Kategorie-Archiv: Menschenkunde

Lebensseptile

In unserem Angebot der Individuellen Krisenprävention mit Hilfe des Workbooks up.next für Einzelpersonen und Familien (siehe in der Spalte rechts) betrachten wir Entwicklungszeiträume, die alle Menschen von der Kindheit bis ins Alter durchlaufen. Hierbei stützen wir uns unter anderem auf das Modell der ‚zehn Hebdomaden‘ (zehn Lebens-Jahrsiebte) des griechischen Philosophen Solon, der zu seiner Zeit als einer der großen Weisen Griechenlands galt:

Die ersten sieben Jahre strecken sich von der Geburt bis zur zweiten Zahnung. Mit 14 beginnt der Übergang vom Kind zum Adolenszenten, ein Prozeß, der bis zum 21. Lebensjahre fortsetzt. Zwischen 21 und 28 befindet er in sich in den besten Jahren, zwischen 28 und 35 sollte Heirat und Familiengründen anstehen. In den darauffolgenden sieben Jahren erreicht der Mensch die volle Reife, zwischen 42 und 56 befindet er sich auf der Höhe seiner Schaffenskraft, die in den nächsten sieben Jahren, also in der Zeit bis zum 63. Lebensjahr, etwas abnimmt. Wenn der Mensch das siebzigste Lebensjahr erreicht hat, dann sieht er dem Tod mit Gleichmut entgegen. (vgl. links im Original: Solon, Lebensalter-Elegie).

Natürlich, die Lebensalter-Entwicklung des Menschen hat sich bis heute in unserem Kulturkreis dank medizinischen Fortschritts, die Fähigkeit zur Anpassung an gesellschaftliche Umbrüche oder auch dank weltweit sinkender Armut, besserer Ernährung und höherer Sensibilität für die Erfordernisse des Umwelt- und Klimaschutzes deutlich verändert. In unserem up.next-Konzept wurde dies berücksichtigt.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 12

In den vergangenen Beiträgen wurde Weisheit als eine mehrdimensionale psychische Fähigkeit vorgestellt, die zur Bewältigung oder Lösung komplexer oder unlösbarer Fragen oder Probleme zum Einsatz kommt. Viktor Frankls Logotherapie darf im Kontext existenzieller, zuweilen das Leben völlig in Frage stellender SItuationen, als eben die Therapieform verstanden werden, in der dem Aspekt der Weisheit eine besondere Stellung zukommt. Das bedeutet freilich nicht, dass jeder Logotherapeut als Weisheitslehrer etikettiert werden darf. Anders jedoch als die Therapieformen, deren Kernausrichtung in der Exploration eines ‚Warum ist das heute so?‘ stehen, ist die Logotherapie mit ihrem Fokus auf das ‚Worum hat es Dir trotz allem nun zu gehen?‘ deutlich näher am Anspruch, mit dem Klienten an weiseren Zugängen zur Zukunftsgestaltung zu arbeiten.

Unweise ist nicht derjenige, der wenig weiß, sondern derjenige, der die Grenzen seines Wissens nicht erkennt.

Da nur sehr wenige Lebenssituationen aus sinnorientierter Perspektive als objektiv unlösbar angesehen werden können (zum Beispiel das Problem, wie dem Tode oder einer schweren Schädigung des Lebens bei offensichtlichen Naturkatastrophen oder Unfallgeschehen entgangen werden kann, wenn diese ein individuelles Handeln bereits verunmöglichen), stellen letztlich alle anderen Situationen trotz allem zwischen ihren negativen Reizen und einer psychischen Reaktion wie Wut, Trauer, Kränkung, Angst usw. die Person vor die Möglichkeit geistig zu agieren, anstatt lediglich psychisch zu reagieren. Manche Menschen verbinden diesen Gedanken allzu schnell mit der Vorstellung, in der Logotherapie würde stets mit Kategorien wie Vergebung, Versöhnung oder Trennung gearbeitet und es würden entsprechende Empfehlungen ausgesprochen. Dem ist nicht so. Auch ist es kein Automatismus, mit Klienten im Krisenkontext letztlich an einer Neuorientierung zu arbeiten. Krise, verstanden als crisis = entscheidende Wendung, meint nicht Wendung zum Neuen hin. Vielmehr ist die Wendung zum Wesentlichen hin die sinnzentrierte Arbeitsrichtung, und hierbei steht die (Re-)Vitalisierung von Werten im Vordergrund. Von Werten, die ihrerseits nicht ’neu‘ sein müssen.

Die Arbeit mit den Werten des Klienten und ihren Verwirklichungsräumen stellt in meinem Verständnis der logotherapeutischen Kunst die Grundlage für das eigentliche, weisere Arbeiten dar. Und für diese Arbeit mit Aspekten wie Wertewahrnehmung, Exploration von elterlichen Werteprojektionen, systemische Wertekonflikte, Werteverwirklichungsoptionen, Wirkung von Wertevernachlässigungen usw. usw. gilt es, sich als Logotherapeut profund zu qualifizieren.

Über die Rolle als Sinn- und Wertetherapeut hinaus, wird weiseren Menschen häufig eine große Lebenserfahrung, ein höheres Lebensalter, ein höheres Bildungsniveau, eine ausgeprägtere Intuition, eine robuste Selbstregulation, eigene Resilienz und vieles mehr ‚unterstellt‘. Das alles kann hilfreich sein, nach meinen Beobachtungen im Rahmen meines Weltausschnitts sind dies alles jedoch keine notwendigen Bedingungen. Wenn ich Situationen erinnere, wie weisere Menschen agierten, dann nahm ich beispielsweise diese, nicht summativen, Merkmale wahr:

  • Echtes Interesse an allem, was die von einer kompexen Situationen betroffenen Person(en) über ihren Kontext berichteten, verbunden mit Realitätsklärungen und der Adressierung von Glaubens- und Meinungsbeimischungen (im professionellen Rahmen zum Beispiel adressiert mit den ‚Drei Sieben des Sokrates‘ oder mit systemischeren, auf Unterschiede gerichteten Rückfragen an die Person). Je nach Situation kann auch ein Blick in die Weltanschauungen und das Menschenbild der betroffenen Person einen weiseren Zugang hin zu einem Perspektivenwechsel ermöglichen.
  • Entschleunigung der kognitiven und emotionalen Prozesse der betroffenen Person durch das Angebot, mehr über den bisherigen Umgang mit der Situation lernen zu wollen. Ruhe und Entschärfung durch wohlwollende, nicht-triviale und allmähliche Ausrichtung des Gesprächs auf all das, was durch die Situation nicht belastet wird.
  • Methodische Anleitung zur Perspektivenumkehr. Was nimmt der Klient aus der Sicht derer wahr, die Teil der komplexen Belastungssituation sind – egal in welcher Rolle? Das Ziel ist eine unterschiedsbildende Multiperspektivität zum Zwecke weiserer Entscheidungen.
  • Gesprächsführung mit der Metapher „als stündest du am Seitenrand“ – derart auf die komplexe Situation blickend, dass eine Selbstdistanzierung und -relativierung möglicher wird. Es geht dabei nie um Beschönigung oder Infragestellung der Belastung, vielmehr um die Grundlegung einer Akzeptanz des Geschehens mit dem Fokus auf die ‚gerade jetzt offene Frage: Welche Antwort verlangt diese Situation gerade jetzt von mir?“
  • Einsatz der ‚Systemischen Gesetze‚ mit der Absicht, einen weiseren und tragfähigeren Weg aus der Belastung zu finden. Häufig werden bei der Konfrontation mit diesen Gesetzen Erinnerungen an frühere komplexe Belastungen frei, die zuweilen negative Spuren hinterlassen haben und die mit der aktuellen Situation in Verbindung gebracht werden.
  • Mutiger Einsatz auch provokativer, womöglich auch schmerzhafter Interventionen zum Zwecke der Spiegelung und gegebenfalls lebensdienlicher Musterbrechnungen von Selbstbegrenzungen oder Selbstverzwergungen, die es der Person schwermachen, sich in personaler Freiheit weiterzuentwickeln.
  • Bereits am Anfang an das Ende denken. Tritt über kurz oder lang eine Besserung der Situation ein, kann sanft auf präventive Möglichkeiten der weiteren Lebensweggestaltung hingewiesen werden, da existenzielle Grenzsituationen jederzeit erneut eintreten können.

Nicht jede Krise muss überwunden werden. Manche muss in ihrer Offenheit integriert werden.

Weisheit entsteht nicht erst dort, wo Menschen Antworten gefunden haben, sondern dort, wo sie den Mut entwickeln, den Grenzen ihrer Existenz offen zu begegnen. Die Erfahrung der Endlichkeit verändert den Blick auf nahezu alle Lebensbereiche. Viele Konflikte verlieren ihre scheinbare Größe, während Beziehungen, Verantwortung und gelebte Zeit an Bedeutung gewinnen. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, sondern in sein Selbstverständnis integriert, entwickelt häufig eine größere Gelassenheit gegenüber Unsicherheit und zugleich eine höhere Sensibilität für das wirklich Wesentliche. Nicht existenzielle Abschiede machen das Leben sinnvoll, sondern die Endlichkeit ruft dazu auf, den über sie hinausreichenden SInn zu entdecken und diesen mit verantwortlichem Handeln zu unterlegen.

Je komplexer die Welt wird, desto weniger Kontrolle ist möglich. Gerade deshalb wächst die Bedeutung des Vertrauens in die persönliche Verantwortung. Vertrauen reduziert Komplexität schlagartig, und kann man der Welt gerade nicht vertrauen, dann zumindest sich selbst.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 11

Wenn wir die Komplexität eines menschlichen Lebens mit den unterschiedlichsten Systemen, in denen es vollzogen wurde und wird verstehen wollen, dann gilt es anzuerkennen, dass es über die Biografie dieses Menschen nie ein zeitloses Wissen gibt, das unabhängig des geschichtlichen Wandels der von ihm belebten Systeme ist. Genau genommen gibt es damit keine Komplexität, sondern nur Komplexitäten. Das macht die Sache nicht einfacher, kann aber zu einem weiseren Umgang mit dem Menschen, seiner Geschichte und seiner aktuellen Situation führen. Befassen wir uns mit einem Menschen – zum Beispiel in einem therapeutischen Kontext – dann sind die Erkenntnisse, die wir über ihn gewinnen können, also niemals vollständig. Immer bleiben blinde Flecke. Erkenntnisse entwickeln sich, erweitern sich, korrigieren sich und bleiben dennoch immer fragmentarisch. Wenn wir das akzeptieren, gehen wir an Komplexität an sich wissenschaftlich heran. Dann versuchen wir, das Ganze durch die Analyse von immer mehr Einzelteilen immer besser erklären zu können. Ein solches Vorgehen kann dem Menschen helfen, sich und seine Entwicklung besser in ein Bild zu bringen. Dennoch kann das Verständnis noch so vieler Bestandteile nicht genügen, um die Person des Menschen zu erfassen. Dieses Phänomen ist in der Logotherapie unter dem Begriff ‚Overdetermination‘ bekannt.

Wer einen Menschen ausschließlich biologisch, psychologisch, sozial oder kulturell beschreibt, erfasst jeweils einen bedeutsamen Ausschnitt seiner Wirklichkeit. Keine dieser Perspektiven ist falsch und keine ist vollständig. Erst ihr Zusammenspiel eröffnet ein Bild, das der Komplexität menschlicher Existenz annähernd gerecht wird. Weise, wer daher seine Sichtweise niemals absolut setzt und unvermeidliche Leerstellen des Wissens mitdenkt. Diese Leerstellen sind kein Makel menschlicher Vernunft, sondern Ausdruck menschlicher Endlichkeit. Endlichkeit ermöglicht es, menschliches Leben zwischen Gewissheit und Offenheit, Wissen und Nichtwissen, Ordnung und Überraschung zu betrachten. Aus dieser Endlichkeit erwachsen damit vielfältige Chancen der Lebensgestaltung, aber nicht nur das. Mit dieser Endlichkeit erwächst auch die Notwendigkeit zur verantwortlichen Stellungnahme trotz aller Komplexität. Wer diese Form der Komplexitätskompetenz aufbauen oder weiterentwickeln will. der schafft sich eine unverzichtbaren Ressource für die eigene Zukunftszeit, denn eines bleibt klar: Die Komplexität der Welt wächst immer schneller als es uns möglich wäre, sie mit noch so schlauen Tools und Techniken zu vereinfachen.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 10

Wenn komplexe Systeme sich selbst organisieren, stellt sich die Frage, worauf ihre Entwicklung eigentlich hinausläuft. In der modernen Komplexitätsforschung spricht man in diesem Zusammenhang von Attraktoren. Gemeint sind nicht starre Endpunkte, sondern bevorzugte Zustände oder Muster, zu denen ein dynamisches System immer wieder tendiert. Ein Fluss mag durch unterschiedliche Landschaften verlaufen, Hindernisse umströmen und zeitweise sein Bett verändern – dennoch bewegt sich das Wasser letztlich entlang bestimmter Gefälle. Ähnlich entwickeln auch viele biologische, psychische und soziale Systeme charakteristische Stabilitätsmuster. Sprechen wir mit Menschen in unserer logotherapeutischen Praxis, dann hören wir sehr oft Werte heraus, die durch Krisensituationen ihre einst stabilisierende Wirkung eingebüßt haben. Das Leben erscheint dann zuweilen sogar in seiner Gänze nicht mehr ‚attraktiv‘. Herauszuarbeiten, welche LebensWerte es sind, die als verhaltens- und handlungssteuernde ‚Attraktoren‘ wiederbelebt oder auch zu neuer Entwicklung hingeführt werden können, stellt eine unserer Hauptaufgaben in unserer Logotherapie dar. Zuweilen kommen Menschen zur Erkenntnis, dass sie über mehrere Sets an Werte-Attraktoren verfügen, dabei jedoch nur wenigen von ihnen hinreichend Gelegenheit zur Verwirklichung gegeben haben oder geben.

Besonders aufschlussreich wird dieser Zusammenhang, wenn zu den Werte-Attraktoren die möglichen Unterschiede in den Ausgangsbedingungen zur (Nicht-)Verwirklichung der Werte hinzutreten. Selbst kleine Unterschiede der Bedingungen (Frankl: Der Mensch ist nie frei von Bedingungen, aber stets frei sich so oder so zu ihnen zu stellen) können dann zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen führen. Die Komplexitätsforschung spricht hier von Nichtlinearität. Ursache und Wirkung stehen nicht mehr in einem einfachen Verhältnis. Geringfügige Veränderungen können bereits große Folgen haben, ebenso wie massive Eingriffe manchmal erstaunlich wenig bewirken. Wir wissen, dass ein scheinbar unbedeutendes Gespräch, eine Krankheit, ein Verlust, das Lesen eines Buchs, eine unerwartete Begegnung oder ein Moment der Einsicht die Richtung eines Lebens nachhaltig verändern kann. Umgekehrt können zum Beispiel jahrelange Bemühungen, erfolgreicher im Beruf zu werden ohne tiefere Wirkung bleiben. Menschliche Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie ähnelt eher einem komplexen Feld von Möglichkeiten, in dem Entscheidungen, Zufälle, Beziehungen und Sinnbezüge miteinander wechselwirken.

Frankl betont, dass der Mensch zwar Bedingungen unterworfen ist, aber niemals vollständig durch sie determiniert wird. Zwischen Reiz und Reaktion liegt (s)ein Raum der freien Stellungnahme. Die Komplexitätsforschung beschreibt diesen Raum nicht moralisch, sondern dynamisch: Systeme besitzen mehrere mögliche Entwicklungspfade. Die Existenzanalyse ergänzt, dass der Mensch innerhalb dieser Offenheit verantwortlich wählen kann. Freiheit erscheint damit nicht als absolute Unabhängigkeit, sondern als Möglichkeit, den weiteren Verlauf der eigenen Entwicklung mitzugestalten.

Zuweilen entstehen neue Ordnungen besonder spürbar in Phasen der Instabilität. Wenn ein System seine bisherige Stabilität verliert, kann es in einen anderen Zustand übergehen. In der Natur geschieht dies bei physikalischen, chemischen oder biologischen Prozessen; im menschlichen Leben begegnet es uns als Krise. Krisen sind deshalb nicht nur Zusammenbrüche bestehender Ordnungen, sondern auch Übergangszonen, in denen neue Formen von Sinn, Identität und Beziehung entstehen können. In unserer Praxis zeigt sich auch, dass solche Übergangszonen nicht zwingend Krisen bedürfen – im Gegenteil: ein Prozess der Individuellen Krisenprävention kann vergleichbare Effekte bewirken. Die Auseinandersetzung mit Leid, Unsicherheit oder Endlichkeit führt meist bereits zu einer Neuorganisation des Lebens. Die Konfrontation mit der Begrenztheit des Daseins regt dazu an, Prioritäten neu zu ordnen und bisherige Selbstverständlichkeiten zu überprüfen. In der Sprache der Komplexitätsforschung könnte man sagen: Das System gerät in die Nähe eines Übergangs und sucht nach einer neuen, tragfähigeren Ordnung.

Dabei ist Vorsicht vor einem Missverständnis geboten. Selbstorganisation bedeutet nicht, dass sich alles automatisch zum Guten entwickelt. Komplexe Systeme können auch in destruktive Muster geraten. Gesellschaften können sich polarisieren, Beziehungen verhärten, ein einzelner Mensch in Angst, Zynismus oder Resignation gefangen bleiben. Nicht jede neue Stabilität ist also lebensförderlich. Ein weiserer Umgang mit diesem Thema besteht daher darin, stets zu unterscheiden, welche Formen neuer Ordnung sinnerfüllend sind und welche Sinn blockieren. Und Weisheit bedeutet hier nicht, möglichst viele Optionen offen zu halten, sondern die wert-attraktiven Verbindungen zu wählen, also sinnvolle Selektionen vorzunehmen, im Sinne eines: Welche Entscheidungen fördern die weitere Entfaltung des (meines) Lebens?

Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass die eigentliche Struktur komplexer Systeme weniger in ihren einzelnen Elementen liegt als in den Beziehungen zwischen ihnen. Dieselben Elemente können je nach ihrer Verknüpfung völlig unterschiedliche Ordnungen hervorbringen. Ein Gehirn ist nicht nur eine Ansammlung von Nervenzellen, eine Gesellschaft nicht nur eine Menge von Menschen, ein Leben nicht nur eine Reihe von Ereignissen. Entscheidend ist das Muster der Beziehungen. Aus Frankls Existenzanalyse lässt sich daraus folgern, dass Sinn nicht isoliert im Inneren des Menschen, sondern in seiner Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen, zu Aufgaben, zu seinen Verantwortungsfeldern besteht.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 9

Wie es viele Weisheitslehren anstreben, gibt das sinntheoretische Gedankengut von Viktor Frankl, der Urvater der wissenschaftlich begründeten, sinnorientierten Methode der Psychotherapie,  konkrete Antworten darauf, wie ein Mensch durch Schöpferkraft, Erleben und durch eine richtige Haltung zum Leid Sinn finden kann. Die complexitas (lat.) meint etwas Zusammengeflechtetes, das aus vielen verschiedenen, miteinander verknüpften Teilen ein Ganzes bildet. Die Crux dabei ist, dass sich ein derart lebendiges System nicht wie Maschinen verstehen lässt, deren Verhalten allein aus den Eigenschaften ihrer Einzelteile berechnet werden könnte. Es entwickelt vielmehr Eigenschaften, die erst aus dem Zusammenspiel vieler Elemente hervorgehen und deshalb weder auf das Einzelne reduziert noch vollständig vorhergesagt werden können.

Komplexität bedeutet daher nicht einfach Unübersichtlichkeit. Vielmehr beschreibt sie jene Form von Ordnung, die gerade aus einer Vielzahl miteinander wechselwirkender Beziehungen entsteht. Je lebendiger ein System ist, desto stärker ist es auf solche Beziehungen angewiesen. Diese Erkenntnis reicht weit über die Naturwissenschaft hinaus. Das menschliche Gehirn, ökologische Systeme, soziale Netzwerke, wirtschaftliche Prozesse oder kulturelle Entwicklungen folgen jeweils eigenen Dynamiken, weisen jedoch ein gemeinsames Merkmal auf: Sie verändern sich fortwährend und bewahren dennoch über längere Zeit eine erkennbare Identität. Gerade diese Verbindung von Wandel und Beständigkeit bildet eines der großen Rätsel komplexer Systeme.

Niklas Luhmann hat diesen Sachverhalt mit einer Formulierung beschrieben, die zunächst paradox erscheint: Komplexität ist die Einheit einer Vielheit. Einheit bedeutet hier nicht Gleichförmigkeit. Vielmehr entsteht sie dadurch, dass unterschiedliche Elemente in einer Weise miteinander verbunden sind, die ein Ganzes hervorbringen, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben. Dieses Paradox begegnet uns auf nahezu allen Ebenen menschlichen Lebens. Eine Familie bleibt dieselbe Familie, obwohl sich ihre Mitglieder verändern. Eine Kultur bewahrt ihre Identität, obwohl sich ihre Werte und Ausdrucksformen ständig wandeln. Selbst die Persönlichkeit eines Menschen bleibt über Jahrzehnte hinweg wiedererkennbar, obwohl Erfahrungen, Erinnerungen, Überzeugungen und sogar der biologische Organismus einem kontinuierlichen Wandel unterliegen. Ja, und auch die Sonne, die doch täglich wieder aufgeht, geht stets anders auf.

Auf Frankls Existenzanalyse bezogen können wir den Menschen als niemals statisches Wesen, sondern stets als Person im Vollzug verstehen. Seine Identität entsteht nicht durch Unveränderlichkeit, sondern durch seinen Bezug zu einer verantworteten Ausrichtung auf Sinn hin. Wenn auch im menschlichen Organismus unablässig Zellen absterben und durch neue ersetzt werden, erlebt sich ein Mensch doch stets als dieselbe Person. Das biologische ‚Material‘ wechselt, die personale Identität jedoch bleibt – in aller Regel – erhalten. Offenbar liegt das Wesen eines Menschen nicht in der Unveränderlichkeit seiner Bestandteile, sondern in der Ordnung, die diese Veränderungen zusammenhält. So beobachtet ist Identität kein starres Objekt, sondern ein dynamischer Zusammenhang. Es scheint weise zu sein, sich nicht gegen dynamische Veränderung zu stemmen, sondern jene innere Ordnung zu entwickeln, die sie gestalten kann. Die Fähigkeit dafür könnte als Komplexitätskompetenz beschrieben werden. Sie zu entwickeln, wird unter dem Aspekt der Lebensendlichkeit zu einem Prozess, der nicht nur dazu aufruft, sich immer wieder neu zu organisieren und sich Ziele und Prioritäten zu setzen. Komplexitätskompetenz dient dazu, weiser zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden zu können – sogar über den Tod hinaus.

Wenn ein Mensch da ist – und gleichzeitig fehlt

Menschen wissen in der Regel, wie sie mit einem eindeutigen Verlust umgehen. Jemand stirbt. Es gibt einen Abschied, eine Beerdigung, einen Moment, an dem alle wissen: Dieser Mensch ist nicht mehr da. Doch was passiert, wenn es diesen eindeutigen Moment nicht gibt? Wenn ein Mensch körperlich noch lebt, aber durch eine Demenzerkrankung kaum noch der Mensch ist, den man kannte? Wenn eine Beziehung beendet ist, aber der ehemalige Partner weiterhin Teil des Lebens bleibt? Wenn ein geliebter Mensch vermisst wird und die Verbindung langsam verblasst? Oder wenn wir um eine Zukunft trauern, die wir uns immer vorgestellt haben, die aber niemals stattfinden wird? Genau hier beginnt das Konzept des Ambiguous Loss.

Der Begriff ‚Ambiguous Loss‘ wurde maßgeblich von der Psychologin Pauline Boss geprägt. Gemeint sind Verlusterfahrungen, bei denen unklar bleibt, ob etwas oder jemand tatsächlich verloren ist – oder in welcher Form der Verlust überhaupt stattgefunden hat.

Bei einem eindeutigen Verlust können wir irgendwann sagen: Es ist vorbei. Bei einem uneindeutigen Verlust ist dieses „Vorbei“ viel schwieriger. Es gibt keine klare Grenze zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Und genau diese Ungewissheit kann zermürben.

Besonders deutlich wird Ambiguous Loss bei Demenz. Der Mensch, den wir lieben, sitzt vielleicht noch neben uns. Wir können seine Hand halten, mit ihm sprechen und ihn besuchen. Und trotzdem verändert sich die Beziehung. Er erkennt uns vielleicht nicht mehr. Vertraute Eigenschaften verändern sich. Die gemeinsame Kommunikation wird schwieriger. Für Angehörige entsteht dadurch eine zutiefst widersprüchliche Erfahrung: Der Mensch ist da – und gleichzeitig fehlt er.

Diese Ambivalenz kann Schuldgefühle auslösen. Darf ich um jemanden trauern, der noch lebt?Darf ich traurig sein, obwohl ich dankbar sein sollte, dass dieser Mensch noch bei mir ist? Darf ich mir manchmal wünschen, dass dieser Zustand endlich endet?

Solche Gedanken machen Angehörige nicht lieblos. Sie zeigen, wie kompliziert uneindeutige Verluste sein können.

Auch Trennungen können einen uneindeutigen Verlust darstellen. Ein gemeinsames Leben endet – aber der andere Mensch existiert weiterhin. Vielleicht begegnen sich beide regelmäßig, weil sie gemeinsame Kinder haben. Vielleicht arbeiten sie weiterhin zusammen. Vielleicht bleiben Gefühle bestehen. Die Beziehung ist vorbei, die Verbindung aber nicht unbedingt.

Auch Migration kann Ambiguous Loss erzeugen. Menschen verlassen ihre Heimat und beginnen ein neues Leben. Sie sind nicht wirklich ‚weg‘ – und gleichzeitig nicht mehr vollständig dort, wo sie einmal waren. Beziehungen werden digital aufrechterhalten. Heimat wird zu einer Mischung aus Erinnerung, Sehnsucht und Gegenwart. Man ist irgendwo angekommen und vermisst gleichzeitig den Ort, den man verlassen hat.

Eine weitere Form des Ambiguous Loss betrifft etwas, das an sich niemals vollständig existieren  kann: eine klare Zukunftsvorstellung. Menschen machen Pläne und stellen sich vor, wie ihr Leben in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Sie denken darüber nach, wo sie leben, welchen Beruf sie ergreifen, welche Menschen sie begleiten sollen. Wenn diese Zukunft plötzlich nicht mehr möglich ist, kann der damit verbundene ‚uneindeutige Verlust‘ zu einer immensen psychischen Belastung werden. Vielleicht zerbricht ein Kinderwunsch oder eine Partnerschaft endet kurz vor der geplanten Hochzeit. Vielleicht verhindert eine Erkrankung einen Lebensentwurf oder es gilt, nach einem Unfall zu akzeptieren, dass bestimmte Dinge nie wieder möglich sind. Dann wird verloren, was noch nicht existierte.

Ein klassischer Abschied hat Rituale. Bei Ambiguous Loss fehlen solche eindeutigen Übergänge häufig und die Kommentare aus dem Umfeld sind zusätzlich schwierig. „Aber er lebt doch noch“ oder „Ihr könnt doch weiterhin Kontakt haben“ oder „Du hast doch einen neuen Job“ sind Sätze, die unpassend dafür sind, dass ein Mensch diese Verlustform bei all ihrer Ambivalenz ebenso empfindet wie einen existenziellen Abschied.

Ambiguous Loss erinnert daran, dass manche Situationen nicht vollständig aufgelöst werden können. Sie fordern, dass ein Mensch lernt, mit Ungewissheit und dem Fehlen von etwas, das entweder sicher noch da ist (zum Beispiel der demente Partner) oder von dem nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass es noch da ist (zum Beispiel eine vermisste Person) womöglich lebenslang zu leben.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 8

Die bisherigen Überlegungen im Kontext Endlichkeit, Weisheit, Vernunft und Verantwortung lassen sich aus einem weiteren Blickwinkel betrachten, der in den vergangenen Jahrzehnten in philosophischen und psychologischen Diskussionen an Rezeption gewonnen hat: der Integralen Theorie Ken Wilbers. Eine Theorie, die sich als eine Metaperspektive anbietet, die versucht, unterschiedliche wissenschaftliche, philosophische und spirituelle Erkenntniswege miteinander in Beziehung zu setzen, ohne sie aufeinander zu reduzieren. In dieser ‚Enthaltsamkeit‘ liegt ihr weiserer Zugang zur Ermöglichung erweiterter Erkenntnisformen. Wilbers integraler Zugang fragt nicht, welches Denkmodell recht hat, sondern welche Dimension der Wirklichkeit es sichtbar macht.

Wilber unterscheidet hierzu vier grundlegende Zugänge. Da ist zunächst die Innenwelt des einzelnen Menschen mit seinen Gedanken und Gefühlen. Dann die Außenperspektive auf denselben Menschen, also sein Verhalten, seine Handlungen. Hinzu kommt drittens die gemeinsame Innenwelt einer Gemeinschaft – ihre Kultur, ihre Werte, ihre Sprache und ihre geteilten Konventionen und letztlich, viertens, die Außenperspektive auf soziale Systeme mit ihren Institutionen, Gesetzen, Organisationen und ökonomischen Strukturen. In der KrisenPraxis wurde das Theoriegebäude bereits umfassend vorgestellt, bitte nutzen Sie bei Interesse den Weg über das Suchfeld oder die Kategorien.

Viele gesellschaftliche Konflikte entstehen gerade dadurch, dass eine dieser vier Perspektiven absolut gesetzt wird. Wer nur subjektive Erfahrungen gelten lässt, unterschätzt die Bedeutung objektiver Tatsachen. Wer allein auf Institutionen blickt, verliert den einzelnen Menschen aus den Augen. Und wer sich ausschließlich auf die persönliche Lebensführung konzentriert, ignoriert häufig die sozialen Bedingungen, unter denen Menschen leben. Ein weiserer Zugang besteht aus integraler Sicht deshalb zunächst in einer Erweiterung des Blickfeldes. Sie ermöglicht die Stärkung der Fähigkeit, möglichst viele legitime Perspektiven gleichzeitig wahrzunehmen und ihre jeweiligen Grenzen zu erkennen. Sie fragt nicht nur danach, was wahr ist, sondern ebenso danach, für wen, unter welchen Bedingungen und aus welcher Perspektive eine Aussage zutrifft.

An diesem Punkt begegnet Wilbers Theorie unmittelbar den Überlegungen Niklas Luhmanns. Während Luhmann zeigt, dass jedes System notwendigerweise einen blinden Fleck besitzt, versucht Wilber, möglichst viele dieser unterschiedlichen Systemperspektiven zugleich zu berücksichtigen. Der integrale Ansatz ist dabei kein Versuch, den blinden Fleck vollständig zu beseitigen – was unmöglich wäre –, sondern ihn durch die bewusste Einbeziehung weiterer Perspektiven möglichst klein werden zu lassen.

Aus der Sicht Viktor Frankls genügt diese Integration allein jedoch noch nicht. Ein Mensch kann über außerordentlich viele Perspektiven verfügen und dennoch orientierungslos bleiben. Die Existenzanalyse erinnert daran, dass Erkenntnis erst dann ihre eigentliche Bedeutung erhält, wenn sie in verantwortliches Handeln mündet. Perspektiven sind Voraussetzungen der Weisheit; sie ersetzen sie nicht. Zwischen Erkenntnis und Weisheit liegt die Frage nach dem Sinn.

Hier zeigt sich eine entscheidende Ergänzung zur Integralen Theorie. Wilber beschreibt mit großer Überzeugungskraft, wie unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche miteinander verbunden werden können. Frankl fragt darüber hinaus, worauf diese Integration letztlich ausgerichtet sein soll. Für ihn genügt es nicht, komplexer zu denken. Entscheidend ist vielmehr, ob der Mensch dadurch befähigt wird, in einer konkreten Situation das sittlich und existenziell Sinnvolle zu verwirklichen. Weisheit wird dadurch mehr als eine möglichst umfassende Landkarte der Wirklichkeit. Sie wird zur Fähigkeit, diese Landkarte verantwortlich zu benutzen.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 7

Die Kritische Theorie hat darauf aufmerksam gemacht, dass jede Form begrifflicher Ordnung die Gefahr in sich trägt, die Einzigartigkeit des Wirklichen zu überdecken. Sobald Menschen ausschließlich in Kategorien, Funktionen oder Statistiken erscheinen, verliert sich leicht der Blick für ihre unverwechselbare Individualität. Die Wirklichkeit erschöpft sich jedoch niemals in ihren Begriffen. Zwischen dem, was sich ordnen lässt, und dem, was sich jeder vollständigen Einordnung entzieht, bleibt stets ein Spannungsraum bestehen. Weisheit beginnt dort, wo dieser Raum nicht als Störung empfunden, sondern bewusst offengehalten wird.

Auch Viktor Frankls Existenzanalyse weist in diese Richtung. Für ihn war der Mensch niemals vollständig durch biologische, psychologische oder gesellschaftliche Bedingungen erklärbar. Jede Person bleibt mehr als die Summe ihrer Eigenschaften. Gerade in ihrer Fähigkeit, sich zu ihren Bedingungen frei zu verhalten, zeigt sich die von Frankl für jeden Menschen postulierte geistige Dimension, die sich einer vollständigen Objektivierung entzieht. Diese Dimension ist gleichwohl der Urgrund der Komplexität. Mit jedem Menschen und dem, was er hervorbringt, wächst die kollektive Komplexität, und Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto größer werden die Erfordernisse in Form von Regeln, Verfahren und Standardisierungen. Ohne sie wäre ein geordnetes Zusammenleben kaum möglich. Gleichzeitig kann keine Regel alle Besonderheiten des konkreten Lebens vorwegnehmen. Jede allgemeine Norm stößt irgendwann auf Situationen, in denen ihre schematische Anwendung dem Sinn der Regel selbst widersprechen würde. Gerade an dieser Grenze beginnt die eigentliche Aufgabe praktischer Weisheit. Weisheit hebt Gesetze nicht auf, sondern erschließt ihren menschlichen Sinn. Sie fragt nicht nur danach, was formal richtig ist, sondern ebenso danach, was einer konkreten Situation gerecht wird. Diese Unterscheidung verlangt Urteilskraft. Sie lässt sich weder vollständig kodifizieren noch automatisieren. Deshalb ist Weisheit mehr als die Kenntnis moralischer Prinzipien. Sie ist die Fähigkeit, allgemeine Maßstäbe mit den Besonderheiten des Einzelfalls verantwortlich zu verbinden. Eine solche Urteilskraft entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst aus gelebter Erfahrung, aus Begegnungen, aus Irrtümern, aus Verantwortung und nicht zuletzt aus der Bereitschaft, sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen. Erfahrung allein genügt allerdings nicht. Menschen können Jahrzehnte leben, ohne aus ihren Erfahrungen zu lernen. Erst die bewusste Auseinandersetzung mit dem Erlebten verwandelt bloße Lebenszeit in Lebenserfahrung. Alter ist daher keine Garantie für Weisheit, sondern lediglich eine Möglichkeit, immer mehr von ihr zu entwickeln.

Bücher, Studien und philosophische Traditionen eröffnen wichtige Horizonte, doch sie nehmen dem Einzelnen nicht die Aufgabe ab, das Erkannte in das eigene Leben zu integrieren. Weisheit besitzt deshalb immer eine existenzielle Dimension. Sie wird nicht nur gedacht, sondern gelebt. Sie zeigt sich weniger in brillanten Formulierungen als in der Art und Weise, wie Menschen Entscheidungen treffen, Konflikte austragen, Verantwortung übernehmen und anderen begegnen. Dabei helfen können überlieferte Normen und ethische Regeln. Sie bewahren die verdichtete Erfahrung früherer Generationen und bilden einen unverzichtbaren Orientierungsrahmen. Dennoch können sie die persönliche Gewissensentscheidung niemals vollständig ersetzen. Frankl verstand das Gewissen als jenes Organ des Sinns, das den Menschen befähigt, die einmalige Forderung einer konkreten Situation wahrzunehmen. Gerade weil keine zwei Situationen vollkommen identisch sind, bleibt jede verantwortliche Entscheidung ein schöpferischer Akt.

Was wir heute – an sich wie immer schon – brauchen: Menschen mit der Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten, Unsicherheit nicht vorschnell zu beseitigen und die Unvollkommenheit des Lebens nicht als Makel, sondern als Ausdruck menschlicher Wirklichkeit anzunehmen. Wer gelernt hat, mit der eigenen Begrenztheit und Endlichkeit im Einklang zu sein, entwickelt häufig auch größere Geduld gegenüber den Unvollkommenheiten anderer. Das Bewusstsein des eigenen Abschieds aus diesem Weltlichen verändert den Blick auf Erfolg, Scheitern und Perfektion. Es relativiert, in seiner Tiefe liegt Gelassenheit und doch auch die Möglichkeit, Verantwortung für das Leben nach Tod zu übernehmen.

Warum wir wieder lernen müssen, über das Sterben zu sprechen

Wir werden älter, investieren in Gesundheit und träumen von einem möglichst langen Leben. Doch während der Wunsch nach Langlebigkeit immer größer wird, verdrängen wir eine Tatsache, die sich nicht wegoptimieren lässt: Unser Leben ist endlich. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio plädiert deshalb für einen anderen Blick auf das Lebensende – und für eine Medizin, die vor allem eines kann: zuhören.

Der Tod ist eines der sichersten Ereignisse unseres Lebens – und gleichzeitig eines der am stärksten verdrängten. Während die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten eröffnet, Krankheiten zu behandeln, Körper zu optimieren und Lebenszeit zu verlängern, fällt es vielen Menschen schwer, über das Sterben zu sprechen. Besonders deutlich zeigt sich das im aktuellen Longevity-Trend. Gesundheit, Fitness, Ernährung und medizinische Innovationen sollen dazu beitragen, möglichst lange jung und leistungsfähig zu bleiben. Das ist Zeitgeist pur, mit einer problematischen Seite, der  Todesverdrängung.

Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren habe die Medizin zeitweise dem Glauben angehangen, den Tod durch technischen Fortschritt besiegen zu können, erklärt Borasio. Intensivmedizin und moderne Behandlungsmöglichkeiten hätten damals ein Gefühl medizinischer Allmacht entstehen lassen. Der Tod ließ sich damit jedoch nicht abschaffen. Stattdessen gerieten schwerstkranke und sterbende Menschen teilweise aus dem Blick.

Heute zeigt sich die gleiche Sehnsucht in anderer Form: Menschen investieren enorme Summen in Maßnahmen, die ihnen ein längeres Leben versprechen. Doch egal, wie weit die Medizin voranschreitet – Unsterblichkeit bleibt eine Illusion. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht Wie lange können wir leben?, sondern Wofür wollen wir leben und wie wollen wir sterben?

Dass Menschen heute durchschnittlich länger leben als frühere Generationen, ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Längeres Leben kann bedeuten, mehr Zeit mit Familie und Freunden zu haben, Erfahrungen zu sammeln und Dinge zu tun, für die früher keine Zeit war. Entscheidend ist jedoch die Qualität dieser zusätzlichen Jahre, denn ein längeres Leben bedeutet nicht automatisch ein besseres Leben. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Demenz. Gleichzeitig steht unsere Gesellschaft vor der Frage, wer die notwendige Betreuung leisten und finanzieren soll.

Pflegekräfte fehlen schon heute. Familien sind häufig räumlich voneinander getrennt. Und die Vorstellung, dass professionelle Strukturen irgendwann alle Bedürfnisse auffangen werden, wird sich wohl als zweite Illusion erweisen. Borasio plädiert deshalb für „Caring Communities“ – sorgende Gemeinschaften. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der Verantwortung füreinander nicht ausschließlich an professionelle Einrichtungen delegiert wird. Es geht darum, dass Menschen einander unterstützen: ältere Menschen, Sterbende, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Familien. Ob auch dieser Gedanke den Zeitgeist trifft? Oder trifft er schlicht die Geldbörse?

Einen weiteren Blick richtet Borasio in die Palliativmedizin. Auch dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. So gibt es In Deutschland inzwischen zahlreiche ambulante Palliativteams, die schwerkranke Menschen zu Hause begleiten. Zudem leisten die Hospizvereine mit ihren vielen qualifizierten Ehrenamtlichen eine weitere hervorragende Unterstützung. Andererseits gerät das Gesundheitssystem zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Medizinische Entscheidungen stehen dadurch nicht immer ausschließlich im Zeichen dessen, was für einen Menschen sinnvoll ist. Borasio warnt vor einer Entwicklung in zwei Richtungen: Manche Menschen könnten notwendige Behandlungen nicht ausreichend erhalten, während andere mit Therapien versorgt werden, die medizinisch kaum noch einen Nutzen bringen. Gerade am Lebensende kann das gravierende Folgen haben, denn manchmal verlängert eine Therapie nicht das Leben in einer für den Patienten guten Weise, sondern lediglich den Sterbeprozess. Dann wird aus dem Wunsch, alles Menschenmögliche zu tun, schnell eine Belastung für denjenigen, um dessen Leben es eigentlich geht.

Eine der wichtigsten Botschaften Borasios lautet deshalb: Wir müssen die Menschen fragen. Was möchten Sie? Was ist Ihnen wichtig? Wovor haben Sie Angst? Was möchten Sie noch erleben? Und was möchten Sie auf keinen Fall? Die Antworten können überraschend sein. Denn die Wünsche schwerkranker Menschen entsprechen nicht zwangsläufig dem, was Ärztinnen und Ärzte für sie als besonders wichtig erachten.

Am Lebensende verschieben sich bei vielen Menschen zudem die persönlichen Werte. Beziehungen und das soziale Umfeld gewinnen an Bedeutung. Nicht selten geht es weniger um die eigene Person als um die Menschen, die zurückbleiben. Vielleicht ist genau das eine der großen Erkenntnisse, die das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit mit sich bringen kann: Zu erkennen, was wirklich zählt.

Für Borasio liegt darin die entscheidende Aufgabe einer zukünftigen Medizin. Der Patient dürfe nicht als Kostenfaktor betrachtet werden. Im Mittelpunkt müsse wieder der Mensch stehen – mit seinen Wünschen, Ängsten, Beziehungen und individuellen Vorstellungen von Lebensqualität. Sein vielleicht prägnantester Gedanke lautet: „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein oder sie wird gar nicht mehr sein.“

Zuhören klingt zunächst nach etwas Selbstverständlichem. In einem hoch technisierten und wirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem ist es jedoch keineswegs selbstverständlich. Zuhören bedeutet hier, nicht sofort eine Behandlung anzubieten, sondern zunächst zu verstehen, was ein Mensch überhaupt erreichen möchte. Und Zuhören bedeutet auch, anzuerkennen, dass ein medizinischer Erfolg nicht immer darin besteht, einen biologischen Prozess möglichst lange aufrechtzuerhalten. Manchmal kann der Erfolg einer Behandlung darin bestehen, Leiden zu lindern, Selbstbestimmung zu bewahren und einem Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Besonders deutlich wird das in Pflegeheimen. Wenn Menschen am Ende ihres Lebens stehen, werden sie nicht selten noch einmal ins Krankenhaus gebracht. Solche Einweisungen können medizinisch notwendig sein. Häufig können sie aber auch vermeidbares Leid bedeuten – gerade dann, wenn ein Mensch eigentlich zu Hause oder im Pflegeheim bleiben möchte. Eine bessere palliative Versorgung könnte hier viel bewirken. Dazu braucht es nicht immer spektakuläre neue Technologien. Häufig geht es um etwas Grundlegenderes: medizinisches Wissen, gute Kommunikation und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Patienten und seinem Umfeld Entscheidungen zu treffen, damit getan wird, was sinnvoll ist und nicht nur zweckdienlich.

Gutes Sterben setzt nicht erst dann ein, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. Vielmehr beginnt es bereits dort, wo ein Mensch bereit ist, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen und über Tod und Sterben zu sprechen. Eine solche Auseinandersetzung fällt schwer. In seinem Vortrag zu diesem Thema in der Heinrich-Böll-Stiftung macht Professor Honnefelder dazu wie folgt inhaltlich aufmerksam: Der Mensch erlebt sich zunächst als jemand, der über seinen Körper verfügen und ihn kontrollieren kann. Gleichzeitig ist er aber an diesen Körper gebunden und von dessen Möglichkeiten und Zuständen abhängig. Ähnlich verhält es sich mit seiner Psyche: Einerseits gestaltet sie seine Wahrnehmung und sein Erleben aktiv mit, andererseits wird sie selbst durch Erfahrungen und Erlebnisse geprägt. Auch die eigene Identität besitzt diesen widersprüchlichen Charakter. Der Mensch empfindet sich als unverwechselbar und einzigartig, muss aber zugleich erkennen, dass andere Menschen seine Funktionen übernehmen können und seine eigene Existenz deshalb nicht in jeder Hinsicht unersetzbar ist. Auch Sinn und Ordnung, die durch gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge vermittelt werden, sind niemals selbstverständlich. Wo eine bestimmte Ordnung als sinnvoll erfahren wird, bleibt gleichzeitig die Möglichkeit bestehen, dass sie anders sein könnte. Der Mensch weiß daher um die Verletzlichkeit der von ihm geschaffenen kulturellen Strukturen und empfindet den Verlust von Sinn und Orientierung als besondere Bedrohung.

Besonders intensiv zeigt sich diese Spannung im menschlichen Verhältnis zur Zeit. Der Mensch lebt nicht lediglich in der Zeit, sondern besitzt darüber hinaus ein Bewusstsein von ihrer Vergänglichkeit. Er nimmt den gegenwärtigen Augenblick als etwas wahr, das unmittelbar wieder vergeht, und erkennt sich selbst als ein Wesen, dessen Existenz sich innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung vollzieht. Martin Heidegger bezeichnet deshalb Sorge und Angst als grundlegende Befindlichkeiten des Menschen. Mit Angst ist dabei nicht einfach die Furcht vor einer bestimmten Gefahr gemeint. Gemeint ist vielmehr jene grundlegende Unsicherheit, die daraus entsteht, dass der Mensch seiner Existenz nicht vollständig sicher sein kann und sich gewissermaßen ins Nichts hinausgehalten erfährt.

Vor diesem Hintergrund erhält das Wissen um die eigene Sterblichkeit eine besondere Bedeutung. Ein Wesen, das sich seiner selbst und seiner zeitlichen Begrenzung bewusst ist, kann den Tod nicht einfach als irgendein zukünftiges Ereignis betrachten. Nach Heidegger muss der Tod für den Menschen zur „eigensten, unbezüglichen, unüberholbaren Möglichkeit“ werden. Gerade dadurch wird der Mensch mit der Frage konfrontiert, wie sein gesamtes Dasein zu verstehen und zu bewerten ist.

Wenn unter Leben nicht bloß die biologische Existenz verstanden wird, sondern das konkrete Leben, das ein Mensch führt, dann besitzt auch der Tod eine umfassendere Bedeutung als das bloße Ende körperlicher Funktionen. Entscheidend ist für den Menschen weniger der Zustand des Totseins, den er selbst nicht erfahren kann, als vielmehr der Weg, der vom Leben zum Tod führt. Aus diesem Grund richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Sterben. Welche Bedeutung der Tod besitzt, wird deutlicher, wenn man zunächst fragt, was menschliches Leben ausmacht. Dem gelebten Leben erscheint der Tod zunächst als dessen grundlegendes Gegenstück. Menschliches Leben verwirklicht sich in einer Vielzahl von Formen: im eigenen Körper, in Beziehungen und Kommunikation, in kulturellen Vorstellungen und Lebensentwürfen, in der Entwicklung einer persönlichen Identität sowie in gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen. Der Tod beendet beziehungsweise löst diese Formen der Verkörperung auf. Für ein Wesen, dessen Existenz darin besteht, sein Leben aktiv zu führen und zu gestalten, bedeutet der Tod daher den Übergang zum Ende dieser Aktivität, zur zunehmenden Ohnmacht und schließlich zu einer letzten Form der Trennung und Einsamkeit. Je stärker der Mensch sein eigenes Leben bewusst wahrnimmt, desto stärker muss er deshalb auch den Tod als dessen Gegenbild wahrnehmen.

Zur menschlichen Existenz gehört somit nicht lediglich die Möglichkeit, über den Tod nachzudenken. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist vielmehr bereits Bestandteil der Struktur menschlichen Lebens. Wer im Voraus weiß, dass der eigene Tod bevorsteht, nimmt zwangsläufig – bewusst oder unbewusst – eine bestimmte Haltung zu ihm ein. Diese Haltung zeigt sich darin, wie der Mensch sein Leben gestaltet. Das Sterben ist deshalb nicht ausschließlich etwas, das einem Menschen von außen widerfährt. Es kann zugleich als ein letzter Bereich verstanden werden, in dem der Mensch in Bezug auf sein eigenes Dasein Stellung nimmt. Heidegger bezeichnet den Tod als die „eigenste Möglichkeit des Daseins“. Er ist damit nicht lediglich ein unvermeidliches Faktum am Ende des Lebens, sondern kann auch als Möglichkeit verstanden werden, das eigene Leben als Ganzes zu begreifen und zu vollenden. Georg Simmels Gedanke, dass das menschliche Leben nicht allein im „Mehr-Leben“, sondern im „Mehr-als-Leben“ aufgeht, führt zu der weiterführenden Frage, worin dieses Mehr bestehen kann. Wenn der Mensch sich selbst tatsächlich nur über die Beziehung zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt erschließen kann, benötigt er Orientierung und Sinn, um auch das eigene Leben verstehen zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich daher nicht unabhängig von den Sinnangeboten beantworten, die einem Menschen begegnen. Noch schwieriger wird die Frage nach dem Tod, wenn dieser als etwas Sinnloses oder Zufälliges erscheint. Um dem Tod einen verstehbaren Platz im eigenen Dasein geben zu können, bedarf es eines umfassenderen Zusammenhangs, der selbst nicht sofort wieder als zufällig oder sinnlos erscheint. Daher wird die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit bis heute häufig im Rahmen religiöser Vorstellungen gestellt. Religion kann dem Menschen ermöglichen, seine eigene Endlichkeit anzuerkennen und sie zugleich in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu setzen, die über den Tod hinausweist. Der Mensch kann sich dadurch als sterbliches und begrenztes Wesen verstehen, ohne seine Existenz ausschließlich auf diese Begrenztheit reduzieren zu müssen.

Aus der grundlegenden menschlichen Abhängigkeit von anderen ergibt sich außerdem eine besondere Bedeutung zwischenmenschlicher Nähe während des Sterbens. Kaum in einer anderen Lebenssituation ist der Mensch in vergleichbarer Weise auf die Anwesenheit, Unterstützung und Zuwendung anderer angewiesen. Dabei genügt es nicht, ausschließlich für körperliches Wohlbefinden zu sorgen, Schmerzen zu behandeln oder pflegerische Aufgaben zu übernehmen. Ebenso wichtig ist die Erfahrung, dass jemand da ist, zuhört, Nähe zulässt und dem Sterbenden vermittelt, dass er nicht allein gelassen wird.

Wenn das Sterben zunehmend mit Verlust von Handlungsmöglichkeiten, körperlicher Selbstbestimmung und schließlich mit dem Ende jeder Kommunikation verbunden ist, kann die Gegenwart vertrauter Menschen eine wichtige Verbindung schaffen. Wer sich begleitet, akzeptiert und angenommen fühlt, kann möglicherweise leichter Vertrauen entwickeln und sich mit der eigenen Situation auseinandersetzen. Eine solche Begleitung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Besonders wichtig können Angehörige, Freunde, Ehrenamtliche ambulanter Hospizvereine oder Menschen aus einer seelsorgerlichen Beziehung sein, weil zwischen ihnen und dem Sterbenden bereits ein besonderes Maß an Vertrauen besteht. Daneben können auch Ärzte, Pflegekräfte und andere professionell Tätige eine solche Aufgabe übernehmen oder die persönliche Begleitung unterstützen. Gerade dort, wo Menschen in Krankenhäusern, Hospizen oder Alten- und Pflegeeinrichtungen sterben, sollte deshalb neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch die persönliche Begleitung berücksichtigt werden. Palliation und menschliche Zuwendung dürfen nicht als voneinander getrennte Aufgaben verstanden werden. Ein Sterbender braucht häufig beides: die Linderung körperlicher Beschwerden und die Erfahrung, als Mensch wahrgenommen und nicht allein gelassen zu werden.

Eine solche Begleitung kann allerdings nur dann wirklich tragen, wenn auch der Begleitende bereit ist, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Wer die eigene Endlichkeit vollständig verdrängt und den Tod aus dem eigenen Denken ausschließt, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, einem anderen Menschen in dessen Sterbeprozess Sicherheit und Nähe zu vermitteln. Deshalb beginnt eine verantwortungsvolle Sterbebegleitung bereits lange vor der konkreten Situation des Sterbens: Sie setzt voraus, dass Menschen selbst ein Verhältnis zu ihrem Leben, zu dessen Begrenztheit und schließlich auch zum eigenen Tod entwickelt haben.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 6

Die Einsicht in den eigenen blinden Fleck bleibt nicht auf das individuelle Denken beschränkt. Sie besitzt ebenso eine gesellschaftliche Dimension. Gemeinschaften, Institutionen und kulturelle Ordnungen neigen dazu, ihre eigenen Voraussetzungen für selbstverständlich zu halten. Was innerhalb ihres Deutungshorizontes keinen Platz findet, erscheint leicht als nebensächlich oder wird gar nicht erst wahrgenommen. Doch das Unsichtbare verschwindet nicht dadurch, dass es unbeachtet bleibt. Es wirkt weiter, und häufig gerade deshalb, weil niemand es ausdrücklich berücksichtigt.

Aus diesem Grund bedarf es einer offenen Gesellschaft des Dialogs zwischen unterschiedlichen Akteuren des Wissens. Philosophische Reflexion, psychologische Einsicht, naturwissenschaftliche Erkenntnis, politische Erfahrung und kulturelle Tradition stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Sie eröffnen verschiedene Konstruktionen von Wirklichkeit. Erst in ihrem Zusammenspiel entsteht ein differenzierteres Verständnis des Menschen und seiner Lebenswelt. Wer weiser denkt, handelt und kommuniziert, entlernt sukzessive einst bevorzugte gegebenenfalls monologische Tendenzen.

Der ursprüngliche Sinn des griechischen Begriffs theoría verweist genau auf diese Haltung. Gemeint ist kein abstraktes Gedankengebäude, sondern ein aufmerksames Schauen, das sich der Wirklichkeit aussetzt, anstatt sie vorschnell in bekannte Kategorien einzuordnen. Moderne Theorien sind unverzichtbare Werkzeuge des Denkens. Zugleich dürfen sie nicht mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden. Sie bleiben Karten eines Geländes, sind aber niemals das Gelände selbst. Je komplexer die Welt wird, desto größer wird die Versuchung, ihre Vielschichtigkeit auf einfache Erklärungen zu reduzieren. Menschen suchen nach Eindeutigkeit, weil sie Orientierung verspricht. Systeme vereinfachen Komplexität, weil sie andernfalls handlungsunfähig würden. Diese Reduktion ist notwendig, sie hat jedoch ihren Preis. Mit jeder Vereinfachung verschwinden zugleich Möglichkeiten des Verstehens. Weisheit besteht deshalb nicht darin, Komplexität zu beseitigen, sondern sie in einer Weise auszuhalten, die verantwortliches Handeln weiterhin ermöglicht.

Hier berühren sich erneut Systemtheorie und Existenzanalyse. Während Systeme Komplexität reduzieren müssen, um funktionieren zu können, bleibt der Mensch dazu berufen, sich immer wieder auf die umfassendere Wirklichkeit hin zu öffnen. Frankls Begriff der Selbsttranszendenz beschreibt genau diese Bewegung. Der Mensch überschreitet den engen Horizont seiner unmittelbaren Bedürfnisse und richtet sich auf Werte, Aufgaben und andere Personen aus. Indem er sich dem Sinn einer Situation öffnet, erweitert sich zugleich sein Wahrnehmungshorizont. Diese Fähigkeit gewinnt besondere Bedeutung in einer Zeit, deren öffentliche Kommunikation zunehmend von Geschwindigkeit bestimmt wird. Der tägliche Strom an Nachrichten, Kommentaren und digitalen Reaktionen erzeugt den Eindruck ständiger Gegenwart. Was heute Aufmerksamkeit erhält, erscheint bedeutsam; was nicht sichtbar wird, verliert scheinbar seine Existenzberechtigung. Die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich dadurch immer stärker an Mechanismen der Sichtbarkeit und immer weniger an Kriterien der Bedeutsamkeit.

Eine Kultur, die ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich nach medialer Resonanz organisiert, läuft Gefahr, das Wesentliche mit dem Lautesten zu verwechseln. Schnelligkeit ersetzt Nachdenklichkeit, Reichweite tritt an die Stelle von Tiefe, Empörung verdrängt differenzierte Urteilsbildung. Unter solchen Bedingungen wird Weisheit leicht für unpraktisch gehalten, weil sie sich der Logik permanenter Beschleunigung entzieht. Tatsächlich ist gerade ihre Langsamkeit Ausdruck einer anderen Form von Rationalität. Sie nimmt sich die Freiheit, Zusammenhänge wahrzunehmen, bevor sie urteilt. Daraus ergibt sich eine anspruchsvolle Aufgabe für jede demokratische Kultur. Eine Gesellschaft lebt nicht allein von funktionierenden Institutionen, sondern ebenso von ihrer Fähigkeit zur Reflexion. Sie benötigt Räume, in denen nicht ausschließlich über Effizienz, Wachstum oder Macht gesprochen wird, sondern ebenso über Verantwortung, Menschenwürde, Vertrauen und den Sinn gemeinschaftlichen Handelns. Diese Fragen lassen sich weder delegieren noch automatisieren. Sie verlangen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, über die Grenzen ihres jeweiligen Systems hinauszudenken.

Weisheit ist deshalb keine zufällige Begleiterscheinung kultureller Entwicklung. Sie entsteht nicht automatisch mit wachsendem Wissen, technologischem Fortschritt oder wirtschaftlichem Wohlstand. Im Gegenteil: Je größer der verfügbare Wissensbestand wird, desto dringlicher wird die Fähigkeit, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden. Genau an dieser Stelle erhält Wissen durch Weisheit seine existenzielle Vollendung. Erst wenn Erkenntnis in verantwortliches Handeln übergeht, erfüllt sie ihren eigentlichen Zweck. Aus der Perspektive Viktor Frankls bedeutet dies, dass Wissen immer auf eine konkrete Sinnverwirklichung hin orientiert bleiben soll. Es genügt nicht, die Welt immer genauer zu beschreiben. Entscheidend ist, ob diese Erkenntnisse den Menschen befähigen, freier, verantwortlicher und menschlicher zu handeln, und dies in jeder Lebensphase. Im Kontext menschlicher Lebensendlichkeit wird eine weisere Grundhaltung zum Korrektiv gegen jede Form intellektueller Selbstgenügsamkeit. Wem bewusst ist, dass seine Lebenszeit begrenzt ist, wird Erkenntnis nicht um ihrer selbst willen anhäufen. Er wird vielmehr fragen, welche Einsichten geeignet sind, das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen auf Sinn hin zu vertiefen.