Systemischer Denken

Alles hängt mit allem zusammen. Einen Schritt nach links zu gehen bedeutet, dass rechts ein Platz freigeworden ist. Man kann das Eine nicht ohne das Andere denken. Sätze wie diese ermuntern zu einer Denkart, die für viele Menschen ungewöhnlich, fremd, unnötig oder aber einfach nur lästig erscheint. Der, der nach einer schnellen Wenn-Dann-Antwort sucht, fühlt sich unter Stress gesetzt, wenn systemischer, in Abhängigkeiten, Ambivalenzen, Unterschieden oder Wundern gedacht wird.

Wenn ich Appetit auf ein Ei habe, aber das Eierfach im Kühlschrank ist leer, dann mag die Lösung einfach sein [so ähnlich wie hier]. Wenn das Problem aber komplex, kompliziert und womöglich  auch noch dynamisch sich verändernd ist? Dann bewährt sich die Fähigkeit zum systemischeren Denken. Ein Mangel dieser Fähigkeit zeigt sich in akuten Belastungsereignissen wie Schadensfällen, Unfällen oder Verlusten dadurch, dass die versuchten Lösungswege nicht wirklich erfolgreich sind, man sich immer häufiger von eigenen Handlungen oder Entscheidungen distanzieren oder sie revidieren muss, man sich immer mehr in Einzelheiten verstrickt. Dazu kommt oft die Vorstellung, dass dem Problem eine einzige Ursache zugrunde liege und man dieser Ursache mit einer einzigen Methode zu einer bestimmten Wirkung verhelfen könne. Die Folge von diesem Denken ist der berühmte Tunnelblick.

‚Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind‘. Das wusste schon Einstein. Anders ausgedrückt: Wenn ich A nicht erreiche, weil mir B im Wege steht, dann ist es in komplex-kompliziert-dynamischen Kontexten ungünstig zu denken, A erreichen zu können, weil mir C nicht im Wege steht. Das können Sie ja einmal durchdenken …

Spruch des Tages

„Anfangs wollt ich fast verzagen,
und ich glaubt, ich trüg es nie;
Und ich hab es doch getragen –
Aber fragt mich nur nicht, wie?“

Heinrich Heine (1797-1856)
Buch der Lieder, VIII, 1827

Warum man im Leben zuweilen scheitert

Wir haben diese Frage über Jahre unseren Klientinnen und Klienten in unserer Logotherapie-Praxis gestellt, und nach nunmehr einigen Hundert Antworten ging es ans Bündeln. Diese sieben Kriterien konnten wir herausdestillieren:

  • Überanpassung an ‚Fremdmotivatoren‘, kollektive Meinungen darüber wie man zu sein hat, Feedback, Zeitgeist, Spaßgesellschaft
  • Zulassen der ‚Oberhand‘ der Psyche, also der Gefühle und-oder Gedanken, der Triebe bei dadurch gleichzeitigem ‚Aus-dem-Blick-geraten‘ des eigentlich Wesentlichen und Geistigen [Mangel an Sinnwillen durch Zulassen psychischer Routinen]
  • Selbstoptimierungs- und Machbarkeitswahn, der die Fähigkeit unterdrückt, zu akzeptieren was ist [körperlich, sexuell, beruflich, genetisch, …]
  • Mangelhafte Kenntnis der wirklich eigenen Werte [Lernträgheit]
  • Unzureichende Trennungskompetenz – gilt für alle Lebensbereiche
  • Irrige Annahme, man könnte darauf warten, dass die Entwicklung anderer das eigene Leben erleichtern wird
  • Unfähigkeit, sich präventiv mit dem ‚Life in Progress‘ zu befassen – an sich kann individuelles Scheitern in einem nicht geringen Umfang bereits vorhergesehen werden

Wenn Sie fühlen, dass das Risiko zu Scheitern bei Ihnen langsam aber sicher zunimmt, dann empfehlen wir Ihnen das Gespräch mit einem Werte- und Sinncoach oder einem Logotherapeuten in Ihrer Nähe.

Man kann nicht allen alles erklären, insbesondere dann nicht,
wenn es den Fundamenten ihrer Weltanschauung widerspricht.

Das Dumme dabei ist nur, dass viele, die ihre Weltanschauung kommunizieren, nicht in der Lage sind, ebendiese samt ihrer Herkunft, ihrer aktuellen Bedeutung für die eigene Lebensführung und hinsichtlich ihrer Konsequenzen anderen zu erklären. Wenn dies jedoch nicht geschieht, dann darf sich eine solche Person nicht wundern, wenn ihr Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Aber wer sich darüber erregt, dass ihm ebendieses widerfährt, kann sich jederzeit entscheiden: entweder der Verbleib in der selbstverschuldeten Unmündigkeit oder der Aufbau einer zeitgemäßen Vernunft. Erstes ist einfach, zweites ‚kostet‘.

„Niemand hat mich je verstanden, bis auf einen,
und auch der hat mich nicht verstanden.“

Georg W.F. Hegel zugeschrieben

Wenn es mal wieder einiges zu beklagen gibt

Vor kurzem habe ich einen cholerischen Klienten über seine Mitarbeitersituation sprechen hören. Da blieb kaum ein gutes Haar an jedem übrig. Da habe ich ihm eine kleine Intervention angeboten: Er wurde gebeten, sein Anliegen auf ein Blatt Papier zu schreiben und dann je nach Anzahl der mit dem Anliegen verbundenen Personen entsprechende Spalten anzulegen. In den Spalten steht für jeden Beteiligten (hier 5 Mitarbeitende, 1 Chef, 2 Kollegen) ‚Du deins‘, in der letzten Spalte dann ‚Ich meins‘
Du deinsDu deinsDu deinsDu deins ……. Ich meins
Der Klient schrieb nun genau auf, welche Anteile jeder an der Situation hatte, lernte so zu differenzieren und personenbezogen Lösungsanteile herauszuarbeiten. In der Folge hat mein Klient erkannt, dass Pauschalierungen sowieso nicht weiterbringen, sondern nur das ganze System verhärten und dass Lösungsprozess auch gut auf mehrere Personen verteilt werden können („jetzt bleibt der Scheiß wieder nur an mir hängen“ – dieses Anfangs-Empfinden des Klienten war nach dieser Intervention kein Thema mehr).

Bluff

Der Roman der Dänin Janne Teller ist schon ein paar Jahre alt und doch aktueller denn je. Viele junge Leute fragen sich im Schatten von Corona, welchen Sinn das Dasein eigentlich noch hat. Sich derart verloren zu fühlen, ‚da zu sein‘ und sich doch mit dem Absurden der Welt nur widerwillig auseinander setzen zu wollen, ist ein seelischer Zustand, dem wir in der Psychotherapie nur allzu häufig begegnen. Kierkegaard, der große dänische Existenzialist und Kenner der Angst, hat schon im 19. Jahrhundert diesen Schmerz beschrieben und philosophisch verarbeitet.

Wenn ein Mensch, wie der Protagonist in Tellers Roman, sich sicher ist, dass das Leben schlicht zu nichts nützt, kein Hahn so wirklich danach kräht, ob es einen gibt oder nicht, wenn aller Sinn reine Illusion und Spekulation ist, schlicht ein Bluff, dann muss man sich irgendwann einmal die Augen reiben, hinschauen und verzweifeln. Oder, wenn man diese Kurve noch einmal kriegen will, dann entscheidet man sich für Gott, wenn man glauben kann, ihm die eigene Existenz zu verdanken. Wenn aber auch das nicht so richtig funzt, dann hilft nur die Idee, dass alles einfach nur ein kosmischer Witz des Zufalls ist. Und über Witze lacht man, so wie man es auch an einigen Stellen im Roman ‚Nichts‘ tun kann. Wer sich philosophisch auf den Roman vorbereiten will, der sei eingeladen, zuerst Kierkegaard, Sartre und Camus zu verdauen und nach dem Roman einen Blick in die Bücher von Viktor Frankl zu werfen. Vielleicht kommt einem da eine andere Form der Besinnung, die einen unabhängiger macht von Angst, Gott oder dem Verlachen der Welt.  

Was ist eigentlich ein ‚gelingendes Leben‘?

Wir haben diese Frage über Jahre unseren Klientinnen und Klienten in unserer Logotherapie-Praxis gestellt, und nach nunmehr einigen Hundert Antworten ging es ans Bündeln. Diese sieben Kriterien konnten wir herausdestillieren:

Gelingendes Leben ist
– selbstverantwortet
– in einer passend dimensionierten sozialen Gruppe stattfindend
– handlungermöglichend und weder über längere Strecken über- noch unterfordernd
– weltoffen und multithematisch
– friedensbasiert
– hinreichend gesund
– sinnverantwortlich

Wir wünschen Ihnen ein ebensolches Gelingen.

Individuelle Digikrise

2012 betrug der tägliche digitale Fußabdruck eines Menschen, selbst derer, die gar nicht online waren, um die 500 Megabyte. In 2025, schätzt der Economist, dass der tägliche Fuß bereits 62 Gigabyte betragen wird.

Was Michal Kosinski hier in einer Google-Konferenz darstellte, meint das immer feiner werdende psychometrische Abbild des Individuums im Web. Dass jede Nutzung eines digitalen Endgerätes die virtuelle Textur eines solchen Abbildes verbessert, ist vielen Menschen durchaus bewusst. Auch, dass all diese Daten ausgeschlachtet werden – längst nicht mehr nur für Werbung für Sahnetorten, sondern auch für politische Wahlen, das Abtasten möglicher Widerstände gegen Großinvestitionen oder für die Prognose menschlicher Verhaltensmuster in Krisen. Das alles vermag die Statistik von Big Data. Sie können Avatare erzeugen, kriminelle Energien bei einzelnen Menschen herausmessen oder Personalentscheidungen bei Auswahlprozessen beeinflussen. Wie meist spannt sich der Diskurs über diese Entwicklungen auf zwischen Chance und Risiko, zwischen Staunen und Ablehnung, zwischen Whow und oh weh.

Sieht man einmal von der erforderlichen gesellschaftlichen Debatte über die Grenzen von KI, Digitalität und Virtualität ab, so stellt sich individuell die Frage, in welchem Maße man meint sich vor dem Einfluss des Big Brother schützen zu müssen. Diese Frage oszilliert je nach persönlichem Wertesystem, beruflichem Hintergrund, technologischem Knowhow und dem Grad der Grundgelassenheit. Verliert eine Person diese tiefe Gefühl der Gelassenheit, so können Angst, eine eher paranoide Wahrnehmung der Umwelt, zwanghaftes Bemühen um Sicherung der eigenen Datenhoheit oder – bei hoher IT-Affinität – überwertige Ideen im Kontext der Abwehr potenzieller Datenabgriffe oder Firewallentwicklungen stehen. In der weiteren Steigerung erleben wir im therapeutischen Feld individuelle Fehlentwicklungen in Richtung sozialer Isolierung und Zusammenbruch von Partnerschaften bei einseitiger Fokussierung auf potenzielle Gefahren durch Beobachtung und Datenauslesung sowie der Folge zuweilen stark depressiver Episoden. Hilfreich ist in einem solchen Zusammenhang eine verhaltenstherapeutische Begleitung zur Wiederherstellung eines lebensdienlichen Ausgleichs zwischen Vorsicht und Leichtigkeit – je nach Dauer, Schweregrad dieser psychischen Beeinträchtigung und der systemischen Auswirkungen auf mittelbar betroffene Personen im familiären, beruflichen und freundschaftlichen Bereich kann eine solche Begleitung sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.