Hervorgehobener Artikel

FÜR IHR RECHT AUF EIN GELINGENDES LEBEN: KRISENPRAXIS
Seit Januar 2014 leisten wir mit unseren Impulsen und Anregungen einen Beitrag zur Entwicklung und zum Ausbau individueller Krisenkompetenz. Dabei stützen wir uns immer wieder auf die Sinntheorie des Wiener Psychologen und Menschenfreunds Professor Viktor E. Frankl. Die KrisenPraxis wird unseren Leserinnen und Lesern kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Frankl for Business – 4

Die Grenze unserer Sprache ist die Grenze unserer Welt, wusste schon der Philosoph Wittgenstein. Wird die Sprache so eng, dass ein Mensch die Unterschiede zwischen Sinn und Zweck, Spaß und Freude, Grund und Ursache, Sieg und Gewinn, Niederlage und Verlust, Lob und Anerkennung, Tadel und Kritik usw. nicht mehr kennt, dann wird auch die Welt eng. Sprachanalytiker wissen um das Phänomen, dass heutzutage immer mehr Menschen immer weniger Worte einsetzen, um ‚ihre‘ Welt zu erklären. Manchen reichen die Twittermeldungen, um sich orientiert zu fühlen, anderen fünf Sätze täglich, um zu glauben, dass man mit seinem Partner oder seiner Partnerin ein dauerhaft glückliches Leben führen kann. Ob dies jemals wieder anders wird, wird sich zeigen. Bis dahin bleibt der Anspruch sportlich, mit Menschen darüber in den Diskurs darüber zu gehen, dass Sinn nur dann gefunden werden kann, wenn der Mensch sich dabei ’selbst vergisst‘, dass er ihn nur dann findet, wenn er bereit ist, einen Dienst an einer Sache, ein Streben nach guter Leistung oder eine Hingabe an einen Menschen zu zeigen, wenn dies nicht aus dem Zweck heraus geschieht, Geld zu verdienen, Ermächtigung zu erhalten, einen Orden umgehängt zu bekommen oder anderweitig eine Gegenwährung zu erwarten. Zweckvolles Handeln hat natürlich ihren Platz und es ist wichtig, dass Menschen sich für Zwecke einsetzen. Doch jeder dieser Zwecke ist im Kern verzichtbar, weil austauschbar. Sinnvolles Handeln hingegen ist unverzichtbar, soll sich in seiner Wirkung ein Gefühl von Glück, Zufriedenheit und gelingendem Leben einstellen.

Die Aufgaben des Lebens erfüllen einen Menschen mit Sinn. Die Aufgaben in Unternehmen erfüllen einen Zweck. Es ist hilfreich, dies voneinander unterscheiden zu können, denn beides braucht es. Führungskräfte führen sinnfördernd dann, wenn sie ihren Mitarbeitern die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese in ihrer Arbeit Sinn finden können. Damit dies besser gelingt, lohnt die Auseinandersetzung mit dem Gedankengut Viktor Frankls, von dem Fredmund Malik sagt: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

Zweckdienlich zeigen sich Unternehmen dann, wenn Kunden durch sie Nutzen erhalten. Den Nutzen, den die Kunden ihnen stiften, zeigt sich in der Bezahlung für das Einhalten des Nutzenversprechens der Organisation. Dieser Nutzen ist für Menschen dann von Wert, wenn eigene Werte durch den erfahrenen Nutzen verwirklicht werden können. Über den Prozess von Geben und Nehmen entsteht das, was mit dem Verb ‚rendere‘ gemeint ist: ergreifen. Durch den vom Unternehmen erbrachten Zwecknutzen erhält der Kunde seine ‚Rendite‘, um mit einem Produkt oder einer Dienstleistungen die Basis dafür zu legen, etwas Sinnerfüllendes bewirken zu können. Die Rendite eines erworbenen Bleistifts ermöglicht so zum Beispiel, durch das Schreiben mit ihm etwas in die Welt schaffen zu können, das den Schreibenden mit Sinn erfüllt. Der Bleistift als solcher macht daher keinen Sinn, sondern er ermöglicht, die bereits beantwortete Frage: ‚wofür ist es gut, dass ich das jetzt schreibe?‘ zu einer sinnvollen Handlung werden zu lassen. Mit dem Ergreifen des Bleistifts ermöglicht sich der Schreibende die Verwirklichung eigener Werte und damit die Erfüllung eines Sinns.

Und mit dem Kauf des Kunden erzielt das Unternehmen ’seine‘ Rendite und könnte sich so ermöglichen, die sich bereits beantwortete Frage: ‚wofür ist es gut, dass wir dieses oder jedes Produkt oder diese oder jene Dienstleistung entwickeln‘ zu einer sinnvollen Handlung zu führen. In vielen Organisationen fehlt jedoch die Erkenntnis darüber, wie Kunden etwas Sinnerfüllendes durch Einsatz von Produkten oder Dienstleistungen realisieren. Dies führt mancherorts zum Empfinden bei Mitarbeitern, mit ihren Leistungen nichts Sinnvolles ihrerseits zu tun. Zurück bleibt das Gefühl, ’nur einem Zweck der Organisation zu dienen‘ [wenngleich eben vollends nicht ausgeschlossen werden kann, dass sehr wohl Sinnvolles auf Kundenseite realisiert wird]. Um dieses Dilemma aufzulösen, suchen Mitarbeiter zumindest den Sinn in der Arbeit für sich selbst. Da Sinn in der Arbeit zu finden bedingt, die eigenen Werte zu kennen, die sich durch ihre Verwirklichung als sinnerfüllend anfühlen, haben viele berufstätige Menschen gleich zwei Probleme: Sie können den Sinn in ihrer Arbeit nicht finden und haben zudem keine Vorstellung davon, in welcher Weise ihre Leistung dazu beiträgt, dass andere Menschen durch sie Werte verwirklichen können. Dieses Gefühl einer Sinnleere konstruktiv zu bearbeiten, braucht ‚gute Führung‘, die einen Beitrag zur Selbstmotivation leistet – wobei wir wieder an die Aussage von Fredmund Malik anknüpfen können.

Das Gespräch in Organisation darüber, dass sich die Sinnhaftigkeit von Arbeit nicht in seiner Entlohnung erschöpft und Arbeit ihrerseits trotz Entlohnung als überflüssig empfunden werden kann, ist als Thema der Führungskräfteentwicklung aus unserer Sicht überfällig. Sinnleere entwertet und entwürdigt den Menschen – nie und nimmer kann ein solcher Zustand einen Menschen dazu führen, bereit zu sein, Teil einer Leistungskultur zu sein, wenn eine einseitig auf Gewinn fixierte Ergebnisorientierung als Handlungsmaxime gilt. Nicht ohne Grund ist in diesem Kontext wohl auch die überbordende Anzahl von Ratgebern zur ’sinnstiftenden Führung‘ zu sehen, die allzu oft von Führungskräften Heldentaten abverlangen, die von ihnen allein nicht erbracht werden können, sondern vielmehr nur als ‚Auseinandersetzung‘ auf geeigneten Kommunikationsplattformen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern stattfinden kann. Die Unternehmen, die sich einer solchen Auseinandersetzung entziehen und meinen, mit Appellen ans Commitment, an eine reine Ziel- und Ergebnisorientierung, einer Esel-Möhre-Incentivierung oder eines auf der Oberfläche konzipierten Gesundheitsmanagements a la Fitnesstudio und Salatbuffet in der Kantine die Zukunft gestalten zu können, werden ernten, was sie säten: Passivität, Lethargie, psychische Erkrankungen und vieles mehr.

Frankl for Business – 3

‚Wenn’s mal wieder schnell gehen muss‘ … das Gefühl, getrieben zu werden, ist für viele Menschen zu einem alltäglichen Erleben geworden. Und irgendwann, so berichten mir Klienten oft, kippt dieses Empfinden um in ein ‚ich treibe mich selbst dazu an, um in immer weniger Zeit immer mehr unterzubringen‘. Zuweilen hat es den Eindruck, als wolle der Mensch seine Lebenszeit dadurch verlängern, indem er seine Aktivität verdoppelt und durch seine Tage surft als wäre dies die Lösung für ein Mehr an Lebensfreude. Der Preis dieser Haltung, die an die ersten Weltreisetickets von PAN AM an die junge Generation erinnert, mit denen sie in 10 Tagen in acht Ländern ’strandeten‘, ist der Verlust der Kraft eigener Lebensziele. Geschürt von einer falsch verstandenen Formel ‚der Weg ist das Ziel‘, versuchen Menschen, viele Wege gleichzeitig zu gehen, denn dann – so der Glaube – wäre man auch gleichermaßen gleichzeitig an vielen Zielen.

Die menschliche Psyche derart austricksen zu wollen, führt auf Dauer in die Neurose. Sicher ist der Mensch im Grunde auf die Zukunft ausgerichtet, schöpferisch, erlebnishungrig und sinnstrebig. Vermag er sich selbst zu steuern, dann lenkt er sich hin zu den Aufgaben, die das Leben ihm stellt, ist aufgeschlossen für Ziele und frei zu inneren Haltungen. Schwierig wird es erst dann, wenn er den Spieß umdreht und meint, er könne seinerseits dem Leben die Aufgabe stellen, ihm möglichst viel Spaß, Lust oder Erfolg zu bereiten. Diese Idee – so schön sie vielleicht sein mag – führt den Menschen dazu, nach und nach immer mehr um sich selbst zu kreisen, auf der Suche nach dem nächsten Kick.

„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu verantworten hat.“

„Es kommt nie und nimmer darauf an. was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.“

Viktor Frankl

Gleiches gilt für Unternehmen. Erlebt man sie als überorganisiert oder dauernd in der Umorganisation, auf reine Renditemaximierung bedacht und-oder von einzelnen Personen überbestimmt, dann sieht man irgendwann nur noch eine Organisation mit einem schweren Rahmen, aber ohne Bild. Selbst sehr große Systeme, denen man an sich eine riesige Portion Managementqualität unterstellt, können so auf einmal ins Trudeln geraten und exorbitant an materiellem und ideellem Marktwert verlieren. Ihn wiedergewinnen zu wollen, bedeutet oft, erst einmal wieder den Kompaß neu ausrichten zu müssen und sich dabei nicht von den Marktpartnern irritieren zu lassen, die das alte Spiel gerne fortsetzen möchten.

Ein Hoch auf die Führungskräfte, die an dieser Stelle wissen, dass es nun wirklich um Führung geht und nicht um ein flaches Visionsgerede, Appelle an nachhaltiges Management oder gar um ein Jammern über die, die sich im Markt zwischenzeitlich gegen die Organisation aufgestellt haben. Loyalität plus Innovation kann hingegen die Wertebasis sein, von der aus der Prozess der Gesundung einer Organisation eingeleitet werden kann. Ähnlich ist es beim Einzelnen. Sich selbst in schwieriger Zeit loyal zu bleiben, bedingt, dass man sich der eigenen Werte bewusst ist, dass man weiß, wie man seine Gedanken denkt und dass man erkennt, Sinn nur dann finden zu können, wenn man Abstand zu sich selbst gewinnt. In einer krisenbefreiten Zeit ist dies mit präventivem Lernen für den Umgang mit härteren Lebensmomenten möglich, in der Krise hingegen meist nur durch einen ordnenden, wohlwollenden Blick von Außen.

Frankl for Business – 2

Der Mensch ist ein entscheidendes Wesen. Stets entscheidet es, wer es im nächsten Moment sein will. Selbstbestimmung und Wahlfreiheit statt Reduktionismus und Determinismus – unter anderem diese Aspekte zeichnet das Menschenbild aus, das Viktor Frankl seiner Arbeit mit Menschen zugrundelegt. Einen der Gründe für diese dem Menschen zugewandte Haltung findet sich im Studium der Erfahrungen, die Frankl als Insasse in Konzentrationslagern machte und die ihn erkennen ließen, dass sich dort neben Menschen, die sich widerwärtig verhielten, immer auch welche fanden, die sich als human und im Vergleich zur Mehrheit fast wie ‚Heilige‘ zeigten. Frankl leitet daraus ab: Ein Mensch ist nicht festgelegt. Sein Verhalten ist nicht einfach kausallogisch, trieblogisch oder minderwertigkeitsbasiert.

Auch im Business wird wohl jeder für längere Zeit berufstätige Mensch auf Personen stoßen, die eher dem einen, dem anderen ‚Lager‘ oder in ihrem Verhalten irgendwo dazwischen eingestuft werden können – redliches und ehrbares Verhalten hier, vergiftendes und unseriöses Verhalten dort. Je nach dem, ob mehr nach Zielerreichung, Sieg und persönlichem Vorteil getrachtet oder eher nach Sinnfindung, Gewinn für ein größeres Ganze und Werteorientierung gestrebt wird, zeigt sich ein der Richtung entsprechendes Verhalten. Die Möglichkeit, sich so oder so zu verhalten, bildet den Raum. Wer in diesem Raum als Führungskraft egozentriert wirkt, hinterlässt Verhaltensspuren bei seinen Mitarbeiters und je nach der individuell gefestigten, inneren, selbstbestimmten Haltung eines Mitarbeiters finden Übertragungen statt oder ein Sich-Dagegen-Stemmen. Egozentriertes Verhalten wird meist so lange als unproblematisch empfunden, solange ‚die Zahlen stimmen‘, die Ziele erreicht werden oder es in einem Arbeitsbereich ‚fluppt‘. Werden die Bedingungen enger und ernster und agiert die Führung weiterhin ich-verliebt, dann entstehen schnell Situationen, deren Auswirkungen weit über das aktuelle Geschehen hinausreichen können. Man denke beispielsweise an erforderliche Stellenstreichungen und die Form der mit ihnen verbundenen Trennungsgespräche. Wer hier als Führungskraft auf sein eigenes Wohl, Fortkommen oder seine Stressbefreitheit den Schwerpunkt legt, der wird womöglich zur Kündigung per e-Mail greifen. Wer sich selbst hingegen zurückstellt, der wird erlebt als Person, die sich Zeit nimmt für Aufklärung, Mithilfe und Minderung systemisch negativer Auswirkungen.

Sieht man auf der Geschäftsleitungsebene, dass der Grad an Verrohung des Anstands und des Konformismus in Belastungssituationen zunimmt [um dies herauszufinden, hat sich bewährt, einige Monate nach der Kündigung eines Mitarbeiters diesen einmal anzurufen, um seine Empfehlungen hinsichtlich der Entwicklung der Organisation einzuholen], ist ein kurzfristiges Gegensteuern nur durch Veränderungen in der Personalauswahl [wir setzen dabei in entsprechenden Aufträgen im Rahmen des Auswahlprozesses das Verfahren profilingvalues ein] und in der Sensibilisierung der Führungskräfte in den Themenfeldern Menschenkunde und Verhaltensethik auf mittlere und lange Sicht zu bewirken.

Musik über Krise

In der LinkedIn Gruppe ‚Krisenkommunikation‘ wurden die 15 Musiktitel gewählt, die im Umgang mit Krisensituationen hilfreiche Botschaften parat haben. Vielleicht haben auch Sie ein Lied, das Ihnen in einer schwierigen Lebenslage half? Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie es heute hören?

Hier die LinkedIn-Liste:

„Help“ – The Beatles
„End of the World as We Know It“ – REM
„Pressure“ – Billy Joel
„We Won’t Get Fooled Again“ – The Who
„Get the Fire Brigade“ – The Move
„Under Pressure“ – Queen/David Bowie
„999 Emergency“ – Motorhead
„Bad Moon Rising“ – Creedence Clearwater Revival
„God Only Knows“ – The Beach Boys
„We Didn’t Start the Fire“ – Billy Joel
„Comfortably Numb“ – Pink Floyd
„The Final Countdown“ – Europe
„The Good, The Bad and The Ugly“ – Ennio Morricone
„Until the End of the World“ – U2
„Eve of Destruction“ – Barry McGuire

Frankl for Business – 1

In seinem bekanntesten Buch Man’s Search for Meaning, das von der amerikanischen Kongressbibliothek als eines der zehn einflussreichsten Bücher eingestuft wurde, schlägt Viktor Frankl vor, der Freiheitsstatue an der Ostküste eine Verantwortungsstatue an der Westküste ‚zur Seite zu stellen‘ [in der KrisenPraxis berichteten wir darüber, dass dieses Projekt zwischenzeitlich begonnen und sein Fortgang im Web auch nachzulesen ist]. Warum ist Frankl diese Symbolik so wichtig?

Für Frankl stellt Freiheit ohne Verantwortung das Risiko der Selbstzerstörung dar, unabhängig davon, ob diese Freiheit als eine individuelle, organisationale, politische, als eine Freiheit des Denkens, Wollens oder Handelns interpretiert wird. Eine Organisation zum Beispiel, die aufgrund ihrer Marktmacht die mit ihr verbundenen Freiheitgrade nicht mit Verantwortung flankiert, wähnt sich womöglich eines Tages mit grenzenlosen Möglichkeiten ausgestattet und muss achtsam der Versuchung widerstehen, in die Hemmungslosigkeit zu verfallen. Beispiele dafür finden sich reichlich in den verschiedensten Systemen und Kulturen und endeten entweder im Untergang der Organisation oder des Systems oder in einer von extern initiierten ‚Regulierung‘.

Auf den Mikrokosmos bezogen kann die individuell empfundene Freiheit zu einer Form der Selbstausbeutung mutieren – sei es, dass dem Körper Stoffe zugeführt werden, um dessen Leistungsreserven völlig auszuschöpfen, oder dass ihm die für ihn erforderliche Ruhe entzogen wird. Zeigen sich aufgrund dieses Verhaltens entsprechende Symptome, muss zum Teil ebenso energisch interveniert werden wie es sich analog im Makrokosmos der Ökonomie dann zeigt, wenn Organisationen alle zwar legalen, in ihrer konsequenten Anwendung jedoch systemschädigenden Möglichkeiten ausnutzen.

Welchen Grad diese Formen der Überdehnung des Wertes ‚Freiheit‘ eingenommen haben, zeigt sich in der Summe der offenkundig erforderlichen ‚Erinnerungen an die Verantwortung‘ wie sie von psychologischer und medizinischer Seite tagtäglich Tausenden von Menschen vermittelt werden, der unzähligen politischen Neuregelungen bei Überschreiten gesellschaftlich akzeptabler Grenzen durch Unternehmen, der Anzahl der Gerichtsverfahren aufgrund ethisch fragwürdigen Verhaltens bis hin zu einem nicht zu überhörendem Hilferuf flüchtender Menschen, deren Lebensumstände in gewissem Maße und mit langem zeitlichen Verzug ein zügelloses Verhalten früherer und gegenwärtiger Generationen widerspiegeln, die mit unzureichender Weitsicht die ihnen verfügbaren Freiheiten ausnutzten.

Frei zur Verantwortung zu sein, deutet auf ein hohes Gut moderner wie intelligenter Systeme hin. Ein solches System sucht nach Wegen, die eigene Existenz zu sichern, innovative Potenziale auszuschöpfen und dabei alle anderen Systeme nicht zu schädigen. Wer ein solches System führt, hat kein Problem damit, sich sichtbar zu machen, hinsichtlich seiner Entscheidungen und Handlungen transparent zu sein und hinsichtlich seiner Verbindungen zu anderen Systenem gleiche Ansprüche geltend zu machen. Anonymität, undurchsichtige Strukturen oder Versuche, Verantwortung von handelnden Personen zu entkoppeln und den Ausgleich realer negativer Wirkungen von Verantwortungslosigkeiten über externe Instanzen aushandeln zu lassen, zeigen im Kern eine fundamentale Schwäche des jeweiligen Systems an. Diese Schwächen werden versucht mit Formen des Machtstrebens zu kaschieren anstatt in konsequenter Weise die Sinnhaftigkeit des bisherigen Vorgehens, des Lebens- oder Geschäftsmodells, der internen und externen Beziehungen, der Güte von Produkten und Dienstleistungen zu überprüfen. Dauerhaft sind diese Versuche jedoch nicht erfolgversprechend.

Es lohnt zu schauen, ob Menschen, die nachweislich ihrer Verantwortung gerecht werden, ein weiterer Zugang zu Freiheiten zu ermöglichen ist, um die Chance zu ergreifen, dass sich deren Grundhaltung auch auf andere Personen überträgt. Ebenso gilt es zu prüfen, ob Menschen mit einem bedeutenden Maß an Freiheit eine mit ihr verbundene adäquate Verantwortung in ihrem Handeln zeigen. Aus beiden Perspektiven ergibt sich, dass das individuelle ‚Konto‘ von Freiheit und Verantwortung nie völlig balanciert sein kann. Will eine Person Verantwortung übernehmen, so bedingt dies ein hinreichend großes Maß an Freiheit, will sie Freiheit beanspruchen, bedingt dies einen hinreichenden Grad an Verantwortung. Treten beide in einen jeweiligen Diskurs miteinander ein, so können wir dies mit dem Begriff ‚Kontrolle‘ beschreiben. Kontrolle, in seiner französischen Wortherkunft verstanden als contre ‚gegen‘ und rôle ‚Rolle‘, ‚Register‘, was zusammen ein „Gegenregister zur Nachprüfung von Angaben eines Originalregisters“ meint und in unserem Kontext symbolisch als ein Vieraugenprinzip zwischen Freiheit und Verantwortung angesehen werden kann.

Dass das Konto ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ deutlich unausgeglichen sein kann, zeigt sich für uns oft im Krisenkontext. Die Freiheitsgrade zum einen stark begrenzt, hat der Mensch doch stets dieses Maß an Freiheit, sich so [verantwortungsstark] oder so [verantwortungsgeschwächt den gegebenen Bedingungen zu stellen. Im verantwortungsgeschwächten Modus ‚gibt er sich ab‘, empfindet Formen von ‚-losigkeiten‘ oder nimmt für einen Teil seines Lebens seine ‚Unterschrift‘ zurück [re-signare]. Im verantwortungsstarken Modus folgt er Frankls Gedanken, ‚dass man sich von sich selbst ja auch nicht alles gefallen lassen muss‘. Im ersten Fall treffen wir unsere Patienten in der Logotherapie, im zweiten unsere Klienten im Logocoaching.

Neue Praxisräume

Geschafft. Nun haben wir den Umzug unserer Praxis für Logotherapie, Schematherapie und Krisenberatung nach Augsburg hinter uns. Wir begrüßen hier unsere Klienten und Patienten in einem denkmalgeschützten Haus aus dem 18. Jahrhundert mit knarzenden Holzböden und gekalkten Wänden in der ersten Etage auf Augsburgs bekanntester Hauptstraße.


Blick von unserem Therapieraum und der KrisenPraxis in den Raum für Beratung, Mediation und Krisenprävention.

 

 

 

 

Blick vom Therapieraum ins Erkerzimmer-Büro mit großer Fachbibliothek.

Vorbeugende Krisenintervention

Wenn vor dreißig Jahren von ‚Krisenintervention‘ gesprochen wurde, so verstand man sie zumeist als präventives Vorgehen. Erich Lindemann, einer der Protagonisten im Kontext der Krisentheorie, war daran gelegen, ein Modell zum Verständnis von psychischen Störungen zu entwickeln, um bereits erste Anzeichen psychischer Erkrankungen erkennen und behandeln zu können. In seiner Arbeit suchte er dazu nach Ereignissen, die belastende Veränderungen in sozialen Beziehungsräumen bewirkten und über diese psychische Störungen bei Menschen verursachten. Als Forschungsraum wählte er Gemeinden, in denen Krisenereignisse stattfanden [heute würde man dabei zum Beispiel an Amok-Taten an Schulen, lange Zeit nicht wahrgenommene Schwerstverbrechen von Bürgern an Mitbürgern oder regional eng stattfindende Naturkatastrophen denken].

Als Krisenintervention wurde nun die Aufgabe von Gemeinden verstanden, langfristig Ressourcen zu entwickeln, um mit Krisenereignissen kollektiv angemessen umgehen zu können. Dabei wurde darauf Wert gelegt, dass die Maßnahmen von Laien erbracht werden konnten, psychologische Dienste oder – heute würde man sie wohl Kriseninterventionsteams nennen – nicht zwingend erforderlich waren. Die Idee der Krisenintervention orientierte sich an den seinerzeit gängigen Lebenskrisenkonzepten [z.B. von Erik Erikson] und an den Kriterien, die damals das auszeichneten, was ‚gesunde Persönlichkeit‘ genannt werden konnte. Im Fokus stand, im Krisenfall auf kurzfristige Hilfen, engmaschige Betreuung von Einzelnen, Gruppen und Familien, die Konzentration auf das aktuelle Geschehen, den Erhalt des Informationsflusses und die Vermittlung von Hoffnung zu setzen. Die Menschen sollten über eine solche Struktur ermutigt werden, sich im Krisenfall gemeinschaftlicher Hilfe zu bedienen.

In unserer heutigen Gesellschaft zeigt sich im Krisenfall eine Mischung aus menschlicher Solidarität, Spendenbereitschaft und Arbeitshilfe – man darf also darauf hoffen, in den ersten Stunden und Tagen nicht allein gelassen zu sein. Eine längere stabile Unterstützung jedoch ist aufgrund der individuellen Lebensweltbezüge von Menschen nicht zu erwarten, ab einem gewissen Zeitpunkt setzt die Gemeinschaft eher auf das Einspringen des Sozialstaats oder professioneller Hilfen, die dazu beitragen, vitale Gefährdungen aufzufangen, Notfallsituationen zu entspannen und
psychiatrisch-stationäre Versorgung zu vermeiden.

Für die kollektive Krisenprävention, sei es in Unternehmen, Schulen, Gemeinden ist über die Zeit ein breites Spektrum an Programmen und Dienstleistungen entstanden. Jedoch, die individuelle Krisenprävention, also die Ausrichtung auf die persönlichen, nicht auszuschließenden schweren Belastungsereignisse in der vorausliegenden Lebensphase, blieb bislang konzeptionell ein unbeschriebenes Blatt. Mit unserem Angebot Life2Me® wird diese Lücke geschlossen und kann von jedermann/-frau genutzt werden.

Neue Praxisräume

Die KrisenPraxis legt eine Einzugspause ein.

Unsere Privatpraxis für wertebasierte Psychotherapie, Logotherapie und Schematherapie mit ihren Schwerpunkten Therapie – Krisenberatung – Krisenprävention – Life2Me®-Coaching bekommt eine zweite Adresse. Auf der Maximilianstraße in Augsburg ziehen wir im April ein. Die Vorbereitungen
und das, was jeder kennt, wenn Möbelwagen vor der Türe stehen, erfordern unsere Aufmerksamkeit.

Die KrisenPraxis meldet sich daher wieder in der Woche nach Ostern.
Bis dahin wünschen wir Ihnen eine krisenbefreite Zeit.

 

Krisen als Reifeprüfung

Ulrich Weber, Vorstand Personal der Deutschen Bahn AG, schrieb jüngst in einem Xing-Forum:

Jeder kennt die Situation aus eigenem Erleben in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz: Plötzlich passiert etwas, das alles auf den Kopf stellt – eine Krise wirbelt die Familie oder die Firma durcheinander. Wie geht es weiter? Was gelten die Absprachen, die Gewissheiten, die Routinen und Strukturen von gestern? Im ersten Moment wird die Krise als Schock erlebt. Wie nachhaltig die Erschütterung aber ist, hängt weniger davon ab, wie schwer die Krise ist; entscheidend ist vielmehr, wieviel Stärke die jeweilige Gruppe hat und wie autonom sie ein mögliches „Führungsvakuum“ füllen kann. […] Die Reifeprüfung einer Organisation ist die Situation, in der eine solche Führungspersönlichkeit und Identifikationsfigur plötzlich ausfällt [Anm.: Weber schreibt hier anläßlich des Weggangs des Vorstandsvorsitzenden Grube]. Dann zeigt sich, wie stark die Grundorientierung und die gemeinsamen Werte in der Mannschaft verankert sind oder wie sehr im Gegenzug das Handeln noch transaktional einzig auf eine Führungsfigur ausgerichtet war. Eine reife und selbstbewusste, aus sich selbst heraus fortwährend sich weiterentwickelnde Organisation erträgt ein vorübergehendes „Vakuum“, sie bleibt handlungs- und entscheidungsfähig.

Wir übersetzen das einmal auf die individuelle Krise:

Plötzlich passiert etwas, das alles auf den Kopf stellt – eine Krise wirbelt einen Menschen durcheinander. Wie geht es weiter? Was gelten die Ziele, der Besitz, die Routinen und Strukturen von gestern? Im ersten Moment wird die Krise als Schock erlebt. Wie nachhaltig die Erschütterung aber ist, hängt weniger davon ab, wie schwer die Krise ist; entscheidend ist vielmehr, wieviel Stärke die jeweilige Person hat und wie autonom sie ein mögliches ‚existenzielles Vakuum‘ [Frankl] füllen kann. Die Reifeprüfung einer Person ist eine Krise, trotz der sich die Person nicht verfehlt. Dann zeigt sich, wie stark ihre Werte verankert sind und wie sehr die eigene Handungsorientierung erhalten bleibt. Eine reife und selbstbewusste, aus sich selbst heraus fortwährend sich weiterentwickelnde Person erträgt ein vorübergehendes ‚Vakuum‘, sie bleibt handlungs- und entscheidungsfähig.