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Memetik – Tool zur Krisenprävention

Kartentool „Life2Me® – Bewusstheit in Krisen“ – KrisenPraxis

http://www.life2me.de/bewusstheit [Webseite mit ergänzenden Hinweisen]

Der Kartensatz ‚Life2Me® – Bewusstheit in Krisen‘ ermöglicht es Ihnen, im Rahmen Ihrer individuellen Krisenprävention auf Situationen zu schauen, die Sie als erhebliche psychische Belastung erleben würden, träten sie ein. Konzeptionell basieren die Karten auf dem von Professor Clare W. Graves entwickelten ‚Graves Value System‘.

Kartentool - KrisenPraxis

Kosten: € 45 netto zzgl. Versandkosten
Bestellung über: http://shop.perspektivenwechsel.de/

Bewusstheit und Memetik – ein Praxistransfer aus dem sinnzentrierten Coaching

Karin H: „Meine Situation ist eskaliert, als es in unserem Unternehmen jüngst vier Betriebsversammlungen gab, die sich im Nachhinein als kaskadisch inszenierte Veranstaltungen entpuppten. Eine erste Gruppe von Mitarbeitern wurde über anstehende Veränderungen informiert und für ihre bisherigen Leistungen anerkannt und mit pompösem Tamtam motiviert. In der zweiten Gruppe wurden die Mitarbeiter mit der Botschaft konfrontiert, von ihnen würde wohl künftig noch mehr Leistung erwartet werden, in der dritten Gruppe wurden die anstehenden Veränderungen mit einem Unterton geschildert, der nahelegte, sich als Mitarbeiter den Verbleib in unserem Unternehmen genau zu überlegen. Die vierte und letzte Gruppe wurde schließlich darüber in Kenntnis gesetzt, dass man aufgrund der Situation zeitnah Gespräche zum Ausscheiden aus dem Unternehmen zu führen gedenke.

Da jeder Mitarbeiter durch die Einladungen wusste, wer in welcher Versammlung war, und es erst durch dieses Vorgehen für Mitarbeiter offenkundig wurde, welche Vorgesetzten – und manchmal auch der eigene – auf die Abschussliste gesetzt wurden und umgekehrt, war nach dieser Vorstandsaktion natürlich Katastrophenstimmung angesagt. Meine persönliche Verzweiflung ist nun, dass ich dieses Vorgehen als zutiefst respektlos und ungehörig empfinde, zumal ich und einige meiner Mitarbeiter in die dritte Gruppe sortiert wurden.

Ich bin seit 22 Jahren im Unternehmen beschäftigt, führe seit vier Jahren gut 20 Mitarbeiter, habe in den vergangenen Jahren stets die vereinbarten Ziele erfüllt oder übererfüllt und kann auf eine statt-liche Reihe erfolgreicher Projekte zurückblicken. Mein Verhältnis zu meinem unmittelbaren Vorgesetzten ist gut, jedoch hat sich die – zum Teil mit ehemaligen Offizieren der Bundeswehr – neu besetzte Vorstandsebene aus meiner Sicht von Anbeginn ihrer Zusammenarbeit nur das Ziel gesetzt, einen harten Cut zu machen und Personal freizusetzen. …
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Bewusstheit und Memetik – 2

Mit seinem Modell der Meme beschreibt Clare Graves menschliche Denkweisen, deren Unter-schiedlichkeit sich trotz individuell-biografischer Lebensumstände und -geschichten nicht zufällig formt. Vielmehr führen für Graves spürbare Veränderungen, zum Beispiel Krisen, sukzessive zu einer Anpassung der Denkweisen und Werthaltungen. In seiner ‚Emergent Cyclic Levels of Existence Theory’ [eclet] stellt Graves die These auf, dass Menschen im Zusammenspiel externer Umfeldbedingungen und internem neuronalen System durch Stimuli und ‚Einsicht’ neue autopoietische bio-psycho-soziale Aktionssysteme entwickeln, um mit ihnen eine entstandene Krise zu verstehen und zu ihrer Bewältigung erforderliche Entwicklungsschritte einleiten zu können. Die Aktionssysteme ihrerseits stehen unmittelbar in Bezug zur individuellen und kulturellen Entwicklung des einzelnen Menschen.

Graves Modell der Ebenen der menschlichen Existenz griffen Don Beck und Christopher Cowan [Autoren des Buches: Spiral Dynamics] auf und koppelten es mit dem Konzept der Meme des britischen Biologen Richard Dawkins, das seinerseits durch den Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi erweitert wurde. Für ihn wird ein Mem dann geboren, „wenn das menschliche Nervensystem auf eine Erfahrung reagiert”.

Ein ‚Dawkinsches’ Mem hat zum Zweck, mittels Kommunikation ein ‚Backrezept’ zur Reproduktion eines Gedankens von einer Generation an die nächste weiterzureichen. So wie sich aber Rezepturen über die Zeit verändern, so passen Menschen zum Beispiel ihre Verhaltensmuster oder Überzeugungen an die Gegebenheiten der Gegenwart an und entwickeln so – analog der Entwicklung der Gene und der mit ihnen verbundenen biochemischen DNA – ihr Meme-System, ihre psychologische DNA.

Nach Beck und Cowan verfügen Meme über fünf zentrale Eigenschaften:
1. Sie bringen die Bewusstheit zum Ausdruck, mit der menschliches Verhalten bestimmt wird.
2. Sie beeinflussen alle Lebensentscheidungen.
3. Sie können situativ verbessernd oder verschlechternd wirken, mithin passend oder unpassend
für spezifische Kontexte sein.
4. Sie beschreiben menschliche Denkweisen.
5. Sie können sich unter veränderten Lebensbedingungen verstärken oder abschwächen.

Das individuelle Meme-Set kann verstanden werden als ein sich im Leben dynamisch entfaltendes Bündel an Denkformen, mit dem ein Mensch in einer aktuellen Situation ‚so oder so’ über den ihm vorliegenden Kontext denken kann und hierauf sein bewusstes Verhalten begründet.

Rücke ich das Gedankengut von Graves, das im Modell der ‚Spiral Dynamics’ von Beck und Cowan heute breites Interesse findet, stärker in den Krisenbezug, dann stelle ich in unserer Therapie- und Coaching-Praxis bislang drei wesentliche Zugangswege zum ‚Bewusstheits-Diskurs’ mit Klienten fest:

1. Der Klient hat die Einsicht, dass er in Nutzung eines bestimmten Mems bislang versucht hat, seiner Krise Herr zu werden, und erkennt, dass ein anderes, ihm auch präsentes Mem womöglich angemessenere Denkweisen im Umgang mit der Situation ermöglichen würde.

2. Wie 1., das Mem, das dem Klienten dienlich wäre, steht ihm jedoch noch nicht zur Verfügung und ruft dazu auf, in einem Lernprozess entwickelt zu werden.

3. Der Klient ist ambivalent in der Nutzung ihm vergleichbar gut verfügbarer Meme und entwickelt so durch eine mentale Blockade im Krisenbewältigungsprozess eine Selbstunsicherheit. Überdies ist
zu beachten, dass die Koexistenz mehrerer ausgeprägter Meme im Krisenkontext nicht gleichgesetzt werden kann mit einem ‚besseren’ Weg der Bewältigung. Vielmehr gilt es, für die Lösung der Krise das ‚passendste’ Meme-Set, die angemessene Bewusstheit, zu entwickeln.

Bewusstheit und Memetik – 1

Als das Buch ‚Spiral Dynamics’ – mit dem ihm zugrunde liegenden Konzept der evolutionären Werteentwicklung von Clare W. Graves – erschien, konnte wohl noch niemand absehen, wie schnell dieses Modell Einzug halten würde in Management- und Politikberatung, in Therapie und Coaching.

Bild SpiralDyn Bild SpiralGraves

‚Spiral Dynamics‘ bietet einen Einblick in die Entwicklung zunehmender Komplexität, die mit ihr verbundenen Probleme und in die menschlichen Bewältigungsdenkweisen.

Eine zentrale Annahme des Modells besteht darin, dass Wertesysteme durch die Psyche gebildet werden, um Anforderungen der Umwelt angemessen gerecht zu werden, ergo bei sich ändernden Bedingungen das Wertesystem ebenfalls einen Entwicklungsprozess durchläuft.

Ein Wertesystem gilt dann als angemessen, wenn es ein stimmiges Verhalten bei Problemen bewirkt. Komplexere Denkweisen werden weniger komplexen übergeordnet, wobei die weniger komplexen nicht verschwinden, sondern in die komplexeren integriert werden und damit weiterhin zur Verfügung stehen, sollte eine Situation die weniger komplexen benötigen.

Der Einsatz komplexerer Denkweisen für weniger komplexe Problemstellungen erweist sich bei dieser Betrachtung als Vergeudung, der Einsatz weniger komplexer Denkweisen in komplexen Problemen als Naivität oder Unreife.

Jedes Wertesystem wird durch angemessene und potenziell unangemessene Denk- und Verhaltensweisen repräsentiert, wobei sich die unangemessenen vor allem dadurch ‚auszeichnen’, dass sie die Denkstrukturen von Menschen mit anderen Wertesystemen abwerten.

Das ‚Graves Value System’ – im Krisenkontext betrachtet – führt zu einem Bild von einem Menschen mit einer biografisch individuell begründeten Denkweise, der mit dem Krisenereignis auf ein ‚Thema’ [theme] trifft, bei der das von ihm eingesetzte Verarbeitungs-‚Schema’ [scheme] jedoch unpassend zur Lösung dieser Situation ist. Hätte der Mensch eine andere Bewusstheit, ein anderes Meme-Bündel verfügbar [theme + scheme = meme], so geriet er nicht in eine Krise, sondern hätte ‚nur’ ein mehr oder minder kompliziertes Problem.

 

Wenn es an Wissen über die eigene Bewusstheit mangelt

Wenn ein Mensch sich äußert wie: ‚Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas geschehen kann’; ‚Ich habe mir nie vorstellen können, dass …’; ‚Das alles kommt mir so fremd vor’ …, so können wir in diesen Aussagen eine innerpsychische Ursache dafür entdecken, dass ein fraglos den ganzen Menschen forderndes Ereignis in der Lage war, sich derart zu einem Krisenfall zu entwickeln, aus dem der Klient nun meint, nicht mehr entrinnen zu können.

Eine Ursache, die wir als Missverhältnis bezeichnen zwischen den von der betroffenen Person  lebensgeschichtlich entwickelten Schemata im Denken und Fühlen und dem Kernthema der Krise [Trennung, Verlust, Veränderung, Konflikt, Verfehlung, …], für die sich die Schemata als kontraproduktiv oder zumindest nicht passend für einen Lösungsweg herausstellen. Kurz, einem Missverhältnis in Form einer für die Situation unzureichend entwickelten Bewusstheit.

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Bewusstheit – die Basiszutat für Krisenprävention

Die gesamte Klaviatur des Denkens und Handelns auch auf Situationen hin anzuwenden, deren Eintreffen sich zwar kein Mensch wünscht, die sich jedoch nicht vollends auszuschließen lassen, zeigt die Fähigkeit zur Krisenprävention an.

Das Graves-Value-System ist ein zur Entwicklung von Krisenpräventionskompetenz hilfreiches Modell. Es erklärt die derzeitige Bewusstheit eines Menschen und hilft damit zu beschreiben, in welcher Bewusstheit ein Mensch eine Krise wahrnehmen würde und sie zu überwinden versuchte, würde sie aktuell eintreten. Die Crux bei diesem Gedanken ist nur: Würde diese Bewusstheit passend zur Bewältigung der Situation sein, dann hätte die Person gar keine Krise, sondern ‚lediglich‘ ein Problem. Mit anderen Worten, in einer Krise ist ein Bewusstheitszustand erforderlich, der vom Betroffenen üblicherweise nicht eingenommen wird. Um so wichtiger ist es, andere Bewusstheitszustände im Rahmen der individuellen Krisenprävention kennenzulernen.

Doch zuerst zum Modell. Professor Clare W. Graves fuhr ein klappriges Auto, das so alt war, dass er, amerikanischer Entwicklungspsychologe, von vielen in seinem Umfeld als schrullig und old fashioned angesehen wurde. Aber es dürfte sicher anders sein, denn: Graves begann vor fast 50 Jahren damit, die Entstehung menschlicher ‚Existenzebenen’ zu erforschen. Sein Zugang dazu war die Frage, was einen psychisch gesunden Menschen ‚ausmacht’. Welch ein Forschungsanspruch!

Er erkannte, dass Menschen sich nicht nur – wie von Maslow angenommen – über die Befriedigung von Bedürfnissen definieren, sondern dass jeder Stufe existenzieller Entwicklung ein in sich geschlossenes Wertesystem zugrunde liegt.

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