Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 3

Die Frage, ob es möglich ist, anders zu denken als bisher, ist weit mehr als eine intellektuelle Spielerei. Sie entscheidet darüber, ob Menschen und Gesellschaften aus Krisen lernen oder lediglich vertraute Denkmuster wiederholen. Jede Kultur entwickelt Routinen des Wahrnehmens und Urteilens, die dem Einzelnen Orientierung geben. Dieselben Routinen können jedoch verhindern, dass neue Lösungen überhaupt in den Blick geraten. Weisere Menschen beherzigen deshalb ihre Bereitschaft, die eigenen Denkgewohnheiten einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Hilfreich ist dabei eine einfache Frage: Besitzt eine Aussage überhaupt einen erkennbaren Gehalt, oder handelt es sich lediglich um eine wohlklingende Formel?

Aussagen gewinnen erst dann eine Bedeutung, wenn sie einen Unterschied machen, wenn sie eine überprüfbare Perspektive eröffnen oder praktisches Handeln verändern können. Wo hingegen jede denkbare Gegenposition ebenso gut gelten könnte, verliert eine Aussage jegliche Verbindlichkeit. Was weisere Menschen daher eher nicht schätzen, ist Beliebigkeit, die nur deshalb ins Spiel kommt, um einer nicht wegzudiskutierenden Komplexität auszuweichen.  Das gilt auch und gerade in individuellen und gesellschaftlichen Krisenzeiten. Je größer die Verunsicherung, desto größer wird häufig die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und eindeutigen Schuld-Adressen. Doch die Komplexität menschlicher Wirklichkeit lässt sich nicht durch Parolen abbilden und gestalten. Vielmehr gilt es, eine geduldige Bereitschaft zu zeigen, Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich möglich ist. Wer einer Person begegnet, die insbesondere in schwierigen Zeiten über solche Fähigkeiten verfügt, fühlt sich zumeist sicherer. Dennoch verursacht der Begriff der Weisheit immer wieder eine gewisse Portion Skepsis. Vielen erscheint er als Relikt vergangener Zeiten, als Ausdruck weltfremder Spiritualität oder unverbindlicher Lebenskunst. Weisheit wird nicht selten mit Rückzug verwechselt, als gehöre sie ausschließlich in den Bereich persönlicher Meditation und habe für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit kaum Bedeutung. Diese Einschätzung übersieht jedoch ihren ursprünglichen Charakter.

Historisch war Weisheit niemals bloß kontemplative Selbstbespiegelung. Sie wurde vielmehr verstanden als Verbindung von Einsicht und Verantwortung. Nachdenken über das Leben sollte immer zugleich zu einem angemesseneren Handeln führen. Kontemplation und Praxis bildeten keine Gegensätze, sondern sie waren zwei Seiten derselben Haltung. Erst wer innehalten kann, gewinnt jene Distanz, die verantwortliches Handeln ermöglicht. Heute scheint diese Verbindung vielfach verloren gegangen zu sein. Öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich überwiegend auf das Neue, das Lauteste oder das Empörendste. Nicht selten entscheidet weniger die Tragfähigkeit eines Gedankens als seine Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit Resonanz zu erzeugen. In einer solchen Kultur entsteht leicht der Eindruck, Wahrheit und Bedeutung seien identisch mit Reichweite und Sichtbarkeit. Welch ein tragischer Irrtum. Wer ihn auflösen möchte, für den gewinnt die Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit der eigenen Lebenszeit eine existenzielle Bedeutung. Jeder Mensch verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Stunden, Tagen und Jahren. Wem schenkt er seine Aufmerksamkeit? Wofür setzt er seine Kraft ein? Welche Gespräche verdienen seine Zeit, welche seiner Gewohnheiten rauben Lebensenergie und Lebensfreude?

Aus der Perspektive der Existenzanalyse von Viktor Frankl sind solche Fragen Ausdruck einer tieferen Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben. Wer sich der Begrenztheit seiner Lebenszeit bewusst bleibt, beginnt zwangsläufig sorgfältiger zu unterscheiden zwischen Dringlichkeit und Wesentlichkeit. Er lernt, Aufmerksamkeit nicht ausschließlich an äußeren Reizen auszurichten, sondern an dem, was seinem Leben Sinn verleiht. Weisheit zeigt sich dann beispielsweise nicht darin, möglichst viele Daten, Informationen, Kontakte oder Likes zu ’sammeln‘, sondern darin, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden und der eigenen Endlichkeit entsprechend zu leben. Gerade diese Fähigkeit könnte zu einer der wichtigsten kulturellen Kompetenzen einer Zeit werden, die über unendlich viele Wissensquellen verfügt, aber immer häufiger um Orientierung ringt.

Minderwertig – die Welt scheint es zu brauchen

Unglaublich – es gibt es immer noch, das Empfinden der Minderwertigkeit.

Klar, Menschen vergleichen sich. Ihr Aussehen, ihre Leistungen, ihren Besitz. Das alles kostet Zeit und Energie, insbesondere dann, wenn einem das Ergebnis des Vergleichs nicht gefällt. Nun könnte man ja auch den Weg gehen und die Vergleicherei einfach aufhören. Das wäre dann Ausdruck echter Individualität. Jeder kann damit sofort beginnen. Jeder. Sofort. Kein Ja, aber.

Wer es nicht schafft, geht dafür manchmal sonderbare Wege. Extreme, gesundheitsschädliche oder operative Wege. NIcht selten unkritisch im Netz beworben. Trends sind gerade Mewing und Jawline-Trainings. Das sind spezielle Zungenhaltungen oder Hilfsmittel, die angeblich den Kiefer formen sollen. Oder Selbstinjektionen mit Fillern (Hyaluron/Botox) in alle erdenklichen Körperteile, um etwas länger, dicker, straffer oder glatter werden zu lassen. Operationen sind auch beliebt, für manche gibts gute medizinische Gründe, andere – na ja, Minderwertigkeit eben.

Schon fast täglich und immer beliebt in einer bestimmten Szene ist das Doping. Steroide oder Testosteron für schnelles Muskelwachstum, toll. Und ganz fein ist auch das Bone Smashing.  Eine völlig irrationale und gefährliche Methode, bei der versucht wird, durch leichten bis schweren Druck oder Schläge auf die Gesichtsknochen Mikrofrakturen zu erzeugen, damit diese markanter zusammenwachsen.

Nur damit es hier mal jeder gelesen hat: Das Phänomen der Minderwertigkeitsgefühle ist nicht zu leugnen und das Leid, das sie erzeugen, ist groß und ein guter Grund, mit Vergleicherei aufzuhören. Sofort. Kein Ja, aber.

Alle anderen Wege sind sterbenslangweilig. Alle anderen Wege reduzieren menschliches Leben auf eine monotone, seelenlose Mathematik. Anstatt individueller Entfaltung geht es nur noch um starre Zahlenwerte, endlose Selbstoptimierungs-Pflichten und das stumpfe Abarbeiten eines immergleichen Glaubenssatzes, oft angefeuert durch Internet-Algorithmen von nichtssagenden Web-Gurus mit Influencergehabe.  Das Ergebnis von diesem Mist: Jeder strebt exakt denselben, genormten Typ an – die immergleiche definierte Kieferlinie, den gleichen Blick, dieselben Posen. Fehlender Eigensinn, Kreativität, Humor oder Ecken und Kanten zählen nicht. Alles wird der ultimativen Norm untergeordnet. Wie grottenöde.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 2

Was wir gewöhnlich als Wirklichkeit bezeichnen, ist niemals die Wirklichkeit selbst, sondern stets unsere Deutung. Zwischen dem, was ist, und dem, was wir wahrnehmen, liegt ein komplexer Prozess kognitiver Auswahlvorgänge und Interpretationen, die letztlich in Deutungsmustern ‚meiner Wirklichkeit‘ münden. Das menschliche Gehirn erschafft dazu fortwährend Modelle der Welt, die Orientierung ermöglichen, jedoch niemals mit der Welt selbst identisch sind. Selbst im Schlaf verarbeitet und ordnet es Erfahrungen neu, sodass auch unser inneres Bild der Realität einem ständigen Wandel unterliegt. Dies hat weitreichende Konsequenzen. Wer seine eigenen Wahrnehmungen mit der Wirklichkeit verwechselt, gerät leicht in die Versuchung, die eigene Sichtweise für endgültig zu halten. Weisheit beginnt dagegen mit epistemischer Bescheidenheit. Sie erkennt an, dass jede Erkenntnis perspektivisch bleibt und dass ein Mensch immer nur einen Ausschnitt des Ganzen erfassen kann. Nicht das vollständige Begreifen der Welt ist seine Aufgabe, sondern ein verantwortlicher Umgang mit der Begrenztheit seines Erkennens.

Aus dieser Haltung erwächst eine besondere Form innerer Freiheit. Der weisere Mensch identifiziert sich nicht vollständig mit seinen Vorstellungen, Überzeugungen oder Urteilen. Er hält sie für notwendig, um handeln zu können, bleibt sich jedoch zugleich ihrer Vorläufigkeit bewusst. Gerade dadurch entsteht seine Fähigkeit, neue Erfahrungen aufzunehmen, Irrtümer zu korrigieren und den eigenen Horizont zu erweitern. Nicht Starrheit, sondern Offenheit wird so zu einem Kennzeichen geistiger Reife.

Paradoxerweise führt die Fähigkeit zur Distanzierung gegenüber den eigenen Bildern nicht zu Unsicherheit, sondern zu größerer Lebendigkeit. Wer nicht ständig bemüht ist, seine Sicht der Dinge gegen jede Veränderung zu verteidigen, entdeckt die Welt mit neuer Aufmerksamkeit. Viktor Frankl hat dies mit dem Begriff der Selbstdistanzierung als wesentliche Voraussetzung zur Selbsttranzendenz beschrieben. Das Leben erscheint nicht mehr als ein Rätsel, das endgültig gelöst werden müsste, sondern als eine Wirklichkeit, die sich mit jeder Erfahrung neu erschließt. Weisheit verzichtet deshalb auf den Anspruch des vollständigen Verstehens und gewinnt gerade dadurch einen tieferen Zugang zur Vielfalt des Daseins.

In gesellschaftlichen Krisenzeiten erhält eine solche Haltung eine besondere Bedeutung. Eine Gemeinschaft braucht Menschen, die nicht vorschnell urteilen, Stimmungen verstärken oder einfache Antworten liefern. Sie braucht Persönlichkeiten, die bereit sind, hinter die sichtbaren Konflikte zu blicken und nach den tieferliegenden Ursachen kultureller, sozialer und existenzieller Entwicklungen zu fragen. Weisheit erschöpft sich daher nicht in kluger Analyse; sie übernimmt Verantwortung für den öffentlichen Diskurs, indem sie Orientierung ermöglicht, ohne ideologisch zu werden. Damit unterscheidet sich die Stimme eines weiseren Menschen von jener der bloßen Kommentatoren. Wer lediglich den Zeitgeist bestätigt oder bestehende Empörung verstärkt, mag zwar kurzfristige Aufmerksamkeit gewinnen, zu einer wirklichen Klärung trägt dies meist jedoch nicht bei. Weisheit sucht nicht den Beifall der Mehrheit, sondern die Annäherung an das Wesentliche. Sie besitzt den Mut, unbequeme Fragen zu stellen, bevor sie allgemein akzeptiert sind, und sie widersetzt sich der Versuchung, den öffentlichen Resonanzen hinterherzulaufen. Im Sinne der Existenzanalyse Viktor Frankls zeigt sich hierin eine besondere Form der Verantwortung. Nicht jede Meinung verdient dieselbe Aufmerksamkeit wie jede andere, wohl aber verdient jede Situation die ernsthafte Frage nach ihrem Sinn. Der weisere Mensch trägt deshalb dazu bei, dass Diskussionen nicht auf Schuldzuweisungen oder Polarisierungen reduziert werden. Er richtet den Blick auf jene Möglichkeiten verantwortlichen Handelns, die selbst unter schwierigen Bedingungen bestehen bleiben. So wird Weisheit zu einer kulturellen Kraft: Sie schafft Orientierung, indem sie den Menschen weder Illusionen verkauft noch Hoffnung nimmt, sondern ihn dazu ermutigt, sich der Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu stellen.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 1

Und immer wieder geht die Sonne auf … ob Phänomene wie die der immer wieder aufgehenden Sonne dazu beitragen, dass Menschen so oft dazu neigen, ihrer Lebenswelt eine Beständigkeit zuzuschreiben, die sie bei genauerer Betrachtung nicht besitzt? Was einem Menschen an Beziehungen, Gesundheit, Besitz, gesellschaftliche Rollen oder Überzeugungen vertraut ist, erscheint ihm oft so, als würde vieles davon sonnenhaft unverändert bleiben. Diese Annahme vermittelt zwar Sicherheit, doch sie steht im Widerspruch zur Wirklichkeit. Ein Blick auf die Naturgeschichte des Menschen ebenso wie auf die eigene Biografie macht deutlich, dass Nicht-Beständigkeit nicht die Ausnahme, sondern die Grundstruktur des Lebens ist.

Über diese Scheinsicherheit hinaus leben viele Menschen so, als läge vor ihnen ein nahezu unbegrenzter Vorrat an Zeit. Entscheidungen werden vertagt, Begegnungen auf später verschoben und Fragen nach dem Wesentlichen auf ‚irgendwann‘ ausgelagert. Die Endlichkeit vieler Aspekte unseres Lebens wie auch des Lebens selbst wird aus dem Bewusstsein gedrängt. Die Gründe dafür werden insbesondere in der Philosophie und der Psychologie breit diskutiert. Der Kontext Angst vor dem Ende wird bei diesen Reflexionen an sich immer bemüht. Aber auch die tägliche Fülle an Themen und Eindrücken, die die Besinnung auf das individuell Endliche an den Rand drücken, wirkt als mächtiger Einflussfaktor in unserem Kulturkreis. Wäre es anders, dann wäre die  bewusste Auseinandersetzung mit Konsequenzen verbunden, allemal mit der, dass man erkennt, vieles nicht länger beliebig aufschieben zu können.

Aus existenzanalytischer Sicht ist diese Verdrängung verständlich. Die Einsicht, dass alles Gewordene auch wieder vergehen kann, berührt den Menschen in seinem Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit. Sie konfrontiert ihn mit einer Wirklichkeit, die sich seiner Kontrolle entzieht. Deshalb erschafft der Mensch innere Gewissheiten, die ihm Stabilität versprechen. Aus Vorstellungen werden Überzeugungen, aus Überzeugungen scheinbare Tatsachen. Allmählich beginnt er, seine gedanklichen Konstruktionen für unverrückbare Realität zu halten, obwohl das Leben selbst sich fortwährend wandelt. Was Bestand zu haben scheint, trägt bereits den Keim seiner Veränderung in sich. Nicht nur äußere Umstände verändern sich, sondern auch eigene Wertmaßstäbe, die Bedeutung von Beziehungen, die individuelle Körperlichkeit, das Maß an Hoffnungen und auch das Selbstbild wandelt sich. Wer diese Dynamik unbeachtet lässt, gerät früher oder später in einen schmerzhaften Konflikt mit der Wirklichkeit.

Weisheit beginnt dort, wo dieser Konflikt nicht länger bekämpft werden muss. Sie erwächst aus der Bereitschaft, Vergänglichkeit als Wesensmerkmal des Lebens anzuerkennen. In diesem Sinne ist sie weniger ein Zustand als eine eingeübte Haltung. Sie besteht darin, den Wandel weder zu romantisieren noch zu fürchten, sondern ihm mit innerer Freiheit zu begegnen. Auch die Tatsache des Todes – in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ nenne ich diese absoluten Momente der Endlichkeit ‚existenzielle Abschiede‘ –  erhält so eine andere Bedeutung: Sie erscheint nicht lediglich als Ende von Etwas, sondern als jene Grenze, die jedem Augenblick Gewicht und jeder Entscheidung ihre unverwechselbare Verantwortung verleiht.

Der weisere Mensch misst weder der Vergangenheit noch einer imaginierten Zukunft die uneingeschränkte Herrschaft über sein Denken bei. Seine Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf den gegenwärtigen Augenblick, weil sich nur in ihm Verantwortung handelnd verwirklichen kann. Gegenwärtig zu sein bedeutet dabei keineswegs, geschichtslos oder planlos zu leben. Es bedeutet vielmehr, sich von den Bedingungen des Lebens nicht bestimmen zu lassen, sondern zu ihnen jetzt Stellung zu beziehen.

Wer die Endlichkeiten im Leben angenommen hat, der muss nicht länger an der Illusion unveränderlicher Verhältnisse festhalten. Er entdeckt vielmehr, dass Beständigkeit nicht außerhalb seiner selbst entsteht, sondern in der Ausrichtung auf den Sinn, den er in jeder konkreten Situation zu verwirklichen vermag. Gerade diese Verbindung von Endlichkeit, Verantwortung und Sinn eröffnet jene Gelassenheit, die als Kennzeichen wahrer Weisheit gelten kann.

In den kommenden Wochen möchte ich dazu einige Gedanken anbieten – stets unter dem Titel: Und immer wieder geht die Sonne auf …

„Wissenschaft ist der jeweilige Stand menschlicher, fehlbarer Erkenntnis.
Wissenschaft ist nicht der Sinn der Wirklichkeit, sondern deren Auftrag.
Die Annäherung an Sinn ist mit potenziellem Irrtum verbunden.
Sinnfindung meint nicht Irrtumsfreiheit, sie meint Annäherung des Subjektiven ans Objektive.“

Ralph Schlieper-Damrich

Krise – Coaching – KI

Generative KI simuliert auf Basis gelernter Daten ihr Angebot, mit ihrem Anwender eine Art Beziehung eingehen zu können. Dass alles ohne jegliche subjektive Erfahrung über oder kontextbezogenes Verständnis von Situationen, in denen sich Menschen befinden. Es fehlt ihr an Bewusstsein für die Welt und den für jeden Menschen relevanten kulturellen, historischen und sozialen Rahmen. Eine dialogisch-kooperative Problemlösung ist daher nicht möglich und ein mit einem menschlichen Coaching vergleichbarer Prozess, in dem Klient und Coach ihre subjektiven Erfahrungen koppeln, bleibt unerreichbar. Der Klient muss also immer entscheiden, was ihm der Austausch mit einem Coach wert ist, der seine Sprache spricht, seine Erfahrungen nachvollziehen kann und sich mit seiner eigenen lebensweltlichen Geschichte einbringt. Es steht daher an, einen Entschluss darüber zu fassen, ob eine Beziehung  gewünscht wird, in der sich ein für seine Handlungen verantwortlicher Coach ohne übermenschliche, über allen Wassern schwebende Intelligenz, dafür fehlbar, zwangsläufig voreingenommen, vom Zeitgeist beeinflusst und verwoben in einen kulturellen und biografischen Kontext unterstützend einbringen soll. Welche KI sucht um ihrer Begrenztheit wegen den Austausch mit anderen KIen, um durch Künstliche Supervision sich im Ausleuchten „blinder Flecke“ helfen zu lassen? Menschliche Coachs – ich ebenso –  nutzen diese Wege (mit anderen Menschen als auch mit Unterstützung von KI), weil sie Werte, Macken, Passionen, Krisenerfahrungen und vieles mehr haben, was sie nicht irgendwie, sondern angemessen und zum Wohl des Klienten mit ihrem Wissen und Verhalten einbringen wollen.

Die kühle und zweckfreie Objektivität der KI ist dagegen nur ein dürftiger Ersatz. Ohne Selbstbewusstsein und Fähigkeit zur Selbstkritik verfügt sie nicht über die nötige Sensibilität für emotional schwierige Themen, die Klienten beschäftigen. Da sie trainert ist, wurden ihr auch Vorurteile antrainiert – die sie aber nicht als solche erkennen kann. Damit ist jede KI gewissenlos, ohne jede Verantwortung und Haftung für alles was sie anrichtet – im Guten wie im Schlechten, so zum Beispiel im Rahmen ihrer Halluzinationen, Fehlinformationen, ihrer fehlenden Rechenschaftspflicht aufgrund eines nicht vorhandenen Vertrags mit ‚ihrem‘ Nutzer, der ihr als Maschine unmöglichen Gefühlsarbeit sowie ihrer durch die mediale Berichterstattung bekannt gewordenen mitunter lebensgefährlichen Empfehlungen.

Aus dieser Argumention heraus ist der Begriff ‚KI-Coaching‘ reiner Nonsens. Flankiert ein Klient seinen Coachingprozess mit KI-gestützter Recherche von Informationen, zur besseren Problemerkennung und Zielsetzung, dann kann dies durchaus den Erfolg des Prozesses positiv beeinflussen. Dennoch bliebt zu beachten, dass ein körperloser, wahrnehmungsfreier, maschineller und zutiefst auf Sprache reduzierter ‚Partner‘ die Frage provoziert, warum ein Mensch mit einer für ihn bedeutsamen Problemstellung – womöglich im Kontext existenzieller Fragen entlang eines Krisengeschehens – auf jede Form biologischer, systemischer, ästhetischer oder ethischer Intelligenz verzichtet, wenn er sich einer KI mit seinem Thema ‚anvertraut‘, ohne dass diese mit dem Begriff Vertrauen über das reine Wortverständnis hinaus nichts anfangen kann? Der Ball liegt also beim Klienten – wer will er sein, wer will er werden?

Von einem Ball und dem Sinn im Leben

Es ist Fußball WM, und in manchen Arenen ächzen die Menschen unter der Hitze. Fast vor 100 Jahren war die Anstrengung auch sehr groß, auch da ging es um einen Ball und um manche Tage mit sengender Sonne oder auch patschnassen Körpern. Ein Ball mit stattlichen zwei Metern Durchmesser, aus Holz und mit einem besonderen Auftrag. Die Regensburger Bäcker Jakob Schmid und der Hafenarbeiter Franz Perzl ließen mit ihrer ganzen Manneskraft das Ungetüm durch Deutschland rollen. Nicht als werbe-bebilderte Litfaßrolle, nicht als Langeweileprojekt, nicht gesponsort und ohne jegliche Blaupause. Die einzige wichtige Hilfe war das Können eines Wagnermeisters beim Bau der Kugel – heute würde man vielleicht von einem Tiny-House sprechen.

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Während ihrer Reise mit dem Holzball im Schlepptau, erst zur Ostsee und dann wieder nach Bayern zurück, begegnen die beiden Menschen aller gesellschaftlichen Schichten, Altersklassen und Gesinnungen: Arbeitslose, Bauern, Gastwirte, Kinder, Nationalsozialisten, Kommunisten, neugierige Passanten… Ein ausführliches Tagebuch – siehe Informationen dazu in den Links – und die zahlreichen Fotografien dokumentieren den Alltag eines Landes, das von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und politischen Spannungen geprägt ist und kurz vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten steht.

Die Ballonauten, so der Projektname, verfolgen selbst kein politisches Programm. Aber ein geistiges – entfliehen die Männer doch der um sich greifenden Lethargie, Resignation und Verzweiflung. Sie überwinden Hindernisse, erleben Gastfreundschaft ebenso wie Zurückweisung, Spott und Respekt.  Ihre Reise wird so zu einem Spiegel der Gesellschaft und zugleich zu einer Geschichte über Ausdauer, Neugier und menschliche Begegnungen.

Die Verbindung zu Viktor Frankls Sinnverständnis

Der Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl vertrat die Auffassung, dass der Mensch nicht primär nach Glück oder Erfolg strebt, sondern nach Sinn. Sinn entsteht dadurch, dass ein Mensch Verantwortung übernimmt und sich einer Aufgabe oder einem Menschen hingibt – selbst unter schwierigen Umständen.

Für Frankl gewinnt der Mensch Sinn, indem er sich einer Aufgabe widmet. Die Ballonauten haben sich eine scheinbar absurde Mission gesetzt: einen riesigen Fußball durch Deutschland zu rollen. Gerade diese selbstgewählte Aufgabe gibt ihrem Alltag Struktur, Richtung und Motivation. Das Ziel ist weniger wichtig als das tägliche Weitergehen.

Frankl betont, dass Sinn häufig im Dienst an anderen Menschen oder in echten Begegnungen gefunden wird. Die Reise der Ballonauten lebt von den zahlreichen Gesprächen, Hilfen und zufälligen Kontakten unterwegs. Der riesige Fußball wird zum Anlass für Kommunikation und verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Ein Kernpunkt von Frankls Denken lautet, dass der Mensch seine innere Haltung selbst unter widrigsten Bedingungen frei wählen kann. Die Ballonauten erleben Erschöpfung, Rückschläge und Unsicherheit, setzen ihre Reise jedoch immer wieder fort – solange, bis am Ende der Holzball zerbricht. Ihre Beharrlichkeit erinnert an Frankls Idee der „Trotzmacht des Geistes“: Die äußeren Umstände bestimmen nicht vollständig, wie ein Mensch handelt oder wer er ist.

Frankl versteht Sinn nicht als etwas, das am Ende einer Reise wartet, sondern als etwas, das in jeder Situation entdeckt werden kann. Auch die Ballonauten verfolgen keinen materiellen Gewinn und keinen sicheren Erfolg. Ihre Versuche, etwas Geld fürs Überleben zu erhalten, in einer Zeit größter Armut in Deutschland, scheitern öfter als dass sie gelingen. Und doch, die Bedeutung ihrer Unternehmung entsteht unterwegs – durch Erlebnisse, Herausforderungen und die Entscheidung, immer wieder den nächsten Schritt zu gehen.

Die Reise der Ballonauten kann als anschauliches Beispiel für Frankls Sinntheorie gelesen werden. Zwei Menschen geben ihrem Leben in einer Zeit gesellschaftlicher Krise eine Bedeutung, indem sie Sinn in einer selbstgewählten Aufgabe entdecken. Ihre Geschichte zeigt, dass die Verwirklichung von Sinn aus Verantwortung, Engagement und der bewussten Entscheidung entsteht, trotz Unsicherheit einen Beitrag zu leisten. Für jemanden, für etwas oder für viele. Die Ballonauten – eine Umsetzung des Menschenbildes von Viktor Frankl in sehr anschaulicher Weise.