Clare W. Graves: „Die Psychologie des reifen menschlichen Wesens ist ein sich entfaltender, schwingender, spiralförmiger Prozess, gekennzeichnet durch die fortschreitende Unterordnung älterer Verhaltenssysteme niederer Ordnung unter neuere Systeme höherer Ordnung, während die existentiellen Probleme eines Individuums sich verändern. Jede der aufeinanderfolgenden Stufen, Wellen oder Seinsebenen ist ein Zustand, den Menschen auf ihrem Weg zu anderen Seinszuständen durchlaufen. Ist der Mensch auf einen bestimmten Seinszustand zentriert, dann besitzt er eine Psychologie, die für diesen Zustand spezifisch ist. Seine Gefühle, Motivationen, ethischen Vorstellungen und Werte, seine Biochemie, der Grad seiner neurologischen Aktivierung, sein Lernsystem, Glaubenssystem, seine Auffassung von geistiger Gesundheit, seine Konzeptionen von und Vorlieben für Management, Erziehung, Wirtschaft sowie politische Theorie und Praxis sind alle diesem Zustand angemessen.“
Warum ist das Modell von Professor Graves für die Krisenprävention aus unserer Sicht so interessant? Was im ersten Lesen vielleicht seltsam klingen mag bedeutet im Kern, dass jeder Mensch in einer ihm spezifischen Weise einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess durchläuft, bei dem sich sein Set an Verhaltensweisen an den existenziellen Fragestellungen seiner aktuellen Lebensphase ausformt – kurz: ‚Der Mensch wächst mit den Aufgaben, die das Leben ihm stellt.‘
Zumeist erfolgt die Bearbeitung von derart bedeutenden Lebensthemen mit einem ausreichenden Maß an Zeit. Ob bei der Berufs- oder Partnerwahl, bei der Frage nach dem passenden Wohnort, bei der Laufbahngestaltung und auch bei einer Vielzahl großer, aber zeitlich großzügig geplanter Veränderungsentscheidungen. Hat ein Mensch Zeit, so kann er durch Reflexion, Dialog oder Beobachtung anderer eine Denkweise entwickeln, die günstig ist, um die eigene existenzielle Fragestellung authentisch beantworten zu können.
Zum ‚Lebensthema‘ kommt dann ein passendes ‚Verarbeitungsschema‘. Wir nennen die gelungene Kombination aus Thema und Schema eine spezifische Meme-Konstellation [theme + scheme = meme]
Mit den Tools, die wir im Krisenpräventionscoaching einsetzen, unterstützen wir unsere Klienten darin, 1. die biografisch vollzogene Entwicklung ihrer bewussten Denkweisen zu reflektieren, 2. die hinsichtlich möglicher künftiger Krisensituationen zu erwartende Denkhaltung zu erfassen und 3. alternative Denkhaltungen für solche Situationen zu entwickeln.
Dabei nutzen wir auch das in der KrisenPraxis an anderer Stelle (Sie können dazu im Suchfeld mit den Schlagwörtern Graves oder Graves-Modell nachschauen) bereits ausführlich vorgestellte Modell von Graves, mit dem er eine Gesamtbetrachtung aller Denkhaltungen [Memes] vorstellt, die die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte bislang ausgeprägt hat.
Das Mem [die Denkhaltung], das die existenzielle Frage des schlichten Überlebens adressiert, markiert quasi den Anfang aller Bewusstheitsebenen. Diese Denkhaltung erleben wir heute in der Regel nur unter dem Einfluss katastrophaler Ereignisse bei gleichzeitig völlig fehlender sozialer Abfederung. Bereits die Bewusstheit, ‚trotz allem‘ eingebunden zu sein, in ein wie auch immer helfendes, schützendes, begleitendes noch so kleines System, stellt eine nächste Mem-Ebene dar. Es folgen eine Reihe weiterer, bis hin zur aktuell weitreichendsten Bewusstheit, in der eine globalholistische Denkhaltung eingenommen wird, bei der die Bedeutung des Eigenen oder des Ganzen zurücktritt gegenüber der Bedeutung des ‚Allem‘.
Wir können die individuell-biografische Meme-Konstellation verstehen als ein Set an Denkhaltungen, das eine Person entwickelt hat, um mit den unterschiedlichsten Anforderungen in Lebenssituationen zurechtzukommen. Jeder Mensch hat eine ihn individuell auszeichnende, dynamisch entwickelte und sich (wenn der Mensch dafür etwas tut) weiter entwickelnde Bewusstheit.
Trifft nun der Mensch mit seiner biografisch begründeten Denkweise durch ein existenzielles Ereignis auf ein ‚Thema’ [theme], bei der die von ihm eingesetzten Verarbeitungs-‚Schemata’ [scheme] nicht greifen und sich als unpassend zur Lösung dieser Situation zeigen, dann verstehen wir diesen Menschen als einen ‚Mensch in Krise‘. Hätte dieser Mensch eine andere Bewusstheit, ein anderes Meme-Bündel verfügbar, so geriet er womöglich nicht in eine Krise, sondern er hätte ‚nur’ ein mehr oder minder kompliziertes Problem.
Die Sensibilisierung für alternative Denkhaltungen und das Erlernen solcher Denkweisen ohne den konkreten Druck eines massiven Belastungsereignisses – jedoch mit bewusstem Zulassen von Gedanken zu potenziellen Lebenskrisen – ermöglicht letztlich eine Vergrößerung des Handlungsspielraums in besonderen Lebenslagen. Dies ist eine der Grundideen der Krisenprävention. Rechtzeitig proaktiv zu reflektieren, mit welchem Denkschema man wohl eine Krisensituation gestalten würde, ist der wichtigste präventive Schritt. Dieser Schritt ist vergleichbar mit der Vorbereitung auf eine Alpenüberquerung. Die Berge (als Sinnbild über für die schwierigen Hindernisse in Form einer Krise) können gemeistert werden, wenn der richtige Rucksack richtig gepackt ist, die persönliche Haltung stimmt und man weiß, womit man überfordert ist oder vermutlich überfordert werden wird. Wer sich mit Badelatschen auf den Weg macht, der wird scheitern – wer das nicht glaubt, der spreche bei Gelegenheit einmal mit der Bergwacht.
Manchmal kann man sich jedoch wirklich an den Kopf fassen. Siehe dazu diesen Beitrag.









Informationen zum Inhalt folgen im August 2026.