Hervorgehobener Artikel

FÜR IHR RECHT AUF EIN GELINGENDES LEBEN: KRISENPRAXIS
Seit Januar 2014 leisten wir mit unseren Impulsen und Anregungen einen Beitrag zur Entwicklung und zum Ausbau individueller Krisenkompetenz. Dabei stützen wir uns immer wieder auf die Sinntheorie des Wiener Psychologen und Menschenfreunds Professor Viktor E. Frankl. Die KrisenPraxis wird unseren Leserinnen und Lesern kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Ein kleiner Beitrag zur Krisenprävention

Mit unserem Verfahren Life2Me® konnten wir bereits viele Menschen hilfreich in der präventiven Krisenarbeit unterstützen. Anfängliche Beklemmungen, wohin einen wohl die Überlegungen führen würden, wichen schnell dem guten Gefühl, einen wichtigen Beitrag zur eigenen Stabilisierung geleistet zu haben. Am Ende des individuellen Reflexionsprozesses können Fragen wie diese klar beantwortet werden

  • Was sind meine wichtigsten liebenvollen und freundschaftlichen Beziehungen, die mich trotz einer Krise tragen werden?
  • Was sind meine wichtigsten Erfahrungen, auf die ich trotz einer Krise fest bauen kann?
  • Was ist trotz eines Krisengeschehens mein Sehnen, mein Träumen, mein Glaube …. mein weiterer Weg.
  • Was sind die Werte, die ich trotz einer Krise verwirklichen werde? [Anmerkung: diese Frage ist von zentraler Bedeutung in der Krisenprävention, denn in einer Krise kann ein Mensch nicht entscheiden, welche Werte Vorrang haben, zum Beispiel Freiheit oder Bindung, Sicherheit oder Risiko – Konsequenz oder Nachgiebigkeit, ….)
  • Welche Gewohnheiten werde ich trotz einer Krise pflegen, welches Verhalten werde ich entwickeln?
  • Welche Ängste werde ich trotz Krisenprävention zulassen, sollte eine Krise wirklich eintreffen, welche seelischen Verletzungen jedoch werde ich abweisen?
  • Was bleibt trotz einer Krise das Schöne, an dem ich mich orientieren werde?Antworten auf diese Fragen formen eine Geschichte, die nicht nur dann gut zu erzählen ist, wenn ein Mensch eine Krise erlebt. Im Gegenteil: Sie helfen im Hier und Jetzt dabei, das Leben sinnvoll auszurichten. Sie ermöglichen das gute Maß an Selbstliebe, das ‚hos seauton‚ (Liebe andere, ‚wie dich selbst‘)

Die Klugheit gibt nur Rat,
die Tat entscheidet.

Franz Grillparzer

Die Krisen großer Musiker – heute: Ludwig van Beethoven

Wer kennt sie nicht, die Ode ‚an die Freude‘ von Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit dem Grundtext von Friedrich Schiller:

„Freude, schoener Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Fluegel weilt.“

Bei der Uraufführung der 9. Sinfonie im Mai 1824 im Wiener Hoftheater war Beethoven bereits  völlig ertaubt. Er selbst schildert den Beginn seiner Schwerhörigkeit mit rund 30 Jahren als Hochton- und Sprachverständlichkeitsverlust, quälende Ohrgeräusche, Verzerrungen und Überempfindlichkeit für Schall. Seinen suizidalen Gedanken entkam er letztlich durch die Freude an der Musik, wie Auszüge aus seinem Testament nahelegen:

O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder
erkläret, wie unrecht tut ihr mir; ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was
euch so scheinet […] aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand
mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der
Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines
dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist)
gezwungen, mit einem feuerigen, lebhaften Temperamente geboren, selbst
empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern,
einsam mein Leben zubringen […] wie ein Verbannter muß ich leben […] solche
Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte
selbst mein Leben – nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück […] und so fristete ich
dieses elende Leben – wahrhaft elend; einen so reizbaren Körper, daß eine etwas
schnelle Veränderung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen
kann […] o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht
getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden, der trotz
allen Hindernissen der Natur, doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand,
um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden …

Aber nicht nur das Gehör bereitete Beethoven Probleme, eine Vielzahl anderer Erkrankungen wie Pocken, Masern, Asthma bronchiale, Kurzsichtigkeit, Gelbsucht galt es für ihn zu überstehen.
Der Sinn, den er im Beitrag seiner Musik für die Menschen sah, wird die Grundlage dafür gewesen sein, ‚trotzdem Ja zum Leben gesagt zu haben‘.

Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen,
nicht die, die wir tun.

Marie von Ebner-Eschenbach

Existenzphilosophische Betrachtung von Krisen

Haben Krisen einen Eigensinn? Manche Menschen glauben ja, sie hätten Reifeprozesse nur vollziehen können, weil sie Krisen zu überwinden hatten. Nun gut, es ist schwer gegen diese Meinung zu argumentieren, weil sie ja stets ‚ex post‘ formuliert wird. Unsere Arbeitshaltung entspricht sie nicht – im Gegenteil: wir sind davon überzeugt, dass Krisen vermieden werden können, wenn ein Mensch sich seine Werte bewusst macht und sie präventiv und szenarisch mit seinem Lebensmodell in Abgleich bringt.

Ist eine individuelle Krise jedoch erst einmal im Gange, dann hat sie immer einen bedrohlichen Charakter und verletzt das menschliche Streben nach Gleichgewicht, Harmonie, Zugehörigkeit,
Eingebundenheit, Ungestörtheit. Die Orientierung im Leben, die Kontrolle über das eigene Leben, zumindest in einem bestimmten Maß, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wird dieses Grundbedürfnis erfüllt, vermittelt das existentielle Sicherheit. Demgegenüber werden Daseinskrisen als emotionale Erschütterung empfunden und rufen zur Klärung der eigenen Existenz auf.

EIne Reihe von Krisentheoretikern ist nun der Ansicht, dass diese Klärung nur mit Krisen überhaupt zu bewerkstelligen ist. Als ein Beispiel sei genannt: „Der Mensch verwirklicht seine eigentliche Existenz nur in der Krise und nur durch die Krise. Und weil diese eigentliche Existenz nur im Prozeß und nie als Ergebnis zu erringen ist, so heißt das: Der Mensch existiert nur, sofern er in der Krise steht.“ [Bollnow] Die Idee, Krisen würden gebraucht, um als Mensch auf eine höhere existenzielle Ebene zu gelangen, mutet in unserem Empfinden als reduzierend [der Mensch ist nichts anderes als das Ergebnis seiner Krisen] und inhuman an.

Nahezu wohltuend ist hingegen die Perspektive von Kierkegaard, der Krise nicht in den Kontext von Gefahr setzt, sondern von Transformation und ‚Metamorphose’. Krise meint hier den Übergang eines psychischen in einen geistigen Zustand des Menschen. Auf psychischer Ebene erfährt der Mensch zum Beispiel Leid, er fühlt sich psychisch belastet oder sogar krank – doch durch den Übergang auf die geistige, sinnorientierte Ebene erhebt sich die Person über ihr Leid. Und dies nicht, weil in jeder Krise eine Chance steckt oder es in jeder Krise einen Sinn zu entdecken gilt, sondern weil es trotz einer Krise eine weitere Ebene gibt, auf der Sinn gefunden werden kann. Nur: Diese Ebene gibt es auch ohne Krise, weshalb wir dafür plädieren, eine persönliche Entwicklung auf geistiger Ebene einzuleiten, um über diesen Prozess in den Zustand zu kommen, ‚Herr‘ über jede Krise zu bleiben.

Die sinnzentrierte Psychotherapie [Logotherapie], hier als Daseinsprävention verstanden, ist die einzige Therapierichtung, die eine solche Entwicklung persönlicher Stabilität für schwere Zeiten substanziell ermöglicht.

Wenn das Leben dir in den Hintern tritt,
dann solltest du den Schwung nutzen,
um vorwärts zu kommen.

Pierre Franck

Die Aufgabe der Umgebung ist nicht,
das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben,
sich zu offenbaren.

Maria Montessori

Die Krisen großer Musiker – heute: Frédéric Chopin

Frédéric Chopin (1810-1849) ,in Żelazowa Wola geboren, schrieb mit 20 Jahren: ‚Ich denke, dass ich abreise, um zu sterben.‘

1830 verlässt Chopin seine Heimat in Polen und reist nach Paris und 1838 nach der Heirat mit George Sand nach Mallorca. Schon 1835 litt er unter Husten, später dann unter einer Lungenentzündung und Tuberkulose. Die Zeit auf Mallorca – so findet es sich in seiner Biografie – muss permanent von seiner Krankheit geprägt worden sein. Nicht ohne Ironie schreibt er in dieser Zeit: ‚Die drei berühmtesten Ärzte der ganzen Insel haben mich untersucht; der eine beschnupperte, was ich ausspuckte, der zweite klopfte dort, von wo ich spuckte, der dritte befühlte und horchte, wie ich spuckte. Der eine sagte, ich sei krepiert, der zweite meinte – dass ich krepiere, der dritte – dass ich krepieren werde.‘

1839 geht es für Chopin zurück nach Paris, seine Lunge ist chronisch entzündet, er nimmt Opiumtropfen zur Schmerzlinderung. Ab 1843 ist er oft bettlägrig. 1847 wird die Ehe geschieden. 1849 stirbt Chopin durch Lungen- und Herzschwäche sowie an Morphinsucht und Abmagerung.

 

Ein guter Rat ist wie Schnee.
Je sanfter er fällt, desto länger bleibt er liegen
und um so tiefer dringt er ein.

Simone Signoret