Kategorie-Archiv: Menschenkunde

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 4

Eine der grundlegenden Herausforderungen menschlicher Existenz besteht darin, dass sich Leben niemals vollständig von außen beschreiben lässt. Naturwissenschaftliche Methoden vermögen biologische Abläufe und neuronale Prozesse mit immer größerer Präzision zu analysieren. Was sie jedoch nicht erfassen können, ist die Erfahrung des Erlebens selbst. Zwischen der objektiven Beschreibung eines Menschen und dem subjektiven Vollzug seines Daseins bleibt eine Differenz bestehen, die sich nicht auflösen lässt. Martin Heidegger hatte dies mit dem Unterschied von psychophysischem Dasein und dem existenziellen Da-sein zum Ausdruck gebracht. Viktor Frankl hat dieses geistige Da-sein als Wille zum Sinn konkretisiert. Ein Wille, der jedes menschliche Leben jederzeit begleitet.

Aus der Perspektive Viktor Frankls verwirklicht sich Sinn niemals in einer abstrakten Zukunft, sondern stets in der konkreten Situation eines gegenwärtigen Augenblicks. Einmal verwirklichter Sinn jedoch vergeht niemals und bleibt unauslöschlich in der Vergangenheit geborgen. Jede Lebenslage stellt daher eine immer wieder einmalige Frage an den Menschen, die nur in diesem einen Moment beantwortet werden kann. Gerade weil kein Augenblick wiederkehrt, besitzt jeder eine unverwechselbare Chance zur Werteverwirklichung. Die Endlichkeit menschlicher Lebenszeit wird so betrachtet zu einer dauerhaften Voraussetzung von Verantwortung.

Jeder Mensch trägt diese Verantwortung in sich. Aber Menschen müssen einander nicht vollständig verstehen, um einander als Verantwortliche begegnen zu können.  Dies reicht soweit, dass ein Mensch in einer Situation einen unbedingten Sinn entdeckt, ein anderer von derselben Situation nicht ergriffen wird. Unterschiedliche Wertesysteme können hierfür als Erklärung herangezogen werden. Hinreichend gemeinsam getragene Werte jedoch können bei mehreren Menschen ein Sinnsystem begründen, verbunden mit einem Gefühl des ‚Wir‘. Ein ‚Wir‘ entsteht dabei nicht dadurch, dass individuelle Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass Menschen sich trotz womöglich sonst sehr unterschiedlicher Lebensentwürfe  auf eine gemeinsame Verantwortung und Stellungnahme für die Übernahme eines Auftrags ihres Lebens entscheiden.

Diese Überlegung gewinnt besonderes Gewicht angesichts der bis heute ungelösten Frage nach dem Bewusstsein. Die Neurowissenschaft beschreibt mit wachsender Genauigkeit die Aktivitäten des Gehirns. Dennoch bleibt offen, weshalb bestimmte neuronale Prozesse überhaupt von einem subjektiven Erleben begleitet werden. Warum Sinnvolles als genau jetzt unabdingbar zu tun erfühlt wird, lässt sich nicht allein durch die Beschreibung elektrischer Impulse erklären.

Es mutet weise an, auf diese offene Frage weder mit vorschnellen metaphysischen Behauptungen noch mit einem reduktionistischen Materialismus zu antworten. Eine weisere Perspektive akzeptiert vielmehr, dass der Mensch sich selbst niemals vollständig zum Objekt seiner Erkenntnis machen kann. Wer lebt, ist immer zugleich Beobachter und Beteiligter seines eigenen Daseins. Diese doppelte Perspektive verlangt intellektuelle Bescheidenheit und schützt vor der Illusion, das Geheimnis menschlicher Existenz endgültig entschlüsseln zu können.

Auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat auf diese Spannung aufmerksam gemacht. Martin Heidegger unterschied zwischen der bloßen Beschreibung des Menschen als daseiendem Gegenstand und dem gelebten Dasein, das sich stets auf seine eigene Existenz bezieht. Hinter seinem Konzept einer ‚Seinsvergessenheit‘ steht die Einsicht, dass häufig über alles Mögliche gesprochen wird, ohne die grundlegende Frage nach dem Sinn des eigenen Seins ernsthaft zu stellen.  Der Mensch kann unzählige Informationen über sich im Speziellen und das Leben im Allgemeinen sammeln und doch den Zugang zu seinem eigenen Dasein verlieren.

Aus existenzanalytischer Sicht erhält diese Frage eine konkrete Wendung. Der Sinn des Seins erschließt sich nicht durch abstrakte Spekulationen, sondern im verantwortlichen Vollzug des eigenen Lebens. Jeder Mensch steht vor Aufgaben, die niemand an seiner Stelle übernehmen kann. Gerade darin liegt seine Individualität. Was für den einen sinnvoll ist, muss es für den anderen nicht sein. Sinn ist weder beliebig noch allgemein verfügbar; er ist stets situationsbezogen und verlangt eine persönliche Antwort.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit verleiht dieser Antwort ihre Ernsthaftigkeit. Das Bewusstsein, sterblich zu sein, führt den Menschen unausweichlich auf die Frage zurück, wofür er seine begrenzte Lebenszeit einsetzen will. Erst wenn der Mensch die Unverfügbarkeit seines Lebens akzeptiert, kann er beginnen, es bewusst zu gestalten. Nicht das Verdrängen des Todes macht frei, sondern die Bereitschaft, ihn als Grenze anzuerkennen, innerhalb derer Sinn überhaupt verwirklicht werden kann.

Dass moderne Kulturen den subjektiven Innenraum des Menschen häufig zugunsten objektiver Messbarkeit vernachlässigen, ist daher mehr als ein erkenntnistheoretisches Problem. Es verändert das Menschenbild selbst. Wo nur noch das Messbare zählt, gerät leicht aus dem Blick, was den Menschen als Person ausmacht: seine Fähigkeit, Stellung zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen, Liebe zu schenken, Schuld einzugestehen und Sinn zu entdecken. Weisheit erinnert daran, dass sich diese Dimensionen weder berechnen noch technisch erzeugen lassen. Sie entstehen ausschließlich im gelebten Leben – im einzigartigen, unwiederholbaren Augenblick menschlicher Existenz.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 3

Die Frage, ob es möglich ist, anders zu denken als bisher, ist weit mehr als eine intellektuelle Spielerei. Sie entscheidet darüber, ob Menschen und Gesellschaften aus Krisen lernen oder lediglich vertraute Denkmuster wiederholen. Jede Kultur entwickelt Routinen des Wahrnehmens und Urteilens, die dem Einzelnen Orientierung geben. Dieselben Routinen können jedoch verhindern, dass neue Lösungen überhaupt in den Blick geraten. Weisere Menschen beherzigen deshalb ihre Bereitschaft, die eigenen Denkgewohnheiten einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Hilfreich ist dabei eine einfache Frage: Besitzt eine Aussage überhaupt einen erkennbaren Gehalt, oder handelt es sich lediglich um eine wohlklingende Formel?

Aussagen gewinnen erst dann eine Bedeutung, wenn sie einen Unterschied machen, wenn sie eine überprüfbare Perspektive eröffnen oder praktisches Handeln verändern können. Wo hingegen jede denkbare Gegenposition ebenso gut gelten könnte, verliert eine Aussage jegliche Verbindlichkeit. Was weisere Menschen daher eher nicht schätzen, ist Beliebigkeit, die nur deshalb ins Spiel kommt, um einer nicht wegzudiskutierenden Komplexität auszuweichen.  Das gilt auch und gerade in individuellen und gesellschaftlichen Krisenzeiten. Je größer die Verunsicherung, desto größer wird häufig die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und eindeutigen Schuld-Adressen. Doch die Komplexität menschlicher Wirklichkeit lässt sich nicht durch Parolen abbilden und gestalten. Vielmehr gilt es, eine geduldige Bereitschaft zu zeigen, Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich möglich ist. Wer einer Person begegnet, die insbesondere in schwierigen Zeiten über solche Fähigkeiten verfügt, fühlt sich zumeist sicherer. Dennoch verursacht der Begriff der Weisheit immer wieder eine gewisse Portion Skepsis. Vielen erscheint er als Relikt vergangener Zeiten, als Ausdruck weltfremder Spiritualität oder unverbindlicher Lebenskunst. Weisheit wird nicht selten mit Rückzug verwechselt, als gehöre sie ausschließlich in den Bereich persönlicher Meditation und habe für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit kaum Bedeutung. Diese Einschätzung übersieht jedoch ihren ursprünglichen Charakter.

Historisch war Weisheit niemals bloß kontemplative Selbstbespiegelung. Sie wurde vielmehr verstanden als Verbindung von Einsicht und Verantwortung. Nachdenken über das Leben sollte immer zugleich zu einem angemesseneren Handeln führen. Kontemplation und Praxis bildeten keine Gegensätze, sondern sie waren zwei Seiten derselben Haltung. Erst wer innehalten kann, gewinnt jene Distanz, die verantwortliches Handeln ermöglicht. Heute scheint diese Verbindung vielfach verloren gegangen zu sein. Öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich überwiegend auf das Neue, das Lauteste oder das Empörendste. Nicht selten entscheidet weniger die Tragfähigkeit eines Gedankens als seine Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit Resonanz zu erzeugen. In einer solchen Kultur entsteht leicht der Eindruck, Wahrheit und Bedeutung seien identisch mit Reichweite und Sichtbarkeit. Welch ein tragischer Irrtum. Wer ihn auflösen möchte, für den gewinnt die Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit der eigenen Lebenszeit eine existenzielle Bedeutung. Jeder Mensch verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Stunden, Tagen und Jahren. Wem schenkt er seine Aufmerksamkeit? Wofür setzt er seine Kraft ein? Welche Gespräche verdienen seine Zeit, welche seiner Gewohnheiten rauben Lebensenergie und Lebensfreude?

Aus der Perspektive der Existenzanalyse von Viktor Frankl sind solche Fragen Ausdruck einer tieferen Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben. Wer sich der Begrenztheit seiner Lebenszeit bewusst bleibt, beginnt zwangsläufig sorgfältiger zu unterscheiden zwischen Dringlichkeit und Wesentlichkeit. Er lernt, Aufmerksamkeit nicht ausschließlich an äußeren Reizen auszurichten, sondern an dem, was seinem Leben Sinn verleiht. Weisheit zeigt sich dann beispielsweise nicht darin, möglichst viele Daten, Informationen, Kontakte oder Likes zu ’sammeln‘, sondern darin, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden und der eigenen Endlichkeit entsprechend zu leben. Gerade diese Fähigkeit könnte zu einer der wichtigsten kulturellen Kompetenzen einer Zeit werden, die über unendlich viele Wissensquellen verfügt, aber immer häufiger um Orientierung ringt.

Minderwertig – die Welt scheint es zu brauchen

Unglaublich – es gibt es immer noch, das Empfinden der Minderwertigkeit.

Klar, Menschen vergleichen sich. Ihr Aussehen, ihre Leistungen, ihren Besitz. Das alles kostet Zeit und Energie, insbesondere dann, wenn einem das Ergebnis des Vergleichs nicht gefällt. Nun könnte man ja auch den Weg gehen und die Vergleicherei einfach aufhören. Das wäre dann Ausdruck echter Individualität. Jeder kann damit sofort beginnen. Jeder. Sofort. Kein Ja, aber.

Wer es nicht schafft, geht dafür manchmal sonderbare Wege. Extreme, gesundheitsschädliche oder operative Wege. Nicht selten unkritisch im Netz beworben. Trends sind gerade Mewing und Jawline-Trainings. Das sind spezielle Zungenhaltungen oder Hilfsmittel, die angeblich den Kiefer formen sollen. Oder Selbstinjektionen mit Fillern (Hyaluron/Botox) in alle erdenklichen Körperteile, um etwas länger, dicker, straffer oder glatter werden zu lassen. Operationen sind auch beliebt, für manche gibts gute medizinische Gründe, andere – na ja, Minderwertigkeit eben.

Schon fast täglich und immer beliebt in einer bestimmten Szene ist das Doping. Steroide oder Testosteron für schnelles Muskelwachstum, toll. Und ganz fein ist auch das Bone Smashing.  Eine völlig irrationale und gefährliche Methode, bei der versucht wird, durch leichten bis schweren Druck oder Schläge auf die Gesichtsknochen Mikrofrakturen zu erzeugen, damit diese markanter zusammenwachsen.

Nur damit es hier mal jeder gelesen hat: Das Phänomen der Minderwertigkeitsgefühle ist nicht zu leugnen und das Leid, das sie erzeugen, ist groß und ein guter Grund, mit Vergleicherei aufzuhören. Sofort. Kein Ja, aber.

Alle anderen Wege sind sterbenslangweilig. Alle anderen Wege reduzieren menschliches Leben auf eine monotone, seelenlose Mathematik. Anstatt individueller Entfaltung geht es nur noch um starre Zahlenwerte, endlose Selbstoptimierungs-Pflichten und das stumpfe Abarbeiten eines immergleichen Glaubenssatzes, oft angefeuert durch Internet-Algorithmen von nichtssagenden Web-Gurus mit Influencergehabe.  Das Ergebnis von diesem Mist: Jeder strebt exakt denselben, genormten Typ an – die immergleiche definierte Kieferlinie, den gleichen Blick, dieselben Posen. Fehlender Eigensinn, Kreativität, Humor oder Ecken und Kanten zählen nicht. Alles wird der ultimativen Norm untergeordnet. Wie grottenöde.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 2

Was wir gewöhnlich als Wirklichkeit bezeichnen, ist niemals die Wirklichkeit selbst, sondern stets unsere Deutung. Zwischen dem, was ist, und dem, was wir wahrnehmen, liegt ein komplexer Prozess kognitiver Auswahlvorgänge und Interpretationen, die letztlich in Deutungsmustern ‚meiner Wirklichkeit‘ münden. Das menschliche Gehirn erschafft dazu fortwährend Modelle der Welt, die Orientierung ermöglichen, jedoch niemals mit der Welt selbst identisch sind. Selbst im Schlaf verarbeitet und ordnet es Erfahrungen neu, sodass auch unser inneres Bild der Realität einem ständigen Wandel unterliegt. Dies hat weitreichende Konsequenzen. Wer seine eigenen Wahrnehmungen mit der Wirklichkeit verwechselt, gerät leicht in die Versuchung, die eigene Sichtweise für endgültig zu halten. Weisheit beginnt dagegen mit epistemischer Bescheidenheit. Sie erkennt an, dass jede Erkenntnis perspektivisch bleibt und dass ein Mensch immer nur einen Ausschnitt des Ganzen erfassen kann. Nicht das vollständige Begreifen der Welt ist seine Aufgabe, sondern ein verantwortlicher Umgang mit der Begrenztheit seines Erkennens.

Aus dieser Haltung erwächst eine besondere Form innerer Freiheit. Der weisere Mensch identifiziert sich nicht vollständig mit seinen Vorstellungen, Überzeugungen oder Urteilen. Er hält sie für notwendig, um handeln zu können, bleibt sich jedoch zugleich ihrer Vorläufigkeit bewusst. Gerade dadurch entsteht seine Fähigkeit, neue Erfahrungen aufzunehmen, Irrtümer zu korrigieren und den eigenen Horizont zu erweitern. Nicht Starrheit, sondern Offenheit wird so zu einem Kennzeichen geistiger Reife.

Paradoxerweise führt die Fähigkeit zur Distanzierung gegenüber den eigenen Bildern nicht zu Unsicherheit, sondern zu größerer Lebendigkeit. Wer nicht ständig bemüht ist, seine Sicht der Dinge gegen jede Veränderung zu verteidigen, entdeckt die Welt mit neuer Aufmerksamkeit. Viktor Frankl hat dies mit dem Begriff der Selbstdistanzierung als wesentliche Voraussetzung zur Selbsttranzendenz beschrieben. Das Leben erscheint nicht mehr als ein Rätsel, das endgültig gelöst werden müsste, sondern als eine Wirklichkeit, die sich mit jeder Erfahrung neu erschließt. Weisheit verzichtet deshalb auf den Anspruch des vollständigen Verstehens und gewinnt gerade dadurch einen tieferen Zugang zur Vielfalt des Daseins.

In gesellschaftlichen Krisenzeiten erhält eine solche Haltung eine besondere Bedeutung. Eine Gemeinschaft braucht Menschen, die nicht vorschnell urteilen, Stimmungen verstärken oder einfache Antworten liefern. Sie braucht Persönlichkeiten, die bereit sind, hinter die sichtbaren Konflikte zu blicken und nach den tieferliegenden Ursachen kultureller, sozialer und existenzieller Entwicklungen zu fragen. Weisheit erschöpft sich daher nicht in kluger Analyse; sie übernimmt Verantwortung für den öffentlichen Diskurs, indem sie Orientierung ermöglicht, ohne ideologisch zu werden. Damit unterscheidet sich die Stimme eines weiseren Menschen von jener der bloßen Kommentatoren. Wer lediglich den Zeitgeist bestätigt oder bestehende Empörung verstärkt, mag zwar kurzfristige Aufmerksamkeit gewinnen, zu einer wirklichen Klärung trägt dies meist jedoch nicht bei. Weisheit sucht nicht den Beifall der Mehrheit, sondern die Annäherung an das Wesentliche. Sie besitzt den Mut, unbequeme Fragen zu stellen, bevor sie allgemein akzeptiert sind, und sie widersetzt sich der Versuchung, den öffentlichen Resonanzen hinterherzulaufen. Im Sinne der Existenzanalyse Viktor Frankls zeigt sich hierin eine besondere Form der Verantwortung. Nicht jede Meinung verdient dieselbe Aufmerksamkeit wie jede andere, wohl aber verdient jede Situation die ernsthafte Frage nach ihrem Sinn. Der weisere Mensch trägt deshalb dazu bei, dass Diskussionen nicht auf Schuldzuweisungen oder Polarisierungen reduziert werden. Er richtet den Blick auf jene Möglichkeiten verantwortlichen Handelns, die selbst unter schwierigen Bedingungen bestehen bleiben. So wird Weisheit zu einer kulturellen Kraft: Sie schafft Orientierung, indem sie den Menschen weder Illusionen verkauft noch Hoffnung nimmt, sondern ihn dazu ermutigt, sich der Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu stellen.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 1

Und immer wieder geht die Sonne auf … ob Phänomene wie die der immer wieder aufgehenden Sonne dazu beitragen, dass Menschen so oft dazu neigen, ihrer Lebenswelt eine Beständigkeit zuzuschreiben, die sie bei genauerer Betrachtung nicht besitzt? Was einem Menschen an Beziehungen, Gesundheit, Besitz, gesellschaftliche Rollen oder Überzeugungen vertraut ist, erscheint ihm oft so, als würde vieles davon sonnenhaft unverändert bleiben. Diese Annahme vermittelt zwar Sicherheit, doch sie steht im Widerspruch zur Wirklichkeit. Ein Blick auf die Naturgeschichte des Menschen ebenso wie auf die eigene Biografie macht deutlich, dass Nicht-Beständigkeit nicht die Ausnahme, sondern die Grundstruktur des Lebens ist.

Über diese Scheinsicherheit hinaus leben viele Menschen so, als läge vor ihnen ein nahezu unbegrenzter Vorrat an Zeit. Entscheidungen werden vertagt, Begegnungen auf später verschoben und Fragen nach dem Wesentlichen auf ‚irgendwann‘ ausgelagert. Die Endlichkeit vieler Aspekte unseres Lebens wie auch des Lebens selbst wird aus dem Bewusstsein gedrängt. Die Gründe dafür werden insbesondere in der Philosophie und der Psychologie breit diskutiert. Der Kontext Angst vor dem Ende wird bei diesen Reflexionen an sich immer bemüht. Aber auch die tägliche Fülle an Themen und Eindrücken, die die Besinnung auf das individuell Endliche an den Rand drücken, wirkt als mächtiger Einflussfaktor in unserem Kulturkreis. Wäre es anders, dann wäre die  bewusste Auseinandersetzung mit Konsequenzen verbunden, allemal mit der, dass man erkennt, vieles nicht länger beliebig aufschieben zu können.

Aus existenzanalytischer Sicht ist diese Verdrängung verständlich. Die Einsicht, dass alles Gewordene auch wieder vergehen kann, berührt den Menschen in seinem Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit. Sie konfrontiert ihn mit einer Wirklichkeit, die sich seiner Kontrolle entzieht. Deshalb erschafft der Mensch innere Gewissheiten, die ihm Stabilität versprechen. Aus Vorstellungen werden Überzeugungen, aus Überzeugungen scheinbare Tatsachen. Allmählich beginnt er, seine gedanklichen Konstruktionen für unverrückbare Realität zu halten, obwohl das Leben selbst sich fortwährend wandelt. Was Bestand zu haben scheint, trägt bereits den Keim seiner Veränderung in sich. Nicht nur äußere Umstände verändern sich, sondern auch eigene Wertmaßstäbe, die Bedeutung von Beziehungen, die individuelle Körperlichkeit, das Maß an Hoffnungen und auch das Selbstbild wandelt sich. Wer diese Dynamik unbeachtet lässt, gerät früher oder später in einen schmerzhaften Konflikt mit der Wirklichkeit.

Weisheit beginnt dort, wo dieser Konflikt nicht länger bekämpft werden muss. Sie erwächst aus der Bereitschaft, Vergänglichkeit als Wesensmerkmal des Lebens anzuerkennen. In diesem Sinne ist sie weniger ein Zustand als eine eingeübte Haltung. Sie besteht darin, den Wandel weder zu romantisieren noch zu fürchten, sondern ihm mit innerer Freiheit zu begegnen. Auch die Tatsache des Todes – in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ nenne ich diese absoluten Momente der Endlichkeit ‚existenzielle Abschiede‘ –  erhält so eine andere Bedeutung: Sie erscheint nicht lediglich als Ende von Etwas, sondern als jene Grenze, die jedem Augenblick Gewicht und jeder Entscheidung ihre unverwechselbare Verantwortung verleiht.

Der weisere Mensch misst weder der Vergangenheit noch einer imaginierten Zukunft die uneingeschränkte Herrschaft über sein Denken bei. Seine Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf den gegenwärtigen Augenblick, weil sich nur in ihm Verantwortung handelnd verwirklichen kann. Gegenwärtig zu sein bedeutet dabei keineswegs, geschichtslos oder planlos zu leben. Es bedeutet vielmehr, sich von den Bedingungen des Lebens nicht bestimmen zu lassen, sondern zu ihnen jetzt Stellung zu beziehen.

Wer die Endlichkeiten im Leben angenommen hat, der muss nicht länger an der Illusion unveränderlicher Verhältnisse festhalten. Er entdeckt vielmehr, dass Beständigkeit nicht außerhalb seiner selbst entsteht, sondern in der Ausrichtung auf den Sinn, den er in jeder konkreten Situation zu verwirklichen vermag. Gerade diese Verbindung von Endlichkeit, Verantwortung und Sinn eröffnet jene Gelassenheit, die als Kennzeichen wahrer Weisheit gelten kann.

In den kommenden Wochen möchte ich dazu einige Gedanken anbieten – stets unter dem Titel: Und immer wieder geht die Sonne auf …

Das Kohärenzgefühl

„… die Art, wie man seine Welt sieht … die eigene Realitätskonstruktion … ist ein entscheidender Faktor für Coping [Bewältigungsweisen insbesondere bei Krisen] und Gesundheit.“ [Antonovsky]

Das Kohärenzgefühl

„… ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat;

  • dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
  • dass einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
  • dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“

Das Gefühl von Sinnhaftigkeit beschreibt das Ausmaß, in dem man das Leben als emotional sinnvoll empfindet: Dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, dass man Energie in sie investiert, dass man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet; dass sie eher willkommene Herausforderungen sind als Lasten, die man gerne los wäre.

Antonovsky sieht diese motivationale Komponente als den wichtigsten Aspekt des Kohärenzgefühls an, denn ohne das Erleben von Sinnhaftigkeit neigt der Mensch dazu, das Leben vor allem als Last zu empfinden und jede weitere sich stellende Aufgabe als Qual. Und er schreibt: „Diejenigen, die nach unserer Einteilung ein starkes Kohärenzgefühl hatten, sprachen immer von Lebensbereichen, die ihnen wichtig waren, die ihnen sehr am Herzen lagen, die in ihren Augen ‚Sinn machten‘ – und zwar in der emotionalen, nicht nur der kognitiven Bedeutung des Terminus … kurz nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, wurde ich auf Frankls Werk aufmerksam, und es beeinflusste zweifellos die Wahl der Bezeichnung dieser Komponente.“

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Das Konzept von Antonovsky, das er ‚Salutogenese‘ nannte, wurde weit zuvor durch Aussagen Frankls in der Darstellung seiner Sinntheorie bereits deutlich gemacht:

„…was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein ‚an sich‘, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück von selber ein.“

Enantiodromie

Wenn ein Mensch sein Verhalten ins ‚Gegenteil umschlagen‘ lässt, also ‚andere Saiten aufzieht‘, vielleicht gar vom Saulus zum Paulus wird, dann entspricht diese Interdependenz der Gegensätze dessen, was Heraklit – der überragende Philosoph des Wandels – mit Enantiodromie bezeichnete.

Dieser Begriff fand seinen Einzug in die ‚komplexe Psychologie‘ von Carl Gustav Jung, der ihn als einen grundlegenden Mechanismus der Psyche ansah. Für Jung hat jedes psychologische Extrem insgeheim seinen Gegensatz verfügbar. Jedes Extrem erhält förmlich aus diesem Gegensatz seine erforderliche Dynamik. Es gibt somit keinen psychischen Prozess, der sich nicht gegebenenfalls in ein Gegenteil verkehrt und je extremer sich der Prozess zeigt, desto eher ist seine Verkehrung ins Gegenteil zu erwarten. Beispiel: Ein vor einer eingetretenen Krise entscheidungsstarker Mensch verkehrt sich mit der Situation in einen handlungsgelähmten Menschen. Oder er verkehrt sich zu einem hyperreaktiven Menschen mit unbedachter Spontaneität.

Beide Formen liegen bei genauer Betrachtung überraschend nahe beieinander. Beide verengen zum Beispiel auf je unterschiedliche Weise die Perspektive, beide verursachen einen hohen psychischen Energieaufwand zum Wiedererlangen innerer Stabilität, beide erzeugen systemisch eine extreme Dynamik, um mit dem Zustand fertig zu werden.

Um der Enantiomerie zu ‚entgehen‘, stehen drei Wege offen:

– die Person im oben genannten Beispiel kann sich (jenseits seiner Entscheidungsstärke) auf neue Art organisieren und damit neue Wege des Ressourceneinsatzes gehen
– die Person überdauert die Zeit der Störung und kehrt danach zwar zum vorherigen Zustand zurück, ohne jedoch eine Reifung seines Persönlichkeitsmerkmals ‚Entscheidungsstärke‘ vorgenommen zu haben
– die Person übersteht die Krise nicht und zerbricht an seiner Verkehrung.

Eine schöne Übung für regennasse Tage: Beschreiben Sie irgendein persönliches Verhaltensmerkmal und führen es in die beiden Extreme – wie im Beispiel vorgestellt. Können Sie sich erinnern, eines oder beide Extreme schon einmal gezeigt zu haben? Wie sind Sie damit umgegangen und welche Reaktionen gab es in Ihrem Umfeld?

Wenn Freunde und Angehörige einen Menschen in einer Krise erleben

Damit müssen Sie rechnen:

Der Betroffene ist schockiert.
Dauer: Wenige Augenblicke bis 24 Stunden
Phänomen: Geistesabwesenheit, Erstarrung
Was Sie anbieten sollten: Präsenz, Freundlichkeit, Akzeptanz
Was Sie nicht anbieten sollten: Relativierung, Vergleiche, Trost

Der Betroffene ‚reagiert‘.
Dauer: Tage bis Wochen
Phänomen: Apathie, Verzweiflung, Depressivität, Hoffnungslosigkeit mit Wut, Feindseligkeit, Aggressivität, Trauer, körperlichen Begleitsymptome, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Fresssucht, Genussmittelmissbrauch, Pendeln zwischen extremen Gefühlszuständen.
Was Sie anbieten sollten: Aufmerksamkeit, Zuhören, kein Beschwichtigen, die Reaktionen des Betroffenen als ’normal in unnormaler Zeit‘ ansprechen
Tipp: Führen Sie ein Wahrnehmungstagebuch für die Zeit danach. Wie erleben Sie den Betroffenen, worüber spricht er, wie reagiert er …- eines Tages könnte dieses Tagebuch für die Person sehr wertvoll werden.

Der Betroffene ist orientierungslos.
Dauer: Wochen bis Monate
Phänomen: Empfinden von Chaos, Ungleichgewicht, mangelhafte Selbststeuerung, geringes Selbstgespür
Tipp: Den Prozess nicht stören oder sich verärgern lassen durch das ‚Suchen‘ des Betroffenen

Hinweis: Länger als acht Wochen dauernde Krisen drohen zu chronifizieren. Dann heißt das Gebot: Nicht zögern, sondern Gegensteuern!

Der Betroffene berappelt sich.
Dauer: wenige Tage bis Wochen
Phänomen: Der Betroffene interessiert sich wieder, zeigt Anteil, distanziert sich von seinem bisherigen Verhalten, wird aktiv
Tipp: Stärken und stabilisieren. Jetzt kein Blick zurück – die Reflexion hat Zeit.

Aus der Zukunft

Hallo, hier spricht K2-I2 vom Raumschiff Kokolores.

Ich war letztes Jahr, 7025, Eurer Zeitrechnung, bei Euch zu Besuch. Da fand ich in einem alten Datensilo eines lustig ausschauenden Gerätes, wo ein abgebissener Apfel abgebildet war, ein Dokument und glaubte zuerst an einen Defekt in meinem Übersetzungsmodul. Es ging bei dem Beitrag vollständig nur um ein Wort: Krise.

Offenbar war dies damals kein einzelnes Ereignis, sondern ein Lebensgefühl im Abo-Modell. Krise war für fast alles gut: für Banken, Klima, Demokratie, Viren, Weihnachten, Glaube und vermutlich auch für den Moment, wenn der Kaffee kalt wurde. Ihr wusstet sogar, dass der Begriff ursprünglich etwas Präzises meinte. Einen Wendepunkt, eine Entscheidungslage hin zu etwas Besserem oder zu etwas Schlechterem. Je nach dem, wie Ihr Euch auf solche Situationen vorbereitet hattet. Einige von Euch wussten, dass man das damals schon konnte. Viele haben es ignoriert und bejammerten dann das Geschehen. So wurde aus etwas Besonderem ein Allzweckgeräusch, ähnlich dem Dauerpiepen unserer Raumanzug-Sensoren, wenn man sie falsch kalibriert.

Je häufiger Krise gerufen wurde, desto weniger schien sie Euch zu bedeuten. Im Beitrag stand nüchtern, dass die ständige Ausrufung des Ausnahmezustands paradoxerweise irgendwann zur Normalität führte. Für uns Außerirdische klingt das, als hättet Ihr beschlossen, den Feueralarm dauerhaft laufen zu lassen, um Euch an Sicherheit zu gewöhnen.

Ihr wusstet sogar um Eure eigene Kurzzeitaufmerksamkeit. Ihr wart Meister im Vergessen. Was damals an einem Tag apokalyptisch wirkte, wurde am nächsten von einer neuen Katastrophe überholt mit neuen Schlagzeilen und Erregungsbegriffen. Das Alte verschwand nicht, es wurde lediglich archiviert im mentalen Ordner „Später, vielleicht“. Die Vergesslichkeit war keine Panne. Im Gegenteil, sie war Euer Betriebsmodus. Nur so ließ sich wohl das Dauerfeuer an Krisen überhaupt aushalten, ich muss dazu mal Pille fragen, was er davon hält. Weil, wir vergessen heutzutage nichts, wir integrieren alles und werden dadurch immer besser.

Aus unserer Perspektive ist Euer Verhalten sehr rührend. Ihr wart eine Zivilisation, die permanent vom Ende spracht und dennoch zuverlässig den Müll rausbrachte, Kinder großzog und Serien streamte. Sie diskutierte mit Pathos über den Untergang und plante gleichzeitig den Sommerurlaub. Die Krise war Hintergrundrauschen, laut genug, um wichtig zu klingen, leise genug, um weiterzumachen.

Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass Krise weniger Diagnose war als Erzählwerkzeug. Es strukturierte Zeit, verlieh Bedeutung und erlaubte es, Komplexität in ein einziges, schweres Wort zu gießen. Dass dieses Wort dabei verschlissen wurde, bemerkten die Menschen damals selbst. Einige schrieben Artikel dazu.

Heute lesen wir das hier und ich habe mit K2-I3 eben darüber gesprochen, wie wir das nennen. Sie meinte nur kurz: Alltag.