Kategorie-Archiv: Sinnzentrierte Psychotherapie

Sinnorientierte Geisteshaltung

Es ist mal wieder Zeit für etwas Frankl. 

In Frankls Menschenbild steht der freie Wille im Zentrum. Wir sind zwar nicht frei von allerlei Bedingungen, die unser Leben mitbestimmen, aber wir sind frei zu unendlich Vielem, was uns ermöglicht, uns immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen für bestimmte Handlungs- oder Sichtweisen zu entscheiden. Jeder Mensch hat zwischen ‚Reiz‘ und ‚Reaktion‘ einen Raum, einen Freiraum, einen Gestaltungsspielraum, den er selbst bei unabänderlichen Belastungs- oder Krisensituationen behält. 

Die Suche nach Sinn ist die stetige Grundmotivation des Menschen. Mehr noch als nach Lust oder Macht strebt der Mensch nach Sinn. Eigentlich ist die menschliche Motivation dort am stärksten, wo der Mensch Sinnvolles bewirken kann. Jedoch – zuweilen behält die Psyche des Menschen die Oberhand über das Geschehen, und er entscheidet sich für Sinnwidriges, Sinnleeres, Sinnloses. Diese geistlosen Phasen sind jedem Menschen zuzusprechen, auch sie zeichnen Menschsein aus. Aber im Kern will jeder Mensch für eine Aufgabe einstehen und-oder zumindest einen Menschen lieben oder für ihn gut sein. Wird dieser Wille zum Sinn dauerhaft frustriert, entstehen Stress, Gefühle der Wertlosigkeit und vielfach letztlich Aggression, Sucht, Depression, Lethargie oder Apathie. 

Den Sinn des Lebens kann sich ein Mensch nicht machen, auch gibt es ihn nicht auf Rezept. Aber er ist da und wartet darauf, [wieder] gefunden zu werden. Manchmal haben ihn Menschen auch längst gefunden, merken es nur nicht. Eine Ursache dafür liegt häufig in einer wenig ausgeprägten Selbstsicherheit oder in einem geringen Selbstvertrauen. Wie auch immer – jedes Leben behält seinen Sinn und hält Sinn bereit, selbst wenn er in einer verzweifelten Lebensphase nicht mehr gespürt wird.  

Die Freiheit des Willens bedingt, dass jeder Mensch Verantwortung für sein  Leben und die Art und Weise hat, wie und wofür er leben und sich entscheiden will. Wie er auf die Fragen antworten will, die ihm sein Leben stellt.   

Leisten, lieben, leiden – das sind die drei großen Werteverwirklichungsbereiche für jeden Menschen. Schöpferische Werte zu verwirklichen führen hin zum Leisten. Erlebniswerte wie Schönheit, Anmut, Harmonie, Ästhetik, Naturverbundenheit, Zuneigung u.a. zu verwirklichen, führen hin zum Lieben. Und letztlich sind es Einstellungswerte, mit denen ein Mensch auch bei existenziellen Abschieden in seinem Leben trotz allem Sinn findet. Sie zu verwirklichen ist ein Fähigkeitsbeweis hin zum Leiden.

Sterben als Kopie

Haben Sie schon einmal überlegt, wer sie geblieben wären, hätten Sie nicht die Segnungen der Erziehung und Sozialisation empfangen? Warum sollte ich das denken, werden viele sagen, denn ‚ich bin ganz zufrieden mit dem, was aus mir wurde und wie ich darin von Eltern und Gesellschaft unterstützt wurde‘. Anderen geht es genau andersherum – einmal nicht das Leben anderer leben, einmal nicht wissen, dass man als Original geboren wurde und als Kopie anderer sterben wird.

Erst einmal im Erwachsenenalter angekommen, erweist sich die Frage nach dem ‚wer bin ich wirklich und wie kann ich mich an diesen Kern, zumindest etwas, wieder zurückbinden?‘ zuweilen als existenziell. Schließlich geht es um nicht weniger als die Identität. Und so kann es sein, dass man sich seiner Selbst nicht mehr so sicher ist und dieser Mangel an Selbstsicherheit auf eine gesellschaftliche Ordnung trifft, in der Macht, Regeln und Leistung ’normal‘ sind, während Bedürfnisse nach Zuwendung, Gemeinschaftswohl oder auch intellektueller Vernetzung kaum befriedigt werden können. Wer sich hier in einer Identitätsfalle fühlt, kann dies anderen Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, kaum kommunikativ nachvollziehbar vermitteln. In der Folge passt sich die Person immer weiter den Gegebenheiten an und merkt doch sehr wohl, dass da im Leben etwas einfach nicht stimmt.

Mit dem Kindheits-Enneagramm, das wir vor gut zehn Jahren entwickelt haben, kann in einem logotherapeutischen Gespräch ein Beitrag dafür geleistet werden, dass ein Mensch die Grundzüge des eigenen Originals wieder erkennt. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in ein der Identität entsprechendes Verhalten ist dann im Anschluss die eigentliche Arbeit. Sie ist schwierig, da sich das System um die Person herum – wenn überhaupt – nur langsam ändert. Ergo steht die Person in der Selbstverantwortung, das zu tun, was ihr entspricht – verbunden mit der Überwindung manchmal zahlreicher Begrenzungen, die sich über die Zeit hinweg um die Person gelegt haben. Nach und nach sich von Klammerungen aller Art zu distanzieren, wirkt anfangs befreiend und bedrohend zugleich – und nicht jeder Mensch schafft es, diesen Prozess in für ihn passender Geschwindigkeit und Konsequenz zu gestalten. Klammern sind stark und haben durchaus auch ihre Qualitäten. Sich von einigen zu lösen, fällt leichter, wenn die Person den Sinn in ihrem Leben erfühlt. Die ‚Zutaten‘ für diesen Wahrnehmungsprozess sind ‚Weltoffenheit‘, ‚Selbstempathie‘, ‚Geduld‘ und ein Bewusstmachen innerer Zensoren. Der stärkste eigene, innere Gegner der Sinnfindung ist das Selbstmitleid. Verfällt ein Mensch in diesen Zustand, begibt er sich an sich in den Hass auf sein Umfeld, seine Lebensgeschichte, manchmal sogar auf sich selbst. Dieser Zustand ist fraglos negativ und er bringt auch nichts, außer noch mehr Hass oder Schicksalsergebenheit.

Ein Original hasst nicht – gerade deshalb, weil es keinen Grund dafür hat. Hass kommt hingegen auf, wenn ein Original gezwungen wird, seine Authentizität aufzugeben und zur Kopie anderer zu werden. Und Selbsthass keimt, wenn – wie es Marcel Proust einmal beschrieb – ein Mensch das Bedürfnis entwickelt, seine Leiden gerade von denen mildern zu lassen, die ihn zum Leiden brachten.

Arbeit hin zum Original – eine der originären Arbeiten in der Logotherapie.

Das Wesen der menschlichen Existenz liegt in deren Selbst-Transzendenz. Unter der Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz verstehe ich den grundlegenden anthropologischen Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist – auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mit-menschliches Sein, dem er da begegnet.

Das ist nämlich das Geheimnis der bedingungslosen Sinnträchtigkeit des Lebens: dass der Mensch gerade in Grenzsituationen seines Daseins aufgerufen ist, gleichsam Zeugnis abzulegen davon, wessen er und er allein fähig ist. Ich möchte sagen, menschliche Existenz ist zutiefst durch ihre ‚Selbst-Transzendenz‘ charakterisiert. Menschsein weist über sich selbst hinaus, es verweist auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. Auf etwas oder auf jemanden. Auf einen Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder auf anderes menschliches Sein, dem wir begegnen. Auf eine Sache, der wir dienen, oder auf eine Person, die wir lieben.

Viktor E. Frankl  

Logos und Existenz

Die Logotherapie als sinnorientierte Beratungs- und Behandlungsform wurde von Prof. Dr. Viktor Emil Frankl entwickelt und 1946 in seinem Buch Ärztliche Seelsorge erstmals beschrieben.
Mit der von ihm ebenso seinerzeit dargelegten Existenzanalyse wurde der konkreten Arbeit in der Logotherapie eine anthropologische Theorie zugrunde gelegt. Mit diesem Menschenbild lässt sich die Logotherapie als humanistisch-existenzielle Psychotherapie verorten – für Menschen, die Hilfestellung in einer Situation existenzieller Orientierungslosigkeit benötigen. Wir wenden als Logotherapeuten das Gedankengut Frankls im Bereich der Psychologie, der Pädagogik, der Hospizarbeit, der Mediation, im Coaching und in der Führungskräfteentwicklung ein.

Im therapeutischen Kontext leistet die Logotherapie einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung psychischer Störungen, in der Behandlung von Sinnlosigkeitsgefühlen, zur Bewältigung von Verlusterfahrungen, im Umgang mit schweren oder chronischen Erkrankungen, zur Verarbeitung von Krisen und Schicksalsschlägen. Das Therapieziel besteht stets darin, den Möglichkeitsraum für neue Sinnerfahrung zu vergrößern. Dies geschieht gesprächsbasiert mit kognitiver und emotionaler Aktivierung der individuellen Lebenswerte und unter Einsatz innovativer Instrumente zur Werteanalyse und -entwicklung.

Den Menschen verstehen wir als sinnorientiertes Wesen, das vor dem Hintergrund seiner Bedingungen zur Selbstgestaltung seines Lebens fähig ist – auch, wenn eben dieses Leben als aktuell brüchig empfunden wird. Mehr zu unserem Arbeitskonzept finden Sie hier.

Welchen Sinn lasse ich in mein Leben?

Eine komische Frage, werden Sie vielleicht denken. Welchen Sinn lasse ich ins Leben?
Und doch ist diese Frage wichtig und recht typisch für uns Logotherapeuten. Es gibt offenbar mehr als nur einen Sinn und es gibt stets nur eine Person, die verantwortlich ist für seine Auswahl. Und diese Person kann auch sagen: Nein, dieser Sinn kommt mir nicht ins Haus.

Werde ich in Therapie und Coaching gefragt, wie ich selbst das mit dem Sinn halte, dann antworte ich gerne konkret so:

Für mich gibt es zwei Arten von Sinn. Den subjektiven Gehirnsinn in Form eines Verständnisses von etwas, das ich wahrnehme und mental [mens = Verstand] verarbeite. Dieser Sinn ist abhängig von meiner psychophysischen Verfassung und an vielen Stellen von meinen bisherigen Lebenserfahrungen. Und dann gibt es den objektiven Weltsinn [logos = Sinn] in Form einer Verantwortung, die ich für etwas oder jemanden übernehme, der ich nicht selbst bin. Dieser Sinn ist abhängig von meiner geistigen Verfassung in Form von Gewissen, Transzendenz und Wertfühlen.

Der Organisations­forscher Karl E. Weick hat einmal gesagt: „Sense­ making is about how to stay in touch with context.“ Dem würde ich gerne zustimmen, wenn der Kontext verstanden wird als etwas Gesolltes, von dem das Leben [also nicht irgendwer oder irgendwas] erwartet, dass die Person, die dieses Leben lebt, mit ihm in Beziehung tritt. Wird entsprechend dieses Gesollten gehandelt und entschieden, dann werden diese Handlungen und Entscheidungen als sinnvoll erlebt.

Verantwortlich für die Annahmen des ‚Gesollten‘ ist immer und einzig die eigene Person. Niemand kann diesen Weltsinn einer Person machen oder stiften. Jeder kann zwar Themen anbieten, die für einen Menschen den Gehirnsinn anregt, ihn zum Nachdenken führt oder die für ihn nachvollziehbar und verstehbar sind. Jeder Tag ist voll von solchen Themen und zuweilen heißen Menschen, die andere zu solchen Themen führen ‚Führungskräfte‘, ‚Sinnstifter‘, ‚Motivationstrainer‘, ‚Eltern‘. Mit dem im Leben aber ‚Gesollten‘ haben diese Themen zuweilen sehr wenig bis gar nichts zu tun. Bestenfalls sind diese Themen dann zweckdienlich [um mit ihnen Geld zu verdienen oder um geliebt zu werden oder um einen Status zu erhalten], sinnvoll sind sie womöglich aber nie und nimmer.

Wann sage ich ’nein‘ zum Sinn? Mein Gehirn sagt ’nein‘ zu Sinnangeboten, die die Bedeutung, die ich selbst meinem Leben zuspreche, mindern. Solange ich mir selbst bedeutungs- und wertvoll bin, weiß ich, was mir richtig und wichtig ist. Sollten Sie dies nicht [mehr] wissen, dann lohnen einige Gespräche mit einem Logotherapeuten [m,w,d].
Mein Gewissen sagt ’nein‘ zu Sinnangeboten, die die Bedeutung, die mein Leben für etwas oder jemanden haben könnte, mindern. Solange ich eine Beziehung fühle zu Aufgaben und Menschen jenseits meiner selbst, erlebe ich mein Leben als sinnvoll. Sollten Sie dies nicht [mehr] fühlen, dann lohnt ein Sinnwahrnehmungstraining, auch dies ist ein Format in der Logotherapie.

Life2Me®- [Selbst-]Coaching

Vor einigen Jahren haben wir in unserer Augsburger Praxis für Logotherapie, Existenzanalyse und Schematherapie das in Deutschland einzige Online-Angebot zur Individuellen Krisenprävention entwickelt. Life2Me® vereint dabei eine umfassende Betrachtung potenzieller Belastungsereignisse und ein über 100 Seiten starkes Workbook, mit dem ein Nutzer dann seinen eigenen Umgang mit nicht auszuschließenden Krisen reflektieren kann.

Als psychologisches Fundament von Life2Me® dienen uns sowohl Erkenntnisse der Verhaltenstherapie als auch der sinnzentrierten Psychotherapie nach Viktor Frankl. Die einen Menschen auf seine ‚Lerngeschichte‘ reduzierende Verhaltenstherapie fokussiert auf ‚Fehlkonditionierungen‘, im Kern also auf die der Lebensqualität einer Person unzuträglichen Verhaltensweisen. Der Vorgeschichte der Belastungssymptome, die sich für die Person durch ihre Verhaltensweisen zeigen, wird in der Verhaltenstherapie eher weniger Bedeutung beigemessen. Vielmehr geht es hier um das Neulernen alternativer Verhaltensweisen, wobei wir wissen, dass dieses Vorgehen die alten dysfunktionalen Verhaltensweisen nicht auslöscht, sondern sie sozusagen ‚überschreibt‘.

Dieses Überschreiben ist fraglos dann schwierig, wenn sich das Verhalten als eine Art ‚Überlebensschema‘ bereits früh im Leben entwickelt hat. Solche Schemata erweisen sich im weiteren Lebensvollzug dann häufig als ‚Lebensfallen‘, weil die Person immer und immer wieder mit demselben Repertoire an Verhalten auch an sich veränderte Lebensumstände herangeht. Zum Beispiel kann eine Person ihre ‚Welt‘ als bedrohlicher ansehen als sie ist oder sie sieht sich selbst als bedeutungsloser an als ihr dies aus ihrem Umfeld zurückgespiegelt wird. Welches Schema auch immer in einer Person aktiviert ist, eines ist klar: das Schema versucht seinerseits zu überleben, denn es war lange Zeit die einzige Antwort, die die Psyche für die Bewältigung der sie belastenden Situationen verfügbar hatte. Dies gilt es aus unserer Sicht immer zuerst zu würdigen, bevor die Person eingeladen wird, sich von ihr zu distanzieren.

Ist die Person dazu jedoch bereit, dann arbeiten wir in unserer Praxis nicht mehr ‚oberflächlich‘ am Neulernen von Verhalten, sondern an einer Stärkung der Bewusstheit eigener Werte und ihres Wertegefühls. Hierfür ist für uns das sinn- und werteorientierte Therapiekonzept von Viktor Frankl die Methode der Wahl. In der von ihm entwickelten ‚Logotherapie‘. Mit ihr nimmt die Person sowohl kognitiv als auch emotional einen neuen Bezugspunkt zu dem vor ihr liegenden Leben ein. Nicht ‚warum‘ ist mir etwas im Leben geschehen, sondern ‚wofür‘ fühle ich mich heute und hier von meinem Leben aufgerufen steht im Vordergrund der Gespräche in Therapie oder Coaching.

Mit diesem integrativen Konzept können wir nun auch in Life2Me® arbeiten. Dabei richtet sich das an Menschen, die sich nicht in einer akuten Krisensituation befinden, die aber ein Interesse haben, sich in privater Umgebung und mit Ruhe und Muße mit ihrer bisherigen Persönlichkeitsentwicklung zu befassen als sich auch in die Situationen hineinzudenken und -fühlen, die das eigene Leben wohl als besondere Herausforderungen noch parat hat.

Wer sich auf diese Reise macht, der kann einem an Viktor Frankl angelehnten Gedanken folgen, nämlich dem, dass sich ein Mensch nicht alles von seinem Unbewussten, Vorbewussten, Verdrängten oder Traumatisierten gefallen lassen muss. Jeder Mensch ist weit mehr als das und richtet er seine Energie auf das, was ihm sein Leben an Sinn jederzeit bereithält, dann findet vieles im Leben seinen Platz dort, wo es hingehört: In den psychischen Aktenschrank des Gewesenen.

Sich, wie es die klassische Psychoanalyse und andere vergangenheitsorientierte Therapien in aller Regel tun, darauf auszurichten, das Unbewusste ins Bewusste zu heben, kann einen Menschen sehr lange von dem fernhalten, was die Welt an nur von ihm zu beantwortenden Fragen bereithält. Unser Menschenbild, das auch die Basis von Life2Me® ist, vertraut auf die Fähigkeit jedes Menschen zu einem solchen Perspektivenwechsel.

So wenig nur wie unbedingt nötig, lautet daher unsere Arbeitshaltung, wenn es darum geht, sich mit der Vorgeschichte von Störungen oder der individuellen mentalen und emotionalen Befindlichkeit entlang belastender Erinnerungen oder Erlebnisse zu beschäftigen. So viel wie irgend möglich dafür die Ausrichtung auf die Klärung und Entwicklung der eigenen Werte und auf die Sensibilisierung der weltoffenen Wahrnehmung auf das, was trotz aller Vergangenheit im eigenen Leben nie wertlos geworden ist.

Was geschehen kann, wenn Sie sich auf die Life2Me®-Reise – entweder ganz allein mit dem Selbstcoachingangebot und/oder in Ergänzung mit flankierenden Vertiefungsgesprächen – machen?

  • Erlernen alternativen Umgangs mit Belastungssituationen und Krisen
  • Stärkung des von Fremdeinflüssen bestmöglich befreiten, echten Selbstwertgefühls
  • Aufdecken ungeahnter Ressourcen zur Gestaltung des Lebens, das für Sie ‚von vorn‘ kommt
  • Deutlich verbesserte Orientierung und Konzentration auf das Mögliche im Kontext eigener Lebensziele

Das Auge

Zur Erklärung seiner Sinntheorie hat Viktor Frankl immer wieder zu spannenden Metaphern gegriffen. Um die spezifisch nur dem Menschen mögliche Selbsttranszendenz zu erklären, nutzt er mit dem ‚Auge‘ ein sehr deutliches Beispiel für die Weltoffenheit des Menschen. Denn, „die Fähigkeit des Auges, die Welt außerhalb seiner selbst wahrzunehmen, ist in dem Maße gestört, in dem das Auge auch nur im Geringsten sich selbst, beziehungsweise etwas innerhalb seiner selbst, etwa eine Linsentrübung wahrnimmt… unser Sehvermögen ist transzendent“. Es klingt paradox, aber die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrnehmen zu können, hängt von seiner Unfähigkeit ab, sich selbst zu sehen. Nur das kranke Auge sieht sich selbst. Wenn ein Mensch zum Beispiel an einem grauen Star leidet, dann nimmt es sein Auge in Form eines grauen Nebels wahr, ist er an einem grünen Star erkrankt, dann sieht er rings um die Lichtquelle einen Hof von Regenbogenfarben. In jedem Fall, wenn das Auge etwas von sich selbst sieht, ist es krank. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen.

Mit seinem Verweis auf die Weltoffenheit des Menschen beschreibt er dessen Fähigkeit, über sich selbst hinauszuweisen. „Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergisst, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er selbst Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität“.

Ein Mensch, der sich immer wieder nur mit sich selbst, seiner Selbstoptimierung, seiner Selbstverwirklichung befasst, ist letztlich ein Mensch, der in seinem ‚Willen zum Sinn‘ frustriert ist. Wessen Sinnfindung blockiert ist, der befasst sich mit sich selbst, der versucht, sich selbst Sinn zu machen. Aber: Aufgrund seiner Selbsttranszendenz ist der Mensch eigentlich immer ausgerichtet auf einen Sinn, eine Aufgabe, die ihm sein Leben [und eben nicht er sich selbst] stellt. Auch hier findet Frankl ein gutes Beispiel: Die eigentliche Aufgabe des Bumerangs ist nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, zum Jäger zurückzukehren. Er soll vielmehr die Beute treffen und töten. Hat der Bumerang jedoch sein Ziel verfehlt, dann kehrt er zum Jäger zurück. Ähnlich kehrt der selbstbezügliche Mensch immer wieder zu sich selbst zurück, reflektiert so sehr über sich selbst, da er seine eigentliche Erfüllung verfehlt hat. Selbstbezüglichkeit und Weltoffenheit stehen sich damit diametral gegenüber.

Was ermöglicht es dem Menschen, seine per se gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz zu nutzen? Diese Frage beantwortet Frankl mit seinem Verweis auf das ‚geistig Unbewusste‘. Während Siegmund Freud noch im Unbewussten lediglich ein Reservoir verdrängter Triebhaftigkeit sah und einen Mensch als ‚krank‘ diagnostizierte, der die Frage nach dem Sinn im Leben stellte, entfernt sich Frankl von der Vorstellung, der Mensch sei ein einzig von seinen Trieben beherrschtes Wesen. Im Gegenteil: Der Mensch ist das Wesen, das von seinem unbewusst Geistigen getragen wird. So wie beim Auge, das dort, wo der Sehnerv in die Netzhaut eintritt einen ‚blinden Fleck‘ hat, so ist das Geistige dort zu finden, wo der Mensch sich trotz aller Selbstbeobachtung und Selbstreflexion gegenüber blind ist. Dort, wo er „ganz ursprünglich, ganz er selbst ist, ist er sich selbst unbewusst“ [Frankl]. Dieses ‚Geistig-Sein‘ zu entdecken und seine Möglichkeiten zur Lebensgestaltung offenzulegen, ist eine der Aufgaben eines Logotherapeuten oder eines sinnzentriert arbeitenden Coachs. Er hilft dem Menschen dabei, sich seine ihm unbewusste Geistigkeit bewusst zu machen. Sie möchten hierzu Beispiele? Gerne, schauen Sie in diesem Buch in die Praxisfälle …

Depression: Wie Angehörige und Freunde helfen können

Jährlich empfinden gut vier Millionen Deutsche ihren psychischen Zustand als depressiv. Ob  leichte depressive Stimmung bis hin zu einer Depressionserkrankung – oft werden neben der betroffenen Person auch Partner, Angehörige, Freunde oder Kollegen mehr oder weniger indirekt mit den Auswirkungen konfrontiert. Wie aber soll man vorgehen, wie soll geholfen werden, wird Hilfe überhaupt angenommen? Nicht selten treten dann die Außenstehenden den Rückzug an, um keine Fehler zu machen oder abgewiesen werden. Die Folge davon sind zusätzliche Belastungen beim Betroffenen und Gewissensbisse bei den Menschen im Umfeld. Dabei ist es nicht allzu schwierig, eine gute Unterstützung anzubieten.

Zuallererst: Akzeptanz der Depression als oftmals für das Umfeld nicht nachvollziehbare Belastungsstörung. Die Erkrankung beeinflusst das Erleben und Verhalten der Person, sie kann jeden Menschen jeden Alters treffen und das Spektrum ihrer möglichen Ursachen ist groß. Eine Depression ist keine Schwäche oder ein Problem der Persönlichkeit, vielmehr  psychischer Ausdruck einer erforderlichen Bewältigung einer Lebenssituation in einer Form, die die betroffenen Person für sich erst noch zu erkunden hat. Psychotherapeutische Begleitung, zuweilen auch eine Medikation, sind die Methoden der Wahl bei psychogenen Depressionserkrankungen, die Logotherapie bei Depressionen, die mit einem Gefühl einer existenziellen Sinnleere einhergehen.

Professionelle Unterstützung ist allemal besser als Abwarten und Tee trinken. Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle, er kann in der Folge eine weitere Begleitung durch Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten empfehlen. Sofern dem Betroffenen die Energie fehlt, aktiv zu werden, so kann auch der Lebenspartner oder ein Familienangehöriger die nötige Initiative ergreifen. Gerade handlungsstarke und aktive Menschen empfinden bei depressiven Episoden eine Scham oder Schuld für ihren psychischen Zustand. Diese Gefühle sind zwar unbegründet, führen aber allzu oft zu Blockaden, Zuwarten, Rückzug, Aggression. Wenn Sie als Angehöriger dieses Verhalten bemerken, dann sollten sie einerseits aktiv werden und einen Termin beim Arzt vereinbaren, denn  Depressionen einer Person bessern sich nicht dadurch, dass es anderen Menschen ebenfalls schlechter geht. Andererseits sollten Sie bedenken, dass der Betroffene es vermag, seine eigenen Gefühle auszudrücken noch die emotionale Zuwendung aus seinem Umfeld zu erwidern.

Ist die ärztliche oder therapeutische Begleitung im Gange, sollten Sie dem Betroffenen freundlich und angemessen zugewandt begegnen. Zuviel Nähe oder Kritik hinsichtlich des von Ihnen wahrgenommenen Fortschritts sind oft kontraproduktiv. Günstig hingegen ist es, bei der Erledigung von Aufgaben zu helfen, ungünstig jedoch, dem Partner, Angehörigen oder Freund zu viele seiner Verpflichtungen abzunehmen oder ohne Einbeziehung der Person wichtige Entscheidungen zu treffen. Ermöglichung, Ermunterung, hilfreiche Alltags-Routinen, Sport und Humor sind gute Zutaten für die Bewältigung der belastenden Lebens-Episode. Ebenso natürlich Treffen mit Freunden – die am besten zuvor von Ihnen über das Beschwerdebild informiert wurden, sofern Ihnen dies der Betroffene erlaubt hat.

Letztlich ist es wichtig, Unter- und Überforderungen in alle Richtungen zu vermeiden. Das gesunde Maß zu finden, ist schwierig – eine Faustregel kann sein: Stellen Sie sich vor, Sie hätten das Doppelte Ihres Körpergewichts zu tragen. Was wollten Sie nun an körperlichen oder psychischen Anstrengungen zulassen, ohne dass Sie die Zuversicht verlieren, sie zu schaffen? Wollten Sie sich Sätze anhören wie „Kopf hoch, das ist doch gar nicht so schlimm“,  „Stell´ dich nicht so an!“ oder „Nun reiß´ dich doch zusammen!“.

In extremen Momenten können Menschen mit Depressionen die Lebenslust völlig verlieren und Selbsttötungsabsichten in direkter oder indirekter Weise mitteilen. Solche Äußerungen muss man immer ernst nehmen, also hinhören, handeln [gemeinsam mit der Person zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren], Hilfe holen [Polizei rufen], wenn sich der Betroffene nicht überreden lässt, mit Ihnen zum Arzt oder in die Klinik zu fahren.

Als Angehöriger, Partner oder Freund sind Sie nicht gefeit vor eigenen negativen Gefühlen, die durch das Verhalten des Betroffenen oder den eigenen Ansprüchen an Hilfsbereitschaft, Perfektion oder emotionaler Zuwendung in Ihnen ausgelöst werden. Diese Gefühle dürfen sein, die Kunst besteht ’nur‘ darin, sie so zu verarbeiten, dass die Belastung für Sie selbst wie für den unmittelbar Betroffenen nicht noch stärker wird. Depressionen brauchen auch dauerhaft Energie und Kraft, sie zu dosieren hilft Ihnen, auch selbst nicht ‚in die Knie‘ zu gehen. Lassen Sie daher nie zu, dass Ihr eigenes Leben der Depression Ihres Partners oder Freundes ‚geopfert‘ wird. Grenzziehung, Auftanken, es sich gut gehen lassen, vielleicht auch der Besuch in einer der vielen Selbsthilfegruppen – es klingt banal, ist aber doch so wichtig, je näher man dem Betroffenen steht!

Neue Buchrezension zum ‚Coaching des Todes‘

So wichtig Prozesshaftigkeit, Lösungs- und Zielorientierung im Coaching sind, mit der Metapher „auf den Punkt kommen“ – so der Untertitel des Buches – wird mit der Publikation „Coaching des Todes“ ein innovativer Ansatz für die Begleitung existenzieller Situationen im Leben gewählt. Es mag auf den ersten Blick verwundern, weshalb das Buch nicht beispielhaft als „Sterbecoaching“ überschrieben ist. Allerdings spiegelt genau dies die spezielle Fokussierung auf Existenziale – und damit letztlich auf den Tod. Denn, wie jeder Seelsorger und Sterbebegleiter weiß, ist auch Sterben ein Prozess – ähnlich wie die allermeisten Begleitungen im Coaching –, der Tod indes ist dessen Endpunkt. Dieser Radikalität stellt sich „Coaching des Todes“, konsequent zu seinem Titel – und nicht zuletzt seinem durchweg (schwarzen) Einband.

In 43 einzelnen Kapiteln wird Schlieper-Damrichs Auseinandersetzung mit dem Thema Tod entfaltet, wobei man dem Buch durchgängig die Ausbildung und Erfahrung des Autors in den Coaching-Feldern Werte, Sinn und Krisen anmerkt. Wichtige und wiederkehrende Aspekte sind: Wertfülle, existenzielle Erfahrungen, Lebenssinn und Verantwortung. Der Augsburger Coach, Therapeut und Autor greift in seinen Fragestellungen und Reflexionen nicht nur – aber immer wieder – auf das Sinnkonzept und die Logotherapie von Viktor Frankl zurück, sondern verdichtet seine Betrachtungen mehrperspektivisch aus verschiedenen wissenschaftlichen Linien sowie aufgrund eigener Coachingprozesse und v.a. auch persönlicher Erfahrungen. Auf der Ebene des interdisziplinären Zugangs wird neben dem profunden Wissen des Autors auch die breite Unterstützung durch Expert*innen verschiedener Fachdisziplinen – der Logotherapie und Medizin, der Philosophie und Physik sowie dem Werte- wie Krisencoaching – durchweg deutlich. Die immer wieder eingeflochtenen Fallbeispiele, Aphorismen sowie Impulse zur Reflexion spiegeln die Erfahrungsdichte des Lebensthemas Tod. Die Reflexionstiefe, mit der sich der Autor dieses „Themas“ stellt, scheint nicht nur ein persönliches Interesse von Schlieper-Damrich zu sein, sondern wirkt zutiefst authentisch.

Wer Menschen auf dem Weg zum – physischen – Tod begleiten darf, der kennt das Phänomen einer nicht beschreibbaren letzten Klarheit: Da fällt kein Wort zu viel. Da stimmt der Ton. Da sind Botschaft und Sinn eindeutig. Diese Geist-Leib-Seele-Fokussierung im Angesicht des nahenden Todes steht aber sonstigen, üblichen Coaching-Aspekten diametral gegenüber: Wo Erfolg an erster Stelle steht, geht es hier um Werte. Wo Effizienz als oberstes Prinzip genannt wird, lauten die Ziele hier die Erfahrung und das Wiederfinden von Sinn. Schlieper-Damrich vermag es, ohne Betroffenheitspädagogik, hier und da sogar mit einem Hauch von Leichtigkeit bis hin zu einer Prise Humor für ein Thema zu öffnen, das in unserer Gesellschaft ansonsten ein emotionalisiertes und/oder mit Angst besetztes und verdrängtes Minenfeld ist. Leitend scheint das Interesse an einer Kompetenz zu sein, den Tod buchstäblich ins Wort zu nehmen, um so „auf den Punkt zu kommen“ – so der Untertitel. Damit kommt dem Tod – erstaunlicherweise nicht direkt so formuliert, aber unterschwellig auf der Haltungsebene deutlich – kein „Aus“ zu, sondern es bleibt eine Energie, die vom handelnden Subjekt Mensch zu verantworten ist. Und genau diese Visualisierung passt sich auf dem Cover auch in das sonstige Schwarz des Buches ein. Mit dem abschließenden Kapitel „Ja, aber“ – als Kontrapost aus der bis dahin durchlaufenden Nummerierung herausgenommen – und den drei folgenden Arbeitsblättern mit den Themen: „Die Brückenentscheidung“, „Der existenzielle Abschied“ und „Der Eigenauftrag“ mündet das Buch in ganz praktischen Anleitungen für ein Coaching des Todes. Zahlreiche Illustrationen unterstützen bis dahin die Leserfreundlichkeit dieser über 400-seitigen Monografie.

Nicht nur für Coaches, Berater und Therapeuten bietet „Coaching des Todes“ einen breiten Einblick in ein (zu) oft gemiedenes Thema. Auch Philosophen und Theologen dürfen dankbar sein, dass sich ein Kaufmann der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre auf dieses Terrain vorwagt. Dadurch wirkt seine Auseinandersetzung nicht „ideologisch“ vorbelastet. Sondern sie gewinnt Klarheit und kann dadurch immer wieder „auf den Punkt“ kommen, weil sie das Abschiednehmen und Erfahren von Sinn auf voraufgehenden, tieferliegenden Werteebenen gründet. Der Ansatz ist daher auch gänzlich frei von weltanschaulichen Glaubensinhalten, sodass das hier vorgestellte Konzept für eine kulturell und religiös plurale Gesellschaft eine wichtige Grundlage darstellt. Eine diesbezügliche Rezeption ist „Coaching des Todes“ zu wünschen!

Fazit: Sterben und Tod sind in der westlichen Gesellschaft an Spezialisten delegiert worden. Damit ist das Thema nicht nur aus dem Alltag verdrängt worden, sondern in gewisser Weise auch ein Tabu. Die Corona-Pandemie hat wieder daran erinnert, dass der Tod zum Leben – und zum Beruf – gehört. Sie hat schmerzhaft in die Komfortzone eingegriffen und verdeutlicht, dass es auch im Leben und Beruf kleine und größere Tode gibt. Diese Tode lassen sich zwar für gewisse Zeit verdrängen, man muss sich ihnen aber stellen, um zur Klarheit zu gelangen und Sinn zu erfahren. Für die Begleitung dieses letzten Schrittes, „auf den Punkt zu kommen“, ist „Coaching des Todes“ eine sehr wertvolle Lektüre – gleichermaßen für die Bereiche Personal und Business Coaching. Als gut erweiterbar kann der Ansatz auch insbesondere für das Feld des Exit-Coachings und der Exit-Strategien empfohlen werden!

Zitat: „Ist eine Person auf den Punkt gekommen, so bringt sie damit zum Ausdruck, im Einklang zu stehen mit dem Wert, den sie frei verwirklichen will und mit dem sie sich verantwortlich auf einen Sinnanlass ausrichtet.“ (S. 150)

Dr. Thomas Hanstein