Kategorie-Archiv: Menschenkunde

Man kann nicht allen alles erklären, insbesondere dann nicht,
wenn es den Fundamenten ihrer Weltanschauung widerspricht.

Das Dumme dabei ist nur, dass viele, die ihre Weltanschauung kommunizieren, nicht in der Lage sind, ebendiese samt ihrer Herkunft, ihrer aktuellen Bedeutung für die eigene Lebensführung und hinsichtlich ihrer Konsequenzen anderen zu erklären. Wenn dies jedoch nicht geschieht, dann darf sich eine solche Person nicht wundern, wenn ihr Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Aber wer sich darüber erregt, dass ihm ebendieses widerfährt, kann sich jederzeit entscheiden: entweder der Verbleib in der selbstverschuldeten Unmündigkeit oder der Aufbau einer zeitgemäßen Vernunft. Erstes ist einfach, zweites ‚kostet‘.

Bluff

Der Roman der Dänin Janne Teller ist schon ein paar Jahre alt und doch aktueller denn je. Viele junge Leute fragen sich im Schatten von Corona, welchen Sinn das Dasein eigentlich noch hat. Sich derart verloren zu fühlen, ‚da zu sein‘ und sich doch mit dem Absurden der Welt nur widerwillig auseinander setzen zu wollen, ist ein seelischer Zustand, dem wir in der Psychotherapie nur allzu häufig begegnen. Kierkegaard, der große dänische Existenzialist und Kenner der Angst, hat schon im 19. Jahrhundert diesen Schmerz beschrieben und philosophisch verarbeitet.

Wenn ein Mensch, wie der Protagonist in Tellers Roman, sich sicher ist, dass das Leben schlicht zu nichts nützt, kein Hahn so wirklich danach kräht, ob es einen gibt oder nicht, wenn aller Sinn reine Illusion und Spekulation ist, schlicht ein Bluff, dann muss man sich irgendwann einmal die Augen reiben, hinschauen und verzweifeln. Oder, wenn man diese Kurve noch einmal kriegen will, dann entscheidet man sich für Gott, wenn man glauben kann, ihm die eigene Existenz zu verdanken. Wenn aber auch das nicht so richtig funzt, dann hilft nur die Idee, dass alles einfach nur ein kosmischer Witz des Zufalls ist. Und über Witze lacht man, so wie man es auch an einigen Stellen im Roman ‚Nichts‘ tun kann. Wer sich philosophisch auf den Roman vorbereiten will, der sei eingeladen, zuerst Kierkegaard, Sartre und Camus zu verdauen und nach dem Roman einen Blick in die Bücher von Viktor Frankl zu werfen. Vielleicht kommt einem da eine andere Form der Besinnung, die einen unabhängiger macht von Angst, Gott oder dem Verlachen der Welt.  

Eigentlich schon

„Eigentlich brauche ich ja kein Coaching, eigentlich habe ich ja keine Krise, eigentlich ist ja soweit alles in Ordnung“ sagt der Klient, und doch sitzt er mir gegenüber. Warum? Warum eigentlich? Will er mir sagen, dass die falsche Person vor mir sitzt, oder dass er nur nicht weiß, welchen Anteil am Problem ihm gehört? Meint er, dass er Besseres zu tun hat, etwas anderes braucht oder dass er von jemandem gedrängt wurde? Als Coachs und Therapeuten erleben wir recht häufig, dass Klienten durch bestimmte Formulierungen ihre Aussagen relativieren und unscharf machen. So drückt ein Klient durch häufige „Ja, aber“-Sätze aus, dass er auf der Stelle tritt („ja, Sie haben Recht, dass es besser wäre, nicht so unter Zeitdruck zu stehen, aber ich denke, dieser Stress gehört einfach dazu“). Auch das ‚eigentlich‘ ist ein solcher Weichzeichner. „Eigentlich-Sätze“ können verwirrend wirken und beim Hörer des Satzes eine Art Trance induzieren. Das Wort klingt mysteriös und wie ein Versteckspiel. Eigentlich (weiß ich etwas), aber eigentlich (verrate ich es nicht), denn eigentlich (weiß ich doch nicht …). Der Chamäleoncharakter des Begriffs und die durch ‚eigentlich‘ entstehende Mehrdeutigkeit der Aussage machen das, worum es wirklich geht, schwer fassbar.

Viele in Coaching oder Therapie verwendeten „Eigentlich-Sätze“ drücken eine Ambivalenz des Klienten aus. Daher müssen sie hinsichtlich des gemeinten Sinns überprüft werden. zum Beispiel durch die Umkehr des Eigentlich-Satzes. „Eigentlich will ich so nicht mehr arbeiten“, wird dann zu: „Ich will so nicht mehr arbeiten.“ Eine alternative Aussage des Eigentlich-Satzes kann hervortreten, wenn wir das „eigentlich“ durch „im Grunde“ ersetzen: Im Grunde will ich mit dieser Arbeit aufhören. Dies kommt der ursprünglichen Bedeutung von „eigentlich“ zwar nahe, ist allerdings oft von Klienten so nicht gemeint. Hilfreich kann nach einem „Eigentlich-Satz“ die Nachfrage sein: „Und was wollen Sie uneigentlich?“

Ursprünglich stammt „eigentlich“ von dem altgermanischen und mittelhochdeutschen Wort „eigen“ ab mit der Bedeutung ‚in Besitz genommen, besessen‘. Diese Bedeutung findet sich noch in ‚leibeigen‘. Später meinte es „ausdrücklich bestimmt, ursprünglich, wirklich, genau genommen“. Die letzte Silbe ‚-lich‘, stammt aus dem Mittelhochdeutschen und war ursprünglich ein selbstständiges Wort. Aus demselben Stamm leitet sich das Wort Leiche ab (Körper, Gestalt). So wird aus eigen und -lich die Umschreibung von: „die Gestalt des Wirklichen habend“.

Von den vielen verschiedenen Bedeutungen, die „eigentlich“ haben kann, sind zwei für den Coach und Therapeuten besonders wichtig. ‚Eigentlich‘ im Sinne des Ursprünglichen, des Wirklichen, des Genau-Genommenen, des Im-Grunde-und-bei-tieferer Überlegung-Gemeinten und im Sinne einer verwirrenden, Bedeutung kaschierenden, vagen Aussage. Um im Gespräch nicht in die Irre zu laufen gilt es, den gesamten Kontext [Körpersprache, Betonung, vorangegangene und folgende Sätze, Häufigkeit, inhaltlicher Rahmen] zu beachten, in den ‚eigentlich‘ eingebettet ist. Wenn das gelingt, dann macht es ‚eigentlich‘ Spaß, sich den Horizont der Gestalt des Wirklichen zu erarbeiten.

Charakterperspektiven

Ein weites Arbeitsfeld im Kontext psychotherapeutischer Menschenbilder besteht in der Theorie der Entwicklung von Charakter. Dabei lag vor hundert Jahren der Schwerpunkt darauf, pathologische Charakterzüge ausfindig zu machen und zu beschreiben. So schrieb einst Wilhelm Reich, zum ‚phallisch-narzisstischen Charakter gehören fast alle Formen der männlichen und weiblichen Homosexualität, Paranoia und die verwandten Formen der Schizophrenie sowie manifest sadis­tisch-perverse Männer‘. Was heute in diesem Kontext längst wissenschaftlich überwunden ist, hatte seinerzeit gesellschaftliches Spaltungs- und therapeutisches Selbstüberschätzungspotenzial.

Heute sind dank der Einflüsse insbesondere der Verfahren der Humanistischen Psychologie Therapeuten weniger analysierend und deu­tend unterwegs, sondern mehr und mehr ganzheitlicher und empathischer in ihrer Rollenausübung. Dies wiederum hat Auswirkungen darauf, wie ein Therapeut auf das Charakteristische einer Person schaut, die über ihre psychischen Belastungen berichtet.

Eine Perspektive besteht dabei darin, das ‚Warum‘ eines Charakterstils zu beantworten. Der amerikanische Psychologe Daniel Stern zum Beispiel sieht im Charakter eine Art Bewältigungsstrategie für den Umgang mit Mängeln der Bedürfnisbefriedigung. In der körpertherapeutischen Arbeit, zum Beispiel nach dem tiefenpsychologischen Konzept des Hakomi, entspricht der Charakter einem äußerlich beständigen und innerlich dynamischen Persönlichkeitsgebäude, das über den Körper die Steuerung anzeigt, mit der ein Mensch Belastungssituationen, insbesondere aber die jeden Menschen konfrontierenden Grundthemen, verarbeitet. Für das Hakomi-Konzept sind dies die Themen Abhängigkeit, Sicherheit, Authentizität, Wert und Sicherheit. Beim Thema ‚Sicherheit‘ beispielsweise wird über die Betrachtung der Instanz ‚Körper‘ herausgearbeitet, wie charakteristisch ein Mensch auf die Fragen antwortet, wie und wie sehr er sich der Welt anvertraut, wie er Nähe und Distanz gestaltet, welche Lebenserfahrungen auf das Konto Eingebunden-sein, Sicher-sein versus Isoliert-sein, Bedroht-sein eingezahlt haben.

In der existenzanalytischen Arbeit im Rahmen der Logotherapie wird mit dem Begriff des Charakters anders umgegangen. Den Hintergrund dafür bildet in den 1930er Jahren die Tätigkeit Frankls in einem psychiatrischen Krankenhaus in Wien. Dort sprach er mit Hunderten sehr kranker und schwer depressiver Personen und verglich diese Gespräche mit denen, die er mit gesunden Personen führte. Das Ergebnis war interessant, denn auch diese berichteten durchaus von traumatischen Situationen, Enttäuschungen und psychischen Verletzungen. So erkannte er, dass es sowohl  pathogene als auch protektive Faktoren geben musste, die in der Lage waren, als Schutz vor starker psychischer Belastung zu fungieren. Er sah, dass offenkundig Sinnfindung und Sinnerfüllung zu diesem Schutz führten, in dem die Personen weniger auf erlittenes Leid zurückblickten, sondern vielmehr auf die Gestaltung der Zukunft schauten, initiativ blieben, selbst dann, wenn genetisch veranlagte psychische Charakter-Dispositionen wie zum Beispiel eine Sucht- oder  Depressionsneigung gegeben waren. Frankl konstatierte: einen Charakter hat man, aber er ist nicht essentiell. Wesentlich ist, sich das Selbstgestaltungspotential zu erhalten oder – wie es Frankl metaphorisch einmal ausdrückte – : Die genetischen Anlagen und die diversen Umwelteinflüsse sind wie Baumaterial, das individuell zur Verfügung steht. Manche Menschen haben eine Fülle guten Materials, andere weniger. Doch das ist nicht das Bedeutende. Bedeutend ist, was der Einzelne aus dem, was er hat, macht. „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet“, hat Frankl gesagt. „Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“

Gute Kommunikationsvorsätze für 2022

Krise, Konflikt, Covid, Katastrophe – auch das kommende Jahr wird munter. Psycho-Post-Covid-Symptome werden zunehmen und jeder, der alles mit guter Gesundheit und Resilienz gemeistert hat, kann einen Beitrag dafür leisten, dass es anderen Menschen psychisch auch wieder besser geht. Dazu gehört natürlich: Kommunikation. Und hier nun insbesondere: Das Hinhören.

Wenn Sie dies vermeiden, hilft es Ihrem Gesprächspartner (in schweren Lebenslagen insbesonders):

1) Das Thema des Gesprächspartners als uninteressant, normal, langweilig … bezeichnen
2) Die Sprechweise des Gesprächspartners kritisieren – vielleicht ringt er nach Worten oder er springt in seinen Aussagen oder er stellt die Themen nicht logisch dar
3) Gereizt auf den Gesprächspartner reagieren, wenn Sie seine Meinung nicht teilen
4) Die Gefühle in den Aussagen des Gesprächspartners überhören und nur nach Tatsachen fragen
5) Zuhören, aber gedanklich bei anderen Themen sein oder sich parallel mit anderen Sachen beschäftigen
6) Unangenehmen Themen des Gesprächspartners ausweichen
7) Sofort bereits wissen, was der Gesprächspartner benötigt
8) Den Gesprächspartner unterbrechen, um schneller zu einem Fazit zu gelangen

Coronale Intuition

‚Das sagt mir mein Bauchgefühl‘, ‚irgendetwas stimmt da nicht‘, ‚ich habe einfach gespürt, dass ich das so machen sollte‘ – auf solche Art und Weise meldet sich der orbitofrontale Cortex im Stirnlappen beim Mensch, oder kurz: die Intuition.

Sie ist die Fähigkeit, ohne logisch schlussfolgernden Gebrauch des Verstandes zu Einsichten und subjektiv stimmigen Entscheidungen zu gelangen. Als unbewusstes Wissen, das sich sehr schnell den Weg ins Bewusstsein bahnt, steuert die Intuition menschliches Verhalten. Zugrunde liegen meist einfache Prinzipien, Faustregeln oder eine Art innere Statistik – im Impfkontext folgenden Gegner der Prozedur allzu oft der Wiedererkennung von Entscheidungsmustern in ihrer sozialen Blase. Gibt es im Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen, die sich in gleicher Weise verhalten, dann ‚muss da ja etwas dran sein‘ oder ‚ein Fünkchen Wahrheit wird schon dran sein, dass Impfen schlecht ist‘. Eine andere Faustregel ist das Namenserkennungsprinzip. ‚Nur, was der Bauer kennt, isst er‘, so der Volksmund und so entscheiden viele Menschen intuitiv das, was sie eben kennen. Und wenn sie jemanden kennen, der etwas nicht kennt, aber in seiner Unkenntnis dennoch entscheidet, dann folgen Menschen diesem häufig eher als sich vorzubehalten, zuerst jemanden kennenlernen zu wollen, der sich Kenntnis aufgebaut hat und danach auch entscheidet. Und so, wie Millionen dann die Primärkompetenz eines Fußballtrainers anzweifeln, so zweifeln dann auch Millionen die Kompetenz von Virologen an.

Intuition ohne Selbstzweifel bezüglich dieses Nichtwissens führt zwar zu schnelleren Entscheidungen, oft aber eben auch zu Fehlentscheidungen, zu schlichter Dummheit oder im Impfkontext eben auch zuweilen zum Tod.

Die Intuition in existenziellen Fragen aktiv austricksen zu können und zum Beispiel nicht dem Gespür nach eine Beziehung einzugehen, Aktien zu kaufen, eine Führungsrolle anzunehmen oder ein neues Medikament einzunehmen oder abzulehnen, ist trainierbar. Dabei soll die Intuition nicht abtrainiert werden, denn in vielen Alltagssituationen, die mit begrenztem Verstand und begrenzter Zeit zu gestalten sind, ist sie ausgesprochen hilfreich. Sich zu verlieben sollte durchaus der Intuition vorbehalten bleiben, wenn es aber um die Frage geht, ob und mit wem eine Familie gegründet werden soll, dann ist der mentale Sprung in den Verstand eher die Methode der Wahl – es sei denn, man fordert das Glück heraus.

In einer hochkomplex gewordenen Welt nur auf die Intuition zu setzen, erscheint daher waghalsig, naiv und gefährlich. Nur auf die Karte des Verstandes zu setzen, erscheint aussichtslos, anstrengend und unspontan. Man muss also lernen, wann man sich auf seinen sechsten Sinn verlassen kann, und wann man besser [länger, perspektivenreicher und außerhalb der eigenen sozialen Blase] nachdenkt. Denn: Am besten sind intuitive Entscheidungen dann, wenn man in einem Themenfeld viele Erfahrungen gesammelt hat. Beim Autofahren zum Beispiel, selten aber beim Thema Impfen, um das aktuelle Lieblingsthema vieler Deutschen noch einmal aufzugreifen.

Dass es mit der Intuition dann irgendwann auch einmal vorbei ist, zeigt die Bereitschaft von vielen, sich impfen zu lassen, weil durch 2G-Regeln der Sozialkontakt erheblich begrenzt wird. Wenn dann der Verstand doch noch eingreift und entscheidet, dass es wohl schlauer ist, mit seinem Leben etwas Sinnvolleres anzufangen als zu Hause zu hocken und ungeimpft auf einen Freedom-Day zu warten, der womöglich deshalb noch Jahre auf sich warten lässt, eben weil die Fraktion der ‚intuitiv Unwissenden‘ ihrem Verstand keine Chance gibt. Ich persönlich habe [noch] Vertrauen, dass die  Größe dieser Fraktion kontinuierlich dahinschmilzt. Damit diese Schmelze etwas zügiger verläuft, dafür könnte 2G-überall dienlich sein …

Ansprache des Peinlichen

Wie soll ich einen Mitarbeitenden auf eine ‚Körper-Peinlichkeit‘ aufmerksam machen?
* zum Beispiel: jemand aus meinem Arbeitsteam riecht unangenehm nach Schweiß
* ich bin als Chef vielleicht bereits auch von Kollegen dazu angesprochen worden
* das Thema ist schwierig, tabuisiert, störend
* der oder die Betroffene hat womöglich hier einen „blinden Fleck“

Bewährt hat sich:
* frühzeitige Ansprache bevor sich das Verhalten oder das Körperphänomen manifestiert
* vertrauliches Gespräch unter vier Augen
* Wertschätzung und Ernsthaftigkeit gleichermaßen: ‚Weil Sie mir wichtig sind und weil Betriebsabläufe gestört werden, führe ich dieses Gespräch.‘
* in Ich-Aussagen sprechen
* keinen ‚Zeugen‘ nennen
* persönliches Gefühl aussprechen: ‚Ich fühle mich gestört …‘, Es ist mir unangenehm …. Ich bin irritiert…‘
* Beschreiben Sie Ihre Wahrnehmung konkret und nachvollziehbar: ‚Ich habe am … gemerkt …, Mir ist aufgefallen … ‚, Ich beobachte seit … ‚
* Brücken zur Selbsterkenntnis: ‚Man selbst merkt das häufig ja gar nicht…‘, sprechen Sie einmal mit Ihrem Partner, Freund, Freundin darüber … ‚
* Bieten Sie progressive Hilfestellung an: ‚Wie kann ich Sie unterstützen…‘
* Vereinbarung: ‚Wollen wir in vier Wochen noch einmal darüber sprechen …‘, ‚Soll ich Ihnen eine Rückmeldung geben, ob es sich verbessert hat oder nicht?‘

zu erwägen:
* gibt es eine noch geeignetere Person, die ein solches Gespräch führen könnte? Wichtig aber, dass die Person nicht erst aufmerksam gemacht werden muss, sondern die Störung selbst bereits artikuliert hat. Fehlt dies, führt man das Gespräch besser selbst.
* es mag besser sein, wenn Frau mit Frau und Mann mit Mann ins Gespräch über solche Themen gehen. Jedoch: Wenn Sie Ihrer Vorgesetztenrolle gerecht werden wollen, dann gehört ein solches Gespräch zu Ihrem Verantwortungsbereich.

Diagnose Corona und dann …

Gestern gesund, heute das Ergebnis: positiv. Vielen Menschen ist es bisher so ergangen, und über 110.000 haben bis heute die Diagnose Corona sogar nicht überlebt. Erst vor wenigen Tagen starben bei uns in Augsburg zwei Männer im Alter von Anfang 30 und Anfang 40 Jahren.

Am Anfang der Diagnose steht häufig zuerst ein Schock. Was passiert nun, was passiert in mir nun? Quarantäne, massive Erkrankung, Krankenhaus, Ansteckung anderer durch mich…? Das geordnete Leben hat einen Dämpfer bekommen. Unvorbereitet wird man mit einer Lebenssituation konfrontiert, die deutlich von der Norm abweicht. Erlernte Reaktionsmuster funktionieren nicht, ebenso wenig Verteidigungsburgen oder andere Verdrängungsmechanismen. Einige wenige schaffen es zwar, selbst schwerkrank noch zu behaupten, das Virus sei nicht existent – eben weil es nicht existent sein darf. Oder sie behaupten, nach einer Genesung müsse man sich nicht impfen lassen, weil man doch nun genügend eigenen Schutz aufgebaut habe – was leider nicht auf Dauer gilt. Die panische Angst vor Verlust des persönlichen Freiraums und der Selbstkontrolle treibt diese Betroffenen in paranoide Denkmuster und in eine ‚implizite Leugnung‘ des Geschehens. Was aber geleugnet wird, wird uneingestanden als ‚gegeben‘ angesehen – das ist das Wesen der Leugnung und so hebelt sich die ‚Argumentation‘ der Leugner von alleine aus.

Bei empathischer, vielleicht auch angemessen humorvoller Begleitung des Betroffenen kann es aber gelingen, dass er die Weichen noch rechtzeitig stellt, um einen Abbruch der Krisenverarbeitung mit Tendenz zu nach und nach sich vollziehender sozialer Isolierung zu verhindern. Dies seitens des Betroffenen zu schaffen, nötigt durchaus Respekt ab, denn für ihn bedeutet die Wahrheitseinsicht nun die Gewissheit des Verlustes einer bislang recht teuer bezahlten Minderung individueller Lebensqualität. Schafft er den Sprung jedoch nicht und setzt die Leugnung fort, dann wird dies häufig begleitet mit einem „Ja, aber das kann doch nicht sein, dass … ?“ und einem Grundton der Überzeugung, dass doch der andere Teil der Gesellschaft ‚auf dem Schlauch stünde‘ und seinerseits in die Irre laufe. Mit dieser Einstellung gewinnt der Betroffene jenseits seiner ‚Blase‘ keine weiteren Anhänger, was es umso wichtiger werden lässt, mit ihm das Gespräch über die unabweisbare Gewissheit des Erkrankungsgeschehens und der Wirkung des Impfschutzes weiterhin zu führen. Allerdings: Die Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft des Betroffenen selbst. Entzieht er sich dem klärenden Gespräch, entsagt er wissenschaftlicher Wahrheit und empirischer Erkenntnis, dann kann er sich längerwährender Zuwendung anderer Menschen nicht mehr gewiss sein. Kommt es jedoch zu einem gelingenden Perspektivenwechsel, so zeigen die Erfahrungen aus den letzten Monaten, dann kann sich die Bewusstwerdung der eigenen Irrgedanken zu einer Aggressivität gegen die eigene Person auswachsen. „Warum musste gerade ich mich derart verrennen…?“.

Wird gegen diese Selbstabwertung durch das menschliche Umfeld des Betroffenen nicht positiv angesprochen oder wird die Person durch seine Peergroup in Frage gestellt, dann können diese  feindlichen Äußerungen den Sog in die Isolierung oder in die Resignation verstärken. Als häufig gewählter ‚Ausweg‘ wird nun durch den Betroffenen die Strategie eingeschlagen, vom ihm positiv gesinnten Umfeld eine Art bedingungslose Zuwendung zu erwarten: „Wenn ich mich nun schon habe impfen lassen, dann erwarte ich nun aber auch, dass ich von Euch wieder gemocht werde“.

An diesem Punkt angekommen wird manchem Betroffenen irgendwann bewusst, dass einst vorschnelles selbstgerechtes und egozentriertes Beharren auf einer Irrmeinung nun zu einer Art ,Ausverkauf der Würde‘ mutiert ist. Umso wichtiger ist es nun, die Umlenkung von Meinungen in vernunftbasierte Einsichten zu erhalten und den Betroffenen dabei zu unterstützen, sich der positiven Wirkung seiner Neuausrichtung gewahr zu bleiben – auch, wenn dies im Kontext womöglich ihn kritisierender Personen seines privaten Umfelds sehr schwerfallen mag. Der selbstgefasste Entschluss, mit der neuen individuellen Einstellung zu leben, setzt Kräfte frei, die bisher im Kampf gegen sie eingesetzt wurden.

Wenn Viktor Frankl einst wusste, dass kein Mensch ohne Bedingungen ist, aber stets frei und verantwortlich ist, sich so oder so zu diesen Bedingungen zu stellen, dann wird im Coronakontext deutlich, wie anstrengend es sein kann, sich vom einen ’so‘ zum anderen ’so‘ zu wenden. Jedoch: unmöglich ist es nicht, täglich beweisen Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen ihre Vernunftbegabung.

Sterben als Kopie

Haben Sie schon einmal überlegt, wer sie geblieben wären, hätten Sie nicht die Segnungen der Erziehung und Sozialisation empfangen? Warum sollte ich das denken, werden viele sagen, denn ‚ich bin ganz zufrieden mit dem, was aus mir wurde und wie ich darin von Eltern und Gesellschaft unterstützt wurde‘. Anderen geht es genau andersherum – einmal nicht das Leben anderer leben, einmal nicht wissen, dass man als Original geboren wurde und als Kopie anderer sterben wird.

Erst einmal im Erwachsenenalter angekommen, erweist sich die Frage nach dem ‚wer bin ich wirklich und wie kann ich mich an diesen Kern, zumindest etwas, wieder zurückbinden?‘ zuweilen als existenziell. Schließlich geht es um nicht weniger als die Identität. Und so kann es sein, dass man sich seiner Selbst nicht mehr so sicher ist und dieser Mangel an Selbstsicherheit auf eine gesellschaftliche Ordnung trifft, in der Macht, Regeln und Leistung ’normal‘ sind, während Bedürfnisse nach Zuwendung, Gemeinschaftswohl oder auch intellektueller Vernetzung kaum befriedigt werden können. Wer sich hier in einer Identitätsfalle fühlt, kann dies anderen Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, kaum kommunikativ nachvollziehbar vermitteln. In der Folge passt sich die Person immer weiter den Gegebenheiten an und merkt doch sehr wohl, dass da im Leben etwas einfach nicht stimmt.

Mit dem Kindheits-Enneagramm, das wir vor gut zehn Jahren entwickelt haben, kann in einem logotherapeutischen Gespräch ein Beitrag dafür geleistet werden, dass ein Mensch die Grundzüge des eigenen Originals wieder erkennt. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in ein der Identität entsprechendes Verhalten ist dann im Anschluss die eigentliche Arbeit. Sie ist schwierig, da sich das System um die Person herum – wenn überhaupt – nur langsam ändert. Ergo steht die Person in der Selbstverantwortung, das zu tun, was ihr entspricht – verbunden mit der Überwindung manchmal zahlreicher Begrenzungen, die sich über die Zeit hinweg um die Person gelegt haben. Nach und nach sich von Klammerungen aller Art zu distanzieren, wirkt anfangs befreiend und bedrohend zugleich – und nicht jeder Mensch schafft es, diesen Prozess in für ihn passender Geschwindigkeit und Konsequenz zu gestalten. Klammern sind stark und haben durchaus auch ihre Qualitäten. Sich von einigen zu lösen, fällt leichter, wenn die Person den Sinn in ihrem Leben erfühlt. Die ‚Zutaten‘ für diesen Wahrnehmungsprozess sind ‚Weltoffenheit‘, ‚Selbstempathie‘, ‚Geduld‘ und ein Bewusstmachen innerer Zensoren. Der stärkste eigene, innere Gegner der Sinnfindung ist das Selbstmitleid. Verfällt ein Mensch in diesen Zustand, begibt er sich an sich in den Hass auf sein Umfeld, seine Lebensgeschichte, manchmal sogar auf sich selbst. Dieser Zustand ist fraglos negativ und er bringt auch nichts, außer noch mehr Hass oder Schicksalsergebenheit.

Ein Original hasst nicht – gerade deshalb, weil es keinen Grund dafür hat. Hass kommt hingegen auf, wenn ein Original gezwungen wird, seine Authentizität aufzugeben und zur Kopie anderer zu werden. Und Selbsthass keimt, wenn – wie es Marcel Proust einmal beschrieb – ein Mensch das Bedürfnis entwickelt, seine Leiden gerade von denen mildern zu lassen, die ihn zum Leiden brachten.

Arbeit hin zum Original – eine der originären Arbeiten in der Logotherapie.

Menschenpflichten in Coronazeiten

Vor knapp 25 Jahren wurde die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten‚ auf Initiative des InterAction Council im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen veröffentlicht. In 19 Artikeln werden dabei die Pflichten beschrieben, die von allen Menschen gleichermaßen zu erfüllen sind.

Damals und – aktueller denn je – auch heute erscheint es wichtig, auf die Pflichten von Menschen hinzuweisen, um das globale Problem der Corona-Epidemie einerseits durch globale medizinische Lösungen als auch durch individuelle Selbstverpflichtungen in den Griff zu bekommen.

An dieser Stelle soll ein Versuch unternommen werden, eine Auswahl der Artikel auf diesen konkreten Kontext und auf den Mikrokosmos des Einzelnen zu übertragen – als gedankliche Anregung, als Reflexionshilfe aber auch als Beurteilungsmaßstab in Anbetracht des in den Medien immer wieder dargestellten Verhaltens von Minderheiten, die sich mit Begriffen wie ‚Querdenker‘ zu definieren versuchen und auf aggressive, radikale, extremistische oder vernunftentleerte Art und Weise in Erscheinung treten. Dass diese Minderheit dahingehend nicht erreicht werden kann, zur guten Entwicklung der Gemeinschaft einen irgendwie brauchbaren Beitrag zu leisten, ist der Mehrheit in unserem Land zwar – leider – längst klargeworden. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass jeder sich hiervon distanzierender Mensch trotz der Betrachtung solcher Auswüchse von Dummheit, Absurdität oder Selbstüberschätzung das persönliche Spektrum an Grundpflichten nicht aus den Augen verlieren darf.

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischer Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen mehr zum Infektionsgeschehen beitragen als andere. Dazu gehören auch die genannten, zum Beispiel quer-denkenden Minderheiten, in deren Gruppe doch jeder für sich Mensch bleibt, wenngleich sie oder er sich nicht dadurch auszeichnet, die eigenen Affekte angemessen zu regulieren beziehungsweise eigene Ansichten einem kritischen Diskurs zu unterziehen.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen ihr direktes oder indirektes Betroffensein vom Infektionsgeschehen durch eigenes [nicht präventives] Verhalten mit zu verantworten haben. Dazu gehört es, sich jeglicher Form von ‚Schadenfreude‘ zu entsagen.

Artikel 3

Keine Person […] steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona nicht zu seinem Eigennutz zu verwenden [Beispiele: Missbrauch von Coronahilfen, Beschaffungskorruption im Kontext von Masken-Lobbyismus, Hilfestellung für Menschen in durch Corona noch schwierigeren Lebenssituationen…].

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona nicht mit denen zu befassen, in deren Verhalten Gewissen- und Vernunftlosigkeit zum Ausdruck kommt. Er tut dies zum Wohle derer, die die Aufmerksamkeit und Zuwendung in einer Weise bedürfen, weil ihnen durch die Situation Nachteile erwachsen, von denen man selbst nicht wollte, dass sie einem entstehen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist in Anbetracht seiner Mittel, die in der Lage sind, Not zu wenden, verpflichtet, im Kontext Corona Menschen darin zu unterstützen, ihr ggfls. ungesichertes materielles oder soziokulturelles Existenzminimum zu erreichen.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, im Kontext Corona diejenigen Menschen, deren Zugang zu Arbeit und Ausbildung versperrt ist, darin zu unterstützen, eine alternative Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer bestehenden oder von ihnen zur Überbrückung der Situation erlernbaren Qualifikationen nutzen zu können.

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona auf dem aktuellen Stand des wissenschaftlichen Diskurses zu halten und die eigene Meinungsbildung entlang dieses Spektrums an permanentem Wissenszuwachs zu entwickeln. Jeder, begabt mit Vernunft und Gewissen, muss im Geist seiner gesellschaftlichen Verantwortung die Grenzen seines Wissens beachten: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“