Hervorgehobener Artikel

FÜR IHR RECHT AUF EIN GELINGENDES LEBEN: KRISENPRAXIS
Seit Januar 2014 leisten wir mit unseren Impulsen und Anregungen einen Beitrag zur Entwicklung und zum Ausbau individueller Krisenkompetenz. Dabei stützen wir uns immer wieder auf die Sinntheorie des Wiener Psychologen und Menschenfreunds Professor Viktor E. Frankl. Die KrisenPraxis wird unseren Leserinnen und Lesern kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Ob zwei Elefanten sich streiten oder lieben –
das Resultat für den Rasen darunter ist das gleiche.

Indisches Sprichwort

Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter.
Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soIl, dann helfen wir ihm dazu, das zu werden, was er werden kann.

Viktor Frankl

Rezension: Krisencoaching

b11Lebenskrisen können eine heilsame Wirkung haben. Sie können aber auch in ihrer zerstörerischen Wucht das Ende bedeuten. Ob Krankheit, das Ende einer Beziehung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder das Sterben eines geliebten Menschen. Die Dynamik der Krise erfasst den ganzen Menschen mit seinem Geist, seiner Psyche und dem Körper. Um solche Krisen systematisch anzugehen und sie zu einem guten und befriedigenden Punkt zu führen, ist eine professionelle Vorgehensweise sinnvoll. Der vorliegende Band bietet eine kompetente Fundgrube für eine systematische Herangehensweise, ein professionelles Krisencoaching, das nicht in die Abgründe des Unheils führt, sondern den Fokus auf die Ressourcen richtet. Neben fundierten Einblicken in die Krisentheorie ist besonders die heilende und gesundheitsfördernde Ausrichtung des vorgestellten Ansatzes zu erwähnen. Sehr hilfreich sind dabei die beispielhaften Beschreibungen konkreter Fälle. Das Buch ist mehr als eines der üblichen Ratgeber. Es macht Mut!

Arthur Thömmes, lehrerbibliothek.de

Affekt & Co.

Bald weihnachtet es sehr. Das Fest der Liebe kann dabei bereits am Schlüsselloch den ersten Kratzer erfahren – wenn das Kind sich so sehr diesen einen und nur den einen Teddy gewünscht hat und es nun beim neugierigen Blick einen anderen unterm Baum erspäht. Mit diesem kleinen Szenario sollen vier weithin synonym verwendete Begriffe vorgestellt werden.

Der Affekt

Ein Affekt bezeichnet eine subjektive, positiv oder negativ empfundene Empfindung. Im Szenario nimmt das Kind den ‚falschen‘ Teddy wahr. Dieses Objekt wird negativ bewertet und als solches auch negativ empfunden. Ein Affekt kann einen Zustands- oder einen Eigenschaftscharakter kennzeichnen. Das Kind empfindet im Moment der Wahrnehmung des ‚falschen‘ Teddys einen Zustand [ohne dass hier schon klar wäre, welcher]. Angenommen, das Kind würde sich beim Anblick im Spiegel immer wieder negativ selbst beurteilen [ich bin nicht in Ordnung, weil ich solche Segelohren habe], dann bekäme der Affekt die Form einer konstanten Eigenschaft.

Aus einem Affekt können in weiterer Verfeinerung Emotionen und Stimmungen differenziert werden. Beide Begriffe unterscheidet die sogenannte Salienz. Mit Salienz wird ein Reiz beschrieben [hier der wahrgenommene Teddy], der aus seinem Gesamtkontext [hier: Weihnachten, Feier, Mama und Papa, Geschenk, Baum, …] herausgehoben wird, um ihn im Bewusstsein leichter zu verarbeiten [im Beispiel ist die ‚leichtere‘ Verarbeitung damit zu begründen, dass das Kind einen ‚Soll-Teddy‘ als Vorgabe gedacht hat und es nun leicht erkennt, dass der ‚Ist-Teddy‘ deutlich vom Soll abweicht]. Der Teddy unterm Baum ist somit ein salienter Reiz, ausgehend vom bewerteten Objekt. Aus einem salienten Reiz resultiert nun eine Emotion [Ärger, Wut, Trauer, …].
Angenommen, das Kind hätte keinen ‚Soll-Teddy‘ vor Augen und weiter angenommen, das Kind nimmt den ganzen Kontext [Weihnachten, Feier, Mama und Papa, …. Teddy] wahr, dann geht vom Teddy ein nicht-salienter Reiz aus, der einen unbewussten Beitrag zu einer guten oder schlechten Gesamtstimmung leistet.

Die Emotion

Eine Emotion ist demnach ein Affekt gegenüber einem bewerteten Objekt. Bewertung setzt dabei einen Maßstab [Soll-Teddy] voraus. Eine negative Abweichung führt dann zum Beispiel zur Wut auf oder den Ärger über den Ist-Teddy. Den Affekt regulieren zu lernen würde für das Kind zum Beispiel bedeuten, beim nächsten Mal erneut zwar einen Ist-Teddy zu bewerten, dieser Bewertung gegenüber nun aber einen anderen, positiveren Maßstab anzulegen.

Die Stimmung

Eine Stimmung ist eine affektive Empfindung ohne Objekt-Bezug. Im Gegensatz zu einer Emotion. ist sie schwächer, dafür aber länger andauernd. Aus einer Emotion [z.B. Ärger] kann eine Stimmung [zum Beispiel ’schlechte Laune‘] folgen. Das bei der Emotion konkret bewertete Objekt fließt dabei ein in eine diffusere Gesamtsituation, oder anders gesagt: Die Salienz verliert sich, der Affekt bleibt jedoch bestehen.

Das Gefühl

Während Affekte, Emotionen und Stimmungen im Kontext bewusster und gegenwärtiger Empfindungen stehen, wird bei einem ‚Gefühl‘ ein Gedächtnisinhalt abgerufen. Ab Beginn des Lebens bis zur Gegenwart werden Gefühle als eine Art Adresse verarbeiteter, subjektiver Empfindungen aller Art abgespeichert. Werden Gefühle reaktiviert, dann treten sie als Information entweder körperlich, affektiv oder kognitiv wieder in Erscheinung. Das Gefühl, hungrig, erschöpft, vital, besorgt …. zu sein, setzt also voraus, dass im Lebensverlauf bereits Empfindungen verarbeitet wurden, die zu diesem Gedächtnisinhalt geführt haben.

Special: Krise

Eine Krise hat als sie besonders kennzeichnendes Merkmal den ‚Selbstzweifel‘. Diesem Empfinden steht demnach noch kein Gefühl zur Seite. Die Situation ist neu, ungewohnt, ruft auf zur Improvisation, weil es kein passendes Set an Gedanken, Verhalten, Kommunikationen usw. gibt.
Viktor Frankl benennt mit der Sinnleere, dem existenziellen Vakuum, ein solches Krisen-Empfinden. Die Lösung aus dem Zweifel des Selbst liegt darin, dass der Mensch lernt, worauf sich sein Selbst gründet. Dieser Ur-Grund ist das Wertesystem der Person. Hat sich der Mensch das eigene Wertesystem erarbeitet [dies ist meist erforderlich, da Menschen ihre eigenen Werte oft nicht bewusst sind], dann gibt es keinen Grund mehr für einen Zweifel an sich selbst. Die Folge ist, dass ein Mensch zwar eine Situation als Umbruch, Ende, Wendung o.ä. empfindet und damit auch Emotionen und Affekte verbunden sind und sein dürfen. Jedoch : Der Umgang mit einer solchen Situation erfolgt auf der Basis geklärter Werte zweifelsfreier und gesünder. Mit anderen Worten: Krise muss nicht sein.

ErMUTigende Fragen

Ergänzen Sie einmal die Fragen so, wie sie für Sie derzeit stimmen würden, wenn Sie Ihnen von einer Person gestellt würden:

Wie haben Sie soviel Mut aufgebracht, ….

Was hat Ihnen die Kraft gegeben, …

Wie haben Sie es geschafft, trotz allem ….

Wie konnte es Ihnen gelingen, ….

Und welche Antworten könnten Sie sich auf diese Fragen geben?

Fragen Sie diese Fragen doch einmal eine Kollegin, einen Freund, ein Kind, die Nachbarin …. und achten Sie auf die Form der Antwort. Sie werden staunen.

Ein kleiner Tipp für ein gutes Partnergespräch am Abend.
Stellen Sie ihm/ihr doch einmal diese Fragen:

Was bewegt Dich jetzt am meisten ?
Mit welchen Gefühlen bist Du gerade hier?
Was ist im Augenblick am schwierigsten für Dich?
Gibt es etwas, was Du Dir von mir wünscht?

Sie werden durch diese Fragen viel erfahren.

Wie verstehen Sie ‚Reife‘?

Carl Friderich von Weizsäcker: „Es gibt keine Reifung ohne Krisen, weder im Leben eines Individuums noch im Leben einer Kultur.“

Lexikon der Biologie: Reifung kann als Entwicklungsminimalprogramm verstanden werden, das selbst dann abläuft, wenn die Lebensbedingungen einen Erfahrungserwerb erschweren oder unmöglich machen.

Ein Erwachsener hat dann eine Reife, wenn er jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die ihn befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen.

Posttraumatische Reifung: „Positive psychologische Veränderungen, die von Betroffenen als Ergebnis oder Folge des Bewältigungsprozesses von extrem belastenden Lebensereignissen berichtet werden.“ [Tedeschi und Calhoun]

Menschen reifen dadurch, dass sie Krisen erleben – Sätze wie diese lehnen wir kategorisch ab. Wir halten es für unmenschlich, Reifung von Krisen abhängig zu machen. Im Gegenteil: Wir kennen Menschen, die als reife Persönlichkeit auftreten, in ihrem Leben jedoch nach eigenem Bekunden keine Krise erlebt haben. Und wir kennen Menschen, bei denen wir nach ihren Krisen einen anderen Reifegrad erwartet hätten. Persönliche Reifung gelingt durch Prävention. Sie ermöglicht Souveränität im ernsten Lebensereignis.“ [Ralph Schlieper-Damrich, KrisenPraxis]

…. und Sie: Wie verstehen Sie Reife?

Bandura’s Selbst und Frankl’s Sinn

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung ist ein zentraler Bestandteil der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura. Es beschreibt die Überzeugung einer Person, über ihre individuellen Kompetenzen Einfluss auf ihre Handlungen und darüber wieder zum Beispiel auf ihre gesundheitliche Verfassung ausüben zu können.

Wenn ein Mensch Erfahrungen mit seiner Umwelt macht, so liegen diesen kognitive Prozesse zugrunde, aus denen sich letztlich neue Verhaltensweisen ergeben können. Sieht sich ein Mensch in der Lage, neuen Situationen wirkungsvoll entgegentreten zu können, so zeigt sich dies in seiner Fähigkeit, sich selbst bewerten, verstärken und gezielt regulieren zu können [und umgelehrt].

Drei Arten von Kognitionen sind in diesem Kontext voneinander zu unterscheiden:

  • Die Person hat allgemeine Erwartungen darüber, welchen Ausgang eine Situation nehmen wird.
  • Die Person hat Überzeugungen, dass es Handlungen gibt, durch die sie eine bestimmte Situation beeinflussen, eine Gefahr bewältigen bzw. ein Problem lösen kann.
  • Die Person hat die starke Überzeugung, das sie selbst in der Lage ist, eine solche Handlung durchzuführen.

Bandura sieht in der Selbstwirksamkeitserwartung einen wesentlichen Beitrag für eine mögliche Verhaltensänderung, zum Beispiel, dass sie durch eine zur Selbstberuhigung geeignetes Verhalten in der Lage ist, eine Krisensituation zu bewältigen. [Frankl’s Sinntheorie würde dies um die Perspektive erweitern, dass ein Mensch der um ein Wofür im Leben weiß, ein solches Verhalten eher zu zeigen in der Lage ist als ein Mensch, der an seinem Sinn im Leben zweifelt.]

Ist Banduras Theorie die Grundlage therapeutischer Interventionen, dann ist deren Ziel, dass Patienten sich in bestimmten SItuationen als nicht mehr hilflos ausgeliefert empfinden, Dabei geht es nicht um reale Fähigkeiten oder Fertigkeiten der Person, sondern darum, ob sie daran glaubt, den Anforderungen gewachsen zu sein. Im Fokus steht also die subjektive Verfügbarkeit von Bewältigungshandlungen, die nicht objektiv gegebenen Handlungsressourcen entsprechen müssen. [Frankl’s Sinntheorie setzt hingegen an dem per se gegebenen, konkreten Sinn im Leben an, der sich durch Verwirklichung von konkreten und bewusst gemachten Werten findet.]

Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung und einer aus ihr resultierenden Selbstmotivation, sind eher in der Lage, neue Verhaltensweisen anzunehmen, sie einzuüben und über längere Zeit auch aufrechtzuerhalten. [Wir vermuten entlang der Argumentation Frankls, dass ein Mensch seine Selbstwirksamkeit auf einem hohen Niveau entfaltet, wenn er um den Sinn in seinem Leben weiß. Ist sein Sinn- und Wertebewusstsein nicht gegeben, dann leidet darunter entsprechend die intrinsische Selbstwirksamkeitserwartung und die Person wird abhängig von den Ermutigungen und Zuschreibungen von außen.]

 

Die bezeugte Angst

Gibt es ein Angst-Gedächtnis? [Wortherkunft ‚Gedächtnis‘: seit dem 9. Jahrhundert meint der Begriff ‚bezeugt‘. Hier können wir also sagen: Der Mensch bezeugt ein Erlebnis, in dem eine unbewusste Angst eingebunden ist.]

Als ‚unbewusstes Angstgedächtnis‘ des Menschen verstehen wir eine psychische Instanz, die unabhängig ist vom expliziten Gedächtnis, das Ereignisse, Situationen und Fakten speichert.

Der Genfer Arzt und Psychologe Edouard Claparède (1873-1940) behandelte eine Frau, die unter Amnesie litt. Personen oder Situationen war die Patientin nicht in der Lage zu erinnern. Auch ihr Arzt, Dr. Claparède, musste ihr stets aufs Neue sagen, wer er war. Als er während einer Visite eine Heftzwecke in seiner Hand versteckt hielt und damit seine Patienten begrüßte, erschrak diese unter deutlichem Schmerz.

EInige Tage später, verweigerte die Frau den Handschlag, ohne ihren Arzt jedoch zu erkennen. Einen Grund für ihre Angst konnte sie nicht nennen, dennoch ‚bezeugte‘ sie sie mit ihrem Verhalten. Für Claparède war klar: es muss ein zweites Gedächtnis geben, ein Angstgedächtnis.

Wissenschaftliche Untersuchungen und Studien hinsichtlich der neuronalen Verortung und medikamentösen und therapeutischen Arbeit an Ängsten gibt es seither zuhauf und eine wirkungsvolle Behandlung von Angsterkrankungen ist heute eher möglich als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Als eine präventive Methode zum Umgang mit Ängsten bietet sich die aktive Bewusstmachung von Situationen an, die im Leben Angst um Werteverlust erzeugt haben. Beispiel: Wurde man als Kind einmal eingesperrt und erlebte diese Situation als Angst auslösend, so kann man bei der Frage: Welchen Wert fühle ich heute, dass ich ihn in jener Situation nicht mehr verwirklichen konnte, vielleicht den Wert ‚Freiheit‘ nennen oder den Wert ‚Initiative‘ oder den Wert ‚Ruhe‘. Oder, wenn man vielleicht irgendwann einmal an einem Lebensmittel zu ersticken drohte, so kann dieses Erleben heute mit der Bedrohung eines Verlustes des Wertes ‚Kontrolle‘ oder des Wertes ‚Vertrauen‘ oder des Wertes ‚Sicherheit‘  in Verbindung gebracht werden.

In einer präventiven wertebasierten Angstanalyse schreiben sich unsere Patienten nach einer entsprechenden Vorbereitung eine mit Angst verbundene, erlebte Situation ‚zeugenhaft‘ in kurzen, sachlichen Sätzen auf. Dann reflektieren sie den mit dieser Situation verbundenen angenommenen Werteverlust. Dieser Wert wird im nächsten Schritt umfassend biografisch gewürdigt. Ist dies geschehen, wird mit der Person das mit dem Wert verbundene Gefühl geklärt und dessen Relevanz für das vor der Person liegende Leben erörtert. Mithilfe positiver Imaginationen wird das Wertegefühl in den Kontext der aktuellen Lebensphase gestellt, in der sich die Person befindet. Die angestrebte Wirkung besteht darin, dass die Person den einst bedroht erlebten Werteverlust gegen ein revitalisiertes Wertegefühl tauscht und – in einer Analogie zu Frankl – der Patient sich sagen kann: ‚Ich muss mir von meiner Angst doch nicht alles gefallen lassen.‘