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Das Kohärenzgefühl

„… die Art, wie man seine Welt sieht … die eigene Realitätskonstruktion … ist ein entscheidender Faktor für Coping [Bewältigungsweisen insbesondere bei Krisen] und Gesundheit.“ [Antonovsky]

Aaron Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. 1997
Bild Antonovsky

Das Kohärenzgefühl

„… ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat,

_ dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;

_ dass einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;

_ dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“

Das Gefühl von Sinnhaftigkeit beschreibt das Ausmaß, in dem man das Leben als emotional sinnvoll empfindet: Dass wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, dass man Energie in sie investiert, dass man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet; dass sie eher willkommene Herausforderungen sind als Lasten, die man gerne los wäre.

Antonovsky sieht diese motivationale Komponente als den wichtigsten Aspekt des Kohärenzgefühls
an, denn ohne das Erleben von Sinnhaftigkeit neigt der Mensch dazu, das Leben vor allem als Last zu empfinden und jede weitere sich stellende Aufgabe als Qual.

„Diejenigen, die nach unserer Einteilung ein starkes Kohärenzgefühl hatten, sprachen immer von Lebensbereichen, die ihnen wichtig waren, die ihnen sehr am Herzen lagen, die in ihren Augen ‚Sinn machten‘ – und zwar in der emotionalen, nicht nur der kognitiven Bedeutung des Terminus … kurz
nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, wurde ich auf Frankls Werk aufmerksam, und es beeinflusste zweifellos die Wahl der Bezeichnung dieser Komponente.“

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Das Konzept von Antonovsky, das er ‚Salutogenese‘ nannte, wurde weit zuvor durch Aussagen Frankls in der Darstellung seiner Sinntheorie bereits deutlich gemacht:

„…was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein ‚an sich‘, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück von selber ein.“

 

 

Kann man die Trotzmacht des Geistes messen? Teil 1

Wenn in einer Leid‐, Not‐ oder Krisensituation der Mensch über sich hinaus wächst und sich trotz aller Widrigkeiten überwindet, weil er außerhalb seiner selbst eine Sinnquelle wahrnimmt, die ihm die Möglichkeit bietet, Werte zu verwirklichen, dann zeigt sich in diesem Moment des Gewahrwerdens die individuelle ‚Trotzmacht des Geistes‘.

Diese besondere menschliche Qualität ist nicht gleichzusetzen mit einer ‚erdachten Handlung‘ oder einer ‚gefühlten Empfindung‘, sie ist also kein Element der Psyche, kein Aspekt des Ego. Die Trotzmacht des Geistes kann eher verstanden werden als ‚Moment‐Momentum‘ – einem Augenblick, in dem ein Mensch ‚wie von selbst‘ dazu bewegt wird, seine individuellen und natürlichen psychischen Abwehrmechanismen zu ‚vergessen‘ und sich hinwendet zu etwas Sinnerfülltem, das wesentlicher ist als die eigene Last.

In der Psychologie sind Konzepte bekannt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Viktor Frankl in seiner Sinntheorie begründeten ‚Trotzmacht des Geistes‘ aufweisen.So beschreibt zum Beispiel Aaron Antonovsky in seinem Salutogenesemodell das ‚Kohärenzgefühl‘, mit dem ein Mensch seine Wahrnehmungen und Beurteilungen darüber zum Ausdruck bringt, ob er darauf vertraut, sich den Anforderungen in seinem Leben gewachsen fühlen zu können. Fühlt der Mensch, dass die Ereignisse und Situationen im Leben strukturiert, erklärbar und vorhersehbar sind, dass es für ihn ein ausreichendes Maß an Verstehbarkeit gibt, dann ist eines von drei Aspekten des Kohärenzgefühls bereits gegeben.

Kommt das Gefühl der Handhabbarkeit auch schwieriger Situationen hinzu, mit dem genügend Ressourcen signalisiert werden, um der ‚Welt’ nicht ausgeliefert zu sein und hat er zudem das Gefühl von Bedeutsamkeit der erlebten Situationen, dann besteht für den Menschen ‚Kohärenz‘. Antonovsky sieht dieses Gefühl durch Erfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt und ab
dem 30. Lebensjahr als wenig veränderlich an.

Der Faktor ‚Verstehbarkeit‘ wird positiv beeinflusst durch stimmig erlebte emotionale Zuwendung und sichere Bindungen. ‚Handhabbarkeit‘ wird bewirkt durch der individuellen Entwicklung angemessene Anforderungen, Freiheitsgrade, Förderungen und Experimentiermöglichkeiten.

Der Faktor ‚Bedeutsamkeit‘ wächst durch erlebte Teilhabe, durch das Erfahren von Respekt und Beachtung. Das Salutogenese‐Modell fußt auf einer personalen Einschätzung der Widerstandsmöglichkeiten und Ressourcen, die einem Menschen dazu verhelfen, schwierige Situationen zu meistern. Dazu gehören psychophysische Aspekte wie zum Beispiel genetische oder konstitutionelle Gegebenheiten, Intelligenz, emotionale Stabilität, Selbstwirksamkeit,   Kontrollüberzeugungen, Handlungs‐ und Sozialkompetenzen.

Antonovskys Konzept adressiert die psychische Dimension des Menschen. Die entwickelten Messinstrumente [z.B. unter dem Stichwort ‚Sense of Coherence‘ finden Sie dazu im Web zahlreiche Quellen] beleuchten biografische Zeiträume, die Daten werden aus subjektiver Sicht der jeweiligen Anwender erhoben.