Hervorgehobener Artikel

FÜR IHR RECHT AUF EIN GELINGENDES LEBEN: KRISENPRAXIS
Seit Januar 2014 leisten wir mit unseren Impulsen und Anregungen einen Beitrag zur Entwicklung und zum Ausbau individueller Krisenkompetenz. Dabei stützen wir uns immer wieder auf die Sinntheorie des Wiener Psychologen und Menschenfreunds Professor Viktor E. Frankl. Die KrisenPraxis wird unseren Leserinnen und Lesern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Blog-Projekt endet wie geplant am 31.12.2021.

Dr. Ralph Schlieper-Damrich: (Jahrgang 1961) hat Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert und über 13 Jahre im leitenden Personal-, Bildungs- und Kulturmanagement gearbeitet, sich durch eine Vollausbildung in sinnzentrierter Psychotherapie zum Logotherapeuten und Existenzanalytiker qualifiziert. 2014 wurde er in Philosophie promoviert. Als Coach arbeitet er seit 1996, als Coachausbilder seit 1999, als Therapeut seit 2007 in eigener Praxis. Seine Arbeitsschwerpunkte im Coaching liegen in den Bereichen Krise und Krisenprävention, Werteentwicklung, Führungskultur und Kommunikationsästhetik. „Ich leiste einen Beitrag dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen“, stellt die Wirkung dar, die Ralph Schlieper-Damrich durch seine Leistungen erbringt. Anthropologisch und methodisch ist er der Sinntheorie Viktor E. Frankls nahestehend, dessen Theoriekonzept wurde von ihm als Erstem konsequent ins Coaching transferiert. Ralph Schlieper-Damrich ist Autor von fünf Coachingbüchern, er lebt und arbeitet in Augsburg.

 

Sinn und Arbeit

Sinn und Arbeit – welch ein riesiges Thema in unserer heutigen Zeit. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht, wie Arbeit einem selbst einmal Sinn machte. Heute ist für viele Menschen die Suche nach Sinn echte Arbeit. Man sucht und sucht und fragt sich, warum man ihn nicht (mehr) findet. Wenn uns das Empfinden einer ‚Sinnfindungsstörung‘ bei unseren Klienten begegnet und wir uns erklären lassen, worin die tägliche Arbeit besteht, so findet sich häufig ein nachvollziehbarer Grund. Es besteht im Dilemma zwischen Transzendenz und Transformation.

Menschen wollen sich auf einen ‚Gegenstand‘ transzendieren, auf etwas, was sie in ihrer ‚Welt‘ entdecken und das ihnen förmlich innerlich zuruft: Du bist gefragt! Ich – Dein Gegenstand – ist das, worauf Du Dich beziehen sollst, mit Deinen Fähigkeiten, Gaben, Talenten, Deinem Wissen, Deiner Kompetenz. Ein solcher Gegenstand kann alles Mögliche sein, im Beruf aber ist es meist das Aufgabenfeld, dem man sich gewachsen fühlt, das man sich ausgewählt hat, für das man sich qualifiziert und weitergebildet hat, in dem man Bescheid weiß. 

Transformationen – und derer gibt es viele und schnelle, zum Beispiel durch Technologiefortschritte, Geschäftsexpansionen, New Work Konzepte, Prozessentwicklungen, Wegfall beruflicher Arbeitsfelder und Rollen usw. – entziehen dem arbeitenden Menschen heute immer mehr die ‚Gegenstände‘. Was gestern noch individueller Gegenstand war, ist heute angesichts wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Herausforderungen zunehmen obsolet. So schnell, wie die Gegenstände verschwinden, so schnell entstehen zwar auch neue, nur eben allzu oft für andere Menschen. Das war an sich schon immer so, nur nicht so ‚überall, hyperschnell und ausnahmslos‘. Sinnvolle Arbeit zu finden wird damit zur eigentlichen Arbeit und das, was der Mensch jeden Tag so arbeitet ist mehr oder weniger eine Arbeit auf Abruf, ein Job, eine Beschäftigung, ein Mittel zum Zweck (meist zum Zweck des Überlebens). Sicher, es gibt berufliche Rollen, die Menschen ausüben, die ihrerseits mit dieser Dynamik kein Sinnproblem haben. Wieder andere Menschen, die an sich kein Sinnproblem haben sollten (man denke an Kirchenvertreter), sägen durch ihr kriminelles Verhalten den Sinnast eigenhändig ab, auf dem sie sitzen und damit verbunden auch noch den Sinn, den andere Menschen mit diesen Rollen für ihr eigenes Leben in Verbindung bringen. 

Trotz allem bleibt die Befriedigung des Sinnbedürfnisses die stärkste Motivationsquelle für jeden Menschen. Versiegt diese Quelle im Berufsleben, dann verkümmert Arbeit immer mehr zum ‚Zeiteinsatz zum Gelderwerb‘. Dieser Verfall verläuft zudem umso schneller, je weniger der Einzelne die Kontexte der Transformationen versteht – denn um sie zu verstehen, braucht es immer mehr inhaltliche Kenntnis über neue Technologien, über die Veränderung von und in Märkten, von Szenarien, Kenntnisse eben, die vielen Menschen schwerfallen aufzubauen. Also bleibt man verständnislos und sinnleer zurück und hofft darauf, dass ein Wunder geschieht und jemand vorbeischaut und eine Tüte Sinn bereithält. Dass ein solcher Heiland zuweilen in Führungspersonen gesehen wird, mutet wie das Festhalten an einem Strohhalm an. Ihnen wird zugetraut, dazu beizutragen, den ‚Purpose‘ [den Zweck der Transformationsdynamik] zu vermitteln. Sie sollen ihren Mitarbeiternden die ‚Bedeutung‘ lehren, die all das ‚überall, hyperschnell und ausnahmslos‘ hat. Und damit das gelingt, stopft man sie in Trainings mit klangvollen Begriffen wie Empathie, Resonanz und Achtsamkeit – allzu oft ohne mit den Führungskräften zuerst einmal zu klären, worin diese die Bedeutung ihrer Führungstätigkeit sehen. Kommt diese Frage nicht in einen Diskurs, stehen Führungskräfte vor einem komplexen Problem: Sie sollen einen Sinnfindungsbeitrag für ihre Mitarbeitenden leisten, sie sollen ihre eigene Rolle als sinnvoll ansehen und sie sollen eine sinnvolle Führung gestalten. Für Letzteres finden sich in der aktuellen Führungsliteratur auf breiter Linie Verhaltensleitplanken. Sinnvolle Führung beweist sich dort insbesondere durch eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Menschen und Situationen (man könnte vereinfach sagen: sinnvolle Führung bedingt, Menschen zu lieben und der Welt offen gegenüber zu stehen), ein Streben nach Selbsterkenntnis (vereinfacht: sich nicht aus dem Feld des Lernens zu nehmen und sich eigener Grenzen stets bewusst zu sein), moralisch vorbildlich zu handeln (vereinfacht: einen normativen klaren Rahmen im Verhalten und in Handlungen heranzuziehen), den geführten Menschen eine persönliche oder berufliche Unterstützung anzubieten und über den Einzelnen hinaus auch das Gefühl für die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Arbeitsengagement zu fördern.

All das kann man in der Führungsarbeit von Führungskräften beobachten – dennoch ist damit noch nicht gesagt, ob ebendiese Führungskräfte ihre eigene Führungstätigkeit im situativen und systemischen Kontext ihres Unternehmens als sinnvoll erachten, geschweige, ob sie ihre derartig gelebte ’sinnvolle Führung‘ mit den Arbeitsplatzmerkmalen ihrer Mitarbeiter in Kohärenz wahrnehmen (in unserer Coachingpraxis hören wir gerade jetzt in der Coronazeit ein solches Kohärenzdefizit, wenn Führungskräfte berichten, dass ihr Beziehungsgeflecht zu ihren Mitarbeitenden bedingt durch Homeoffice-Tätigkeiten gerissen ist oder zu reißen droht).

Der eigenen Führungstätigkeit das prädikat ’sinnvoll‘ zuzuschreiben meint, neben den objektivierbaren Fähigkeiten, sinnvoll führen zu können, immer wieder die subjektive Erfahrung zu machen, dass der Wert der Führungstätigkeit eigenen Idealen und Grundüberzeugungen entspricht. Dass diese Überzeugungen jedoch nicht zwingend von denen goutiert werden, die die Führungstätigkeit der Führungskraft bewerten ist bekannt und wird leider allzu oft zum Anliegen, das unsere Klientinnen und Klienten im Krisencoaching bearbeiten wollen. Ein Ergebnis in diesen Coachings ist meist, dass die Klienten erkennen, dass sich auch die Führungsrolle in einer Transformation befindet, ergo es quasilogisch ist, dass der Versuch, den selbstbewusst der eigenen Rolle zugeschriebenen Wert von anderen Personen [hier insbesondere den eigenen Vorgesetzten] ‚gewertschätzt‘ bekommen zu wollen, scheitern muss. Dieses Problem zu lösen, gelingt nach unserer Erfahrung leichter, wenn die Führungskraft weniger die Verwirklichung eigener Ideale zum Maßstab des eigenen Sinngefühl macht als ganz basal nur das im Führungshandeln zu tun, was in der Lage ist, andere [hier in der Regel die Mitarbeitenden] wachsen zu lassen. Das jedoch zu können, bedarf einer anderen, neuen Form des Gesprächsführung, nämlich der Wertekommunikation und der Sinnvereinbarung.

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen:
– Der Tag des Geborenwordenseins
– Der Tag, ab dem der Mensch erkennt, wofür er lebt
– Die Tage, an denen der Mensch fühlt, worum es ihm geht
– Die Tage, an denen der Mensch von Jemand oder Etwas existenziell Abschied nimmt und erkennt, dass alles im Verantwortethaben unverlierbar geborgen bleibt.

Grafik aus Schlieper-Damrich, Ralph [2020]: Coaching des Todes

Gefundener Sinn eskaliert sämtliche Zwecke

Als Logotherapeuten und Logocoachs arbeiten wir sinnorientiert. Also dafür, dass Menschen Wege zur Sinnerfüllung entdecken und die gefundenen dann beleben. Vor einigen Jahren, als wir noch Beratungsleistungen in und für Unternehmen erbrachten, stand eine andere Perspektive im Vordergrund. Damals wurde darüber gerungen, welchem Zweck die jeweilige Organisation in der Zukunft wohl zu dienen habe. Welchem gesellschaftlichen Zweck soll das unternehmerische Handeln untergeordnet werden? Bricht man diese Frage ganz weit herunter, so folgen die meisten Unternehmen dem Zweck, für die Bedürfnisse von Menschen einen Beitrag zu leisten. Wer Schrauben für Pipelines entwickelt, schafft ein Puzzleteil dafür in die Welt, um zum Beispiel die Wasserversorgung irgendwo auf der Welt zu verbessern. Am Ende (oder am Anfang) eines solchen Vorgehens steht etwas Gesolltes. Ein Sinn. Leiste einen Beitrag für den Lebenserhalt von Menschen.
Über alle erdenklichen vorangehenden Prozessketten hinweg hat nun der Metallbauer die Schraube in der Hand. Gefragt, wozu dieses Bauteil gut ist, wird er wohl mit seiner Expertise auf die Pipeline verweisen, dahinter wohl auf das Unternehmen, das damit Geld verdient, dahinter wohl auf ihn selbst, der damit auch sein Geld verdient. Und schon ist das Eigentliche (das Gesollte, der Sinn) aus dem Blick, das Wesentliche (das Worum geht es mir als Metallbauer) aus dem Gefühl und das Wichtige (das Warum fertige ich die Schraube) als Zweckdenken in den Vordergrund gerückt.

Sinn und Zweck stehen so sprachlich zwar oft eng zusammen, sind sich aber doch so fern. Will sagen: Erster ist in der Welt, er kann nicht gemacht oder konstruiert werden. Nach dem Zweiten kann sich eine Person ausrichten, muss es aber nicht. Nicht selten wird das Eigentliche gar nicht erst gesucht, sondern der Blick bleibt beim Zweck stecken. Dann denkt sich ein Unternehmen, dass es doch für sich genommen bereits sinnvoll wäre, das zwanzigste Joghurt auf den Markt zu bringen. Dass dieser unternehmensgemachte Denkfehler heute stärker denn je von Menschen – immer öfter auch gerade von denen, die in diesen Unternehmen arbeiten – gefühlt wird, ist für uns in Ausübung unserer Rolle offenkundig. Warum? Weil eben viele Menschen in der Therapie oder im Coaching nach dem Worum, nach dem Eigentlichen ihres Daseins fragen.

Unsere Klienten bringen ihre Sinnorientierung mit, weil sie fühlen, dass es da mehr geben muss als den reinen Zweck, der von Unternehmen kaschiert und als Sinn verkauft oder kommuniziert wird. Damit das Spiel gelingt, laden sie Menschen ein, sich doch selbst ihren Sinn zu konstruieren und tarnen dies dann als Aufruf zur Selbstverantwortung. Am Ende dieses Spiels bleiben dann oftmals Menschen als doppelte Verlierer zurück. Zuerst haben sie die Fähigkeit verlernt, das Eigentliche zu entdecken und dann verlieren sie das Gefühl, überhaupt die ihnen anempfohlene Selbstverantwortung übernehmen zu können, eben weil ihre Konstruktion von Sinn scheitert, da es ihn ja bereits gibt und er nicht konstruiert werden kann. Was letztlich übrigbleibt, sind seltsame Sprachverdrehungen, die auch dadurch nicht besser werden, nur weil sie massenhaft genutzt werden.

Aktuell ist es die (falsche) Nutzung des Begriffs ‚purpose‘ für Sinn, und wir als Logotherapeuten sind gespannt, was als nächstes kommt bis vielleicht irgendwann in grauer Zukunft es ein Einverständnis der ökonomischen Elite dafür gibt, endlich diesen Unsinn vom Sinn zu beenden und ‚sich einmal ehrlich zu machen‘. Ehrlich zu machen für den ‚Zweck‘ (purpose). Ein Unternehmen bezweckt dann einfach, mit seinen Schrauben Geld zu verdienen. Diesen Zweck kann sich auch jeder Mensch, der in einer solchen Unternehmung arbeitet, konstruieren. Egal, ob eine Schraube, ein Joghurt, ein Design, eine Finanzdienstleistung, ein Weihnachtsbaumengel – einem Zweck dienen alle Produkte und Dienstleistungen. Ob hinter diesen Zwecken etwas Eigentliches – ein Sinn – steht, das bleibt offen – wenngleich: er ist.

Und diesen Sinn, der ist, kann entdecken, wer über eigene Bewusstheit verfügt – entdecken kann Sinn also nicht ein Abstraktum, wie zum Beispiel ein Unternehmen. Rückt man als im Beruf stehender Mensch von seiner Sinnorientierung ab [vielleicht, weil man in den täglichen Aufgaben keinen wahren Sinn mehr entdecken kann], so bleibt [immerhin und hoffentlich] die Zweckorientierung. Legt man hier als basalen Zweck jeder Organisation das Überleben ebendieser Organisation zugrunde, dann wird in einem kapitalistischen System der Einsatz von Mitteln nachvollziehbar, die eher mehr als weniger einen Gewinn in Aussicht stellen. Keinen Gewinn zu erwirtschaften stellt irgendwann den Zweck des Vorhabens eines Unternehmens in Frage, niemals jedoch das per se gegebene Gesollte. Zum Beispiel keinen Gewinn mit Kohleabbau zu erwirtschaften, hat demnach irgendwann eine absehbare Folge. Dennoch wird damit das per se Gesollte [einen Beitrag zur umweltbewussten Energieversorgung zu leisten] nicht getilgt.

Jemand, der diese beiden, Sinn und Zweck, mit einem Kunstgriff zusammenfallen ließ, war Niklas Luhmann. Er stellte Sinn als etwas heraus, das für die Konstitution von sozialen Systemen nach seiner Sicht bedeutsam ist: „Mit dem Begriff Sinn soll eine bestimmte Selektionsweise bezeichnet werden, nämlich eine Selektion, die das ‚Woraus‘ der Wahl präsent hält und dadurch die Möglichkeit hat, ihre eigene Selektivität zu kontrollieren. Sinn ist punktualisierter Ausdruck für Komplexität, ist Reduktion und Erhaltung zugleich und genau dadurch für Systembildung adäquat, daß die Totalität des Möglichen nicht aufgegeben, aber rekonstruiert wird als dies (-und-anderes): als Selektion von Relevanz. Man kann sich vorstellen, daß diese Struktur sich einlebt als Konsequenz organisch bedingter kontinuierlicher Input-Überlastung.“ Einfacher ausgedrückt: Komplexität ist immer. Individuell ist sie zuweilen überlastend. Lasten gilt es punktuell zu mindern, weil eine allgemeine Entlastung der Dynamik von Systemen nicht entspricht. Damit das klappt, selektiert ein Mensch und nennt das dann Sinn. Hmm, warum nicht Zweck, denn es ist doch für das ‚Überleben‘ des Menschen zweckdienlich, ein Zuviel von Belastungen zu senken. Das wusste auch schon Viktor Frankl, wenn er dazu riet, Leid sofort zu mindern, wenn dies möglich ist – aber, wenn dies nicht möglich ist, das Leiden nicht als Selbstzweck zu verstehen, denn als eine Aufgabe zur Transzendenz.

Letztlich reiben sich alle Perspektiven, die Sinn zu etwas benutzen wollen, an der Sichtweise Frankls, bei der nicht der Mensch sein Leben zu befragen hat, was es denn Sinnvolles für ihn bereithält [ggfls. etwas, was die Komplexität in seiner aktuellen Lebenswelt reduziert], sondern dass der Mensch von seinem Leben befragt wird, was er in seine Lebenswelt hineinschaffen kann. Diese Perspektive ist damit grundsätzlich handlungs- und verantwortungsorientiert, nicht naiv oder weltfremd, weil es die individuellen Bedingungen, die Menschen haben, durchaus würdigt, nur sie eben nicht zum Maßstab dafür macht, dass ein Mensch sich diesen Bedingungen ohnmächtig hingibt. Luhmann versucht hingegen aus seiner Leitidee, alles sei Kommunikation, eine Sinngrenze dahingehend zu entwerfen, indem er auf ein Verhältnis von möglichen Aspekten (in der Umwelt) zu relevanten Aspekten (im betrachteten System) hinweist. Er versteht daher Sinn als „Bezugspunkt von Interpretationen, die ihrerseits als bestimmende Aneignung durch ein Subjekt begriffen werden.“ Was wohl so viel meint wie, der Mensch ist seines Sinnes Schmied, seine Interpretation zielen hin auf Sinn und letztlich: der Mensch macht sich mittels Kommunikation Sinn.

Wenn man Sinn derart utilitarisiert, darf man sich der Frage ausgesetzt sehen, inwieweit man damit dem Selbstoptimierungsstress innerhalb der Gesellschaft weiteren Vorschub leistet. Denn es liegt nahe anzunehmen, dass sich Unternehmen auf den Weg machen, ihren Mitarbeitenden die ‚Interpretation‘ des vermeintlich Sinnvollen zu ‚erleichtern‘, zum Beispiel durch ‚sinnstiftende Arbeitsumgebungen‘, ‚Feelgood-Abteilungen‘ oder andere Sinnigkeiten mehr. Ganze Heerscharen von Beratern und Think Tanks bemühen sich bereits darum, Unternehmern zwar deutlich zu machen, dass die Wahrnehmung von Sinn dem Subjekt vorbehalten sei, es aber vielleicht doch helfen könne, diese Wahrnehmung mittels Selektionshilfen zu erleichtern. Das dahinter stehende Menschenbild, das vielleicht auch verstanden werden kann als: Wir verstehen den Menschen als nach einer Vormundschaft seiner Sinnwahrnehmung strebenden Wesen, zeigt im Kern die Angst vieler Unternehmen an, Arbeitskräfte im hart umkämpften Wettbewerb zu verlieren.

Dabei wäre die Antwort doch einfach. Wir als Unternehmen wollen überleben, das ist unser primärer Zweck. Damit das gelingt, müssen wir etwas leisten, was Menschen, in welcher Rolle, wie und wo sie mit uns auch immer zusammenarbeiten, als bedeutsam und wichtig ansehen. Diesem Zweckdenken müssen wir unsere zweckdienliche Leistung zur Seite stellen. Fühlt sich ein Subjekt aufgerufen, das Zweckdenken eines Unternehmens in Frage zu stellen, so stehen kontextuell, situativ und systemisch verschiedene Wege der Kritik am Zweck zur Verfügung. In höchster Instanz jedoch kann ein Subjekt das, wofür er sich aufgerufen fühlt durch Anrufung an sein Gewissen geltend machen. In diesem Moment fühlt das Subjekt die Notwendigkeit, seine Einstellung nicht an einem Zweck, sondern an Sinn auszurichten. Kurz: Nicht die Summe aller, fraglos meist auch gut gemeinter Zwecke zum Erhalt von Leistungskraft, Wohlbefinden, Kreativität usw. ergibt Sinn. Vielmehr eskaliert gefundener Sinn alle Zwecke.

Wer sinnorientiert lebt, hat seine Weltoffenheit und den Sinn, den es in dieser Welt stets gibt, aktiviert. Wer Sinn in dieser Lebenswelt finden will, fragt nach dem Worum (hat es mir nun zu gehen). Wer dieses Worum kennt, ist kein besserer Mensch, aber – so unsere therapeutische Erfahrung – ein sinnorientiertes und selbstgesteuertes anstatt eines rein zweckbewussten Wesens, denn „bloßes Überleben kann nicht der höchste Wert sein. Mensch sein heißt ausgerichtet und hingeordnet sein auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. [Frankl]“

Fazit: Weltoffenheit und Zweckdenken sind in vorgestelltem Verständnis handlungssteuernd. Während das Erste jedoch ohne das Zweite auskommt, wird das Zweite ohne das Erste schnell zum Selbstzweck. Zweckdenken kann solange erfreuend auf eine Person wirken, solange sie psychisch [emotional und kognitiv] einzuschätzen vermag, einen bedeutungs- und wertvollen Teil zu einem Beitrag zu leisten, den sich ein [privates oder berufliches] System zum Ziel gesetzt hat. Ob das subjektiv Erfreuende sich im Hintergrund auf einen objektiven Sinn stützt, bleibt meist solange nichtthematisiert, bis sich die Person die Frage meint vorlegen zu müssen, worum es ihr jetzt zu gehen hat. Diese Frage unbeantwortet zu lassen, kann alsbald in verschiedene Formen dysfunktionaler bis pathologischer Selbstzweckorientierung führen. Sie sich immer wieder im Leben aktiv vorzulegen hingegen ist nach unserer Einschätzung die best-practice-Handlung im Sinne einer individuellen Krisenprävention.

Impfgewissen

To impf or not to impf – das scheint heut die Frage. Soll ich, soll ich nicht? Was ist das Gesollte, wer sagt mir das, was gesollt ist? Kann ich das Sollen wollen?

Das Gewissen gehört zur Grundausstattung eines Menschen und allemal einer freien und zur Verantwortungsübernahme vernunftbegabten Person. Die innere Stimme und der innere Kompass steuern die sittlichen Handlungsentscheidungen eines Menschen.

Für Sokrates (469·399 v.Chr.) war diese Stimme noch Ausdruck des Göttlichen, eine Stimme, die das Schlechte auf Distanz hält. Thomas von Aquin (1226-1274) war sich sicher, dass das Gewissen seinen Menschen nie­ in die Irre führen und Vernunft dann den Rest besorgen würde – vom Gewissen in die gewissenhafte Schlussfolgerung, von dort in die gewissenhafte Handlung, von dort in das gewissenhafte Urteil über die Handlung. Von diesem inneren Gerichtshof sprach auch Kant (1724-1804). Das innere moralische Gesetz müsse mit dem Be­wusstsein der Existenz zusammengehen und der Mensch habe seine aus Vernunft resultierende Pflicht zu erfüllen, so wie ein Gesetz für einen Menschen als ausführende Gewalt zu verstehen sei.

Weniger festgelegt beschrieb Marx (1818 – 1883) das Gewissen als Ergebnis einer individuellen Entwicklungsgeschichte. Und Nietzsche (1844 – 1900) sah im Gewissen gar die tiefste Erkrankung des Menschen und plädierte für die Abschaffung dieser Instanz. Diesen ‚Job‘ übernahm dann Hitler (1889 -1945), der das Gewissen als jüdische Erfindung geißelte und sich selbst auf das Podest des Gesetzgebers stellte, der dafür Sorge tragen würden, dass der Einzelne von der Last der freien Entscheidung entbunden würde.

Freud (1856 – 1939) verglich das Gewissen mit dem Über-Ich, durch das Triebwünsche des ‚Es‘ mittels Geboten und Verboten reguliert würden. Gewönne dabei dennoch das Es, so wäre das ’schlechte Gewissen‘ mit seinen Schuldgefühlen quasi Ausdruck des tiefen Wissens, dass die vollzogenen Handlungen an sich verboten seien.

Demgegenüber formulierte Fromm (1900 – 1980) das Gewissen einerseits als Funktion des Gehorsams, das vor Gefahren im Innen und Außen schützen soll. Andererseits habe das Gewissen die Funktion der Einsicht, mit der nach als richtig erkannten Grundsätzen gehandelt würde.
So interpretiert ist das Gewissen die grundlegendste Entscheidungsin­stanz, in der nichts mehr zur Verhandlung ansteht, sondern in der in reinster Weise nach den grundsätzlichsten aller Werte entschieden wird. Welche könnten das sein?

Glaube, Liebe, Hoffnung [Thomas von Aquin]
Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung [Katechismus der katholischen Kirche]
Tapferkeit, Freiheit, Güte, Gerechtigkeit [Herbart]
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sitte, Wissen, Wahrhaftigkeit [Konfuzius]

Oder man schlägt nach bei Kant und findet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.”

Viktor E. Frankl

Ansprache des Peinlichen

Wie soll ich einen Mitarbeitenden auf eine ‚Körper-Peinlichkeit‘ aufmerksam machen?
* zum Beispiel: jemand aus meinem Arbeitsteam riecht unangenehm nach Schweiß
* ich bin als Chef vielleicht bereits auch von Kollegen dazu angesprochen worden
* das Thema ist schwierig, tabuisiert, störend
* der oder die Betroffene hat womöglich hier einen „blinden Fleck“

Bewährt hat sich:
* frühzeitige Ansprache bevor sich das Verhalten oder das Körperphänomen manifestiert
* vertrauliches Gespräch unter vier Augen
* Wertschätzung und Ernsthaftigkeit gleichermaßen: ‚Weil Sie mir wichtig sind und weil Betriebsabläufe gestört werden, führe ich dieses Gespräch.‘
* in Ich-Aussagen sprechen
* keinen ‚Zeugen‘ nennen
* persönliches Gefühl aussprechen: ‚Ich fühle mich gestört …‘, Es ist mir unangenehm …. Ich bin irritiert…‘
* Beschreiben Sie Ihre Wahrnehmung konkret und nachvollziehbar: ‚Ich habe am … gemerkt …, Mir ist aufgefallen … ‚, Ich beobachte seit … ‚
* Brücken zur Selbsterkenntnis: ‚Man selbst merkt das häufig ja gar nicht…‘, sprechen Sie einmal mit Ihrem Partner, Freund, Freundin darüber … ‚
* Bieten Sie progressive Hilfestellung an: ‚Wie kann ich Sie unterstützen…‘
* Vereinbarung: ‚Wollen wir in vier Wochen noch einmal darüber sprechen …‘, ‚Soll ich Ihnen eine Rückmeldung geben, ob es sich verbessert hat oder nicht?‘

zu erwägen:
* gibt es eine noch geeignetere Person, die ein solches Gespräch führen könnte? Wichtig aber, dass die Person nicht erst aufmerksam gemacht werden muss, sondern die Störung selbst bereits artikuliert hat. Fehlt dies, führt man das Gespräch besser selbst.
* es mag besser sein, wenn Frau mit Frau und Mann mit Mann ins Gespräch über solche Themen gehen. Jedoch: Wenn Sie Ihrer Vorgesetztenrolle gerecht werden wollen, dann gehört ein solches Gespräch zu Ihrem Verantwortungsbereich.

Sinnvoll ist:
– was eine überragende Chance hat, Gutes zu bewirken
– was das Wohl aller Beteiligten betrachtet
– was frei ist von selbstsüchtiger Motivation
– was im Hier und jetzt äußerst konkret ist
– was nicht über- und nicht unterfordert
– was einem die Kraft, es zu wollen, zufließen lässt.

Elisabeth Lukas

Thought Leadership

Endlich, wie lange haben wir darauf gewartet, ein neues Buzzword für die Wirtschaft: „Thought Leadership“. Das meint soviel wie ‚Meinungsführerschaft in einer Vordenkerrolle‘. Die außerordentliche Expertin ihres Fachs, die Autorität in seinem Thema, der Innovator des Inhalts – wer diese Hüte auf hat, der ist der Tank des Thinks. In einer suchenden Welt ein reizvoller Gedanke, sich an die Lippen eines Thought-Leaders zu heften. Dabei: Die Gedanken sind frei und jeder Mensch ist verantwortlich und selbstverpflichtet, aus dem Misthaufen des medialen Stalls diejenigen goldenen Ähren zu ziehen und zu veredeln, die sinnvolles (wirtschaftliches) Handeln begründen können. Wer solche Ähren bereitstellt, leistet einen Dienst an der Gesellschaft und wer von dieser dann als Vordenker gewürdigt wird, hat sich bereits verdient gemacht. Wer sich jedoch selbst zum Thought Leader meint aufschwingen zu können, verkennt doch deutlich die Sensibilität derer, die bereits heute in der Lage sind, das Wortgehämmer der selbsternannten Premium-Knowledge-Worker auszublenden und auf die Suche nach den Denkpartnern zu gehen, die lautloser etwas Wesentliches zu sagen haben. So wird also auch dieser Begriff dereinst wieder im Orkus des Manager-Blabla verschwinden, aber bis dahin sicher noch ein paar Bäume für irgendwelche Bücher verdauen und selbstgekrönten Leader-Leuten Hoffnung auf Gehör verschaffen, die an sich für die, die Wesentliches zu entscheiden haben, nichts von Bedeutung zu vermitteln haben.