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Krisenprävention mit dem Graves-Modell

Clare W. Graves: „Die Psychologie des reifen menschlichen Wesens ist ein sich entfaltender, schwingender, spiralförmiger Prozess, gekennzeichnet durch die fortschreitende Unterordnung älterer Verhaltenssysteme niederer Ordnung unter neuere Systeme höherer Ordnung, während die existentiellen Probleme eines Individuums sich verändern. Jede der aufeinanderfolgenden Stufen, Wellen oder Seinsebenen ist ein Zustand, den Menschen auf ihrem Weg zu anderen Seinszuständen durchlaufen. Ist der Mensch auf einen bestimmten Seinszustand zentriert, dann besitzt er eine Psychologie, die für diesen Zustand spezifisch ist. Seine Gefühle, Motivationen, ethischen Vorstellungen und Werte, seine Biochemie, der Grad seiner neurologischen Aktivierung, sein Lernsystem, Glaubenssystem, seine Auffassung von geistiger Gesundheit, seine Konzeptionen von und Vorlieben für Management, Erziehung, Wirtschaft sowie politische Theorie und Praxis sind alle diesem Zustand angemessen.“

Warum ist das Modell von Professor Graves für die Krisenprävention aus unserer Sicht so interessant? Was im ersten Lesen vielleicht seltsam klingen mag bedeutet im Kern, dass jeder Mensch in einer ihm spezifischen Weise einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess durchläuft, bei dem sich sein Set an Verhaltensweisen an den existenziellen Fragestellungen seiner aktuellen Lebensphase ausformt – kurz: ‚Der Mensch wächst mit den Aufgaben, die das Leben ihm stellt.‘

Zumeist erfolgt die Bearbeitung von derart bedeutenden Lebensthemen mit einem ausreichenden Maß an Zeit. Ob bei der Berufs- oder Partnerwahl, bei der Frage nach dem passenden Wohnort, bei der Laufbahngestaltung und auch bei einer Vielzahl großer, aber zeitlich großzügig geplanter Veränderungsentscheidungen. Hat ein Mensch Zeit, so kann er durch Reflexion, Dialog oder Beobachtung anderer eine Denkweise entwickeln, die günstig ist, um die eigene existenzielle Fragestellung authentisch beantworten zu können.

Zum ‚Lebensthema‘ kommt dann ein passendes ‚Verarbeitungsschema‘. Wir nennen die gelungene Kombination aus Thema und Schema eine spezifische Meme-Konstellation [theme + scheme = meme]

Mit den Tools, die wir im Krisenpräventionscoaching einsetzen, unterstützen wir unsere Klienten darin, 1. die biografisch vollzogene Entwicklung ihrer bewussten Denkweisen zu reflektieren, 2. die hinsichtlich möglicher künftiger Krisensituationen zu erwartende Denkhaltung zu erfassen und 3. alternative Denkhaltungen für solche Situationen zu entwickeln.

Dabei nutzen wir auch das in der KrisenPraxis an anderer Stelle (Sie können dazu im Suchfeld mit den Schlagwörtern Graves oder Graves-Modell nachschauen) bereits ausführlich vorgestellte Modell von Graves, mit dem er eine Gesamtbetrachtung aller Denkhaltungen [Memes] vorstellt, die die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte bislang ausgeprägt hat.

Das Mem [die Denkhaltung], das die existenzielle Frage des schlichten Überlebens adressiert, markiert quasi den Anfang aller Bewusstheitsebenen. Diese Denkhaltung erleben wir heute in der Regel nur unter dem Einfluss katastrophaler Ereignisse bei gleichzeitig völlig fehlender sozialer Abfederung. Bereits die Bewusstheit, ‚trotz allem‘ eingebunden zu sein, in ein wie auch immer helfendes, schützendes, begleitendes noch so kleines System, stellt eine nächste Mem-Ebene dar. Es folgen eine Reihe weiterer, bis hin zur aktuell weitreichendsten Bewusstheit, in der eine globalholistische Denkhaltung eingenommen wird, bei der die Bedeutung des Eigenen oder des Ganzen zurücktritt gegenüber der Bedeutung des ‚Allem‘.

Wir können die individuell-biografische Meme-Konstellation verstehen als ein Set an Denkhaltungen, das eine Person entwickelt hat, um mit den unterschiedlichsten Anforderungen in Lebenssituationen zurechtzukommen. Jeder Mensch hat eine ihn individuell auszeichnende, dynamisch entwickelte und sich (wenn der Mensch dafür etwas tut) weiter entwickelnde Bewusstheit.

Trifft nun der Mensch mit seiner biografisch begründeten Denkweise durch ein existenzielles Ereignis auf ein ‚Thema’ [theme], bei der die von ihm eingesetzten Verarbeitungs-‚Schemata’ [scheme] nicht greifen und sich als unpassend zur Lösung dieser Situation zeigen, dann verstehen wir diesen Menschen als einen ‚Mensch in Krise‘. Hätte dieser Mensch eine andere Bewusstheit, ein anderes Meme-Bündel verfügbar, so geriet er womöglich nicht in eine Krise, sondern er hätte ‚nur’ ein mehr oder minder kompliziertes Problem.

Die Sensibilisierung für alternative Denkhaltungen und das Erlernen solcher Denkweisen ohne den konkreten Druck eines massiven Belastungsereignisses – jedoch mit bewusstem Zulassen von Gedanken zu potenziellen Lebenskrisen – ermöglicht letztlich eine Vergrößerung des Handlungsspielraums in besonderen Lebenslagen. Dies ist eine der Grundideen der Krisenprävention. Rechtzeitig proaktiv zu reflektieren, mit welchem Denkschema man wohl eine Krisensituation gestalten würde, ist der wichtigste präventive Schritt. Dieser Schritt ist vergleichbar mit der Vorbereitung auf eine Alpenüberquerung. Die Berge (als Sinnbild über für die schwierigen Hindernisse in Form einer Krise) können gemeistert werden, wenn der richtige Rucksack richtig gepackt ist, die persönliche Haltung stimmt und man weiß, womit man überfordert ist oder vermutlich überfordert werden wird. Wer sich mit Badelatschen auf den Weg macht, der wird scheitern – wer das nicht glaubt, der spreche bei Gelegenheit einmal mit der Bergwacht.

Manchmal kann man sich jedoch wirklich an den Kopf fassen. Siehe dazu diesen Beitrag.

Grundidee der Individuellen Krisenprävention

„Wie geht’s?“ „Danke, alles gut, wie immer.“ Bei vielen Menschen läuft der Alltag in festen Bahnen, routiniert, zuweilen eintönig, irgendwie eben ‚wie immer‘. Wird das beschauliche Dasein aber durch die vier großen K, Konflikt, Krankheit, Krise, Katastrophe durcheinandergebracht, dann fühlt sich die erforderliche Anpassung an wie eine Lebensprüfung, von der man weiß, nicht genug für sie zuvor gelernt zu haben. Die Folge: Stress bis zum Abwinken. Und ist die ‚Dekompensationsgrenze‘ überschritten, auf Deutsch: ist das Maß des Erträglichen voll, dann wird einem Menschen meist erst dann bewusst, dass der schwelende Konflikt, der Schmerz, der Selbstzweifel, die Not nicht mehr alleine bewältigt werden kann.

Vielleicht sind es auch äußere Bedingungen, die das Leben belasten, sei es die Unsicherheit bei der Rente, rechte Gewalt, der Krieg in Europa oder andere gesellschaftliche Ereignisse. Manches davon kann so sehr unsicher machen, dass Menschen psychische Auffälligkeiten entwickeln. Oft können schon kleine Maßnahmen wie das berühmte tiefe Durchatmen, die kleine Entspannungsübung, der Sport, Yoga oder Meditation beitragen, einen Situationsstress besser zu handhaben. Manchmal aber reicht das nicht, manchmal ist da mehr als ’nur‘ Stress. Dann braucht es eine andere ‚Coping‘-Strategie, eine andere Art, mit existenziellen Belastungen umzugehen.

Die Kunst, mit Stressoren fertig zu werden, die über das normale Maß hinausgehen und sie so einzusetzen, dass ein erfüllendes, gelingendes Leben wieder möglich wird, braucht einen heilsamen, begleitenden Prozess. Ihn unterstützt in der Regel eine individuell stimmige Psychotherapie, die die Sprachlosigkeit durchbricht und die Dinge in einem geschützten und diskreten Rahmen beim Namen nennt. Ein Ort, in dem sich das Aufgewühlte wieder beruhigen kann und in dem Emotionen, die sonst vielleicht belächelt würden, möglich sind.

Die Erzählungen aus dem unmittelbaren Kontext werden dabei eingebettet in die übergeordnete Lebensgeschichte – schließlich hat und ist jeder Mensch mehr als seine aktuelle Situation und sein aktuelles Verhalten. Interessant sich dann beim Übergang vom ‚Kleinen‘ zum ‚Großen‘ das Gegensätzliche, Gemeinsame, die Unterschiede und Muster. An diesen ‚Kipp-Punkten‘ entstehen oft die möglichen Ansätze hilfreicher Veränderung. Um zu ihnen zu kommen, braucht die Erzählung verschiedene Ebenen. Auf der Oberflächenebene berichtet der Klient das Ereignis, die Details und ermöglicht dem Therapeuten [oder Coach …], sich von der Abfolge, den beteiligten Personen, dem Ort u.a. ein Bild zu machen. Auf der Innenebene beschreibt er, wie er emotional und mental auf das Ereignis reagiert hat, was in ihm vorging, was er dachte, wie er handelte. Und auf der Reflexionsebene schaut er, wie er das Erlebnis einordnet in seine Lebensgeschichte, welche Lösungswege ihm offen stehen, welche Hindernisse sich auftun, was bereits gelang, welcher Lernprozess sich anbietet, wie sich Geschehenes für Zukünftiges nutzen lässt.

Ein oft anzutreffendes Phänomen in Gesprächen mit Klienten ist der ‚Abwärtsvergleich‘. Treten völlig neue Situationen mit persönlich negativem Einfluss ein und weiß die Person dann nicht, ob ihr Empfinden angemessen ist oder nicht, dann sucht sie nach Erzählungen über andere Menschen, die vergleichbare Situationen erlebt haben. Das Ergebnis eines solchen Vergleichs ist oftmals stabilisierend und positiv konnotiert [‚wenn ich mir vorstelle, was diese Person durchgemacht habe, dann hätte es mich selbst ja noch schlimmer treffen können…].

Abwärtsvergleiche sind Bewertungen, die mit der Wirklichkeit, also dem Empfinden der verglichenen Person, nichts zu tun haben müssen. Das Interessante an Abwärtsvergleichen ist daher, dass sie auch dann funktionieren, wenn man sich einen Menschen bloß vorstellt, dem es schlechter geht als einem selbst. Allemal trösten sie also die Person über die eigene Situation hinweg, und oft motivieren sie parallel dazu, ‚sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen‘ [Viktor Frankl].

Was geschieht aber, wenn man in belastender Situation einen Menschen in realer Anwesenheit erlebt, dem es schlechter geht als einem selbst. Von diesen Momenten wird häufig so berichtet, als würde in solchen Situationen das Gewissen der Person eingreifen und nicht zulassen wollen, dass man sich quasi auf ‚Vergleichskosten‘ anderer Menschen besser fühlt.

Wie kann vor diesem Hintergrund nun eine Empfehlung für eine passendere Copingstrategie lauten? Auch hier helfen die Einsichten betroffener Menschen weiter: „Wende dich im konkreten Erleben einer persönlichen Belastung den Menschen zu, die dir in ihrem Verhalten bereits einmal zeigten, dass es trotz einer Leiderfahrung für sie (weiterhin) darum ging, einen Beitrag zu leisten für jemanden, der nicht sie selbst war oder für etwas, das nicht die Person als egoistisches Ziel für sich selbst formuliert haben.“

Warum Krisenprävention so hilfreich ist

Die oben genannten ‚vier großen K‘ sind mehr oder minder lange Zeiträume mit starker emotionaler Aufladung. Angst, Wut, Trauer oder Scham – dazu in den folgenden Tagen mehr – führen in eine psychische Verfassung, die nach Abwehr ruft. Versuche, solchen Situationen mit Weglächeln oder Ignoranz zu begegnen, schlagen meist fehl. Dahinter steht oft der Irrtum, dass man Emotionen unterdrücken sollte, um dem Umfeld eine vermeintliche Schwäche nicht anzuzeigen. Viele Menschen kennen zum Beispiel bei Todesfällen den Umstand, dass man einfach nur noch funktioniert, um allen Anforderungen zum Beispiel von Ämtern zu genügen. Hierfür braucht es zwar wirklich einen kühlen Kopf, dennoch merken viele Menschen schnell, dass sie sich die Zeit für die emotionale Verarbeitung der Situation ebenso nehmen müssen. Das ist auch gut so, denn Emotionen sind weder bloße Begleiterscheinun­gen noch in ihrem Erscheinen verallgemeinerbar. Im Gegenteil, sie sind höchst individuelle Hinweise auf den Belastungsgrad, die Bedeutung des Ereignisses, die Bewertung der Situation und die Nähe der eigenen Person zum Tod [sei es einer Person oder auch einer Aufgabe, von der man Abschied nehmen muss].

Wenn man nun im Rahmen einer (in einer unbelasteten Zeit vorgenommenen) Krisenprävention die eigenen Emotionen erkundet, die bei nicht völlig auszuschließenden zuküntigen Lebenssituationen zu erwarten sind, dann hat man eine Grundlage dafür geschaffen, wie man sich steuern und regulieren kann, sollte eine solche extreme Belastung wirklich eintreten [und jeder Mensch kann sich sicher sein: irgendwann kommt eine solche Situation]. Kommt die Krise unvorbereitet, dann liegt es für die Psyche nahe, einen Abwehrmechanismus zu starten [zum Beispiel Leugnung, Aggressivität, Rationalisierung u.v.a.m.]. Diese Abwehr jedoch lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten – versucht man es dennoch, sind psychische oder psychosomatische Wirkungen zeitnah beobachtbar.

Wer sich jedoch präventiv seiner Emotio­nen klar wird, kann sie im Fall des Falles annehmen, justieren, regulieren und damit leichter aus dem Stimmungstief herauskommen. In einer Krise diese Emotionsarbeit zu leisten ist natürlich ebenso möglich – nur ungleich schwerer, da nun die Verarbeitung des Anlasses und die Klärungsarbeit für den Umgang mit der Situation zusammenkommen. Was Menschen in einer Krise und der mit ihr verbundenen Doppelbelastung oft versuchen ist, dem Ereignis einen Sinn ab­zuringen – ‚für irgendetwas wird es gut sein‘. Dieses sehr menschliche Vorgehen entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Illusion, dass man wohl erst durch die Krise einen Reifungsschritt hat gehen können.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Krisenprävention verhindert keine Krisen. Ihr Beitrag besteht vielmehr darin, den Umgang mit potenziellen Krisen zu verbessern. Durch sie wird es möglich, sich über das Wesentliche bewusst zu werden, über das, was jede Krise überdauern wird – die eigenen Werte [Betonung auf eigene]. Wer sie kennt, setzt klare Prioritäten, entscheidet wertebewusst, bleibt sensibel für die trotz allem auf den Menschen wartenden Sinnangebote.

Krisenprävention kann man nicht delegieren. Wer sie selbstbewusst vollzieht, kann Krisen besser trotzen. Und: Krisenprävention kostet nicht viel an Zeit oder Geld. Sie kostet vorrangig die Überwindung des Glaubens an eine lllusion. Der Illusion, dass Krisen sein müssten, um sich als Person weiterentwickeln zu können.

Lebensthemen und Krisenprävention

Wie stellt sich der Mensch seinen Lebensthemen und kritischen Situationen? Biegt er ‚nur‘ oder bricht er unter seiner Situation? Seit einigen Jahren wird mit dem Begriff der Resilienz die Fähigkeit beschrieben, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen.

Wurde in den 50er-Jahren noch von einem Persönlichkeitsmerkmal ausgegangen, das durch ein Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Einflüssen entsteht, wurde später die Resilienz als Kompetenz verstanden, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen. Bildhaft wird in diesem Zusammenhang seither die Resilienz als Brücke angesehen, die Stress hat, wenn sie unter einem gewissen Druck steht. Sie gerät in Spannung, schwankt, aber hält. Eine Krise würde bedeuten, dass sie einstürzt. Ist sie jedoch resilient, dann biegt sie sich zwar unter dem auf sie ausgeübten Druck, kann diesen jedoch schadenfrei ausgleichen.

Alle diese Definitionen nehmen eine rückwärtsgerichtete Perspektive ein. Gerät ein Mensch in eine ihn überlastende Krise, so mag zwar trefflich analysiert werden, dass die Resilienz den Erfordernissen der Situation wohl nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie der Person unzureichend oder ihre Ressourcen genügten nicht den Anforderungen. Oder es waren die Bedingungen bei gleichzeitig fehlenden Schutzfaktoren, die sich in ihrer Kombination ungünstig zur Krise auswuchsen.

Einen wissenschaftlich fundierten und überprüften Test zur Resilienzmessung gibt es bis heute nicht. Wie auch, ändern sich doch letztlich bei jedem Menschen zuweilen sehr kurzfristig relevante Schutzfaktoren wie zum Beispiel:

▪ Vorbilder und vorgelebte positive Lebensmodelle im persönlichen Umfeld
▪ Gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen und Freunden
▪ Ausgeprägte Selbst- und Fremdwahrnehmung
▪ Eigenverantwortlichkeit in Entscheidungen und Handlungen
▪ Fähigkeit zur Akzeptanz dessen, was ist
▪ Wohlbalancierte Beziehungen
▪ Optimistischer Glaube an die eigene Kraft
▪ Realistische Ziele mit Langzeitperspektive
▪ Plan B mit zweitbesten Zielen
▪ Kenntnis der eigenen Stresskommunikation
▪ Problemlösefähigkeit
▪ Impulskontrolle
▪ Verlassen der Opferrolle
▪ Verantwortungsübernahme
▪ Hoffnung und Zuversicht
▪ Selbstliebe
▪ Körperliche und geistige Vitalität…

Betrachten wir diese Faktoren, die Resilienz entwickeln helfen sollen, so könnten wir schnell annehmen, dass sich ein Mensch in einer Krise wähnt, wenn er ohne diese Faktoren in eine ihn erschütternde Lebenssituation geraten ist. Nur: Wenn diese Faktoren zu Beginn einer Krise nicht zur Verfügung stehen, dann waren sie bereits auch zuvor nicht gegeben. Von einem positiven Lebensmodell ist dann auch ohne Krise wenig zu spüren gewesen oder gute Beziehungen zu vertrauten Menschen waren ohnehin rar oder der Glaube an die eigene Kraft war bereits zuvor einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.

Natürlich ist es einem Menschen zu wünschen, sich gut beschützt zu fühlen. Ist er es nicht und kommt eine Krise hinzu, dann wird aus einer kritischen Lebenslage schnell eine absolute Not. Ist er es, dann ist dies jedoch noch lange kein Garant dafür, eine Situation nicht als Krise zu empfinden.

Aus unserer Sicht bleibt das Resilienzkonzept in seinen bisherigen Entwürfen deshalb noch unzureichend, weil es davon ausgeht, dass etwas einen Menschen resilient macht. Aus dieser Perspektive passt das Bild der Brücke gut, denn je nachdem, mit welcher Qualität, Aufmerksamkeit, Kompetenz, Materialgüte usw. die Brücke gebaut wurde, wird man auf ihre Standhaftigkeit und Lebensdauer schließen können. Ohne, dass also etwas gemacht wird, kann ein Mensch nicht robust genug sein, um sich schweren Lebenssituationen stellen zu können. Ein solches Menschenbild sieht den Menschen im Grundsatz als ‚defizitär‘ an.

Das unser Konzept tragende Verständnis, das den Menschen als frei, verantwortlich und nach Sinn im Leben strebend ansieht, passt so gar nicht zu einem solchen Bild. Und so fragen wir, was sich wohl ändert, wenn wir die individuelle Resilienz nicht an der Summe solcher Einzelfaktoren festmachen, sondern sie im Gegenteil als jedem Menschen per se gegebene Eigenschaft ansehen? Der Mensch ist in diesem Verständnis grundsätzlich ausgestattet, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung einzunehmen, führt zu einer interessanten Herausforderung. Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung wie zum Beispiel eine posttraumatischen Belastungsstörung doch ‚normal‘ sei.

Hierauf erwidern wir, dass es in unserem Verständnis vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes sein individuelles Verhalten eben nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die er antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft. Trotz widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns dabei auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt nicht das verletz- und erkrankbare Psychische die Hauptrolle, sondern das Geistige, das es dem Menschen stets ermöglicht, sich auf den Sinn im Hier und Jetzt auszurichten. Dies gelingt ihm, indem er sich seiner eigenen Werte bewusst wird und mit ihnen im Einklang stehende Entscheidungen und Handlungen trifft. Nicht das eine Person in einer Krise aktuell Verstörende,Traumatisierende, stark Belastende steht im Mittelpunkt, sondern die Klärung des Wertesystems mit ihrem Bezug zu dem, was die Situation sinnvollerweise zu tun anzeigt.

Mit anderen Worten: Der Mensch ist resilient, wenn er seine Werte kennt. Sind sie ihm nicht präsent, dann können sie in einer Krise nicht zur Bewältigung aktiv eingesetzt werden. Die Psyche übernimmt damit das Ruder und versucht mit der Belastung quasi alleine fertig zu werden. Dies führt in brisanten und erschütternden Lebenssituationen zu massiver Überforderung und den bekannten Symptomen wie Angst, Depression, Aggression usw.

Dazu das folgende Schaubild. Es zeigt den Zusammenhang zwischen Belastung und Bewältigungsfähigkeit. Ist die Belastung hoch und hat die Person eine gering entwickelte Fähigkeit, die Situation angemessen zu bewältigen, dann entsteht zum Beispiel Angst. Krisen, die einen Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen, führen zur maximaler Anspannung und negativen psychischen Symptomen. Ist sich die Person dann zudem ihrer Werte nicht bewusst,
entsteht ein Empfinden der völligen Sinnleere, der Resignation und tiefen Hoffnungslosigkeit.

Stellt sich der Krise jedoch eine Werteklarheit in Form deutlicher Selbstbewusstheit gegenüber, dann vermag die Person einen Willen zum Sinn zu formulieren, der sich letztlich in dem zeigt, was Viktor Frankl die ‚Trotzmacht des Geistes‘ nennt. Diese Macht, sich trotz allem von den eigenen Werten gestützt zu fühlen, ist stets stärker als der ‚normale‘ Versuch der Psyche, sich in einer nicht normalen Lebenslage auf- oder abzugeben. Das ist auch gut so, denn …

… jeder Mensch muss sich selbst ‚be-sinn-en‘. Andere Menschen können diesen Prozess zwar positiv beeinflussen, die Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch selbst finden und geben. Wäre das anders, dann könnten moralische Appelle ‚wie jemand zu sein habe‘ als Sinnangebote verpackt werden und letztlich einen Menschen komplett fremdbestimmen.

Dass wir solche Angebote kennen, sei es durch Botschaften aus der Werbung, der Mode, von Sekten oder sektiererischen Gruppierungen, aber auch in Unternehmen, in denen mit materiellen Verlockungen Pseudo-Sinn ‚gestiftet‘ wird, ändert nichts am Faktum: So wie Durst der ‚Beweis‘ für die Existenz von so etwas wie Wasser ist, so ist das Sinnlosigkeitsgefühl ein Beweis für den stets gegebenen Sinn.

Die Ortung des Sinns übernimmt der menschliche Sinnkompass, das Gewissen. Es ist nicht gleichzusetzen mit einem anerzogenen oder kulturell beeinflussten ethischen Bewusstsein. Vielmehr steht das Gewissen noch vor reflektierter Moral. Als Geistiges ist das Gewissen bereits da, bevor der Mensch seinen Verstand einschaltet. Jedoch – und dies erleben wir in unserer Arbeit immer wieder – versperrt der Verstand zuweilen vehement den Zugang zum geistig Sinnvollen. Dann blockieren bestimmte eingebrannte Denksätze, vermeintliches Erfahrungswissen oder eben die schon genannten Pseudo-Sinnangebote die Tür zum Sinn.

Krisen – so zeigt die Erfahrung – sind oftmals durch diese Blockaden gekennzeichnet. Der Denksatz: ‚Es wird schon irgendwie gut gehen‘, kann ein solcher Satz sein, der Sicherheit vorgaukelt und dem Menschen ein nicht zu haltendes Versprechen gibt. Verliert ein Mensch in einer Krise dann ‚Sinn‘, dann bedeutet dies nicht, dass es keinen mehr gibt, sondern lediglich, dass die Möglichkeiten der Sinnverwirklichung unter dem Einfluss der Krise nicht mehr erkannt werden. Beginnt nun die Sinnsuche, dann startet das ‚Entdecken einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit‘ [Frankl]. Dass Menschen sich in Krisen aufmachen, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu verleihen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es ihn gibt, jederzeit und eben auch in Krisen. Neben dem Bewusstsein, das erkennt, was ist, erkundet das Gewissen das, was sein soll. Das, was jetzt trotz allem zu verwirklichen ist.

Das Gewissen zeigt also die wertvollen Möglichkeiten auf, die trotz einer Krise auf Verwirklichung warten. Es ist die ‚Resilienzstruktur‘, auf die nur ein Mensch ‚wieder hin zu springen‘ [resalio] befähigt ist. Doch für diesen Sprung bedarf es eines gewissen Trainings. Bleibt das Gewissen untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich ‚verirren‘. Er hat dann keine Gewissheit, wie es weitergehen kann.

Wie wichtig es ist, sich den Blick auf den Sinn im eigenen Leben auch in Krisen nicht zu verstellen oder verstellen zu lassen, zeigen auch die Forschungsergebnisse zur sogenannten Kontrollüberzeugung. So ist heute bekannt, dass Menschen, die der Ansicht sind, äußere Faktoren würden den Verlauf der Lebensgeschichte stärker beeinflussen als die eigenen Einstellungen und Haltungen, in Krisen deutlich öfter Symptome wie Angst und Depression zeigen. Ist der
Mensch jedoch davon überzeugt, dass er – auch wenn er Hilfe anderer bedarf – grundsätzlich selbst das Heft des Handelns in seiner Hand hat, dann wirkt dies deutlich stressmindernd. Die Krise wird ernstgenommen, in ihrer Bedrohlichkeit jedoch herabgestuft – die Person empfindet die Brisanz und doch übernimmt sie Verantwortung.

So empfiehlt sich eine Individuelle Krisenprävention, um gerüstet zu sein für Bedingungen, die einem suggerieren, es gäbe keinen Sinn mehr – für einen solchen Prozess schauen wir in der Logotherapie oder im Sinncoachig auf zwei Faktoren: Die Klärung der individuellen Werte und die Stärkung der individuellen Weltoffenheit. Sind Klärung und Stärkung vollzogen, ist der Prozess der Individuellen Krisenprävention beendet.