Technophobie oder: nimmt uns die KI wirklich die Arbeit weg?

KI ändert disruptiv unsere Vorstellungen von Arbeit und Arbeitsplatz – diese ‚Weisheit‘, besser ‚Binsenweisheit‘ ist heute ein großes Gesprächsthema, unter anderem auch in der Kirche.

Beispielsweise schreibt Papst Leo XIV in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz:  „Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft. Wenn ein System so konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behandelt oder sie ohne Einspruchsmöglichkeit ausschließt, dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das „gut genutzt“ werden kann: Es führt bereits ein Kriterium ein, das der unveräußerlichen Würde des Menschen entgegensteht. Aus diesem Grund darf sich ethische Urteilskraft nicht darauf beschränken, zu fragen, ob wir ein bestimmtes System für einen guten oder schlechten Zweck nutzen, sondern muss sich auch fragen, wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist [kursiv durch den Autor], die es leiten.“

Viele Menschen sind besorgt, dass eben nicht transparent genug ist, welche Konzeptionen und Menschenbilder die bestehenden Künstlichen Intelligenzen grundieren, wie die Lernprozesse der KI aussehen, letztlich auch, welche monetären Interessen der KI-Anbieter diesen Lernprozessen zugrundeliegen. Alle diese Sorgen stellen übergeordnet ab auf die Frage einer KI-Ethik und das Potenzial, dass die KI-Anbieter hier Ethik eher als Manipulethik verstehen könnten. Das Interesse, hier quasi einen Blick in den Katalog der Programmcodes zu werfen, ist daher nachvollziehbar. Womöglich wird es aber ‚die‘ KI auch selbst sein, die entlang der Schwächen, Lücken oder Anknüpfungsprobleme an die heutigen Lebenswelten von menschengemachten Ethiken ihre eigene entwirft? Ich schätze, dieses ‚Spiel‘ ist noch längst nicht entschieden, so wenig, wie heute bereits das Spiel der ‚ethischen Regulierung‘ begonnen ist.

Daniel Kokotajlo ist einer der renommiertesten Forscher für die Zukunft der KI. Und für diese Zukunft sieht er schwarz. Mit der von der Techindustrie geplanten Automatisierung der KI-Forschung „überschreitet die Menschheit einen Horizont“, warnt er. „Wir müssen die KI-Entwicklung im Wesentlichen abschalten.“ Quelle: n-tv, 18.9.2026

Viele Akteure – so scheint es – stehen noch am Spielfeldrand und überlegen, wo ihr Platz im Spiel ist und ob sie schon spielen sollten oder dürfen, obwohl ihnen das ‚Regelwerk‘ weitgehend nicht bekannt ist. Anstatt sich mit den technologischen Möglichkeiten zu befassen, die eine funktionale ‚Partnerschaft‘ mit KI bereithält und die auch im privaten Leben weit über das Optimieren von Bildern oder Texten hinausreichen kann, findet in Gesprächen, die ich im Kontext von Psychotherapie oder Coaching führe, weit überdurchschnittlich das Thema Angst statt. Ein Spielball von Maschinen zu werden oder gar – wie die jüngsten apokalyptischen Prophezeiungen von KI-Anbietern vor ihren geplanten und zum Teil abgeblasenen Börsengängen klangen – wohl in den kommenden Monaten von künstlichen Intelligenzen möglicherweise getötet zu werden, stellt dabei die Spitze der Angstpyramide dar. Viel handfester noch zeigt sich Angst, wenn es um die Aussichten auf hinreichende ‚Arbeitsplatzsicherheit‘ geht, einem Begriff, der in der Nachkriegszeit in Westdeutschland bis zur ersten Ölkrise 1973 seine Gültigkeit besaß und sich danach an sich nur auf bestimmte Branchen beziehen ließ. In der ehemaligen DDR gab es bis zur Wiedervereinigung 1990 per Verfassung zwar eine staatliche Garantie auf einen Arbeitsplatz und somit formell absolute Arbeitsplatzsicherheit. Dies war jedoch an eine sozialistische Planwirtschaft gekoppelt, die wirtschaftlich ineffizient war und letztlich zum Zusammenbruch des Systems beitrug.

Sucht man heute mit einer KI-Brille auf der Nase nach einem höheren Maß an Sicherheit, auch morgen noch mit der aufgebauten Qualifikation seinen beruflichen Weg gegen zu können, dann können wir vermutlich davon ausgehen, dass – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – :

  • Alles, was Handwerk ist, weiterhin sicheren Boden hat. Im Handwerksbetrieb wird manche Arbeit von KI unterstützt werden und vielleicht wird auch einmal ein Schreiner-Roboter die Säge bedienen. Die Vielzahl der analogen Arbeitsschritte von der Fertigung bis zur Montage werden jedoch dem Menschen, seinen Augen und Händen, vorbehalten bleiben. Ähnliches gilt für das Baugewerbe, das Gastgewerbe und der Primärsektor der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft.
  • Alles, was individuellen komplexen Erklärungsbedarf besitzt und einen unmittelbaren Kundenkontakt bedingt, wird eine KI nicht abdecken können. Das Phänomen kennen wir ja heute schon. Mancher Avatar auf Webseiten, manche Call-KI am Telefon stößt an ihre Grenzen, sobald der Kunde ein Problem hat, dass sich den Algorithmen entzieht.
  • Eher seltene Berufe stellen für eine KI schon deshalb eine Hürde da, weil ihr zu wenige Lerndaten vorliegen, um an das menschliche Kompetenzniveau heranzureichen. Sollten SIe also zum Beispiel mit Golfballtauchen oder mit dem Entschärfen von Weltkriegsbomben ihr Geld verdienen, dann gehen Sie mal davon aus, dass Ihr Job sicher ist.
  • Alles, was bereits für einen Menschen nicht klassischerweise erlernbar ist, weil es auf Intuition, Forschergeist oder den Umgang mit Unberechenbarkeiten wie zum Beispiel im Notfallkontext ankommt, ist für eine KI zu hoch.
  • Würden Sie einen Vertrag unterschreiben, den eine KI entworfen hat, die zwar alle Paragrafen und früheren Urteile kennt, nicht aber über Rechtsverbindlichkeit und das systemische Wissen der Vertragsbeteiligten verfügt? Sollten Sie mit Nein geantwortet haben, dann ahnen Sie vielleicht schon, welche Berufe oder berufliche Rollen vor KI nicht zittern müssen.
  • Alles, was physische Präsenz, emotionale Co-Regulation und echte menschliche Resonanz erfordert, bleibt unersetzbar. Eine KI kann zwar Therapiesitzungen simulieren oder Pflegeprotokolle optimieren, aber sie kann keine Hand halten, keine echte Trauer mitleiden und keinen Trost spenden. Berufe im Sozialwesen, in der Alten- und Krankenpflege, in der Seelsorge oder im Krisenmanagement leben von der bio-chemischen und emotionalen Verbindung zwischen zwei Menschen. Wo Heilung und Vertrauen durch pure Präsenz entstehen, versagt der Algorithmus.
  • Alles, was auf strategischer Verantwortung und dem Tragen von Konsequenzen beruht, braucht einen Kopf, der dafür geradesteht. Eine KI kann hervorragende Marktanalysen erstellen oder medizinische Diagnosen vorschlagen. Doch am Ende muss ein Mensch die finale Entscheidung treffen – und die moralische, rechtliche sowie finanzielle Verantwortung dafür übernehmen. Ob Manager, Arzt oder Politiker: Wer in der Haftung steht, wenn Dinge schiefgehen, kann nicht durch eine Maschine ersetzt werden. Denn eine KI wird niemals vor Gericht stehen oder ein schlechtes Gewissen haben.

    Das große Zittern ist für viele Menschen wohl eher unbegründet – zumindest für all jene, die sich auf das besinnen, was sie als Menschen ausmacht. Die KI wird nicht den Denker, den Handwerker oder den Heiler ersetzen, sondern den Roboter im Menschen. Sie nimmt uns die stupide, repetitive Datenarbeit ab. Was bleibt, ist ein riesiger Raum für das Analoge, das Empathische, das Intuitive und das Verantwortungsbewusste. Die Frage der Zukunft lautet daher vermutlich nicht: „Ersetzt mich die KI?“, sondern: „Wofür und wie nutze ich die KI, um das, was unter dem Einfluss der neuen Bedingungen steht, sinnvoll zu tun?“ Oder anders: Die Sorge um einen flächendeckenden Jobabbau ist wissenschaftlich nicht belegt. Klar ist aber, KI verändert Jobprofile und geforderte Qualifikationen. Das aber haben berufstätige Menschen immer schon erlebt.

    Nimmt man nun anstatt einer individuellen Perspektive eher eine organisationale ein, dann wird wohl in jedem Unternehmen diskutiert werden, dass KI kein Selbstzweck ist und stets entscheidend ist, wofür sie eingesetzt werden soll, und das sind in aller Regel zuerst die Produktivitätssteigerung und der ERhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Daraus folgt, dass nicht die möglichst leistungsfähigste KI das Ziel ist, sondern der betriebswirtschaftlich höchste Nutzen für die Organisation durch Einsatz von KI.Damit sich dieser einstellt, müssen Unternehmen heute mehr denn je den Einsatz dieser Technologie schnell entscheiden. Wer wartet, hat schon Verluste eingefahren, wer open minded an die Sache herangeht und die Prozesse orchestriert, der bewahrt sich seine Marktchancen.

    Kein Unternehmen wird es in ihrer KI-Anwendung darauf anlegen, sich durch KI-Mißmanagement den Ast abzusägen, auf dem es sitzt. Das heißt, dass das Management Vorkehrungen dafür zu treffen hat, dass der menschliche Umgang mit den Maschinen ein verantwortungsvoller bleibt. Missbrauch, Manipulation und fehlende Kontrolle sind wie bei jeder eingesetzten Technik möglich, Prävention und Gegenmaßnahmen aber auch. Dies gilt auch für den Umgang mit den Ergebnissen, die KI liefert. Deepfakes, individuelle Beeinflussungen und die Gefahr, dass Inhalten geglaubt wird, deren Entstehung oder Manipulation nicht nachvollziehbar sind, bedingen eine Kompetenzentwicklung aller Mitarbeiter in Richtung kritisches Hinterfragen und Ergebniskontrolle.

    Und orchestrieren meint, dass zuerst einmal in einem Unternehmen alle Prozesse standardisiert und Daten profund strukturiert werden müssen. Wer der KI Datenmist anbietet, erhält auch Mist zurück. KI ist keine Glaskugel, und wenn ihr Einsatz scheitert, dann heißt das, dass im Unternehmen großes Nachsitzen erforderlich ist, solange kein exzellentes lernfähiges Material für die KI zur Verfügung steht. Wer diesen Punkt versäumt, erntet von einer KI jede Menge Halluzinationen. Der Treiber für ein solches Vorgehen kann damit nur der CEO des Unternehmens sein. Nur in dieser Rolle gibt es den Blick über alle Einzelbereiche, nur dort kann die Frage beantwortet werden, wie das Unternehmen für die Zukunft aufgestellt sein soll. Wer als CEO über keine systemische KI-Kompetenz verfügt, wird wohl bereits auf kurze Sicht seinen Marktwert einbüßen. Wer auf den weiteren Managementebenen nicht in der Lage ist, seine Prozesse KI-fähig aufzubauen, ebenso. KI ist nicht IT, KI ist der zentrale Teil strategischer Unternehmensprogrammatik und permanenter Entwicklung im Kontext einer lernenden Organisation.

    Wer sein Unternehmen in diese Richtung lenkt, darf nicht euphorisieren. KI darf nicht alles, vielleicht auch nicht alles wissen, denkt man an Innovationen mit ihren Geheimnissen. Und KI braucht Regulierung, also nicht nur Regeln, sondern auch deren Durchsetzung. Die wichtigste Regulierung stellt das Alignment dar, die Frage also, ob die KI-Systeme in Übereinstimmung mit dem sind, was die Menschen in der Organisation eigentlich wollen. Ist das nicht klar, dann können Schäden entstehen, und das an jeder Stelle im Unternehmen und an deren Schnittpunkten zu ihren Peers. Wer solche Schäden mindern will, der wird an ein straffes Monitoring denken. Ein Monitoring, das jedoch nicht zur Knebelung mutiert, denn – siehe oben – wer intern ewig KI-Konzepte diskutiert, verliert Zeit. Also heißt es, Dinge schnell auszuprobieren, bei Misserfolg zu stoppen und bei Erfolg zu skalieren. Damit das gelingt, so meine Vermutung, wird in Deutschland die Idee forciert werden, qualifizierte Open-Source-KI-Modelle dafür einzusetzen, die sehr spezifischen Maschinendaten des breiten Mittelstands in Deutschland für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder zu nutzen. Eine solche Offensive des Aufbaus Angewandter KI als Dienstleistungsangebot kann eine Art Industrialisierung 5.0 in Deutschland bewirken. Ein aus meiner Sicht spannender Gedanke, der auch aus der Perspektive kollektiver Krisenprävention fruchtbringend werden kann. Denn, wer in einer Volkswirtschaft weiß, dass es in ihr etwas gibt, was hinreichend unkopierbar ist, der kann die Angst auch um die eigene Zukunft herabregeln. Und dieses Unkopierbare liegt im Wissenschatz der zahllosen mittelständischen Organisationen, der – intelligent gematched und gebündelt – Teil der Vision einer Sozialen und Technologischen Marktwirtschaft werden könnte.

    Wenn eine Brücke einstürzt, dann geht man wohl kaum davon aus, die Brücke habe Schuld. Aus dieser Sicht scheint das Risiko heute größer, dass der Mensch die KI nutzt, um bewusst Schaden anzurichten als dass dies die KI ihrerseits tut. Es gehört zur Krisenprävention, darauf zu achten, wer in concreto ein solcher Mensch sein könnte. Ob zu dieser Identifizierung eine KI wohl hilfreich beitragen könnte? 

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 9

Wie es viele Weisheitslehren anstreben, gibt das sinntheoretische Gedankengut von Viktor Frankl, der Urvater der wissenschaftlich begründeten, sinnorientierten Methode der Psychotherapie,  konkrete Antworten darauf, wie ein Mensch durch Schöpferkraft, Erleben und durch eine richtige Haltung zum Leid Sinn finden kann. Die complexitas (lat.) meint etwas Zusammengeflechtetes, das aus vielen verschiedenen, miteinander verknüpften Teilen ein Ganzes bildet. Die Crux dabei ist, dass sich ein derart lebendiges System nicht wie Maschinen verstehen lässt, deren Verhalten allein aus den Eigenschaften ihrer Einzelteile berechnet werden könnte. Es entwickelt vielmehr Eigenschaften, die erst aus dem Zusammenspiel vieler Elemente hervorgehen und deshalb weder auf das Einzelne reduziert noch vollständig vorhergesagt werden können.

Komplexität bedeutet daher nicht einfach Unübersichtlichkeit. Vielmehr beschreibt sie jene Form von Ordnung, die gerade aus einer Vielzahl miteinander wechselwirkender Beziehungen entsteht. Je lebendiger ein System ist, desto stärker ist es auf solche Beziehungen angewiesen. Diese Erkenntnis reicht weit über die Naturwissenschaft hinaus. Das menschliche Gehirn, ökologische Systeme, soziale Netzwerke, wirtschaftliche Prozesse oder kulturelle Entwicklungen folgen jeweils eigenen Dynamiken, weisen jedoch ein gemeinsames Merkmal auf: Sie verändern sich fortwährend und bewahren dennoch über längere Zeit eine erkennbare Identität. Gerade diese Verbindung von Wandel und Beständigkeit bildet eines der großen Rätsel komplexer Systeme.

Niklas Luhmann hat diesen Sachverhalt mit einer Formulierung beschrieben, die zunächst paradox erscheint: Komplexität ist die Einheit einer Vielheit. Einheit bedeutet hier nicht Gleichförmigkeit. Vielmehr entsteht sie dadurch, dass unterschiedliche Elemente in einer Weise miteinander verbunden sind, die ein Ganzes hervorbringen, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben. Dieses Paradox begegnet uns auf nahezu allen Ebenen menschlichen Lebens. Eine Familie bleibt dieselbe Familie, obwohl sich ihre Mitglieder verändern. Eine Kultur bewahrt ihre Identität, obwohl sich ihre Werte und Ausdrucksformen ständig wandeln. Selbst die Persönlichkeit eines Menschen bleibt über Jahrzehnte hinweg wiedererkennbar, obwohl Erfahrungen, Erinnerungen, Überzeugungen und sogar der biologische Organismus einem kontinuierlichen Wandel unterliegen. Ja, und auch die Sonne, die doch täglich wieder aufgeht, geht stets anders auf.

Auf Frankls Existenzanalyse bezogen, können wir den Menschen als niemals statisches Wesen, sondern stets als Person im Vollzug verstehen. Seine Identität entsteht nicht durch Unveränderlichkeit, sondern durch seinen Bezug zu einer verantworteten Ausrichtung auf Sinn hin. Wenn auch im menschlichen Organismus unablässig Zellen absterben und durch neue ersetzt werden, erlebt sich ein Mensch doch stets als dieselbe Person. Das biologische ‚Material‘ wechselt, die personale Identität jedoch bleibt – in aller Regel – erhalten. Offenbar liegt das Wesen eines Menschen nicht in der Unveränderlichkeit seiner Bestandteile, sondern in der Ordnung, die diese Veränderungen zusammenhält. So beobachtet ist Identität kein starres Objekt, sondern ein dynamischer Zusammenhang. Es scheint weise zu sein, sich nicht gegen dynamische Veränderung zu stemmen, sondern jene innere Ordnung zu entwickeln, die sie gestalten kann. Die Fähigkeit dafür könnte als Komplexitätskompetenz beschrieben werden. Sie zu entwickeln, wird unter dem Aspekt der Lebensendlichkeit zu einem Prozess, der nicht nur dazu aufruft, sich immer wieder neu organisieren und sich Ziele und Prioritäten zu setzen. Komplexitätskompetenz dient dazu, weiser zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden zu können – sogar über den Tod hinaus.

Wenn ein Mensch da ist – und gleichzeitig fehlt

Menschen wissen in der Regel, wie sie mit einem eindeutigen Verlust umgehen. Jemand stirbt. Es gibt einen Abschied, eine Beerdigung, einen Moment, an dem alle wissen: Dieser Mensch ist nicht mehr da. Doch was passiert, wenn es diesen eindeutigen Moment nicht gibt? Wenn ein Mensch körperlich noch lebt, aber durch eine Demenzerkrankung kaum noch der Mensch ist, den man kannte? Wenn eine Beziehung beendet ist, aber der ehemalige Partner weiterhin Teil des Lebens bleibt? Wenn ein geliebter Mensch vermisst wird und die Verbindung langsam verblasst? Oder wenn wir um eine Zukunft trauern, die wir uns immer vorgestellt haben, die aber niemals stattfinden wird? Genau hier beginnt das Konzept des Ambiguous Loss.

Der Begriff ‚Ambiguous Loss‘ wurde maßgeblich von der Psychologin Pauline Boss geprägt. Gemeint sind Verlusterfahrungen, bei denen unklar bleibt, ob etwas oder jemand tatsächlich verloren ist – oder in welcher Form der Verlust überhaupt stattgefunden hat.

Bei einem eindeutigen Verlust können wir irgendwann sagen: Es ist vorbei. Bei einem uneindeutigen Verlust ist dieses „Vorbei“ viel schwieriger. Es gibt keine klare Grenze zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Und genau diese Ungewissheit kann zermürben.

Besonders deutlich wird Ambiguous Loss bei Demenz. Der Mensch, den wir lieben, sitzt vielleicht noch neben uns. Wir können seine Hand halten, mit ihm sprechen und ihn besuchen. Und trotzdem verändert sich die Beziehung. Er erkennt uns vielleicht nicht mehr. Vertraute Eigenschaften verändern sich. Die gemeinsame Kommunikation wird schwieriger. Für Angehörige entsteht dadurch eine zutiefst widersprüchliche Erfahrung: Der Mensch ist da – und gleichzeitig fehlt er.

Diese Ambivalenz kann Schuldgefühle auslösen. Darf ich um jemanden trauern, der noch lebt?Darf ich traurig sein, obwohl ich dankbar sein sollte, dass dieser Mensch noch bei mir ist? Darf ich mir manchmal wünschen, dass dieser Zustand endlich endet?

Solche Gedanken machen Angehörige nicht lieblos. Sie zeigen, wie kompliziert uneindeutige Verluste sein können.

Auch Trennungen können einen uneindeutigen Verlust darstellen. Ein gemeinsames Leben endet – aber der andere Mensch existiert weiterhin. Vielleicht begegnen sich beide regelmäßig, weil sie gemeinsame Kinder haben. Vielleicht arbeiten sie weiterhin zusammen. Vielleicht bleiben Gefühle bestehen. Die Beziehung ist vorbei, die Verbindung aber nicht unbedingt.

Auch Migration kann Ambiguous Loss erzeugen. Menschen verlassen ihre Heimat und beginnen ein neues Leben. Sie sind nicht wirklich ‚weg‘ – und gleichzeitig nicht mehr vollständig dort, wo sie einmal waren. Beziehungen werden digital aufrechterhalten. Heimat wird zu einer Mischung aus Erinnerung, Sehnsucht und Gegenwart. Man ist irgendwo angekommen und vermisst gleichzeitig den Ort, den man verlassen hat.

Eine weitere Form des Ambiguous Loss betrifft etwas, das an sich niemals vollständig existieren  kann: eine klare Zukunftsvorstellung. Menschen machen Pläne und stellen sich vor, wie ihr Leben in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Sie denken darüber nach, wo sie leben, welchen Beruf sie ergreifen, welche Menschen sie begleiten sollen. Wenn diese Zukunft plötzlich nicht mehr möglich ist, kann der damit verbundene ‚uneindeutige Verlust‘ zu einer immensen psychischen Belastung werden. Vielleicht zerbricht ein Kinderwunsch oder eine Partnerschaft endet kurz vor der geplanten Hochzeit. Vielleicht verhindert eine Erkrankung einen Lebensentwurf oder es gilt, nach einem Unfall zu akzeptieren, dass bestimmte Dinge nie wieder möglich sind. Dann wird verloren, was noch nicht existierte.

Ein klassischer Abschied hat Rituale. Bei Ambiguous Loss fehlen solche eindeutigen Übergänge häufig und die Kommentare aus dem Umfeld sind zusätzlich schwierig. „Aber er lebt doch noch“ oder „Ihr könnt doch weiterhin Kontakt haben“ oder „Du hast doch einen neuen Job“ sind Sätze, die unpassend dafür sind, dass ein Mensch diese Verlustform bei all ihrer Ambivalenz ebenso empfindet wie einen existenziellen Abschied.

Ambiguous Loss erinnert daran, dass manche Situationen nicht vollständig aufgelöst werden können. Sie fordern, dass ein Mensch lernt, mit Ungewissheit und dem Fehlen von etwas, das entweder sicher noch da ist (zum Beispiel der demente Partner) oder von dem nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass es noch da ist (zum Beispiel eine vermisste Person) womöglich lebenslang zu leben.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 8

Die bisherigen Überlegungen im Kontext Endlichkeit, Weisheit, Vernunft und Verantwortung lassen sich aus einem weiteren Blickwinkel betrachten, der in den vergangenen Jahrzehnten in philosophischen und psychologischen Diskussionen an Rezeption gewonnen hat: der Integralen Theorie Ken Wilbers. Eine Theorie, die sich als eine Metaperspektive anbietet, die versucht, unterschiedliche wissenschaftliche, philosophische und spirituelle Erkenntniswege miteinander in Beziehung zu setzen, ohne sie aufeinander zu reduzieren. In dieser ‚Enthaltsamkeit‘ liegt ihr weiserer Zugang zur Ermöglichung erweiterter Erkenntnisformen. Wilbers integraler Zugang fragt nicht, welches Denkmodell recht hat, sondern welche Dimension der Wirklichkeit es sichtbar macht.

Wilber unterscheidet hierzu vier grundlegende Zugänge. Da ist zunächst die Innenwelt des einzelnen Menschen mit seinen Gedanken und Gefühlen. Dann die Außenperspektive auf denselben Menschen, also sein Verhalten, seine Handlungen. Hinzu kommt drittens die gemeinsame Innenwelt einer Gemeinschaft – ihre Kultur, ihre Werte, ihre Sprache und ihre geteilten Konventionen und letztlich, viertens, die Außenperspektive auf soziale Systeme mit ihren Institutionen, Gesetzen, Organisationen und ökonomischen Strukturen. In der KrisenPraxis wurde das Theoriegebäude bereits umfassend vorgestellt, bitte nutzen Sie bei Interesse den Weg über das Suchfeld oder die Kategorien.

Viele gesellschaftliche Konflikte entstehen gerade dadurch, dass eine dieser vier Perspektiven absolut gesetzt wird. Wer nur subjektive Erfahrungen gelten lässt, unterschätzt die Bedeutung objektiver Tatsachen. Wer allein auf Institutionen blickt, verliert den einzelnen Menschen aus den Augen. Und wer sich ausschließlich auf die persönliche Lebensführung konzentriert, ignoriert häufig die sozialen Bedingungen, unter denen Menschen leben. Ein weiserer Zugang besteht aus integraler Sicht deshalb zunächst in einer Erweiterung des Blickfeldes. Sie ermöglicht die Stärkung der Fähigkeit, möglichst viele legitime Perspektiven gleichzeitig wahrzunehmen und ihre jeweiligen Grenzen zu erkennen. Sie fragt nicht nur danach, was wahr ist, sondern ebenso danach, für wen, unter welchen Bedingungen und aus welcher Perspektive eine Aussage zutrifft.

An diesem Punkt begegnet Wilbers Theorie unmittelbar den Überlegungen Niklas Luhmanns. Während Luhmann zeigt, dass jedes System notwendigerweise einen blinden Fleck besitzt, versucht Wilber, möglichst viele dieser unterschiedlichen Systemperspektiven zugleich zu berücksichtigen. Der integrale Ansatz ist dabei kein Versuch, den blinden Fleck vollständig zu beseitigen – was unmöglich wäre –, sondern ihn durch die bewusste Einbeziehung weiterer Perspektiven möglichst klein werden zu lassen.

Aus der Sicht Viktor Frankls genügt diese Integration allein jedoch noch nicht. Ein Mensch kann über außerordentlich viele Perspektiven verfügen und dennoch orientierungslos bleiben. Die Existenzanalyse erinnert daran, dass Erkenntnis erst dann ihre eigentliche Bedeutung erhält, wenn sie in verantwortliches Handeln mündet. Perspektiven sind Voraussetzungen der Weisheit; sie ersetzen sie nicht. Zwischen Erkenntnis und Weisheit liegt die Frage nach dem Sinn.

Hier zeigt sich eine entscheidende Ergänzung zur Integralen Theorie. Wilber beschreibt mit großer Überzeugungskraft, wie unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche miteinander verbunden werden können. Frankl fragt darüber hinaus, worauf diese Integration letztlich ausgerichtet sein soll. Für ihn genügt es nicht, komplexer zu denken. Entscheidend ist vielmehr, ob der Mensch dadurch befähigt wird, in einer konkreten Situation das sittlich und existenziell Sinnvolle zu verwirklichen. Weisheit wird dadurch mehr als eine möglichst umfassende Landkarte der Wirklichkeit. Sie wird zur Fähigkeit, diese Landkarte verantwortlich zu benutzen.

„In der Trauer lebt die gehabte Liebe zu einer wesentlichen Person oder die gehabte Hingabe zu einer wesentlichen Aufgabe weiter. Mehr Trauer als diese Trauer braucht es nicht.“

Ralph Schlieper-Damrich

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 7

Die Kritische Theorie hat darauf aufmerksam gemacht, dass jede Form begrifflicher Ordnung die Gefahr in sich trägt, die Einzigartigkeit des Wirklichen zu überdecken. Sobald Menschen ausschließlich in Kategorien, Funktionen oder Statistiken erscheinen, verliert sich leicht der Blick für ihre unverwechselbare Individualität. Die Wirklichkeit erschöpft sich jedoch niemals in ihren Begriffen. Zwischen dem, was sich ordnen lässt, und dem, was sich jeder vollständigen Einordnung entzieht, bleibt stets ein Spannungsraum bestehen. Weisheit beginnt dort, wo dieser Raum nicht als Störung empfunden, sondern bewusst offengehalten wird.

Auch Viktor Frankls Existenzanalyse weist in diese Richtung. Für ihn war der Mensch niemals vollständig durch biologische, psychologische oder gesellschaftliche Bedingungen erklärbar. Jede Person bleibt mehr als die Summe ihrer Eigenschaften. Gerade in ihrer Fähigkeit, sich zu ihren Bedingungen frei zu verhalten, zeigt sich die von Frankl für jeden Menschen postulierte geistige Dimension, die sich einer vollständigen Objektivierung entzieht. Diese Dimension ist gleichwohl der Urgrund der Komplexität. Mit jedem Menschen und dem, was er hervorbringt, wächst die kollektive Komplexität, und Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto größer werden die Erfordernisse in Form von Regeln, Verfahren und Standardisierungen. Ohne sie wäre ein geordnetes Zusammenleben kaum möglich. Gleichzeitig kann keine Regel alle Besonderheiten des konkreten Lebens vorwegnehmen. Jede allgemeine Norm stößt irgendwann auf Situationen, in denen ihre schematische Anwendung dem Sinn der Regel selbst widersprechen würde. Gerade an dieser Grenze beginnt die eigentliche Aufgabe praktischer Weisheit. Weisheit hebt Gesetze nicht auf, sondern erschließt ihren menschlichen Sinn. Sie fragt nicht nur danach, was formal richtig ist, sondern ebenso danach, was einer konkreten Situation gerecht wird. Diese Unterscheidung verlangt Urteilskraft. Sie lässt sich weder vollständig kodifizieren noch automatisieren. Deshalb ist Weisheit mehr als die Kenntnis moralischer Prinzipien. Sie ist die Fähigkeit, allgemeine Maßstäbe mit den Besonderheiten des Einzelfalls verantwortlich zu verbinden. Eine solche Urteilskraft entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst aus gelebter Erfahrung, aus Begegnungen, aus Irrtümern, aus Verantwortung und nicht zuletzt aus der Bereitschaft, sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen. Erfahrung allein genügt allerdings nicht. Menschen können Jahrzehnte leben, ohne aus ihren Erfahrungen zu lernen. Erst die bewusste Auseinandersetzung mit dem Erlebten verwandelt bloße Lebenszeit in Lebenserfahrung. Alter ist daher keine Garantie für Weisheit, sondern lediglich eine Möglichkeit, immer mehr von ihr zu entwickeln.

Bücher, Studien und philosophische Traditionen eröffnen wichtige Horizonte, doch sie nehmen dem Einzelnen nicht die Aufgabe ab, das Erkannte in das eigene Leben zu integrieren. Weisheit besitzt deshalb immer eine existenzielle Dimension. Sie wird nicht nur gedacht, sondern gelebt. Sie zeigt sich weniger in brillanten Formulierungen als in der Art und Weise, wie Menschen Entscheidungen treffen, Konflikte austragen, Verantwortung übernehmen und anderen begegnen. Dabei helfen können überlieferte Normen und ethische Regeln. Sie bewahren die verdichtete Erfahrung früherer Generationen und bilden einen unverzichtbaren Orientierungsrahmen. Dennoch können sie die persönliche Gewissensentscheidung niemals vollständig ersetzen. Frankl verstand das Gewissen als jenes Organ des Sinns, das den Menschen befähigt, die einmalige Forderung einer konkreten Situation wahrzunehmen. Gerade weil keine zwei Situationen vollkommen identisch sind, bleibt jede verantwortliche Entscheidung ein schöpferischer Akt.

Was wir heute – an sich wie immer schon – brauchen: Menschen mit der Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten, Unsicherheit nicht vorschnell zu beseitigen und die Unvollkommenheit des Lebens nicht als Makel, sondern als Ausdruck menschlicher Wirklichkeit anzunehmen. Wer gelernt hat, mit der eigenen Begrenztheit und Endlichkeit im Einklang zu sein, entwickelt häufig auch größere Geduld gegenüber den Unvollkommenheiten anderer. Das Bewusstsein des eigenen Abschieds aus diesem Weltlichen verändert den Blick auf Erfolg, Scheitern und Perfektion. Es relativiert, in seiner Tiefe liegt Gelassenheit und doch auch die Möglichkeit, Verantwortung für das Leben nach Tod zu übernehmen.

Informationen zum Sterbeprozess

Der Tod eines Partners, Angehörigen oder Freundes trifft viele Menschen wie ein Schock. Dabei treten die meisten Tode nicht plötzlich und unerwartet ein, sondern sie kündigen sich mit einem Prozess an, der es ermöglicht, in Ruhe Abschied zu nehmen. Zumeist steht dabei das Sterben am Ende einer tödlich verlaufenden Erkrankung oder des natürlichen Alterungsprozesses. Deutliche Hinweise lassen sich meist bereits mehrere Tage wahrnehmen, seltener sind Tode, die nur wenige Stunden nach den ersten Anzeichen eintreten.

Die folgenden, oft zusammen auftretenden Anzeichen können Hinweise darauf sein, dass der körperliche Sterbeprozess begonnen hat. Wichtig: Sie können, aber sie müssen nicht bei jedem Sterbenden auftreten:

  • Sterbende hören auf zu essen und zu trinken. Der Flüssigkeitsmangel führt zu einem trockenen Mund und eine trockene Zunge.
  • Das Schmerzempfinden nimmt ab, der Sterbeprozess führt so meist zu einer Erleichterung.
  • Der Stoffwechsel verlangsamt sich, die Nieren stellen ihre Funktion nach und nach ein. Eine dunkle Farbe des Urins ist normal, ebenso eine Veränderung des Körpergeruchs.
  • Der Puls wird schwächer und schneller. Die Körpertemperatur sinkt, insbesondere Hände und Füße werden kalt. Verfärbungen der Finger sind ein häufiges Zeichen für den Sterbeprozess.
  • Der Mensch atmet schnell, flach, oft auch unregelmäßig mit Atemaussetzern und Atemgeräuschen. Schleim in den Atemwegen kann schlechter abgehustet werden.
  • Oft zeigt sich der Kraftverlust in den geschlossen gehaltenen Augen. Sprechen ist für den Sterbenden ebenfalls anstrengend. Jedoch können Sterbende oft hören, was in ihrem Umfeld geschieht oder was gesprochen wird.
  • Hände und Füße werden kälter.
  • Das Organversagen führt nach und nach zu Vergiftungserscheinungen, Bewusstseinstrübungen und Schläfrigkeit. Der Mensch wird immer ruhiger, zuweilen unterbrochen durch Überlagerungen von Traum und Wirklichkeit, was sich zum Beispiel durch Halluzinationen oder Phantasien anzeigt.
  • In der finalen Phase wird der Atem immer flacher oder er setzt zeitweise aus.
  • Die Muskulatur erschlafft, die Kiefermuskeln können den Mund nicht mehr geschlossen halten.
  • Die Pupillen reagieren nur noch schwach auf Licht. Ganz zum Schluss sinken Augen und Wangen ein, die Gesichtshaut wird matt, fahl oder gräulich. Hände und Füße können sich fleckhaft dunkel verfärben.

Wenn Sie einen Sterbenden begleiten, dann ist Behutsamkeit angesagt, denn die Bedürfnisse der Person können sich auf unterschiedliche, nicht selten unausgesprochene Weise äußern:

  • Erzwingen Sie nicht das Essen oder Trinken.
  • Reichen Sie Flüssigkeit, damit der Mund nicht völlig austrocknet.
  • Manche Sterbenden hilft es, wenn ihre Lippen befeuchtet werden.
  • Die Wärme für Hände und Füße kann durch Decken erhalten werden.
  • Damit das Atmen leichter wird, kann der Oberkörper leicht aufgerichtet werden.
  • Frische, aber nicht kalte Luft ist für viele Sterbende angenehm.
  • Zu sprechen ist anstrengend, gehen Sie daher nahe mit Ihrem Ohr ans Gesicht des Sterbenden.
  • Bleiben Sie geduldig und aufmerksam. Manchmal äußern Sterbende konkrete Wünsche, manchmal sprechen sie wirr, manchmal ängstigen sie sich und können mit Trost, Berührung oder Musik beruhigt werden – andere Menschen wiederum können leichter sterben, wenn sie alleine sind. Das alles ist normal und es gibt kein Verhaltensrezept dafür. Begleiten Sie so gut Sie es können und hören Sie auf Ihre Intuition, meist ist sie ein guter Ratgeber.

Sprechen mit Sterbenden

Da steht man am Bett des bald Sterbenden und findet nicht ins Gespräch. Plattitüden, Allgemeinplätze, Törichtes oder beklommenes Schweigen – oh, wie langweilig kann das Umfeld einem Menschen, dessen Verstand und Gefühlswelt noch erreichbar sind, sein absehbares Lebensende machen. Auch die Aufforderung, doch bloß zu kämpfen, ist aus der Sicht des Sterbenden oft ein Affront gegen den ohnehin laufenden Kampf, den er auf die je ihm eigene Weise führt. Oder – auch beliebt im Sterbezimmer – „ich seh morgen wieder nach dir“. Sicher gut gemeint, will man doch mitteilen, dass der Mensch einem wichtig ist und nicht das Gefühl haben soll, alleine zu sein. Aber wie wäre es, den Sterbenden zu fragen, ob er diese Präsenz wünscht?
„Lass uns nicht allein“, „du darfst nicht sterben“, „versuche doch auch noch diese Therapie oder Medikation“ und andere Appelle sind – bei genauer Betrachtung – eher Zeit verschwendende Beruhigungspillen für den Besucher als förderlich für das Recht auf ein gelingendes Sterben des Sterbenden.

Sterbekommunikation gehört sicher nicht zu den Pflichtfächern moderner Erwachsenenbildung. Da hilft nur eins: sich dessen selbst bewusst werden, wie und worüber man im Sterben sprechen möchte. Der eine mag sich seiner Lebensleistung gerne erinnern, der andere über das gemeinsam Erlebte, der nächste will wissen, wie die nächsten medizinischen Schritte aussehen, wieder andere wollen in die Überlegungen eingebunden werden, was Menschen unternehmen werden, wenn man selbst gestorben ist. Auch das, was noch unerfüllt ist und vielleicht noch abgeschlossen, ausgeräumt oder entschieden werden könnte, können bessere Themen sein. Sie fragen sich, wozu es gut sein könnte, sich diese Gedanken – jetzt – zu machen? Sterblichkeit ist stets auch verbunden mit einer individuellen Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Moment mag diese Rechnung für Sie und mich zu einer ‚0‘ führen. Aber klar muss bleiben: das Wahre scheint lediglich, es ist nicht wahr. Im nächsten Moment kann sich dies ändern. Im nächsten Moment kann ein Prozess in Gang kommen, der den Anfang der Lebensendlichkeit markiert. Wie wollten Sie, wie wollte ich mich wohl in dieser Zeit begleitet wissen? Welche Ihrer Werte wollten Sie in dieser Phase des sterbenden Lebens verwirklicht wissen?

Warum wir wieder lernen müssen, über das Sterben zu sprechen

Wir werden älter, investieren in Gesundheit und träumen von einem möglichst langen Leben. Doch während der Wunsch nach Langlebigkeit immer größer wird, verdrängen wir eine Tatsache, die sich nicht wegoptimieren lässt: Unser Leben ist endlich. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio plädiert deshalb für einen anderen Blick auf das Lebensende – und für eine Medizin, die vor allem eines kann: zuhören.

Der Tod ist eines der sichersten Ereignisse unseres Lebens – und gleichzeitig eines der am stärksten verdrängten. Während die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten eröffnet, Krankheiten zu behandeln, Körper zu optimieren und Lebenszeit zu verlängern, fällt es vielen Menschen schwer, über das Sterben zu sprechen. Besonders deutlich zeigt sich das im aktuellen Longevity-Trend. Gesundheit, Fitness, Ernährung und medizinische Innovationen sollen dazu beitragen, möglichst lange jung und leistungsfähig zu bleiben. Das ist Zeitgeist pur, mit einer problematischen Seite, der  Todesverdrängung.

Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren habe die Medizin zeitweise dem Glauben angehangen, den Tod durch technischen Fortschritt besiegen zu können, erklärt Borasio. Intensivmedizin und moderne Behandlungsmöglichkeiten hätten damals ein Gefühl medizinischer Allmacht entstehen lassen. Der Tod ließ sich damit jedoch nicht abschaffen. Stattdessen gerieten schwerstkranke und sterbende Menschen teilweise aus dem Blick.

Heute zeigt sich die gleiche Sehnsucht in anderer Form: Menschen investieren enorme Summen in Maßnahmen, die ihnen ein längeres Leben versprechen. Doch egal, wie weit die Medizin voranschreitet – Unsterblichkeit bleibt eine Illusion. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht Wie lange können wir leben?, sondern Wofür wollen wir leben und wie wollen wir sterben?

Dass Menschen heute durchschnittlich länger leben als frühere Generationen, ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Längeres Leben kann bedeuten, mehr Zeit mit Familie und Freunden zu haben, Erfahrungen zu sammeln und Dinge zu tun, für die früher keine Zeit war. Entscheidend ist jedoch die Qualität dieser zusätzlichen Jahre, denn ein längeres Leben bedeutet nicht automatisch ein besseres Leben. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Demenz. Gleichzeitig steht unsere Gesellschaft vor der Frage, wer die notwendige Betreuung leisten und finanzieren soll.

Pflegekräfte fehlen schon heute. Familien sind häufig räumlich voneinander getrennt. Und die Vorstellung, dass professionelle Strukturen irgendwann alle Bedürfnisse auffangen werden, wird sich wohl als zweite Illusion erweisen. Borasio plädiert deshalb für „Caring Communities“ – sorgende Gemeinschaften. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der Verantwortung füreinander nicht ausschließlich an professionelle Einrichtungen delegiert wird. Es geht darum, dass Menschen einander unterstützen: ältere Menschen, Sterbende, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Familien. Ob auch dieser Gedanke den Zeitgeist trifft? Oder trifft er schlicht die Geldbörse?

Einen weiteren Blick richtet Borasio in die Palliativmedizin. Auch dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. So gibt es In Deutschland inzwischen zahlreiche ambulante Palliativteams, die schwerkranke Menschen zu Hause begleiten. Zudem leisten die Hospizvereine mit ihren vielen qualifizierten Ehrenamtlichen eine weitere hervorragende Unterstützung. Andererseits gerät das Gesundheitssystem zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Medizinische Entscheidungen stehen dadurch nicht immer ausschließlich im Zeichen dessen, was für einen Menschen sinnvoll ist. Borasio warnt vor einer Entwicklung in zwei Richtungen: Manche Menschen könnten notwendige Behandlungen nicht ausreichend erhalten, während andere mit Therapien versorgt werden, die medizinisch kaum noch einen Nutzen bringen. Gerade am Lebensende kann das gravierende Folgen haben, denn manchmal verlängert eine Therapie nicht das Leben in einer für den Patienten guten Weise, sondern lediglich den Sterbeprozess. Dann wird aus dem Wunsch, alles Menschenmögliche zu tun, schnell eine Belastung für denjenigen, um dessen Leben es eigentlich geht.

Eine der wichtigsten Botschaften Borasios lautet deshalb: Wir müssen die Menschen fragen. Was möchten Sie? Was ist Ihnen wichtig? Wovor haben Sie Angst? Was möchten Sie noch erleben? Und was möchten Sie auf keinen Fall? Die Antworten können überraschend sein. Denn die Wünsche schwerkranker Menschen entsprechen nicht zwangsläufig dem, was Ärztinnen und Ärzte für sie als besonders wichtig erachten.

Am Lebensende verschieben sich bei vielen Menschen zudem die persönlichen Werte. Beziehungen und das soziale Umfeld gewinnen an Bedeutung. Nicht selten geht es weniger um die eigene Person als um die Menschen, die zurückbleiben. Vielleicht ist genau das eine der großen Erkenntnisse, die das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit mit sich bringen kann: Zu erkennen, was wirklich zählt.

Für Borasio liegt darin die entscheidende Aufgabe einer zukünftigen Medizin. Der Patient dürfe nicht als Kostenfaktor betrachtet werden. Im Mittelpunkt müsse wieder der Mensch stehen – mit seinen Wünschen, Ängsten, Beziehungen und individuellen Vorstellungen von Lebensqualität. Sein vielleicht prägnantester Gedanke lautet: „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein oder sie wird gar nicht mehr sein.“

Zuhören klingt zunächst nach etwas Selbstverständlichem. In einem hoch technisierten und wirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem ist es jedoch keineswegs selbstverständlich. Zuhören bedeutet hier, nicht sofort eine Behandlung anzubieten, sondern zunächst zu verstehen, was ein Mensch überhaupt erreichen möchte. Und Zuhören bedeutet auch, anzuerkennen, dass ein medizinischer Erfolg nicht immer darin besteht, einen biologischen Prozess möglichst lange aufrechtzuerhalten. Manchmal kann der Erfolg einer Behandlung darin bestehen, Leiden zu lindern, Selbstbestimmung zu bewahren und einem Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Besonders deutlich wird das in Pflegeheimen. Wenn Menschen am Ende ihres Lebens stehen, werden sie nicht selten noch einmal ins Krankenhaus gebracht. Solche Einweisungen können medizinisch notwendig sein. Häufig können sie aber auch vermeidbares Leid bedeuten – gerade dann, wenn ein Mensch eigentlich zu Hause oder im Pflegeheim bleiben möchte. Eine bessere palliative Versorgung könnte hier viel bewirken. Dazu braucht es nicht immer spektakuläre neue Technologien. Häufig geht es um etwas Grundlegenderes: medizinisches Wissen, gute Kommunikation und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Patienten und seinem Umfeld Entscheidungen zu treffen, damit getan wird, was sinnvoll ist und nicht nur zweckdienlich.

Gutes Sterben setzt nicht erst dann ein, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. Vielmehr beginnt es bereits dort, wo ein Mensch bereit ist, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen und über Tod und Sterben zu sprechen. Eine solche Auseinandersetzung fällt schwer. In seinem Vortrag zu diesem Thema in der Heinrich-Böll-Stiftung macht Professor Honnefelder dazu wie folgt inhaltlich aufmerksam: Der Mensch erlebt sich zunächst als jemand, der über seinen Körper verfügen und ihn kontrollieren kann. Gleichzeitig ist er aber an diesen Körper gebunden und von dessen Möglichkeiten und Zuständen abhängig. Ähnlich verhält es sich mit seiner Psyche: Einerseits gestaltet sie seine Wahrnehmung und sein Erleben aktiv mit, andererseits wird sie selbst durch Erfahrungen und Erlebnisse geprägt. Auch die eigene Identität besitzt diesen widersprüchlichen Charakter. Der Mensch empfindet sich als unverwechselbar und einzigartig, muss aber zugleich erkennen, dass andere Menschen seine Funktionen übernehmen können und seine eigene Existenz deshalb nicht in jeder Hinsicht unersetzbar ist. Auch Sinn und Ordnung, die durch gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge vermittelt werden, sind niemals selbstverständlich. Wo eine bestimmte Ordnung als sinnvoll erfahren wird, bleibt gleichzeitig die Möglichkeit bestehen, dass sie anders sein könnte. Der Mensch weiß daher um die Verletzlichkeit der von ihm geschaffenen kulturellen Strukturen und empfindet den Verlust von Sinn und Orientierung als besondere Bedrohung.

Besonders intensiv zeigt sich diese Spannung im menschlichen Verhältnis zur Zeit. Der Mensch lebt nicht lediglich in der Zeit, sondern besitzt darüber hinaus ein Bewusstsein von ihrer Vergänglichkeit. Er nimmt den gegenwärtigen Augenblick als etwas wahr, das unmittelbar wieder vergeht, und erkennt sich selbst als ein Wesen, dessen Existenz sich innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung vollzieht. Martin Heidegger bezeichnet deshalb Sorge und Angst als grundlegende Befindlichkeiten des Menschen. Mit Angst ist dabei nicht einfach die Furcht vor einer bestimmten Gefahr gemeint. Gemeint ist vielmehr jene grundlegende Unsicherheit, die daraus entsteht, dass der Mensch seiner Existenz nicht vollständig sicher sein kann und sich gewissermaßen ins Nichts hinausgehalten erfährt.

Vor diesem Hintergrund erhält das Wissen um die eigene Sterblichkeit eine besondere Bedeutung. Ein Wesen, das sich seiner selbst und seiner zeitlichen Begrenzung bewusst ist, kann den Tod nicht einfach als irgendein zukünftiges Ereignis betrachten. Nach Heidegger muss der Tod für den Menschen zur „eigensten, unbezüglichen, unüberholbaren Möglichkeit“ werden. Gerade dadurch wird der Mensch mit der Frage konfrontiert, wie sein gesamtes Dasein zu verstehen und zu bewerten ist.

Wenn unter Leben nicht bloß die biologische Existenz verstanden wird, sondern das konkrete Leben, das ein Mensch führt, dann besitzt auch der Tod eine umfassendere Bedeutung als das bloße Ende körperlicher Funktionen. Entscheidend ist für den Menschen weniger der Zustand des Totseins, den er selbst nicht erfahren kann, als vielmehr der Weg, der vom Leben zum Tod führt. Aus diesem Grund richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Sterben. Welche Bedeutung der Tod besitzt, wird deutlicher, wenn man zunächst fragt, was menschliches Leben ausmacht. Dem gelebten Leben erscheint der Tod zunächst als dessen grundlegendes Gegenstück. Menschliches Leben verwirklicht sich in einer Vielzahl von Formen: im eigenen Körper, in Beziehungen und Kommunikation, in kulturellen Vorstellungen und Lebensentwürfen, in der Entwicklung einer persönlichen Identität sowie in gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen. Der Tod beendet beziehungsweise löst diese Formen der Verkörperung auf. Für ein Wesen, dessen Existenz darin besteht, sein Leben aktiv zu führen und zu gestalten, bedeutet der Tod daher den Übergang zum Ende dieser Aktivität, zur zunehmenden Ohnmacht und schließlich zu einer letzten Form der Trennung und Einsamkeit. Je stärker der Mensch sein eigenes Leben bewusst wahrnimmt, desto stärker muss er deshalb auch den Tod als dessen Gegenbild wahrnehmen.

Zur menschlichen Existenz gehört somit nicht lediglich die Möglichkeit, über den Tod nachzudenken. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist vielmehr bereits Bestandteil der Struktur menschlichen Lebens. Wer im Voraus weiß, dass der eigene Tod bevorsteht, nimmt zwangsläufig – bewusst oder unbewusst – eine bestimmte Haltung zu ihm ein. Diese Haltung zeigt sich darin, wie der Mensch sein Leben gestaltet. Das Sterben ist deshalb nicht ausschließlich etwas, das einem Menschen von außen widerfährt. Es kann zugleich als ein letzter Bereich verstanden werden, in dem der Mensch in Bezug auf sein eigenes Dasein Stellung nimmt. Heidegger bezeichnet den Tod als die „eigenste Möglichkeit des Daseins“. Er ist damit nicht lediglich ein unvermeidliches Faktum am Ende des Lebens, sondern kann auch als Möglichkeit verstanden werden, das eigene Leben als Ganzes zu begreifen und zu vollenden. Georg Simmels Gedanke, dass das menschliche Leben nicht allein im „Mehr-Leben“, sondern im „Mehr-als-Leben“ aufgeht, führt zu der weiterführenden Frage, worin dieses Mehr bestehen kann. Wenn der Mensch sich selbst tatsächlich nur über die Beziehung zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt erschließen kann, benötigt er Orientierung und Sinn, um auch das eigene Leben verstehen zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich daher nicht unabhängig von den Sinnangeboten beantworten, die einem Menschen begegnen. Noch schwieriger wird die Frage nach dem Tod, wenn dieser als etwas Sinnloses oder Zufälliges erscheint. Um dem Tod einen verstehbaren Platz im eigenen Dasein geben zu können, bedarf es eines umfassenderen Zusammenhangs, der selbst nicht sofort wieder als zufällig oder sinnlos erscheint. Daher wird die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit bis heute häufig im Rahmen religiöser Vorstellungen gestellt. Religion kann dem Menschen ermöglichen, seine eigene Endlichkeit anzuerkennen und sie zugleich in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu setzen, die über den Tod hinausweist. Der Mensch kann sich dadurch als sterbliches und begrenztes Wesen verstehen, ohne seine Existenz ausschließlich auf diese Begrenztheit reduzieren zu müssen.

Aus der grundlegenden menschlichen Abhängigkeit von anderen ergibt sich außerdem eine besondere Bedeutung zwischenmenschlicher Nähe während des Sterbens. Kaum in einer anderen Lebenssituation ist der Mensch in vergleichbarer Weise auf die Anwesenheit, Unterstützung und Zuwendung anderer angewiesen. Dabei genügt es nicht, ausschließlich für körperliches Wohlbefinden zu sorgen, Schmerzen zu behandeln oder pflegerische Aufgaben zu übernehmen. Ebenso wichtig ist die Erfahrung, dass jemand da ist, zuhört, Nähe zulässt und dem Sterbenden vermittelt, dass er nicht allein gelassen wird.

Wenn das Sterben zunehmend mit Verlust von Handlungsmöglichkeiten, körperlicher Selbstbestimmung und schließlich mit dem Ende jeder Kommunikation verbunden ist, kann die Gegenwart vertrauter Menschen eine wichtige Verbindung schaffen. Wer sich begleitet, akzeptiert und angenommen fühlt, kann möglicherweise leichter Vertrauen entwickeln und sich mit der eigenen Situation auseinandersetzen. Eine solche Begleitung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Besonders wichtig können Angehörige, Freunde, Ehrenamtliche ambulanter Hospizvereine oder Menschen aus einer seelsorgerlichen Beziehung sein, weil zwischen ihnen und dem Sterbenden bereits ein besonderes Maß an Vertrauen besteht. Daneben können auch Ärzte, Pflegekräfte und andere professionell Tätige eine solche Aufgabe übernehmen oder die persönliche Begleitung unterstützen. Gerade dort, wo Menschen in Krankenhäusern, Hospizen oder Alten- und Pflegeeinrichtungen sterben, sollte deshalb neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch die persönliche Begleitung berücksichtigt werden. Palliation und menschliche Zuwendung dürfen nicht als voneinander getrennte Aufgaben verstanden werden. Ein Sterbender braucht häufig beides: die Linderung körperlicher Beschwerden und die Erfahrung, als Mensch wahrgenommen und nicht allein gelassen zu werden.

Eine solche Begleitung kann allerdings nur dann wirklich tragen, wenn auch der Begleitende bereit ist, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Wer die eigene Endlichkeit vollständig verdrängt und den Tod aus dem eigenen Denken ausschließt, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, einem anderen Menschen in dessen Sterbeprozess Sicherheit und Nähe zu vermitteln. Deshalb beginnt eine verantwortungsvolle Sterbebegleitung bereits lange vor der konkreten Situation des Sterbens: Sie setzt voraus, dass Menschen selbst ein Verhältnis zu ihrem Leben, zu dessen Begrenztheit und schließlich auch zum eigenen Tod entwickelt haben.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 6

Die Einsicht in den eigenen blinden Fleck bleibt nicht auf das individuelle Denken beschränkt. Sie besitzt ebenso eine gesellschaftliche Dimension. Gemeinschaften, Institutionen und kulturelle Ordnungen neigen dazu, ihre eigenen Voraussetzungen für selbstverständlich zu halten. Was innerhalb ihres Deutungshorizontes keinen Platz findet, erscheint leicht als nebensächlich oder wird gar nicht erst wahrgenommen. Doch das Unsichtbare verschwindet nicht dadurch, dass es unbeachtet bleibt. Es wirkt weiter, und häufig gerade deshalb, weil niemand es ausdrücklich berücksichtigt.

Aus diesem Grund bedarf es einer offenen Gesellschaft des Dialogs zwischen unterschiedlichen Akteuren des Wissens. Philosophische Reflexion, psychologische Einsicht, naturwissenschaftliche Erkenntnis, politische Erfahrung und kulturelle Tradition stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Sie eröffnen verschiedene Konstruktionen von Wirklichkeit. Erst in ihrem Zusammenspiel entsteht ein differenzierteres Verständnis des Menschen und seiner Lebenswelt. Wer weiser denkt, handelt und kommuniziert, entlernt sukzessive einst bevorzugte gegebenenfalls monologische Tendenzen.

Der ursprüngliche Sinn des griechischen Begriffs theoría verweist genau auf diese Haltung. Gemeint ist kein abstraktes Gedankengebäude, sondern ein aufmerksames Schauen, das sich der Wirklichkeit aussetzt, anstatt sie vorschnell in bekannte Kategorien einzuordnen. Moderne Theorien sind unverzichtbare Werkzeuge des Denkens. Zugleich dürfen sie nicht mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden. Sie bleiben Karten eines Geländes, sind aber niemals das Gelände selbst. Je komplexer die Welt wird, desto größer wird die Versuchung, ihre Vielschichtigkeit auf einfache Erklärungen zu reduzieren. Menschen suchen nach Eindeutigkeit, weil sie Orientierung verspricht. Systeme vereinfachen Komplexität, weil sie andernfalls handlungsunfähig würden. Diese Reduktion ist notwendig, sie hat jedoch ihren Preis. Mit jeder Vereinfachung verschwinden zugleich Möglichkeiten des Verstehens. Weisheit besteht deshalb nicht darin, Komplexität zu beseitigen, sondern sie in einer Weise auszuhalten, die verantwortliches Handeln weiterhin ermöglicht.

Hier berühren sich erneut Systemtheorie und Existenzanalyse. Während Systeme Komplexität reduzieren müssen, um funktionieren zu können, bleibt der Mensch dazu berufen, sich immer wieder auf die umfassendere Wirklichkeit hin zu öffnen. Frankls Begriff der Selbsttranszendenz beschreibt genau diese Bewegung. Der Mensch überschreitet den engen Horizont seiner unmittelbaren Bedürfnisse und richtet sich auf Werte, Aufgaben und andere Personen aus. Indem er sich dem Sinn einer Situation öffnet, erweitert sich zugleich sein Wahrnehmungshorizont. Diese Fähigkeit gewinnt besondere Bedeutung in einer Zeit, deren öffentliche Kommunikation zunehmend von Geschwindigkeit bestimmt wird. Der tägliche Strom an Nachrichten, Kommentaren und digitalen Reaktionen erzeugt den Eindruck ständiger Gegenwart. Was heute Aufmerksamkeit erhält, erscheint bedeutsam; was nicht sichtbar wird, verliert scheinbar seine Existenzberechtigung. Die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich dadurch immer stärker an Mechanismen der Sichtbarkeit und immer weniger an Kriterien der Bedeutsamkeit.

Eine Kultur, die ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich nach medialer Resonanz organisiert, läuft Gefahr, das Wesentliche mit dem Lautesten zu verwechseln. Schnelligkeit ersetzt Nachdenklichkeit, Reichweite tritt an die Stelle von Tiefe, Empörung verdrängt differenzierte Urteilsbildung. Unter solchen Bedingungen wird Weisheit leicht für unpraktisch gehalten, weil sie sich der Logik permanenter Beschleunigung entzieht. Tatsächlich ist gerade ihre Langsamkeit Ausdruck einer anderen Form von Rationalität. Sie nimmt sich die Freiheit, Zusammenhänge wahrzunehmen, bevor sie urteilt. Daraus ergibt sich eine anspruchsvolle Aufgabe für jede demokratische Kultur. Eine Gesellschaft lebt nicht allein von funktionierenden Institutionen, sondern ebenso von ihrer Fähigkeit zur Reflexion. Sie benötigt Räume, in denen nicht ausschließlich über Effizienz, Wachstum oder Macht gesprochen wird, sondern ebenso über Verantwortung, Menschenwürde, Vertrauen und den Sinn gemeinschaftlichen Handelns. Diese Fragen lassen sich weder delegieren noch automatisieren. Sie verlangen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, über die Grenzen ihres jeweiligen Systems hinauszudenken.

Weisheit ist deshalb keine zufällige Begleiterscheinung kultureller Entwicklung. Sie entsteht nicht automatisch mit wachsendem Wissen, technologischem Fortschritt oder wirtschaftlichem Wohlstand. Im Gegenteil: Je größer der verfügbare Wissensbestand wird, desto dringlicher wird die Fähigkeit, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden. Genau an dieser Stelle erhält Wissen durch Weisheit seine existenzielle Vollendung. Erst wenn Erkenntnis in verantwortliches Handeln übergeht, erfüllt sie ihren eigentlichen Zweck. Aus der Perspektive Viktor Frankls bedeutet dies, dass Wissen immer auf eine konkrete Sinnverwirklichung hin orientiert bleiben soll. Es genügt nicht, die Welt immer genauer zu beschreiben. Entscheidend ist, ob diese Erkenntnisse den Menschen befähigen, freier, verantwortlicher und menschlicher zu handeln, und dies in jeder Lebensphase. Im Kontext menschlicher Lebensendlichkeit wird eine weisere Grundhaltung zum Korrektiv gegen jede Form intellektueller Selbstgenügsamkeit. Wem bewusst ist, dass seine Lebenszeit begrenzt ist, wird Erkenntnis nicht um ihrer selbst willen anhäufen. Er wird vielmehr fragen, welche Einsichten geeignet sind, das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen auf Sinn hin zu vertiefen.