Kategorie-Archiv: Krisenauslöser

Corona-Blog: Was von Corona ist wirklich Krise?

Erinnern wir die Definition von Individual-Krise: „Krise ist ein belastender, temporärer, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offener Veränderungsprozess der Person, der gekennzeichnet ist durch eine Unterbrechung der Kon­tinuität des Erlebens und Handelns, durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels und durch ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern.“ [eng angelehnt an Bernd Ulich, Psychologie-Professor der Universität Augsburg]

Und nun haben wir ein Mega-Ereignis, das Virus. Rein sprachlich haben wir also keine Corona-Krise, sondern einen erforderlichen ‚Umgang mit einem Ereignis‘, der – würde er wirklich nicht geleistet werden können – bei Menschen eine Krise auslösen kann.

Ich will nun entlang meiner Wahrnehmungen nach vielen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen und ihren Situationen in den vergangenen zwei Wochen ein wenig genauer schauen:

  • Das Ereignis ist belastend.
    Hier zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Für eine Reihe der Menschen war das Leben vor Corona bereits belastend. Das Virus hat es für einen Anteil dieser Menschen weiter erschwert, für einige aber sogar auch erleichtert, weil sich nun Lebensthemen gewidmet werden kann, die zuvor zu kurz kamen. Nach dem Guten im Schlechten zu schauen, fällt womöglich nicht leicht, lohnt aber dennoch!
  • Das Ereignis ist temporär. Sicher, auch dieses Virus grassiert über einen endlichen Zeitraum. Soviel ist sicher. Aber niemand kann zur Zeit sagen, wie lange es dauert, bis das Ende in Sicht ist. Und worin die Kriterien genau bestehen, von einem Ende sprechen zu können. Diese Unsicherheit führt bei vielen Menschen [und Systemen] zur massiven [Stress-]Belastung. Wo stehen wir im Prozess, wohin geht die Reise, wie geht es weiter? Wir könnten also statt von Corona-Krise wohl eher von Planungskrise sprechen. Und wenn wir das tun, dann kann sich jeder fragen, was er früher tat, wenn eine Planung nicht realisiert werden konnte?
  • Das Ereignis ist in seinem Verlauf und in seinen Folgen ein offener Veränderungsprozess der Person. Bei diesem Kriterium finde ich nichts, was gegen es spricht. Meine Gesprächspartner formulierten dies zum Beispiel so: ‚Ich stehe im Moment im Dunkeln, wo mich das alles hinführt‘; ‚ich habe damals, 2001, das ‚9/11′ aus beruflichen Gründen vor Ort miterlebt, aber das jetzt ist noch einmal eine ganz andere Dimension für mich, denn die kollektive Betroffenheit an sich aller Menschen weltweit ist ein Phänomen, das ich noch bisher nicht kannte. Weil es aber alle betrifft, ist es irgendwie auch leichter‘, ‚ändern kann ich es nicht, nur das Beste draus machen – im Moment suche ich noch nach dem Besten’…
  • Das Ereignis ist gekennzeichnet durch eine Unterbrechung der Kon­tinuität des Erlebens und Handelns. Hier wiederum gibt es von Mensch zu Mensch kaum Unterschiede, es sei denn man lebt unter sehr stabilen Bedingungen [die stabilsten finden sich derzeit wohl im Gefängnis].
  • Das Ereignis zeichnet sich durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation aus. Im Kreis meiner Gesprächspartner gab es niemanden, der nicht hinreichend viel zu tun hatte und hat, um seine Tagesaufgaben neu zu justieren [hier sei im übrigen empfohlen, sich bestimmte, seien es noch so ‚kleine‘ Rituale trotz aller Unterschiede aufrecht zu erhalten, zum Beispiel, dass man sich so anzieht, als würde man ins Büro fahren, auch wenn man gleich im Home-Office sitzt]. Als am häufigsten genanntes ‚Problem‘ sind dabei die Kinder, die den Tag lebendigst durcheinander wirbeln. Aber kennen Menschen diese ‚Störungen‘ im täglichen Handeln nicht auch aus anderen Lebenslagen? Ich selbst kenne das Phänomen aus den Zeiten einer unerwarteten Auftragsflut oder aus der Zeit der Unterstützung meiner Mutter im 600km entfernten Pflegeheim.
  • Das Ereignis destabilisiert im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels. Ja, der emotionale Bereich kann durch die medizinisch-politischen Rahmenbedingungen in der Tat mächtig unter Druck geraten. Das Spektrum reicht dabei von einer Zunahme- oder Verstärkung von Angst-, Zwangs-, Depressions- und Suchtstörungen, über Probleme mit der Selbstkontrolle [Aggressivität, Lethargie …] bis hin zu kriminellem Verhalten [erste Fälle von Anspucken anderer Personen, Wohnungspartys bei bewusster Infektion – man erinnere ähnliche Verhaltensweisen von seinerzeit AIDS-Infizierten].
    Jedoch, und das lässt mich dafür plädieren, die aktuelle Situation individuell nicht als Krise, sondern als äußerst komplexes und [über]forderndes Problem zu benennen: Dass Menschen an ihrem Selbst, an ihren Werten und Grundüberzeugungen eingedenk von Corona zweifeln, habe ich bisher nicht wahrgenommen. Die virusbedingte Extrembelastung gibt wirklich wenig Grund dafür, sich eine Schuld, eine Verfehlung, ein Versäumnis zuzuschreiben – eine Zuschreibung also, in der man sich fragt, ob man selbst noch einen guten Grund dafür hat, seinen Werten entsprechend zu leben. Wenn Corona als solches also nicht dafür herangezogen werden kann, von Krise zu sprechen, dann darf nicht übersehen werden, dass sehr wohl aber der Umgang mit den Bedingungen zu einer Krise führen kann. Wer sich zum Beispiel von morgens bis abends von den medialen Ergüssen berieseln lässt, der schafft weder das Problem aus der Welt, noch etwas in die Welt. Die Folge ist letztlich der Selbstzweifel a là ‚es ist ja alles so schlimm, ich kann selbst gar nichts ausrichten‘. Erst, wer sich diesen Gedankenstrudel zu eigen macht, läuft Gefahr, in eine Individualkrise zu gelangen. Um in diese Gefahr zu kommen, braucht es aber nicht ein Virus, sondern die Unkenntnis der eigenen Werte [hierüber, insb. wie man die eigenen Werte erkennt, wurde in der Krisenpraxis bereits an vielen Stellen berichtet].
  • Das Ereignis erfordert ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern. Aktuell wird besonders die Ressource Geld thematisiert. Klar, wenn einer Person die finanzielle Puste ausgeht, dann kommen Ängste aller Art hoch – in den allermeisten Fällen jedoch fangen die verschiedenen Schutzschilde den Einzelnen auf, zumindest in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern. Das allein ist fraglos zu kurz gesprungen, denn in unserem globalen Dorf verdienen viele Menschen einen Teil ihres Geldes über ihre Unternehmen und Organisationen mit Partnern, deren Volkswirtschaften deutlich stärker durch die aktuellen Bedingungen in die Knie gehen werden. Oder sie arbeiten in einer selbständigen oder freiberuflichen Tätigkeit, in der sie ohne nennenswerte Rücklagen für solche Notsituationen bei längerem Auftragsausfall an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten stoßen. Das wiederum wird dazu führen, dass Corona [es hätte auch jedes andere Mega-Ereignis können] auch in Deutschland trotz Ausschöpfen aller [Einspar-]Quellen zu einer höheren Arbeitslosigkeit und Insolvenzquote führen wird.
    Weiter gedacht erscheint dann jedoch aus unserer psychologischen Perspektive das eigentliche Problem am Horizont, das sich zu einer individuellen Krise auswachsen könnte, würde daran nicht gearbeitet: „Das Bedrückende ist nicht die Arbeitslosigkeit an sich, sondern das Sinnlosigkeitsgefühl. Der Mensch lebt nicht von der Arbeitslosenunterstützung allein.“ [Viktor Frankl]
    Womit wir beim zentralen Thema der Sinntheorie Viktor Frankls sind. Weiß der Mensch um seine wesentliche Ressource, seine Werte, dann findet sich ein Ausweg aus der empfundenen Sinnlosigkeit. Dann findet sich eine Antwort auf die Frage: Wozu ruft mich die jetzige Situation auf? Worum hat es mir jetzt zu gehen? Wer seinem Leben auf diese Fragen antworten kann, findet wieder Anschluss – vielleicht nicht gerade und genau da, wo man zuvor stand, aber doch robust genug, um sich bei aller Veränderung nicht zu verfehlen.

Die Krisen großer Musiker – heute: Frédéric Chopin

Frédéric Chopin (1810-1849) ,in Żelazowa Wola geboren, schrieb mit 20 Jahren: ‚Ich denke, dass ich abreise, um zu sterben.‘

1830 verlässt Chopin seine Heimat in Polen und reist nach Paris und 1838 nach der Heirat mit George Sand nach Mallorca. Schon 1835 litt er unter Husten, später dann unter einer Lungenentzündung und Tuberkulose. Die Zeit auf Mallorca – so findet es sich in seiner Biografie – muss permanent von seiner Krankheit geprägt worden sein. Nicht ohne Ironie schreibt er in dieser Zeit: ‚Die drei berühmtesten Ärzte der ganzen Insel haben mich untersucht; der eine beschnupperte, was ich ausspuckte, der zweite klopfte dort, von wo ich spuckte, der dritte befühlte und horchte, wie ich spuckte. Der eine sagte, ich sei krepiert, der zweite meinte – dass ich krepiere, der dritte – dass ich krepieren werde.‘

1839 geht es für Chopin zurück nach Paris, seine Lunge ist chronisch entzündet, er nimmt Opiumtropfen zur Schmerzlinderung. Ab 1843 ist er oft bettlägrig. 1847 wird die Ehe geschieden. 1849 stirbt Chopin durch Lungen- und Herzschwäche sowie an Morphinsucht und Abmagerung.

 

Die Krisen großer Musiker – heute: Robert Schumann

Robert Schumann (1810-1856), in Zwickau geboren, schreibt mir 19 Jahren den Vers: „Mir träumte, ich wäre im Rhein ertrunken“. Ob er wohl ahnte, wie sein Leben enden würde? Schaut man auf die Krankheitsgeschichte des großen Romantikers, so wird diese zeitlich begonnen  als seine Schwester mit fast 30 Jahren sich suizidiert. Schumann, 22 Jahre alt, bekommt eine rechtsseitige Fingerlähmung, was seine Karriere am Klavier beeendet.

Als Komponist entwarf er fortan eine Vielzahl konzertanter Werke, Stücke für Orchester und Kammer und eine Oper.

1840 wurde ihm die Ehrendoktorwürde zum Dr.phil. der Philosophischen Fakultät der Universität Jena verliehen. 1844 dann ein Jahr im Zustand völliger nervöser Erschöpfung mit Phänomen, die heute mit Tinnitus bezeichnet würden, 1849 wird berichtet, dass Schumann immer schweigsamer wird, seine Aussprache schwerfällig anmutet und er über akustische Halluzinationen berichtete. Trotz der ‚Engelsstimmen mit choralartigem Thema‘, die er wahrnahm, komponiert er sein Werk: Variationen über ein Thema in Es-Dur („Geistervariationen“).

1854 unternimmt Robert Schumann einen Suizidversuch und stürzt sich von der Alten Rheinbrücke in Bonn. Er wird gerettet und in die Nervenheilanstalt Bonn-Endenich verbracht, wo er 1856 stirbt.

Populismus, oder: ein Leben wider kritische Vernunft

Populisten zeichnet aus, dass sie von einem homogenen Volk, einem einheitlichen Volkswillen ausgehen, den sie ausspielen gegen einen ebenso homogenen Willen einer fiktiven, politischen, wirtschaftlichen Elite.

Robert Vehrkamp
Bertelsmann Stiftung

HIER GEHT ES ZUR AKTUELLEN STUDIE „POPULISMUSBAROMETER 2018“

Symbiose und Krise

Krise, so haben wir in der Krisenpraxis mehrfach ausgeführt, meint ‚entscheidende Wendung‘. Und unter einer Symbiose [griech.: syn = gemeinsam; bios = leben] versteht man eine Form des Zusammenlebens. Biologisch betrachtet meint Symbiose, dass Lebewesen sich gegenseitig zu ihrem jeweiligen Vorteil in ihren Lebensnotwendigkeiten unterstützen. So betrachtet wird ‚Leben‘ zu einer mehr oder weniger starken Abhängigkeit von anderen Leben. Leben vermag es, anderes Leben zu ermöglichen, so dass es sich gegenseitig entwickeln und wachsen kann. Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann Symbiose als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Nähe und Zugehörigkeit verstanden werden, sei es zur Familie, einer Gruppe, einem Volk.

Zugehörigkeit zu verlieren, löst Angst aus. Ihr Ur-Sprung liegt in der Angst des Säuglings, eine Loslösung von seiner Mutter zu erfahren. Die Abhängigkeit zu ihr und der von ihr ausgehenden körperlichen und seelischen Versorgung sichert das Überleben, ein – in unserem Verständnis – Überleben hin zum eigenen Leben. Das eigene Leben als Folge vorangegangener Loslösung gewisser Zugehörigkeiten zu verstehen, ermöglicht einen Blick auf eine Seite eines Phänomens, das zu beobachten ist, wenn die ‚Loslösung‘ misslingt: das Phänomen des Symbiosetraumas.

Franz Ruppert, auf dessen Forschung der Begriff zurückgeht, fokussiert dabei einen anderen Aspekt: Wenn die gesunde Autonomieentwicklung des Kindes durch Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, durch unsichere oder nicht gelungene Bindungsversuche der Eltern, durch Erfahrungen von Verlust oder Trennung, durch körperliche oder psychische Erkrankungen der Eltern oder durch Co-Abhängigkeiten, Vernachlässigung, Missbrauchs- und Gewalterfahrung vom Elternsystem ausgehend erschwert werden und die Befriedigung der Liebesbedürfnisse des Kindes darunter leidet, dann begünstigt dies die Entwicklung eines derartigen Traumas.

Die tiefenpsychologische Sichtweise sieht nun ein Kind vor sich, das eine innere Unsicherheit empfindet, weil es über einen unzureichenden Spielraum verfügt, um ein Selbstverständnis für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, resp. um natürliche Begrenzungen zu erfahren. Als ‚psycho-logische‘ Folge kann sich das Kind nur schwer von seinem/n Eltern[teil] lösen und weiter in der Folge selbst als Erwachsener sich noch emotional von den Stimmungen und Befindlichkeiten der eigenen Eltern abhängig fühlen.

Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die vorgeburtliche und frühkindliche Bindung insbesondere zur Mutter [natürlich aber auch zum Vater] und deren psychische wie körperliche Verfassung auf das Kind Einfluss nehmen und ohne zu bezweifeln, dass unbefriedigte emotionale Bedürfnisse des Kindes bei ihm zu negativen, Stress auslösenden Empfindungen führen können, so sei auf die sinntheoretisch, logotherapeutische Perspektive hingewiesen. Dass nämlich der [spätestens] erwachsene Mensch jederzeit frei und verantwortlich ist, zu entscheiden, ob er sich weiterhin als in dieser Weise reduziert und abhängig erleben oder ob er sich seinem ‚trotz allem‘ gesunden Geisteskern zuwenden will, der stets unbeschadet bleibt – selbst dann, wenn die Psyche eingedenk der gemachten Erfahrungen bestrebt ist, mit ihren mühevollen und oftmals vergeblichen Verarbeitungsprozessen die ‚Oberhand‘ zu gewinnen.

Es lässt sich nur schwer ermessen, welche Anstrengungen die kindliche Psyche unternimmt, wenn eine ihrerseits in ihrer eigenen Kindheit symbiotisch unterversorgte Mutter nun ihr Kind unterversorgt und das Kind seinerseits nur überleben kann, wenn es seiner Mutter folgt und seinen traumatisierten und von Existenzangst geprägten Anteil ebenso abspaltet wie es die Mutter tat. Die Bandbreite der Interpretationen ist groß. Der Psychoanalytiker Arno Grün geht zum Beispiel davon aus, dass Kinder, die nicht um ihrer Selbstwillen geliebt werden, ihr eigentliches Selbst verraten müssen und sich zu angepassten, sich unterordnenden Menschen entwickeln. Da wir – so seine Ansicht – abhängig sind von unseren Eltern, übernehmen wir deren Wertesystem mit der Folge: „Ich werde so, wie du mich haben willst, damit du für mich sorgst.“

Diametral dazu unsere Haltung aus der Logotherapie: Verhält sich der Mensch symbiotisch entlang des Wertesystems seiner Eltern[teile], so erodiert dadurch sein eigenes Wertesystem ohne jedoch verloren zu gehen. Es zu revitalisieren und damit der traumatischen Einwirkung zu entziehen, vermag der Mensch dann, wenn er im beschriebenen Kontext die Haltung einnimmt: „Wenn ich mich einzig so nehme, wie ich symbiotisch traumatisiert bin, dann mache ich mich schlechter. Wenn ich mich aber so nehme, wie ich selbst sein soll, dann verhelfe ich mir dazu, der zu werden, der ich werden kann.“ [frei nach Frankl, der seinerseits in einem solch freien Verständnis auf einen Satz von Goethe verweist].

Diese Haltung einzunehmen ist aus einem naheliegenden Grund zweckdienlich: Da die einmal vom Kind übernommenen Traumainhalte keine Zuordnung in der eigenen Biographie finden [vielmehr gehören sie ja originär zur Biografie des Elternteils], ist das Erleben dieser Fremdgefühle für den Jugendlichen oder Erwachsenen extrem verwirrend. Bei einem Symbiosetrauma sind die eigenen Gefühle wie abgespalten, man erlebt sich deutlich fremdbestimmt. Wird der Person bewusst, dass sie sich in der Biografie des Elternteils verstrickt hat, so kann die Person versuchen, sich diese Verstrickungsdynamik bewusst zu machen. Eine dies unterstützende Therapie bleibt dabei vergangenheitsorientiert und fokussiert auf das jeweilige Elternteil mit deren Psychodynamik. Eine solche Perspektive nimmt die Logotherapie nicht ein. Im Kern anerkennt sie was ist [auch das bisherige Leid], verhilft dem Patienten dann jedoch zu, sich vorrangig seiner eigenen Werte und der sich aus ihnen ableitbaren Einstellungen, Haltungen, Motive und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Diese Arbeitsschritte dienen dazu, dem derart logotherapeutisch begleiteten Menschen zu ermöglichen, seinerseits nun jedoch konstruktiv-wertebewusst symbiotische Beziehungen eingehen zu können.

Alternative Fakten

Verschiedene Studien zur Arbeitsmotivation ‚belegten‘:
1. 2016 gingen 85% der Deutschen montags mit schlechter Laune in die Woche
2. im Januar schlägt sich schlechtes Wetter auf die Stimmung
3. nach Weihnachtsfeiern und vielen Terminen fällt man ins Jahresanfangsloch
4. unmotivierte Mitarbeiter sind kein saisonales Problem
5. zum Jahreswechsel Bilanz zu ziehen, kann die Stimmung trüben
6. mehr als 50% der Deutschen konnte sich 2016 vorstellen, ihren Arbeitgeber zu wechseln
7. Gründe: als ungerecht empfundenes Gehalt, schlechte Arbeitsatmosphäre, fehlender Respekt
8. aber: nur wenige suchen aktiv nach einem neuen Job
9. viele quittieren den Dienst, gehen aber weiter zur Arbeit
10 .wer 2016 beruflich unglücklich war, hatte in 70% der Fälle fehlende Entwicklungsmöglichkeiten
11. Karrierechancen werden immer geringer – die Unzufriedenheit steigt und so weiter und so fort

Wir bieten alternative Fakten:
ad 1. wer schlechte Laune hat, kann lernen, seine negativen Affekte herunterzuregulieren
ad 2. wem das Wetter im Januar das Gemüt belastet, der kann dann mit der Affektregulation beginnen
ad 3. statt zu feiern, kann man mit einem Therapeuten den Plan für die Affektregulierung erarbeiten
ad 4. wer das dann doch lieber im Sommer macht: auch okay
ad 5. Bilanz zu ziehen ist ohnehin Quark, denn was war, lässt sich eh nicht mehr ändern
ad 6. die anderen 50% haben offenbar keine Vorstellungskraft – diese kann auch trainiert werden
ad 7. Gehalt, Stimmung …: alles gute Gründe, die negativen Affekte regulieren zu lernen
ad 8. das ist schlau: wer will schon einen schlecht gelaunten Bewerber gegenüber sitzen haben
ad 9. das ist dumm, vor allem montags
ad 10. entwickeln kann man nur, was verwickelt ist. Schlechte Laune und Dummheit aber sind sichtbar.
ad 11. Karriere bedeutet etymologisch: ‚Fahrstraße‘. Ob diese Fahrstraße zum Berg oder ins Tal führt, kann nur der Lenker entscheiden.

Gedankensplitter ‚Bedürfnisse und Krisenprävention‘

Entlang der tiefenpsychologischen Tradition wissen wir um die vier Grundbedürfnisse des Kindes nach Bindung, Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Anders als bei vielen anderen Säugetieren, ist der Mensch lange Zeit vollkommen schutzlos und alleine nicht lebensfähig. Babys und Kleinkinder sind deutlich länger von ihrer Mutter, ihren anderen Bezugspersonen und ihrer sozialen Umwelt abhängig, das Bindungsbedürfnis wird daher zu einer Psycho-Logik. Da aber auch der Erwachsene aufgrund begrenzter physischer Verteidigungsmechanismen alleine kaum für seine Sicherheit sorgen und er diese nur arbeitsteilig mit anderen erreichen kann, bleibt das damit einhergehende Bindungsbedürfnis auch bei ihm erhalten, Um Bindung [er]leben zu können, sind Vertrauen und Kontinuität relevant. Die ‚Währungen‘, in denen diese beiden Werte ‚gehandelt‘ werden, können sich je nach Lebensalter verändern: zum Beispiel von einem Vertrauen, das sich in Geborgenheit zeigt bis zum Vertrauen, das durch lebendigen Wissenstransfer zum Ausdruck kommt oder dem Vertrauen, wichtige Lebensentscheidungen in die Hände eines anderen Menschen zu legen.

Ab dem Alter von zwei Jahren weiß das Kind, dass es ein ‚Ich‘ hat und versprachlicht dies entsprechend. Mit seinem ‚Ich‘ markiert der Mensch ab dieser Entwicklungsphase den Übergang zwischen seinem ‚Selbstsystem‘ und seiner ‚Welt‘. Sein Selbstsystem entfaltet sich immer stärker durch die Verarbeitung der Empfindungen, die auf ihn einwirken. Selbstbewusstsein, Selbststeuerung, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstbestimmtheit, Selbstkontrolle, Selbstsicherheit, Selbstmotivation – all diese Selbst-Prozesse führen zum Selbst-Wachstum über das sich der Mensch über den Weg der Selbst-Reflexion sich selbst klar wird und dies mit der Instanz des Ich ’seiner‘ Welt mitteilt. Wird das Kind oder der Erwachsene aus seiner ‚Welt‘ im welcher derart empfundenen Weise auch immer angegriffen, entwickelt das Selbstsystem einen Schutz: Selbstschutz durch Abwehrmechanismen.

Das Empfinden von Fremdbestimmung, Manipulation, Diskreditierung kann einen solchen Selbstschutz bewirken, aber auch körperliche Gewalt bis hin zu Auslösern von Krisen, die den Menschen zum Selbstzweifel führen. Das ‚Ich‘ ist verunsichert, weil es sich nicht mehr auf den Schutz des Selbst verlassen kann. Der durch den Krisenauslöser verursachte Wegfall an Orientierung trifft im Selbst auf den Verlust von Kontrolle – das Ich weiß nun nicht mehr ‚ein‘ noch ‚aus‘.

Ab Kleinkindalter hat der Mensch das Bestreben, an Autonomie zu gewinnen. Da anfangs aber von seiner Umwelt komplett abhängig, entwickelt sich nun das Bedürfnis, den eigenen Selbstwert zu erhöhen und ‚Erniedrigungen‘ abzuwehren. Kommunikation wird zum wichtigen Bindeglied zwischen Selbstbildformung und Fremdwahrnehmung. Eigene Handlungen, Beobachtungen, Lernprozesse und soziale Interaktionen ermöglichen, das Selbstbild immer weiter zu entwickeln – ein nie endender Prozess, dessen Güte sich gerade dann beweist, wenn potenziell krisenauslösende Ereignisse es erfordern, an Grenzen zu gehen und die Situationen zu meistern.

Rückschläge und Niederlagen greifen das Selbstbild und mit ihm den Grad der Autonomie an. Steht dieser ‚Gefahr‘ ein entwickelter Grad an Selbstverantwortung gegenüber, der sich nicht bloß in ermutigender Selbstüberschätzung erschöpft, sondern die auch untermauert ist durch eine bewusst vollzogene Krisenprävention, dann sinkt die Abhängigkeit von externen Interventionen im Krisenfall.

Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung ist so alt wie die ersten Phasen in der Entwicklung der Psychologie. Dem Freud’schen Lustprinzip folgend wird ein Mensch seine Energie auch darauf verwenden, bei psychischem Schmerz die damit verbundenen Unlustgefühle zu beenden. Das ist interessant, zeigt es doch an, dass Menschen durchaus in der Lage sind, nicht nur Ziele, sondern auch ‚Antiziele‘ verfolgen zu können. Wird die Abwehr eines unangemessenen Umgangs mit einem Krisenzustand angestrebt und wird dies als positiv angesehenes Ziel verstanden, dann – nach Freud – braucht es zum Erreichen Lust, zum Beispiel in Form innerer Zufriedenheit, Stolz oder Genugtuung,

Aus unserer Perspektive trägt dieses Lustempfinden jedoch meist nicht lange genug. Die bessere Wirkung entsteht, wenn der Mensch ein ‚Wofür‘ hat, das sein Engagement in individueller Krisenprävention robust unterstützt. Leiste ich mit Krisenprävention einen Beitrag zur Gewinnung größerer Lebensfreude, die mich von stresshaften Gedanken zugunsten eines lebendigen Familien- und Berufslebens befreien kann, dann bin ich eher bereit, diese Aufgabe zu erfüllen als ’nur‘ mit in Aussicht gestelltem ‚Stolz‘ darauf, die mit der Krisenprävention verbundenen Aufgaben zu erfüllen.

Reflexion der Verletzung kindlicher Bedürfnisse

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der therapeutischen Praxis steht meist die konkrete Verletzung kindlicher Bedürfnisse im Fokus, die sich an Grawes Ordnungsrahmen orientieren:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Ob es zur Verletzung kindlicher Bedürfnisse gekommen ist, können Menschen zuweilen nicht erinnern. Sie äußern dann eher vage Vermutungen oder spüren subtil, dass irgendetwas nicht ganz in Ordnung war. Manchmal vermag die Reflexion von Fähigkeiten [in Anlehnung an Nussbaum], etwaigen ‚Verletzungen‘ in der Vergangenheit nachspüren zu können. Dahinter steht die These, dass dauerhaft verletzte Bedürfnisse dazu führen, dass der Mensch nur in eingeschränktem Maße Fähigkeiten dieser Art entwickelt:

  • Fähig zu sein, bis zum Ende eines vollständigen menschlichen Lebens leben zu können [dies bedingt z.B. die Fähigkeit, sich von lebensschädigenden Substanzen fernhalten oder Risikoverhalten eindämmen zu können].
  • Fähig zu sein, eine gute Gesundheit zu haben [Ernährung, Unterkunft, Sexualität[ – dies bedingt die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, der autonomen Willensäußerung usw.
  • Fähig zu sein, unnötigen Schmerz und Leid zu vermeiden [hierzu gehört auch die Fähigkeit zur Krisenprävention].
  • Fähig zu sein, zu phantasieren, zu denken und zu schlußfolgern.
  • Fähig zu sein, auch emotional Bindungen zu Dingen und Personen zu unterhalten.
  • Fähig zu sein, sich ein Bild von einem guten Leben zu machen [Lebensentwurf].
  • Fähig zu sein, soziale Interaktion in Form von Mitgliedschaft, Freundschaft, Beruf usw. auszuüben.
  • Fähig zu sein, in Anteilnahme für und in Beziehung zu Tieren, Pflanzen und zur Welt der Natur zu leben.
  • Fähig zu sein, zu lachen, zu spielen, zu genießen usw.
  • Fähig zu sein, das eigene Leben zu leben [dies bedingt die Klarheit des eigenen Wertesystems].

Haben Sie alle Fähigkeiten in Ihrer Wahrnehmung hinreichend entwickelt? Wem oder welchen Umständen könnten Sie dafür danken?

Jahresend-Wunsch an die Evolution

Zum Jahresende darf man sich ja etwas wünschen. Gesundheit und ein langes Leben sind so die Klassiker. Nicht schlecht, aber ich habe trotzdem einen anderen. Ich habe den Wunsch an die Evolution, dass sie es fertigbringt, irgendwann einmal die Neugeborenen von Anbeginn sprechen lassen zu können. Also, so richtig, mit dem vollen Programm.

Ich glaube, dies würde einen wirkungsvollen Beitrag dafür leisten, dass die den Kindern per se gegebene Resilienz nicht dadurch in den ersten Lebensjahren erodiert, weil die sie umgebenden Personen meinen, sie müssten ihre Kinder erst ’sozialisieren‘.

Wer ein Kind sozialisiert, der geht offenbar davon aus, dass es nicht sozial ist. Wer jedoch davon ausgeht, dass ein Kind bereits alles Wesentliche für sein Leben mitbringt und es dann darin unterstützt, das seinem Wesen Entsprechende auszuformen, der folgt einem an eine Goethe-Weisheit angelehnten Satz:

„Wenn man ein Kind wirklich sieht wie es ist und es nicht zu dem macht, was es aus eigener Anschauung sein soll, dann kann man es darin unterstützen, zu dem zu werden, der es werden kann.“

Könnten uns doch die Kinder direkt ab Beginn ihres Lebens nur sagen, wie sie sind. Manche Therapiestunde könnte eingespart werden.

Von Hexen und Tornados

Bedrohungen sind allgegenwärtig. In den Medien reihen sie sich auf wie an einer Perlenkette, erst ein Beben, dann Terror, dann Tsunami, ein Super-Gau, ein Brückenzusammenbruch, Brexit, dann wieder Terror … die individuelle Wahrscheinlichkeitsrechnung führt letztlich dazu, dass einige Menschen nicht mehr Schweinefleisch essen, sich beim public viewing den Fußball anschauen oder die Türkei als Reiseland meiden.

Was heute die Medien übernehmen, war früher einmal mit dem Glauben an Gestirne verbunden.Unglücke, ob zwei Menschen zueinander passen oder auch nicht – für vieles wurden Sterne befragt. Noch weiter zurück in der Geschichte wurden böse Geister für das Ungemach der Welt verantwortlich gemacht. Manchmal in Gestalt von Hexen – fünf Millionen Frauen galten derart als Risiko, dass sie über die Jahrhunderte hinweg ihr Leben lassen mussten, anfänglich initiiert durch den Klerus, ab ca. 1520 auch durch die weltliche Gerichtsbarkeit.

Gut, der Hexenglaube ist heute nicht mehr allzu weit verbreitet, viele Menschen haben jedoch durchaus die Hoffnung, dass es eine Art Schutzengel und so etwas wie ein individuelles Schicksal für sie gibt. Gustav Mahler komponierte deshalb keine 9.Symphonie, da viele andere Komponisten wie etwa Beethoven nach der ‚Neunten‘ verstarben. Zu dumm, nach seiner zehnten, die an sich seine Neunte war, verstarb auch er.

Andere Menschen sind da schon risikofreudiger. Tornadojäger in den USA [und vermutlich auch bald bei uns], Glotzer auf der Autobahn [die dann aber oft selbst Schaden nehmen, weil sie Unfälle provozieren], Schönheits-OP-Junkies, Autojagden in Großstädten und – natürlich – die Anhänger diverser Extremsportarten – der Glaube daran, dass über den Kitzel hinaus die Lage wohl schon beherrschbar sei, greift immer mehr um sich. Ob der Grund darin zu finden ist, dass wir an sich in einer [noch hinreichend] sicheren Gegend der Welt leben? Viktor Frankl wusste bereits: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Dann gehts ums Überleben. Sicherheit und Neurose scheinen eine seltsame Liaison einzugehen.

Aus der Luftfahrtforschung ist bekannt, dass der Grad an Sicherheit für andere wie für die eigene Person zunimmt, wenn die handelnden Piloten, Techniker, Ingenieur usw. davon ausgehen, dass einzig ihre Eigenverantwortlichkeit für das Ergebnis zählt. Sind die Akteure jedoch schicksalsgläubig, dann steigt die Unsicherheit um das Zehnfache. Die Sicht auf die Welt hat also einen unmittelbar Einfluss auf das Risikoniveau. Wir leiten hieraus ab, dass die Eigenverantwortlichkeit im Kontext der individuellen Krisenprävention dazu dient, den Grad an Sicherheit deutlich zu erhöhen. Der Glaube daran, das ‚wenn das Schicksal es will, es ohnehin passiert‘, erhöht jedoch das Risikoniveau immens. Andersherum: wer sich Schicksalsfantasien hingibt, investiert nicht in Prävention.
Eigenverantwortlichkeit ist dabei nicht gleichzusetzen mit Selbstbestimmung. Bei letzterer denkt die Person, die Regeln des Handelns selbst setzen zu können. Ist eine Person davon überzeugt, so steigt das Risikoniveau – von Dränglern auf der Autobahn ist dieses Verhalten nur zu gut bekannt.

Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man vermuten, dass Menschen, die über eine reflektierte Weltsicht verfügen, in der das Bewusstsein für erforderliches Handeln unter Unsicherheit entwickelt und die Eigenverantwortlichkeit des eigenen Handelns als Erfordernis akzeptiert sind, über ein höheres Grad an Risikohandhabungskompetenz verfügen als andere.