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Der Sinn im Alter

Menschen suchen nach etwas, das ihrem Leben Bedeutung verleiht. Dieses Etwas ist nicht gleichzusetzen mit dem ‚Sinn‘, der im Leben eines jeden Menschen stets per se gegeben ist. Bedeutung meint die kognitiv bemessene Wichtigkeit, die ein Gegenstand, ein Sachverhalt oder auch ein Mensch für einen Menschen haben kann. Der Mensch deutet also in Etwas etwas hinein und interpretiert das Ergebnis dann als mehr oder minder bedeutungsvoll. Analog erhoffen Menschen, dass sie selbst, ihre Taten, Werke und Leistungen für andere voll von Bedeutung sind. Dass sie gebraucht werden, dass sie nachgefragt werden, dass sie zu etwas beitragen können, dass sie für etwas angesehen werden – es ist naheliegend, dass insbesondere im Beruf diese Hoffnungen auf Erfüllung warten. Aber Menschen im fortgeschrittenen Alter, die sich nach ihrer Berufstätigkeit nun in der Phase der Freitätigkeit befinden, sich also noch nicht im Ruhestand befinden, fühlen häufig ein Bedeutungsdefizit. Sie erleben, nicht mehr ‚gefragt‘ zu sein, ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Expertise, ihre Motivation sind mit einem Mal gefühlt wertlos. Faktisch ist dies meist ein Denkfehler. Nur, weil ein Luftballon, in den ich immer wieder im Beruf hineingeblasen habe, nun diese Luft nicht mehr bekommt, ist der Ballon ja weiterhin da. Es braucht ’nur‘ einen neuen, unverbrauchten Atem. Einen Atem der Identität, der eigenen Werte, des Willens zur Freiheit und Verantwortung, das eigene Wertesystem einzusetzen für neue Aufgaben. Die Bedingung? Das eigene Wertesystem muss man kennen. Ist es nicht reflektiert, dann hofft man auf Aufgaben und fällt über kurz oder lang auf die Nase, weil man sich in die Hände derer begibt, die der Ansicht sind, die Person mit irgendwelchen Themen beglücken zu müssen, damit sie irgendwie beschäftigt ist.

Also: Entdecken und erarbeiten Sie zuerst Ihr Wertesystem. Dann klären Sie, welche dieser Werte sie frei und verantwortlich verwirklichen wollen. Und dann schenken Sie sich etwas Geduld, damit Sie die Angebote und Aufgaben, die Ihnen aus Ihrer Lebenswelt entgegenkommen, daraufhin überprüfen können, ob damit diese Werte in einer erfüllenden Tätigkeit aufgehen können. Wenn nicht, dann sagen Sie wertebewusst ’nein‘. Wenn ja, dann erfreuen Sie sich der freitätigen Bedeutung solange Sie es wollen.

Die Werte-Säge schärfen

Immer mehr Menschen wollen in ihrem Leben mehr Zeit und innere Ruhe finden und doch reißt sie der temporeiche Strom der täglichen Anforderungen einer rastlosen Gesellschaft immer wieder mit. Auf das Wesentliche zu schauen und nicht nur auf das Wichtige, rückt immer wieder in den Hintergrund. Und die Folge ist: Das Leben ist schwer, aber es entspricht einem nicht. Das Empfinden lautet dann: Sinnkrise.

In der Therapie fragen sich dann die Menschen: Was habe ich verfehlt, was übersehen?

Um diese Fragen zu beantworten, braucht es Entstressung. Durch eine ruhige und substanzielle Klärungsarbeit hinsichtlich der eigenen Werte. Wir haben dazu für unsere logotherapeutische Begleitung ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Wertesystem herausdestillieren lässt, das weitgehend unabhängig von Sozialisationsprozessen durch Eltern und Umwelt ist. Dieses Verfahren braucht keine große Vorbereitung, kein üppiges Budget oder ewige Therapiestunden. Aber es braucht die Bereitschaft, dem Gedankengut Viktor Frankls zu folgen, in dem der Mensch anders als in anderen psychotherapeutichen Schulen nicht reduziert wird – weder auf Triebe, Minderwertigkeitskomplexe noch auf die Einflussnahme des Unbewussten.

Und es braucht etwas, was für viele Menschen an sich heute das Schwierigste ist. Stille. Die Hektik der Zeit, das Überbrücken jeder kleinsten Pause, die Dauerzerstreuung erschweren die Werteklärung immens. Wer es nicht schafft, das Beeinflussungspotenzial moderner Medien hinreichend zu dämpfen, wird nicht die innere Stimmen hören können, die es braucht, um sich seiner Werte bewusst zu werden. Wie der Einzelne dies schaffen kann, steht daher für uns am Anfang der Prozessarbeit – ohne eine solche Vereinbarung ist der Prozesserfolg gefährdet, und das wollen wir nicht.

Ist das Wertesystem geklärt, dann ist die individuelle ‚Säge‘ wieder scharf. Ohne diese Klärung stumpft sie ab, Entscheidungen, Handlungen und Verhaltensiweisen werden immer diffuser und der Mensch versteht sich selbst nicht mehr.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Werteklärung? Jetzt! Aber allemal bestmöglich nicht erst dann, wenn eingetreten ist, was die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in ihren Stressreports seit Jahren beständig veröffentlicht: mehr als 50% der befragten Berufstätigen arbeiten unter starkem Termin- und Leistungsdruck, ebenso viele haben Rückenschmerzen, jeder
Dritte regelmäßig Kopfschmerzen, jeder Vierte Schlafstörungen, jeder Fünfte deutliche Anzeichen massiver Erschöpfung. Wer seine Werte erst dann klärt, wenn sein ‚Profil‘ abgefahren ist, braucht mehr Aufwand, um sich für diese Arbeit zu stabilisieren und in die Stille zu kommen.