Archiv für den Autor: Ralph Schlieper-Damrich

Warum man im Leben zuweilen scheitert

Wir haben diese Frage über Jahre unseren Klientinnen und Klienten in unserer Logotherapie-Praxis gestellt, und nach nunmehr einigen Hundert Antworten ging es ans Bündeln. Diese sieben Kriterien konnten wir herausdestillieren:

  • Überanpassung an ‚Fremdmotivatoren‘, kollektive Meinungen darüber wie man zu sein hat, Feedback, Zeitgeist, Spaßgesellschaft
  • Zulassen der ‚Oberhand‘ der Psyche, also der Gefühle und-oder Gedanken, der Triebe bei dadurch gleichzeitigem ‚Aus-dem-Blick-geraten‘ des eigentlich Wesentlichen und Geistigen [Mangel an Sinnwillen durch Zulassen psychischer Routinen]
  • Selbstoptimierungs- und Machbarkeitswahn, der die Fähigkeit unterdrückt, zu akzeptieren was ist [körperlich, sexuell, beruflich, genetisch, …]
  • Mangelhafte Kenntnis der wirklich eigenen Werte [Lernträgheit]
  • Unzureichende Trennungskompetenz – gilt für alle Lebensbereiche
  • Irrige Annahme, man könnte darauf warten, dass die Entwicklung anderer das eigene Leben erleichtern wird
  • Unfähigkeit, sich präventiv mit dem ‚Life in Progress‘ zu befassen – an sich kann individuelles Scheitern in einem nicht geringen Umfang bereits vorhergesehen werden

Wenn Sie fühlen, dass das Risiko zu Scheitern bei Ihnen langsam aber sicher zunimmt, dann empfehlen wir Ihnen das Gespräch mit einem Werte- und Sinncoach oder einem Logotherapeuten in Ihrer Nähe.

Man kann nicht allen alles erklären, insbesondere dann nicht,
wenn es den Fundamenten ihrer Weltanschauung widerspricht.

Das Dumme dabei ist nur, dass viele, die ihre Weltanschauung kommunizieren, nicht in der Lage sind, ebendiese samt ihrer Herkunft, ihrer aktuellen Bedeutung für die eigene Lebensführung und hinsichtlich ihrer Konsequenzen anderen zu erklären. Wenn dies jedoch nicht geschieht, dann darf sich eine solche Person nicht wundern, wenn ihr Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Aber wer sich darüber erregt, dass ihm ebendieses widerfährt, kann sich jederzeit entscheiden: entweder der Verbleib in der selbstverschuldeten Unmündigkeit oder der Aufbau einer zeitgemäßen Vernunft. Erstes ist einfach, zweites ‚kostet‘.

„Niemand hat mich je verstanden, bis auf einen,
und auch der hat mich nicht verstanden.“

Georg W.F. Hegel zugeschrieben

Wenn es mal wieder einiges zu beklagen gibt

Vor kurzem habe ich einen cholerischen Klienten über seine Mitarbeitersituation sprechen hören. Da blieb kaum ein gutes Haar an jedem übrig. Da habe ich ihm eine kleine Intervention angeboten: Er wurde gebeten, sein Anliegen auf ein Blatt Papier zu schreiben und dann je nach Anzahl der mit dem Anliegen verbundenen Personen entsprechende Spalten anzulegen. In den Spalten steht für jeden Beteiligten (hier 5 Mitarbeitende, 1 Chef, 2 Kollegen) ‚Du deins‘, in der letzten Spalte dann ‚Ich meins‘
Du deinsDu deinsDu deinsDu deins ……. Ich meins
Der Klient schrieb nun genau auf, welche Anteile jeder an der Situation hatte, lernte so zu differenzieren und personenbezogen Lösungsanteile herauszuarbeiten. In der Folge hat mein Klient erkannt, dass Pauschalierungen sowieso nicht weiterbringen, sondern nur das ganze System verhärten und dass Lösungsprozess auch gut auf mehrere Personen verteilt werden können („jetzt bleibt der Scheiß wieder nur an mir hängen“ – dieses Anfangs-Empfinden des Klienten war nach dieser Intervention kein Thema mehr).

Bluff

Der Roman der Dänin Janne Teller ist schon ein paar Jahre alt und doch aktueller denn je. Viele junge Leute fragen sich im Schatten von Corona, welchen Sinn das Dasein eigentlich noch hat. Sich derart verloren zu fühlen, ‚da zu sein‘ und sich doch mit dem Absurden der Welt nur widerwillig auseinander setzen zu wollen, ist ein seelischer Zustand, dem wir in der Psychotherapie nur allzu häufig begegnen. Kierkegaard, der große dänische Existenzialist und Kenner der Angst, hat schon im 19. Jahrhundert diesen Schmerz beschrieben und philosophisch verarbeitet.

Wenn ein Mensch, wie der Protagonist in Tellers Roman, sich sicher ist, dass das Leben schlicht zu nichts nützt, kein Hahn so wirklich danach kräht, ob es einen gibt oder nicht, wenn aller Sinn reine Illusion und Spekulation ist, schlicht ein Bluff, dann muss man sich irgendwann einmal die Augen reiben, hinschauen und verzweifeln. Oder, wenn man diese Kurve noch einmal kriegen will, dann entscheidet man sich für Gott, wenn man glauben kann, ihm die eigene Existenz zu verdanken. Wenn aber auch das nicht so richtig funzt, dann hilft nur die Idee, dass alles einfach nur ein kosmischer Witz des Zufalls ist. Und über Witze lacht man, so wie man es auch an einigen Stellen im Roman ‚Nichts‘ tun kann. Wer sich philosophisch auf den Roman vorbereiten will, der sei eingeladen, zuerst Kierkegaard, Sartre und Camus zu verdauen und nach dem Roman einen Blick in die Bücher von Viktor Frankl zu werfen. Vielleicht kommt einem da eine andere Form der Besinnung, die einen unabhängiger macht von Angst, Gott oder dem Verlachen der Welt.  

Was ist eigentlich ein ‚gelingendes Leben‘?

Wir haben diese Frage über Jahre unseren Klientinnen und Klienten in unserer Logotherapie-Praxis gestellt, und nach nunmehr einigen Hundert Antworten ging es ans Bündeln. Diese sieben Kriterien konnten wir herausdestillieren:

Gelingendes Leben ist
– selbstverantwortet
– in einer passend dimensionierten sozialen Gruppe stattfindend
– handlungermöglichend und weder über längere Strecken über- noch unterfordernd
– weltoffen und multithematisch
– friedensbasiert
– hinreichend gesund
– sinnverantwortlich

Wir wünschen Ihnen ein ebensolches Gelingen.

Individuelle Digikrise

2012 betrug der tägliche digitale Fußabdruck eines Menschen, selbst derer, die gar nicht online waren, um die 500 Megabyte. In 2025, schätzt der Economist, dass der tägliche Fuß bereits 62 Gigabyte betragen wird.

Was Michal Kosinski hier in einer Google-Konferenz darstellte, meint das immer feiner werdende psychometrische Abbild des Individuums im Web. Dass jede Nutzung eines digitalen Endgerätes die virtuelle Textur eines solchen Abbildes verbessert, ist vielen Menschen durchaus bewusst. Auch, dass all diese Daten ausgeschlachtet werden – längst nicht mehr nur für Werbung für Sahnetorten, sondern auch für politische Wahlen, das Abtasten möglicher Widerstände gegen Großinvestitionen oder für die Prognose menschlicher Verhaltensmuster in Krisen. Das alles vermag die Statistik von Big Data. Sie können Avatare erzeugen, kriminelle Energien bei einzelnen Menschen herausmessen oder Personalentscheidungen bei Auswahlprozessen beeinflussen. Wie meist spannt sich der Diskurs über diese Entwicklungen auf zwischen Chance und Risiko, zwischen Staunen und Ablehnung, zwischen Whow und oh weh.

Sieht man einmal von der erforderlichen gesellschaftlichen Debatte über die Grenzen von KI, Digitalität und Virtualität ab, so stellt sich individuell die Frage, in welchem Maße man meint sich vor dem Einfluss des Big Brother schützen zu müssen. Diese Frage oszilliert je nach persönlichem Wertesystem, beruflichem Hintergrund, technologischem Knowhow und dem Grad der Grundgelassenheit. Verliert eine Person diese tiefe Gefühl der Gelassenheit, so können Angst, eine eher paranoide Wahrnehmung der Umwelt, zwanghaftes Bemühen um Sicherung der eigenen Datenhoheit oder – bei hoher IT-Affinität – überwertige Ideen im Kontext der Abwehr potenzieller Datenabgriffe oder Firewallentwicklungen stehen. In der weiteren Steigerung erleben wir im therapeutischen Feld individuelle Fehlentwicklungen in Richtung sozialer Isolierung und Zusammenbruch von Partnerschaften bei einseitiger Fokussierung auf potenzielle Gefahren durch Beobachtung und Datenauslesung sowie der Folge zuweilen stark depressiver Episoden. Hilfreich ist in einem solchen Zusammenhang eine verhaltenstherapeutische Begleitung zur Wiederherstellung eines lebensdienlichen Ausgleichs zwischen Vorsicht und Leichtigkeit – je nach Dauer, Schweregrad dieser psychischen Beeinträchtigung und der systemischen Auswirkungen auf mittelbar betroffene Personen im familiären, beruflichen und freundschaftlichen Bereich kann eine solche Begleitung sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

„Das Leiden macht den Menschen hellsichtig für das Wesentliche und die Welt durchsichtig auf ihre Werthaftigkeit.“

Viktor E. Frankl

Eigentlich schon

„Eigentlich brauche ich ja kein Coaching, eigentlich habe ich ja keine Krise, eigentlich ist ja soweit alles in Ordnung“ sagt der Klient, und doch sitzt er mir gegenüber. Warum? Warum eigentlich? Will er mir sagen, dass die falsche Person vor mir sitzt, oder dass er nur nicht weiß, welchen Anteil am Problem ihm gehört? Meint er, dass er Besseres zu tun hat, etwas anderes braucht oder dass er von jemandem gedrängt wurde? Als Coachs und Therapeuten erleben wir recht häufig, dass Klienten durch bestimmte Formulierungen ihre Aussagen relativieren und unscharf machen. So drückt ein Klient durch häufige „Ja, aber“-Sätze aus, dass er auf der Stelle tritt („ja, Sie haben Recht, dass es besser wäre, nicht so unter Zeitdruck zu stehen, aber ich denke, dieser Stress gehört einfach dazu“). Auch das ‚eigentlich‘ ist ein solcher Weichzeichner. „Eigentlich-Sätze“ können verwirrend wirken und beim Hörer des Satzes eine Art Trance induzieren. Das Wort klingt mysteriös und wie ein Versteckspiel. Eigentlich (weiß ich etwas), aber eigentlich (verrate ich es nicht), denn eigentlich (weiß ich doch nicht …). Der Chamäleoncharakter des Begriffs und die durch ‚eigentlich‘ entstehende Mehrdeutigkeit der Aussage machen das, worum es wirklich geht, schwer fassbar.

Viele in Coaching oder Therapie verwendeten „Eigentlich-Sätze“ drücken eine Ambivalenz des Klienten aus. Daher müssen sie hinsichtlich des gemeinten Sinns überprüft werden. zum Beispiel durch die Umkehr des Eigentlich-Satzes. „Eigentlich will ich so nicht mehr arbeiten“, wird dann zu: „Ich will so nicht mehr arbeiten.“ Eine alternative Aussage des Eigentlich-Satzes kann hervortreten, wenn wir das „eigentlich“ durch „im Grunde“ ersetzen: Im Grunde will ich mit dieser Arbeit aufhören. Dies kommt der ursprünglichen Bedeutung von „eigentlich“ zwar nahe, ist allerdings oft von Klienten so nicht gemeint. Hilfreich kann nach einem „Eigentlich-Satz“ die Nachfrage sein: „Und was wollen Sie uneigentlich?“

Ursprünglich stammt „eigentlich“ von dem altgermanischen und mittelhochdeutschen Wort „eigen“ ab mit der Bedeutung ‚in Besitz genommen, besessen‘. Diese Bedeutung findet sich noch in ‚leibeigen‘. Später meinte es „ausdrücklich bestimmt, ursprünglich, wirklich, genau genommen“. Die letzte Silbe ‚-lich‘, stammt aus dem Mittelhochdeutschen und war ursprünglich ein selbstständiges Wort. Aus demselben Stamm leitet sich das Wort Leiche ab (Körper, Gestalt). So wird aus eigen und -lich die Umschreibung von: „die Gestalt des Wirklichen habend“.

Von den vielen verschiedenen Bedeutungen, die „eigentlich“ haben kann, sind zwei für den Coach und Therapeuten besonders wichtig. ‚Eigentlich‘ im Sinne des Ursprünglichen, des Wirklichen, des Genau-Genommenen, des Im-Grunde-und-bei-tieferer Überlegung-Gemeinten und im Sinne einer verwirrenden, Bedeutung kaschierenden, vagen Aussage. Um im Gespräch nicht in die Irre zu laufen gilt es, den gesamten Kontext [Körpersprache, Betonung, vorangegangene und folgende Sätze, Häufigkeit, inhaltlicher Rahmen] zu beachten, in den ‚eigentlich‘ eingebettet ist. Wenn das gelingt, dann macht es ‚eigentlich‘ Spaß, sich den Horizont der Gestalt des Wirklichen zu erarbeiten.

Charakterperspektiven

Ein weites Arbeitsfeld im Kontext psychotherapeutischer Menschenbilder besteht in der Theorie der Entwicklung von Charakter. Dabei lag vor hundert Jahren der Schwerpunkt darauf, pathologische Charakterzüge ausfindig zu machen und zu beschreiben. So schrieb einst Wilhelm Reich, zum ‚phallisch-narzisstischen Charakter gehören fast alle Formen der männlichen und weiblichen Homosexualität, Paranoia und die verwandten Formen der Schizophrenie sowie manifest sadis­tisch-perverse Männer‘. Was heute in diesem Kontext längst wissenschaftlich überwunden ist, hatte seinerzeit gesellschaftliches Spaltungs- und therapeutisches Selbstüberschätzungspotenzial.

Heute sind dank der Einflüsse insbesondere der Verfahren der Humanistischen Psychologie Therapeuten weniger analysierend und deu­tend unterwegs, sondern mehr und mehr ganzheitlicher und empathischer in ihrer Rollenausübung. Dies wiederum hat Auswirkungen darauf, wie ein Therapeut auf das Charakteristische einer Person schaut, die über ihre psychischen Belastungen berichtet.

Eine Perspektive besteht dabei darin, das ‚Warum‘ eines Charakterstils zu beantworten. Der amerikanische Psychologe Daniel Stern zum Beispiel sieht im Charakter eine Art Bewältigungsstrategie für den Umgang mit Mängeln der Bedürfnisbefriedigung. In der körpertherapeutischen Arbeit, zum Beispiel nach dem tiefenpsychologischen Konzept des Hakomi, entspricht der Charakter einem äußerlich beständigen und innerlich dynamischen Persönlichkeitsgebäude, das über den Körper die Steuerung anzeigt, mit der ein Mensch Belastungssituationen, insbesondere aber die jeden Menschen konfrontierenden Grundthemen, verarbeitet. Für das Hakomi-Konzept sind dies die Themen Abhängigkeit, Sicherheit, Authentizität, Wert und Sicherheit. Beim Thema ‚Sicherheit‘ beispielsweise wird über die Betrachtung der Instanz ‚Körper‘ herausgearbeitet, wie charakteristisch ein Mensch auf die Fragen antwortet, wie und wie sehr er sich der Welt anvertraut, wie er Nähe und Distanz gestaltet, welche Lebenserfahrungen auf das Konto Eingebunden-sein, Sicher-sein versus Isoliert-sein, Bedroht-sein eingezahlt haben.

In der existenzanalytischen Arbeit im Rahmen der Logotherapie wird mit dem Begriff des Charakters anders umgegangen. Den Hintergrund dafür bildet in den 1930er Jahren die Tätigkeit Frankls in einem psychiatrischen Krankenhaus in Wien. Dort sprach er mit Hunderten sehr kranker und schwer depressiver Personen und verglich diese Gespräche mit denen, die er mit gesunden Personen führte. Das Ergebnis war interessant, denn auch diese berichteten durchaus von traumatischen Situationen, Enttäuschungen und psychischen Verletzungen. So erkannte er, dass es sowohl  pathogene als auch protektive Faktoren geben musste, die in der Lage waren, als Schutz vor starker psychischer Belastung zu fungieren. Er sah, dass offenkundig Sinnfindung und Sinnerfüllung zu diesem Schutz führten, in dem die Personen weniger auf erlittenes Leid zurückblickten, sondern vielmehr auf die Gestaltung der Zukunft schauten, initiativ blieben, selbst dann, wenn genetisch veranlagte psychische Charakter-Dispositionen wie zum Beispiel eine Sucht- oder  Depressionsneigung gegeben waren. Frankl konstatierte: einen Charakter hat man, aber er ist nicht essentiell. Wesentlich ist, sich das Selbstgestaltungspotential zu erhalten oder – wie es Frankl metaphorisch einmal ausdrückte – : Die genetischen Anlagen und die diversen Umwelteinflüsse sind wie Baumaterial, das individuell zur Verfügung steht. Manche Menschen haben eine Fülle guten Materials, andere weniger. Doch das ist nicht das Bedeutende. Bedeutend ist, was der Einzelne aus dem, was er hat, macht. „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet“, hat Frankl gesagt. „Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“