Kategorie-Archiv: Menschenkunde

Sterben als Kopie

Haben Sie schon einmal überlegt, wer sie geblieben wären, hätten Sie nicht die Segnungen der Erziehung und Sozialisation empfangen? Warum sollte ich das denken, werden viele sagen, denn ‚ich bin ganz zufrieden mit dem, was aus mir wurde und wie ich darin von Eltern und Gesellschaft unterstützt wurde‘. Anderen geht es genau andersherum – einmal nicht das Leben anderer leben, einmal nicht wissen, dass man als Original geboren wurde und als Kopie anderer sterben wird.

Erst einmal im Erwachsenenalter angekommen, erweist sich die Frage nach dem ‚wer bin ich wirklich und wie kann ich mich an diesen Kern, zumindest etwas, wieder zurückbinden?‘ zuweilen als existenziell. Schließlich geht es um nicht weniger als die Identität. Und so kann es sein, dass man sich seiner Selbst nicht mehr so sicher ist und dieser Mangel an Selbstsicherheit auf eine gesellschaftliche Ordnung trifft, in der Macht, Regeln und Leistung ’normal‘ sind, während Bedürfnisse nach Zuwendung, Gemeinschaftswohl oder auch intellektueller Vernetzung kaum befriedigt werden können. Wer sich hier in einer Identitätsfalle fühlt, kann dies anderen Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, kaum kommunikativ nachvollziehbar vermitteln. In der Folge passt sich die Person immer weiter den Gegebenheiten an und merkt doch sehr wohl, dass da im Leben etwas einfach nicht stimmt.

Mit dem Kindheits-Enneagramm, das wir vor gut zehn Jahren entwickelt haben, kann in einem logotherapeutischen Gespräch ein Beitrag dafür geleistet werden, dass ein Mensch die Grundzüge des eigenen Originals wieder erkennt. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in ein der Identität entsprechendes Verhalten ist dann im Anschluss die eigentliche Arbeit. Sie ist schwierig, da sich das System um die Person herum – wenn überhaupt – nur langsam ändert. Ergo steht die Person in der Selbstverantwortung, das zu tun, was ihr entspricht – verbunden mit der Überwindung manchmal zahlreicher Begrenzungen, die sich über die Zeit hinweg um die Person gelegt haben. Nach und nach sich von Klammerungen aller Art zu distanzieren, wirkt anfangs befreiend und bedrohend zugleich – und nicht jeder Mensch schafft es, diesen Prozess in für ihn passender Geschwindigkeit und Konsequenz zu gestalten. Klammern sind stark und haben durchaus auch ihre Qualitäten. Sich von einigen zu lösen, fällt leichter, wenn die Person den Sinn in ihrem Leben erfühlt. Die ‚Zutaten‘ für diesen Wahrnehmungsprozess sind ‚Weltoffenheit‘, ‚Selbstempathie‘, ‚Geduld‘ und ein Bewusstmachen innerer Zensoren. Der stärkste eigene, innere Gegner der Sinnfindung ist das Selbstmitleid. Verfällt ein Mensch in diesen Zustand, begibt er sich an sich in den Hass auf sein Umfeld, seine Lebensgeschichte, manchmal sogar auf sich selbst. Dieser Zustand ist fraglos negativ und er bringt auch nichts, außer noch mehr Hass oder Schicksalsergebenheit.

Ein Original hasst nicht – gerade deshalb, weil es keinen Grund dafür hat. Hass kommt hingegen auf, wenn ein Original gezwungen wird, seine Authentizität aufzugeben und zur Kopie anderer zu werden. Und Selbsthass keimt, wenn – wie es Marcel Proust einmal beschrieb – ein Mensch das Bedürfnis entwickelt, seine Leiden gerade von denen mildern zu lassen, die ihn zum Leiden brachten.

Arbeit hin zum Original – eine der originären Arbeiten in der Logotherapie.

Menschenpflichten in Coronazeiten

Vor knapp 25 Jahren wurde die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten‚ auf Initiative des InterAction Council im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen veröffentlicht. In 19 Artikeln werden dabei die Pflichten beschrieben, die von allen Menschen gleichermaßen zu erfüllen sind.

Damals und – aktueller denn je – auch heute erscheint es wichtig, auf die Pflichten von Menschen hinzuweisen, um das globale Problem der Corona-Epidemie einerseits durch globale medizinische Lösungen als auch durch individuelle Selbstverpflichtungen in den Griff zu bekommen.

An dieser Stelle soll ein Versuch unternommen werden, eine Auswahl der Artikel auf diesen konkreten Kontext und auf den Mikrokosmos des Einzelnen zu übertragen – als gedankliche Anregung, als Reflexionshilfe aber auch als Beurteilungsmaßstab in Anbetracht des in den Medien immer wieder dargestellten Verhaltens von Minderheiten, die sich mit Begriffen wie ‚Querdenker‘ zu definieren versuchen und auf aggressive, radikale, extremistische oder vernunftentleerte Art und Weise in Erscheinung treten. Dass diese Minderheit dahingehend nicht erreicht werden kann, zur guten Entwicklung der Gemeinschaft einen irgendwie brauchbaren Beitrag zu leisten, ist der Mehrheit in unserem Land zwar – leider – längst klargeworden. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass jeder sich hiervon distanzierender Mensch trotz der Betrachtung solcher Auswüchse von Dummheit, Absurdität oder Selbstüberschätzung das persönliche Spektrum an Grundpflichten nicht aus den Augen verlieren darf.

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischer Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen mehr zum Infektionsgeschehen beitragen als andere. Dazu gehören auch die genannten, zum Beispiel quer-denkenden Minderheiten, in deren Gruppe doch jeder für sich Mensch bleibt, wenngleich sie oder er sich nicht dadurch auszeichnet, die eigenen Affekte angemessen zu regulieren beziehungsweise eigene Ansichten einem kritischen Diskurs zu unterziehen.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen ihr direktes oder indirektes Betroffensein vom Infektionsgeschehen durch eigenes [nicht präventives] Verhalten mit zu verantworten haben. Dazu gehört es, sich jeglicher Form von ‚Schadenfreude‘ zu entsagen.

Artikel 3

Keine Person […] steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona nicht zu seinem Eigennutz zu verwenden [Beispiele: Missbrauch von Coronahilfen, Beschaffungskorruption im Kontext von Masken-Lobbyismus, Hilfestellung für Menschen in durch Corona noch schwierigeren Lebenssituationen…].

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona nicht mit denen zu befassen, in deren Verhalten Gewissen- und Vernunftlosigkeit zum Ausdruck kommt. Er tut dies zum Wohle derer, die die Aufmerksamkeit und Zuwendung in einer Weise bedürfen, weil ihnen durch die Situation Nachteile erwachsen, von denen man selbst nicht wollte, dass sie einem entstehen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist in Anbetracht seiner Mittel, die in der Lage sind, Not zu wenden, verpflichtet, im Kontext Corona Menschen darin zu unterstützen, ihr ggfls. ungesichertes materielles oder soziokulturelles Existenzminimum zu erreichen.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, im Kontext Corona diejenigen Menschen, deren Zugang zu Arbeit und Ausbildung versperrt ist, darin zu unterstützen, eine alternative Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer bestehenden oder von ihnen zur Überbrückung der Situation erlernbaren Qualifikationen nutzen zu können.

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona auf dem aktuellen Stand des wissenschaftlichen Diskurses zu halten und die eigene Meinungsbildung entlang dieses Spektrums an permanentem Wissenszuwachs zu entwickeln. Jeder, begabt mit Vernunft und Gewissen, muss im Geist seiner gesellschaftlichen Verantwortung die Grenzen seines Wissens beachten: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Jede Tatsache, die ein Mensch vorfindet, ist noch unvollendet

Schauen Sie um sich: Was ist so unvollendet, dass es später nur an Ihnen und Ihrer Verantwortung gemangelt haben kann, würde es weiterhin unvollendet bleiben? Wenn Sie nun sagen: Da gibt’s rein gar nichts, dann nehmen Sie bitte unser virtuelles Stirnerunzeln zur Kenntnis. Wir wissen, dass Menschen sich so sehr selbst im Wege stehen können, dass ihr Blick immer wieder nur reflektiert wird vom eigenen Spiegelbild. Geschieht das, dann steht jeder Mensch in der Gefahr, in einen Zustand höchstpersönlicher Gleichgültigkeit zu verfallen.

Da wo Sie und nur Sie gemeint sind, da findet sich Ihre aktuelle Sinnfrage Ihres Lebens. Eine solche Frage braucht nicht so ‚groß‘ zu sein, dass man unter der erforderlichen Antwort zusammenbricht. Aber wenn die Beantwortung anstehender Fragen nur deshalb nicht erfolgt, weil die eigene Befindlichkeit dadurch beeinträchtigt wird, dann kommt die Person in ihrem Leben schlicht und ergreifend kein Stück weiter. Dann wird Sinn so beliebig, dass es völlig egal wird, ob und in welcher Weise man sich für irgendetwas einsetzt. Dann wird Sinn zum reinen Selbstzweck, zur rein egoistischen Nützlichkeitserwägung. Leider stellen nicht nur wir in der Psychologie fest, dass der Anteil derer, die ihr Leben auf diese Weise verfehlen, ja vergeuden, permanent zunimmt.

Nun könnte man leicht sagen, dass es doch menschlich sei, eingedenk der Flut von Unvollendeten nicht mehr erkennen zu können, wofür die eigene Verantwortung einzusetzen sich wirklich lohne. Wer so mit seinem Leben verfährt, der verfährt sich. Und er landet in der Sackgasse, an deren Ende er erkennen muss, Handlungen und Entscheidungen vermieden zu haben, eben um die eigene Befindlichkeit nicht durch Selbstverantwortung zu stören.

Noch einmal: Schauen Sie um sich! Was ist unvollendet? Was wartet auf Sie? Manche Menschen denken, dass bestimmte Themen so sehr auf andere warten, so dass man sich selbst nicht bewegen muss, da es sicher schon andere richten werden. Eine solche Haltung ist dem sehr nahe, was Viktor Frankl schon vor 100 Jahren als Pathologie des Zeitgeistes ausmachte, mit Folgen, die letztlich die ganze Welt ins Unheil führte. Aber wie gesagt: Es kommt nicht darauf an, die Welt zu retten, sondern das sicht- und/oder fühlbar Unvollendete mit selbstverantwortlichen Handlungen in eine Sinnverwirklichung zu führen. Und dabei kommt es eben nicht darauf an zu handeln, damit man sich fühlt, sondern darum, wofür man gut ist. Und die damit verbundene Frage des eigenen Lebens lautet: „Was wäre wohl einmal nicht geworden ohne mich und ohne meine Verantwortlichkeit.“

Unvollendetes wartet jederzeit auf einen, meinen, Beitrag. Und dieser Beitrag kann zum Beispiel sein, etwas zu schaffen, zu mindern, zu lindern, zu ändern, zu heilen, zu danken, zu klären und vieles mehr. Kein Beitrag dagegen zeigt sich im Abwenden, Schulterzucken, Warten auf den Anderen und vielen anderen Sinn-Abwehrmechanismen mehr. Wem der Moment egal ist, der ist sich selbst egal, psychologisch ein absehbar lebenskritischer Zustand. Und so gar nicht dem Menschen in die Wiege gelegt. Denn der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das von Anbeginn an die Hoffnung und Vision von einer stets besseren Welt entwickelte.

Vielleicht ist dies auch einer der Gründe, weshalb so viele Menschen trotz erheblicher persönliche Einschnitte in die Lebensplanung und -qualität nicht aufgeben etwas dafür zu tun, dass sich die pandemische Situation am Ende zur Kräftigung des Gemeinwohls entwickeln wird. Etwas zu tun, also einige der vielen Sinnmöglichkeiten heute zu verwirklichen und nicht zu verwirken meint, aus einem noch Unvollendeten in persönlicher Freiheit und Verantwortung etwas beizutragen, was in die Welt hineingeschafft gehört. Viktor Frankl hatte diesen Gedanken auch bereits pointiert als er meinte, es sei nicht die Aufgabe des Menschen etwas aus der Welt, sondern etwas in die Welt zu schaffen.

Was also soll sein, nachdem Sie sich umgeschaut haben? Jeder Mensch entscheidet sich immerfort. Jammern, Schimpfen, Klagen, Zaudern, Meckern oder Handeln, ohne sich dabei selbst im Weg zu stehen.

Wer nun meint, die Welt sei sowieso zum Scheitern verurteilt, weil man ja nur um sich herum schauen muss, um Leid in allen Formen zu erblicken, der mag vielleicht einmal die Perspektive wechseln: Wer sich bei allem Unvollendeten nicht bewegt und bis zum jüngsten Tag wartet, auf den wird man vielleicht einmal schauen und sagen: Dieser Mensch stand in der Welt, um ihn herum ein Meer der Möglichkeiten und er ertrank in sich selbst.

Resilienz

Ist Resilienz mit Geburt gegeben.? Oder entwickelt sie sich mit der Zeit?
Kann Resilienz bestimmt werden über die Analyse menschlicher Lebenseinstellungen?

In diesem Vortrag einer Tagung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird ein Überblick gegeben über den Stand der Resilienzforschung im Kontext individueller Krisen.

Mit Resilienz wird die bei manchen Menschen beobachtbare Fähigkeit verstanden, schwere Krisensituationen selbst unter widrigsten individuellen, psychophysischen oder sozialen Bedingungen zu bewältigen. Inwieweit die Entwicklung von Resilienz von genetischen Voraussetzungen und-oder dem familiär-sozialen Umfeld und-oder durch pädagogische Angebote vollzogene Lernprozesse abhängt, ist noch nicht abschließend erforscht.
Dabei ist es gesellschaftlich erwünscht, dass der individuelle Aufbau an Resilienz zur raschen Überwindung krisenhafter Erfahrungen gefördert werden soll.

Fehlt es an Orientierung für richtiges Handeln?

In den bisherigen Monaten der Pandemie wurden und werden wir wie selten zuvor mit individuell-ethisch und -moralischen Fragen konfrontiert. Wollen wir unsere Freiheit von Verboten einschränken lassen? Wie wollen wir die Zukunft unserer Selbstverantwortung noch verstanden wissen, wenn wir diese durch zahlreiche Gesetze und Verordnungen deutlich eingeschränkt erleben? Wie stehen wir zum Kontext Impfung, wie zu Menschen, deren Meinungsbild sich in diesem Thema deutlich vom eigenen unterscheidet? Von wo beziehen wir unsere Bewertungsmaßstäbe? Wem gestehen wir zu, uns für die eigenen Entscheidungen und Handlungen ethische Impulse zu liefern? Wem gestehen wir letztlich zu, uns maßgeblich auf dem Weg der Gesellschaftsentwicklung voranzugehen? Ist es das Bundesverfassungsgericht? Oder Ethikkommissionen? Oder Kabarettisten? Oder die Kirchen? Oder vielleicht der Stammtisch – sofern man sich dort im gebührenden Abstand zueinander austauscht? Oder ist es der eigene Hausarzt, der Nachbar oder jemand, der mit einem Megafon in der Hand auf dem Marktplatz die Menschen mit den eigenen Überzeugungen zutextet? Haben wir bei aller Pluralität verlernt, uns der Singularität einer ethischen Maxime und-oder eines grundlegenden Menschenbildes hinzugeben und uns darüber Lebensorientierung zu holen? Oder ist es uns sogar ganz recht, heute links und morgen rechts herum im Meer der Perspektiven zu schwimmen, vielleicht sogar im Kreis, um bloß nicht in die Verpflichtung zu kommen, eben einer dieser Orientierungen zu folgen?

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, schrieb einst Immanuel Kant. Aber wer rät uns heute zu einer Handlungs-Maxime, die morgen noch Bestand haben kann? Greta? Biden? Putin? Xi Jinping? Karl Lauterbach? Der Papst? Ihr Chef? Meine Frau?


Ich habe mich an einem der stillen Vorfrühlingsabende jüngst mit dieser Frage selbst auseinandergesetzt. Dabei habe ich mich gefragt, wer meine wesentlichen moralischen Instanzen waren, als ich mich auf dem Weg ins Erwachsenwerden befand – und, wer heute diese Funktion einnimmt? Zu diesem Ergebnis bin ich gekommen: 70-80er Jahre: Willy Brandt, Hannah Arendt, Hans Jonas, Joseph Beuys, Pink Floyd, David Bowie, Richard von Weizsäcker 
Heute: Viktor Frankl, Ferdinand von Schirach, Joseph Beuys, Karl Lagerfeld, Rezo, Ruth Bader Ginsburg


Ob es heute vielen so geht, dass ihnen die moralisch handlungsanregende Luft immer dünner wird? Tritt statt des Einflusses einer Vorbildhaftigkeit bestimmter Persönlichkeiten immer mehr Selbstbezüglichkeit des Einzelnen in den Mittelpunkt des Handelns? Womöglich hätte das den Vorteil, dass potenzielle Vorbilder entlastet werden von der Bürde, dass ihre Grundüberzeugungen zu gesellschaftlichen Handlungsmaximen extrapoliert werden. Andererseits hätte dies den Preis, dass jeder Einzelne über ein inneres Lot verfügen müsste, persönliche Rechte mit Pflichten und Verantwortungen für das Gemeinwohl austarieren zu können. Ob die Menschen unseres Landes überdurchschnittlich über ein solches Lot verfügen mag eine Frage an die sozialpsychologische Forschung sein. Ebenso die Fragen, was dieses Lot heute sein sollte, worum es einer Person im Kern geht, die über ein solches Lot verfügt und welchem Risiko eine Person ausgesetzt ist, ihr inneres Lot im Kontext einer medial permanenten Sichtbarkeit transparent zu machen.

In eigener Anschauung des winzigen individuellen Weltausschnitts habe ich Zweifel daran, dass es ausreichend, geschweige denn über den Durchschnitt hinaus genügend Menschen gibt, die sich neben der Pflege ihrer verfassungsgemäßen Rechte auch ihrer Verpflichtung für das über sie wirklich hinausgehende Gemeinwohl annehmen. Wenn – wie es Howard Gardner beschreibt -„Intelligenz die Fähigkeit ist, Probleme zu lösen oder Produkte zu schaffen, die für eine bestimmte Gemeinschaft oder Kultur von Bedeutung sind“, dann erscheint sich diese Intelligenz mir hierzulande noch zu sehr auf die Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen in einer Hochleistungsgesellschaft auszurichten. Der offenkundig mühevolle Lernprozess, sich als Person zu transzendieren auf ein kollektiv-Anderes, in dem der eigene Nutzen hintansteht, ist für mich zwar spürbar im Gange. Ob dieses Lernen jedoch schnell genug verläuft, damit der ‚Transzendenz-Ruck durchs Land‘ wirkungsvoll und zukunftsweisend wird, bleibt mir eine der spannendsten Fragen überhaupt. Die Gefahr des Scheiterns dieses bislang noch zarten Gesellschafts-Pflänzchens scheint mir mit einem Zitat von Mark Twain recht gut getroffen: „Streite niemals mit dummen Leuten, sie werden dich auf ihr Niveau bringen und dich dann mit Erfahrung besiegen.“ Vielleicht ist dies die grundlegendste Verantwortung, die ein Mensch übernehmen kann ….

 

Corona-Blog: Für viele eine Sondersituation, für einige eine Grenzsituation

Sehen Sie sich durch Corona an ‚Grenzen Ihres Lebens‘ angekommen? Fühlen Sie sich ‚am eigenen Leib‘ von den Folgen der Sondersituation überfordert? Ist Ihr Vertrauen ins Leben erschüttert? Haben Sie Ihre Fähigkeiten eingebüßt, Probleme zu lösen? Die allermeisten Menschen werden sagen: Nein. Weil sie mit den drei Situationen noch nicht konfrontiert sind, die der Philosoph Karl Jaspers als Grenzsituation auszeichnet.

Situation 1: Leiden, Sterben und Tod. Wir hören zwar täglich Nachrichten des Grauens und wissen um die schnelle Vergänglichkeit der Existenz, aber die Bilder und Zahlen erschüttern uns nicht – denn es geht bisher ja nicht an den eigenen Kragen. Ganz schnell ändert sich das, wenn Corona die eigene oder die Gesundheit nahestehender Menschen berührt. Bislang ist dies bei 2200 Todesfällen und einigen Hundert schweren Krankheitsverläufen ein statistisch vergleichsweise geringes Problem – bedenkt man die Zahlen anderer Länder oder auch die anderer Krankheiten. Absolut jedoch steht hinter den unmittelbar Betroffenen eine noch größere Zahl von Familienmitgliedern, die von einer Zäsur in ihrem Leben betroffen sind oder sein werden. Viele von ihnen werden bald therapeutische Unterstützung benötigen.

Situation 2: Schuld. Viele der kleinen ‚Delikte‘, die Menschen täglich begehen, führen nicht zu Schuldgefühlen oder Gewissensbissen. Und wenn doch, dann reicht oft eine Entschuldigung oder eine kleine Geste aus, um Schiefes wieder gerade zu rücken. Wir erleben das gerade häufig, wenn eine kleine Unachtsamkeit beim Distanzwahren von anderen Menschen kritisiert wird. Aber wie viel mehr wiegt die Schuld, wenn durch eigenes Fehlverhalten andere Menschen angesteckt werden? Oder, wenn wie offenbar seinerzeit in Ischgl, der gesunde Menschenverstand nicht eingeschaltet, sondern auf behördliche Anweisungen gewartet wird. Es sind eben jene Situationen, die den Unterschied machen zwischen Schuldgefühlen und dem Gewahrwerden objektiver Schuld. Jeder Mensch wird sich aktuell nicht stets perfekt anti-coronal verhalten, selbst Ministerpräsidenten müssen lernen, wie eine Schutzmarke richtig getragen wird. Objektive Schuld jedoch sieht anders aus: Wie bei dem Mann, der gestern in eine Augsburger Postfiliale geht, sich in die Schlange einreiht, dort laut ‚ein bisschen Spaß muss sein‘ singt und dann – vor dem Schalter stehend und die Distanz zur Schutzscheibe missachtend – den Postmitarbeiter fragt, ob am Sonntag [sic!] eine Briefsendung für ihn eingetroffen sei. Als der Postler merkt, dass er hier einer Person mit ‚auffälligem Verhalten‘ gegenübersteht und sie auffordert, vom Schalter zurückzutreten, ruft diese laut: „Ich bin Rentner, und gesund.“ Der Postler, leicht erregt, erklärt deutlich: ‚Was Sie hier machen, gefährdet meine Gesundheit. Gehen Sie bitte, und ich werde darauf achten, dass Sie nicht auch andere Menschen hier gefährden‘. Ohne weiteres Zutun entfernte sich der Mann. Sein womöglich nur ausgeprägter Hang nach Aufmerksamkeit [wir Therapeuten haben bei der Gesamtanschauung der Person eine Reihe von Hypothesen für unsere Wahrnehmungen] mutierte in dieser Sondersituation zu einer ihm [unbewussten] objektiven Schuld. Während eine objektive Schuld sich der bewusst auflud, der sich mit ein paar Freunden ins derzeit im Umbau befindlichen Standesamt Augsburg Zugang verschaffte, dort eine Party abfeierte, herbeigerufene Polizisten bespuckte und ihnen vollmundig mitteilte, er sei infektiös. Da der Alkoholgenuss noch nicht weit genug fortgeschritten war, wird nun wegen Vorsatz ermittelt. Würde einer der Polizisten nun tödlich erkranken, könnte eine Situation entstehen, für die es keine Wiedergutmachung durch den Täter mehr geben kann. Sie würde den Täter mit seiner Unzulänglichkeit und seinem Versagen konfrontieren und seine Schuld würde ihn in die Grenzsituation führen, darauf antworten zu müssen, wie er angesichts seines Fehlers weiterleben kann.

Situation 3: Scheitern. Als Grunderfahrung jedes Menschen, führen manche dieser Situationen zu einem fundamentalen Selbstzweifel [dieser spezifische Zweifel ist das zentrale Merkmal einer individuellen Krise und macht deutlich, dass bestimmte Werte zutiefst verletzt wurden], andere zu einem schnellen Hinweggehen und Aufsuchen neuer Möglichkeiten und Wege. Man kann so oder so zum Beispiel mit der Situation umgehen, einen bestimmten Job, auf den man lange hingearbeitet hat, doch nicht wie erwartet zu bekommen. Oder wenn nun – wie bei vielen Start-Ups zum Beispiel befürchtet – durch Corona Businesspläne zusammenbrechen, sich Investoren zurückziehen oder die Innovation es an sich erfordert, dass sich die Gesellschaft so bewegt und so handelt wie sie es vor Corona tat, um erfolgreich zu werden, dann können jetzt Gründer verstärkt in den Selbstzweifel darüber geraten, ob sie die einst angestrebte Unternehmerrolle aufrecht erhalten. Ein anderes Scheitern mag sich ergeben, wenn man dank Ausgangsbeschränkungen seine/n Partner/in mit einem Mal in einem anderen Licht sieht, mit bestimmten Verhaltensmustern nicht klar kommt und es verletzende Auseinandersetzungen gibt, mit denen umzugehen einfach nicht gelingen will. Auch diese Situationen können Grenzen aufzuzeigen, die zu überwinden aus unserer logotherapeutischen Sicht nur durch die Klärung der eigenen Werte und Grundüberzeugungen glückt.

Mit Grenzsituationen umgehen zu können, meint, sie nicht zu leugnen, auszublenden, zu verdrängen oder die eigene Verantwortung für sie abzuschütteln – auch dann, wenn der Auslöser des Geschehens nicht in der eigenen Person liegt. Manche Menschen glauben, dass ein solches Verhalten die Sache irgendwie leichter macht, irgendwann könne und würde sich die Lage ja hoffentlich verbessern. Dabei wird nicht erkannt, dass dieses Vorgehen enorme Lebensenergie vergeudet und damit destruktiv ist. Sich selber einreden zu müssen, dass man einem Schicksal nicht entkommen konnte und kann, belastet den Weg hin zu einer Ausschau nach Möglichkeiten, Alternativen, kreativen Entscheidungen. Letztlich ist der destruktive Umgang mit Situationen des Scheiterns zurückzuführen auf die Flucht vor Gefühlen der Scham, Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung. Ihnen aus dem Weg gehen zu wollen ist psychisch verständlich, aber geistig sinnlos, denn Entkommen funktioniert nicht, Handeln schon. Handeln hin zum Sinn, dann übernimmt der Mensch Verantwortung für das, was vor ihm liegt – denn das, was war, kann er bestenfalls verstehen lernen, gestalten kann er nur, was auf ihn wartet.

Corona-Blog – Drängt das Virus den Menschen zur nachhaltigen Lebensstil-Veränderung?

Kaum ein Tag vergeht nun, an dem nicht ein Szenario-, Zukunfts- oder Trendguru zum Besten gibt, was sich nach Corona für die und in der Gesellschaft wohl verändern wird. Von einem entschleunigten, sozialeren, wärmeren, deglobalisierteren Deutschland wird da gesprochen, manche sehen gar eine neue Weltordnung auf uns zukommen, schließlich sei es das erste Mal, dass so ziemlich jeder Zipfel dieser Welt mit derselben Sondersituation zu tun bekommen hat. Überall wird gestorben und gelitten, überall fehlt es an Ähnlichem, überall wird improvisiert und überall zeigt sich das Menschliche in allen möglichen Hilfsbereitschaften. Wenn das keine Gründe sind, aufgerüttelt zu werden und den Menschen zu einer Weiterentwicklung seiner selbst zu führen?

Meine – therapeutische – Perspektive fragt sich bei all diesen Ansagen, ob da nicht ein Knick in der Optik der Vater der Gedanken ist. Ich will es kurz machen: Wird sich im Selbstverständnis des Menschen etwas hinsichtlich seines Lebensstils ändern? Meine Antwort: Nein. Es wird auf individueller Ebene alles so weitergehen wie bisher. Warum? Weil sich die individuellen Wertesysteme durch das aktuelle Geschehen nicht verändern werden. Wer vorher bereits Werte wie Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Nähe oder Zuwendung sein eigen nannte, der zeigt diese in seinem Verhalten heute wie zuvor, vielleicht aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und Begrenzungen nur intensiver – und dies wohl kaum, damit er dafür Held genannt wird. Wer zuvor bereits Werten wie Loyalität, Pflicht, Ordnung, Disziplin folgte, der bleibt auch jetzt bei der Stange und erledigt seine Aufgaben selbst unter widrigen Bedingungen. Auch Helden.

Das ließe sich nun beliebig weiter ausführen, am Ende steht immer der Wert Gesundheit, der als Kollektivwert vom Virus attackiert wird und dem sich alle anderen Wertemaßstäbe unterordnen – bei den allermeisten Menschen zumindest. Weil das so ist und von der Wissenschaft bei allen Widersprüchlichkeiten und Deutungsvielheiten hinreichend genug transparent dargestellt wird, in welcher Weise die Gesundheit bedroht wird, sind Menschen weit überwiegend bereit, in ihren Behausungen zu bleiben und sich an Auflagen und Empfehlungen zu halten. Weil die Politik sich auf Wissenschaft beruft, funktioniert das. Wo Politik dies nicht tut, werden grandiose Fehler begangen und der führende Politiker, der sie begeht wird sein Verhalten, das sich nicht sofort dem Kollektivwert Gesundheit unterordnete, eher über kurz als lang bezahlen [auf die nächsten Wahlen in den USA, Brasilien, UK, in den italienisch von der Lega gefärbten Regionen oder in den auch in den Bundesländern mit Vorlieben für gewisse aber nicht gewissenhafte Deutschlandalternativen bin ich heute schon gespannt. Für Schweden hoffe ich nur das Beste]. Würde die Wissenschaft ihren Job nicht richtig machen und die Politik zudem herumlarvieren, die Katastrophe wäre vorprogrammiert.

Erfährt der Kollektivwert Gesundheit aber keine gravierende Schädigung, eben weil die meisten Menschen anfangs mit ihrem eigenen Verhalten einen Beitrag dafür leisteten, die politischen Bedingungen angemessen gesetzt wurde und schließlich die Pharma- und Impfstoffforschung es schafften, mit einem starken Wirkstoff um die Ecke zu kommen, dann wird das individuelle Verhalten anschließend wieder zurückfallen in das jeweilige Wertesystem des Einzelnen. Mit dem Bojenmodell will ich das kurz skizzieren. Die folgenden Bilder zeigen metaphorisch den Zusammenhang zwischen Werten und Verhalten auf.

Das Wertesystem mit unseren Überzeugungen stellt quasi den Anker dar, mit dem wir unser Verhalten gut begründen können. Wenn wir gute Gründe haben, dann formulieren wir sie als Grundüberzeugungen, die uns entweder wichtig sind, damit bestimmte Zwecke unseres Verhaltens und unserer Handlungen erfüllt werden. Sind diese Überzeugungen sogar wesentlich, also dem individuellen Wesen entsprechend, dann findet eine Person mit ihren formulierten Grundüberzeugungen und den sie begründenden Werten einen Sinn in der Situation, im Alltag oder sogar im ganzen Leben.

Das Wertesystem leistet somit den Hauptbeitrag dafür, dass eine Person eine Haltung einnehmen oder eine Einstellung für etwas entwickeln kann. Dieser Entwicklungsprozess wiederum führt zu Motiven der Person, die sie letztlich zu Verhaltensweisen und Handlungen bewegt und ihr auch eine entsprechende Kommunikation über ihre Motivationen, Handlungen und ihr Verhalten ermöglicht.

Wird das Wertesystem nun in Unruhe versetzt und kommt die Person aus welchen spezifischen Gründen auch immer unter Stress, dann lohnt sich ein Blick auf die durch diese Unruhe verletzten Werte. Oft vermögen es Menschen, durch ihre Fähigkeit zur Selbstberuhigung eine Gelassenheit zu entwickeln, die dazu dient, eine Werteverletzung nicht zu lange als Beschwernis ertragen zu müssen. Tritt aber ein Sonderereignis wie zum Beispiel Corona ein, dann wirbelt dies die Boje [in diesem Modell das sichtbare menschliche Verhalten und seine erlebbaren Handlungen] aufgrund hoher Schockwellen besonders stark herum. Die Person muss nun deutlich mehr Energie aufwenden, um sich wieder zu stabilisieren als dies in Alltagsstress-Situationen erforderlich ist.

Der Weg hin zu einer Re-Stabilisierung kann erleichtert werden durch sogenannte Resilienz-Faktoren [bei Interesse finden Sie dazu in der KrisenPraxis verschiedene Beiträge dazu]. Jenseits dieser Faktoren muss allemal darauf geachtet werden, dass nicht zu viele der individuellen ‚Halteseile‘ [Haltungen und Einstellungen] reißen und ein Mensch sich als Spielball des Ereignisses ansieht [wie dies im dritten Bild angezeigt ist]. Will sagen, Menschen wollen Herr im eigenen Wertehaus sein und bleiben. In Extremsituationen muss die Politik und die ihnen folgenden staatlichen Instanzen ihre Interventionen so planen, dass die meisten Menschen nicht den Eindruck gewinnen, ihre Werte und die sich aus ihnen ergebenen Einstellungen und Haltungen wären der Politik ‚nichts wert‘. Solange – wie gerade – ein kollektiv übergeordneter Wert wie ‚Gesundheit‘ in Gefahr gerät, die Schockwelle also gefährlich ist, werden Menschen eingeleitete Maßnahmen solange akzeptieren wie das ‚Halteseil‘ hält.

Werden jedoch Interventionen gesetzt, obwohl Menschen diese nicht mehr als notwendig empfinden, dann überdehnt das Seil ohne ‚triftigen Grund‘ und droht zu reißen. Die Folge davon sind im Extremfall anarchische Prozesse, im einfachen die Abwahl derer, die diese Interventionen setzten.

Man sollte also schon recht genau einschätzen können, welche individuellen Wertesysteme hinter einem kollektiven Oberwert wie Gesundheit stehen und dann verteidigt werden, wenn der Oberwert nicht mehr gefährdet erscheint.

Es ist ein bisschen wie in der Schule. Reißt ein Schüler zum Zwischenzeugnis die erforderlichen Noten, dann ist seine Versetzung gefährdet. Empfindet der Schüler dies als Bedrohung, weil er vielleicht durch Nichtversetzung den Kontakt zu seinen Freunden, den Liebesentzug seiner Eltern oder den potenziellen Karriereknick in seiner Laufbahn befürchtet, dann wird die Zeugnis-Intervention [die Schockwelle] dazu führen können, dass er die Anspannung seines Halteseils durch einen intensiven Lernprozess wieder lockert. Empfindet der Schüler das Versetzungsszenario jedoch als nicht bedrohlich, dann pfeift er förmlich auf die möglichen Folgen. Das Problem dabei ist, dass dies nur dann gut geht, wenn es gute Gründe des Schülers dafür gibt, seine Situation als nicht bedrohlich anzusehen. Gute Gründe stellen für uns in der Logotherapie Verhaltens- und Handlungsentscheidungen einer Person dar, die sie auf Basis eines geklärten, für sie stimmigen und mit positiven Gefühlen verbundenen Wertesystems trifft. Gibt es diese guten Gründe nicht [zum Beispiel, weil die Person in Unkenntnis ihrer eigenen Werte ihr Leben lebt], dann läuft eine Person -hier der Schüler – Gefahr, aus Naivität, Fehleinschätzung, mangelnder intellektueller Verarbeitungskapazität oder schlicht Dummheit ein Verhalten zu zeigen, dass inadäquat zur Situation ist.

Nicht übersehen werden darf, dass Menschen zuweilen ihre Situation als überbedrohlich empfinden, sie also eine Schockwelle in ihrer Wirkung deutlich überbewerten und ihre ‚Boje‘ mehr als erforderlich aus der vermeintlichen Gefahrenzone steuern. Man weicht also zum Beispiel einem auf dem Gehweg fälschlicherweise fahrenden Radfahrer nicht nur ein wenig aus, sondern wechselt gleich auf den anderen Bürgersteig. Diese Angst frisst auf Dauer die Seele auf und führt – sofern sie vergesellschaftet wird – zu einer Abhängigkeit derer, die suggerieren, sie könnten mit Interventionen wie Abschottung, Schuldzuschreibung oder der – an sich latente Hilflosigkeit anzeigenden – Nutzung eines kriegerischen Vokabulars die Lage wieder in Ordnung bringen.

  • Anmerkung: Mir persönlich reicht eine gewissenhafte Finanz- und Fiskalpolitik aktuell völlig aus. Der Extrem-Sprech einer ‚Bazooka‘ oder anderer Begrifflichkeiten, die den jeweiligen Sprecher medial kurzzeitig nach oben bringen, ist ebenso unnötig wie töricht. Ich schätze, die Menschen werden sich einst erinnern, wer sie in dieser Situation ruhig, besonnen und lernfähig führte. Und daran, wer nichts Brauchbares von sich gab oder weiterhin die bereits zuvor stets mit kesser Lippe abgesonderten kruden Ideen vortrug. Für Härte in der Sache [nicht in der Polemik] und Verbindlichkeit in der Form [anstatt irgendwelcher alternativer Verschwörungstheorien] gibt es meines Erachtens in Deutschland eine deutliche Wählergunst. Eben, weil dann die Menschen fühlen, dass sie entlang dessen geführt werden, wofür die Paragraphen der europäischen und der deutschen Verfassung stehen.

Schauen wir nach vorne und wissen um die sukzessive nachösterliche Wiederberuhigung des zuvor vom Virus massiv in Wallung versetzten ‚Wertewassers‘. Was wird geschehen? Die individuelle Boje wird wieder in ihre Ursprungslage zurückkehren [wollen]. Sie hat gelernt wie es ist, wenn der Anker – das Wertesystem – überstrapaziert wird und sie wird ‚motiviert‘ sein, sich nun wieder in dem Radius zu bewegen, den die Ent-Spannung ihr nun wieder ermöglicht. Solange der Oberwert Gesundheit weiterhin als potenziell gefährdet verstanden wird, wird diese Ent-Spannung langsamer verlaufen, aber sie wird verlaufen. Sie wird für diejenigen leichter verlaufen, die in ihrem Leben eine Balance gefunden haben zwischen Freiheitsrechten und Verantwortungspflichten. Wer meint, seine Freiheitsrechte über die Verantwortungspflichten zu stellen, wird ebenso auffällig werden wie das bei ihm schon vor Corona vermutlich war. Wer die Verantwortungspflichten weit vor die eigenen Freiheitsrechte stellt, der wird ebenso auffällig werden – zum Beispiel durch den schnellen Ruf, doch diejenigen ausfindig zu machen, die für die Ausbreitung des Virus verantwortlich waren. Extremisten werden schreien: Stellt sie an die Wand. Extremen Freiheitsrechtlern wird es egal sein, Hauptsache es ist ‚vorbei‘ und man kann es wieder krachen lassen. So wie anders tut Ausgleich gut.

Wer aber im Einklang mit seinen Werten lebt und dabei eine Balance zwischen den beiden Leitplanken [eines jeden Wertesystems], den Werten ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ bewahrt hat, der wird die Sondersituation mit ihren individuellen Stressoren leichter meistern.

Kleine Schritte sind besser als große Worte, oder – wie schon Viktor Frankl wusste – am Ende des Tages zählt nur die Handlung, nicht die Erkenntnis. Wer also aktuell in finanziellen Schwierigkeiten, in der Angst um den Arbeitsplatz, in Sorge um die eigene oder die Gesundheit eines anderen ist, der kann sich ein Blatt Papier nehmen und als Kopfzeile notieren:

Jeder Mensch hat derzeit ‚Corona-Bedingungen‘,
aber jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich zu ihnen einzustellen.

Darunter dann eine Zeile: Meine eigenen Corona-Bedingungen, die mir derzeit am meisten Ärger, Angst, Sorge, Stress, Wut, Trauer … bereiten sind:
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3.

Darunter dann zwei Spalten:
Spalte 1: ‚Handlungs- und Verhaltensfreiheiten‘
Spalte 2: ‚Handlungs- und Verhaltensverantwortungen‘.

Hier schreiben Sie nun hinein, wofür es gut ist, die bestehenden Freiheiten in Form von Handlungen und Verhaltensweisen zu nutzen und wofür es gut ist, die bestehenden Verantwortungen in Handlungen und Verhaltensweisen konkret umzumünzen. Und dann beginnen Sie. Konkret. Am besten jetzt!

Bleiben Sie gesund.
Bald wird’s leichter.

Corona-Blog: Koller und Kommunikation

Heute ein kleiner Bericht aus dem therapeutischen Alltag. Es geht um vier Menschen, nennen wir sie Familie Engegluck. Vier Personen in einer 115qm-Wohnung, unterm Dach. Vater 43, Mutter 39, Tochter 19, Sohn 15. Und nun Corona. Niemand ist infiziert, soweit man es wissen kann. Auch alle Großeltern sind wohlauf, die Enkel freuen sich darüber und haben regelmäßig Skype-Kontakt zu ihnen. Ein persönlicher Kontakt ist aufgrund der räumlichen Entfernung nicht möglich. Das zentrale Problem der Familienmitglieder, man könnte es das Glucken-Syndrom nennen, besteht nun darin, dass die zwischenmenschliche Distanz, die im öffentlichen Raum zur Pandemiebekämpfung angezeigt ist, im privaten unmöglich wird. Familie Engegluck kommt sich auf eine Weise nah wie sie es in eigener Erinnerung noch nie hatte, nicht einmal zu Weihnachten.

Jetzt, nach fast zwei Wochen zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten im Umgang miteinander in dieser Ausnahmesituation. Die Melange aus Langeweile, der Angst, dass sich ein Familienmitglied infiziert und dies dann die ganze Familie treffen kann, die Frustration, Zukunftspläne [Studium der Tochter, geplante Urlaubszeit, berufliche Projekte] auf Eis legen zu müssen, drohende finanzielle Einbußen, die Pubertät des Sohnes, der sich Anfang des Jahres ‚frisch‘ verliebte und nun eine Trennung von seiner in einer anderen Stadt lebenden Freundin zu ‚überstehen‘ hat – diese Stress-Dosis wird nun noch dadurch erhöht, weil niemand einen Rückzugsort mehr hat und jedes Thema immer wieder durchkaut und als derzeit nicht lösbar angesehen wird. Selbst die vorhandene Erkenntnis, dass es viele Menschen härter getroffen hat und womöglich noch treffen wird, mindert nicht heftiger werdende psychische Reaktionen, die letztlich die Eltern veranlasst, sich therapeutische Hilfe zu holen. Sie selbst haben immer wieder ihren Kindern gegenüber die Wichtigkeit angesprochen, dass nun alle ihre sozialen Kontakte „nullen“, auch um anderen Menschen nicht zu Gefahr zu werden. Auch haben sie, „weil das vorher ja auch schon so war“, die Tagesstruktur beibehalten. Dank funktionierender Technik können die Kinder ihre schulischen Themen weiter im Blick halten und auch die Eltern stehen nicht ganz im Abseits, Vater kann im Homeoffice an verschiedenen Themen weiterarbeiten, die Mutter ist in Kurzarbeit. Man hat Zeiten zum Telefonieren jeweils am frühen Abend verabredet und ebenso wurde beschlossen, das Fernsehen erst nach 18 Uhr einzuschalten, um nicht „komplett durchzudrehen, weil es kein anderes Thema mehr gibt, abgesehen von den zahlreichen Fakenews und den sich widersprechenden Informationen über Zahlen, Daten und Fakten.“

Vieles, was die Familie tut, erfüllt einen guten Zweck. Sie distanzieren sich zum eigenen wie zum Schutz anderer in der Öffentlichkeit so gut es eben geht, sie distanzieren sich von einem information overload durch Medienverzicht, sie distanzieren sich inhaltlich durch Beibehalten wesentlicher Routinen in ihren Lern- und Arbeitsprozessen. Aber eine Distanz bröckelt – die private. Individuelle Verhaltensweisen, die sonst während des Alltags ‚untergingen‘ und kaum von den anderen Familienmitgliedern beachtet wurden, gewinnen nun an Aufmerksamkeit [z.B. Schwester zu Bruder: „Was treibst Du denn solange auf dem Klo?“, „Sohn zu Vater: Brauchen die das in der Firma wirklich, was Du da machst?]. Werden sie thematisiert, erzeugen sie Gefühle des Kontrollverlustes, der Peinlichkeit, der Hilflosigkeit oder das seltsame Empfinden, unter permanenter Beobachtung zu stehen. „Wir gehen uns mittlerweile derart auf die Nerven, dass wir uns darüber sorgen, selbst Schaden zu nehmen, der auch dann bestehen bleibt, wenn sich in Sachen Corona wieder Entspannung ergeben haben wird.“ Die Eltern berichten, dass es bereits sogar zu verletzenden Äußerungen gekommen ist, wenn jemand über etwas bloß berichtete, was ihn erfreute oder was als humorvoll angesehen wurde. Auf die Reaktionen folgten dann zwar regelmäßig auch Entschuldigungen, „aber die Frequenz der Konflikte nimmt doch zu“. Überraschend für alle ist es, dass die ‚Aufreger‘ sehr unterschiedlich sind und es auch nicht ‚das‘ Familienmitglied gibt, das permanent aus der Rolle fällt oder Anlass gibt, sich auf Dauer über es zu ärgern. „Wir sind es einfach alle nicht gewohnt, so eng aufeinanderzuhocken. Ohne den übergeordneten Grund würden wir wohl diesen Zustand auf Dauer nicht aushalten wollen“, beschreibt der Vater die Lage.

Nun sind die Bedingungen wie sie sind, die Wohnung um weitere Räume anzubauen gelingt nur in der Phantasie und der Idee, die akzeptierten Ausgangsregeln zu brechen, steht die Vernunft gegenüber, die alle vier Familienmitglieder deutlich bekräftigen. „Neulich hab ich mich so geärgert, da bin ich dann rausgelaufen und wollte zu meiner Freundin, aber dann hab ich mir gesagt, dass das nicht okay ist und dann hab ich zwar mit ihr telefoniert, aber als ich dann wieder zu Hause war, war der Ärger nicht weg. Ich meine, das liegt daran, dass einfach in jedem zweiten Satz über das Virus gesprochen wird und auch meine Freundin ihre Probleme damit hat“, meint die 19jährige. Und die Mutter ergänzt: „Die ganze Aufregung um mich herum, ist für mich viel zu viel. So viel Familie kann doch niemand auf Dauer ertragen.“

In einem online geführten Gespräch kann die Familie diesen Aspekten zustimmen:

  • Gäbe es nicht die gemeinsame Antwort auf die Frage  ‚Worum ist es für jeden Einzelnen gut, ‚trotz allem‘ die aktuelle Situation zu ertragen?“, dann wäre der psychische Druck für jeden und das gesundheitliche Risikopotenzial deutlich größer. Es gibt offenbar einen Sinnbeitrag, den jeder der Familie erfüllen will und der über dem psychischen Verlangen steht, zum Beispiel sich mit anderen Menschen zu treffen. Dem Freiheitsrecht hat die Familie eine Verantwortungspflicht zur Seite stellen können, ohne dass das eine für das andere geopfert wird.
  • Die empfundene Enge bringt individuelle Besonderheiten einer jeden Person hervor, die zu entdecken zuvor kaum gelungen wäre. Da diese Besonderheiten gerade jetzt unter verstärktem Stresseinfluss zutage treten, lernt die Familie, dass sie bislang ein Zusammenleben führen konnte, das recht entspannt und ausgeglichen erlebt wurde.
  • Auf die Frage, wie man wohl die Familie als Außenstehender bis zum Eintritt der Corona-Sondersituation erlebt habe, werden diese Zuschreibungen genannt: entspannt, ruhig, freundlich-unaufdringlich, diszipliniert, selbständig, intellektuell.
    Und wie wäre das nun?: nervös, fixiert, wartend, besorgt, verlässlich, umsichtig.
  • Auf die Frage, was wohl die größten Unterschiede zu anderen, bekannten Familien sind im Umgang mit der Situation, wird gesagt: weniger grübelnd, auf blöde Weise sind wir uns unsere Eigenheiten wichtiger als das Virus, wir nörgeln weniger über die quasigesetzlichen Auflagen, vielleicht wirken wir auf andere zu obrigkeitshörig oder spießig.
  • Das zentrale Problem ist der mangelnde Rückzugsraum. Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten sind schön, „aber an sich bräuchte eigentlich jeder von uns jetzt eine Art Baumhaus“. „Im normalen Leben war da ja in den letzten Jahren immer anders, die Zeiten, in denen wir alle beisammen waren, machten vielleicht so 10-15% aus, und jetzt sind es mindestens 80.“

Dem Vorschlag, eine Kommunikationsbedürfnisanalyse vorzunehmen, mit der ein Blick auf die individuellen Stressmuster geworfen werden kann und die die erlebten Phänomene womöglich leichter zu erklären vermag, wird zugestimmt. Das Ergebnis:


  

Auswertungsergebnisse von o.l. nach u.r.: Tochter, Sohn, Mutter, Vater

An dieser Stelle können die ganzen Details, die der Familie halfen, ihre spezifische Bedürfnis-Konstellation im Kontext der Sondersituation zu beleuchten, nicht aufgeführt werden. Wenn Sie als Leser*in einige Tage im Blog zurückgehen und die Bedürfnisse insb. der Träumer, Empathiker und Macher anschauen, können Sie vermutlich hineinspüren in diese vier Personen im Einfluss des von ihnen erlebten ‚Dichtestress‘.

Mit der Familie wurde besprochen:

  • Normalität des Empfindens: Dass die vier aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisse einen Distanzverlust besonders beklagen, ist wie es ist und okay. Zuweilen wird das Phänomen auch Lagerkoller genannt, was einen psychischen Erregungszustand bei zwangsweiser Unterbringung meint, wie er sich zum Beispiel in Gefängnissen, Deportierungs- [von Viktor Frankl auch beschrieben] oder Flüchtlingslagern oder bei langem Aufenthalt in Bunkern oft entwickelt. Der  „Koller“ [ahdt. kolero = „Wut“, lat.: cholera = „Zorn“ – Choleriker!] ist eine Erregung, die sich aus einer unveränderbaren ‚Zwangs-‚Situation ergibt. Reaktion auf einen Koller können sein: Angst, Wut, Hyperaktivität, Depressivität.
  • Unterschiede zu einer ‚echten‘ Zwangssituation werden von der Familie erkannt – es könnte also durchaus extremer zugehen. Die Familie erkennt, dass es ausreichend Positives gibt, dass das Zusammenleben weiterhin ermöglicht.
  • Wenn Menschen ungewohnt lange zusammen sind, dann braucht es ‚Entspannungsregeln‘, zum Beispiel: Der Schaukelstuhl ‚gehört‘ an einem Tag der Woche von 14-17 Uhr der Person X, oder Y kann an einem Tag der Woche ungestört zwei Stunden in der Badewanne liegen, das Telefon wird abwechselnd jeden Tag für 15 Minuten genutzt, um absolut ungestört mit einer Person zu sprechen. Oder: Wenn Drei für zwei Stunden spazieren gehen, dann freut sich der Vierte, weil er in dieser Zeit alleine sein kann, zum Beispiel, um mit jemanden zu telefonieren.
  • Die Familie führt abendlich eine kurze Familienkonferenz durch: Was war das Erfreuende des Tages, was das Ärgerliche, was wird morgen erledigt, wer hat für morgen einen erfüllbaren Wunsch, was kann jeder tun, um anderen anzuzeigen ‚ich bin gerade im Dauerstress‘.
  • Die Familie anerkennt, dass es Konflikte immer wieder geben kann – aber gelöst gehören. Der Kuss am Abend vor dem Schlafengehen als Zeichen für den Neuanfang ist ein vielbewährtes Ritual.

Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Corona-Blog: Stresskommunikation [Rebell]

Ja, einer fehlt noch. Der Rebell. Belastungssituationen und Krisen verleiht er so etwas wie eine Theaterspiel-Atmosphäre. Mit Grandezza, Dramatik oder einem enormen rhetorischen Aufwand formt dieser Verhaltensakrobat die aktuellen Gegebenheiten nach außen mit einer  gewissen spielerisch-trotzigen Leichtig­keit. Gewähren ihm vertraute Personen keinen Beifall für seine ‚Bemühungen‘, das Ernste nicht zu ernst zu nehmen, sondern sprechen ihn vielmehr auf ein höheres Maß an Eigenverant­wortlichkeit an, versteht er sich darauf, die Schuld für die eingetretene Situation bei anderen zu suchen und zu finden. In der jetzigen Situation kann man sich Personen vorstellen, die zum Beispiel ein kleines, florierendes Geschäft führten, aus ihren Erlösen – obwohl möglich gewesen – nichts in die Rücklagen steckten. Nun mit der Lage konfrontiert, können sie nicht verstehen, dass ihnen andere Menschen ihren Mangel an Prävention ‚vorwerfen‘. 

Eine reflexive sachliche Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen wird von Rebellen gerne ‚zurückgestellt‘ – zu wuchtig wäre wohl der Schmerz. Lieber greift der Problemluftikus zu Ablenkungen aller Art, bis seine Ausblendungs­methoden nicht mehr greifen und er ,bei aller Freundschaft‘ aufgefordert wird, endlich Position zu beziehen und einen Beitrag zur konstruktiven Veränderung der Situation zu leisten.

In der Begleitung eines ,Rebellen‘ gilt es, seine Reali­tätsresistenz, Naivität und Trotzigkeit durch eine ermutigende, ernstnehmende Unterstützung mit bildhafter Gesprächsführung zu steuern, ohne ihn für seine Haltung zu belächeln oder seine Ergebnisverant­wortung in Frage zu stellen. Denn: Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ,unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale‘. Sie bewahrt ihn davor, fremdbestimmenden ‚Einflüsterungen‘ von Dritten zu folgen und erhält ihm seine Wahrnehmungsvielfalt und Handlungsflexibilität für wichtige Entscheidungen.

Kommunikationsstil: REBELL
Kommunikationsbedürfnis:
Freiheitsgrade und Vernetzung
Psychisches Bedürfnis:
Will Kontakt und Spaß
Verhalten unter Alltagsstress:
Reagiert mit großer Anstrengung auf Anforderungen, bemüht  sich aber vergeblich, diese in ihrer Tragweite zu erfassen
Verhalten unter Dauerstress: Sucht die Schuld bei anderen, klagt und jammert
Lebensthema:
Eigenverantwortung
Authentisches Gefühl wäre:
Aufrichtiges Bedauern
Scheingefühl [die ‚Masche‘]: Äußert 
Rache und Trotz

Morgen dazu eine kleine Episode aus einer Familientherapie mit Einsatz der Prozesskommunikation.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund. 

Corona-Blog: Stresskommunikation [Macher]

Wer seine Motivation aus konkretem Handeln zieht, der ist gerade wohl am schlechtesten dran. Zu Hause hocken – für viele ‚Macher‘ steht das Leben gefühlt komplett still, und gerade das zu ertragen, fällt ihnen anders als anderen Menschen enorm schwer. Macher wollen Action, einen Baum ‚ausreißen‘, mehr tun als reden. Aus ihrem Kommunikationsstil hört man den Druck heraus, unter dem sie stehen, wenn für sie einfach zu wenig geschieht. Sie fordern, dass etwas passiert [zuweilen, wie bei Präsident Trump mit einem Hauch von Irrationalität] und man hört förmlich das Ausrufezeichen hinter ihren meist kurzen, knappen Sätzen. Andere emotional zu unterstützen ist nicht das Ding eines Machers – der ‚Befehlston‘ schon. Aber, wenn es ungerecht zugeht, dann kann ein Macher schon deutlich mit der Faust auf den Tisch hauen und damit seinem Umfeld signalisieren, ‚ich bin für Euch da – mit meinen Taten‘.

Kommunikationsstil: MACHER
Kommunikationsbedürfnis: Austausch von Handlungsmöglichkeiten [Lets talk about a deal!]
Psychisches Bedürfnis:
Will Aufregung und Aktion
Verhalten unter Alltagsstress:
Erwartet von anderen, dass sie stark sind und sich selbst helfen Verhalten unter Dauerstress: Ignoriert oder bricht Regeln, versucht zu manipulieren
Lebensthema:
Bindung
Authentisches Gefühl wäre:
Nähe
Scheingefühl [die ‚Masche‘]: zeigt anderen seine ‚Rache‘ 

Macher unter Corona-Stress neigen dazu, in die Situation Streit und Anklagen hineinzutragen und damit die eingetretene massive Belastung noch weiter zu eska­lieren. Rachevolles Verhalten wird denen gegenüber gezeigt, die dem Macher in welcher Form auch immer, die Handlungs-Handschellen anlegen wollen. Die Fähigkeit zur Selbstberuhigung und -distanzierung ist unter Stress vielen Machern nicht wirklich gut gegeben. Wollen ihm vertraute Personen den ,eigenen Anteil an der Verschärfung der Situation‘ ansprechen, dann erfahren sie hierfür Ablehnung und Abweisung bis hin zur Trennung. In der Begleitung eines ,Machers‘ gilt es, seine Vertrauensresistenz, Handlungsschnelligkeit und Offen­sivkraft durch eine erfahrungsbasierte Unterstützung mit deutlicher Grenzziehung und klaren Vereinbarun­gen zu steuern, ohne ihn dabei zu demütigen oder ihn mit Moralvorstellungen zu lenken.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung des ’nur dem Mutigen gehört die Welt‘. Sie ermöglicht ihm die tatkräftige und zügige Umsetzung umfassend reflektierter Entscheidungen. 

Morgen komme ich zum Abschluss, mit dem Rebellen.
Und wenn Sie daran interessiert sind, zum Beispiel Auswertungen der Kommunikationsbedürfnisanalyse für sich und Ihre Familie zu beauftragen, dann stehe ich Ihnen dafür gerne zur Verfügung. Die Ergebnisse erhalten Sie als pdf und das Auswertungsgespräch können wir dann zeitnah über Skype, Zoom oder auf einem anderen Weg sicher leicht realisieren.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund.