allerlei Bedingungen, die unser Leben mitbestimmen, aber wir sind frei zu unendlich Vielem, was uns ermöglicht, uns immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen für bestimmte Handlungs- oder Sichtweisen zu entscheiden. Jeder Mensch hat zwischen ‚Reiz‘ und ‚Reaktion‘ einen Raum, einen Freiraum, einen Gestaltungsspielraum, den er selbst bei unabänderlichen Belastungs- oder Krisensituationen behält. 

Die Suche nach Sinn ist die stetige Grundmotivation des Menschen. Mehr noch als nach Lust oder Macht strebt der Mensch nach Sinn. Eigentlich ist die menschliche Motivation dort am stärksten, wo der Mensch Sinnvolles bewirken kann. Jedoch – zuweilen behält die Psyche des Menschen die Oberhand über das Geschehen, und er entscheidet sich für Sinnwidriges, Sinnleeres, Sinnloses. Diese geistlosen Phasen sind jedem Menschen zuzusprechen, auch sie zeichnen Menschsein aus. Aber im Kern will jeder Mensch für eine Aufgabe einstehen und-oder zumindest einen Menschen lieben oder für ihn gut sein. Wird dieser Wille zum Sinn dauerhaft frustriert, entstehen Stress, Gefühle der Wertlosigkeit und vielfach letztlich Aggression, Sucht, Depression, Lethargie oder Apathie. 

Den Sinn des Lebens kann sich ein Mensch nicht machen, auch gibt es ihn nicht auf Rezept. Aber er ist da und wartet darauf, [wieder] gefunden zu werden. Manchmal haben ihn Menschen auch längst gefunden, merken es nur nicht. Eine Ursache dafür liegt häufig in einer wenig ausgeprägten Selbstsicherheit oder in einem geringen Selbstvertrauen. Wie auch immer – jedes Leben behält seinen Sinn und hält Sinn bereit, selbst wenn er in einer verzweifelten Lebensphase nicht mehr gespürt wird.  

Die Freiheit des Willens bedingt, dass jeder Mensch Verantwortung für sein  Leben und die Art und Weise hat, wie und wofür er leben und sich entscheiden will. Wie er auf die Fragen antworten will, die ihm sein Leben stellt.   

Leisten, lieben, leiden – das sind die drei großen Werteverwirklichungsbereiche für jeden Menschen. Schöpferische Werte zu verwirklichen führen hin zum Leisten. Erlebniswerte wie Schönheit, Anmut, Harmonie, Ästhetik, Naturverbundenheit, Zuneigung u.a. zu verwirklichen, führen hin zum Lieben. Und letztlich sind es Einstellungswerte, mit denen ein Mensch auch bei existenziellen Abschieden in seinem Leben trotz allem Sinn findet. Sie zu verwirklichen ist ein Fähigkeitsbeweis hin zum Leiden.

BUGA und Erlebniswerte

Die Bundesgartenschau in Erfurt lädt Sie und insbesondere Ihre Augen noch bis Ende September 2021 zu einem wahren Farbenfeuerwerk ein. Wer sich in einer psychisch belastenden Situation befindet und schöpferische Werte [eine Kategorie on Viktor Frankl] wie Leistung, Initiative, Ordnung, Arbeit oder auch Kreativität nicht verwirklichen kann [vielleicht aufgrund eines Verlustes eines Menschen oder des Arbeitsplatzes oder aufgrund einer Erkrankung] nicht verwirklichen kann, der kann seine Erlebniswerte [wie zum Beispiel Schönheit, Anmut, Sanftheit, Harmonie …] aktivieren. Der Erfurter Augenschmaus bietet Ihnen eine Fülle an derart wertevollen Eindrücken und die Stadt selbst erbringt ihren Teil dazu, um Ihnen als  erfreuende  und vitalisierende Energiequelle auch in Krisensituationen einen Ausgleich zu ermöglichen. Hier ein paar Eindrücke aus unserem Besuch in Erfurt Mitte Juli.

 

Existenz

»Existenz will sich nicht ins Beliebige vergeuden, sondern ihr Dasein für das Eigentliche verschwenden. Erst, wenn die Entscheidung reif wird, wenn ich im geschichtlichen Zugriff mich verwirklichen könnte und mich dennoch an meine jetzt fragwürdig werdende allgemeine Möglichkeit angstvoll klammere, entgleite ich mir durch diese Verweigerung des Eintritts in das Schicksal meines Tages. Scheu vor jeder Fixierung in Beruf, Ehe, Vertrag, vor jeder unwiderruflichen Bindung, verhindert mein Wirklichwerden, so dass ich schließlich, was Ursprung in mir hätte sein können, als nur mögliche Existenz ins Leere zerrinne.«

Karl Jaspers

Sinnverwirklichung steht vor Selbstverwirklichung

Der Wille zum Sinn ist immer vital. Er tritt nicht erst im Nachklang der Befriedigung von Grundbedürfnissen, auch nicht erst im Nachklang des Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung in Erscheinung. Mit dieser Erkenntnis stellt sich Viktor Frankl gegen Abraham Maslows Konzept der Bedürfnispyramide und weist sogar über diese hinaus. Das Bedürfnis nach Sinnverwirklichung steht in Frankls Sinntheorie an erster Stelle und dieses Bedürfnis besteht selbst dann, wenn die Bedürfnisse in der Maslowschen Pyramide nicht oder nur teilweise befriedigt sind. Maslow gab dieser Einsicht einst auch Recht als er 1966 im Journal of Humanistic Psychology schrieb: „Ich stimme völlig mit Frankl darin überein, dass sich das Hauptanliegen des Menschen in seinem Willen zum Sinn ausdrückt.“ [eigene Übersetzung. Original: „I agree entirely with Frankl that man’s primary concern is his will to meaning.“ Maslow, Abraham: Comments on Dr. Frankl’s Paper, in: Journal of Humanistic Psychology 6 (1966), 107].

„Man überlebt am ehesten seelisch heil, wenn man auf eine Zukunft hin orientiert ist, in der man eine bestimmte Aufgabe erfüllen möchte, die auf einen geradezu wartet. Eine Aufgabe, die einen fasziniert und der Welt dient.

Elisabeth Lukas

Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht,
darf man den Kopf nicht hängen lassen.

Sepp Schnorcher

Du siehst etwas und fragst: „Warum?“
Ich träume etwas und frage: „Warum nicht?“

Unbekannt

„Wenn’s okay ist, dann haben es die Eltern gut gemacht,
wenn nicht, dann ist das Kind schuld.

Aber: Das meiste, was Eltern Erziehung nennen,
macht auf Kinder keinen Eindruck. Und das ist gut so.

Denn: Eltern üben auch heute noch oft ihre so Rolle aus, dass
sie niemals ein qualifiziertes Zeugnis bekämen, wäre diese
Rolle ihr Beruf.“

Aus Gesprächen über Erziehung mit einem Kinderpsychotherapeuten.

Ralph Schlieper-Damrich

14. April 2021

Wir fordern sechs neue Grundrechte

Ein Verfassungskonvent soll die Charta der Grundrechte der Europäischen Union um folgende Grundrechte erweitern:

Artikel 1 – Umwelt

Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.

Artikel 2 – Digitale Selbstbestimmung

Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.

Artikel 3 – Künstliche Intelligenz

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

Artikel 4 – Wahrheit

Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.

Artikel 5 – Globalisierung

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.

Artikel 6 – Grundrechtsklage

Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.

Wir haben diesen Antrag hier mitunterzeichnet.

Dazugehörend das neue Buch von Ferdinand von Schirach.

Und dieser Brief des Autors und Initiators.