Charakterperspektiven

Ein weites Arbeitsfeld im Kontext psychotherapeutischer Menschenbilder besteht in der Theorie der Entwicklung von Charakter. Dabei lag vor hundert Jahren der Schwerpunkt darauf, pathologische Charakterzüge ausfindig zu machen und zu beschreiben. So schrieb einst Wilhelm Reich, zum ‚phallisch-narzisstischen Charakter gehören fast alle Formen der männlichen und weiblichen Homosexualität, Paranoia und die verwandten Formen der Schizophrenie sowie manifest sadis­tisch-perverse Männer‘. Was heute in diesem Kontext längst wissenschaftlich überwunden ist, hatte seinerzeit gesellschaftliches Spaltungs- und therapeutisches Selbstüberschätzungspotenzial.

Heute sind dank der Einflüsse insbesondere der Verfahren der Humanistischen Psychologie Therapeuten weniger analysierend und deu­tend unterwegs, sondern mehr und mehr ganzheitlicher und empathischer in ihrer Rollenausübung. Dies wiederum hat Auswirkungen darauf, wie ein Therapeut auf das Charakteristische einer Person schaut, die über ihre psychischen Belastungen berichtet.

Eine Perspektive besteht dabei darin, das ‚Warum‘ eines Charakterstils zu beantworten. Der amerikanische Psychologe Daniel Stern zum Beispiel sieht im Charakter eine Art Bewältigungsstrategie für den Umgang mit Mängeln der Bedürfnisbefriedigung. In der körpertherapeutischen Arbeit, zum Beispiel nach dem tiefenpsychologischen Konzept des Hakomi, entspricht der Charakter einem äußerlich beständigen und innerlich dynamischen Persönlichkeitsgebäude, das über den Körper die Steuerung anzeigt, mit der ein Mensch Belastungssituationen, insbesondere aber die jeden Menschen konfrontierenden Grundthemen, verarbeitet. Für das Hakomi-Konzept sind dies die Themen Abhängigkeit, Sicherheit, Authentizität, Wert und Sicherheit. Beim Thema ‚Sicherheit‘ beispielsweise wird über die Betrachtung der Instanz ‚Körper‘ herausgearbeitet, wie charakteristisch ein Mensch auf die Fragen antwortet, wie und wie sehr er sich der Welt anvertraut, wie er Nähe und Distanz gestaltet, welche Lebenserfahrungen auf das Konto Eingebunden-sein, Sicher-sein versus Isoliert-sein, Bedroht-sein eingezahlt haben.

In der existenzanalytischen Arbeit im Rahmen der Logotherapie wird mit dem Begriff des Charakters anders umgegangen. Den Hintergrund dafür bildet in den 1930er Jahren die Tätigkeit Frankls in einem psychiatrischen Krankenhaus in Wien. Dort sprach er mit Hunderten sehr kranker und schwer depressiver Personen und verglich diese Gespräche mit denen, die er mit gesunden Personen führte. Das Ergebnis war interessant, denn auch diese berichteten durchaus von traumatischen Situationen, Enttäuschungen und psychischen Verletzungen. So erkannte er, dass es sowohl  pathogene als auch protektive Faktoren geben musste, die in der Lage waren, als Schutz vor starker psychischer Belastung zu fungieren. Er sah, dass offenkundig Sinnfindung und Sinnerfüllung zu diesem Schutz führten, in dem die Personen weniger auf erlittenes Leid zurückblickten, sondern vielmehr auf die Gestaltung der Zukunft schauten, initiativ blieben, selbst dann, wenn genetisch veranlagte psychische Charakter-Dispositionen wie zum Beispiel eine Sucht- oder  Depressionsneigung gegeben waren. Frankl konstatierte: einen Charakter hat man, aber er ist nicht essentiell. Wesentlich ist, sich das Selbstgestaltungspotential zu erhalten oder – wie es Frankl metaphorisch einmal ausdrückte – : Die genetischen Anlagen und die diversen Umwelteinflüsse sind wie Baumaterial, das individuell zur Verfügung steht. Manche Menschen haben eine Fülle guten Materials, andere weniger. Doch das ist nicht das Bedeutende. Bedeutend ist, was der Einzelne aus dem, was er hat, macht. „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet“, hat Frankl gesagt. „Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“

Gute Kommunikationsvorsätze für 2022

Krise, Konflikt, Covid, Katastrophe – auch das kommende Jahr wird munter. Psycho-Post-Covid-Symptome werden zunehmen und jeder, der alles mit guter Gesundheit und Resilienz gemeistert hat, kann einen Beitrag dafür leisten, dass es anderen Menschen psychisch auch wieder besser geht. Dazu gehört natürlich: Kommunikation. Und hier nun insbesondere: Das Hinhören.

Wenn Sie dies vermeiden, hilft es Ihrem Gesprächspartner (in schweren Lebenslagen insbesonders):

1) Das Thema des Gesprächspartners als uninteressant, normal, langweilig … bezeichnen
2) Die Sprechweise des Gesprächspartners kritisieren – vielleicht ringt er nach Worten oder er springt in seinen Aussagen oder er stellt die Themen nicht logisch dar
3) Gereizt auf den Gesprächspartner reagieren, wenn Sie seine Meinung nicht teilen
4) Die Gefühle in den Aussagen des Gesprächspartners überhören und nur nach Tatsachen fragen
5) Zuhören, aber gedanklich bei anderen Themen sein oder sich parallel mit anderen Sachen beschäftigen
6) Unangenehmen Themen des Gesprächspartners ausweichen
7) Sofort bereits wissen, was der Gesprächspartner benötigt
8) Den Gesprächspartner unterbrechen, um schneller zu einem Fazit zu gelangen

„Postmoderne ist die erregende Freiheit, jedes beliebige Ziel zu verfolgen und die verwirrende Unsicherheit darüber, welche Ziele es wert sind, verfolgt zu werden.“

Zygmund Baumann

Kein Plädoyer für Selbstreflexion

Wussten Sie das schon? Der Begründer einer der weltweit größten psychotherapeutischen Schulen, Prof. Dr. mult. Viktor Frankl, hielt Selbstreflexion für wenig hilfreich. Wie das? Wird doch in jeder Psychotherapie gerade dazu angeregt. Seltsam, oder?
Die Begründung ist gar nicht mal so schwierig zu verstehen. In Frankls Menschenbild wird dargelegt, dass grundsätzlich nicht über die Person gesprochen werden kann, sondern nur zu ihr. Zu ihr zu sprechen meint, dass ‚Person‘ keine feststellbare, beobachtbare oder substantielle Größe im Menschen ist. Vielmehr ist das Wesen der Person ihre ‚Selbsttranszendenz‘, ihr ‚Über-sich-Hinausgehen‘. Nur wenn sich der Mensch auf etwas oder jemanden ausrichtet, das nicht wieder er selbst ist, ist er ganz Mensch und wird zur Person. Selbstreflexion hingegen verhindert dies, vielleicht nicht immer, aber allemal dann, wenn ein Mensch eine psychisch belastende Lebensphase durchläuft. Gerade dann ist es nicht die ‚Methode der Wahl, sich mit sich selbst über Gebühr zu befassen. Learning: In einer Krise lassen Sie am besten die Finger vom Regal mit den Büchern über Selbstreflexion und Selbsterfahrung. Sie werden damit nicht weiterkommen.

Im Gegenteil: Gehen Sie auf Ihre Lebenswelt zu. In der Hingabe an die Aufgaben der Situation richtet sich der Mensch aus auf ein potenziell gelingendes Leben in der Zukunft. Prospektiv, statt retrospektiv – auch, wenn es leichter erscheint, sich mit dem bekannten Vergangenen zu befassen als mit dem noch unbekannten Leben, das von vorn kommt.

Diese Perspektive einzunehmen ist für viele Menschen im ersten Moment fordernd. Manche haben den Eindruck, in der Logotherapie dürfte man nicht bedauern, betrauern, beklagen, betroffen sein. Doch, natürlich, das darf man. Jedoch mit einem etwas anderen Akzent und zwar nicht mit dem Schwerpunkt: warum ist geschehen, was ich da bedaure, betrauere usw., sondern mit worum hat es mir nun zu gehen, wenn ich bedauere, betrauere, dass usw.  Nicht das Vergangenheits-Warum, sondern das Zukunfts-Worum führt den Menschen wieder ins Person-Sein. Für diesen Perspektivenwechsel sind in der originären Logotherapie mannigfaltige Methoden verfügbar. So Sie also einmal in einer Krise stecken, dann wenden Sie sich gerne an eine logotherapeutisch qualifizierten Gesprächspartner.

„Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst-übersieht und vergisst.“ (Frankl). Mit diesem Menschenbild ergibt sich, dass sich der Mensch nicht selbst zum Gegenstand der Erfahrung machen soll: „Aber nicht nur, dass eine vollendete Selbstreflektion nicht gekonnt wird: sie wird auch nicht gesollt; denn es ist nicht Aufgabe des Geistes, sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln. Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet-und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, sei es auf jemanden….“ (Frankl)
Gelingt ihm dies nicht und bleibt der Mensch in der Selbstbespiegelung stecken, dann verfehlt er sich und seine Möglichkeiten, etwas in die Welt zu schaffen. Die Folge davon ist die Erfahrung einer inneren Leere (Frankl nennt dies „existentielles Vakuum“). Der damit verbundene Stress führt den Menschen immer stärker in die Selbstbespiegelung, in die Hyperreflexion und mit ihr in eine ‚Sucht‘, das negative Zustandsgefühl irgendwie auszugleichen. Mit einem solchen Zustandsgefühl zum Beispiel in der Angst, des Ärgers, der Bedeutungslosigkeit, der Lustlosigkeit usw. kommt der Mensch dann vielleicht in die Logotherapie und lernt: „Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon“ (Frankl)

Negative Zustandsgefühle sind ihrer Natur nach Begleitphänomene eines missglückten Strebens nach Sinn. Kann sich ein Mensch von ihnen nicht distanzieren, stellt sich nach und nach das Empfinden innerer Verarmung ein. Dieser Zustand ist ungesund und selbstschädigend, wenn es dem Menschen nicht gelingt, seine ‚psychische Nabelschau‘ (Frankl) zu beenden und sich vielmehr dem zuzuwenden, was ihm seine Lebenswelt als Aufgabe für gelingendes Leben vorlegt. Die Logotherapie sieht in jedem Menschen ein primäres Streben nach Sinnverwirklichung. Gewinnt jedoch die Hyperreflexion des Psychischen die Oberhand, dann verschließt dies den möglichen Blick auf das, worum es dem Menschen in seiner Lebenswelt gehen sollte. Diesen Blick wieder zu eröffnen ist kein ‚Hexenwerk‘, im Gegenteil: Häufig liegt das Sinnvolle direkt vor den Füßen des Menschen, er müsste nur einen Schritt nach vorn gehen anstatt sich selbstbeobachtend von der Welt abzuwenden und sich in seinen Zustandsgefühlen zu vergraben. Selbstreflexion kann daher einen Menschen von seiner existentiellen Bestimmung wegführen und damit der Auslöser für seelische Krankheitsphänomene werden.

Wer nun immer noch glaubt, sich ’selbst‘, seine Subjektivität durch Beobachtung erfahren zu können, übersieht womöglich, dass sich das Ich nicht zum ‚Beobachtungs-Objekt‘ machen lässt ohne seinerseits ‚Subjekt‘ zu sein und zu bleiben. Das Subjekt bildet somit den ‚Standort‘ der Beobachtung und – Frankl – wo aber Standort ist, kann nicht Gegenstand sein, und „so kann denn auch das Subjekt nie in vollendeter Weise sein eigenes Objekt werden.“ Was letztlich vom Subjekt zu sehen ist, ist ein Artefakt. Frankl dazu weiter: „Und all dies gilt nicht zuletzt auch von aller rückbezüglichen Erkenntnis, von reflexiven Akten […]. An das Ich, an sich selbst kann das Ich nicht ‘heran’: mich selbst intendierend bin ich mir selbst schon transzendent. Wenn auch ganz und gar ‘mein’, ist mein eigener Akt, von mir selbst beobachtet, auch schon nicht mehr ich selbst: schon ist er nicht mehr ‘eigentlich’ ich – schon ist er nur noch uneigentliches Ich. (…) Was auch immer ich (intentional) ‘habe’, das bin ich nicht (bin ich nicht ‘existentiell’). Und umgekehrt gilt wiederum: Was ich (existentiell) bin, kann ich nicht (intentional) ‘haben’. Wie das Subjekt seine Existenz, so hat und behält das Objekt seine Transzendenz.“ Diese Überlegung Frankls ist nicht trivial, markiert sie doch einen spannenden Übergangspunkt vom Geistigen [dem Transzendieren auf etwas oder jemanden hin] zum Gehirngeist [dem mentalen Verstehen, dass es dieses Etwas oder dieses Jemand gibt auf das man sich hinentscheidet].

Wir erinnern, dass Frankl Selbsttranszendenz als Hingabe zu jemandem oder etwas außerhalb seiner selbst versteht. Dieses ‚Gesollte‘, das es braucht, um sich ihm hinzugeben, ist Teil der Lebenswelt der Person. Es ist auch da, gäbe es niemanden, der sich ihm hingäbe. Der personale Akt, sich diesem Gesollten hinzugeben, ist die Folge dessen, dass es dieses Du bereits per se gibt, das auf den Entscheid des Ich, sich ihm hinzugeben, förmlich wartet. Wie sich das Ich auf das Du transzendiert, kann versucht werden durch Klärung von Bedürfnissen, Emotionen, Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen usw. genauer erfasst zu werden – solche Betrachtungen adressieren den Gehirngeist, das Mentale, das Verstehen des Wie der Transzendenz. Dass sich das Ich transzendiert ist jedoch der Existenz der Person vorgängig. Transzendenz ist somit das Eigentliche der Person, Existenz das Wesentliche und – ich erlaube mir zu ergänzen – Kompetenz das Wichtige.

Was bedeutet das im Krisenkontext?

  • Es gibt auch in diesem Kontext ein ‚Gesolltes‘. Per se. Unabhängig der Person und der von ihr als solche empfundenen Krise
  • Das Psychische gewinnt in Belastungen schnell die Oberhand und verschließt den Blick auf das Gesollte.
  • Eine Selbstreflexion verstärkt diesen ‚Verschluss‘ noch mehr.
  • Eine Fokussierung auf gegebene Kompetenzen zur Bewältigung einer Krise ist unzureichend.
  • Die Öffnung in die eigene Lebenswelt zur Stärkung der Möglichkeit des Gewahrwerdens des per se vorhandenen Sinns im Leben, des ‚Gesollten‘, ist logotherapeutisch die Methode der Wahl.

Happiness Humbug

Feelgood Manager, Corporate Happiness Guide, Positive Leadership Architect – die Ausbildungsangebote rund um das Schaffen von Wohlfühlkulturen in Unternehmen haben seit ein paar Jahren Konjunktur. Es klingt hipp und für die junge Generation womöglich auch als ein Kriterium, um sich im Beruf zu engagieren. Zumeist werden diesen postmodernen Rollen Qualifikationen zugeschrieben, die man in Ausbildungen im Kontext von Neurowissenschaft und positiver Psychologie entwickeln kann. Ausbildungsprogramme dieser Art schießen seit ein paar Jahren wie Pilze aus dem Boden und spiegeln das Zustandsgefühl der Sinnleere vieler Menschen wider. Das Versprechen, das solchen ‚Dienstleistungen‘ gerne zugrunde gelegt wird, klingt zum Beispiel so: Glückliche Mitarbeiter sind um x% produktiver und x mal engagierter. Sie sind loyaler, lösungsorientierter und können besser mit Veränderungen umgehen. Sie unterstützen eine agilere und positivere Unternehmenskultur. 

Das klingt verlockend und irgendwie nach Glückspille. Die derart ausgebildeten Gute-Stimmungsmacher bringen den Mitarbeitenden eine Haltung entgegen, die dazu beitragen soll, dass diese beflügelt, begeistert, beseelt, beachtet werden und in deren Folge wieder die Lust zunimmt, die eigenen Stärken auszuleben und im Unternehmen aktiv einzubringen. Davon letztlich profitieren alle, so die Mär. Und, um dem ganzen Irrwitz ein wissenschaftliches Mäntelchen umzulegen, zitieren die Anbieter Glücksstudien der Positiven Psychologie [zu den Möglichkeiten und Grenzen dieser psychologischen Denkschule finden sich in der KrisenPraxis verschiedene Beiträge].

Tja, und dann wird es ernst. Denn der Feelgoodmanager muss sich nun mit den Hintergrunderfahrungen des m-w-d-Feelbadmitarbeiters befassen, denn schließlich geht es um eingefahrene Handlungsmuster und ungünstige Vorerfahrungen, die das individuelle Glück blockieren. Das mag vielleicht sein, vielleicht aber auch nicht und wie auch immer, allemal gehört die Arbeit an diesen Blockaden nicht in die Hände von Laien. Zum Glück [sic!] passen aber Menschen zunehmend auf sich auf, denn zu viel an Scharlatanerie wurde in den letzten Jahren aufgedeckt und kritisch kommentiert. Zu viele Menschen wurden durch fadenscheinige Angebote außerhalb aber leider auch innerhalb von Unternehmensmauern weiter aus der Bahn geworfen, weil ihnen die Glücksversprechen so gut und verführerisch in den Ohren klangen. Viele haben vieles verloren: Zeit zur wirklichen Selbsterkenntnis, Geld, Würde, Beziehungen – so ist es gut, dass die meisten Menschen heute gesunde Vorsicht walten lassen und genauer hinschauen, was ihnen da als ‚Purpose‘, ‚Happiness‘ oder ‚Feelgood‘ verkauft wird.

Es mag nach Arbeit klingen, ist aber kein Hexenwerk: Klären Sie mit professionellen Werkzeugen Ihre individuellen Werte, nicht hopplahopp mit irgendwelchen kleinen Tools oder Internetprogrammen, sondern mit ausreichend Zeit und profunder Begleitung. Wenn Sie Ihre eigenen Werte kennen, können Sie wirklich wertebasiert entscheiden und handeln, ihren Werten gemäß ja oder nein sagen. Tun Sie dies, dann ist die Folge ‚Erfolg‘ und das Gefühl, ein gelingendes und glückliches Leben zu führen.

Was die Logotherapie letztlich will, ist die Selbstbestimmung des Menschen auf Grund seiner Verantwortlichkeit und vor dem Hintergrund der Sinn- und Wertewelt, des Logos und Ethos.

Viktor E. Frankl

Das kleine Jammertal

Habe gestern bei einem Klienten eine einfache Intervention genutzt, um ihn aus seinem Jammertal herauszuholen. Ich habe ihn gebeten, sich wirklich alles von der Seele zu schreiben, was er bezüglich anderer Menschen oder belastender Themen zu beklagen habe, dabei aber auf keinen Fall Sätze in der Vergangenheits- oder Zukunftsform oder im Konjunktiv zu schreiben. Nur der Indikativ-Präsenz war erlaubt! Das ‚Dumme‘ dabei ist nur: In dieser Schreibform lässt sich ganz schwer klagen ….. Einfach mal selbst ausprobieren, sollten Sie sich selbst einmal auf den Geist gehen.

Coronale Intuition

‚Das sagt mir mein Bauchgefühl‘, ‚irgendetwas stimmt da nicht‘, ‚ich habe einfach gespürt, dass ich das so machen sollte‘ – auf solche Art und Weise meldet sich der orbitofrontale Cortex im Stirnlappen beim Mensch, oder kurz: die Intuition.

Sie ist die Fähigkeit, ohne logisch schlussfolgernden Gebrauch des Verstandes zu Einsichten und subjektiv stimmigen Entscheidungen zu gelangen. Als unbewusstes Wissen, das sich sehr schnell den Weg ins Bewusstsein bahnt, steuert die Intuition menschliches Verhalten. Zugrunde liegen meist einfache Prinzipien, Faustregeln oder eine Art innere Statistik – im Impfkontext folgenden Gegner der Prozedur allzu oft der Wiedererkennung von Entscheidungsmustern in ihrer sozialen Blase. Gibt es im Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen, die sich in gleicher Weise verhalten, dann ‚muss da ja etwas dran sein‘ oder ‚ein Fünkchen Wahrheit wird schon dran sein, dass Impfen schlecht ist‘. Eine andere Faustregel ist das Namenserkennungsprinzip. ‚Nur, was der Bauer kennt, isst er‘, so der Volksmund und so entscheiden viele Menschen intuitiv das, was sie eben kennen. Und wenn sie jemanden kennen, der etwas nicht kennt, aber in seiner Unkenntnis dennoch entscheidet, dann folgen Menschen diesem häufig eher als sich vorzubehalten, zuerst jemanden kennenlernen zu wollen, der sich Kenntnis aufgebaut hat und danach auch entscheidet. Und so, wie Millionen dann die Primärkompetenz eines Fußballtrainers anzweifeln, so zweifeln dann auch Millionen die Kompetenz von Virologen an.

Intuition ohne Selbstzweifel bezüglich dieses Nichtwissens führt zwar zu schnelleren Entscheidungen, oft aber eben auch zu Fehlentscheidungen, zu schlichter Dummheit oder im Impfkontext eben auch zuweilen zum Tod.

Die Intuition in existenziellen Fragen aktiv austricksen zu können und zum Beispiel nicht dem Gespür nach eine Beziehung einzugehen, Aktien zu kaufen, eine Führungsrolle anzunehmen oder ein neues Medikament einzunehmen oder abzulehnen, ist trainierbar. Dabei soll die Intuition nicht abtrainiert werden, denn in vielen Alltagssituationen, die mit begrenztem Verstand und begrenzter Zeit zu gestalten sind, ist sie ausgesprochen hilfreich. Sich zu verlieben sollte durchaus der Intuition vorbehalten bleiben, wenn es aber um die Frage geht, ob und mit wem eine Familie gegründet werden soll, dann ist der mentale Sprung in den Verstand eher die Methode der Wahl – es sei denn, man fordert das Glück heraus.

In einer hochkomplex gewordenen Welt nur auf die Intuition zu setzen, erscheint daher waghalsig, naiv und gefährlich. Nur auf die Karte des Verstandes zu setzen, erscheint aussichtslos, anstrengend und unspontan. Man muss also lernen, wann man sich auf seinen sechsten Sinn verlassen kann, und wann man besser [länger, perspektivenreicher und außerhalb der eigenen sozialen Blase] nachdenkt. Denn: Am besten sind intuitive Entscheidungen dann, wenn man in einem Themenfeld viele Erfahrungen gesammelt hat. Beim Autofahren zum Beispiel, selten aber beim Thema Impfen, um das aktuelle Lieblingsthema vieler Deutschen noch einmal aufzugreifen.

Dass es mit der Intuition dann irgendwann auch einmal vorbei ist, zeigt die Bereitschaft von vielen, sich impfen zu lassen, weil durch 2G-Regeln der Sozialkontakt erheblich begrenzt wird. Wenn dann der Verstand doch noch eingreift und entscheidet, dass es wohl schlauer ist, mit seinem Leben etwas Sinnvolleres anzufangen als zu Hause zu hocken und ungeimpft auf einen Freedom-Day zu warten, der womöglich deshalb noch Jahre auf sich warten lässt, eben weil die Fraktion der ‚intuitiv Unwissenden‘ ihrem Verstand keine Chance gibt. Ich persönlich habe [noch] Vertrauen, dass die  Größe dieser Fraktion kontinuierlich dahinschmilzt. Damit diese Schmelze etwas zügiger verläuft, dafür könnte 2G-überall dienlich sein …

„Die Frage nach dem Sinn des Lebens schlechthin ist sinnlos, denn sie ist falsch gestellt, wenn sie vage „das“ Leben meint und nicht konkret „je meine“ Existenz.“

Viktor E. Frankl

Bei Krisen zu intervenieren ist wie bei einem Radio eine Art Sendersuchlauf

Intervenieren meint soviel wie ’sich einschalten‘ und ‚vermitteln‘. Dazu braucht es im Kontext einer individuellen Krisenbewältigung eine Person, die – wie bei einem Radio – den für ihr gelingendes Leben unpassenden Sender eingeschaltet hat und [mindestens] eine Person, die gewissenhaft bestrebt ist, dieser Person zu helfen, einen geeigneteren Sender einzustellen. Wir nennen dies in der von uns praktizierten Logotherapie die Suche nach einem geeigneten ‚Einstellungswert‘.

Damit ein solcher Einstellungswert gefunden werden kann, braucht es in der Krisenintervention häufig zu Beginn klärende Worte des Therapeuten, damit die Klientin oder der Klient einen klareren Kopf für die Wertearbeit bekommt. Diese Klärung ist wichtig in der akuten Krisenphase. Zu ihr gehören der Vertrauensaufbau hinsichtlich der Person des Therapeuten, seines Menschenbildes und seiner Weltanschauung und erster Regeln, die der Klient zu befolgen hat, damit aktuelle kontraproduktive Handlungsabläufe unterbrochen werden (insbesondere wichtig bei selbstschädigendem Verhalten). Auch eine Klärung, wer oder was zum Krisengeschehen mittel- und unmittelbar beiträgt, wer oder was dazugehört, wer oder was mittel- und unmittelbar helfen kann, gehören an den Anfang der Intervention.

Was zwischen Klient und Therapeut steht, ist in der Regel ein spezifisches Thema und ein Zustandsgefühl, die der Klient äußert. Beide führen ihn in eine aus seiner Sicht ausweglose Situation – das Lebensradio knackt, kracht und knirscht, Die Therapie wird somit zum Suchfeld der passenden Frequenz, von der der Logotherapeut qua sinntheoretischen Unterbaus weiß, dass es sie gibt, dem Klienten es jedoch mit seiner ihm individuellen Gegenwartsbewusstheit nicht gelingen kann, das verfügbar Sinnvolle zu entdecken. So bleibt ihm die Sehnsucht nach einem Ende des Leids, der verschiedenen Losigkeiten und seiner Mühe. Verständlich, sind die Themen oftmals existenziell: Krankheit,Tod, Abschied,Trennung. Nachfühlbar, sind die Emotionen oftmals überwältigend.

Dennoch: Klärung, Transparenz und Einfühlung an den Anfang gestellt, ermöglicht dies dem Klienten alsbald, zu handeln. Handeln, im Sinne eines ‚den Regler des Lebensradios in die Hand zu nehmen und die passende Frequenz zu suchen‘.

Die Unterstützung des Klienten erfolgt dabei sowohl rational und methodisch geleitet wie auch gefühlebahnend und beruhigend. Hat der Klient das Empfinden, seine Therapeutin oder sein Therapeut würde ’schwimmen‘, einen Prozess ohne Fundament gestalten oder ihn von einem Experiment ins nächste führen, wird die Abwendung nicht lange auf sich warten lassen. Jeder Klient hat das Recht darauf, dass auch in schwerster Situation eine Begleitung methodisch fundiert und  professionell gerahmt erfolgt.

Wie gehen wir vor, was ziehen wir zu Rate:

Schritt 1: Klärung
Diagnose des Aktuellen und Akuten:
Klärung des Zustandsgefühls, der systemischen Komponenten der Krise, des Eskalationsgrads [entlang des Konfliktmodells von Glasl], der Biografie von Person und Krise

Schritt 2: Auftrag
Fokussierung auf das Wesentliche [Benennen der Krise in einem Satz mit wenigen Worten], das eigentliche [Lebens-]Thema, den bisherigen Umgang [entlang der Krisenspirale von Schuchardt], methodische Unterstützung mittels psychometrischer Verfahren

Schritt 3: Stärkung
Der Person des Klienten neben dessen Gefühlen, Zweifeln oder Selbstabwertungen ein zweites Feld eröffnen: Stärken. Methodisch erfolgt dies durch Filterung von Gesprächsinhalten des Klienten hinsichtlich von ihm genannter Werte- oder Sinnbotschaften.

Schritt 4: Deutlichkeit
Am Ende des Tages zählt nur die Handlung. Dieser Leitsatz unserer Logotherapie ist jetzt wichtig. Der Klient tritt aus dem Fokus der Erkenntnisorientierung heraus und in das Feld der Handlungsorientierung hinein. Der Klient lernt den Zusammenhang von „Gesolltem – Sinn – Gegenstandsgefühlen“. Bei diesem Schritt ‚klapperts und rappelts‘ – die Wiederholungen des bereits Erarbeiteten hilft dem Klienten, sich zu vertrauen und seine neue Frequenz nach und nach zu justieren und klarzustellen.

Schritt 5: Sicherung
So wenig wie möglich Hyperreflexion des Gewesenen – mit diesem Plädoyer für die Handlung nach vorne ins Leben ist auch verbunden, dem Klienten zuzuhören, wenn er seine Ideen, seine Erlaubnissätze, seine Entscheidungen vorträgt. In der Regel verlässt der Klient hier das Feld der Therapie und tritt ein in ein Feld des Mentorings. Wo gibt es Stolperfallen, was sind mögliche Lern- und Beziehungsfelder, wo sind noch Hemmungen – wer hier angekommen ist, hat die Krise schon überwunden und arbeitet an menschlichen ‚Problemen‘.

Schritt 6: Wahrung
Jedem Menschen in einer Krise geht es vorrangig und unmittelbar darum, für sich und die gegebenenfalls mitbetroffenen Personen wieder Sicherheit und Handlungsorientierung zu finden. Sind die ersten Schritte gegangen, so gilt es nun, die Neuausrichtung im Leben zu stabilisieren, das Geschehene kommunikabel und das Werdende widerstandsfähig zu machen. Dies ist deshalb wichtig, weil Neuausrichtungen eines Menschen nicht selten zu Irritationen bei denen führen, die manche Hintergründe der Krise nicht kennen oder die sich nach ihrem bisherigen hilfreichen Einsatz nun womöglich indirekt durch die Entscheidungen der Person beeinträchtigt fühlen (man denke zum Beispiel an räumliche Veränderung einer Person, die auch Trennung von Menschen zur Folge haben können, die den Wegfall der Beziehung nun ihrerseits problematisieren und die Person versuchen, von ihrer Entscheidung abzubringen].

Schritt 7: Ausklang
Einen Menschen durch eine Krise begleiten heißt auch zu wissen, wann die Begleitung zu enden hat. Das kontextualisierte Vertrauensverhältnis in eine einfache, gute zwischenmenschliche Beziehung übergehen zu lassen, hilft dem Klienten, zurückzukehren in die eigene Freiheit und Verantwortung, die an sich ohnehin nie verloren waren, die mit ihnen verbundenen Gefühle nun aber allzu deutlich wieder in Vorschein treten. Manchmal helfen bei diesem Schritt knappe Vereinbarungen, die es der Person ermöglichen, den Kontakt zum Therapeuten wieder herzustellen, wenn Unsicherheiten zu Tage treten oder völlig neue Problemstellungen aus der Neuausrichtung erwachsen. Letztlich aber gilt es auch jetzt, mit dem Klienten den Blick nach vorne zu richten, denn wie Kierkegaard einst wusste: Das Leben wird rückwärts verstanden, aber es wird nach vorne gelebt.