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Die geistige Dimension des Menschen – II

Der Arzt Frankl bringt es auf den Punkt: „Wir wissen nicht, woher … der personale Geist zum organismischen Leib-Seelischen hinzukommt; aber eines ist gewiss, aus den Chromosomen geht er keinesfalls hervor“ … „die geistige Person … ist wesentlich ein In-dividuum und In-summabile;
sie ist wesentlich unteilbar und unverschmelzbar und kann als solche niemals aus Teilbarem und Verschmelzbarem hervorgehen …“

„Das Kind ist wohl Fleisch vom Fleische seiner Eltern, aber nicht Geist von ihrem Geiste. Immer ist es nur ein ‚leibliches‘ Kind – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: im physiologischen Wortsinn; in metaphysischem Sinn hingegen ist eigentlich jedes Kind – Adoptivkind. Wir adoptieren es in die Welt, ins Sein hinein.“

Der Mensch hat Geist und er ist geistiges Wesen – dieses Haben und Sein bündelt der Begriff ‚Logos‘. Das subjektiv Geistige meint die Person, die durch Verwirklichung ihrer Werte den Sinn im Leben findet. Das objektiv Geistige meint den per se gegebenen Sinn, auf den sich der Mensch in Freiheit und Verantwortung auszurichten vermag. Dass der Mensch in seiner geistigen Dimension ‚weltoffen‘ ist, heißt für Frankl, dass er „eigentlich oder zumindest ursprünglich über sich selbst hinaus nach etwas langt, dass nicht wieder er selbst ist, nämlich entweder nach einem Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder nach einem Sein, dem zu begegnen oder zu lieben es gilt.“

Für Menschen in unerträglichen Situationen ist es tröstlich zu wissen, dass sie durchaus ihren ‚Verstand verlieren‘ dürfen, denn diese psychische Reaktion ist normal in der Begegnung einer anormalen Situation. Würden sie ihn nicht verlieren, dann hätten sie keinen.
Das Geistige jedoch ist niemals verloren, im Gegenteil, mit dem Geistigen gewinnt sich der Mensch zurück und vermag sogar, aus dem tiefsten Abgrund ‚triumphierend‘ hervorzugehen.

Die besondere Stellung der geistigen Dimension führt so in der Begleitung krisenbelasteter Menschen zu einer Arbeitshaltung, die die Betroffenen zuweilen selbst erstaunt. Ist die psychische
und/oder physische Dimension zwar ver- oder gestört, so gilt die geistige Person per se als nicht zerstörbar, sie ist stets gesund. Der Mensch in einer Krise hat daher womöglich starke psychische und körperliche Beeinträchtigungen, niemals jedoch geistige. Diese grundsätzliche, jedem Menschen gegebene Resilienz ist letztlich die Quelle der Bewältigung einer Krise.

Die geistige Dimension des Menschen – I

Der Mensch hat mehr als Körper und Psyche. Für Viktor Frankl ist die Geistigkeit, die geistige Dimension das ‚spezifisch Menschliche‘, die Eigentlichkeit des Menschen. Erst die geistige Dimension ermöglicht es dem Menschen, sich von sich selbst zu distanzieren, Abstand zu gewinnen – zum Beispiel von belastenden Glaubenssätzen, Verstimmungen, Ängsten, Zwängen.

War der Philisoph Max Scheler noch der Ansicht, der Geist sei dem Psychischen und Physischen als Instanz entgegengesetzt, überwindet Frankl diesen Dualismus, indem er Physis, Psyche und Nous [= Logos, das Geistige] nicht als Kategorien, sondern als Dimensionen versteht. Diese Haltung – man würde sie wohl heute ganzheitlich nennen –, den Menschen ‚frei zu sprechen‘ von seiner in anderen Psychologien festgeschriebenen Abhängigkeit vom Psychischen und Körperlichen, führt Frankl zu der Aussage, dass man dem Menschen wieder ‚Mut zum Geist‘ machen muss. Man muss ihm klarmachen, dass er Geist hat und dass er ein geistiges Wesen ist, sei er auch noch so schwer durch erschütternde, brisante Situationen belastet.

Mut zum Geist zu haben meint, die endliche und relative Freiheit zu nutzen, den gegebenen Bedingungen der Herkunft, der Kultur, der Zeit, der bisherigen Entwicklung des eigenen Bewusstseins, der Umwelt zu trotzen. Der Mensch hat diese Selbstbestimmungsfähigkeit, seine Eigentlichkeit ist die Freiheit, er ist ‚un-bedingt‘. Mut zum Geist zu haben meint für Frankl aber auch anzuerkennen, nicht zu wissen, woher der entscheidende Impuls kommt. Im aristotelischen Sinn sagt er: Der Geist kommt ‚zur Tür herein‘ oder wie Blaise Pascal es formulierte, „der Mensch ist sich selbst das rätselhafteste Ding der Natur, denn er kann nicht begreifen, was Körper und noch weniger, was Geist ist und am wenigsten von allem, wie ein Körper mit einem Geist vereint sein könnte. Das ist der Gipfel aller Schwierigkeiten, und indessen ist es unser eigenes Wesen. Wie Geist mit Körper zusammenhängt, kann von Menschen nicht begriffen werden; und doch besteht in eben diesem Zusammenhang der Mensch.“