Hervorgehobener Artikel

NENN ES: ICH NUTZE MEIN RECHT AUF EIN GELINGENDES LEBEN
Herzlich Willkommen in unserer KrisenPraxis. Seit Januar 2014 leisten wir mit unseren Impulsen und Anregungen einen Beitrag zur Entwicklung und zum Ausbau individueller Krisenkompetenz. Dabei stützen wir uns immer wieder auf die Sinntheorie des Wiener Psychologen und Menschenfreunds Professor Viktor E. Frankl. Die KrisenPraxis wird unseren Leserinnen und Lesern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Empfehlung.

Verärgert

Gerade lese ich:

„Es ist vollkommen menschlich, dass wir auf Krisen mit Verdrängung reagieren. Doch wenn ich Ihnen nur einen einzigen Rat geben sollte: Nehmen Sie die Lebenskrise als das, was sie ist – als eine Chance, Ihre Lebensumstände auf der Metaebene zu betrachten. Eine Krise kann in unserem Leben zu einer unglaublichen, stärkenden Kraft werden. Wir lernen aus solchen Krisen – auch weil wir auf einmal mit unserem wunderbaren Unterbewusstsein Kontakt aufnehmen können. So erkennen Sie, was wirklich wichtig in Ihrem Leben ist. Was Ihnen guttut. Wie Sie mit sich selber im Kontakt stehen.“

NEIN! Es ist vollkommen absurd, dass wir auf Krisen mit Verdrängung reagieren. Nicht die Krise ist eine Chance, ihre Prävention ist die Chance, um im Fall des Falles einen Umgang mit ihr entwickelt zu haben, die das individuelle Recht auf ein gelingendes Leben hilft zu erhalten. Wer Lebensumstände erst betrachtet, wenn sie sich verändert haben, hat letztlich eine sinnvolle Möglichkeit verpasst. 

Das Leben ist nicht so, wie es sein sollte.
Es ist so, wie es ist.
Wie man damit fertig wird, macht den Unterschied aus.

Virginia Satir

Zehn Thesen zur Person

Das Menschenbild der Sinntheorie wurde durch Viktor Frankl in zehn Thesen zur Person verdichtet. Die Thesen lauten:

  1. Die Person ist ein Individuum: die Person ist etwas Unteilbares — sie lässt sich nicht weiter unterteilen, nicht aufspalten, und zwar deshalb nicht, weil sie Einheit ist.
  1. Die Person ist nicht nur in-dividuum, sondern auch in-summabile; d. h. sie ist nicht nur unteilbar, sondern auch nicht verschmelzbar, und dies ist sie deswegen, weil sie nicht nur Einheit, sondern auch Ganzheit ist.
  1. Jede einzelne Person ist ein absolutes Novum. Mit jedem Menschen, der zur Welt kommt, wird ein absolutes Novum ins Sein gesetzt, zur Wirklichkeit gebracht.
  1. Die Person ist geistig. Und so steht die geistige Person in Gegen­satz zum psychophysischen Organismus.
  1. Die Person ist existentiell und nicht faktisch. Der Mensch, als Person, ist kein faktisches, sondern ein fakultatives Wesen; er existiert als je seine eigene Möglichkeit, für oder gegen die er sich entscheiden kann.
  1. Die Person ist ichhaft, also nicht eshaft [im Sinne triebhaft]: sie steht nicht unter dem Diktat des Es.
  1. Die Person ist nicht nur Einheit und Ganzheit, sondern die Person stiftet auch Einheit und Ganz­heit: sie stiftet die leiblich-seelisch-geistige Einheit und Ganzheit, die das Wesen ‚Mensch‘ dar­stellt.
  1. Die Person ist dynamisch. Eben dadurch, dass sie sich vom Psychophysikum zu distanzieren und abzuwenden vermag, tritt das Geistige überhaupt erst in Erscheinung. Da sie dynamisch ist, dürfen wir die geistige Person nicht als Gegenstand betrachten, und darum können wir sie auch nicht als Substanz – zumindest nicht als Substanz im herkömmlichen Sinne – qualifizieren.
  1. Das Tier ist schon deshalb keine Person, weil es sich nicht über sich selbst stellen, sich gegenüber­zustellen imstande ist. Darum hat das Tier auch nicht das Korrelat zur Person, hat es auch keine Welt, sondern nur Umwelt.
  1. Die Person begreift sich selbst nicht anders denn von der Transzendenz her. Er ist auch nur Mensch in dem Maße, als er sich von der Transzendenz her versteht, — er ist auch nur Person in dem Maße, als er von ihr her personiert wird: durchtönt und durchklun­gen vom Anruf der Transzendenz. Diesen Anruf der Transzendenz hört er ab im Gewissen.

Von Hexen und Tornados

Bedrohungen sind allgegenwärtig. In den Medien reihen sie sich auf wie an einer Perlenkette, erst ein Beben, dann Terror, dann Tsunami, ein Super-Gau, ein Brückenzusammenbruch, Brexit, dann wieder Terror … die individuelle Wahrscheinlichkeitsrechnung führt letztlich dazu, dass einige Menschen nicht mehr Schweinefleisch essen, sich beim public viewing den Fußball anschauen oder die Türkei als Reiseland meiden.

Was heute die Medien übernehmen, war früher einmal mit dem Glauben an Gestirne verbunden.Unglücke, ob zwei Menschen zueinander passen oder auch nicht – für vieles wurden Sterne befragt. Noch weiter zurück in der Geschichte wurden böse Geister für das Ungemach der Welt verantwortlich gemacht. Manchmal in Gestalt von Hexen – fünf Millionen Frauen galten derart als Risiko, dass sie über die Jahrhunderte hinweg ihr Leben lassen mussten, anfänglich initiiert durch den Klerus, ab ca. 1520 auch durch die weltliche Gerichtsbarkeit.

Gut, der Hexenglaube ist heute nicht mehr allzu weit verbreitet, viele Menschen haben jedoch durchaus die Hoffnung, dass es eine Art Schutzengel und so etwas wie ein individuelles Schicksal für sie gibt. Gustav Mahler komponierte deshalb keine 9.Symphonie, da viele andere Komponisten wie etwa Beethoven nach der ‚Neunten‘ verstarben. Zu dumm, nach seiner zehnten, die an sich seine Neunte war, verstarb auch er.

Andere Menschen sind da schon risikofreudiger. Tornadojäger in den USA [und vermutlich auch bald bei uns], Glotzer auf der Autobahn [die dann aber oft selbst Schaden nehmen, weil sie Unfälle provozieren], Schönheits-OP-Junkies, Autojagden in Großstädten und – natürlich – die Anhänger diverser Extremsportarten – der Glaube daran, dass über den Kitzel hinaus die Lage wohl schon beherrschbar sei, greift immer mehr um sich. Ob der Grund darin zu finden ist, dass wir an sich in einer [noch hinreichend] sicheren Gegend der Welt leben? Viktor Frankl wusste bereits: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Dann gehts ums Überleben. Sicherheit und Neurose scheinen eine seltsame Liaison einzugehen.

Aus der Luftfahrtforschung ist bekannt, dass der Grad an Sicherheit für andere wie für die eigene Person zunimmt, wenn die handelnden Piloten, Techniker, Ingenieur usw. davon ausgehen, dass einzig ihre Eigenverantwortlichkeit für das Ergebnis zählt. Sind die Akteure jedoch schicksalsgläubig, dann steigt die Unsicherheit um das Zehnfache. Die Sicht auf die Welt hat also einen unmittelbar Einfluss auf das Risikoniveau. Wir leiten hieraus ab, dass die Eigenverantwortlichkeit im Kontext der individuellen Krisenprävention dazu dient, den Grad an Sicherheit deutlich zu erhöhen. Der Glaube daran, das ‚wenn das Schicksal es will, es ohnehin passiert‘, erhöht jedoch das Risikoniveau immens. Andersherum: wer sich Schicksalsfantasien hingibt, investiert nicht in Prävention.
Eigenverantwortlichkeit ist dabei nicht gleichzusetzen mit Selbstbestimmung. Bei letzterer denkt die Person, die Regeln des Handelns selbst setzen zu können. Ist eine Person davon überzeugt, so steigt das Risikoniveau – von Dränglern auf der Autobahn ist dieses Verhalten nur zu gut bekannt.

Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man vermuten, dass Menschen, die über eine reflektierte Weltsicht verfügen, in der das Bewusstsein für erforderliches Handeln unter Unsicherheit entwickelt und die Eigenverantwortlichkeit des eigenen Handelns als Erfordernis akzeptiert sind, über ein höheres Grad an Risikohandhabungskompetenz verfügen als andere.

„Meine persönliche Erfahrung ist,
dass Fehleinschätzungen sich häufig dann ergeben,
wenn man sich im Urteil besonders sicher wähnt.“

Giovanni di Lorenzo

Die geistige Dimension des Menschen – II

Der Arzt Frankl bringt es auf den Punkt: „Wir wissen nicht, woher … der personale Geist zum organismischen Leib-Seelischen hinzukommt; aber eines ist gewiss, aus den Chromosomen geht er keinesfalls hervor“ … „die geistige Person … ist wesentlich ein In-dividuum und In-summabile;
sie ist wesentlich unteilbar und unverschmelzbar und kann als solche niemals aus Teilbarem und Verschmelzbarem hervorgehen …“

„Das Kind ist wohl Fleisch vom Fleische seiner Eltern, aber nicht Geist von ihrem Geiste. Immer ist es nur ein ‚leibliches‘ Kind – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: im physiologischen Wortsinn; in metaphysischem Sinn hingegen ist eigentlich jedes Kind – Adoptivkind. Wir adoptieren es in die Welt, ins Sein hinein.“

Der Mensch hat Geist und er ist geistiges Wesen – dieses Haben und Sein bündelt der Begriff ‚Logos‘. Das subjektiv Geistige meint die Person, die durch Verwirklichung ihrer Werte den Sinn im Leben findet. Das objektiv Geistige meint den per se gegebenen Sinn, auf den sich der Mensch in Freiheit und Verantwortung auszurichten vermag. Dass der Mensch in seiner geistigen Dimension ‚weltoffen‘ ist, heißt für Frankl, dass er „eigentlich oder zumindest ursprünglich über sich selbst hinaus nach etwas langt, dass nicht wieder er selbst ist, nämlich entweder nach einem Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder nach einem Sein, dem zu begegnen oder zu lieben es gilt.“

Für Menschen in unerträglichen Situationen ist es tröstlich zu wissen, dass sie durchaus ihren ‚Verstand verlieren‘ dürfen, denn diese psychische Reaktion ist normal in der Begegnung einer anormalen Situation. Würden sie ihn nicht verlieren, dann hätten sie keinen.
Das Geistige jedoch ist niemals verloren, im Gegenteil, mit dem Geistigen gewinnt sich der Mensch zurück und vermag sogar, aus dem tiefsten Abgrund ‚triumphierend‘ hervorzugehen.

Die besondere Stellung der geistigen Dimension führt so in der Begleitung krisenbelasteter Menschen zu einer Arbeitshaltung, die die Betroffenen zuweilen selbst erstaunt. Ist die psychische
und/oder physische Dimension zwar ver- oder gestört, so gilt die geistige Person per se als nicht zerstörbar, sie ist stets gesund. Der Mensch in einer Krise hat daher womöglich starke psychische und körperliche Beeinträchtigungen, niemals jedoch geistige. Diese grundsätzliche, jedem Menschen gegebene Resilienz ist letztlich die Quelle der Bewältigung einer Krise.

Die geistige Dimension des Menschen – I

Der Mensch hat mehr als Körper und Psyche. Für Viktor Frankl ist die Geistigkeit, die geistige Dimension das ‚spezifisch Menschliche‘, die Eigentlichkeit des Menschen. Erst die geistige Dimension ermöglicht es dem Menschen, sich von sich selbst zu distanzieren, Abstand zu gewinnen – zum Beispiel von belastenden Glaubenssätzen, Verstimmungen, Ängsten, Zwängen.

War der Philisoph Max Scheler noch der Ansicht, der Geist sei dem Psychischen und Physischen als Instanz entgegengesetzt, überwindet Frankl diesen Dualismus, indem er Physis, Psyche und Nous [= Logos, das Geistige] nicht als Kategorien, sondern als Dimensionen versteht. Diese Haltung – man würde sie wohl heute ganzheitlich nennen –, den Menschen ‚frei zu sprechen‘ von seiner in anderen Psychologien festgeschriebenen Abhängigkeit vom Psychischen und Körperlichen, führt Frankl zu der Aussage, dass man dem Menschen wieder ‚Mut zum Geist‘ machen muss. Man muss ihm klarmachen, dass er Geist hat und dass er ein geistiges Wesen ist, sei er auch noch so schwer durch erschütternde, brisante Situationen belastet.

Mut zum Geist zu haben meint, die endliche und relative Freiheit zu nutzen, den gegebenen Bedingungen der Herkunft, der Kultur, der Zeit, der bisherigen Entwicklung des eigenen Bewusstseins, der Umwelt zu trotzen. Der Mensch hat diese Selbstbestimmungsfähigkeit, seine Eigentlichkeit ist die Freiheit, er ist ‚un-bedingt‘. Mut zum Geist zu haben meint für Frankl aber auch anzuerkennen, nicht zu wissen, woher der entscheidende Impuls kommt. Im aristotelischen Sinn sagt er: Der Geist kommt ‚zur Tür herein‘ oder wie Blaise Pascal es formulierte, „der Mensch ist sich selbst das rätselhafteste Ding der Natur, denn er kann nicht begreifen, was Körper und noch weniger, was Geist ist und am wenigsten von allem, wie ein Körper mit einem Geist vereint sein könnte. Das ist der Gipfel aller Schwierigkeiten, und indessen ist es unser eigenes Wesen. Wie Geist mit Körper zusammenhängt, kann von Menschen nicht begriffen werden; und doch besteht in eben diesem Zusammenhang der Mensch.“

Wer zuviel verlangt,
wer sich am Verwickelten erfreut,
der ist den Verirrungen ausgesetzt.

Goethe

Mythos ‚Krise und Chance‘

Victor H. Hair, Professor für Chinesische Sprache und Literatur an der Universität Pennsylvania, verweist auf den sich hartnäckigen Irrtum, das chinesische Schriftzeichen für Krise sei gleichermaßen zu interpretieren als Risiko/Gefahr und Chance/Gelegenheit.

Finally, to those who would persist in disseminating the potentially perilous, fundamentally fallacious theory that “crisis” = “danger” + “opportunity,” please don’t blame it on Chinese!

Quelle

 

Einem anderen Menschen seine schiefen und verwachsenen Gedanken
orthopädisch gerade zu rücken, ist eine wahre Hundearbeit.

Theodor Fontane