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Der Zweck des Schicksals

Das Schicksal gehört zum Menschen wie der Boden, an den ihn die Schwerkraft fesselt, ohne die aber das Gehen unmöglich wäre. Zu unserem Schicksal haben wir zu stehen wie zu dem Boden,
auf dem wir stehen – ein Boden, der das Sprungbrett für unsere Freiheit ist.

Viktor E. Frankl

Werteklarheit als Voraussetzung für gelebte Willensfreiheit

„Der Mensch von heute weiß zur Genüge, daß er Triebe hat; was wir ihm zu zeigen haben, wäre eher das Gegenteil, nämlich, daß er auch Geist hat – Geist, Freiheit und Verantwortung.“
Den Menschen als geistiges Wesen anzuerkennen, steht in der Tradition des Menschenbildes von Viktor Frankl. Der Mensch ist stets mehr als Psyche und Körper. Das, was ihn vom Tier im ‚wesen’tlichen unterscheidet, ist seine Geistiges.

Trotz seiner sozialen, biologischen und psychologischen Bedingungen vermag daher der Mensch mit einer veränderten Einstellung, mit der er sich dazu aufruft, seine ihm per se gegebene geistige Freiheit zu nutzen, sich von diesen Bedingungen zu distanzieren, sich neu auszurichten, sich nicht alles von sich selbst gefallen zu lassen, sich zu überwinden. Damit übernimmt er in seiner Freiheit auch Verantwortlichkeit für die Verwirklichung seiner Werte, mit der er letztlich Sinn findet. Sich seine Werte bewusst zu machen, zu selbst darin zu erkennen, welche Werte ihn als Menschen auszeichnen, welche Werte übernommen und welche durch individuelle Entwicklungsschritte entfaltet wurden, hilft Menschen darin, Orientierung über seine ‚Sinn-Freiheit‘ zu gewinnen. Wer diese Auseinandersetzung mit seiner Biografie nicht wahrnimmt und „sein Schicksal für besiegelt hält, ist außerstande, es zu besiegen“ [Frankl].

Pro domo: In unserer Coaching- und Therapiepraxis beraten wir Einzelpersonen mit einer großen Auswahl bewährter Verfahren der Werte-Selbsterkennung darin, ihre individuellen Lebenswerte mit ihrer jeweiligen Entwicklungsgeschichte herauszuarbeiten.

Ich nehm‘ mir da einmal die Freiheit.

Fritz B. ist Mitarbeiter in einem Unternehmen der Pharmabranche. Täglich arbeitet er „auf Schicht“ und leistet mit seiner Arbeit einen wertvollen Beitrag zur Gesunderhaltung der Gesellschaft.
Er selbst sieht das erdiger: „Ich hab eine Familie, und die kostet.“ Wie meist in sensiblen Unternehmensbereichen darf angenommen werden, dass er vergattert, auditiert, trainiert und so
geführt wurde, um seine Arbeit nach den Prozessprozedere durchzuführen,zu denen sich alle Mitarbeitenden mit Unterschrift zu verpflichten hatten.

Gerhard K. ist Pharmameister. Gewissenhaft achtet er auf die Einhaltung der Arbeitsweisen, er unterstützt seine Vorgesetzten im Unfallschutz, plant sorgfältig anstehende Veränderungen und steht externen Auditoren mit seinem umfassenden System- und Prozesswissen als Ansprechpartner zur
Verfügung. Für Gerhard K. ist die Arbeit der Ausdruck seiner Disziplin und Genauigkeit. Das waren damals auch die Gründe, warum sein ehemaliger Vorgesetzter ihn beförderte. Er führt seine Mitarbeitenden nicht hart, aber bestimmt.
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Sinn-Wegweiser

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will. [Rousseau]

Nicht jeder kann tun, was er will. Es gibt Grenzen. Geschriebene, ungeschriebene, vom Gewissen gesetzte. Jeder Mensch lebt in solchen Bedingungen. Und jeder Mensch schafft Bedingungen.

Für Sie sind diese von mir verfassten Texte gerade eine ‚Bedingung‘. Und dadurch, dass Sie gerade
lesen, schaffen Sie sich und Ihrem Umfeld Ihrerseits ‚Bedingungen‘.
Selten reflektiert und dennoch Fakt: Wir leben in Bedingungen und sind doch immer frei, uns zu ihnen zu stellen. Das ist einer der Leitsätze von Viktor Frankl..

Der Mensch muss nicht tun, was er nicht will. Sie müssen diese Texte nicht lesen, wenn Sie nicht wollen. Ist das nicht herrlich frei? Sie können wählen zu lesen, sie können wählen nicht zu lesen, Sie
können wählen anderes zu lesen – nur Sie können eines nicht, nämlich Beides.
Sie können nur einem der Wegweiser folgen. Oder Sie können stehen bleiben. Versuchen Sie beides, werden Sie scheitern. So erklärt sich der Satz von Frankl: Der Mensch hat seinem Leben zu antworten. Zu jeder Zeit. Der Mensch hat zu verantworten. Es ist nur ihm zueigen, dass er verantworten kann. Auch das macht ihn erst zu einem Wesen, das Sinnvolles von Sinnlosem unterscheiden kann.

Der Sinn, der sich in Handlungen formt, begründet den individuellen Ethos. Der Sinn ist unser
wesentlicher Wegweiser. Wozu ist es gut, dass ein Mensch einem Wegweiser folgt, und wann ist es für ihn gut, innezuhalten? Wie muss ein Wegweiser gestaltet sein, so dass ein Mitarbeitender in einem Unternehmen ihm folgt? Was muss ein Wegweiser tun, um zu scheitern? Auf welchen
– wie es der Philosoph Peter Strasser nennt – ethischen Horizont weist der Weg? Was brauchen Führungskräfte, um Wegweiser zu sein?

  • Wegweiser müssen erkennen, welche anderen Wegweiser ihnen ihren eigenen Weg gewiesen haben. Und sie sollten sich bewusst sein, dass dies Bedingungen waren, zu denen sie sich jetzt und immer wieder „so oder so“ stellen können.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass sie auf ein Ziel weisen. Und sie sollten sicher sein, dass sie selbst um das Ziel wissen.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass sie zu Veränderungen führen. Sie stellen für andere Menschen Bedingungen dar. Um ihnen entsprechend zu handeln, müssen die Veränderungen
    sinnvoll sein.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass es einen guten Grund braucht, dass ihnen gefolgt wird. Dazu dient zuerst die Klarheit darüber, den guten Grund zu wissen, warum man selbst
    Wegweiser wurde.
  • Wegweiser können nicht nicht Wege weisen. Sie verlieren nie diese Verantwortung. Wegweiser
    sollten daher genau beachten, welche Folgen es hat, wenn man ihnen folgt. Ein Wegweiser muss gerade stehen, und er muss für sich „gerade stehen“.

Blaise Pascal meinte einst, „wenn der geworfene Stein Bewusstsein hätte, so würde er sagen, ich fliege, weil ich will.“ Folgt dieser Stein jedoch einem solchen Wegweiser, so wird er sagen, „ich fliege, weil ich genau so will.“

Freiheit und Verantwortung.

„Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert.“  In der Regierungserklärung von Willi Brandt aus dem Jahr 1969 werden die Eckpfeiler der Sinntheorie Frankls hörbar: Freiheit und Verantwortung. Und auch Joachim Gauck wünscht sich, „dass sich unsere Gesellschaft tolerant, wertbewusst und vor allen Dingen in Liebe zur Freiheit entwickelt und nicht vergisst, dass die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung heißt.“ Fast als hätte ihm Frankl die Worte in den Mund gelegt, konstatiert er weiter „dieses merkwürdige Unvermögen, aktiv zu werden, wenn aus der Sehnsucht nach Freiheit die Gestaltung von Freiheit wird, wenn wir Freiheit von etwas schon erleben durften, aber Freiheit zu etwas noch nicht können.“

Frankl darf wohl als der forderndste unter den Psychiatern und Psychotherapeuten angesehen werden, wenn er den Menschen nicht ‚ausbüxen‘ lässt aus seiner Verantwortung – bei aller ihm gegebenen Freiheit. Für ihn ist klar, dass jeder Mensch die Verantwortung für sein Leben hat und ein Patient die Mitverantwortung für die Verbesserung seiner Lage. „Wer verlangt denn heute schon etwas von sich, gar eine Leistung? Und fühlt sich heute nicht jeder überfordert? Jammert heute nicht jeder über den Stress?“ gibt er bereits vor einigen Jahrzehnten zu bedenken.Und Gauck ergänzt diese Meinung mit seinem Plädoyer: „Zu üben ist die Bereitschaft, Ja zu sagen zu den vorfindlichen Möglichkeiten der Gestaltung und Mitgestaltung. Wenn wir uns derart zu der in uns wohnenden Fähigkeit und der uns umgebenden Wirklichkeit verhalten, dürfen wir dies als Verantwortung bezeichnen. Unsere Fähigkeit zur Verantwortung gehört zum Grundbestand des Humanum. Wir verlieren uns selbst, wenn wir diesem Prinzip nicht zu folgen vermögen.“