Kategorie-Archiv: Krisenauslöser

Coronale Intuition

‚Das sagt mir mein Bauchgefühl‘, ‚irgendetwas stimmt da nicht‘, ‚ich habe einfach gespürt, dass ich das so machen sollte‘ – auf solche Art und Weise meldet sich der orbitofrontale Cortex im Stirnlappen beim Mensch, oder kurz: die Intuition.

Sie ist die Fähigkeit, ohne logisch schlussfolgernden Gebrauch des Verstandes zu Einsichten und subjektiv stimmigen Entscheidungen zu gelangen. Als unbewusstes Wissen, das sich sehr schnell den Weg ins Bewusstsein bahnt, steuert die Intuition menschliches Verhalten. Zugrunde liegen meist einfache Prinzipien, Faustregeln oder eine Art innere Statistik – im Impfkontext folgenden Gegner der Prozedur allzu oft der Wiedererkennung von Entscheidungsmustern in ihrer sozialen Blase. Gibt es im Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen, die sich in gleicher Weise verhalten, dann ‚muss da ja etwas dran sein‘ oder ‚ein Fünkchen Wahrheit wird schon dran sein, dass Impfen schlecht ist‘. Eine andere Faustregel ist das Namenserkennungsprinzip. ‚Nur, was der Bauer kennt, isst er‘, so der Volksmund und so entscheiden viele Menschen intuitiv das, was sie eben kennen. Und wenn sie jemanden kennen, der etwas nicht kennt, aber in seiner Unkenntnis dennoch entscheidet, dann folgen Menschen diesem häufig eher als sich vorzubehalten, zuerst jemanden kennenlernen zu wollen, der sich Kenntnis aufgebaut hat und danach auch entscheidet. Und so, wie Millionen dann die Primärkompetenz eines Fußballtrainers anzweifeln, so zweifeln dann auch Millionen die Kompetenz von Virologen an.

Intuition ohne Selbstzweifel bezüglich dieses Nichtwissens führt zwar zu schnelleren Entscheidungen, oft aber eben auch zu Fehlentscheidungen, zu schlichter Dummheit oder im Impfkontext eben auch zuweilen zum Tod.

Die Intuition in existenziellen Fragen aktiv austricksen zu können und zum Beispiel nicht dem Gespür nach eine Beziehung einzugehen, Aktien zu kaufen, eine Führungsrolle anzunehmen oder ein neues Medikament einzunehmen oder abzulehnen, ist trainierbar. Dabei soll die Intuition nicht abtrainiert werden, denn in vielen Alltagssituationen, die mit begrenztem Verstand und begrenzter Zeit zu gestalten sind, ist sie ausgesprochen hilfreich. Sich zu verlieben sollte durchaus der Intuition vorbehalten bleiben, wenn es aber um die Frage geht, ob und mit wem eine Familie gegründet werden soll, dann ist der mentale Sprung in den Verstand eher die Methode der Wahl – es sei denn, man fordert das Glück heraus.

In einer hochkomplex gewordenen Welt nur auf die Intuition zu setzen, erscheint daher waghalsig, naiv und gefährlich. Nur auf die Karte des Verstandes zu setzen, erscheint aussichtslos, anstrengend und unspontan. Man muss also lernen, wann man sich auf seinen sechsten Sinn verlassen kann, und wann man besser [länger, perspektivenreicher und außerhalb der eigenen sozialen Blase] nachdenkt. Denn: Am besten sind intuitive Entscheidungen dann, wenn man in einem Themenfeld viele Erfahrungen gesammelt hat. Beim Autofahren zum Beispiel, selten aber beim Thema Impfen, um das aktuelle Lieblingsthema vieler Deutschen noch einmal aufzugreifen.

Dass es mit der Intuition dann irgendwann auch einmal vorbei ist, zeigt die Bereitschaft von vielen, sich impfen zu lassen, weil durch 2G-Regeln der Sozialkontakt erheblich begrenzt wird. Wenn dann der Verstand doch noch eingreift und entscheidet, dass es wohl schlauer ist, mit seinem Leben etwas Sinnvolleres anzufangen als zu Hause zu hocken und ungeimpft auf einen Freedom-Day zu warten, der womöglich deshalb noch Jahre auf sich warten lässt, eben weil die Fraktion der ‚intuitiv Unwissenden‘ ihrem Verstand keine Chance gibt. Ich persönlich habe [noch] Vertrauen, dass die  Größe dieser Fraktion kontinuierlich dahinschmilzt. Damit diese Schmelze etwas zügiger verläuft, dafür könnte 2G-überall dienlich sein …

Das Schema coachen

Im Feld der Psychotherapie nimmt die Schematherapie einen zunehmenden Stellenwert ein. Anfang der 90er Jahren von Jeffrey Young als Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie konzipiert, leistet sie einen Beitrag dafür, Menschen zu helfen, in der Kindheit entstandene, unbefriedigte Grundbedürfnisse als Auslöser ihrer aktuellen Depression zu erkennen. Grundbedürfnisverletzungen werden dabei als ’negative emotionale Schemata‘ angelegt, die dann automatisierte Bewältigungsreaktionen bewirken, die ihrerseits – sofern sie nicht zu angemessenen Reaktionen entwickelt werden – auch im Erwachsenenleben weiterhin aktiv bleiben und unvernünftige Verhaltensweisen hervorbringen.

Da sich solche Verhaltensweisen auch im Berufsleben als Hindernis erweisen können, wurde das Wissen der schematherapeutische Grundlagen auch in einigen Ausbildungsprogrammen des Business Coachings aufgenommen. Im Coaching erhalten wir immer wieder als Auslöser für den Beginn einer Zusammenarbeit einen Mangel an Anerkennung, an Selbstüberforderung oder an Verdruss und Selbstzweifel im Job dargestellt. Stellen wir diese Empfindungen in einen biografischen Kontext so zeigt sich oftmals eine gewisse Analogie zur Kindheit. Liebe gegen Leistung, übervolle Kalender des Schülers, Mobbing in der Schulklasse, freudeloses Lernen oder Angst des Versagens – was hier ein Kind zu ‚managen‘ hat, geht ein in seine Interpretation dessen, was als ’normal‘ angesehen wird. Und dieses ‚Normale‘ hat keine Chance entlernt zu werden, sondern geht später über in die Interpretation von ‚Berufswelt‘.

Wir kombinieren in unserer Begleitung von Führungskräften das Schemacoaching mit den Erkenntnissen der Sinnlehre von Viktor Frankl. Dies indem wir die Schemaaktivierungen und automatisierten Bewältigungsreaktionen explorieren und dann aufbauend auf diesen kognitiven Erklärungen mit dem Klienten an der biografischen Entwicklung und Weiterentwicklungsmöglichkeit seiner Werte arbeiten. Da wir unbefriedigte Bedürfnisse des Kindes auch als Wertekonflikte verstehen können, die das Kind in seinem Umfeld hat aushalten müssen, so können Klienten diese Konflikte eingedenk ihrer weiteren Biografie, ihres erweiterten Rollenspektrums und ihrer aufgebauten Lebenserfahrung konstruktiv lösen, indem sie auf die Werte schauen, die sie trotz dieses erlebten Mangels in ihrem Leben verwirklicht haben und – darüber hinaus – welche sie künftig verwirklichen wollen.

Neurobiologisch ist ein Verhaltensschema ein Verband von Nerven­zellen. Dieser Verband wird durch Reise getriggert, das Schema wird aktiviert und die Person fühlt ihre Situation wie ‚einst als Kind‘. Die dabei entstehenden Emotionen können dabei ähnlich stark sein wie ‚damals‘ – für das Umfeld des Erwachsenen jedoch sind diese Emotionen unerklärlich [nicht selten sogar für den Betroffenen selbst]. Ist nun der Zusammenhang zwischen dem Aktualverhalten und dem einstigen Mangel an Bedürfnisbefriedigung hergestellt, wird im zweiten Schritt das Bündel seinerzeit der verletzten Werte herausgearbeitet und Wege besprochen, diese Werte zu revitalisieren und künftig vor Verletzungen zu schützen.

Die Aufgabe des logotherapeutisch-schemafokussierten Coachings besteht demnach darin, den Klienten zu stärken, die Aktivierung der Antreiberseite [Reaktionsverhalten] zu regulieren und sich die Aktivierung desjenigen Teils seines Wertesystems zu erlauben, das unter dem Einfluss des Schemas blockiert wurde.

Mit diesem Arbeitskonzept wird die Sinnlehre Viktor Frankls vollumfänglich integriert. Sein Menschenbild geht u.a. davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, sich gegenüber dem zu distanzieren, was in der Schematherapie eben ‚Schema‘ genannt wird. Diese Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ist nach Frankl notwendige Voraussetzung menschlicher Freiheit.

Frankl hat die Selbstdistanzierung einmal mit einer gerne von ihm erzählten Anekdote beschrieben:
Während des Ersten Weltkrieges saß ein jüdischer Militärarzt mit einem Oberst im Schützengraben, als ein heftiges Feuer einsetzte. Ihn hänselnd fragte der Oberst: „Jetzt haben Sie aber Angst, nicht wahr? Da sieht man wieder einmal, wie sehr die arische Rasse der semitischen überlegen ist.“ Worauf der Militärarzt antwortete: „Sicher habe ich Angst. Aber warum sprechen Sie von der Überlegenheit der einen Spezies gegenüber der anderen? Wenn Sie so viel Angst hätten wie ich, wären Sie vielleicht schon längst auf und davon gelaufen.“

Viele Deutsche sind hirnkrank

Immer mehr psychische Störungsbilder werden heutzutage medikamentös behandelt. Viele Deutsche sind offenbar hirnkrank und das schon in jungen Jahren. So meldete in diesem Jahr die KHH einen Zuwachs an behandlungsbedürftigen Essstörungen bei Jugendlichen von 60%, Angststörungen 45%, Burnout 55%, Anpassungsstörungen 72%, Depressionen 97%. Als Auslöser wurde dabei insbesondere die Pandemie ausgemacht. Greift man auf die Daten von Studien anderer Krankenkassen zu, dann ist das Phänomen stark steigender psychischer Erkrankungen bereits jahrelang ein gesellschaftliches Problem – und damit auch das Etikett einer erschöpften, kranken Gesellschaft. Die Frage muss erlaubt sein, ob diese Inflation der Diagnosen und der mit ihnen verbundenen Krankschreibungen und Medikationen gerechtfertigt ist? Denn im Kern bedeutet die Diagnose einer psychischen Erkrankung die Diagnose einer Erkrankung des Gehirns. Ist Deutschland ein Staat mit millionenfach gehirnerkrankter Personen? Oder ist Deutschland nicht einfach ein Staat, in dem die Menschen sehr viel Zeit haben, um sich über ihr Leben Gedanken zu machen oder um zu fühlen, wie es um sie ihre Lebenswelt bestellt ist?  Nur zwei Beispiele: Der Begriff Quarterlife Crisis, der zu verstehen gibt, dass der Übergang von Schule oder Studium ins Berufsleben von Jugendlichen als unsicher empfunden wird, ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein entwicklungspsychologisch völlig ’normaler‘ Suchprozess zu einer Krise heraufstilisiert wird. Dabei könnte man doch auch argumentieren, dass die Vielheit beruflicher Möglichkeiten gerade eine ausgiebigere Suche nach dem, was einen Menschen viele Jahre lang erfreuen soll, unbedingt rechtfertigt. Und das Finden dauert, braucht Geduld, ist manchmal nervig, braucht zuweilen einen Blick von Außen – sicher aber nicht eine Diagnose Depression, Angststörung oder Ähnliches.

Eine andere zweifelhafte ‚Erkrankung‘ ist die Aufmerksamkeitsstörung des Kindes. Wer historisch nachblättert, der sieht, dass in der Nachkriegszeit der ‚Zappelphilipp‘  noch als ‚minimal brain damage‘ deklariert wurde. Weil das dann doch etwas arg radikal klang, wurde das Phänomen der kindlichen Unruhe zu einem ‚minimal brain disorder‘ umgemünzt, bis es dann Ende der 80er Jahre als eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung deklariert wurde. Eigentlich sollte man nun erwarten, dass es cerebrale Strukturunterschiede zwischen ADHS-Menschen und ‚Gesunden‘ gibt. Aber – zu dumm – in einer im Lancet veröffentlichten Studie wurden Datensätze kommuniziert, die nicht zulassen, ADHS als eine Störung des Gehirns anzusehen.

Die Liste der sogenannten ‚Gehirnerkrankungen‘ ist lang, ebenso schnell ist zuweilen deren Diagnose. Das ist fatal, denn in einer komplexen und komplizierten Welt sollte zuerst davon auszugehen sein, dass es multifaktorielle Ursachen dafür gibt, dass der eine Mensch Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster zeigt, die er als subjektiv leidvoll empfindet, während dies ein anderer Mensch in vergleichbarer Situation nicht tut. Wer hier einfach mit gesellschaftlichen und statistischen Normen agiert, kann dem Patienten zu dem verhelfen, was bereits Viktor Frankl in Anbetracht vielfältiger ‚Diagnosen‘ seiner Kollegen vor fast hundert Jahren kritisierte: zu einer iatrogenen Neurose.

Krisenprävention durch Verstehen der Bedürfnisse anderer Menschen

Als Krisentherapeuten streben wir es in unserer Augsburger Praxis täglich an, andere Menschen in die Lage zu versetzen, ein gelingendes Leben zu führen und ihre Persönlichkeit dafür weiter zu entwickeln. Ein wichtiger Aspekt dabei ist es, Hilfestellung zu geben, mit Konflikten, Irritationen und Missverständnissen angemessen umzugehen. Und dabei wiederum spielt es eine Rolle, zu lernen, menschliche Bedürfnisse zu entschlüsseln, dazu die Sprache des anderen zu verstehen und letztlich bessere Beziehungen zu schaffen. Mit dem Prozesskommunikationsmodell [PCM] nutzen wir dazu ein Instrument zur deutlichen Verbesserung der zwischenmenschlichen Kommunikations- und Lebensqualität – und zur Konflikt- und Krisenprävention!

Lebensfallen IV

Fortsetzung

  1. Wenn das Schema ‚Streben nach Zustimmung und Beachtung‘ aktiv ist, dann sucht ein Mensch in übertriebenem Maße nach Anerkennung, Wertschätzung oder Aufmerksamkeit anderer oder er orientiert sich deutlich an den Bedürfnissen anderer als sich an seinen eigentlichen Werten und Gefühlen zu orientieren.
  1. Im aktiven Schema der ‚emotionalen Gehemmtheit‘ unterdrückt ein Mensch spontane Gefühlsregungen, Handlungsimpulse oder Meinungsäußerungen, da er unbedingt  vermeiden will, sich abgelehnt zu fühlen oder weil er sich für etwas schämt.
  1. Ein häufiges aktives Schema zeigt sich in ‚Unerbittlichen Standards‘, bei dem ein Mensch die innere Überzeugung hat, sich ständig bemühen zu müssen, um seinen sehr hohen Ansprüchen an sein Verhalten und seine Leistungen zu genügen – auch aus der irrationalen Angst, sich andernfalls harter Kritik anderer stellen zu müssen.
  1. Im Schema ‚Negativität / Pessimismus‘ überwiegt in den tiefen Überzeugungen eines Menschen der Gedanke, dass im Leben nur mit Nachteilen jedweder Art zu rechnen ist.
  1. Ist das letzte der bisher erforschten Schemata aktiv, das Schema ‚Strafneigung‘, dann ist der Mensch davon tief überzeugt, dass hart bestraft gehört, wer Fehler macht.

Sie möchten mehr erfahren über die Schematherapie? Dann können Sie sich hier informieren.

Lebensfallen III

Fortsetzung

  1. Es wird unausweichlich Schlimmes oder Katastrophales geschehen – davon ist ein Mensch mit einem aktivierten Schema ‚Anfälligkeit für Schädigungen oder Krankheiten‘ überzeugt. Sein Leben ist durch diese Angst bestimmt.
  1. Beim aktiven Schema ‚Verstrickung‘ verliert sich ein Mensch in der Nähe zu einer oder wenigen anderen Personen und entwickelt keine eigenen sozialen Kontakte oder  Interessen.
  1. Anders ein Mensch, dessen aktiviertes Schema ‚Grandiosität‘ als Lebensfalle fungiert: Dieser Mensch ist zutiefst davon überzeugt, dass er überwältigend besser als andere oder etwas ganz Besonderes ist oder dass er mehr Rechte beanspruchen kann als andere.
  1. Wenn das Schema ‚Undiszipliniertheit‘ aktiv ist, vermag sich ein Mensch im Verhalten nur unzureichend zu steuern, was sich dadurch zeigt, dass er seine Gefühle und Impulse in extremer Weise ausdrückt oder eine sehr geringe Frustrationstoleranz zeigt, oft gekoppelt mit einem Verhalten, sich hängenzulassen und jegliche Anstrengung bei seinen Aufgaben zu vermeiden.
  1. ‚Unterwerfung‘ als aktives Schema zeigt sich darin, dass ein Mensch zulässt, andere über ihn bestimmen zu lassen, da er negative Konsequenzen befürchtet, wenn er dies nicht tut.
  1. Neigt ein Mensch hingegen in alltäglichen Situationen in übersteigendem Maße dazu, den Bedürfnissen anderer Menschen zu entsprechen und damit seine eigene Lebenszufriedenheit einzubüßen, dann kann dies auf ein aktives Schema ‚Selbstaufopferung‘ hinweisen.

Wird fortgesetzt

Lebensfallen II

Fortsetzung:

  1. Im aktivierten Schema ‚Unzulänglichkeit‘ empfindet der Mensch wichtige Aspekte seines Lebens als verkorkst, wertlos, sinnentleert oder sich selbst als wert- oder nutzlos.
  1. Das Schema ‚Unattraktivität‘ zeigt sich dem Menschen als Gefühl, sich von niemandem als Freund oder Partner angenommen zu werden, sich als hässlich oder sexuell nicht für andere anziehend zu fühlen oder in der Ansicht, nicht dem richtigen Milieu oder der richtigen Schicht anzugehören.
  1. Ist das Schema ‚Erfolglosigkeit/Versagen‘ aktiv, dann hat der Mensch die Überzeugung, in jedem Fall bei seiner schulischen, beruflichen oder auch sportlichen Leistungserbringung zu versagen oder zu scheitern.
  1. Etwas anders verhält sich ein Mensch im aktivierten Schema ‚Abhängigkeit / Inkompetenz‘. Hier ist er davon überzeugt, dass er seinen Alltag nur dann bewältigen kann, wenn er von anderen intensiv unterstützt wird. Seine Selbstwirksamkeit empfindet er äußerst eingeschränkt.

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Lebensfallen I

Was wäre der Mensch ohne die faszinierenden Leistungen seiner Psyche? Häufig gerät sie in Misskredit, wenn sie in den Kontext von Erkrankung, Störung oder Belastung gerückt wird und dort verbleibt. Sieht man sie als einen Schatz an, der den Menschen darin unterstützt, sein Erleben zu verarbeiten, Gedanken und Gefühle zur Selbststeuerung einzusetzen, Erinnerungen zum Erhalt seiner Identität zu bewahren und Handlungen zur Gestaltung seiner Gegenwart und für seine Zukunft zu vollziehen, dann wird ihre Bedeutung umfänglicher deutlich.

In der Psychotherapie wird die Psyche dann besonders ‚auffällig‘, wenn Menschen ihr Verhalten und ihre Handlungen entlang früherer Bewältigungen schwieriger Situationen steuern und diese damaligen ‚Strategien‘ selbst dann als ‚Methode der persönlichen Wahl‘ [unbewusst] einsetzen, wenn sich diese als nicht hilfreich erweisen. Mangels Alternative greift die Psyche dann zurück auf ein solches ‚Schema‘ – immer und immer wieder – bis der Mensch selbst oder aufgrund von  Reaktionen seines Umfeldes bemerkt, dass ‚da etwas nicht stimmt‘. In einem solchen Moment ist es zweckvoll, das individuelle Schema herauszuarbeiten und nachzuschauen, wofür es gut wäre, einen anderen Weg für den Umgang mit der aktuellen Lebenssituation einzuschlagen. Bleibt das ‚Schema‘ jedoch weiterhin ‚führend‘, so kann sich daraus eine Art ‚Lebensfalle‘ entwickeln, die den Menschen immer wieder ins Straucheln bringt.

Die Lebensfallen:

  1. Die Falle ‚Emotionale Entbehrung‘ schnappt zu, wenn ein Mensch die Einstellung entwickelt, dass andere Menschen sein Bedürfnis nach emotionalem Rückhalt, Respekt, Mitgefühl oder Aufmerksamkeit nie wirklich erfüllen werden.
  1. Bei der Falle ‚Verlassenheit‘ aktiviert ein Mensch die frühere Erfahrung, dass andere Menschen sein Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit oder Verlässlichkeit nicht befriedigt haben und er nun das Gefühl haben muss, allein mit allen Gefahren des Lebens dazustehen, ohne Sicherheit, emotionalen Rückhalt, Stärke oder Schutz.
  1. Auch die Falle ‚Misstrauen / Missbrauch‘ deutet auf widrige Erlebnisse in der Vergangenheit hin. Hier hat der Mensch die Erwartung, dass andere Menschen auch heute ihn anlügen, ihn seelisch verletzen oder ihm Gewalt antun, ihn beschämen, demütigen oder ausnutzen werden.
  1. Bei der Falle ’soziale Isolation‘ hingegen hat er das Empfinden, nirgendwo integriert zu sein oder dazuzugehören. Das Gefühl, anders als andere zu sein, führt auch heute wieder zu einer Art ‚Entfremdung‘ von seine Umfeld.

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Corona-Blog: Was von Corona ist wirklich Krise?

Erinnern wir die Definition von Individual-Krise: „Krise ist ein belastender, temporärer, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offener Veränderungsprozess der Person, der gekennzeichnet ist durch eine Unterbrechung der Kon­tinuität des Erlebens und Handelns, durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels und durch ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern.“ [eng angelehnt an Bernd Ulich, Psychologie-Professor der Universität Augsburg]

Und nun haben wir ein Mega-Ereignis, das Virus. Rein sprachlich haben wir also keine Corona-Krise, sondern einen erforderlichen ‚Umgang mit einem Ereignis‘, der – würde er wirklich nicht geleistet werden können – bei Menschen eine Krise auslösen kann.

Ich will nun entlang meiner Wahrnehmungen nach vielen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen und ihren Situationen in den vergangenen zwei Wochen ein wenig genauer schauen:

  • Das Ereignis ist belastend.
    Hier zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Für eine Reihe der Menschen war das Leben vor Corona bereits belastend. Das Virus hat es für einen Anteil dieser Menschen weiter erschwert, für einige aber sogar auch erleichtert, weil sich nun Lebensthemen gewidmet werden kann, die zuvor zu kurz kamen. Nach dem Guten im Schlechten zu schauen, fällt womöglich nicht leicht, lohnt aber dennoch!
  • Das Ereignis ist temporär. Sicher, auch dieses Virus grassiert über einen endlichen Zeitraum. Soviel ist sicher. Aber niemand kann zur Zeit sagen, wie lange es dauert, bis das Ende in Sicht ist. Und worin die Kriterien genau bestehen, von einem Ende sprechen zu können. Diese Unsicherheit führt bei vielen Menschen [und Systemen] zur massiven [Stress-]Belastung. Wo stehen wir im Prozess, wohin geht die Reise, wie geht es weiter? Wir könnten also statt von Corona-Krise wohl eher von Planungskrise sprechen. Und wenn wir das tun, dann kann sich jeder fragen, was er früher tat, wenn eine Planung nicht realisiert werden konnte?
  • Das Ereignis ist in seinem Verlauf und in seinen Folgen ein offener Veränderungsprozess der Person. Bei diesem Kriterium finde ich nichts, was gegen es spricht. Meine Gesprächspartner formulierten dies zum Beispiel so: ‚Ich stehe im Moment im Dunkeln, wo mich das alles hinführt‘; ‚ich habe damals, 2001, das ‚9/11′ aus beruflichen Gründen vor Ort miterlebt, aber das jetzt ist noch einmal eine ganz andere Dimension für mich, denn die kollektive Betroffenheit an sich aller Menschen weltweit ist ein Phänomen, das ich noch bisher nicht kannte. Weil es aber alle betrifft, ist es irgendwie auch leichter‘, ‚ändern kann ich es nicht, nur das Beste draus machen – im Moment suche ich noch nach dem Besten’…
  • Das Ereignis ist gekennzeichnet durch eine Unterbrechung der Kon­tinuität des Erlebens und Handelns. Hier wiederum gibt es von Mensch zu Mensch kaum Unterschiede, es sei denn man lebt unter sehr stabilen Bedingungen [die stabilsten finden sich derzeit wohl im Gefängnis].
  • Das Ereignis zeichnet sich durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation aus. Im Kreis meiner Gesprächspartner gab es niemanden, der nicht hinreichend viel zu tun hatte und hat, um seine Tagesaufgaben neu zu justieren [hier sei im übrigen empfohlen, sich bestimmte, seien es noch so ‚kleine‘ Rituale trotz aller Unterschiede aufrecht zu erhalten, zum Beispiel, dass man sich so anzieht, als würde man ins Büro fahren, auch wenn man gleich im Home-Office sitzt]. Als am häufigsten genanntes ‚Problem‘ sind dabei die Kinder, die den Tag lebendigst durcheinander wirbeln. Aber kennen Menschen diese ‚Störungen‘ im täglichen Handeln nicht auch aus anderen Lebenslagen? Ich selbst kenne das Phänomen aus den Zeiten einer unerwarteten Auftragsflut oder aus der Zeit der Unterstützung meiner Mutter im 600km entfernten Pflegeheim.
  • Das Ereignis destabilisiert im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels. Ja, der emotionale Bereich kann durch die medizinisch-politischen Rahmenbedingungen in der Tat mächtig unter Druck geraten. Das Spektrum reicht dabei von einer Zunahme- oder Verstärkung von Angst-, Zwangs-, Depressions- und Suchtstörungen, über Probleme mit der Selbstkontrolle [Aggressivität, Lethargie …] bis hin zu kriminellem Verhalten [erste Fälle von Anspucken anderer Personen, Wohnungspartys bei bewusster Infektion – man erinnere ähnliche Verhaltensweisen von seinerzeit AIDS-Infizierten].
    Jedoch, und das lässt mich dafür plädieren, die aktuelle Situation individuell nicht als Krise, sondern als äußerst komplexes und [über]forderndes Problem zu benennen: Dass Menschen an ihrem Selbst, an ihren Werten und Grundüberzeugungen eingedenk von Corona zweifeln, habe ich bisher nicht wahrgenommen. Die virusbedingte Extrembelastung gibt wirklich wenig Grund dafür, sich eine Schuld, eine Verfehlung, ein Versäumnis zuzuschreiben – eine Zuschreibung also, in der man sich fragt, ob man selbst noch einen guten Grund dafür hat, seinen Werten entsprechend zu leben. Wenn Corona als solches also nicht dafür herangezogen werden kann, von Krise zu sprechen, dann darf nicht übersehen werden, dass sehr wohl aber der Umgang mit den Bedingungen zu einer Krise führen kann. Wer sich zum Beispiel von morgens bis abends von den medialen Ergüssen berieseln lässt, der schafft weder das Problem aus der Welt, noch etwas in die Welt. Die Folge ist letztlich der Selbstzweifel a là ‚es ist ja alles so schlimm, ich kann selbst gar nichts ausrichten‘. Erst, wer sich diesen Gedankenstrudel zu eigen macht, läuft Gefahr, in eine Individualkrise zu gelangen. Um in diese Gefahr zu kommen, braucht es aber nicht ein Virus, sondern die Unkenntnis der eigenen Werte [hierüber, insb. wie man die eigenen Werte erkennt, wurde in der Krisenpraxis bereits an vielen Stellen berichtet].
  • Das Ereignis erfordert ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern. Aktuell wird besonders die Ressource Geld thematisiert. Klar, wenn einer Person die finanzielle Puste ausgeht, dann kommen Ängste aller Art hoch – in den allermeisten Fällen jedoch fangen die verschiedenen Schutzschilde den Einzelnen auf, zumindest in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern. Das allein ist fraglos zu kurz gesprungen, denn in unserem globalen Dorf verdienen viele Menschen einen Teil ihres Geldes über ihre Unternehmen und Organisationen mit Partnern, deren Volkswirtschaften deutlich stärker durch die aktuellen Bedingungen in die Knie gehen werden. Oder sie arbeiten in einer selbständigen oder freiberuflichen Tätigkeit, in der sie ohne nennenswerte Rücklagen für solche Notsituationen bei längerem Auftragsausfall an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten stoßen. Das wiederum wird dazu führen, dass Corona [es hätte auch jedes andere Mega-Ereignis können] auch in Deutschland trotz Ausschöpfen aller [Einspar-]Quellen zu einer höheren Arbeitslosigkeit und Insolvenzquote führen wird.
    Weiter gedacht erscheint dann jedoch aus unserer psychologischen Perspektive das eigentliche Problem am Horizont, das sich zu einer individuellen Krise auswachsen könnte, würde daran nicht gearbeitet: „Das Bedrückende ist nicht die Arbeitslosigkeit an sich, sondern das Sinnlosigkeitsgefühl. Der Mensch lebt nicht von der Arbeitslosenunterstützung allein.“ [Viktor Frankl]
    Womit wir beim zentralen Thema der Sinntheorie Viktor Frankls sind. Weiß der Mensch um seine wesentliche Ressource, seine Werte, dann findet sich ein Ausweg aus der empfundenen Sinnlosigkeit. Dann findet sich eine Antwort auf die Frage: Wozu ruft mich die jetzige Situation auf? Worum hat es mir jetzt zu gehen? Wer seinem Leben auf diese Fragen antworten kann, findet wieder Anschluss – vielleicht nicht gerade und genau da, wo man zuvor stand, aber doch robust genug, um sich bei aller Veränderung nicht zu verfehlen.